Die Utopie des reinen Glücks

Dieter Richter im Interview: Die Utopie des reinen Glücks – brand eins online
Die Utopie des reinen Glücks – Im Süden liegt das Paradies – die Hölle aber auch. Ein Gespräch mit dem Literaturhistoriker Dieter Richter über die Hassliebe des Nordeuropäers zu einem alten Sehnsuchtsort.
brand eins: Herr Richter, wenn ein Reiseveranstalter mit der Aufforderung „Ab in den Süden“ wirbt, dann ist das wohl mehr als nur eine Himmelsrichtung?
Dieter Richter: Der Süden ist beides – eine geografische Richtung, auf der Landkarte unten, und eine Idee, ein Ort der Sehnsucht, des Traums, aber auch der lauernden Enttäuschung. Die Elemente dieser Traumlandschaft haben viel mit europäischer Kulturgeschichte zu tun. Die drei wichtigsten Pilgerziele im Mittelalter waren Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela; alle drei liegen im Süden. Diese Pilgerreisen waren organisierte Gruppenreisen.
Schon im 14. Jahrhundert entstand in Rom dafür eine touristische Infrastruktur. Im 17. Jahrhundert setzte die Grand Tour wohlhabender Engländer und anderer Nordeuropäer diese Reisebewegung fort. Seit dem Mittelalter hat sich auf diese Weise eine Reiseachse von Nord- nach Südeuropa herausgebildet. In der Renaissance lagen die führenden Universitäten in Italien. Wer etwas auf sich hielt, reiste dorthin.
Geht es bei diesem Traum nur um Kulturgeschichte oder auch um angenehme Temperaturen?
Das Wetter spielte für den Sehnsuchtsort Süden eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle. Zuvor war die Hauptreisezeit nach Italien lange der Winter gewesen. In historischen Baedeker-Ausgaben sieht man, dass die Hotelzimmer im Sommer billiger waren, heute ist es umgekehrt. Das Schönheitsideal der gebräunten Haut war vor einem Jahrhundert nur für wenige Künstler, Nudisten, Bohemiens erstrebenswert. Braune Haut galt als Zeichen körperlicher Arbeit im Freien, als proletarisch und nicht besonders attraktiv.
Dass Reisende den Süden im Sommer gemieden haben, hängt auch mit dem Res- pekt vor der Gewalt der Sonne zusammen, der heute verloren gegangen ist. Die deutsche Anbetung der südlichen Sonne ist also historisch relativ neu. Sehr viel früher gab es allerdings schon einmal Fantasien eines sinnlichen, von Zwängen befreiten Südens.
Haben Sie Beispiele?
In seinen naturwissenschaftlichen Betrachtungen schrieb der römische Historiker Plinius um 77 nach Christus, dass im afrikanischen Süden die Menschen und andere Lebewesen sexuell besonders aktiv seien und sich nicht nur so oft wie möglich mit ihresgleichen paarten, sondern „entweder durch Gewalt oder aus Wolllust“ auch mit anderen Arten.
Im 16. Jahrhundert, also im Zeitalter der überseeischen Entdeckungen, wurde die Vorstellung südlicher Liebesinseln zum literarischen Motiv. Bei Ariost landet ein christlicher Ritter auf solch einer Insel, die Frauen sind nur leicht bekleidet und wollen den Fremden verführen. Natürlich muss er als guter christlicher Europäer der Versuchung widerstehen. Bei Torquato Tasso, ebenfalls im 16. Jahrhundert, erreichen zwei Ritter auf ihrem Schiff eine Lust-Insel vor der Küste Nordafrikas: Es herrscht ewiger Frühling, die Blumen duften, die Vögel singen, die Tafel ist üppig gedeckt, nackte Mädchen laden die beiden Ritter ein, ein Garten heidnischer Erotik. Die christlichen Ritter fliehen vor dem teuflischen Zauber.
Zum Süden gehört seit alters die Konnotation des libertär Erotischen, sei es als Sehnsucht, sei es als Warnung vor Unmoral. Im 20. Jahrhundert wurde die Insel Capri zu solch einem utopischen Ort.
Inwiefern?
Um 1900 galt Capri als Mekka der Homosexuellen aus dem Norden. In Neapel bestaunte man im Archäologischen Nationalmuseum die Knaben- und Jünglingsfiguren, am Golf die halb nackten Fischer. Inseln sind eigene Orte, auf denen andere Dinge als auf dem Festland möglich sind.
Capri war die Liebesinsel, aber auch die Insel des Umsturzes, auf der führende Bolschewisten die Revolution in Russland vorbereiteten. Um die Jahrhundertwende propagierte hier der Rohkost-Apostel und Nudist Karl Wilhelm Diefenbach die freie Liebe und den Vegetarismus. In den Zwanzigerjahren entdeckten Intellektuelle wie Walter Benjamin oder Ernst Bloch auf Capri eine vormoderne, archaische Gesellschaft, das Gegenbild zur kapitalistischen Moderne. In den Dreißigerjahren wurde Capri zum Zufluchtsort jüdischer Emigranten. Die Insel war für ihre Besucher immer wieder Experimentierort einer neuen Welt.
Ist das mehr als eine Projektion?
Der Süden ist auch ein Ort der realen Erfahrung. Die Dialektik von Sehnsucht und Abwehr durchzieht das Verhältnis zum imaginierten und realen Süden. In der Antike war man davon überzeugt, dass in der Hitze des Äquators keine Menschen leben könnten. Deshalb waren die portugiesischen Seefahrer im 15. Jahrhundert sehr überrascht, als sie am Äquator grüne, fruchtbare Landschaften vorfanden. Die Menschen, die dort lebten, hatte man ursprünglich für von der Sonne schwarz gebrannte Teufel gehalten.
Lange herrschte die biblische Vorstellung von den drei menschlichen Rassen als den Söhnen Noahs. Die beiden wohlgeratenen Söhne und ihre Nachkommen besiedeln Asien und Europa, die Nachkommen des dritten Sohnes, des bösen, verruchten Ham, besiedeln Afrika. Das waren diffamierende, rassistische, auch angstbesetzte Bilder. Später wurden sie ambivalenter.
Als man in Europa den Osten noch nicht kannte, vermutete man dort, wo die Sonne aufgeht, das irdische Paradies. Als man die Region besser kennenlernte und mit ihr Handel trieb, verschoben sich europäische Paradies-Vorstellungen in den unbekannten Süden. Noch im heutigen Bild des Strandes als Inbegriff populärer Glücksvorstellungen reproduzieren sich solche Bilder eines südlichen Paradieses.
Wie das?
Der Strand erscheint als ein Ort frei von den Konventionen des gesellschaftlichen Lebens und seinen Hierarchien, alle können sich gleich fühlen (obwohl sie es keineswegs sind), verbunden in schöner (oder weniger schöner) Quasi-Nacktheit, ohne den Zwang zur Arbeit, nur dem Ziel des Genießens hingegeben. Auch die Trennung der Generationen scheint aufgehoben, Erwachsene spielen im Sand wie die Kinder, es scheint die Utopie des reinen Glücks, der Wiederkehr des Paradieses.
Und im Paradies scheint immer die Sonne?
Zur unzerstörbaren Wunschprojektion der Deutschen gehört der Süden als Ort des jederzeit schönen Wetters. Wie immer bei Projektionen droht die Enttäuschung, weil sich die Wirklichkeit nicht an solche Wunschbilder hält. Auf den Straßen in den Bergen über der Amalfi-Küste, südlich von Neapel, herrscht von Oktober bis März Schneeketten-Pflicht. Auch auf dem Vesuv liegt im Winter nicht selten Schnee. Im Süden kann es im Winter und im Frühjahr empfindlich kalt werden.
Es gibt in den Häusern praktisch keine Heizungen, ich habe niemals so gefroren wie im Süden. Die Idealisierung schlägt dann leicht ins Gegenteil um, gebiert Abwehr, Enttäuschung, gar Feindschaft. Ein ganzes Genre der Reiseliteratur gilt der Warnung vor dem Süden, in Klischees der faulen, betrügerischen, unzuverlässigen, hinterhältigen Italiener reproduzieren sich diese Warnungen immer wieder.
Haben Sie ein Beispiel?
„Italien wie es wirklich ist“, heißt das radikalste dieser Anti-Italien-Bücher, ver- fasst im Jahr 1834 von dem preußischen Assessor Gustav Nicolai. Gegen die „allgemein verbreitete Sucht, in Italien das Wonneland Europas zu finden“ berichtet er von seiner Italienreise: Das Wetter sei fürchterlich, das Essen schlecht, die Straßen seien schmutzig, die Hotelbetten voller Ungeziefer, die Wirte Betrüger und die Bettler unverschämt, das Land sei eine einzige Zumutung. Und schon im 13. Jahrhundert gab es die Klage eines deutschen Rom-Reisenden, die Stadt sei „ein recht verdammtes Loch“, in dem die Schätze der Welt verschwinden. Auch Goethe hat nicht nur die „Italienische Reise“ geschrieben, sondern auch die bitteren „Venezianischen Epigramme“, die kein antiitalienisches Klischee auslassen.
Die deutsche Sehnsucht nach dem italienischen Süden und die gleichzeitige Abwehr dessen haben nicht nur mit Idealisierung oder Ressentiment zu tun, sondern mit realen Erfahrungen.
Mit welchen zum Beispiel?
Was als leichte, lockere Lebensart erscheint, als Möglichkeit, sich freier zu bewegen, als „Großzügigkeit“ und „Spontaneität“ der Italiener, kann leicht ins Gegenteil umschlagen, etwa wenn Touristen berichten, sie seien übervorteilt worden, zum Beispiel wenn die Preise in Geschäften nach Laune und Sympathie, vielleicht auch nach dem Wetter gemacht werden. Die Kultur des Situativen ist für regelorientierte Nordeuropäer gewöhnungsbedürftig.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Wetter und Lebensweise?
Das vermutet man seit der Antike. Aristoteles glaubte, die Menschen im extremen Norden seien dumm, aber kräftig, die im Osten dagegen klug, aber schwach. Ideal für Kultur und Staatsverfassung sei dagegen das Klima in der mittleren, der gemäßigten Klimazone im Mittelmeerraum, also der Klimazone, in der er selbst lebte. Zwei Jahrtausende später, im 18. Jahrhundert, schrieb der französische Aufklärer Montesquieu, die „Völker der heißen Länder“ seien „furchtsam wie die Greise, die der kalten Länder mutig wie die jungen Leute“. Er entwickelte eine kulturanthropologische Klimatheorie und war davon überzeugt, dass „die Herrschaft des Klimas die erste unter allen Herrschaften“ sei.
Sind solche Zuschreibungen mehr als tendenziöse Projektionen?
Die Klimatheorie ist ohne Zweifel anfällig für Rassismus. Auch die Nationalsozialisten propagierten die Überlegenheit des „nordischen“ Menschen. Aber für die Aufklärer war die Klimatheorie im Kern der Versuch, mit Empirie statt wie früher mit religiösen Vorurteilen zu erklären, weshalb die Menschen auf der Erde unterschiedlich sind. Im Zeitalter der Globalisierung sind wir davon überzeugt, dass Klimata irrelevant seien für Kultur und Lebensweise der Bevölkerung. Auch der Begriff der Mentalität ist obsolet geworden. Stattdessen definieren wir Unterschiede fast ausschließlich anhand von Kategorien wie Bildung, Milieu oder Einkommen. Im 18. Jahrhundert war man da sensibler. Johann Gottfried Herder etwa bezog in seine Klimatheorie auch Faktoren wie die Landschaft, die Ernährungsweise, die Art der Arbeit oder den Tagesrhythmus der Menschen ein. Auch diese Lebensumstände prägen die Menschen, und natürlich hat das Folgen für Kultur und Mentalität. Uns ist diese Vorstellung vielleicht auch deshalb fremd geworden, weil wir uns meist in klimatisierten Räumen bewegen.
Ist das in Italien anders?
Im Prinzip nicht, aber mir fällt hier auf, dass, zumindest im ländlichen Süden, ein Wetterphänomen eine große Rolle spielt, das wir im Norden kaum thematisieren: die Winde und ihre unterschiedlichen Charaktere, die nicht nur das Wetter, sondern auch die Stimmung beeinflussen. Die Winde werden hier personifiziert, haben Namen, individuelle Eigenschaften, jeder kennt sie. Es gibt zum Beispiel die scharfe, beißende Tramontana aus dem Norden oder den feuchten, lähmenden Scirocco aus dem Süden, der roten Sand aus der Sahara bringt. Die Himmelsrichtungen werden unmittelbar erfahrbar durch die Winde.
Diese Aufmerksamkeit für die Winde ist Teil der Kultur von Seefahrervölkern. Welche Macht das Klima hat, bemerken wir Mitteleuropäer erst, wenn in Berlin oder Hamburg ein oder zwei Wochen lang Temperaturen von 35 Grad Celsius herrschen. In Italien nimmt die Organisation der Arbeit auf das Klima Rücksicht. Bestimmte Arbeiten kann man in der Mittagshitze nicht verrichten. So entstehen dann die deutschen Vorstellungen von faulen Italienern. Dabei ist die Jahresarbeitszeit in Italien deutlich höher als in Deutschland.
War der mediterrane Süden entgegen der Vermutung, er sei ein Antipode der kapitalistischen Moderne, historisch nicht gerade der Ausgangspunkt der Entwicklung zum modernen Kapitalismus?
Diese Entwicklung begann geografisch in den frühneuzeitlichen Stadtstaaten des nördlichen Italiens, also der Lombardei und der Toskana. Dort entstanden das moderne Bankwesen und die Frühform der modernen bürgerlichen Stadt. Das war nicht der mediterrane Süden, der beginnt geografisch erst südlich von Rom. Dessen historische Blütezeit war 300 Jahre früher, etwa zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert. Süditalien wurde im wirtschaftlichen und kulturellen Austausch mit der islamisch-orientalischen Welt zur Brücken- region, technische Errungenschaften wie der Kompass oder das Papier, Genuss- und Luxusgüter wie Zucker, Kaffee und „Südfrüchte“, aber auch medizinische, philosophische, mathematische Kenntnisse kamen über Süditalien ins nördliche Europa. Das waren Voraussetzungen für den späteren Aufstieg Europas.
Mit dem späten Mittelalter trat dann Süditalien, weitgehend die Mediterranee als Ganzes, in den Schatten der Weltgeschichte. —
Dieter Richter, 79, lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor für Kritische Literaturgeschichte an der Universität Bremen. Er lebt seit Jahrzehnten einen Teil des Jahres in Italien und hat zahlreiche Bücher über die Kulturgeschichte des Landes, insbesondere Neapels und seiner Umgebung, geschrieben. Sein Buch „Der Süden – Geschichte einer Himmelsrichtung“ ist ein Standardwerk. Zuletzt von ihm erschienen sind „Die Insel Capri – Ein Porträt“ und die Taschenbuchausgabe seines Buches „Vesuv – Geschichte eines Berges“ (alle im Wagenbach Verlag). Dieter Richter ist Ehrenbürger der Stadt Amalfi, 2008 wurde ihm der Verdienstorden der Italienischen Republik verliehen.

Was wäre, wenn … wir alle nur noch 20 Stunden arbeiteten? – brand eins online
Text: Christoph Koch (Juli 2018)

• In seinem Essay „Lob des Müßiggangs“ entwarf der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell bereits 1935 eine Welt, in der Menschen nur noch vier Stunden am Tag arbeiten. „Der Weg zu Glück und Wohlfahrt“, so schrieb er, liege „in einer organisierten Arbeitseinschränkung“. Aufgrund der fortschreitenden Technik genüge eine stark verkürzte Arbeitszeit, um jedem ein komfortables Auskommen zu sichern. Die frei werdende Zeit könnten die Menschen hehren Zielen widmen: Forschung, Malerei oder dem Schreiben. „Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung“, so Russell.
Rund 40 Prozent der Berufstätigen wollen weniger arbeiten. Das ergab eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Demnach wünschen sich vor allem Männer, die 40 Stunden und mehr arbeiten, eine Verkürzung – viele von ihnen auch bei geringerem Verdienst. 12 Prozent der Befragten hingegen wollen lieber eine längere Arbeitszeit. Vor allem Frauen, die 20 Stunden oder weniger arbeiten, wollen gern aufstocken.
Eine für alle geltende 20-Stunden-Woche hätte wohl auch positive Auswirkungen auf die Geschlechtergerechtigkeit: Frauen leisten fast doppelt so viel unbezahlte Arbeit im eigenen Haushalt wie Männer. Das ließe sich leichter ändern, wenn die Lohnarbeit zwischen Mann und Frau gerechter verteilt wäre.
Auch die Produktivität könnte steigen: Denn die als Parkinson’sches Gesetz bekannte und meist augenzwinkernd zitierte Regel besagt, dass „jede Arbeit sich genau in dem Maß ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht“. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Harris verbrachte im Jahr 2014 der durchschnittliche US-Angestellte in Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten nur 45 Prozent seiner Arbeitszeit mit seiner eigentlichen Tätigkeit. 55 Prozent der Zeit gingen nach Angaben der Befragten für endlose E-Mail-Ketten und unnötige Meetings drauf.
Dass eine 20-Stunden-Woche effizienter sein könnte, legen auch verschiedene Studien nahe: Wissenschaftler der Florida State University etwa zeigten, dass Spitzensportler und -musiker, Schach- und Schauspieler am besten sind, wenn sie in 90-Minuten-Einheiten mit Pausen dazwischen trainieren – aber insgesamt nicht mehr als viereinhalb Stunden pro Tag. Forscher der Universität Melbourne, die kürzlich die Arbeitsabläufe von 6500 Australiern miteinander verglichen, kamen zu dem Ergebnis, dass Über-40-Jährige ab 25 Wochenstunden an Leistungsfähigkeit einbüßen, da sie dann weniger aufmerksam und kreativ sind. Und ein Vergleich unter OECD-Mitgliedstaaten zeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen kürzeren Arbeitszeiten und höherer Produktivität (gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde) gibt.
Doch zu glauben, jede Arbeit ließe sich genauso gut in weniger Zeit erledigen, ist ebenso unrealistisch wie die Annahme, die 20-Stunden-Woche würde zu doppelt so vielen Beschäftigungsverhältnissen führen. Ökonomen sprechen von der „lump of labour fallacy“, dem Irrglauben einer gegebenen Menge an Arbeit. Denn zum einen ist die Arbeitsmenge nicht konstant. Zum anderen lässt sie sich nicht kostenlos umverteilen. Fixkosten sowie Aufwendungen für Anwerbung und Einarbeitung sorgen dafür, dass zwei Arbeitskräfte, die jeweils 20 Stunden arbeiten, teurer sind als eine, die 40 Stunden arbeitet.
Letztlich kommt es auf die Art der Beschäftigung an: Auf einer Pflegestation beispielsweise, wo eine kontinuierliche Betreuung gewährleistet sein muss, wird für jede Pflegekraft, die nur 20 statt 40 Stunden arbeitet, eine zweite nötig. In Kreativbranchen hingegen, in denen das Ergebnis relevanter ist als die aufgewendete Zeit, ist davon auszugehen, dass zwei 20-Stunden-Stellen dem Unternehmen mehr nutzen als ein 40-Stunden-Posten, selbst wenn die Kosten dafür ein wenig höher liegen.
Außerdem wird die Gesamtmenge an Arbeit in den kommenden Jahren und Jahrzehnten rapide abnehmen. Carsten Brzeski, Chef-Ökonom der Direktbank ING-Diba, schätzt (auf Basis einer Studie des schwedischen Ökonomen Carl Benedikt Frey und des Informatikers Michael Osborne), dass in Deutschland binnen der nächsten zwei Dekaden Maschinen 18,3 von 30,9 Millionen Arbeitsplätzen ersetzen könnten – das sind 59 Prozent. Diese Maschinen zu erfinden, zu konstruieren und zu programmieren wird nicht dieselbe Menge an Arbeit neu schaffen. Nur 5 Prozent aller zwischen 1993 und 2003 neu geschaffenen Stellen entfielen auf Informatik, Software-Entwicklung oder Telekommunikation. Eine flächendeckende Reduzierung der Arbeitszeit könnte ein Weg sein, solch drastischen Veränderungen zu begegnen.
Zum Problem wird jedoch die Entlohnung: Bei einem Experiment in Schweden zeigte sich, dass eine Verkürzung der täglichen Arbeitszeit von acht auf sechs Stunden in einem Seniorenheim zwar zu einer besseren Pflege und weniger Fehlzeiten durch Krankheit führte. Durch den vollen Lohnausgleich stiegen jedoch die Kosten, weshalb der staatliche Träger den Versuch nach zwei Jahren beendete. „In Deutschland ist Arbeitszeitverkürzung in der Vergangenheit immer in Zusammenhang mit Lohnausgleich gedacht worden“, sagt der Volkswirt Niko Paech, der an der Universität Siegen Postwachstumsökonomie, Alternatives Wirtschaften und Nachhaltigkeit lehrt. „Im Fall der schrittweisen Einführung einer 20-Stunden-Woche ist das weder machbar noch nötig. In einer modernen Gesellschaft wäre es möglich, mit 20 Stunden bezahlter Arbeit über die Runden zu kommen – in Verbindung mit ergänzender Selbstversorgung und einem sesshaften Lebensstil.“ Auch der Ökonom Robert Skidelsky und sein Sohn, der Philosophieprofessor Edward Skidelsky, gehen in ihrem Buch „Wie viel ist genug?“ davon aus, dass sich eine Reduzierung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich durch Konsumbeschränkung und Produktivitätssteigerungen dank besserer Technik realisieren lässt.
Eine verringerte Arbeitszeit würde sich auch auf den Verkehr und die Ladenöffnungszeiten auswirken: Da nicht davon auszugehen ist, dass alle Arbeitnehmer ihre 20 Wochenstunden zur gleichen Zeit leisten, dürften sich die Staus zu den klassischen Rushhour-Zeiten deutlich verringern. Einkäufe ließen sich auch tagsüber erledigen, die erweiterten Öffnungszeiten am Abend und an den Wochenenden könnten reduziert werden.
Noch einmal zurück zu Bertrand Russell. Der geht in seinem Essay sogar davon aus, dass eine 20-Stunden-Woche friedensstiftende Wirkung hätte. „Die Lust am Kriegführen wird aussterben“, schrieb er, „(…) weil Krieg für alle lang dauernde, harte Arbeit bedeuten würde.“ —