Schluss mit lustig?

„Fragen Sie Frau Andrea“ von Andrea Maria Dusl aus FALTER 50/18 vom 12.12.2018

Liebe Frau Andrea, ich lebe nun schon längere Zeit als Deutscher in Wien und habe noch immer nicht ganz gerafft, wie man hierzulande „lustig“ sagt. Ich erbitte ernstgemeinte Nachhilfe! Boris Pistulka, nunmehr Wien, per Facebook-Nachricht

Lieber Boris,
ein erster Anfang im Verstehensprozess könnte darin bestehen, „raffen“ durch „schnallen“ oder (etwas wienerischer) durch „gneißen“ zu ersetzen. Widmen wir uns nun der freiwilligen Komik. Sie entsteht, wie die Schönheit, im Auge des Betrachters. Im Laufe der Jahrhunderte hat die gelernte Wienerin (und immer mitgemeint der Wiener) wenig zu lachen gehabt.
Die meisten Angelegenheiten auf dem Gebiet der Zwerchfellstrapaz waren und sind „a Hetz“(vom einst beliebten Schauspiel der Tierhatz),“a Koarl“(vom Lustspieltheater des Carl Bernbrunn vulgo Carl Carl, eher aber vom jiddischen „Kol“,“Qol“, Stimme, Spruch),“a Gschbaß“(ein Spaß) oder „a Gaudee“(eine Gaudi).
Das Lachen selbst firmiert im Wienerischen als „si ohaun“ (sich abhauen),“si ofedsn“ (sich abfetzen) und „si dsawudsln“ (sich zerwutzeln, sich in kleine Partikel auflösen). Leichtere Formen der Erheiterung kennen wir als „khudarn“ (kudern),“khugln“ (kugeln),“khiarn“(kirren, girren) und „khigattsn“ (kichern).
Die angesprochenen Formen sind den ehemaligen Vorstädten und den Arbeiterbezirken vorbehalten und in den Aufmarschgebieten der Döblinger Regimenter, in der Kottäsch (im Cottageviertel) und in Hietzing weniger gebräuchlich. Wenngleich auch dort mitunter gelacht wird, so doch eher im Rahmen des Amüsanten, Komischen, Fidelen und Beschwingten.
Das Lateinische hat sich über Vermittlung bierlüsterner Burschenschaften, von Liederbünden und Verbindungen im studentischen Kneipenlied „Gaudeamus igitur“ (Lasst uns also fröhlich sein!) sedimentiert.
Jüngst hat auch das Englische Althumanistisches implementiert. Aus „hilarious“(vom griechischen hilarós, lateinischen hilaris, hilarus; heiter, ausgelassen) wurde neuerdings „hilariös“. Eine Entwicklung, die ich, schon aus familiären Gründen, ausdrücklich begrüße, hieß doch mein Urgroßvater, der Bruder meiner Urgroßmutter und Kurarzt im Sauerbrunnen Rohitsch: Dr. Ernst Hilarius Fröhlich.

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