European Way of Life von Erwin Seitz

Der American Way of Life ist veraltet. Unsere Zeit verlangt nach europäischer Lebensart: grünes Wachstum statt Konsumismus, Zusammenarbeit statt Wettbewerb, Erzeugermärkte statt Konsumtempel.

Europa entsteht
Lange sprach kaum jemand von Europa. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot benutzte den Begriff Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christus in seinen „Historien“ erstmals geographisch und politisch-kulturell. Östlich des Bosporus war für ihn Asien, wo die Perser der Monarchie huldigten, westlich Europa, wo die Griechen Freiheit und Gleichheit, Wissenschaft und Künste pflegten. Als aller- dings die Bedrohung durch die Perser abgewehrt war, verlor der Europa-Begriff wieder an Brisanz.
Erst als die Einheit der mediterranen Welt während und nach der Völkerwanderung auseinanderbrach und im Osten und Süden zwei neue Machtblöcke entstanden – das Oströmische Reich und das arabisch-muslimische Reich –, erinnerte man sich im Westen und im Norden wieder an den Europa-Begriff. In diesem nordwestlichen Europa entstand das römisch-katholische Frankenreich mit Gallien, Germanien, Nord- und Mittelitalien, eng verbunden mit Britannien. Karl der Große, der fränkische König, wurde in einem anonymen Epos von 799 als „Europas ehrwürdiger Leuchtturm“ gepriesen.
Mehrere Stämme, Nationen und Reiche – die romanisch- germanische Mischkultur des Frankenreiches, Briten, Wikinger, Ungarn und Slawen – waren verbunden über kirchliche Synoden der römisch-katholischen Kirche, in denen die gemeinsame lateinische Sprache der Kleriker vorherrschte, über politische Versammlungen und Heerzüge, Handel und Gewerbe.

Ora et labora
Entscheidende Entwicklungshilfe leisteten die Klöster, die seit der Epoche der Karolinger so gut wie überall im römisch-katholischen Europa den Regeln des Benedikt von Nursia folgten. Nach den unruhigen Zeiten der Völkerwanderung legte Benedikt Wert auf den Begriff der stabilitas loci, der Ortsgebundenheit und Beständigkeit. Nicht der Wandermönch war das Ideal, sondern jener, der in ein Kloster eintritt. Nur durch eine neue Form der Beruhigung und Beständigkeit schien Kultur wieder aufblühen zu können. Wenngleich Benedikt die Muße als vertrödelte Freizeit verachtete, schätzte er die Muße in Form von Gebet, Studium und Meditation, verbunden mit der Arbeit der Hände. Daraus wurde später die berühmte Formel ora et labora, bete und arbeite – ein kluger Rhythmuswechsel. Und eine frühe Form europäischer Lebensart.
In die Benedikts-Regel floss viel von den Weisheitslehren der griechisch-römischen Antike ein. So sollte der Abt des Klosters nicht unumschränkt das Sagen haben, sondern sich von den Mönchen beraten lassen. Die Menschen sollten zuhören, friedvoll zusammenleben, sich gegenseitig unterstützen, pünktlich sein und beständig im Tun, sollten die Ordnung wahren und die Gastfreundschaft pflegen. Diesen Tugenden wohnte bereits, mit Max Weber zu reden, ein „rationaler Trend“ inne, der für Europa wichtig werden sollte. Und diese Tugenden übertrugen sich auf die europäischen Bürger. Man sollte nicht einfach in den Tag hinein leben, sondern überlegt handeln und etwas schaffen. Man sollte genügsam sein und mit Hilfe von Disziplin gewisse Überschüsse erwirtschaften, um Bedürftigen helfen zu können. Das Handwerk wurde aufgewertet.
Die Essensregeln waren nicht allzu streng. Sie nahmen mediterrane Gepflogenheiten auf, ähnlich dem urbanen Stil, den bereits die altägyptische Wandbemalung im Grab des Nacht in Theben-West zeigte. Es wurden bekömmliche leicht verdauliche Dinge empfohlen: Fisch, Geflügel, Gemüse, Obst, ein Pfund Brot pro Tag und ein angemessenes Quantum Wein. Der Traum vom Klosterleben richtete sich nicht nur auf gute Dinge, sondern auch auf geistige Werte. Cassiodor, ein Zeitgenosse Benedikts, schwante, welcher antike Schatz verloren ginge, wenn man nicht neben der christlichen die weltliche Bildung ins Kloster holt. Die Sieben Freien Künste – Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie – sollten der christlichen Bildung vorausgehen. Wichtig waren die ersten drei: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, weil dadurch Lesen und Schreiben, Reden und Argumentieren, Erkennen und Begreifen gefördert wurden.

Großes Theater
Selbst wenn Europa vorläufig das monarchische Prinzip der spätrömischen Periode übernahm, ging der antike republikanische Gedanke hier nie unter. Die Gewaltenteilung zwischen Kaiser und Papst begünstigte die kommunale Bewegung. Vielerorts wurde die städtische Macht der Grafen und Bischöfe bald gebrochen. Führende Familien, die Geschlechter und Patrizier, Fernkaufleute und Handwerker, übernahmen das Zepter. Sie fanden Zutrauen zu sich selbst und kurbelten Handel und Gewerbe an.
Es schossen Orte und Städte aus dem Boden, die im übertragenen Sinn „großes Theater“ boten: mit magischer Mitte und beeindruckender Architektur, Marktplatz, Rathaus, Kathedrale, mit öffentlichen Räumen der Begegnung, mit geschicktem Handwerk, heimischen Delikatessen und Fernhandelswaren. Da und dort blieb die fürstliche Macht erhalten, und in manchen Städten gab es Paläste und Schlösser mit verfeinerter höfischer Kultur. So oder so entwickelte sich neben der klerikalen eine weltliche Sphäre, in der die Bürger eine wichtige Rolle spielten.
Immer wieder gibt es in der Geschichte neue Träume vom guten Leben, die dafür sorgen, dass sich die Menschen anders organisieren. Das Rollenspiel wurde im Laufe des Mittelalters komplexer, arbeitsteiliger, produktiver: Es gab Knechte und Mägde, Bauern und Handwerker, Mönche und Nonnen, Ritter und Bürger, Krämer und Fernkaufleute, Priester und Bischöfe, höfische Fürsten und Damen, Kaiser und Päpste, bald auch Schüler und Studenten, Lehrer und Professoren.
Der Eifer der Klosterschulen übertrug sich rasch auf die Domschulen, aus denen seit dem hohen Mittelalter Universitäten hervorgingen. Europa brachte den Typus des gebildeten Laien und Intellektuellen hervor, der die Prozesse der Zivilisation kritisch begleitet und Vorschläge für die Verbesserung der Verhältnisse macht. Spätestens seit der Frühen Neuzeit hieß das neue Mantra in Europa: „Wissenschaft und Künste“. Nicht länger der spekulative Gottesbeweis der Theologen, sondern sinnliche Erfahrung, genaue Beobachtung der Natur. „Empirie“, „Experiment“, „Fortschritt“ waren die Schlagworte, die Francis Bacon 1620 in seinem „Neuen Organ der Wissenschaften“ in den Vordergrund rückte. Zuversichtlich verkündete er: „Erwerbe sich nur das menschliche Geschlecht die Herrschaft über die Natur, wozu es von Gott bestimmt ist.“ Diese Auffassung war im Grunde ein alter Hut und entstammte dem Alten Testament: „Füllet die Erde und machet sie euch untertan.“ Nur sollten jetzt, in der Frühen Neuzeit, die Schätze der Natur methodisch erforscht und noch gründlicher genutzt werden. Vielleicht ließen sich dadurch nicht nur Luxus und Komfort für die oberen Zehntausend, sondern für die breite Bevölkerung schaffen?
Ein Vorwurf an die europäische Moderne lautet: Spätestens seit dem 18. und 19. Jahrhundert brächten philosophische Aufklärung und Naturwissenschaft mit Industrie und Technologie einen wachsenden Berg an Dingen hervor. Fürs persönliche Glück müsse immer mehr konsumiert werden: Autos, Kleider, Fernreisen, Liebschaften, Restaurants, gipfelnd im „American Way of Life“.
Während vormals Drohszenarien wie zornige Gottheiten oder das Jüngste Gericht am Horizont aufzogen, um die Menschen zur Mäßigung zu ermahnen, erscheint in der säkularen Welt die Apokalypse als „Kohlendioxidemission“, als gewaltiger Energieverbrauch mit Klimaerwärmung, Überschwemmungen, Dürregebieten. Der Mensch, so lautet ein Rezept, müsse sich radikal ändern.

Gemach!
Man sollte nicht das Gute mit dem Schlechten verwerfen. Denn es ist vergeblich, den Menschen die Vision vom besseren Leben auszureden. Es kommt vielmehr darauf an, solche Vorstellungen in naturverträgliche und menschenwürdige Bahnen zu leiten. Die Lust der Menschen an Sachen und Erlebnissen ist uralt. Nicht der überzogene Luxus Einzelner fällt bei Kohlendioxidemissionen ins Gewicht, sondern der allgemein gestiegene Lebensstandard.
So gut wie jede Familie oder jede alleinstehende Person hat heute in wohlhabenden Ländern eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus mit fließendem Wasser, Heizung und Strom; ein Badezimmer mit Dusche und Toilette; eine Küche mit Gas- oder Elektroherd, Kühlschrank, Geschirrspülmaschine, Kaffeemaschine, Mix- und Rührgeräten; Waschmaschine, Bohrmaschine, Staubsauger, Radio, Fernseher, Computer, Smartphone, Auto.
Kann man der Umweltgefährdung mit noch mehr technologischen Großprojekten beikommen? Durch noch stärkeres Manipulieren, beispielsweise durch Genveränderung bei Pflanzen und Tieren? Dem selbstfahrenden Auto, das dem „American Way of Life“ neuen Glanz verleiht?
Nein, die Traumbilder des 21. Jahrhunderts sind von anderer Art. Nicht harter Wettbewerb, sondern Zusammenarbeit dürfte die Devise sein. Nicht der Machtrausch technologischer Großprojekte, sondern die Summe behutsamer Schritte dürfte Wandel bewirken. Gefordert sind beruhigte, schonende und nachhaltige Formen des Konsums – Träume von grünem Wachstum, in denen das Auto oder das Flugzeug als Ikonen uneingeschränkter Mobilität und moderner Völkerwanderung eine geringere Rolle spielen, Träume von stärkerer Ortsgebundenheit, von echtem Menschsein, bei dem man sich nicht am Bildschirm, sondern hautnah begegnet. Da wäre die Freude am Konsum erneuerbarer Dinge, an handgemachten Sachen und handwerklichen Gütern: an feinen Lebensmitteln aus ökologischer Landwirtschaft – und daran, sie selbst zuzubereiten. Der Mensch wäre nicht der technologische Konsument, sondern ein kultiviertes Naturwesen.

Nachhaltigkeit und Lebensart
Zu den europäischen Schlagworten „Freiheit und Gleichheit“ sowie „Wissenschaft und Künste“ käme ein drittes Begriffspaar hinzu: „Nachhaltigkeit und Lebensart“. Womöglich vollzöge sich die Erneuerung der klassischen europäischen Stadt mit verdichteten und verkehrsberuhigten Strukturen, mit Fuß- und Fahrradwegen und bequemen öffentlichen Verkehrsmitteln. Es gäbe Städte, die in der Lage wären, ihre Geschichte zu erzählen, mit Hilfe von Denkmalpflege, Bauen im Bestand, behutsamer Ergänzung durch moderne energieschonende Architektur aus Glas und Holz, gegebenenfalls mit Rekonstruktion des historischen Stadtkerns. In der Mitte wäre der Marktplatz frei von Autos, aber voller Menschen.
Man wäre bescheidener und zugleich anspruchsvoller als der technologische Konsument. Immer öfter würde man die Elektronik- und Lebensmittelindustrie umgehen und fände in der Stadt Bauernmärkte und Markthallen, Museen und Konzertsäle, Opern und Theater, Schulen und Universitäten, Boulevards mit Geschäften und Kinos, Restaurants, Cafés, Bars mit Livemusik, Parks und grüne Auen mit Spielplätzen, Sportanlagen und Biergärten.
Statt Big Business gäbe es wieder mehr mittelständische Betriebe, steuerlich gefördert: Gärtnereien für Gemüse und Obst, Molkereien, Bäckereien, Metzgereien, Fischzüchter und Imker. Die Minister für Landwirtschaft, Handwerk und Gastronomie wären die klügsten Köpfe im Kabinett. Eine neue Generation von Landwirten würde, ähnlich wie es bei Weinbauern schon der Fall ist, neben einer Lehre auch ein Hochschulstudium absolvieren und Praktika im Ausland machen.
Womöglich verbände sich allgemein Hightech mit Handwerk, digitale Kommunikation mit Gesprächen von Angesicht zu Angesicht, Tätigkeit mit Muße. Gelegentlich gäbe es den Wechsel zwischen Stadt- und Landaufenthalt, seltener eine längere Reise. Nicht die Höhe des Gehalts wäre wichtig, sondern gutes Leben, zu dem auch Stille und Lesen gehören, Meditation und geistige Inspiration. Das wäre womöglich europäische Lebensart.

Der Text ist ein gekürztes Kapitel aus „Naturnahes Kochen“, dem neuen Buch von Erwin Seitz, das gerade bei Insel erschienen ist.

Erwin Seitz, geboren 1958 im fränkischen Wolframs-Eschenbach, als Sohn einer Gastwirts- und Metzgermeisterfamilie. Besuch der Benediktinerschule in Plankstetten und Ausbildung zum Metzger im elterlichen Betrieb. Ausbildung zum Koch nahe Nürnberg und Commis de cuisne im Hotel Kempinski in Berlin. Zivildienst am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der FU Berlin und am St. John´s College in Oxford, Promotion mit einer Arbeit über Goethes Autobiographie.
Seitz lebt als freier Journalist, Buchautor und Gastronomiekritiker in Berlin. Er war von 2002 bis 2008 Herausgeber von „Cotta´s kulinarischem Almanach“ und schreibt unter anderen für die FAZ, SALON, Cicero und die Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung. Im Insel Verlag erschienen seine Bücher „Die Verfeinerung der Deutschen“ (2011), „Kunst der Gastlichkeit“ (2015) sowie „Naturnahes Kochen“ (2018). Darüber hinaus ist Seitz Lehrbeauftragter an der Dualen Hochschule Heilbronn im Studiengang Food Management für den Kurs „Einführung in die Kulturgeschichte & Soziologie der Ernährung“.