Analyse der Kurz-Neuwahlkampf-Rede von @Natascha_Strobl

Analyse der Kurz-Neuwahlkampf-Rede von @Natascha_Strobl, 18.5.2019

Am Anfang referiert er ĂŒber „24Stunden-Dramatik“, obwohl er mindestens seit 48 Stunden Bescheid weiß. Aber wir wissen seit 24 Stunden Bescheid und er will sich uns einfĂŒhlen – wir sind alle auf der selben Ebene. Er ist Einer von uns und auch geschockt. Wie wir.
Nur um dann den Timeframe zu verlassen und eine Nostalgiewanderung hin zu besseren Zeiten zu machen. Vor 2 Jahren, als alles gut war, ist ER (nicht wir, nicht die ÖVP) angetreten, um ein Land aus dem Moloch der gr Koalition zu holen.
Spannend die fast schon religiöse ErzĂ€hlung. Es war RĂŒckschritt u Stillstand, dann kam ER u es wurde gut u jetzt ist dieses Gute wieder dramatisch gefĂ€hrdet. Immer, wenn er nicht Akteur ist (damals und jetzt) ist er Einer v uns. Wenn er Akteur ist ist ER gottgleich u individuell.
Das ist nichts Neues, das macht Kurz von Anfang an. Aber es ist spannend mal rauszustreichen. Dieses Nebeinander von einschmeichelnder Bescheidenheit und narzisstischer Selbsterhöhung. Einer von uns und dann im nÀchsten Moment the prince that was promised.
Als nĂ€chstes dann sein Versprechen uns gegenĂŒber – er ist weiter unser Held. Er ist direkt fĂŒr uns da. Er bricht seine Versprechen nicht. Er ist der, dem wir vertrauen. Alle, die Ă€lter als 30 sind haben noch im Ohr welche Klaviatur das ist. Das ist aus dem Haider 1×1.
Und ihr merkt wieviel wir schon an Emotion abbekommen noch bevor Kurz auf das Video und seinen Inhalt eingeht. Aber darum geht es nicht prioritĂ€r. Es geht darum, dass wir Sympathien fĂŒr Kurz empfinden. Kurz‘ Thema in Zeiten der Staatskrise ist Kurz.
Und gegen alles was jetzt wieder schlecht und schwer ist (sowie damals vor Kurz), so wird er uns wieder retten. Er bleibt uns treu, standhaft und wird kÀmpfen. Weil es seine Bestimmung ist das Gute und Richtige tun. In diesen dunklen Zeiten ist er das Licht. Pathos pur.
Dann wieder timeframe 2 Jahre – damit wir uns erinnern, das war die gute Zeit. Er belegt das nicht nur mit guter Sacharbeit sondern auch positiven Emotionen – Freude. Und er bedankt sich bei allen Beteiligten. Es war kein Fehler, diese Zeit wird nicht beschmutzt. Sie bleibt gut.
Und der Subtext ist klar: da können wir wieder hin. Raus aus dem Schlechten, hin zum Guten. Und er ist noch immer nicht beim Video. Aber wir wissen schon, dass wir die guten Zeiten wollen, die er uns gebracht hat und die jetzt so je geendet sind.
Uff, wir reden schon so lang ĂŒber so Vieles aber dieses Video spielt einfach keine Rolle. Denn jetzt kommt ans Licht was das Opfer fĂŒr diese gute Zeit war, die wir dank Kurz 2 Jahre haben durften. ER hat sich geopfert. ER hat im Stillen und ohne Klage erduldet. FĂŒr uns.
Hier haben wir wirklich schon einen Jesus-Komplex. Damit es Allen gut geht muss einer leiden. Und woran musste er leiden? Rechtsextremismus, EinzelfĂ€lle etc. Also das wahre Opfer der menschenverachtenden Ideologie der FPÖ sind nicht die Betroffenen Menschen sondern Sebastian Kurz
Wir haben also Heilsbringer, MĂ€rtyrer, einer von uns und umsorgender AnfĂŒhrer bevor wir auch nur ein Wort zum Video verloren haben. Es geht einfach immer noch um das Heldenbild Sebastian Kurz. Es geht nicht um die Opfer der FPÖ-Politik.
Jetzt kommen wir ENDLICH zum Video. Und was ist das Erste was ihm dazu einfĂ€llt? Silberstein. Das Erste was Kurz zu diesem Video einfĂ€llt ist die Sozialdemokratie anzupatzen. Das muss einem erstmal einfallen. Die FPÖ fĂŒhrt sich auf, Schuld ist SPÖ.
Dieses Silberstein-Narrativ habe ich vor einigen Tagen schon mal besprochen 👇
Es passt gut zu dem aufbereiteten Feld. Er ist das Opfer. Silberstein. Die FPÖ. Alle sind gegen Kurz.
Und genau so geht es weiter. Ein gekonnter rhetorischer Kniff ist, dass er als erste Schrecklichkeit des Videos die Angriffe gegen ihn berichtet. Etwas was 0 im Fokus war und was uns ĂŒberhaupt nicht aufgeregt hat bis jetzt. Es ist unwichtig.
Dadurch, dass er es als Erstes erwÀhnt macht er es zum Hauptaspekt. Nur um es dann wieder zu negieren. Rabiate Selbsterhöhung und einschmeichelnde Bescheidenheit. Er opfert sich wieder und stellt es offensiv zur Schau. Schaut wie arm er ist und was er erduldet.
So und jetzt kommen wir an gefĂŒhlt 57ter Stelle zu den eigentlich problematischen Dingen des Videos. Aber die Priorisierung zeigt uns, dass es nur noch ein Nebengedanke ist. Und auch nur, um wieder sein Narrativ des „fĂŒr uns“ zu bedienen. Sein politischer Zugang ist uns dienen.
Und gleich wieder das Gegensatzpaar zu den Anderen, dieses Mal FPÖ, die das leider nicht so sehen, wie ihm heute plötzlich in GesprĂ€chen klar geworden ist. Was fĂŒr ein Schock. Deswegen muss es jetzt RĂŒcktritte geben. Das war so zuvor nicht absehbar.
Als nĂ€chstes stellt er 3 Handlungsmöglichkeiten vor. Das zeigt StĂ€rke und dass er keineswegs in die Enge getrieben ist. Er hat die Wahl. Er entscheidet. Egal wie unwahrscheinlich (SPÖ) oder nicht in seiner Hand (FPÖ tauscht Kickl) diese Optionen sind. Er entscheidet.
Es war also seine Entscheidung und nicht die Not der UmstĂ€nde, dass es Neuwahlen gibt. Denn nur so kann er uns wieder die gute Zeit bringen. Mit uns und als einer von uns. Die Anderen sind nicht willens oder sind schwach. Die stehen ihm und uns gegenĂŒber. Classic Haider.
Ganz am Ende sagt er dann zum ersten Mal Volkspartei. Klassische Wahlkampfrede, weil ja auch ÖVP am Wahlzettel steht und da mĂŒssen wir ja richtig ankreuzen. Aber es ist nur eine formale Erinnerung, denn es geht nur um ihn. Dementsprechend soll es Auftrag fĂŒr EINE PERSON geben.
Wichtig auch noch einmal die quasi-religiöse Sprache am Schluss. Es braucht klare VerhĂ€ltnisse. Es braucht Ordnung. Es braucht Eindeutigkeit. Weg aus dem Chaos und der Dramatik. Hin zum Guten und Schönen fĂŒr das ER steht.
Fazit: es geht zu 99% nur um Kurz, seine Rolle und sein Empfinden fĂŒr uns und unser Empfinden fĂŒr ihn. Es geht nicht auf einer Sachebene um die schweren Verfehlungen der FPÖ oder den Schaden fĂŒr die Republik. Es geht nur um Kurz. Faszinierend wieviel man ĂŒber sich reden kann.

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