Manspreading (Doris Knecht)

Googel das doch bitte einfach mal selber
DORIS KNECHT — KOLUMNEN & ZOO, FALTER 46/19 VOM 13.11.2019

Die satirische Tagespresse titelte letzte Woche: „Erstmals ohne Manspreading U-Bahn gefahren: Mann fallen Hoden ab“, eine tipptopppräzise Antwort zu den Reaktionen auf die „Halt deine Beine zam“-Kampagne der Wiener Linien.

Würde man nur ganz isoliert den Shitstorm rezipieren, den diese Kampagne auslöste, man käme zu dem Schluss, die Wiener Linien hätten „Manspreading“ erst letzte Woche gemeinsam mit ein paar radikalfundamentalistischen Männerhasserinnen aus der Luft gegriffen und zu einem abartig-abstrakten, völlig unrealistischen Konstrukt aufgeblasen, um weiter auf die von #MeToo eh schon völlig gedemütigten Männer einzuprügeln und daraus schnelles Marketingkapital zu schlagen.

Man würde aus den Reaktionen nicht ableiten können, dass es sich um ein international seit Jahren debattiertes Problem handelt, auf das zahlreiche Metropolen mit öffentlichem Verkehr mit ähnlichen Kampagnen reagierten. Tokio kampagnisierte 2012 gegen Manspreading, New York 2015, Madrid 2017, Washington 2019. Der Guardian zeigt online eine kleine Sammlung weiterer Anti-Manspreading-Kampagnen, darunter eine des New York Board of Transportation aus dem Jahr 1947.

Aber bei uns wird das Thema wieder als eine dieser Debatten geführt, in denen Feministinnen jedes Mal ganz von vorne anfangen und Leuten das kleine Einmaleins erklären sollen, die eigentlich eh den ganzen Tag im Netz herumhoppeln und sich leicht selbst ergoogeln könnten, was, wie und wo zu einem Thema schon alles publiziert und debattiert wurde.

Stattdessen prasseln Wörter wie „aufhussen“ und „Vernaderung“ aggressiv auf die nieder, die es ohne Aggression begrüßen, dass die Diskussion nun auch in Österreich angekommen ist. Und letztlich kommt dann auch diese Debatte wieder an einem schon länger bekannten Punkt an: Wenn so viele Männer das nicht gern hören, vielleicht sollten wir’s dann lieber nicht mehr sagen? Das ist aber halt auch der Punkt, an dem wir entscheiden, ob wir das mit der Gleichberechtigung lieber lassen sollen, weil sie für viele Männer so unbequem und brüskierend ist. Weil sie alle schon so nervt.

Feminismus und der Kampf um Gleichberechtigung sind aber halt kein Beliebtheitswettbewerb. Natürlich hätten auch die Wiener Linien ihre Kampagne anders anlegen können, auf Twitter las ich von einer, ich glaube, schwedischen Metro-Kampagne, die ganz geschlechtsunspezifisch einen Sitz pro Person propagiert, was auch sitzergreifend abgestellte Taschen von Frauen einschließt und die Männer nicht so ärgert. Aber es sind nun mal meistens Männer, die im öffentlichen Verkehr mehr Platz beanspruchen, und wem es bisher noch nicht aufgefallen ist, dem wird es jetzt auffallen.

Das ist natürlich Absicht, das will die Kampagne bewirken: Sie verändert den Blick. Auch bei denen, die das Problem zornig bestreiten. Verhaltenskorrektur follows Bewusstsein follows Wahrnehmung; so.