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Herzerwärmende Frauenbeschimpfer (Nils Pickert, 4.8.2020) im Standard
Von Frauen entzaubert zu werden bringt mächtige Männer schon mal in Rage – und nach Kritik hoffen sie gar auf Mitgefühl

Irgendwo muss es ihn geben. Diesen geheimen Club, bestehend aus einer kleinen Anzahl an Männern, die eine unĂĽberschaubare Menge an Frauen mit sexistischen Beleidigungen ĂĽberziehen. Allein in Frankreich immerhin 1,2 Millionen. Anders lässt sich das nicht erklären, dass Frauen im StraĂźenverkehr dafĂĽr als „Fotze“ beleidigt werden, dass sie sich bei einem rĂĽcksichtslosen Autofahrer darĂĽber beschweren, als Radfahrerin fast totgefahren worden zu sein, aber gleichzeitig niemand solche Worte in den Mund nehmen wĂĽrde beziehungsweise auch nur jemanden kennt, der so etwas tut. Oder doch?

Die Zahlen sind ja schon ziemlich eindeutig: Laut einer französischen Studie, die sich zur Analyse von sexistischen Beleidigungen den Zeitraum von 2006 bis 2016 angeschaut hat, werden 86 Prozent der Opfer von Männern angegangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen sexistisch beleidigt werden, ist etwa zehnmal höher als bei Männern. Es betrifft häufig Frauen unter 35, es wird ihnen zumeist in aller Ă–ffentlichkeit direkt ins Gesicht geschleudert, und es geht dabei mehrheitlich um ihre äuĂźere Erscheinung. Gerne auch aus Gruppen heraus und am liebsten von Männern, die einige Jahre älter sind als ihre weiblichen Opfer. Mit anderen Worten: Sexistische Beleidigungen gegen Frauen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Und Täter sind auch nicht nur einige wenige, irrelevante Männer. Wir reden unter anderem von dem 65-jährigen Republikaner Ted Yoho, der die 30-jährige Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez auf den Stufen des Washingtoner Kapitols „widerlich, gefährlich und irre“ nannte und vor Umstehenden noch ein „fucking bitch“ nachschob.

Anlass fĂĽr diese Abfälligkeiten waren Ă„uĂźerungen von Ocasio-Cortez, in denen sie ĂĽber einen Zusammenhang zwischen um sich greifender Armut und steigenden Kriminalitätsraten spekuliert. Das ist ja aber auch ganz schön frech von so einer jungen Frau, dass sie ihren eigenen politischen Sachverstand bemĂĽht, sich eine Meinung bildet, gewählt wird und in der Ă–ffentlichkeit redet. Bundeskanzler Kurz hätte ihr womöglich wie der Journalistin Alexandra Wachter in aller gebotenen männlichen Herablassung attestiert, dass sie „ĂĽber ein Hirn verfĂĽgt“. Und dem stellvertretenden Tiroler Landeshauptmann Josef Geisler wären vermutlich noch ein paar andere Beleidigungen auĂźer „widerwärtiges Luder“ eingefallen. Neben der Tatsache, dass Mann offenbar wenig bis gar keine Skrupel hat, Frauen derart verbal zu belästigen und herabzusetzen, sind zwei Dinge besonders bemerkenswert.

Zum einen die DĂĽnnhäutigkeit von Männern, die anscheinend mit der substanzlosen Oberflächlichkeit ihrer angeblich guten Manieren korreliert. Wenn man sich vor Augen fĂĽhrt, wie wenig offenbar notwendig ist, um sich zu derlei Verbalausfällen zu versteigen, dann scheint die bloĂźe Existenz von Frauen in FĂĽhrungspositionen, auf Podien, in politischen Entscheidungsgremien oder einfach nur auf der StraĂźe schon Grund genug zu sein. Das, was Männer als Frechheit oder AnmaĂźung deuten, ist in den meisten Fällen einfach nur eine Frau, die etwas sagt. Die Position bezieht, anmerkt, kritisiert, vorschlägt und dabei nicht angesichts männlichen Dominanzgebarens in Ehrfurcht erstarrt. Und zum anderen fällt der groĂźflächige Realitätsverlust dieser Männer auf. Die lächerlichen LĂĽgen, mit denen sie ihr Selbstbild vom groĂźzĂĽgigen Macher und „eigentlichen Frauenfreund“ inszenieren, der leider, leider bei dieser einen unglĂĽcklichen Begebenheit missverstanden wurde, obwohl er doch so ein herzensguter Kerl ist.

Josef Geisler hat sich nicht entblödet, seine Beschimpfung zu relativieren und obendrein noch zu behaupten, es sei eben mit ihm durchgegangen, weil ihm die WWF-Vertreterin Marianne Götsch ständig dazwischengeredet habe – obwohl das genaue Gegenteil der Fall war. Während Götsch ruhig und sachlich ihr politisches Anliegen vorträgt, brennt bei Geisler offenbar die „Wieso zur Hölle hat sich dieses widerwärtige Luder nicht längst vor mir in den Staub geworfen und gestanden, dass sie meiner nicht wĂĽrdig ist“-Sicherung durch. Ă„hnliches gilt fĂĽr den Republikaner Yoho, der sich in seiner passiv-aggressiven „Entschuldigung“ als Opfer geriert, hinter Ehefrau und Tochter versteckt, die qua Geschlecht beleumunden sollen, dass er kein Sexist sein kann, und sich zudem eben nicht „fĂĽr seine Leidenschaft, seine Liebe zu Gott, zu seiner Familie und seinem Land“ entschuldigen mag.

Ist das nicht ergreifend! Wer da kein Verständnis dafĂĽr aufbringen kann, dass man eine junge Frau aus Vaterlandsliebe und emphatischer Gottesbegeisterung als „verdammte Schlampe“ bezeichnet, der hat kein Herz. Oder einfach die Schnauze voll von selbstgefälligen Männern, die nicht einmal vor der Dreistigkeit zurĂĽckschrecken, ihre Ăśbergriffigkeiten mit dem angeblich ach so besorgten und väterlich-liebevollen Blick auf ausgerechnet diejenigen zu rechtfertigen, die sie beleidigen und herabsetzen. Sie können sich entscheiden. Entweder ist Sebastian Kurz ein so bedeutender Mann, dass er von einer Journalistin nicht mit solchen nachbohrenden Fragen belästigt werden sollte, und Josef Geisler immerhin noch wichtig genug, dass er Besseres zu tun hat, als sich mit durch Frauen vorgetragenen umweltpolitischen Forderungen auseinanderzusetzen.

Entweder ist Ted Yoho ein Held, der die schlimmen „kommunistischen Umtriebe“ von Alexandria Ocasio-Cortez einfach nicht mehr ertragen konnte. Oder wir haben es hier mit einer Version von Männlichkeit zu tun, die sich durch aufgeblasene Wichtigtuerei auszeichnet, deren hervorstechendstes Merkmal es ist, sich um keinen Preis ausgerechnet von Frauen entzaubern lassen zu wollen. Als Entscheidungshilfe empfehle ich Ihnen die messerscharfe Analyse von Ocasio-Cortez, die unmissverständlich klarstellt, warum sexistische Beleidigungen nicht hinnehmbar und vergiftete Entschuldigungen nichts wert sind.

Rep @AOC: „I do not need Rep. Yoho to apologize to me. Clearly he does not want to. Clearly when given the opportunity he will not & I will not stay up late at night waiting for an apology from a man who has no remorse over calling women & using abusive language towards women.“ pic.twitter.com/XKymFh3Oyf
— CSPAN (@cspan) July 23, 2020
Tatsache ist, dass nicht Frauen wie Alexandria Ocasio-Cortez, Marianne Götsch oder auch Alexandra Wachter Männer schlecht aussehen lassen. Männer lassen Männer schlecht aussehen. Und das sollten gerade Männer ihnen nicht länger durchgehen lassen. (Nils Pickert, 4.8.2020)