Reaktanz

Unter psychologischer Reaktanz versteht man eine komplexe Abwehrreaktion, die als Widerstand gegen äußere oder innere Einschränkungen aufgefasst werden kann. Reaktanz wird in der Regel durch psychischen Druck (z. B. Nötigung, Drohungen, emotionale Argumentation) oder die Einschränkung von Freiheits­spielräumen (z. B. Verbote, Zensur) ausgelöst. Als Reaktanz im eigentlichen Sinne bezeichnet man dabei nicht das ausgelöste Verhalten, sondern die zugrunde liegende Motivation oder Einstellung. Reaktanz liegt typischerweise dem „Reiz des Verbotenen“ zu Grunde. Sie ähnelt dem Trotz, der jedoch auch aus anderen Gründen als der Beschneidung von Freiheit auftreten kann.

wir mutieren (Paolo Rumiz)

Der Schriftsteller Paolo Rumiz hat sich vor dem Virus zurückgezogen. In seine Heimat Triest. Dort spürt man Europas Zukunft immer zuerst

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wir-mutieren

Jenseits des Meeres erheben sich die verschneiten Alpen. Ich sehe sie von der Terrasse aus. Es weht ein leichter Wind; seitdem die Welt stillsteht, ist die Luft glasklar. Ich komme mir vor wie auf einem Schiff. Ich habe mich für strenge Klausur entschieden, wie ein Mönch. Nicht nur, weil ich zur Risikogruppe gehöre, ich bin 72, sondern auch, um das Gesetz zu respektieren, mit gutem Beispiel voranzugehen.
Ich dachte, ich würde an Klaustrophobie leiden, ich war ja ein Leben lang ein Zugvogel, doch ganz im Gegenteil. Ich entdecke gerade, dass ich von meiner Klosterzelle aus Tausend Dinge sehe, vor allem, weil der Lärm des Alltags verlöscht. Außerdem liegt Triest an der Grenze, und Grenzen sind immer interessant.
Slowenien hat die Grenze geschlossen. Versiegelt. Die Bauern haben sogar die kleineren Grenzübergänge mit Steinen verriegelt. Zum Schutz gegen uns Italiener, die Pestsalber. Ich verstehe sie. Doch es tut mir leid, dass sie sich der Illusion hingeben, man könnte Mikroben mit einem Grenzbalken aufhalten. Für die hiesigen Populisten, die bis gestern eine Mauer errichten wollten, um die Flüchtlinge aufzuhalten, tut es mir nicht leid. Recht geschieht ihnen. Eine armselige Illusion. Eine armselige Imitation des Eisernen Vorhangs, bei dem nicht ganz klar ist, wer wen aussperrt.
Der Kontinent zerbricht an den selben Stellen
Die Grenzstadt Gorizia ist zweigeteilt wie 1945. Die slowenische Polizei und Miliz haben dieselben Posten wie 1991, zu Beginn der jugoslawischen Tragödie, bezogen. Auch die fünfziger Jahre scheinen zurückzukehren. Aber nicht nur der Kalte Krieg. Auch der Erste Weltkrieg. Die alten Schützengräben auf den Hügeln am Isonzo sind ein Beweis dafür, dass sich seit 1915 immer wieder dieselbe Grenze neu bildet. Der Kontinent zerbricht an denselben Stellen.
Wie ein Seismograf vibriert Triest seit jeher entlang der uralten Bruchlinien. In den letzten dreißig Jahren habe ich in meinem Basislager immer im Voraus vom Fall der Mauer, dem Ausbruch des Jugoslawienkriegs, Haiders Populismus und dem Separatismus der Lega im Norden Italiens erfahren. Dann sind die Flüchtlinge gekommen. Jetzt beobachte ich, wie die Schengen-Grenzen und vielleicht auch eine wunderbare, nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Utopie – die EU – Schiffbruch erleiden.
Ich hole ein Buch von Christopher Clark, Die Schlafwandler, aus dem Regal. Darin geht es um die Orientierungslosigkeit der europäischen Regierungen, die 1914, vor Ausbruch des Krieges, schlafwandlerisch über ein Seil tanzten. Ich sehe keinen großen Unterschied zu jetzt. Johnson jagt ein ganzes Volk in den Abgrund. In Spanien hat die Partyszene bis gestern wild gefeiert. In Deutschland hat man erst nach dem Fasching über das Virus gesprochen, um die Wirtschaft nicht abzuwürgen, dann wurden nur die kontrolliert, die aus China und Italien einreisten. Na ja.
Die Balkanisierung Europas
Es ist absurd, von zu Hause aus die Balkanisierung Europas zu beobachten. Balkanisierung besteht jedoch nicht nur in Krieg und Barbarei. Sie besteht darin, den Idioten einzureden, das Böse komme vom Fremden. Sie besteht in der irrigen Annahme, man sei vor dem Bösen immun, das wir hingegen in uns tragen. Die Tatsache, dass wir uns von jeglicher Schuld freisprechen, ebnet dem Faschismus den Weg. Das ist das Virus, das Jugoslawien verpestet hat, und dasselbe passiert heute. Die Nationen schotten sich ab, anstatt ihre Einheit unter Beweis zu stellen. Überall Riegel und Schlösser. Und keine mächtige, respektgebietende Stimme erhebt sich und sagt: „Mein Herrschaften, das ist unsere Chance, Einheit unter Beweis zu stellen.“ Hölderlin, ein großer Europäer, schrieb: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“.
Also alle in häusliche Quarantäne. Die Italiener gehorchen, die einen aus Angst, die anderen aus Bürgersinn. In Triest sind die Straßen gespenstisch leer, wie bei einem Bombenangriff. Der Zivilschutz scheucht uns mit Megafonen in immer entlegenere Winkel. Düsteres Echo in den Wäldern. Worte wie „Strengstens verboten“ schrecken sogar die Rehe. Ich fürchte, nur die Angst bringt die Menschen dazu, zu verstehen. Jeder, der auf den Straßen unterwegs ist, muss einen Ausweis bei sich tragen, auf dem Ziel und Grund der Fahrt vermerkt sind. Haben wir schon einen Polizeistaat oder werden wir zu einem Volk von Verantwortungsbewussten? Ich frage mich, ob die zügellose Freiheit uns nicht ans Ende der Freiheit bringt.
Bitte, nach Ihnen
Doch zumindest haben wir es mit einer begründeten, echten Angst zu tun, einer großen Angst, die alle anderen, flüchtigen und kleinen Ängste fürs Erste verschluckt. Wie die, das Handy zu verlieren. Doch vor allem macht das Coronavirus ein für alle Mal die Lügen des Populismus zunichte. Sollen wir wieder Grenzen errichten? Das Virus pfeift darauf. Sollen die Regionen autonom werden? Genau so ist das Chaos entstanden. Italy first? Jetzt sind wir die letzten. Die Häfen schließen?
Jetzt machen sie uns die Häfen vor der Nase zu. Die Gefahr des politischen Islam? Nein, im Augenblick ist China die Gefahr. Ausländer raus? Die Landwirtschaft gesteht, es fehlen 370.000 Tagelöhner, um das BIP aufrechtzuerhalten. Warum nannte niemand davor diese Zahlen? Damit wir uns bei den Immigranten nicht bedanken müssen? Das Ergebnis: Erdbeeren, Kiwi, Spargel verfaulen.
Geist läuft auch Hochtouren
Ich stelle fest, Berichte über den Alltag sind fast interessanter als Nachrichten über das Virus. Es ist eine persönliche und kollektive Mutation im Gang, an deren Ende wir nicht mehr dieselben sein werden. Ich häute mich, das erkenne ich an den Gedanken, die so schnell sprudeln, dass ich sie fast nicht niederschreiben kann. Mein Geist läuft auf Hochtouren, obwohl ich festsitze. Ich habe schon alle meine Notizbücher vollgeschrieben und kann keine neuen kaufen. Ich verwende alte, bereits beschriebene Blätter, die ich vierteile und auf der Hinterseite vollschreibe.
Meine Lebensgefährtin, die 22 Jahre jünger ist als ich, geht einkaufen. Sie erzählt, sie ist unterwegs nur zwei älteren Personen mit ihren Enkeln, drei türkischen Lkw-Fahrern, einem Chinesen mit Atemschutzmaske und vier Afghanen begegnet. Ein merkwürdiger Bevölkerungsquerschnitt. Bei den Schlangen vor den Supermarktkassen herrscht eine merkwürdige Spannung. Die Angst vor Ansteckung ist greifbar. Man geht nicht gern hinein. Die Menschen kaufen lieber bei kleinen Bäckern, Fischläden, den traditionellen Obstgeschäften, wo man im Freien wartet und die Freundlichkeit (bitte, nach Ihnen) sich automatisch ergibt.
Möven drehen durch
Die Megalomanie erweist sich als verletzlich. Die Küche wird derweil zur Schiffskombüse. Wir essen Pasta und Tomatensugo, wie beim Segeln.
Auch der Himmel ist leer. Die wenigen übrig gebliebenen Möwen auf den Straßen im Zentrum schreien vor Hunger. Ohne die Reste der Partyszene drehen sie durch. Sie überschwemmen die Straßen, wie die Affen in Thailand ohne Touristen. Sie hüpfen um die alten Leute mit Einkaufstasche herum. Sie zerfleischen die verhungernden Tauben bei lebendigem Leib. Das reicht wohl, um zu verstehen, wie sehr der Planet aus dem Gleichgewicht ist.
Wir aktivieren die Kontakte mit den Nachbarn. Am Balkon der Wohnung gegenüber singt ein Herr La donna è mobile, zum Beweis, dass Italien zusammenhält. Ich plaudere mit einer Freundin am Balkon links. Wir machen uns jeder einen Kaffee. Sie sagt: „Allmählich denkt man wieder im Sinn des Gemeinwohls, es war höchste Zeit.“ Sie hört gern Radio, zu genau festgelegten Zeiten, wie BBC zu Kriegszeiten. Das Fernsehen macht ihr Angst, zu chaotisch. In Augenblicken wie diesen braucht man nur Worte. Klare, eindeutige Worte.
Wie in ganz Italien bitten auch in Triest Ärzte und Pfleger „ruhiger“ Abteilungen, an die Front versetzt zu werden. Ich habe einige Kriege erlebt und weiß, dass im Krieg die Menschen über sich hinauswachsen. Kompromisslos. Entweder Held oder Feigling. Das geschieht jetzt auch beim Virus. Einerseits die, die den Ruf hören. Auf der anderen Seite die Feiglinge, die Lügner, die Verbreiter von Zwietracht. Viele tolle Menschen halten das Land am Laufen, der Häme der Drückeberger zum Trotz.
Ich wache auf. Große Stille
Die Welt steht kopf. Ein besorgter Freund ruft aus Afghanistan an. Unsere Freunde in Bosnien leiden mit uns mit. Vor fast dreißig Jahren litten wir mit ihnen. Die Muslimin Amela schreibt: „Kopf hoch, meine italienischen Freunde, ich weiß, ihr gebt nicht klein bei. Liebe erfährt man erst, wenn man Angst um den Nächsten hat. Das ist der Beweis der ursprünglichen Liebe.“ Genau. Man bleibt nicht um seiner selbst willen zu Hause, sondern um die Krankenhäuser frei zu halten und die anderen nicht zu gefährden.
Wie viele Nachrichten! Carl Wilhelm aus München teilt mir mit, dass Henning Klüver, ein Hamburger Journalist, in Mailand „Briefe aus der Klausur“ postet. Carlo, ein nach Berlin ausgewanderter Freund, erzählt, dass die Deutschen allmählich von Panik auf Pfeifdrauf umschwenken, doch alle denken: Wir sind ein Volk und gemeinsam schaffen wir es. Esther zieht Individualismus vor und schreibt aus Udine, sie sei glücklich, „ausgerechnet in diesem Augenblick in Italien zu leben“.
Ich wache um drei auf. Große Stille. Wie viel unerwartete Herzlichkeit lag doch in den Nachrichten der letzten Tage! Auch viele alte, schon verloren geglaubte Gesichter tauchten auf. Ja, wir sind all die, die wir geliebt haben. Ich trete auf den Balkon hinaus. Eine leichte Bora weht, trocken und kühl. Seitdem die Industrie stillsteht, ist die Luft sauber.
Ich frage mich, was für einen Dreck wir bisher eingeatmet haben. In Neapel sieht man den Vesuv wie nie davor. Im Canal Grande schwimmen wieder die Fische. Wir genesen nicht aus Klugheit, sondern aufgrund eines Traumas, aber egal. Werden wir die Lektion verstehen? Das Schlimmste kommt wahrscheinlich nach dem Virus. Wenn wir feststellen, dass alles weitergeht wie davor. Am Himmel segelt das Mondlicht. Die Plejaden funkeln.

Paolo Rumiz wurde 1947 in Triest geboren. Am 31. März erscheint vom Kriegsreporter, Romancier und Reiseschriftsteller Der unendliche Faden – Reise zu den Benediktinern, den Erbauern Europas (aus dem Italienischen, wie auch dieser Text, von Karin Fleischanderl)

interessant?

Anekdotische Evidenz
ist ein informeller Bericht über Evidenz in Form eines Einzelberichts oder vom Hörensagen. Der Ausdruck wird oft als Gegensatz zur empirischen Evidenz und zum Analogieschluss verwendet. Anekdotische Evidenz hat eine schwache argumentative Aussagekraft.

Genderst Du schon?
30′ Sendung auf Radio Orange auf-hoeren von Alina Hauke und Barbara Strasser

Gas und Strom
alle zwölf Monate wechseln

tägliches Foto
Noah ist mir zuvorgekommen, aber ich habe noch keine zwanzig jahre.

Die vier Gesichter unserer Internetprofile

The Heartbreaking Effects of Being Only Partly Committed to Most Things

Kammer ersetzt Selbstbehalt beim Arztbesuch

I Borghi Più Belli D’Italia

Die Welt nach Corona

Die Welt nach Corona (Matthias Horx, 16.03.2020)

Die Corona-Rückwärts-Prognose: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise „vorbei“ ist.

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird” und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafé in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen.

Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?
Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre führten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.

Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fussballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren ohne Second Screen hervor. Auch die »messages« selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivia-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.
Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um … ja um was ging da eigentlich?

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen…

Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen.

Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wir staunen rückwärts, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie »Zusammenbruch« tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

RE-Gnose: Gegenwartsbewältigung durch Zukunfts-Sprung

Warum wirkt diese Art der »Von-Vorne-Szenarios« so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hängt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir »in die Zukunft« schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme »auf uns zukommen«, die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns überfährt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-Zukünfte immer am Einfachsten darzustellen.

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein »Future Mind« – Zukunfts-Bewusstheit.

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren »Events«, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt »endet«, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt.

Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie »autoritär« handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch »futuristische« Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger

Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.

Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends Konnektivität. Politisch-ökonomisch wird dieses Phänomen auch »Globalisierung« genannt. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden Komplexität sprechen, werden die Führer von Morgen sein. Die werdenden Hoffnungsträger. Die kommenden Gretas.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.”

Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.

http://www.horx.com und http://www.zukunftsinstitut.de

Chirurg

In einer Vorlesung wurden die Studierenden mit folgender Geschichte konfrontiert:

„Ein Vater fährt mit seinem Sohn im Auto. Sie verunglücken. Der Vater stirbt an der Unfallstelle. Der Sohn wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und muss operiert werden. Ein Chirurg eilt in den OP, tritt an den Operationstisch heran, auf dem der Junge liegt, wird kreidebleich und sagt: „Ich bin nicht im Stande zu operieren. Dies ist mein Sohn.“

Im ersten Moment irritierte diese Geschichte viele Zuhörerende. War der verunglückte Vater nicht der leibliche Vater und der Arzt im OP erkannte seinen leiblichen Sohn? Handelt es sich um ein gleichgeschlechtliches Paar, so dass der Junge zwei Väter hatte? Oder wurde hier einfach davon ausgegangen, dass „Chirurg“ ein geschlechterneutraler Begriff ist und so Mann und Frau gleichermaßen meint?
Letzteres ist häufig der Fall. Die Mutter begegnet im OP ihrem Sohn. Sie ist eben kein Facharzt, sondern eine Fachärztin. Denn an eine Chirurgin denken leider die wenigsten, wenn sie den männlichen Begriff hören. Die Geschichte zeigt, wie sehr unsere Vorstellung und Wahrnehmung an Sprache gekoppelt sind. Geschlechtlich differenziertere Alltagssprache kann dazu beitragen, Missverständnisse zu verhindern.

Boris Podrecca wird 80

Boris Podrecca (*1940) – Architekt
Volksschule und Gymnasium in Triest, Italien
Studium der Architektur an der Technischen Universität Wien und an der Akademie der bildenden Künste Wien
Diplom Meisterklasse Prof. Roland Rainer.
Gastprofessuren in Lausanne, Paris, Venedig, Philadelphia, London, Harvard-Cambrigde (Boston), Wien, Zagreb, Triest, Ljubljana und Maribor
Ordentlicher Professor an der Universität Stuttgart, Direktor des Institutes für Raumgestaltung und Entwerfen.
Studios in Wien und Venedig
Werkliste
2018 Austria Campus, Wien, Österreich
2017 Dommuseum Wien, Wien, Österreich
2016 Competence Park, Salzburg, Österreich
2016 Kirche und Pfarrzentrum Pentecoste, Mailand, Italien
2016 Stadt Centrum, Meran, Italien
2013 Hotel und Bürogebäude Belgrade, Belgrad, Serbien
2013 Palais Hansen, Hotel Kempinski, Wien, Österreich
2013 Neubau der medizinischen Fakultät, Universität Maribor, Maribor, Slowenien
2012 Mestna Galerija, Piran, Slowenien
2012 Musée National de la Porcelaine – Adrien Dubouché, Limoges, Frankreich
2011 Punta Skala Resort, Hotel Iadera, Zadar, Kroatien
2011 Porzellanmuseum im Augarten, Wien, Österreich
2011 Cvjetni, Zagreb, Kroatien
2011 Ideenwettbewerb Bahnhofsareal Bozen, 1.Preis, Bozen, Italien
2010 Grain Bridge, Ljubljana, Slowenien
2010 Villa Škrabec, Bled, Slowenien
2010 Slovenischer Pavillon Expo, Shanghai, China
2010 Hochhaus Severna Vrata (Northern Gate), Ljubljana, Slowenien
2010 PP1, Padua, Italien
2009 Rathaus und Gerichtsgebäude, Novi Sad, Serbien
2009 Öbb Konzernzentrale, Wien, Österreich
2009 Valamar Lacroma Hotel Resort, Dubrovnik, Kroatien
2009 Wiener Städtische Versicherung – Landesdirektion Steiermark, Graz, Österreich
2009 Praterstern Bahnhof Wien Nord, Wien, Österreich
2009 Donaupark Urfahr, Wettbewerb 1.Preis, Linz, Österreich
2008 Vienna Bio Center, Wien, Österreich
2008 Areal Zanussi, Conegliano, Italien
2008 Neuer Platz, Klagenfurt, Österreich
2008 Vila Urbana, Ljubljana, Slowenien
2008 Schlossplatz Laxenburg, Laxenburg, Österreich
2008 Primorje Firmenzentrale, Ajdovščina, Slowenien
2007 Villa Petritsch, Mlini, Kroatien
2007 Bar Grifoncino, Hotel Greif, Bozen, Italien
2007 Museum für Wissenschaft und Technik, Belgrad, Serbien
2006 U-Bahn Neapel, Linie 6, Station San Pasquale, Neapel, Italien
2005 Mestni Trg, Idrija, Slowenien
2004 Hotel und Kongresszentrum Mons, Ljubljana, Slowenien
2004 Judeca Nova, Venedig, Italien
2002 Motta di Livenza, Motta di Livenza, Italien
2002 Villa Himmer, Maria Enzersdorf, Österreich
2002 Umbau Museum Moderner Kunst Ca’Pesaro, Venedig, Italien
2002 Weingut Brič, Brič, Slowenien
2002 Strossmayer Park, Split, Kroatien
2002 Lungomare, Wettbewerb 1.Preis, Triest, Italien
2002 Marktplatz, Ottensheim, Österreich
2002 Porta Susa, Turin, Italien
2000 Wohnbau In der Wiesen, Wien, Österreich
2000 Greif Areal, Bozen, Italien
1999 Millennium Tower, Zentrum Handelskai, Wien, Österreich
1999 Via Mazzini, Verona, Italien
1997 Hauptplatz Leoben, Leoben, Österreich
1997 Ausstellung Mastering the City, 100 Jahre Europäischer Stadtbau, Rotterdam, NL
1996 Rathausplatz, St. Pölten, Österreich
1992 Autohaus Mazda-Lietz, Waidhofen / Ybbs, Österreich
1990 Galerija Sv. Donat, Piran, Slowenien
1990 Piazza XXIV Maggio, Cormons, Italien
1989 Piazza Tartini, Piran, Slowenien
1989 Umbau Villa Moralić, Cavtat, Kroatien
Preise und Ehrungen
Chevalier des Arts et des Lettres, Paris, überreicht von Präsident Francois Mitterand
Kulturpreis der Stadt Wien für Architektur
Jože Plečnik-Preis, Ljubljana
Silbernes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien
Premio „San Giusto d’oro, Triest“
Premio „Maestro della Pietra“; Verona
Premio „Il Principe e l’Architetto“, Milano
Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien
Premio „Virgilio d’Oro“, Mantova
Premio „San Valentino d’Oro“, Terni
Doctor honoris causa der Universität Maribor
Doctor honoris causa der Akademie der Bildenden Künste Belgrad
Ehrenmitglied Bund Deutscher Architekten
Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften von Slowenien, Kroatien und Serbien

kleider machen leute

Kleider machen Leute ist eine Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller. Erstmals 1874 im zweiten Band der Novellensammlung Die Leute von Seldwyla erschienen, gehört sie zu den bekanntesten Erzählungen der deutschsprachigen Literatur, diente als Vorlage für Filme und Opern und gilt als Musterbeispiel für die Stilrichtung des poetischen Realismus.
Die Geschichte handelt von dem Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der sich trotz Armut gut kleidet. Er gelangt in eine fremde Stadt namens Goldach und wird dort wegen seines Äußeren für einen polnischen Grafen gehalten. Nachdem er aus Schüchternheit versäumt hat, die Verwechslung aufzuklären, versucht er zu fliehen. Doch da betritt eine junge Dame, Tochter des Amtsrates, den Schauplatz. Die beiden verlieben sich ineinander, worauf der Schneider die ihm aufgedrängte Grafenrolle weiterspielt. Ein verschmähter Nebenbuhler sorgt dafür, dass der vermeintliche Hochstapler entlarvt wird. Auf der Verlobungsfeier kommt es zum Skandal. Strapinski flieht, seine Braut aber findet ihn, rettet ihn vor dem Erfrieren und stellt ihn zur Rede. Als sie sich davon überzeugt hat, dass seine Liebe echt ist, bekennt sie sich zu ihm und setzt die Heirat durch. Der Schneider gründet mit ihrem Vermögen ein Atelier und bringt es zu Wohlstand und Ansehen, womit das Sprichwort „Kleider machen Leute“ sich bewährt.

google 2019

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1. Rebecca Reusch
2. Notre Dame
3. Handball-WM
4. Karl Lagerfeld
5. Julen
6. Europawahl
7. Frauen-WM
8. 30 Jahre Mauerfall
9. Thomas Cook
10. Greta Thunberg

Die zehn meistgesuchten Themen weltweit
1. India vs South Africa
2. Cameron Boyce
3. Copa America
4. Bangladesh vs India
5. iPhone 11
6. Game of Thrones
7. Avengers: Endgame
8. Joker
9. Notre Dame
10. ICC Cricket World Cup

Die Aufreger und Schicksale Österreich
1. Ibiza-Video
2. Florian Janny
3. Misstrauensantrag
4. Lisa Alm
5. Identitäre
6. Lernsieg
7. Johannes Dürr
8. HTL Ottakring
9. Donauzentrum Brand
10. Original Play

Chronik International
1. Rebecca Rausch
2. Sri Lanka
3. Greta Thunberg
4. Artikel 13
5. Area 51
6. Baby Sussex
7. WhatsApp Störung
8. Venedig Hochwasser
9. Heidi Klum Hochzeit
10. Amazonas

Was?
1. Was macht Ingwer scharf?
2. Was soll ich kochen?
3. Blasenentzündung – was tun?
4. Was ist mein Auto wert?
5. Was hilft gegen Sonnenbrand?
6. Was soll ich wählen?
7. Was macht Strache jetzt?
8. Was bedeutet LOL?
9. Was tun gegen Sodbrennen?
10.Was schenkt man zur Erstkommunion?

Wie?
1. Wie spät ist es?
2. Wie heißt die Mutter von Niki Lauda?
3. Abnehmen aber wie?
4. Granatapfel wie essen?
5. Wie wird das Wetter heute?
6. Wie schnell ist mein Internet?
7. Wie viele Länder gibt es?
8. Wie schnell wachsen Haare?
9. Wie heißt der Sohn von Marcel Hirscher?
10. Wie viele Tage bis Weihnachten?

Was? Deutschland
1. Wie geht Floss Dance?
2. Grundrente wie hoch?
3. Wie heißt das Baby von Prince Harry?
4. Wie unterschreibt die Queen?
5. Wie alt ist Mero?
6. Wie geht es Harald von den Wollnys?
7. Wie funktioniert die Europawahl?
8. Wie lange geht ein Handballspiel?
9. Wie alt ist Notre Dame?
10. Wie lange lebt eine Biene?

Wer, wann, wo?
1. Wer steckt hinter Ibiza-Video?
2. Wer schafft die Arbeit?
3. Wann wird es wieder wärmer?
4. Wo wurde die Pummerin gegossen?
5. Wo liegt Andorra?

Technik
1. iPhone 11 Pro
2. Samsung Galaxy S10
3. Huawei P30
4. Peugeot e-Legend
5. Tesla Cybertruck
6. Huawei P20 Lite
7. AirPods Pro
8. iOS 13
9. Huawei Mate 20 Pro
10. Disney+

Wirtschaft
1. Jö Club
2. Wirecard Aktie
3. Thomas Cook
4. Familienbonus Plus
5. Smyths
6. Neuro Socks
7. Hartwig Löger
8. Vignette
9. Apple Pay
10. refurbed

André Hellers „Spätes Leuchten“: Ein fliegender Klangteppich

Nach 35 Jahren musikalischer Pause überrascht André Heller mit neuen Liedern. Gregor Auenhammer begab sich auf eine Pilgerfahrt zu ihm nach Marrakesch

„Im Leben geht’s darum, dass man aus dem Entwurf eines Menschen durch beharrliches, sich treu bleibendes Arbeiten einen möglichst gelungenen Menschen macht.“

„Die permanente Verwandlung“ sei ihm die liebste seiner vielen Künste, sagt der manische Verwirklicher während eines Spaziergangs durch seinen Garten in Marrakesch. „Dass ich heute bewusst jemand anderer bin als gestern, weil ich aufmerksam etwas dazugelernt habe. Wenn mir jemand sagt, bleiben Sie bitte, wie Sie sind, antworte ich: Das ist kein guter Wunsch! Stillstand in der Entwicklung bedeutet ja, dass man seine Lebenszeit veruntreut.“

Unter dem Aspekt, Klischees des Seins und der Ästhetik stets neu auszuloten, erscheint André Hellers Entscheidung, in welcher Form er Erfahrenes und Erlebtes künstlerisch umsetzen möchte, in neuem Licht. Die unendlich vielen Drehungen eines Kaleidoskops will Heller erleben und mit unendlich vielen Bildern in die Welt hinein und hinaus schauen. Seiner Intuition und Inspiration folgend entstand Spätes Leuchten eben nicht als Erzählung, Roman, Aquarell oder Skulptur, sondern als Komposition feierlich arrangierten Sprechgesangs.

In den Klangbildern des neuen Albums tanzen Derwische, drehen Engel Pirouetten, exaltiert, exzessiv, entrückt, werfen irrlichternd Schattenrisse auf nächtliche Mauern. Schalmeien erklingen, brechen den Rhythmus von Trommeln, schmieden Allianzen mit Streichern, fügen sich in Klezmersounds à la Giora Feidman, in Walzerklänge eines Joseph Lanner und Blues à la Tom Waits.

Man hört Menschen ausgelassen lachen, tanzen, singen, musizieren. Piano und fortissimo. Aus dem Off klingenSchritte und Hufe von Pferden auf Pflastersteinen – atmosphärisch aufgenommen auf dem Djemaa el Fna in Marrakesch, dem Wiener Heldenplatz und der Piazza San Marco. Dämonen erwachen und verschwinden auf magische Weise.

Ein maghrebinisches Wiegenlied mündet in eine alte sephardische Melodie. Echte Weana Bazi und der Quiqui, der Wiener Tod, treffen auf gefallene Engel und einen als Elvis getarnten Satan. André Hellers Klangwelten sind maßstabsgetreue, fein ziselierte Abbildungen seiner Gedankenwelten selbst, sind die assoziative Fusion sorgsam ausgewählter Exponate der musikalischen Menschheitsgeschichte, gepaart mit den Klängen der Natur.

Da hört man den Wind zwischen Blättern, die Sonne auf Palmwedeln, die Erde zwischen wachsendem Getreide, exotisch singende Vögel, zischende Nattern, klappernde Schlangen der Versuchung und der Erkenntnis.

Heller, emeritierter Popzar, über die Jahrzehnte bekannt als Ermöglicher und Schöpfer von zirzensischen Abenteuern, Impresario erstaunender Varietés, Kurator von Shows und an das Paradies gemahnenden Zaubergärten, schichtet in seinem neuen Opus Wortkaskaden und Klangbilder wie Reisig zu Ballen und entzündet ein grandioses Feuerwerk an Ideen.

Begleitet von virtuosen Musikern wie „Glücksfall“ Robert Rotifer (der auch als Produzent fungierte), Voodoo Jürgens, Ina Regen, dem Nino aus Wien, der ja schon länger als Hellers legitimer Nachfolger gehandelt wird, Florian Sitzmann, Marwan Abado, Eloui, Martin Klein, Soundbastler Andy Lewis, Master Mike Thorne und anderen, stellte Heller, nach diversen Umwegen, vagen Aufschüben und langen Pausen, währenddessen ihm andere Projekte dringlicher waren, ein 16 Lieder umfassendes Album fertig.

Bewusst wechselt die Gesamtkomposition der Texte und Arrangements zwischen Virtuosität und Trivialität. Der Liedermacher bleibt sich als Sprachkünstler und Jongleur der Worte treu.

Wechselhaft flirrend und fiebrig, sanft und episch sind André Hellers neue Lieder. Schubertesk klingen manche Akkorde, manche hallen nach wie bei Bob Dylan, der Heller einst einen wichtigen Sprachmuskel nannte.

Das Musizieren war lange verschüttet, weder Sohn Ferdinand Sarnitz (Youngsters bekannt als Left Boy) noch seine Enkel wussten von Hellers Vorleben als Popstar, erzählt er in seinem nach Minztee und Räucherstäbchen aus dem Oman duftenden Refugium.

Heller war derart weit entfernt von der eigenen Vergangenheit, dass diese nahezu inexistent war. Trotz seiner Weltkarriere im Zusammenspiel mit ganz Großen wie Freddie Hubbard, Astor Piazzolla, Toni Stricker, Peter Wolf, Chaka Khan und vielen anderen. So war es ihm ein Bedürfnis, den Enkeln Lucky und Kiwi ein wenig von dem zu vermitteln, was das Wesen ihres „Nonno“ ausmacht.

Heller setzt einen Kontrapunkt zur allgegenwärtigen Beschleunigung, ohne unmodern zu sein. Im Gegenteil – er mischt wie üblich traditionelle Melodien mit modernen Rhythmen. Seine Schöpfung ist eine Art akustische Rauminstallation in Form einer exotischen musikalischen Fusionsküche. Appetitlich angereichert mit Gewürzen des Orients und Okzidents. Serviert abwechselnd als feine Happen wie Miniaturen und große elegische Epen.

Als Erzähler singt er von Einsamen, von Gestrandeten, von unglücklich Verliebten, Vertriebenen, Entwurzelten, aber auch von maßlos Glücklichen. Heller ist ein Prophet der stillen Worte, der leisen Töne – und des großen Pathos (sofern man das Faktum, dass jemand ernsthaft und dauerhaft nach der einzigen und unabdingbaren Wahrheit sucht und nach der reinen, bedingungslosen Liebe strebt, als pathetisch einschätzt).

„Jeder Ton sollte der im Moment Kostbarste sein“, schärfte er seinen Musikern ein. Dass sie diesen Wunsch verinnerlicht haben, ist im Ergebnis hörbar. Heller, selbst einer, der sich mit der Kraft des Geistigen, mit der Energie des Spirituellen beschäftigt, dürfte scheinbar selbst zum Schamanen geworden sein, dem die guten Geister hörig scheinen.

Heller wäre aber nicht er selbst, würde er nicht Fallstricke einziehen, Zweifel säen, den Finger in offene Wunden legen und auf Kontrapunkte und Kontraste zielen. „Spüts, Buaschn, spüts, bis ’s Herz an de Guagl klopft.“ Nein, über die Klinge lässt der erklärte Pazifist niemanden springen, auch wenn es noch so schrummt und schrammt wie beim bewusst besoffenen Papirossi. Schau oba, Quasi! (Helmut Qualtinger) Servas, H. C.! (Artmann, nicht Strache)

Erdig ehrlich, ja intim wird der Weltbürger, wenn er tief ins Wienerische driftet. Schade, dass die weder politisch korrekte noch jugendfreie Version von Saint Bob Dylans Du Engel Du nicht ihren Weg aufs Album gefunden hat.

„Zum Suchen zu früh, zum Finden zu spät“, lautet ein fast vier Jahrzehnte alter Vers auf André Hellers Album Abendland. Dessen Titelsong, gehalten im Stil eines getragenen Lamento, eines sakral anmutenden Gebets, beseelt vom einzigartigen Timbre Hellers, das ekstatisch in einen Gospelchor wechselte, war einst der Versuch, ein Glaubensbekenntnis abzulegen, erzählt André Heller mit Blick auf das Atlasgebirge. Ein aktualisiertes Credo findet man auf dem neuen Album.

Nahtlos knüpft Heller an sein früheres musikalisches Können an – und erfindet sich doch neu. Nach Millionen verkauften Schallplatten, zwölfmal Gold, siebenmal Platin, nach tausenden Konzerten, die ihm Überwindung und Kraft raubten, weil sie wider seine Natur waren, hatte Heller 1984 den Olymp der Popmusik verlassen.

Aus gesundheitlichen Gründen und persönlichen, weil er sich anderen Projekten widmen wollte und weil er damals der Meinung war, am Zenit des Erreichbaren angelangt zu sein – etwas, das er rückblickend allerdings als leicht überheblich empfindet.

Manche haben ihm das – wie vieles davor und danach – als Arroganz ausgelegt. In Wahrheit aber war das der konsequente Weg eines Menschen, der nach Qualität und Integrität strebt. Immerhin war der 1947 als Francis Charles Georges Jean André Heller-Hueart Geborene Gründungsmitglied von Ö3 (was damals Aufbruch und Avantgarde gegen den Schlager- und Operettensumpf bedeutete), der als DJ und Bürgerschreck in der bis heute legendären Musicbox Goldene Zitronen für Unerträgliches vergab.

Liebhaber intellektueller Chansons beweinen seine Abstinenz bis heute. Als Ersatz beehrt er die Welt als Bewahrer des Verlorengehenden, Zeremonienmeister des Exzentrischen und Außenseiterischen. Ohne sich auf die Niederungen des alltäglichen Kleinkriegs und Hickhacks einzulassen, ist Heller politisch. Mahnend, ermahnend.

„Wenn wir nicht begreifen, dass jeder mit allen anderen energetisch vernetzt ist, dass wir für einander Verantwortung übernehmen müssen und dass wir auf einem Planeten wohnen, der jeden Augenblick unseren äußersten, klugen, behütenden Einsatz benötigt, damit es ihn in Zukunft überhaupt noch in einer umfassenden Qualität geben kann, dann handeln wir verbrecherisch an uns selbst, unseren Kindern und deren Nachfahren. Es gibt Frauen, Männer und Kinder, die agieren wohl informiert, weise, liebevoll, beharrlich sowie mitfühlend, und es gibt diejenigen, die den Kopf in den Sand stecken, die bitteren Fakten negieren oder verharmlosen und das längst Überfällige boykottieren. So einfach und so schwer ist das.“

Bezogen auf die aktuelle Situation will Heller auf gute Energien hoffen, auf dass wir eine Regierung kriegen, die „wie unser Bundespräsident“ registriert, worum es in der Zukunft geht. „Wenn sich die Demokratien, ihre Parlamentarier und Parteien sowie alle gesellschaftspolitisch wesentlichen Gruppierungen nicht ohne Zaudern der Avantgarde der Retter anschließen, werden wir in einem Maß als Versager und Schuldige in die Weltgeschichte eingehen wie keine Generation davor.“

Er glaube nicht mehr an tradierte Rollen von links und rechts. Ebenso bezweifelt er, dass es eine Gruppierung gibt, die im alleinigen Besitz der Wahrheit ist.

„Wir sind von der Drastik der Tatsachen aufgerufen, dafür zu sorgen, dass eine von Vernunft, Lauterkeit und Courage getragene friedliche Revolution zum Schutz unseres, an Herrlichkeit so überreichen Himmelskörpers, alle Schichten der Gesellschaft durchflutet. Man darf die Verhinderer aber nicht beschimpfen, sondern muss sie mit Leidenschaft und den besseren Argumenten überzeugen. Die Klimakatastrophe, die ich auch als große Chance für weltweite Solidarität und Auflösung des Nationalismus begreife, schafft ja Tag für Tag brachiale Erlebnisse und Veränderungen, die eine immer größere Menge Menschen am eigenen Leib erfährt. Diese persönliche Anbindung am Schrecken wird das Umdenken mit Sicherheit beschleunigen. Aber hoffentlich letztendlich noch rechtzeitig.“

Hellers Vers „Dieser Stern ist uns doch nur geliehen / von Künftigen, die nach uns sind“ ist heute aktuell wie damals. Diese utopisch anmutende Vision aus Erhebet Euch Geliebte könnte heute, 36 Jahre nach Entstehen, die Hymne der Fridays-for-Future-Bewegung sein. Als Muttersprache empfiehlt er Weltenbürgern „Mitgefühl“.

Auf die Frage nach einem freien Wunsch für all unsere Nachkommen nennt der Prophet der klaren Worte Würde und Verantwortung. Ewig grantelnde Nörgler in der Heimat erinnert er daran, dass wir hier in Österreich den Haupttreffer in der Glückslotterie gezogen haben, was Raum und Zeit betrifft. Bestes Beispiel, dass man auch als Einzelperson Veränderungen bewirken kann, ist Hellers Refugium in Marokko. „Anima“, benannt nach der Seele, von ihm als „befreundetes Glücksterritorium“ bezeichnet, ist ein Ort, für den das Wort Staunen offenbar erfunden wurde.

„Um das Jahr 2005“, sagt Heller, habe ihm eine innere Stimme zugeflüstert, „brich deine Zelte in Europa ab und verwirkliche in Afrika einen weitläufigen Ort von Schönheit, Sinnlichkeit, Heilung, Kontemplation, Frieden, Kühle und höchster ökologischer Qualität und erschaffe für Marokkanerinnen und Marokkaner einige dringend benötigte, dauerhafte Arbeitsplätze. Viele haben das zunächst für den Luxusspleen eines verwöhnten ,Fratzn‘ gehalten, aber heute müssen sie wohl zugeben – und ich sage das, ohne zu erröten –, dass ich nichts Klügeres hätte tun können. Besucher aus aller Welt und viele Einheimische kommen und finden dort Freude, Ruhe, Ermutigung, Trost – je nachdem, wonach sie gerade auf der Suche sind.“ Heller ist sich der Verantwortung bewusst. In den letzten Jahren hat er – auf eigene Kosten – drei Wasserleitungen, eine Schule, eine Ambulanz gebaut und hunderte Arbeitsplätze geschaffen. Wissend um die Hybris des Scheiterns: „Aber die Götter wollten es anders.“

Als Beispiel der politischer Dimension seiner Songs gelten aber auch die dichotome Hommage an Wiener Judenkinder und Otis Redding, an den Wiener Kasperl und den Zauber des Maghreb, das jiddische Volkslied Dem Milners Trenn oder die in englischer Sprache intonierten Popperlen Maybe it’s true und My River, mit dem Heller sich – Virginia Woolf salutierend – vorläufig verabschiedet.

Aus der Art gerät einzig das getriebene, ins Hysterische kippende Mutter sagt. Heller wird am besten wissen, warum. Zwischendurch huldigt er privaten Göttern, Säulenheiligen, persönlichen Helden respektive Heroinen. Sehnsucht nach der Liebsten ist von besonderer Anmut und Intimität. Ebenso sein Zugang zu Vergänglichkeit und Tod, der trotz aller Präsenz positiv und versöhnlich erscheint.

Jedes Chanson steht für sich, darf für sich wirken, dennoch ist das Album, das übrigens für Gralshüter des Analogen auch als Schallplatte auf Vinyl gepresst wurde, in seiner Gesamtkomposition stringent und ergibt ein großes Ganzes. Keineswegs eine anämische Soundtapete, sondern ein lebendig-pulsierender, von Weltbürgern sorgsam gewobener fliegender Klangteppich.

Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, dass es eine Art Rückkehr zu den Wurzeln ist, wenn ein anerkannter Universalkünstler wie Heller es wagt, nach 35-jähriger musikalischer Pause ein Album neuer Lieder zu publizieren.

In Wahrheit aber ist das mehr als ein Wagnis, ist das eine bewusste Versuchung der Hybris, ein Drahtseilakt ohne Netz, eine selbstinszenierte Versuchung der Saturiertheit. Verweigerung von Erwartungshaltungen war früher Teil des Heller’schen Konzepts, ebenso Provokation. Heute klingt er hingegen versöhnlich.

Auch Verrat und Verleumdung, Schuld und Sühne, Angst und Missgunst, Trauer und Tod sind Themen dieser späten Lieder. „Sterben bedeutet für mich alles hinter sich lassen, das man zutiefst nicht ist. Aus dieser Hülle, mit deren Hilfe ich mich in der Polarität ausbilden durfte und darf, werde ich dankbar aussteigen, um in höhere Dimensionen heimzukehren.“

Angst vor dem Tod habe er nicht, sagt er, denn das hieße ja, Angst vor dieser Heimkehr zu haben. Poetisch überträgt sich dies im Vers „Auch der Tod ist Zärtlichkeit“ oder repetitiv im Refrain „Doch in ihren alten Seelen wachsen Damaszener Rosen (…), die ganz unvergleichlich sind“.

Das Album wirkt wie eine Inventur, die melancholisch und wehmütig stimmt. Das liegt nicht nur an so manch nostalgischem Zitat wie „Damals, als damals noch damals war“, Geschichten aus der Kindheit, den immer wiederkehrenden Dämonen, dem ständigen Sich-Hinterfragen, sondern wohl auch am immer wiederkehrenden Topos der Wiener Todessehnsucht. Trotz alle dem regieren aber auch Optimismus und Hoffnung sowie die Freude an einem stillen Glück.

Musikalisch manifestiert sich Hellers Weltsicht in seinem Zärtlichkeitsvermächtnis Hab so Sehnsucht sowie anschließend in seinem Glaubensbekenntnis Esgibt. Dieses – man kann, nein, man muss es so nennen – Jahrhundertlied beginnt ganz sanft, ganz leise, nur begleitet am Klavier, steigert sich langsam und endet in einer wuchtigen Symphonie mit großem Orchester. Die mit einem neuen, monumentalen Text versehene Komposition von Claudio Baglioni erinnert an alte Heller-Klangperlen wie Erhebet Euch Geliebte, die Trilogie eines Traums,Wia mei Herzschlag oder Verwunschen. André Hellers einzigartiges Timbre kulminiert in den Worten: „Es gibt ein brennendes Verlangen nach Würde und Geborgenheit / nach Zärtlichkeit und Frieden / Es gibt die Hoffnung auf die Freude und die Gewissheit, nie genug lieben zu können, / und Liebe / Liebe ist bedingungslos.“

Spätes Leuchten beinhaltet die Weisheit von einem, der nach langer Odyssee mit sich selbst Frieden geschlossen hat, enthält Be- und Erkenntnisse eines ewig Suchenden, der angekommen ist. Heller schlichtet Buchstaben zu Psalmen und zelebriert ein Hochamt: „Alles in allem, vom Glück verfolgt / Alles in allem, gesegnet …“ (Gregor Auenhammer, 16.11.2019)

Manspreading (Doris Knecht)

Googel das doch bitte einfach mal selber
DORIS KNECHT — KOLUMNEN & ZOO, FALTER 46/19 VOM 13.11.2019

Die satirische Tagespresse titelte letzte Woche: „Erstmals ohne Manspreading U-Bahn gefahren: Mann fallen Hoden ab“, eine tipptopppräzise Antwort zu den Reaktionen auf die „Halt deine Beine zam“-Kampagne der Wiener Linien.

Würde man nur ganz isoliert den Shitstorm rezipieren, den diese Kampagne auslöste, man käme zu dem Schluss, die Wiener Linien hätten „Manspreading“ erst letzte Woche gemeinsam mit ein paar radikalfundamentalistischen Männerhasserinnen aus der Luft gegriffen und zu einem abartig-abstrakten, völlig unrealistischen Konstrukt aufgeblasen, um weiter auf die von #MeToo eh schon völlig gedemütigten Männer einzuprügeln und daraus schnelles Marketingkapital zu schlagen.

Man würde aus den Reaktionen nicht ableiten können, dass es sich um ein international seit Jahren debattiertes Problem handelt, auf das zahlreiche Metropolen mit öffentlichem Verkehr mit ähnlichen Kampagnen reagierten. Tokio kampagnisierte 2012 gegen Manspreading, New York 2015, Madrid 2017, Washington 2019. Der Guardian zeigt online eine kleine Sammlung weiterer Anti-Manspreading-Kampagnen, darunter eine des New York Board of Transportation aus dem Jahr 1947.

Aber bei uns wird das Thema wieder als eine dieser Debatten geführt, in denen Feministinnen jedes Mal ganz von vorne anfangen und Leuten das kleine Einmaleins erklären sollen, die eigentlich eh den ganzen Tag im Netz herumhoppeln und sich leicht selbst ergoogeln könnten, was, wie und wo zu einem Thema schon alles publiziert und debattiert wurde.

Stattdessen prasseln Wörter wie „aufhussen“ und „Vernaderung“ aggressiv auf die nieder, die es ohne Aggression begrüßen, dass die Diskussion nun auch in Österreich angekommen ist. Und letztlich kommt dann auch diese Debatte wieder an einem schon länger bekannten Punkt an: Wenn so viele Männer das nicht gern hören, vielleicht sollten wir’s dann lieber nicht mehr sagen? Das ist aber halt auch der Punkt, an dem wir entscheiden, ob wir das mit der Gleichberechtigung lieber lassen sollen, weil sie für viele Männer so unbequem und brüskierend ist. Weil sie alle schon so nervt.

Feminismus und der Kampf um Gleichberechtigung sind aber halt kein Beliebtheitswettbewerb. Natürlich hätten auch die Wiener Linien ihre Kampagne anders anlegen können, auf Twitter las ich von einer, ich glaube, schwedischen Metro-Kampagne, die ganz geschlechtsunspezifisch einen Sitz pro Person propagiert, was auch sitzergreifend abgestellte Taschen von Frauen einschließt und die Männer nicht so ärgert. Aber es sind nun mal meistens Männer, die im öffentlichen Verkehr mehr Platz beanspruchen, und wem es bisher noch nicht aufgefallen ist, dem wird es jetzt auffallen.

Das ist natürlich Absicht, das will die Kampagne bewirken: Sie verändert den Blick. Auch bei denen, die das Problem zornig bestreiten. Verhaltenskorrektur follows Bewusstsein follows Wahrnehmung; so.

those untranslatable words

Those untranslatable words that teach us how to travel better
by Brian Johnston

Anyone who enjoys travel should appreciate the Dutch word voorpret. Literally translated as „pre-fun“, voorpret refers to the pleasant anticipation of a forthcoming event. Yet it’s more than just looking forward to something, in which the focus is on the future. It’s more about the here-and-now pleasure that comes in the preparation.

Surely there’s no keener manifestation of voorpret than preparing for a journey. Pleasure can be found in the turn of pages in a holiday brochure, in reading guidebooks, in planning what you’re going to see and where you’re going to eat. When I first started travelling, my voorpret would last for months. As a university student heading to Greece, I surrounded myself with maps and history books, read novels set in Greece, plotted which islands I was going to visit.

As my life became busier, the voorpret dwindled. And as travel information moved online and became ever more ubiquitous and readily available, I began to do my research on the hoof. It was easier to check out local restaurants online a half-hour before dinner, or details of the Parthenon’s architecture even as I sat beneath its columns. Eventually, though, I realised anticipation had been sacrificed. The pre-fun had been lost, and my life was a little less rich.

It was coming across the Dutch word that reminded me something was missing. Since discovering it, I’ve taken time once more for some old-fashioned preparation. I was in Greece again this year, and before I went, dug out my old history books. I reread Captain Corelli’s Mandolin and took the time to study the difference between Doric and Ionic columns. I enjoyed Greece twice, once in my head before I went and again when I was there.

There are other foreign words that might teach us how to travel better. They’re often described as untranslatable, which isn’t really true – although it might take a few sentences to explain their subtleties. Nor do I believe that foreigners are graced with special insights. The Japanese aren’t the only people who can appreciate filtered sunlight through trees, even if they have the special word komorebi to describe it. Such joys are universal.

Still, what strikes you when you travel and tune into language is the ways in which that language is used to shape thought. Paying attention to concepts that lack easy English words gives you an insight into another society’s philosophy and aesthetic sensibility, and the qualities it particularly values. In the last few years, whole self-help industries have arisen around concepts such as hygge (Danish cosiness), lagom (Swedish just-enough-ness) and Marie Kondo’s joy-sparking tokimeku, a word more commonly used to mean „flutter“ or „throb“.

Few people are associated with esoteric words as much as the Japanese. Their language abounds with clever philosophical vocabulary to make you marvel, such as wabi-sabi (the beauty to be found in impermanence or imperfection) and omotenashi, the philosophy of thoughtful, considerate acts that results in the country’s impeccable customer service. It could be that we all travel in search of ukiyo, literally a „floating world“ in which we live in the moment, detached from life’s worries.

But what can we learn from such terms? Perhaps to sit a moment longer in contemplation of the cherry blossoms, which erupt in such beauty yet die so suddenly. Perhaps to get up early, step outside and listen to early birds sing, an experience for which Swedish provides the word gokotta. Perhaps to indulge in spontaneous urban meandering that leads to pleasant discoveries, which the French call a derive or „drifting'“.

Certain cultures share certain concepts, and we’d do well to enfold ourselves in them while travelling. Only in dark, chilly northern nations can you really appreciate the almost existential nature of cosiness encapsulated in the German word Gemutlichkeit, hygge and a dozen others. This isn’t just the creation of a warm atmosphere of crackling fires, candlelight and wood-carved interiors. It’s about appreciating rustic simplicity, tradition, the company of family and friends. If you sit in a posh, minimalist Copenhagen hotel room watching CNN or checking your work emails while on holiday, that’s the antithesis of all that hygge stands for.

All humans understand hygge, but it’s hard to truly live it in a sunny climate. Similarly, there are Mediterranean rituals that just wouldn’t work on the Baltic, as you’ll discover if you join the passeggiata, the pre-dinner stroll along the main street in Italian towns. It’s a timeless ritual that involves dressing well, gossip with neighbours and aimless relaxation, and relies on a balmy climate. The Greeks call it the volta, the Portuguese passeio, the Spanish passeo.

The Spanish have the sobremesa too. It’s the after-lunch, mid-afternoon slump around cafe tables in sunny plazas, when the whole afternoon can drift away with drinks and conversation in the pleasant acceptance that life is about more than work. As a traveller, you can charge around all the cathedrals and palaces you want, but you haven’t soaked up Spain until you’ve wasted half a sobremesa day away.

Contrary to stereotypes, there are idle moments to be enjoyed elsewhere. The Germans have their Feierabend or „celebration evening“, a complete disconnect from the office for a moment of carefree, do-nothing wellbeing. The Dutch have their uitwaaien, a walk in the countryside that clears the mind. The Norwegians, admittedly, only occasionally get to enjoy an utepils, literally „outside lager“, a beer outdoors on a sunny day, especially the first sunny day of the year. It’s a niche word, but conveys all the particular joy of a blue-sky afternoon in a cold climate.

There are various niche activities that we all might enjoy, even if we don’t have a word for them. Who doesn’t secretly long to cast off their clothes in some uninhibited dancing? That’s mbuki-mvuki in Swahili, from which boogie-woogie is purportedly derived. Who doesn’t enjoy walking across warm sand (hanyauku)? That’s apparently a Kwangali word, though perhaps the Namibian who told me so was pulling my leg.

The Italians in particular must appreciate the pleasant drowsiness that overcomes you after a good meal, since they coined the word abbiocco to describe it. The Germans like the solitary feeling of walking alone in a forest, Waldeinsamkeit. And what is it about the Turkish mind that especially delights in light reflecting in water? That’s yakamoz, and can be used for anything from moonlight to the glitter of swimming fish.

Some words are ambivalent. I love the Swedish term resfeber for the fluttering mix of excitement and anxiety that might keep you awake before a journey. But is there a word for the sheer delight that sometimes overwhelms us after we’ve set off? Not that I know of. The upwelling of emotion encapsulated by the Arabic word tarab is usually used only in the context of music. The Spanish call it duende, the power of a performance to make your nape prickle or move you to tears. Such a feeling is what we want when we travel and occasionally find, whether at the Taj Mahal, the summit of a mountain or a wild-animal encounter.

Cherish those moments, though. The Italians may have a warning about attempting to recreate them. Going back to travel destinations where we were once particularly happy is a mission fraught with disappointment. The dismissive Italian phrase cavoli riscaldati (literally „reheated cabbage“), used to describe a doomed attempt to revive a love affair, might be applied. You visit a destination you loved in your youth but find both it and you have changed. You find traffic jams, a rash of souvenir shops and fast-food stores where once there were rice paddies and temples piled with pyramid offerings of fruit.

Who else but the Germans would have a word (Weltschmerz) for the feeling of sentimental sadness and world-weariness that seeps into you in such moments? The German language has all kinds of melancholy words for complicated thoughts. And some delightful ones, too. Like Fernweh, the longing for faraway places that might overcome you on a rainy winter’s day, and Sehnsucht, the yearning for something indefinable that can be evoked by anything, from the sound of waves on a shoreline to the lonely sight of birds flying overhead in a big sky. A lovely notion in any language.

Rudolfinerhaus

Rudolfinerhaus
Aufenthalt: Die ruhige Lage am Rande des Wienerwaldes sowie fortschrittliche Behandlungsmethoden, individuelle Betreuung und stilvolles Ambiente, machen die Rudolfinerhaus Privatklinik zur ersten Adresse für Ihre Gesundheit. Speziell ausgebildete Hotelfachkräfte sorgen für eine intensive Rundum-Betreuung abseits der medizinischen Pflege. In den über 100 stilvoll eingerichteten Komfortzimmern stehen Kabel-TV, Telefon sowie ein kostenloser Internetzugang/Wlan zur Verfügung.
Zimmer im Rudolfinerhaus: In unseren Komfortzimmern steht jedem Patienten ein eigener A1 Entertainment Terminal mit vielen TV-Programmen und Internet-Zugang zur Verfügung. Auch der persönliche Morgenmantel, Badesandalen, elektrisch verstellbare Betten und die tägliche Zeitung ans Bett gehören im Rudolfinerhaus zur Standardausstattung.
Hotelservice: Ihre persönlichen Gastgeber sind unsere Teams vom Hotelservice. Sie helfen Ihnen bei der Menüauswahl und erfüllen gerne die Wünsche, die nicht in den medizinischen und pflegerischen Bereich fallen. Dazu zählen das fachgerechte Servieren der Speisen, die individuelle Vorbereitung der Zimmer sowie die Vereinbarung eines Friseurtermins oder die Organisation eines Laptops.
Küche: Gute und vor allem bedarfsgerechte Ernährung spielt gerade im Krankheitsfall eine wichtige Rolle. Bestens ausgebildeten Köche und Diätologinnen kümmern sich um die passende Ernährung für unsere Patienten.
Restaurant: Sie können, bei vorheriger Reservierung über das Hotelservice, Ihre Hauptmahlzeiten auch im Restaurant einnehmen. Selbstverständlich steht Ihnen in diesem Restaurant auch ein saisonales À la carte-Angebot zur Verfügung.
Neben einer Auswahl von Zeitschriften, Zeitungen und Büchern sowie Artikeln für den täglichen Bedarf, bietet der Shop im Restaurant auch Schokolade, Pralinen und kleine Snacks.

Die Frau, die nicht verschwinden will

„Die Frau, die nicht verschwinden will“ von Corinna Milborn im Falter
Natascha Kampusch hat ein spannendes Buch über den Hass im Netz verfasst. Darin beschreibt sie patriarchale Strukturen in Österreich, die Frauen wie sie lieber im Keller sieht

Wie halten Sie das alles aus?“, fragt der deutsche Talkshow-Moderator. „Na ja, ich muss ja“, antwortet Natascha Kampusch. Er fragt nach: „Man kann auch sagen, ich beende das jetzt. Haben Sie jemals über solche Dinge nachgedacht?“

Natascha Kampusch hat ein Buch über Internet-Hass geschrieben. Es ist kein Schicksals-, sondern ein Sachbuch, das ihre persönlichen Erfahrungen einbezieht, zumeist aber auf Recherchen und klugen Gedanken zu Internet und Hass aufbaut. Doch Journalistinnen und Journalisten, die sich immerhin um das Interview bemüht und Kampusch dazu eingeladen haben, stellen alle diese Fragen: Warum sprechen Sie? War­um sind Sie schon wieder in der Öffentlichkeit? Warum sind Sie überhaupt hier? Oder gar: Haben Sie daran gedacht, sich umzubringen?

Bei diesen fürsorglich gestellten Fragen nach der schieren Existenzberechtigung in der Öffentlichkeit schwingt eine Gereiztheit mit, die bei den Kommentaren von ano­nymen Passanten auf der Straße oder im Netz dann blank daliegt: Natascha Kampusch solle verschwinden. Sich selbst töten. Sie solle zurück in den Keller. Sie hätte nie aus dem Keller freikommen sollen. Das sind einige der Kommentare, über die Natascha Kampusch in ihrem Buch „Cyberneider“ schreibt.

Der Hass auf diese junge Frau, deren Schicksal als entführtes Kind jahrelang das ganze Land bewegt hat, scheint auf den ersten Blick unverständlich. Natascha Kampusch hat als Kind einem brutalen, rechtsextremen Verbrecher widerstanden, der ihr nicht nur ihre Freiheit geraubt hat, sondern ihre Persönlichkeit auslöschen wollte. Sie hat als Jugendliche immense Gewalt überlebt und sich als junge Erwachsene schließlich selbst befreit. Warum freut man sich nicht täglich über ihre Befreiung und feiert sie wie eine Heldin?

Die Antwort liegt erschreckend nahe in den patriarchalen Grundstrukturen unserer Gesellschaft, die – das zeigt der Fall Natascha Kampusch jeden Tag – nur von einer dünnen Schicht von Zivilisation und Gleichberechtigung überzogen sind. Blicken wir nur ein paar Jahrhunderte oder gar Jahrzehnte zurück: In einer patriarchalen Gesellschaft ist es erstens nicht vorgesehen, dass junge Frauen in der Öffentlichkeit stehen. Nur wenn sie der Unterhaltung von Männern dienten, durften junge Frauen sich zeigen. Als Persönlichkeiten nie.

Mädchen wurden zweitens in zwei Kategorien eingeteilt. Die einen werden jungfräulich und verschleiert vom Vater an den Bräutigam übergeben und leben fortan re­spektiert unter dem Schutz, aber auch in einer Art Leibeigenschaft des Mannes. (Das war vor kurzem noch gesetzlich verankert: Noch in den 1970er-Jahren brauchten Frauen die Genehmigung des Ehemannes, um arbeiten zu dürfen, und dass Männer kein Recht haben, ihre Ehefrauen zu vergewaltigen, wurde in Deutschland erst in den 1990ern klargestellt.)

Die Mädchen hingegen, die keine „schützenden“ Väter haben oder trotzdem von einem gewalttätigen, sexualisierten Angriff getroffen werden, sind „geschändet“: Die Schande des Übergriffs klebt an den Opfern, nicht am Täter, und nimmt ihnen Wert und Rechte. Sie werden, sofern sie nicht getötet werden, zu „beschädigter Ware“, verlieren ihren Status, ihr Recht auf Familie und haben zur Verfügung zu stehen.

Diese Muster sitzen tief. Schon die bloße Anwesenheit einer jungen Frau in der Öffentlichkeit, die nicht zur Unterhaltung von Männern dient, weckt tiefe Aggressionen (man kann das gerade bei Greta Thunberg gut beobachten). Doch wenn gar eine Betroffene von Gewalt sich weigert, sich mit dem ihr zugewiesenen Platz zufriedenzugeben, brennen die Sicherungen durch. Genau das ist bei Natascha Kampusch der Fall: Sie weigert sich, im Dunkeln zu verschwinden. Und das reizt viele aufs Blut.

Somit hat sie sich, wie sie es selbst beschreibt, von einem Täter befreit, nur um von vielen Tätern umringt zu werden, die das Verbrechen vollenden und sie zum Verschwinden bringen wollen. Auch wer ihr vermeintlich fürsorglich rät, doch ihren Namen zu ändern und ins Ausland zu übersiedeln, tut nichts anderes. Natascha Kampusch hatte keine Wahl, an die Öffentlichkeit zu gehen oder nicht – ihr Name und ihr Gesicht waren acht Jahre lang fast wöchentlich in den Medien. Sie selbst hat sich mit unglaublicher Stärke der Folter widersetzt, mit der der Täter ihre Persönlichkeit brechen und sie ihren Namen vergessen lassen wollte. Warum hätte sie im Moment der Befreiung auf ihren Namen, ihre Persönlichkeit und ihre Geschichte verzichten sollen? Doch bis heute fordert das täglich jemand von ihr – mal voll Hass, mal mit vermeintlicher Sorge. Dass das gerade in denselben Medien geschieht, die ihre Privatsphäre nach ihrer Befreiung bis ins Letzte verletzt haben, ist besonders perfide.

Kampusch hält durch ihre bloße Anwesenheit in der Öffentlichkeit der Gesellschaft einen Spiegel vor – und jener Teil der Gesellschaft, der nicht hineinsehen will, versucht, sie zu verjagen. Denn das Opfer, das sich weigert zu verschwinden, zeigt, was möglich ist: in einem biederen Haus, in einem biederen Ort, von einem ganz normalen Österreicher, der immer freundlich gegrüßt hat. Das will man nicht wiederholt vor Augen haben. Darüber will man nicht sprechen. Die Schmutzwäsche wäscht man bitte zu Hause. Die eigenen Verbrechen bleiben bitte im Keller. Und wenn sich dann jemand aus dem Keller befreit, dann soll diese Person bitte verschwinden.

Denn Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist auch heute nur dann breit geächtet, wenn das auch in patriarchale Muster passt: Dann, wenn „andere“– Ausländer, Muslime – sich an „unseren“ Frauen „vergreifen“. Und wenn es schon kein „anderer“ war, so muss es ein Kartell, eine Mafia sein – mit Verbindungen in höchste Kreise, sicher ins Ausland! –, die man männlich jagen kann, um die Jungfer zu verteidigen.

Bis in höchste Justiz- und Polizeikreise hin­ein wurde Natascha Kampusch jahrelang unterstellt, weitere Täter zu schützen, die es – wie schließlich auch diese Ermittler zugeben mussten – nie gegeben hatte. Teile von Justiz und Polizei suggerierten damit eine Komplizenschaft mit vermeintlichen Mittätern und gaben Kampusch für den Hass der Onlineforen frei, wo die Kommentare deutlicher waren: Sie habe, war hundertfach zu lesen, ihre eigene Entführung als kleines Kind geplant und erlitten, um danach Kapital daraus zu schlagen. Dass der Mechanismus, Opfern selbst die Schuld zu geben, selbst bei einem entführten Kind funktioniert, ist absurd. Doch es wirkt offenbar erleichternd, das Opfer zur Täterin zu machen, wenn man die Tat nicht aushält.

Diese Zurechtweisungen kommen keineswegs nur von Männern – es ist ein großer Teil der Gesellschaft, der sich da zusammentut und sagt: Sei still, das gehört sich nicht. So wie das Patriarchat nicht von Männern, sondern von den älteren Frauen aufrechterhalten wird, so sind es oft auch ältere Frauen, die Kampusch auf der Straße beleidigen und anspucken. Und Interviewe­rinnen, die in bester patriarchaler Tradition annehmen, dass nie glücklich werden darf, wer Opfer männlicher Gewalt wurde: Die in Fragen gekleideten Annahmen, Kampusch würde nie im Leben einem Mann vertrauen, nie eine Familie gründen oder Kinder bekommen können, gehören zu den verletzendsten. Als wäre das Leben einer Frau auch heute noch am Ende, sobald ein Täter es berührt hat. „Es liegt wohl nicht nur an mir, ob ich jemandem vertrauen kann“, antwortet sie mittlerweile routiniert.

Natascha Kampusch pariert all diese Fragen, die ihr Glück, eine Stimme, gar die Existenzberechtigung absprechen wollen, mit stoischer Ruhe und trockenem Humor. Sie entgeht mit kurzen Sätzen und Gegenfragen der Bloßstellung und legt dabei oft schmerzhaft die Geisteshaltungen der Interviewer offen. Und nie steigt sie darauf ein, dass es nun genug sei mit dem öffentlichen Auftreten: Sie hat sich befreit, um zu bleiben, und sie weicht nicht. Im Gegenteil: Sie ist Akteurin – und schreibt, weil sie schon als Kind Reporterin werden wollte.

„Cyberneider“ schöpft aus ihren eigenen Erfahrungen als eines der ersten Opfer von Onlinehass in den jungen, unmoderierten Foren der österreichischen Tageszeitungen und den Anfängen von Social Media. Kampusch beschreibt aber weit darüber hin­aus Mechanismen von Onlinehass, schildert Fälle und zeigt Verbindungen zwischen verschiedenen Formen der Diskriminierung auf – etwa wie oft Sexismus und Rassismus Hand in Hand gehen. Es ist ein leicht lesbares und verständliches Buch entstanden, das besonders für junge Leute geeignet scheint – und das Natascha Kampusch auch in Schulen vorstellen will. Unter dem Hashtag #Cyberunity schlägt sie zehn Regeln für eine bessere Kultur im Internet vor.

Das tut Natascha Kampusch nicht nur im Buch und in Interviews, sondern an dem Ort, der ihr am meisten Hass zugespült hat – im Netz. Sie betreibt Social-Media-Accounts, liest selbst, antwortet oft selbst. Warum sie sich das antut? „Weil ich es kann“, antwortete Natascha Kampusch bei ihrer Buchpräsentation und lacht. Das Lachen und der Applaus, der zurückschallt, ist befreiend und zeigt: Es gibt auch den anderen Teil der Gesellschaft. Den, der will, dass Natascha Kampusch weiter dasteht. Und der sie dafür feiert, dass sie nicht weicht: als Heldin.

Corinna Milborn
ist Info-Chefin bei Puls 4/Puls 24. Sie hat Natascha Kampusch beim Schreiben ihrer Autobiografie „3096 Tage“ unterstützt

A gfäuda Tog – Wolfgang Ambros

I waß ned, i waß ned, es is so komisch
mir kummt heit ois so unguat vua.
De Sunn scheint und de Leit san freindlich
oba i fäu in ana Dur.
Heit is‘ genau wia i’s ned mog
heit is a ganz a g’fäuda Tog.
Heite bin i wieda schlechte Laune.
Der Tog der woa fia mi a Griff in’s Braune.
Heit bin i wieda völlig down.
I bin so down i kann mi ned anschau’n.
Der Tog, der hod mi wieda um Joahre zruckg’haut.
Der Tog, der hod ma wieda ollas vasaut.
I waß ned, irgendwos hod g’föht.
I hob ma söba s’Haxl g’stöht.
I hob wos g’suacht und hob nix g’fund’n
und i hob nur de Zeit heit g’schund’n.
An Tog wia heite diaft’s ned geb’n.
A so a Tog is a Gefoa fia’s Leb’n.
I hob ma vü Gedank’n g’mocht.
Des hod ma leida a nix brocht.
Aus nix is weniga no wurd’n.
I hob de Übasicht valuan.
Heit is‘ genau wie is ned mog,
heit is a ganz a g’fäuda Tog.

Small Kindnesses by Danusha Laméris

I’ve been thinking about the way, when you walk
down a crowded aisle, people pull in their legs
to let you by. Or how strangers still say “bless you”
when someone sneezes, a leftover
from the Bubonic plague. “Don’t die,” we are saying.
And sometimes, when you spill lemons
from your grocery bag, someone else will help you
pick them up. Mostly, we don’t want to harm each other.
We want to be handed our cup of coffee hot,
and to say thank you to the person handing it. To smile
at them and for them to smile back. For the waitress
to call us honey when she sets down the bowl of clam chowder,
and for the driver in the red pick-up truck to let us pass.
We have so little of each other, now. So far
from tribe and fire. Only these brief moments of exchange.
What if they are the true dwelling of the holy, these
fleeting temples we make together when we say, “Here,
have my seat,” “Go ahead — you first,” “I like your hat.”

Joachim Ringelnatz – Ich hab dich so lieb

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
eine Kachel aus meinem Ofen schenken.
Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei–verjährt–
doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
ist leise.
Die Zeit entstellt alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.
Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache in einem Sieb.
Ich habe dich so lieb.

Das Blutopfer für die Mobilität

Das Blutopfer für die Mobilität (Falter) von Thomas Rottenberg, 13.08.2019
Der Tod zweier Kinder in einem Fahrradanhänger wirft – wieder einmal – eine Frage auf: Wieso sieht die Politik das Auto immer noch als das Maß aller Dinge?

In Wirklichkeit ist es ganz einfach. „Fahren auf Sicht“ nennt es die Straßenverkehrsordnung. Das wird auch jedem Fahrschüler eingebläut. Und falls jemand Paragraf 20 der Straßenverkehrsordnung (StVO) nicht versteht, erklärt der Oberste Gerichtshof (OGH), wie er zu lesen und zu befolgen ist: „(…) Fahren(…) auf Sicht bedeutet, dass ein Fahrzeuglenker seine Fahrgeschwindigkeit so zu wählen hat, dass er sein Fahrzeug beim Auftauchen eines Hindernisses rechtzeitig zum Stehen bringen und zumindest das Hindernis umfahren kann. (…) Diese Pflicht besteht auch auf Freilandstraßen. Fährt ein Kraftfahrer bei Dunkelheit mit Abblendlicht, dann hat er (…) grundsätzlich mit einer Geschwindigkeit zu fahren, die ihm das Anhalten (…) innerhalb der Reichweite des Abblendlichts gestattet.“

Doch als vorletzte Woche ein 60-jähriger Wiener in der Dämmerung mit seinem Pkw nahe Wien einen Fahrradkinderanhänger mit zwei Kleinkindern so heftig rammte, dass Anhänger und Insassen samt Zugfahrzeug und Radfahrerin 15 Meter in ein Feld katapultiert wurden und die beiden Kinder ums Leben kamen, gaben Medien und Autolobby umgehend die Debattenrichtung vor: Wie gefährlich sind Fahrradanhänger? Wie unverantwortlich ist es, Kinder damit zu transportieren? Wie kann man solche Unfälle vermeiden? Der Lösungsansatz kam postwendend: Die FPÖ stellte die Forderung nach einem Verbot von Fahrradkinderanhängern (und auch gleich Lastenfahrrädern) in den Raum. Verkehrsminister Andreas Reichhardt (FPÖ) kündigte an, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu Kinderbeförderung auf dem Rad unter die Lupe zu nehmen. „Um den Schutz der Kinder im Straßenverkehr bestmöglich gewährleisten zu können“, sehe er „Handlungsbedarf“. Auch bei E-Bikes.

Die Schlüsselbegriffe der Aussendung waren Textelemente wie „möglicherweise zu wenig umsichtiger Fahrstil“ der Radfahrer per se: So funktioniert Framing. Reichhardt wurde überall zitiert. „Fahren auf Sicht“ kam nirgendwo auch nur am Rande vor.

Medial ebenso wenig wie vonseiten der Verkehrssprecher anderer Parteien. Im Autofahrerland Österreich nennt man bestimmte Probleme lieber nicht beim Namen.

Doch abgesehen von der Rechtslage und der (nicht abgeschlossenen) Analyse dieses einen Unfalls gibt es Unfallzahlen. Statistiken. Diese sind eindeutig: Zwischen 2000 und 2018 kamen in Österreich 305 Kinder bei Verkehrsunfällen ums Leben. 151, also die Hälfte, davon im Auto. Ein Drittel als Fußgänger. Neun Prozent auf dem Rad.

Die Zahlen stammen vom Grazer Forschungszentrum für Kinderunfälle. Dort werden seit 30 Jahren tödliche und schwere Kinderunfälle erfasst. Anlässlich der jüngsten Tragödie wertete man auch die (verfügbaren steirischen) Fahrradkindertransport-Unfallzahlen aus. Von 2004 bis 2018 waren 19 transportierte Kinder nach Radunfällen in Graz behandelt worden. Elf waren im Kindersitz, sieben im Anhänger und eines im Lastenrad gesessen. Verkehrsunfall war exakt einer dabei: eine Kollision zwischen Radfahrern. Bei den 19 Fällen gab es einen gebrochenen Unterarm und eine Gehirnerschütterung. Dem politisch-medialen Framing und dem „Narrativ“ ist derlei egal: Der Kindertransport auf dem Rad ist gefährlich. Fahrlässig. Unverantwortlich. Und aus.

Von der Faktenlage lässt sich da kaum jemand irritieren. Auch nicht von anderen Fragen. Etwa der, welche verkehrs- oder gesellschaftspolitischen Begleitmaßnahmen den an sich eben sicheren Transport per Rad auch in der kollektiven Wahrnehmung positiv besetzen könnten. Nicht zuletzt im Zuge von Ressourcen- und Klimadebatten.

Unmittelbar nach dem Unfall verdichtete Klaus Robatsch vom Kuratorium für Verkehrssicherheit das auf einen einfachen Satz: „Wollen wir verkehrsoptimierte Kinder – oder kinderoptimierten Verkehr?“

Kinder, so der Leiter der Verkehrssicherheitsforschung des KfV zum Falter, stünden da pars pro toto. Also auch für Ältere, Schwächere oder Ängstlichere. Für Familien, die nicht zwei Autos wollen oder sich leisten können, um Kinder zur Schule oder nur in den Nachbarort zu bringen. Kurz: für den Vorrang von Menschen und die Abkehr vom Primat des Automobils.

Doch das Infragestellen des jahrzehntelang Sankrosankten beginnt früher als bei der Frage, wieso Gemeinde, Land und Bund bei der Schnellfahraufwertung der Unfallstraße vor wenigen Jahren das Wort „Radweg“ nicht einmal andachten. Das Mindset „Auto first“ beginnt viel früher. Etwa im kollektiven Ignorieren von Regeln – und seiner amtlichen De-facto-Akzeptanz.

So dokumentierte etwa die niederösterreichische Gemeinde Hennersdorf von November 2018 an vier Monate lang Geschwindigkeiten in zwei Tempo-30-Zonen: 88 Prozent fuhren signifikant zu schnell. Auch Tempo 50 wird im Wohngebiet nicht ernst genommen. An einer von zwei 50er-Messstellen war jedes zweite Fahrzeug zu schnell. Dass im Ortskern dann „nur“ 17 Prozent rasten, galt schon als Erfolg.

Kein Wunder. Schließlich wird das systematische Gefährden anderer nicht als Problem wahrgenommen – oder gar geahndet. Verkehrsstrafen sind in Österreich vergleichsweise spottbillig. Außerdem liegen die Messtoleranzgrenzen in Österreich bei zehn Prozent. „Auch danach wird meist erst ab 15 km/h darüber gestraft“, moniert Markus Gansterer vom VCÖ. In der Schweiz ist das anders. Dort gilt der gemessene Wert. Strafen spürt man: „Die Schweiz hat halb so viele Verkehrstote wie Österreich.“

Freilich verhindert Nichtrasen keinen Unfall, wenn der Blick nicht auf der Fahrbahn ist. 20 Jahre nach der Einführung des Handyverbots am Steuer beweist das nicht bloß die Alltagsempirie, sondern auch die Statistik: Vier von zehn Verkehrsunfällen haben Ablenkung als Ursache. Fünf Sekunden Lesen oder Tippen bedeuten bei 50 km/h 70 Meter Blindflug. Das Unfallrisiko verdreiundzwanzigfacht sich – sogar wenn (theoretisch) ohnehin „auf Sicht“ gefahren wird. Das geringe Strafmaß (offiziell 50, meist aber 20 Euro) und die Unwahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, schaffen ein Klima des fehlenden Problembewusstseins.

Kein Wunder, dass der VCÖ Handytelefonieren gerne als „Vormerkdelikt“ sähe: Wer öfter mit Handy am Ohr oder in der Hand erwischt wird, riskiert den Schein. Das Ministerium winkt ab: Bei 150.000 Handy-Organstrafen (2018) wären Anzeigen „nicht administrierbar“. Auf Deutsch: Politik und Verwaltung gehen vor der Selbstverständlichkeit des Regelbruchs in die Knie.

Sicher: Mit den toten Kindern im Radanhänger hat das ursächlich nichts zu tun. Aber Mosaiksteine ergeben in Summe ein Bild. Hier das, das wir als „Verkehr“ in uns tragen. Daher gilt es zu akzeptieren: Unfälle „ereignen sich“ eben. Passivformulierungen stehen in Nachrichten für Schicksalhaft-Unabänderliches: Tote Kinder sind eben Teil der Mobilitätskalkulation einer Gesellschaft.

Aber sind sie das wirklich? 1972 starben in den Niederlanden 3200 Menschen im Verkehr. Darunter 400 Kinder. Unter dem Motto „Stoppt den Kindermord“ formierte sich da landesweiter, nachhaltiger Widerstand.

Die Politik reagierte: Das Auto wurde vom Maß aller Dinge zum Werkzeug umdefiniert. Wo es störte, schädigte oder gefährdete, wurde seine Bewegungs-, aber auch seine Herumstehfreiheit rigoros eingeschränkt – zugunsten anderer Mobilitätsformen.

Die Folge davon sind nicht bloß Radwege in Stadt und über Land, sondern signifikant weniger Verkehrstote: 680 waren es 2018. Freilich: Auch Österreich senkte seinen „Blutzoll“ von 3000 auf 414. Doch die Niederlande haben doppelt so viele Einwohner. Kommen in Österreich auf 100.000 Einwohner jährlich 5,2 Verkehrstote, sind es in den Niederlanden 3,8.

Vor allem aber denkt und lebt man Verkehr dort anders: Nach einer – der bis dahin ersten – tödlichen Kollision zwischen einem Auto und einem Kinder-Radanhänger den Transport von Kindern auf dem Rad per se zur Diskussion zu stellen mutet für Oranjes heute nachgerade absurd an. Denn man hat dort bereits vor 40 Jahren das wahre Problem gesehen und benannt. Mit einem Namen, der weder Schönreden noch Ausweichen zulässt: „Stoppt den Kindermord!“

Diese schöne, heillos verlorene Welt

Diese schöne, heillos verlorene Welt
Nachruf auf Andrea Camilleri von Thomas Steinfeld, 17. Juli 2019

Im April 2013 erschien in Italien eine Ausgabe des Magazins Mickey Mouse – Topolino heißt die Figur in diesem Land -, in dem die Maus mit Freundin Minnie in Urlaub fährt, nach Sizilien. Kaum angekommen, besuchen die beiden die archäologischen Stätten von Agrigent, wo sie einen Kommissar namens Topalbano kennenlernen. Bald werden sie in eine Kriminalgeschichte hineingezogen, in deren Verlauf jener Topalbano alle Eigenschaften entfaltet, die auch Commissario Montalbano, den beliebtesten fiktiven Polizisten Siziliens, auszeichnen: die plötzlichen Eingebungen, die Liebe zu regionalen Speisen, zum Dialekt und zur Literatur (im Italienischen spricht er sizilianisch-literarisch), den launigen Charakter und die Heimatverbundenheit.

Es dauert nicht lange, bis in dieser Bildergeschichte auch der Autor der Geschichten um jenen Kommissar auftritt, ein älterer Herr mit einer fast blinden Brille und einem ausladenden Bauch, in dem Andrea Camilleri auf den ersten Blick zu erkennen ist.

An dieser Ausgabe des Topolino lässt sich nicht nur ablesen, wie volkstümlich Andrea Camilleri in Italien war, sondern auch, wie weit die Register gespannt waren, in denen er sich bewegte – von der griechischen Antike bis zur amerikanischen Populärkultur.

In den Fünfzigern war er der erste Theaterregisseur gewesen, der Samuel Beckett auf einer italienischen Bühne spielen ließ, in den Sechzigern arbeitete er als Produzent beim Staatsfernsehen, kümmerte sich um Vorabendserien und ließ die Romane George Simenons verfilmen. Daneben schrieb er Kritiken und unterrichtete an einer nationalen Theaterhochschule. Er war bekennender Kommunist (solange es den PCI gab), ein Schauspieler, der gern den komödiantischen „buffo“ gab, Drehbuchautor und bis zu seinem Tod einer der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen Italiens: In seinem Protest gegen Silvio Berlusconi war er genauso unerbittlich wie in seinem Widerstand gegen das Referendum, mit dem Matteo Renzi im Dezember 2016 die Verfassung ändern wollte, oder in seinem offensiven Missvergnügen an Matteo Salvini („ich möchte mich übergeben“) und der Allianz mit der Fünf-Sterne-Bewegung, wenngleich Camilleri als Mittel des politischen Ausdrucks die Ironie stets der Parole vorzog.

Und selbstverständlich ist sein Commissario Montalbano auch die Allegorie eines Staatsidealismus, in dem sehr viele Italiener eine bessere Variante ihrer selbst zu erkennen meinen: Nachdem er vor vier Wochen nach einem Herzinfarkt in ein römisches Krankenhaus eingeliefert worden war, wurde das Internet wie die Netzausgaben der großen Zeitungen entsprechend von einer Welle aus Sympathieerklärungen und Beistandswünschen überschwemmt.

Andrea Camilleri verbrachte den größten Teil seines Lebens in Rom. Er blieb aber auch dort ein Sizilianer. Immer wieder kehrte er in seinen Büchern auf die Insel zurück, wo er – in Porto Empedocle bei Agrigent – geboren worden war, sowie seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, als Sohn eines faschistischen Funktionärs. Die Invasion der Alliierten wurde für ihn eine höchst zwiespältige Erfahrung, mehr eine Besetzung denn eine Befreiung, wovon nicht nur mehrere Werke der Serie um Commissario Montalbano zeugen (etwa „Der Hund aus Terracotta“, 2000), sondern auch ein historischer Roman wie „Der zerbrochene Himmel“ (2005), ein Buch, das von einem bald ausgesprochen gewalttätigen Jungen handelt, wobei das eigentliche Opfer der Misshandlung nicht das Kind ist, sondern eine ganze Kultur, in der jedes Wort kompromittiert ist.

Der Faschismus und die katholische Kirche, die Mafia und der Staat gehen bruchlos ineinander über, und der Schriftsteller wirkt in dieser schönen, aber auch heillos verlorenen Welt eher als Chronist aus dem Milieu denn als Erzähler – als einer, der dieses Verhängnis nicht nur wissend betrachtet, sondern darin tief verwurzelt ist.

In „Der zerbrochene Himmel“ verbirgt sich eine Replik auf eine Satire des Schriftsteller Carlo Emilio Gadda, nämlich „Eros und Priapus“ (1945) – der derben, oft den Dialekt benutzenden Sprache wegen ebenso wie um des Versuches willen, sich intellektuell vom Faschismus zu lösen. Von Luigi Pirandello, der aus derselben Gegend stammte wie er, ließ Camilleri sich nicht nur im Umgang mit regionalen Legenden, sondern auch im Verwirrspiel der Figuren unterweisen. Mit Leonardo Sciascia, der in den frühen Sechzigern den gesellschaftskritischen sizilianischen Kriminalroman erfunden hatte, war er befreundet.

Andrea Camilleris Bücher erschienen vorwiegend im Verlag des Fotografen Enzo Sellerio aus Palermo, dessen Schwarz-Weiß-Fotografien aus einem vergangenen Sizilien in die italienische Ikonographie eingingen. Die Werke des Autors, die nicht als Kriminalromane gelten (obwohl sie kriminalistische Elemente enthalten), spielen vor allem im Sizilien des 19. Jahrhunderts, etwa „Eine Sache der Ehre“ (1984/1993) oder „Die Mühlen des Herrn“ (1999). Aber es war schließlich der Kriminalroman, genauer: die Serie um Commissario Montalbano, der ihn zuerst in Italien, dann in der halben Welt zu einem sehr erfolgreichen Schriftsteller machte.

Wie in anderen europäischen Ländern auch, war der Kriminalroman in Italien in den Neunzigern zum beherrschenden literarischen Genre geworden. Das muss nicht den Triumph des Trivialen bedeuten: Schon Umberto Ecos „Der Name der Rose“ (1980) war ein Kriminalroman, um von Leonardo Sciascias Werken gar nicht erst anzufangen. Zudem liegt der Fall bei Andrea Camilleri anders, weil das Terrain seiner Schauplätze den Eigenarten eines Kriminalromans weit entgegenzukommen scheint – eine Insel mit einer Gesellschaft, die völlig undurchdringlich wirkt, wenn man ihre Regeln nicht kennt, und in der ein Detektiv eine Sprache verstehen muss, die weniger gesprochen wird, als dass sie sich in kleinsten Wendungen und Gesten artikuliert.

Entsprechend besitzt Kommissar Montalbano eine beinahe magisch erscheinende Intuition, während das Verbrechen immer wieder wie ein Akt der Rebellion in einer Umgebung erscheint, in der Wahn und Normalität eng nebeneinander liegen.

In der Geschichte „Die Stimme der Violine“ (1997) begegnet Commissario Montalbano einmal wieder Signorina Clementina, der Grundschullehrerin. Als der Detektiv sie fragt, ob sie Kriminalromane lese, antwortet sie, dass ihr das Etikett nicht gefalle. Dann erzählt sie in wenigen Sätzen die Geschichte des Ödipus: Da habe es einst den „capo di una città“ gegeben, den Hauptmann einer Stadt, die von einem Unglück nach dem anderen heimgesucht worden sei. In diesem Sinne wird Andrea Camilleri den größten Teil seines Schaffens verstanden haben: als den Versuch, einer in sich vielfach differenzierten und tief in die Vergangenheit zurückreichenden Welt Ausdruck zu verleihen, der durch zwei Motive zusammengehalten wird: durch Sizilien und durch die Suche nach dem Verbrecher. Am Mittwoch ist Andrea Camilleri im Alter von 93 Jahren in Rom gestorben.

Billy Joel setlist

Billy Joel setlist at Wembley Stadium, London, England, 22.06.2019
A Matter of Trust
My Life (Intro Piano 9th Beethoven, Ode to Joy)
The Entertainer
Vienna
The Downeaster Alexa
Say Goodbye to Hollywood
Don’t Ask Me Why
She’s Always a Woman
The Ballad of Billy the Kid
The Magnificent Seven Theme (Elmer Bernstein cover)
Movin‘ Out (Anthony’s Song)
New York State of Mind
Allentown
Rule, Britannia! (Thomas Augustine Arne cover)
We’ll Meet Again (Vera Lynn cover)
I Go to Extremes
Sometimes a Fantasy
Only the Good Die Young
The River of Dreams (interspersed with ‚I Feel Fine‘ by The Beatles)
Nessun dorma (Giacomo Puccini sung by Mike Delguidice )
Scenes From an Italian Restaurant
Piano Man
Encore:
We Didn’t Start the Fire
Uptown Girl
It’s Still Rock and Roll to Me
Big Shot
You May Be Right (with a snippet of Rock and Roll by Led Zeppelin)

Eine Bürde: Männer ohne Hirn und Würde

Nüchtern betrachtet
Feuilleton, FALTER 21/19 vom 22.05.2019
Eine Bürde: Männer ohne Hirn und Würde

Am Samstag war ich in der Landschaft und konnte den Rücktritt der beiden Polithorrorclowns nicht „live“ mitverfolgen, wurde aber auf dem Laufenden gehalten. Ich erfreute mich also nicht nur an der vielgestalten Anmut des Kamptals, am Ruf des Pirols und der Rückkehr der Bienenfresser, sondern auch schlackenloser Schadenfreude. Getrübt wurde diese nur, als ich später Straches Rücktrittsrede sah. Eine dermaßen würdelose heulsusenmäßige Arie geht doch auf keine Kuhhaut!

Warum können Politiker nicht einfach sagen: „Ich habe Mist gebaut und deswegen bin ich weg!“? Wäre es nicht das überzeugendste Indiz für echte Reue, wenn man einfach auch mal den Rand hielte, ohne einerseits die eigenen Verfehlungen im Detail auszubreiten und andererseits darüber zu klagen, wieder einmal Opfer der jüdischen Weltverschwörung geworden zu sein? Was sind das für „Politiker“, die sich wie irgendwelche testosterongefluteten pubertierenden Früchtchen darauf rausreden, hackedicht gewesen zu sein, tatsächlich aber offenbar auch in einigermaßen nüchternem Zustand dämlich genug sind, sich dermaßen über den Löffel balbieren zu lassen? „Ah, eine blonde Russin mit unfassbar viel Geld -immer nur herein in die gute Stube! Was wollen Sie dafür haben? Bauaufträge, die Kronen Zeitung, mein halbes Königreich, die Hand meiner Tochter? Ich hätte außerdem einen sprechenden Kater, der Geige spielen kann und Diamanten kackt, und eine Flasche Bier, die nie leer wird. Soll ich die auch noch drauflegen, Holla die Waldfee?!“

Die Kulturanthropologie kennt die Unterscheidung von Scham-und Schuldkulturen. Ich hab die nie so recht verstanden. Wenn jemand sich schuldig fühlt, schämt er sich dann nicht? Und wo wäre hier die Schande zu verorten oder der kleine Bruder der Scham, der Genierer? (Interessant übrigens, dass diese Begriffe alle mit „Sch“- beginnen.) Die beiden hirnweichen Halawachln pochen doch gerne darauf, dass in ihrer Welt Ehr‘ und Treu‘ noch etwas zählen. Wenn man nun Schande über sich und seine Bewegung bringt, muss man sich dann nicht eigentlich mit einer Wehrmachtspistole erschießen? Nicht, dass ich das befürworten oder auch nur nahelegen möchte, aber echte deutsche Männer würden so was tun. Besser wird’s so oder so nicht. Nach den nächsten Wahlen wird Kurz dann halt mit der Hofer-FPÖ koalieren. Dass er keinen Genierer kennt, hat er mit seiner verlogenen vorgezogenen Wahlkampfrede schon mal bewiesen.

Analyse der Kurz-Neuwahlkampf-Rede von @Natascha_Strobl

Analyse der Kurz-Neuwahlkampf-Rede von @Natascha_Strobl, 18.5.2019

Am Anfang referiert er über „24Stunden-Dramatik“, obwohl er mindestens seit 48 Stunden Bescheid weiß. Aber wir wissen seit 24 Stunden Bescheid und er will sich uns einfühlen – wir sind alle auf der selben Ebene. Er ist Einer von uns und auch geschockt. Wie wir.
Nur um dann den Timeframe zu verlassen und eine Nostalgiewanderung hin zu besseren Zeiten zu machen. Vor 2 Jahren, als alles gut war, ist ER (nicht wir, nicht die ÖVP) angetreten, um ein Land aus dem Moloch der gr Koalition zu holen.
Spannend die fast schon religiöse Erzählung. Es war Rückschritt u Stillstand, dann kam ER u es wurde gut u jetzt ist dieses Gute wieder dramatisch gefährdet. Immer, wenn er nicht Akteur ist (damals und jetzt) ist er Einer v uns. Wenn er Akteur ist ist ER gottgleich u individuell.
Das ist nichts Neues, das macht Kurz von Anfang an. Aber es ist spannend mal rauszustreichen. Dieses Nebeinander von einschmeichelnder Bescheidenheit und narzisstischer Selbsterhöhung. Einer von uns und dann im nächsten Moment the prince that was promised.
Als nächstes dann sein Versprechen uns gegenüber – er ist weiter unser Held. Er ist direkt für uns da. Er bricht seine Versprechen nicht. Er ist der, dem wir vertrauen. Alle, die älter als 30 sind haben noch im Ohr welche Klaviatur das ist. Das ist aus dem Haider 1×1.
Und ihr merkt wieviel wir schon an Emotion abbekommen noch bevor Kurz auf das Video und seinen Inhalt eingeht. Aber darum geht es nicht prioritär. Es geht darum, dass wir Sympathien für Kurz empfinden. Kurz‘ Thema in Zeiten der Staatskrise ist Kurz.
Und gegen alles was jetzt wieder schlecht und schwer ist (sowie damals vor Kurz), so wird er uns wieder retten. Er bleibt uns treu, standhaft und wird kämpfen. Weil es seine Bestimmung ist das Gute und Richtige tun. In diesen dunklen Zeiten ist er das Licht. Pathos pur.
Dann wieder timeframe 2 Jahre – damit wir uns erinnern, das war die gute Zeit. Er belegt das nicht nur mit guter Sacharbeit sondern auch positiven Emotionen – Freude. Und er bedankt sich bei allen Beteiligten. Es war kein Fehler, diese Zeit wird nicht beschmutzt. Sie bleibt gut.
Und der Subtext ist klar: da können wir wieder hin. Raus aus dem Schlechten, hin zum Guten. Und er ist noch immer nicht beim Video. Aber wir wissen schon, dass wir die guten Zeiten wollen, die er uns gebracht hat und die jetzt so je geendet sind.
Uff, wir reden schon so lang über so Vieles aber dieses Video spielt einfach keine Rolle. Denn jetzt kommt ans Licht was das Opfer für diese gute Zeit war, die wir dank Kurz 2 Jahre haben durften. ER hat sich geopfert. ER hat im Stillen und ohne Klage erduldet. Für uns.
Hier haben wir wirklich schon einen Jesus-Komplex. Damit es Allen gut geht muss einer leiden. Und woran musste er leiden? Rechtsextremismus, Einzelfälle etc. Also das wahre Opfer der menschenverachtenden Ideologie der FPÖ sind nicht die Betroffenen Menschen sondern Sebastian Kurz
Wir haben also Heilsbringer, Märtyrer, einer von uns und umsorgender Anführer bevor wir auch nur ein Wort zum Video verloren haben. Es geht einfach immer noch um das Heldenbild Sebastian Kurz. Es geht nicht um die Opfer der FPÖ-Politik.
Jetzt kommen wir ENDLICH zum Video. Und was ist das Erste was ihm dazu einfällt? Silberstein. Das Erste was Kurz zu diesem Video einfällt ist die Sozialdemokratie anzupatzen. Das muss einem erstmal einfallen. Die FPÖ führt sich auf, Schuld ist SPÖ.
Dieses Silberstein-Narrativ habe ich vor einigen Tagen schon mal besprochen 👇
Es passt gut zu dem aufbereiteten Feld. Er ist das Opfer. Silberstein. Die FPÖ. Alle sind gegen Kurz.
Und genau so geht es weiter. Ein gekonnter rhetorischer Kniff ist, dass er als erste Schrecklichkeit des Videos die Angriffe gegen ihn berichtet. Etwas was 0 im Fokus war und was uns überhaupt nicht aufgeregt hat bis jetzt. Es ist unwichtig.
Dadurch, dass er es als Erstes erwähnt macht er es zum Hauptaspekt. Nur um es dann wieder zu negieren. Rabiate Selbsterhöhung und einschmeichelnde Bescheidenheit. Er opfert sich wieder und stellt es offensiv zur Schau. Schaut wie arm er ist und was er erduldet.
So und jetzt kommen wir an gefühlt 57ter Stelle zu den eigentlich problematischen Dingen des Videos. Aber die Priorisierung zeigt uns, dass es nur noch ein Nebengedanke ist. Und auch nur, um wieder sein Narrativ des „für uns“ zu bedienen. Sein politischer Zugang ist uns dienen.
Und gleich wieder das Gegensatzpaar zu den Anderen, dieses Mal FPÖ, die das leider nicht so sehen, wie ihm heute plötzlich in Gesprächen klar geworden ist. Was für ein Schock. Deswegen muss es jetzt Rücktritte geben. Das war so zuvor nicht absehbar.
Als nächstes stellt er 3 Handlungsmöglichkeiten vor. Das zeigt Stärke und dass er keineswegs in die Enge getrieben ist. Er hat die Wahl. Er entscheidet. Egal wie unwahrscheinlich (SPÖ) oder nicht in seiner Hand (FPÖ tauscht Kickl) diese Optionen sind. Er entscheidet.
Es war also seine Entscheidung und nicht die Not der Umstände, dass es Neuwahlen gibt. Denn nur so kann er uns wieder die gute Zeit bringen. Mit uns und als einer von uns. Die Anderen sind nicht willens oder sind schwach. Die stehen ihm und uns gegenüber. Classic Haider.
Ganz am Ende sagt er dann zum ersten Mal Volkspartei. Klassische Wahlkampfrede, weil ja auch ÖVP am Wahlzettel steht und da müssen wir ja richtig ankreuzen. Aber es ist nur eine formale Erinnerung, denn es geht nur um ihn. Dementsprechend soll es Auftrag für EINE PERSON geben.
Wichtig auch noch einmal die quasi-religiöse Sprache am Schluss. Es braucht klare Verhältnisse. Es braucht Ordnung. Es braucht Eindeutigkeit. Weg aus dem Chaos und der Dramatik. Hin zum Guten und Schönen für das ER steht.
Fazit: es geht zu 99% nur um Kurz, seine Rolle und sein Empfinden für uns und unser Empfinden für ihn. Es geht nicht auf einer Sachebene um die schweren Verfehlungen der FPÖ oder den Schaden für die Republik. Es geht nur um Kurz. Faszinierend wieviel man über sich reden kann.

https://threadreaderapp.com/thread/1129817678057824256.html

Strache stellte gegen Wahlkampfhilfe Staatsaufträge in Aussicht

https://www.spiegel.de/video/fpoe-chef-heinz-christian-strache-die-videofalle-video-99027174.html

https://www.spiegel.de/politik/ausland/heinz-christian-strache-geheim-videos-belasten-fpoe-chef-a-1268059.html

https://www.sueddeutsche.de/politik/strache-video-fpoe-oesterreich-ibiza-1.4451784

https://orf.at/stories/3122807/

Die wichtigsten Zitate aus den Strache-Videos
LUKAS MATZINGER — 17.05.2019

Ibizenkische Nächte sind lang. Vom frühen Abend bis in die Nacht öffneten sich der jetzige Vizekanzler Heinz-Christian Strache und der jetzige FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus einer Unbekannten, die sie für eine reiche Russin hielten. Sie wollten der Frau etwas bieten.

Auf dem Videomaterial, das der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel übergeben wurde und das vor der Veröffentlichung vom Falter eingesehen werden konnte, plauderten die beiden über Großsponsoren der FPÖ und das Vereinskonstrukt, an das sie spenden. Sie wollten beim Umbau der Kronen Zeitung helfen und stellten dem vermögenden Lockvogel Staatsaufträge in Aussicht. Sie dachten laut über eine teilweise Privatisierung der österreichischen Wasserversorgung nach.

Eine Auswahl der brisantesten Zitate aus den geheimen Videos:

» Strache über seine Medienpolitik: „Wir wollen eine Medienlandschaft ähnlich wie der Orbán aufbauen. … Wir wollen uns sehr stark Richtung Osten öffnen, Richtung Russland.“

» Gudenus: „Es muss alles legal sein. Das ist einmal das Erste. Das ist ja mal klar. Und rechtskonform machbar. Aber das ist ja machbar.“

» Strache über die Oligarchennichte: „Dann soll sie eine Firma wie die Strabag gründen. Weil alle staatlichen Aufträge, die jetzt die Strabag kriegt, kriegt sie dann. So und über die Geschichte reden wir. Weil den Haselsteiner will ich nicht mehr.“

» Strache über sein Angebot: „Wenn sie wirklich die Zeitung vorher übernimmt, wenn’s wirklich vorher, um diese Wahl herum, zwei, drei Wochen vorher, die Chance gibt, über die Zeitung uns zu pushen (…), dann passiert ein Effekt, den die anderen ja nicht kriegen.(…) Na schau: Wenn das Medium zwei, drei Wochen vor der Wahl, wenn dieses Medium auf einmal uns pusht, dann hast du recht. Dann machen wir nicht 27, dann machen wir 34 Prozent. Und das ist genau der Punkt. (…) Und bei so einem Thema red ma. Aber es muss trotzdem immer rechtskonform, legal und mit unserem Programm übereinstimmen. (…) Wenn das ihr Asset ist, das sie mitbringt drei Wochen vor der Wahl, bist du deppat, dann brauch ma gar nicht reden.“

» Strache wiederholt sein Angebot: „Nehma Strabag, Autobahnen: Du, das Erste in einer Regierungsbeteiligung, was ich dir zusagen kann, ist: Der Haselsteiner kriegt keine Aufträge mehr. So. Dann ham wir ein Riesenvolumen an infrastrukturellen Veränderungen. Wenn da eine Qualität da ist und ein qualitativer Anbieter da ist, dann bin ich der Erste, der sagt … (hebt die Arme).“

» Strache über Gegenleistungen: „Nichts, nichts. Genau. Genau. Die einzige Gegenleistung, die wir erwarten: dass man korrekt mit uns umgeht, dass man eine Berichterstattung korrekt macht, dass man dort in der Redaktion des korrekt macht. Und dass, wenn, wenn es ihr gefällt, da oder dort eine Spende bekommt. Ende. Ende.“

» Strache wiederholt sein Angebot: „Nochmal. Autobahn bin ich sofort dabei. (…) Statt Haselsteiner jeden öffentlichen Auftrag abseits der Strabag.“
Lockvogel: „Es ist nicht der öffentliche Auftrag. Der Punkt ist der Überpreis, der garantiert wird.“
Strache: „Noch einmal, beim staatlichen Auftrag hast du das.“

» Strache erneuert das Angebot: „Du sagst ihr, wenn sie die Kronen Zeitung übernimmt drei Wochen vor der Wahl und uns zum Platz eins bringt, dann können wir über alles reden.“
„Wenn sie die Kronen Zeitung übernimmt und einen Lauf schafft, wo wir drei Wochen vor der Wahl einen Punch kriegen – dann können wir über alles reden. Da werden wir immer einen Weg finden, das zu definieren.“

» Strache über das Wasser: „Wo wir das Wasser verkaufen, wo der Staat eine Einnahme hat und derjenige, der das betreibt, genauso eine Einnahme hat.“ Man müsse sich dann eben „um die Prozente streiten“, und am Ende hätten sowohl der Staat als auch der Betreiber ihren Gewinn.

„Wenn es ihr gefällt“, sagt Strache zweimal, „wenn sie dann positiv gestimmt ist, kann sie uns jederzeit an den Verein spenden.“

» Strache über seine potenziellen Spender: „Es gibt ganz wenige, die an die Partei spenden, weil das an den Rechnungshof geht. Dann ist es offen. Das will keiner.“

„Es gibt ein paar sehr Vermögende. Die zahlen zwischen 500.000 und eineinhalb bis zwei Millionen (…) Ich kann ein paar nennen, die zahlen aber nicht an die Partei, sondern an einen gemeinnützigen Verein.“

„Der Verein ist gemeinnützig, der hat nichts mit der Partei zu tun. Dadurch hast du keine Meldungen an den Rechnungshof. Das ist ein gemeinnütziger Verein, mit drei Rechtsanwälten. Der hat ein Statut: Österreich wirtschaftlicher gestalten.“

„Die Spender, die wir haben, sind in der Regel Idealisten. Die wollen Steuersenkung. Gaston Glock beispielsweise, Heidi Horten. Heidi Horten ist ein Beispiel. René Benko, der die ÖVP und uns zahlt, einer der größten Immobilienmakler Österreichs, Novomatic zahlt alle.“

Anmerkung: Alle Genannten bestreiten vehement, an die FPÖ oder nahestehende Vereine gespendet zu haben.

» Strache über Journalisten: „Journalisten sind ja sowieso die größten Huren auf dem Planeten. Sobald sie wissen, wohin die Reise läuft, funktionieren sie so oder so. Man muss es ihnen ja nur kommunizieren.“

» Gudenus: „Die Kronen Zeitung wär für uns alle gut, für sie geschäftlich, für uns politisch.“

» Strache: „Wenn sie dann positiv gestimmt ist, kann sie uns jederzeit über den Verein spenden.“

» Strache über sein Medienkonzept: „Sobald sie die Kronen Zeitung übernimmt, sobald das der Fall ist, müssen wir ganz offen reden, da müssen wir uns zusammenhocken. Da gibt es bei uns in der Krone: Zack, zack, zack. Drei, vier Leute, die müssen wir pushen. Drei, vier Leute, die müssen abserviert werden. Und wir holen gleich mal fünf neue herein, die wir aufbauen.“

Florian Klenk interviewt Jan Böhmermann

„Das geht nicht! Das geht nicht! Das geht nicht! Das ist nicht normal!“
Der deutsche TV-Satiriker und Aktivist Jan Böhmermann über Kurz, Strache, Wolf und das rechte Versuchslabor Österreich
FLORIAN KLENK, FALTER 19/19 VOM 07.05.2019

Jan Böhmermann spaziert unter Polizeischutz durch Graz und wundert sich. Denn die Stadt ist voll von riesigen Plakaten der FPÖ („FPÖ voten, gegen EU-Asylchaoten“), die anderen Parteien verzichten hier auf Wahlkampf. Eine merkwürdige Stimmung liegt über der schwarz-blau regierten steirischen Landeshauptstadt.

Die Plakate würden eigentlich auch ganz gut in Böhmermanns Grazer Ausstellung mit dem Titel „Deuscthland#ASNCHLUSS#Östereich“ passen, und schon am ersten Tag standen die Menschen hunderte Meter lang Schlange, um all die Exponate zu sehen, die der „Clown“ (Böhmermann über Böhmermann), Satiriker und Aktivist hier zusammengetragen hat. Wer die Ausstellung betreten will, muss an einer Passkontrolle vorbei und das Handy abgeben, nur Faschisten dürfen unkontrolliert durch eine Hundeklappe rein.

Die schräge und sehenswerte Ausstellung dokumentiert mit Installationen, Verwirrspielen und Gemälden nicht nur die Banalität rechter Politiker, sondern sie spielt auch mit der Normalisierung rechter Codes im Alltag.

Rund um die Ausstellungseröffnung stand Jan Böhmermann dem Falter eine Stunde lang für ein Gespräch zur Verfügung.

Falter: Herr Böhmermann, wenn man hier im Grazer Künstlerhaus Ihre Ausstellung betritt, muss man beim Eintritt bei einem Wachposten das Handy abgeben. Sogar für das Pressegespräch mit Ihnen. Viele Journalisten erlebten das heute wie einen Übergriff. Warum sind Sie so streng?

Jan Böhmermann: Bei uns soll sich jeder Besucher so fühlen, wie sich Journalisten fühlen, wenn sie Ihren Innenminister Herbert Kickl besuchen. Da muss man auch das Handy abgeben, ehe man sich zu ihm setzt. Das Handy ist ja Tagebuch, Notizbuch, Adressbuch und Fotosammlung. Alles wird abgegeben und ist der eigenen Kontrolle entzogen. Das macht nervös, oder?

Ja, es wirkte überraschend autoritär, als mich eine Museumsmitarbeiterin ermahnte. Und im Pressegespräch mussten wir neben Ihnen in einem Sitzkreis sitzen.

Böhmermann: Und Sie sind auch noch zu spät gekommen, Ihre Kollegen haben das bemerkt! Bei mir herrscht eine österreichisch inspirierte Schmusediktatur. Aber keine Sorge, nur weil ich mit ähnlichen Mitteln arbeite wie Ihre Regierung, heißt es ja nicht, dass ich genau so gefährlich bin.

Ihre Pressebetreuerin meinte sogar, wir sollten Fotos von Ihnen zur Genehmigung vorlegen. So eine Message-Control fordert nicht einmal Sebastian Kurz.

Böhmermann: Kurz sieht ja auch im Gegensatz zu mir wahnsinnig schön aus.

Sie haben hier eine sehr ungewöhnliche Ausstellung aufgebaut, die die Normalisierung des Faschistoiden unseres Alltags dokumentiert. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat die Schau sogar finanziell unterstützt. Sie nehmen Geld von ihm?

Böhmermann: Da sieht man mal, wie wichtig dem 32-jährigen Kinderkanzler die Kunstfreiheit ist. Ganz liebe Grüße und vielen Dank! Sowohl er also auch die deutsche Bundeskanzlerin haben uns übrigens ihr Urlaubsoutfit zur Verfügung gestellt, das wir hier ausstellen. Die Wanderkleidung von Kurz ist übrigens viermal so teuer und viel schicker. Die Kanzlerin trägt bloß Tchibo, Ihr Kanzler eine sündhaft teure atmungsaktive Trekkingjacke aus deutscher Produktion. Wo hat der Kurz eigentlich das Geld her?

Man kann hier im Hinterzimmer der Ausstellungshalle auch in einen dunklen Wald gehen und trifft dort auf eine bewaffnete Puppe in Tarnfleck und Sturmhaube.

Böhmermann: Ihr Vizekanzler. Er war ja 1989 ein Hardcore-Neonazi und damals war er bei einer Wehrsportübung in Kärnten. Aus dieser Zeit gibt es dieses legendäre Foto, das ihn uniformiert mit Messer und Waffe zeigt. Ich poste das Foto gerne regelmäßig unter die Postings Ihres Kinderkanzlers, um die Temperatur im Bundeskanzleramt nicht absinken zu lassen.

Nun steht da im Wald die an Strache erinnernde Schaufensterpuppe und daneben hängt ein Baseballschläger von der Decke. Ein Aufruf zur Gewalt!

Böhmermann: Im Gegenteil! Man kann hier noch ganz traditionell mit dem Baseballschläger den Faschismus bekämpfen. Wie das genau funktioniert, möchte ich hier aber nicht preisgeben.

Der Baseballschläger ist so aufgehängt, dass man die Strache-Puppe nicht erreicht, aber man kann ihm eine von der Decke baumelnde Bundesverfassung um die Ohren hauen.

Böhmermann: Ist Ihre Verfassung nicht lediglich eine Lose-Blatt-Sammlung?

Kommen wir nun zu Ihnen, Herr Böhmermann. Ich habe lange überlegt, wie ich Sie anspreche. Was gefällt Ihnen besser: ihr Kampfname als Anführer der „Reconquista Internet“, „Commandante Wichsfürst Captain Halbsteif von Onanista Germanica“, oder sind Sie doch lieber der „Bademeister“, der jene aus dem Moralbecken pfeift, die sich nicht benehmen? Die Zeit hatte Ihnen das vorgeworfen.

Böhmermann: Titel, auch akademische, sind Schall und Rauch. Mal bin ich Bademeister, Doktor, Professor oder meinetwegen Wichsfürst gegen den Faschismus.

Der Kurier drückte Ihnen zwar kürzlich eine Romy in die Hand, dessen Chefredakteurin Martina Salomon meinte aber, Ihr Humor sei „dumm und primitiv“. Geben Sie die Romy zurück?

Böhmermann: Nein, sicher nicht, denn die Romy ist aus purem Gold und fließt dem Kurier so aus dem Bilanzgewinn ab. Jede nicht zurückgegebene Romy ist ein herber wirtschaftlicher Schaden für dieses Regierungsblatt. Chefredakteurinnen kommen und gehen, Gold aber bleibt! Und zwar bei mir. Übrigens ist der Titel „Chefredakteurin“ auch nur ein Fantasietitel. Wer weiß, ob Frau Salomon nächstes Jahr noch an ihrem Posten sitzt, vielleicht ist ja die Regierung dann nicht mehr im Amt. Was macht sie dann? Zum Glück hat sie sich mit ihrem eigenen, geschmackvollen Kurier-Satireportal ein zweites Standbein aufgebaut.

Ich entdecke ein sehr starkes Interesse an Österreich bei Ihnen. Angstlust?

Böhmermann: Österreich ist so eine Art Versuchslabor, in dem man von außen sehen kann, was passiert, wenn man den falschen Leuten die falschen Chemikalien in die Hände gibt. Man sieht die Erosion demokratischer Errungenschaften im Reagenzglas. Österreich hat einen ähnlichen Minderwertigkeitskomplex wie die Leute in Sachsen, aber die Sachsen sind wenigstens wirklich durch die Scheiße gegangen, erst 40 Jahre Kommunismus, dann 29 Jahre CDU. Das ist hart. Österreich war dagegen relativ entspannt unterwegs, man hat nach dem Krieg Schuld und Verantwortung einfach nach Nordwesten delegiert.

Wir haben die Nazis bald integriert, statt sie marodieren zu lassen. Sie saßen bald wieder im Parlament. Warum randalieren sie bei Ihnen?

Böhmermann: Weil sie es müssen. Sie sind nämlich noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen wie in Österreich. Hier müssen Rechtsextreme nichts mehr abfackeln, um aufzufallen, sondern sitzen einfach in der Bundesregierung. Es braucht auch keine schrille Grenzüberschreitung mehr. In Österreich geht es nicht mehr um die Frage, ob Rechtsextreme salonfähig sind. Sondern wie salonfähig man noch ist, wenn man nicht mit Rechtsextremen am Buffet stehen will.

Was hat Deutschland richtig gemacht? Ein Vizekanzler, der nach dem Christchurch-Attentat vom „Großen Austausch“ spricht, also die Parole eines Massenmörders verwendet, wäre bei Ihnen undenkbar, oder?

Böhmermann: Es macht mir schlechte Laune, darüber nachzudenken. Ihr Land ist kleiner. Sie sind gezwungen, mit weniger Leuten auszukommen, die sich noch dazu sehr gut kennen. Hier beobachte ich die Normalisierung von Wahnsinn. Früher gab es noch Menschen, die als Kinder oder Erwachsene eine totalitäre Zeit erlebt haben. Diese Generation der Zeitzeugen stirbt jetzt weg und mit ihnen die Erzählung von dem, was war. Und wir als Nachkommen müssen die hinterlassenen, eher abstrakten Mahntafeln „Nie wieder!“ wieder in konkretes Handeln übersetzen. Hier Widerspruch zu leisten und „Nein!“ zu sagen ist viel schwieriger geworden. Die Normalisierung des Unnormalen fühlt sich so bequem, so normal an. Dagegen muss man sich wehren, zuallererst in sich selbst.

Die rote Linie verschiebt sich?

Böhmermann: Die Gesellschaft überschreitet nicht über Nacht eine rote Linie, sondern es sind kleine einzelne Schritte im Zwischenmenschlichen, die das Radikale normalisieren. Einen Nazi, der als normaler Nachbar neben einem lebt und rübergrüßt, akzeptiert man eher, als einen Nazi, der in Plauen mit einer Fackel durch die Straßen läuft.

Sie verspotten nicht nur die Nazis, die sie als gelangweilte Onanisten verhöhnen, sondern Sie nahmen auch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan aufs Korn. Sie lösten eine Staatsaffäre aus. Hatten Sie damals wirklich Angst um Ihr Leben, wie der Spiegel berichtete? Hier in Graz haben Sie Polizeischutz.

Böhmermann: Eine eindrückliche Erfahrung, die ich niemandem wünsche, aber jederzeit wieder auf mich nehmen würde.

Ihr Spottgedicht wurde vom Hamburger Oberlandesgericht in Teilen als strafbar bewertet. Sie dürfen es nicht mehr verbreiten. Aber zugleich kann es jeder auf der Website des Hamburger Oberlandesgerichts lesen. Die verbotenen Passagen sind im Urteil auch noch rot hervorgehoben.

Böhmermann: Das ist doch wunderbar, oder? Der türkische Präsident könnte theoretisch das Landgericht und das Oberlandesgerichts Hamburg verklagen. Oder einen Jura-Professor, der seinen Studenten den Fall erklärt. Alles juristisch zurzeit ziemlich unsicher. Darum wandert diese drei Jahre alte Nummer auch tapfer weiter durch alle Instanzen. Stichwort Rechtssicherheit. Meine Vermutung ist, dass im Humorentwicklungsland Deutschland der Witz als probates Mittel im Diskurs erst dann gesellschaftlich akzeptiert wird, wenn er höchstrichterlich erlaubt wird.

Sie haben vergangenes Jahr in Ihrer Sendung satirisch eine Internetbewegung ausgerufen, die den rechten Trollen der „Reconquista Germania“ den Kampf ansagt, die „Reconquista Internet“. Aus der Satire wurde Realität: 60.000 Leute haben sich der Bewegung angeschlossen, Hasspostings werden nun gemeldet, die Polizei bekommt die Namen von Extremisten. Hat Sie das überrascht?

Böhmermann: Wir haben einem Phänomen den Kampf angesagt, nämlich dass eine kleine, extremistische Minderheit ständig ihre Scheiße ins Internet drückt und damit den Gesamtdiskurs verschiebt und verfälscht. Das haben wir zunächst einmal aufgedeckt, und ich bin dann aber einen Schritt nach vorne gegangen und habe mich gefragt, wie begegnen wir der Neonazi-Blase? Ganz einfach: indem wir eine eigene Blase bilden, die dieser Hasssprache entgegentritt! Die Nazis machen das ja sehr geschickt. Sie gehen in ein digitales Hinterzimmer, sprechen sich ab und attackieren ihre Gegner mit je 30 Fake-Accounts. So beeinflusst eine kleine Minderheit den öffentlichen Diskurs in sozialen Medien, aber auch in den Onlineforen der etablierten Zeitungen. Dort steckt der Hass die Leute dann weiter an. Da muss man nun gehörig intervenieren. Etwa indem man diese Accounts einfach blockt, das tut ihnen am meisten weh. Wir machen also Blocklisten. Wir müssen wieder klar definieren, wer am Diskurs nicht mehr teilnehmen darf. Das bewährte gesellschaftliche Abseits ist eine Bubble, die es im Internet dringend wiederherzustellen gilt.

Die Zeit warf Ihnen vor, Ihr Projekt würde Andersdenkende diskreditieren. Sie würden nach dem Motto „Verrühre und herrsche!“ keinen Unterschied mehr machen.

Böhmermann: Nicht ich habe etwas verrührt, sondern es gibt Leute, die sich unter Extremisten mischen. Die Verrührung hat bereits stattgefunden, man muss ihr entgegentreten. Man muss das Verworrene wieder entwirren. Manchmal sind es klassische Extremisten, manchmal auch ehemalige Journalisten von „Mainstream-Medien“, die bemerken, dass es schön klickt, wenn man den Leuten Quatsch verkauft und sie aufhetzt. Sie sitzen dann zu Hause ganz alleine an ihren Blogs und haben kein Korrektiv mehr, niemanden, der ihnen Grenzen zieht.

Das ist kein rechtes Phänomen.

Böhmermann: Das stimmt. Aber das Problem ist gegenwärtig auf der rechten Seite wesentlich stärker und gefährlicher ausgeprägt. Wenn zum Beispiel der ehemalige Spiegel-Journalist Matthias Matussek bekannte Rechtsextreme oder erklärte Zivilisationsfeinde von der Identitären Bewegung zu seinem Geburtstagsfest einlädt oder sich auf einer Pegida-Demo auf eine Bierkiste stellt und schreit: „Merkel muss weg!“, dann finde ich es richtig, da mit seinen Spiegel-Kollegen, die neugierig und unbefangen mitfeiern, in den Streit zu treten. Von Journalisten, die ihren Job ernst nehmen, kann man kritische Distanz und moralische Übersicht verlangen. Wer sich bei solchen Gelegenheiten gemeinmacht, muss damit rechnen, dass das hinterfragt wird.

Man nennt Sie deshalb einen Gesinnungsblockwart.

Böhmermann: Man kann mich auch Wichsfürst, Doktor oder Chefredakteurin nennen, das ist mir doch egal, herrje, ich bin Clown von Beruf. Bedauernswerte Gefallene wie Matussek haben publizistisch und persönlich den Verstand verloren und reden gequirlten Mist, weil es halt gut klickt oder weil sie es wirklich glauben – der Grund ist ja am Ende egal. Ich meine, das zu ignorieren, das geht nicht! Das geht nicht! Das geht nicht! Das ist nicht normal. Schon gar nicht für Spiegel-Journalisten. Und wenn man aus Mitleid und Verbundenheit dem alten Freund helfen will, dann soll man nicht heimlich als Schaulustiger zu dessen Neonazifest rennen, sondern einen guten Psychiater organisieren.

Würden Sie sagen, dass das, was auf Matusseks Party passierte, in Österreich auf der Regierungsebene zu beobachten ist? Rechtsextreme Politik ist bei der Party dabei.

Böhmermann: Ja, und diese Normalisierung ist in Österreich weiter fortgeschritten als bei uns. Es ist ja auch alles kleiner, man rückt näher zusammen. Es ist halt so gemütlich.

Die ÖVP würde nun kontern, man solle nicht so hysterisch sein und die Nazikeule schwingen. Der Faschismus breche nicht über uns herein.

Böhmermann: Nein, er bricht nicht herein. Er kommt von unten durch die Tür gekrochen, ganz langsam. Die Normalisierung fühlt sich eben normal an. Nehmen Sie aktuell den Fall Armin Wolf. Von außen betrachtet steht er in Österreich beinahe allein gut sichtbar ein und auf für die Selbstverständlichkeit Pressefreiheit – ein Grundpfeiler einer offenen und freien Gesellschaft. Etwas, das eigentlich von einer aufmerksamen Zivilgesellschaft breit und laut verteidigt werden sollte. Wie hat sich denn die Kurier-Chefredakteurin dazu eingelassen? Oder ist die gerade mit Satire beschäftigt? Es ist ein faschistischer Taschenspielertrick, Kritik auf eine Person zu konzentrieren. Und immer wieder drauf, und immer wieder drauf. Wenn es immer nur einen trifft, fühlen sich alle anderen nicht zuständig oder betroffen. Und am Ende ist es Feind und Freund ganz recht, wenn der Wolf weg ist und niemanden mehr nervt. Dann ist endlich Ruhe und dann war es das mit Pressefreiheit. So schnell geht das. In Deutschland wird der Fall Armin Wolf darum sehr breit diskutiert und aufmerksam verfolgt. Konservative Publizisten wie Ulf Poschardt (Welt) oder Paul Ronzheimer von der Bild äußern sich ebenso solidarisch wie liberale oder linke Kollegen. Es gibt einen Grundkonsens, der enorm wichtig ist. Gewisse Dinge gehen einfach nicht: die Angriffe der FPÖ auf Armin Wolf und, genau so schlimm, das überforderte Achselzucken des Bundeskanzlers.

Ist die rote Linie in Deutschland deshalb schwerer zu überschreiten, weil das Land größer ist?

Böhmermann: Ich weiß nicht, ob es bei uns wirklich besser ist. Vielleicht sind wir auch nur langsamer und schwerfälliger. Es gibt in Deutschland eine große aktive Zivilgesellschaft, die eine gewisse Notwendigkeit darin sieht, staatliches Handeln nicht einfach hinzunehmen, sondern es zu hinterfragen.

Soll man mit Rechten reden?

Böhmermann: Mit Rechten wird nicht geredet. Aus. Ihr Kanzler hat das Reden mit Faschisten zum Grundprinzip seiner Regierungsarbeit gemacht, aber das schwächt die Rechten nicht. Rassismus oder der Wunsch, Menschen die Gleichheit abzuerkennen, sind keine Meinung. Das ist schlicht Unrecht, das spricht Menschen die Würde ab. Es muss Konsens sein, dass wir das überwunden haben. Keine Diskussion!

Kurz würde einwenden, es würde die Rechten groß machen, wenn man sie ausgrenzt.

Böhmermann: Das Gegenteil ist wahr. Rechte werden kleiner, wenn man ihnen das Forum entzieht. Es gibt keinen Grund, Leute mitregieren zu lassen, die Menschen als Ratten bezeichnen oder im Stürmer-Stil Muslime auf solche Art verspotten. In Österreich attackiert eine Partei aus der Bundesregierung heraus Menschen, die nicht mehr verbrochen haben, als anders auszusehen oder eine andere Herkunft zu haben als sie selber. Und der Kanzler hüstelt leicht und stellt lieber seine tolle Steuerreform vor.

Sie stellen rechte Hetzer immer wieder als gelangweilte Jungs dar, die „das Internet durchgewichst haben“ und dann den Hass aus Langeweile verbreiten.

Böhmermann: Je mehr Autoritäten von sich selbst überzeugt sind, umso mehr trifft es sie, wenn du sie auf das zurückwirfst, was sie wirklich sind: Menschen, ahnungslos, unvollkommen und letztlich peinlich, wie jeder von uns nun mal ist. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

Sie arbeiten beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Einer wie Sie wäre für den ORF schlicht zu aktionistisch.

Böhmermann: Es gibt im ZDF ein großes Einverständnis, dass wir uns frei artikulieren dürfen.

Auch Ihren Twitter-Account könnten Sie nach der Social-Media-Richtlinie des ORF vergessen.

Böhmermann: Das ist doch mein Account! Ich sehe sowohl bei der ARD als auch beim ZDF ein großes Bekenntnis zum Meinungspluralismus. Ja, der Sender greift auch mal in Sendungen ein. Aber ich greife ja auch manchmal in den Sender ein. Und dann diskutieren wir und am Ende geben wir uns hoffentlich in Freundschaft wieder die Hand. Wenn es sich lohnt, wehre ich mich auch. Aber im Grunde bin ich da pragmatisch.

Würden Sie einen Zensur-Piep akzeptieren?

Böhmermann: Der Piep über dem Maschek-Sketch ist dem ORF ordentlich auf die Füße gefallen. Du kannst die Wahrheit nicht autoritär unterdrücken und in die Kiste sperren. Das hat noch nie geklappt. Das wird nichts an der Wahrheit ändern: vom Neonazi zum Sportminister, vom Neonazi zum Sportminister, vom Neonazi zum Sportminister.

Zur Person
Jan Böhmermann, 38, ist einer der bekanntesten deutschen Satiriker. Er gestaltet für das ZDF die Show „Neo Magazin Royale“ und ist als Buchautor, Sänger und Aktivist bekannt. Auf Twitter folgen ihm rund zwei Millionen User. Internationale Bekanntheit erlangte er durch ein Gedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan sowie ein Jahr zuvor durch seine Satire um den ausgestreckten Mittelfinger des damaligen Finanzministers Griechenlands, Yanis Varoufakis, für die Böhmermann mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Vergangenes Jahr gründete er die Plattform „Reconquista Internet“, die rechten Hasspostern im Netz den Kampf ansagte

Zur Ausstellung
Böhmermanns realsatirische Ausstellung „Deuscthland #ASNCHLUSS #Östereich“ ist im Grazer Künstlerhaus bis zum 19. Juni zu sehen. http://www.Km-k.at

offensichtliche wahrheiten

offensichtliche wahrheiten, die ich erst später als andere gelernt oder verstanden habe:
… dass das home-symbol auf twitter ein vogelhaus ist
… dass der pfeil im amazon-logo auf von „a bis z“ zeigt
… dass büffel auch weiblich sein können und damit ‚büffelmozzarella’ sinn ergibt.
… dass bei der tankanzeige im auto angezeigt wird, auf welcher seite des autos der tankdeckel ist.
… dass überraschungseier wie braune eier sind: außen braun, dann weiß wie eiweiß, dann gelb wie dotter.
… dass das wort bandscheibenvorfall daher kommt, dass die bandscheibe vor fällt und nicht von vorfall wie ereignis.
… dass der name des spar supermarkts nicht von sparen kommt sondern aus dem holländischen für tanne, die im logo ist
… dass bob marley mit „no woman, no cry“ nicht „keine frau = kein weinen“ meinte, sondern auf kreolisch „nein frau, weine nicht.“
… dass der name des baumarktes obi ursprünglich aus frankreich kommt und auf das französisch ausgesprochene „hobby“ zurückgeht.
… dass vampire angeblich eine zwangsstörung (arithmomanie) haben und ständig dinge zählen müssen und deshalb der vampir in der sesamstrasse graf zahl (count of count) heißt.

Armin Wolf muss bleiben

„Etwas, das nicht ohne Folgen bleiben kann“

ZiB-Interview

Ich bin am Morgen nach meinem Interview mit Harald Vilimsky zu einem lange geplanten Kurzurlaub aufgebrochen – aber sehr erholsam waren die paar Tage in Tel Aviv letztlich nicht. Jeden Tag kamen mehrere hundert Mails, SMSe und Twitter-Mentions. 99 Prozent davon lobend, freundlich und unterstützend (vielen Dank!) – aber ein freundlicher Herr hat mir auch unter vollem Namen gemailt: „Grüß sie warum sind sie noch nicht gekündigt beim orf sie. Ratte scheiss geburt einer Hure“ (Rechtschreibung im Original).

Doch wie ist es zu diesem Interview gekommen, das FPÖ-Chef Strache seither jeden Tag zumindest einmal „widerlich“ nennt, das der ORF-Stiftungsratsvorsitzende und ehemalige FPÖ-Chef Steger für „pervers“  hält und für das mich die frühere ZiB-Moderatorin und nunmehrige FPÖ-Stadträtin Ursula Stenzel am NS-„Volksgerichtshof“ verortet?

WELCHES THEMA WAR VEREINBART?

Die ZiB2 hat in den letzten Wochen eine Interview-Serie mit den EU-Spitzenkandidat*innen der Parlamentsparteien gebracht, bereits die zweite nach Ende Februar. Vergangenen Dienstag war Harald Vilimsky eingeladen, der Termin war seit Wochen ausgemacht, spezielle Themen waren – wie bei allen Kandidat*innen – nicht vereinbart. (Das ist wichtig, weil Vilimsky und auch FPÖ-Stiftungsrat Steger später etwas anderes behauptet haben.)

Am Wochenende zuvor, zu Ostern, hatte die FPÖ Krach mit ihrem Koalitionspartner. Das ekelhafte „Ratten“-Pamphlet des Braunauer Vize-Bürgermeisters im lokalen FPÖ-Parteiblatt hatte (nach der Debatte um das Verhältnis zu den rechtsextremen „Identitären“) eine kleine Koalitionskriseverursacht. Der Kanzler selbst hatte das „Gedicht“ als „abscheulich, menschenverachtend sowie zutiefst rassistisch“ kritisiert und eine Distanzierung verlangt. Dienstag früh trat der Braunauer FPÖ-Funktionär schließlich zurück.

PK Vilimsky Strache

Parteichef Strache und Generalsekretär Vilimsky gaben das bei einer Pressekonferenz zu Mittag bekannt, bei der sie ihre EU-Wahlplakate präsentierten. Die beiden FPÖ-Spitzen zeigten sich geradezu empört: „Ein derartiges Fehlverhalten ist mit den Grundsätzen der FPÖ nicht vereinbar“, erklärte Strache zu Braunau kategorisch.

WARUM DAS RFJ-PLAKAT?

Das Thema beherrschte nicht nur die Pressekonferenz, sondern auch die Berichterstattung über die FPÖ an diesem Tag. Gleichzeitig kursierte auf Twitter eine Zeichnung der freiheitlichen Jugend Steiermark.

RFJ-SujetDas Sujet, das Titelbild eines Flyers, ist etwa ein Jahr alt, stand aber auch am Dienstag (und auch heute) noch prominent auf der steirischen RFJ-Website. Unter dem Slogan „Tradition schlägt Migration“ zeigt es ein blondes Trachtenpärchen, das von dunklen, bösartigen, offenbar fremdländischen Fratzen bedroht wird. Im Hintergrund sind schemenhaft zwei Minarette skizziert.

Für mich war schnell klar, dass ich Harald Vilimsky am Abend mit diesem Bild konfrontieren würde.

Wie glaubwürdig ist die Distanzierung vom rassistischen „Ratten“-Pamphlet, wenn eine FPÖ-Organisation gleichzeitig eine derart rassistische „Karikatur“ verwendet? Zum einen war „Braunau“ ganz klar das zentrale politische Thema des Tages. Zum anderen ist Harald Vilimsky nicht nur EU-Spitzenkandidat der FPÖ, sondern seit 13 Jahren auch ihr Generalsekretär, also für die gesamte Parteiarbeit verantwortlich.

WARUM DER „STÜRMER“-VERGLEICH?

Damit die Zeichnung im Fernsehen besser erkennbar wird, hat unsere Grafik in der Vorbereitung die schwarz-weißen Fratzen auf dem Sujet hervorgehoben. Und wir haben eine Titelseite der NS-Zeitschrift „Stürmer“ herausgesucht, die durch ihre rassistischen Darstellungen (damals von Juden) bis heute berüchtigt ist.

Die – mit dem ZiB2-Sendungsverantwortlichen abgesprochene – Idee war nun folgende: Ich würde Harald Vilimsky mit der „Karikatur“ konfrontieren und ihn fragen, was er davon hält. Würde er sich davon distanzieren – wovon ich nach der Braunau-Debatte eigentlich ausging -, frage ich nach, warum in der FPÖ immer wieder solche „Einzelfälle“ passieren. Damit wäre das Thema erledigt. Sollte Vilimsky jedoch das RFJ-Sujet verteidigen, würden wir die „Stürmer“-Seite dazublenden und ich ihn fragen, was die beiden Darstellungen seiner Meinung nach unterscheidet.

„NIEMAND REGT DAS AUF“

Durchaus zu meiner Überraschung reagierte Vilimsky auf das offenkundig rassistische RFJ-Sujet so: „Diese Geschichte ist in der Steiermark ein Jahr bekannt. Niemand in der Steiermark im Landtag regt das auf, ja. … Man kann über den Stil streiten. ‚Tradition statt Migration‘ – Was ist schlimm daran? Das sind aus meiner Sicht Islamisten. … Das sind Personen, die der Gesellschaft nichts Gutes wollen.“

Bild-Vergleich

Auf die Frage nach dem Unterschied zum „Stürmer“ wurde Vilimsky hingegen extrem emotional: „Also hier diese Parallelität zu ziehen, Herr Wolf, ist also allerletzte Schublade. Indem Sie hier vom Stürmer ein Bild nehmen, das gegenüber einem Jugendplakat gegenüber stellen und den Eindruck erwecken, dass wir in der Nähe des Nationalsozialismus wären … ist etwas, das nicht ohne Folgen bleiben kann.“ Auf meine  Ergänzung „Für die Jugendorganisation in der Steiermark nehme ich an?“ ging er nicht weiter ein.

Aber Herr Vilimsky war noch nicht am Ende: „Das ist überhaupt etwas, was ich noch nicht erlebt habe im ORF. Es hat eine Qualität, die nach unten offen ist. Es ist jenseitig, Herr Wolf, was Sie da machen. … Ich halte das für einen Skandal der Sonderklasse.“

Im Interview ging es dann noch um Vilimskys Inserate in einer rechtsextremen Zeitschrift, die den „Identitären“ nahesteht, um den FPÖ-Vertrag mit Putins Partei „Einiges Russland“, die FPÖ-Enthaltungen bei einer Abstimmung über Verkehrssicherheit im EU-Parlament und um die Weigerung von Außenministerin Kneissl, eine Wahlempfehlung für die FPÖ abzugeben. (Hier finden Sie ein vollständiges Transkript des Gesprächs samt Quellenangaben.)

Vorbereitet hatte ich noch Fragen zur künftigen gemeinsamen Rechtsaußen-Fraktion im EU-Parlament und welche konkreten EU-Kompetenzen die FPÖ zurück zu den Nationalstaaten verlagern will. Aber dazu kamen wir leider aus Zeitgründen nicht. Es wird vor der Wahl allerdings noch etliche Interviews und Studiodiskussionen zu EU-Themen geben. Auf Sendung beendete Vilimsky das Gespräch mit einem – möglicherweise ironischen – „Ich danke für das freundliche Interview“, während des folgenden Beitrags verabschiedeten wir uns durchaus höflich voneinander.

DIE EMOTIONEN DANACH

So höflich sollte es nicht bleiben. Am nächsten Tag forderte Herr Vilimsky vom ORF meinen Rauswurf. Vizekanzler Strache nannte mein Interview mehrfach „widerlich“ und verlangte vom ORF-Chef, mich über das gesetzliche Objektivitätsgebot zu belehren. Der zweite FPÖ-Generalsekretär Hafenecker erklärte mich zum „selbsternannten Medialinqusitor“ und der Wiener Landtags-Abgeordnete Kohlbauer befand, ich sei „untragbar“ und überhaupt: „Der falsche und inflationäre NS Vergleich verharmlost die mörderische NS-Ideologie!“

Heute-Headline

Wie spontan Vilimskys Empörung im Studio war, ist übrigens eine interessante Frage. Wenige Stunden nach dem Interview hat die FPÖ einen EU-Wahlspot veröffentlicht, in dem eine TV-Journalistin namens „Armina Wolf“ eine wesentliche Rolle spielt. Dass das – durchaus professionelle – Video erst nach der ZiB2 entstanden ist, scheint nicht sehr wahrscheinlich. Etliche Kommentatoren auf Twitter vermuten nun, Vilimsky hätte mich im Interview – ganz unabhängig von meinen Fragen – in jedem Fall frontal attackiert, weil der Konflikt mit dem ORF offensichtlich zum freiheitlichen Wahlkampfkonzept gehört.

Die absurdeste Reaktion auf das Gespräch kam von Ursula Stenzel. Die ehemalige ZiB-Moderatorin zog allen Ernstes einen Vergleich zwischen meinem Interview und dem berüchtigten „Volksgerichtshof“ des Nazi-Blutrichters Roland Freisler.

oe24-Headline
NORBERT STEGERS „AUSZEIT“

Wirklich bemerkenswert finde ich jedoch die Reaktion von Norbert Steger. Der ehemalige FPÖ-Parteichef ist seit einem knappen Jahr Vorsitzender des ORF-Stiftungsrates und damit so etwas wie der Aufsichtsratspräsident des ORF. Im KURIER nannte Herr Steger meine Frage an Vilimsky wörtlich „pervers“. Und in einem Gespräch bei „Fellner live“, das mehr als eine halbe Stunde lang ohne eine einzige kritische Frage auskam, erklärte der oberste ORF-Vertreter ohne weitere Begründung, ich hätte dem ORF „großen Schaden zugefügt“ und sollte „auf Gebührenzahler-Kosten“ eine Auszeit nehmen. Wenige Tage nach der „Romy“-Verleihung halte ich das für einigermaßen originell. Meine kurze Rede dort fand Herr Steger aber ohnehin „noch viel ärger“.

Es gäbe übrigens eine sehr einfache – und korrekte – Reaktion, sollte die FPÖ tatsächlich der Meinung sein, ich hätte mit meiner Frage das ORF-Gesetz verletzt: Eine Beschwerde bei der dafür zuständigen Medienbehörde, der KommAustria. Eine solche Beschwerde wurde bisher aber weder eingebracht noch angekündigt. Aus gutem Grund: Sie wäre chancenlos. Meine Frage war rechtlich einwandfrei, die Judikatur des Verfassungsgerichtshofs zu Live-Interviews im ORF ist seit Jahrzehnten glasklar.

INTERNATIONALE REAKTIONEN

Die allermeisten heimischen und internationalen Medien fanden vor allem Vilimskys Drohung „Das kann nicht ohne Folgen bleiben“ berichtenswert und seine Forderung, mich abzusetzen (etwa die FAZ, die SÜDDEUTSCHE, der TAGESSPIEGEL, die ARD-TAGESSCHAU). Ganz besonders, weil die FPÖ ja seit Monaten mit dem ORF im Clinch liegt und im geplanten neuen ORF-Gesetz die Rundfunk-Gebühren streichen will. Parteichef Strache hat das beim EU-Wahlkampfauftakt am Samstag bekräftigt: Wie ein Löwe“ will er dafür kämpfen. Dass mit der – von der FPÖ propagierten – Budgetfinanzierung des ORF der Zugriff der Politik auf den Sender sehr viel direkter würde, ist klar.

Tagesschau-Website


Der ORF-Redakteursrat hat dementsprechend protestiert, der Deutsche Journalistenverband hat sich solidarisiert, Medienminister Blümel hat der FPÖ ausgerichtet, dass die Politik sich nicht „in die Beschäftigungsverhältnisse von Journalisten einzumischen“ habe und der ÖVP-Generalsekretär nannte Stenzels „Volksgerichtshof“-Entgleisung „nicht akzeptabel“. Ex-Bundespräsident Heinz Fischer sagte zu Stenzel im ZiB2-Studio: „Das darf eigentlich nicht passieren. Jeder, der etwas aus der Geschichte gelernt hat, wird das nicht akzeptieren, sondern verurteilen.“

ORF-Chef Alexander Wrabetz hat Vilimskys Forderung, mich abzuberufen, klar zurückgewiesen: „Ich lasse mir von einem Parteigeschäftsführer nicht zurufen, wer bei uns die ZiB moderiert“. Und Sonntag Abend hat der vielfach preisgekrönte TV-Regisseur und Autor David Schalko in einem ausführlichen STANDARD-Kommentar argumentiert, „Warum Steger sofort weg muss“.

Die Aufregung in den letzten Tagen war jedenfalls groß. Dutzende Artikel, viele hundert Mails, tausende Tweets und auf Facebook habe ich seit Mittwoch gleich gar nicht geschaut. Würde ich nun im Rückblick – nach der ganzen Debatte – die Frage an Herrn Vilimsky noch einmal stellen?

EIN „GEFALLEN“ FÜR DIE FPÖ?

Die NZZ immerhin hat das Interview als „keine Sternstunde“ kritisiert. Ich hätte Vilimsky „einen Gefallen getan“, die Darstellungen des RFJ und im „Stürmer“ seien „unterschiedlich und beziehen sich auf andere Zusammenhänge“. Weshalb sie unterschiedlich sind, erklärt der Autor allerdings nicht.

Der KURIER hat zu dem Vergleich Experten interviewt: Die große Nase, die großen Ohren, der grimmige Blick, „und daneben das strahlende österreichische Paar, das diese Merkmale nicht aufweist – das geht nicht mehr klarer“, erklärt der deutsche Historiker Christian Kuchler, Fachmann für NS-Propaganda im 21. Jahrhundert.

Es ging mir übrigens nicht um die Frage, ob das RFJ-Plakat „antisemitisch“ ist. Kein Mensch würde annehmen, dass die FPÖ auf einem Plakat über „Asylantenströme“ Juden abbildet. Es ist ziemlich offensichtlich, dass damit muslimische Zuwanderer gemeint sind. Deshalb habe ich auch zu Herrn Vilimsky im Interview gesagt: „Ich sehe hier eine Darstellung von offenbar ausländisch gedachten Menschen, die sehr ähnlich aussieht wie die optische Darstellung im „Stürmer“ damals von Juden.“

Es geht darum, dass in der „Karikatur“ Menschen einer bestimmten ethnischen Herkunft pauschal als bösartige, hinterhältige, offensichtlich bedrohliche und stereotype Fratzen abgewertet werden: „Das Sujet ist in jedem Fall schwer rassistisch“, wie der Wiener Kommunikationswissenschafter Wolfgang Duchkowitsch im KURIER konstatiert.

Es ging mir auch nicht darum, ob ich Herrn Vilimsky mit der Frage „einen Gefallen“ tue, was die NZZ so beschäftigt. Ich überlege in der Vorbereitung von Interviews grundsätzlich nicht, ob Fragen dem Gast nützen oder schaden. Ich überlege, ob die Fragen – und die Reaktion des Gastes darauf – für das Publikum der ZiB2 aufschlussreich sind. Ob die Zuseher*innen dadurch mehr über den Gast im Studio und seine politischen Positionen erfahren. Ob sie ihn nach dem Interview besser beurteilen können als vorher. Ich denke, das hat das Gespräch mit Herrn Vilimsky geleistet.

WÜRDE ICH DIE FRAGE NOCHMAL STELLEN?

Würde ich im Nachhinein etwas anders machen? Ja, ich würde ganz am Ende die zweite Nachfrage nach Frau Kneissl nicht mehr stellen, der Erkenntnisgewinn war bescheiden. Vielleicht würde ich die Passage zu den Verkehrsmaßnahmen kürzen und mich dafür nach der geplanten Rechtsaußen-Fraktion erkundigen. Aber die Frage, worin sich die rassistische RFJ-„Karikatur“ von rassistischen Bildern im „Stürmer“ unterscheidet, würde ich jedenfalls wieder stellen. Eine konkrete Antwort darauf habe ich bis heute nicht gehört.

Und noch ein Letztes: Ich bin ziemlich sicher, hätte ein*e Leitartikler*in im STANDARD oder der PRESSE nüchtern – oder auch empört – festgestellt, dass sich das RFJ-Sujet der Bildsprache des „Stürmer“ bedient, wäre ziemlich wenig passiert. Möglicherweise hätte sich die FPÖ nichtmal über einen solchen Zeitungskommentar beschwert. Doch als Interview-Frage im Fernsehen wird der Vergleich zum „ORF-Skandal“ (krone.at).

Dabei konnte Herr Vilimsky auf die Frage live und ungeschnitten antworten, was immer er wollte. Oder wie die NZZ schreibt: „Vilimsky konnte zur Angelegenheit ausführlich Stellung nehmen, und dem Publikum wurde nichts vorenthalten. Es war in der Lage, sich aufgrund der gezeigten Cartoons eine eigene Meinung zu bilden. Niemand wurde manipuliert.“  Herr Vilimsky konnte mir sogar live auf Sendung drohen.

Ich werde übrigens keine Auszeit nehmen. (Armin Wolf, 28.04.2019)

Empörio Amani (von Mely Kiyak)

Empörio Amani – eine Kolumne von Mely Kiyak in der Zeit
Die Komödiantin Enissa Amani wird von einer Fernsehkolumnistin kritisiert und zettelt deshalb einen Shitstorm an. Offenbar hat sie die Kritik nicht verstanden.
Das hätte man auch nicht gedacht! Dass ausgerechnet die Generation der Follower den nächsten Kritikerstreit vom Zaun brechen wird. Bislang gab es nur Männerpaare in dieser Disziplin. Ernst Nolte und Jürgen Habermas. Martin Walser und Ignatz Bubis. Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass. Nun endlich reihen sich mit Enissa Amani und Anja Rützel auch zwei Frauennamen in die Geschichte der deutschesten aller Debatten ein, mit der Frage, die eines Tages sehr wahrscheinlich genau wie „Kindergarten“ oder „Blitzkrieg“ im Original in die Sprachen der Welt eingehen wird: „Darf man das?“
Im Zentrum des aktuellen Disputs steht die TV-Übertragung einer Preisverleihung („About You Award“) für Influencer. Influencer sind lebende Otto-Kataloge, die für Geld auf ihren Social-Media-Kanälen Werbung machen. Sie zeigen das Produkt nicht nur, sondern führen es auch vor, wenn die Verwendung allzu neu und unbekannt ist. In kleinen Tutorials erläutern sie wie Medizinprofessoren im Präparationssaal, wie man ein Beutelchen gefriergetrockneten Cappuccino in die Tasse rieseln lässt und Wasser aus dem Wasserkocher nachgießt. Immer fällt der berühmte Satz: „Ich verlinke euch alles unten in der Infobox.“ Dort werden vom Wasserkocher bis zum Stromanbieter alle Markennamen aufgelistet. „Drüben“ bei Insta folgt oft auch noch ein swatch. Ein Influencer beschrieb in der TV-Show das Selbstverständnis seiner Berufsgruppe: „Wir sind die creator unserer Generation. Wir machen content, weil wir es lieben, nicht weil wir müssen!“
Anja Rützel, um auch sie kurz vorzustellen, ist für die Fernsehkritik das, was Hellmuth Karasek für die Literaturkritik war. Nie gemein. Nie ätzend. Ihre Spezialität: Je boulevardesker die gesendete Belanglosigkeit, desto besser. Ihre TV-Kritik über die Influencer hat sie in acht unangenehme Momente eingeteilt, einer davon behandelt Enissa Amanis Performance („sehr lang, extrem sonderbar“). Einem größeren Fernsehpublikum ist die Künstlerin Amani durch ihre Auftritte bei RebellComedy bekannt. Deren Erfinder, eine Handvoll Jungs mit Eltern von Nordafrika bis Afghanistan, schafften es, die besseren Witze über sich und ihre Herkunft zu reißen. Das ist nämlich eine große Kunst, dass man ein Publikum über sich selbst zum Lachen bringt, und dabei eigentlich über den stumpfsinnigen Rassisten lacht, der sogar für eine Stereotypisierung zu blöd ist, weil ihm der Zugang zu den kulturellen Codes fehlt.
Und damit sind wir auch schon im Thema der Selbst- und Fremdbeschreibung, beim Selbstmarketing, bei der Ausstaffierung des eigenen Lebens, das dazu dient, noch mehr Reichweite zu generieren und der damit verbundenen Frage, wie weit man zu gehen bereit ist. „Geiles Lebensalbum“, sagte jemand während der Show, ohne zu ahnen, wie sehr das passt.
Da war zum Beispiel das Model Doutzen Kroes mit der Botschaft: „Wir können unsere Plattform nutzen und unsere Stimme.“ Es ging gerade um die Kategorie „Empowerment“ und Greta Thunberg, und Kroes sagte: „Ich nutze meine Stimme für die Elefanten.“ Sie kämpfe für deren bessere Zukunft mit einer selbst gegründeten Initiative. Bei der Recherche stößt man auf den Schmuckhersteller Tiffany, der gemeinsam mit dem Model eine Kollektion mit süßen Elefanten als Brosche und Ketten herausgibt, jedes piece um die 200 Dollar. Die Influencer-Branche hat den Kapitalismus so gut inhaliert, dass es ihnen möglich ist, sich in eine Reihe mit Greta Thunberg zu stellen und dabei gut zu fühlen. Thunberg ist Aktivistin und nicht Influencerin. Sie ist nämlich nicht käuflich.
Äthiopien, Ägypten, ständig wurde bei der Show irgendein Influencer gezeigt, wie er wieder für ein total wichtiges Projekt nach Afrika reiste. Es drängt sich die Vermutung auf, dass nicht so sehr die afrikanischen Tierschützer und afrikanischen Menschenrechtler die Influencer und Musiker aus Europa benötigen, sondern umgekehrt.
Enissa Amani betrat die Bühne. Ihr Thema war die fehlende Trennschärfe zwischen dem Begriff des Komikers und dem Stand-up-Comedian, den die „alteingesessene Presse“ partout nicht kapieren wolle. Die Pointe des Vortrags bestand in der Drohung, falls man sie noch einmal Komikerin nennen würde, dann: „Al’la, ich geh’ nach Nicaragua und züchte Papaya, Al’la, wir sind Staaand-upppp’a, Al’la!“
Al’la steht hier übrigens nicht für die islamische Gottheit, sondern für „Alter“. Man versucht, zu verstehen, wer mit Amanis Auswanderung nach Nicaragua bestraft werden soll. Die Papayas?
Enissa Amani wird später behaupten, das Publikum habe ihren Vortrag wahnsinnig komisch gefunden („Alle haben sich total kaputtgelacht“), und noch später wird sie behaupten, Anja Rützels kleine Fopperei („Nach dieser Rede kann einfach keiner wollen, dass wir diese Komikerin an die Fruchtproduktionsbranche verlieren“) sei Hetze.
Amani wird als Reaktion auf Rützels Text, der alles in allem eine zärtliche Beobachtung einer alles in allem strunzpeinlichen Show ist, in vielen Beiträgen auf ihren Social-Media-Kanälen dafür sorgen, dass die Kritikerin von der empörten Amani-Gefolgschaft auf vielfältige Weise attackiert wird. Rützel wird nun zur Nazibraut degradiert, die Amani aus dem Land ekeln wolle. Im Rahmen dieses Kommentarkuddelmuddels schaltete sich auch noch ein rechtsextremer Politiker ein, der Rützels Text dafür missbraucht, um sich an Amani mit genau jener ekeligen Botschaft anzuwanzen, die sie eigentlich der Rützel unterstellte, die diese aber gar nicht meinte.
Und überhaupt, so die zutiefst gekränkte Amani, ginge es doch darum, dass „erstmalig Frauen mit Migrationshintergrund und anderer Hautfarbe verdiente Preise absahnten“. Das stimmt natürlich genauso wenig, wie ihre Behauptung, dass Stand-upper die einzigen Künstler seien, die allein mit einem Mikrofon und ihren Geschichten neunzig Minuten lang das Publikum unterhalten würden. Sie hat offenbar nie eine Lesung besucht oder einen Bühnenmonolog geschaut. Stand-up und Open Mic sind Fortführungen dieser Künste.
Groteske Einschätzung, dass eine Preisverleihung für Konsumgüterdarsteller eine Art Adelbert-von-Chamisso-Preis für Komiker mit Stand-up-Hintergrund und Migrationsgirlande sei, die deshalb unkritisierbar sind. Dass sie aber meint, dass Nicaragua deshalb Höchststrafe sei, weil man Papayazucht betreiben wolle und nicht aufgrund der aktuellen politischen Situation dort, ist – wirklich nur unter uns preisgekrönten Witzbolden gesprochen – vergleichbar mit allen Spaßvögeln, die glauben, die besseren Witze über die Herkunft anderer machen zu dürfen.
Hannah Arendt sagte mal, man kann sich nur als das verteidigen, als was man angegriffen wurde. Was aber, wenn man gar nicht als „das“ angegriffen wurde? Enissa Amani hat das große Glück, dass Anja Rützel das gemacht hat, was sich Generationen von Künstlern in diesem Land wünschen. Nämlich mit genau den gleichen Maßstäben beurteilt zu werden, wie all jene, die Deutsch nicht als Muttersprache lernten. Rützels Kritik kam ohne Hinweis auf Herkunft, Aussehen, Religion aus. Und natürlich ist die Beurteilung von Humor keine alleinige Angelegenheit von Geschmack, sondern hat Regeln und Filter. Das unterscheidet die Meinung, den Like, das Herz und den Daumen von der professionellen Kritik. Rützel sei nicht konstruktiv, klagte Amani. Auch das ist ein seltsames Missverständnis unserer Zeit. Kritik ist kein Seminar dafür, wie man etwas besser macht. Es handelt sich hier um kein DIY-Ding, es gibt auch keine Infobox. Kritik ist Kritik. (Mely Kiyak, 24. April 2019)

Wie können Männer Feministen sein?

von

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1. Erwarten Sie keine kostenlose Nachhilfe von Frauen in Sachen Feminismus. Informieren Sie sich selbst, das Internet ist voll und die Bibliotheken auch.
2. Lesen Sie Bücher von Frauen, sehen Sie Filme von Frauen, hören Sie Musik von Frauen.
3. Behaupten Sie nie wieder, Frauen hätten nichts Großes erfunden und informieren Sie sich stattdessen darüber, was Ihnen bisher entgangen ist.
4. Lesen Sie weiter, auch wenn Sie ungern belehrt werden, vielleicht kommt am Ende raus, dass Sie längst Feminist sind.
5. Fragen Sie sich, ob es eine Frau gibt, die Ihr Vorbild ist. Wenn Ihnen nur Ihre eigene Großmutter einfällt, fragen Sie sich, warum das so ist.
6. Lassen Sie Frauen ausreden.
7. Unterbrechen Sie Männer, die Frauen unterbrechen.
8. Glauben Sie Frauen, wenn sie von ihren Erfahrungen berichten, auch wenn es Ihnen schwerfällt. Neulich gab es ein Video, das viral ging: Eine Frau trug in einem Club ein „smart dress“, das die Menge der Berührungen maß, die unerlaubt auf ihrem Körper landeten. Viele Männer reagierten geschockt auf die Vielzahl der Übergriffe. Sie hätten das auch einfacher haben können, mit Zuhören.
9. Geben Sie Frauen keine unerbetenen Ratschläge und vor allem keine, die Sie bei Männern unangemessen fänden.
10. Fangen Sie keine Sätze an mit „Ich könnte dein/ Ihr Vater sein,…“.
11. Beenden Sie auch keine Sätze so.
12. Kommentieren oder berühren Sie die Körper oder Kleidung von Frauen nicht, wenn Sie auch nur den geringsten Zweifel haben, ob das gerade unangemessen ist. Unangemessen ist es in den meisten beruflichen Situationen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, und bei Frauen, die nicht so aussehen, als wären sie an einem Gespräch interessiert (Kopfhörer sind ein guter Hinweis dafür). Wenn Sie denken, dass Sie dann ja gar nichts Nettes mehr sagen können, denken Sie noch mal nach.
13. Sagen Sie Frauen mit kurzen Haaren oder Fingernägeln nicht, dass Sie lieber lange Haare oder Fingernägel mögen. Die ahnen das schon. Sagen Sie geschminkten Frauen nicht, dass Sie lieber ungeschminkte mögen.
14. Laufen Sie nachts nicht dicht hinter fremden Frauen her, auch wenn Sie den gleichen Weg haben. Gehen Sie langsamer oder auf der anderen Straßenseite. Wirklich.
15. Bezahlen Sie Frauen für ihre Arbeit, mindestens so viel wie Männer.
16. Geben Sie Ihrer Tochter mindestens so viel Taschengeld wie Ihrem Sohn im selben Alter.
17. „Helfen“ Sie Ihrer Partnerin nicht im Haushalt: Machen Sie einfach die Hälfte.
18. Denken Sie nicht, dass Sie schon Feminist sind, weil Sie nett zu Ihren weiblichen Familienangehörigen sind.
19. Fordern Sie Frauen, die nicht lächeln, niemals zum Lächeln auf.
20. Oder, wenn Sie es bei Frauen nicht lassen können: Fordern Sie auch mal Männer, die nicht lächeln, zum Lächeln auf, und fühlen Sie mal, wie bescheuert das ist.
21. Wann immer Sie unsicher sind, ob Sie etwas Sexistisches sagen oder tun, machen Sie die einfachste Sexismusprobe, die es gibt: Vertauschen Sie im Kopf die Geschlechterrollen und schauen Sie, ob es merkwürdig wird. Wenn Sie gerade über eine Frau sagen wollten, dass sie wahrscheinlich so anstrengend ist, weil sie keine Kinder hat, fragen Sie sich, ob Sie über einen Mann auch so reden würden.
22. Wenn Sie ein Baby kriegen, nehmen Sie mehr als die zwei Monate Elternzeit. Wenn Sie nur die zwei Monate nehmen: Fahren Sie nicht zwei Monate nach Thailand. Und schreiben Sie während der zwei Monate kein Buch/ Blog darüber, was für ein neuer Mensch Sie in dieser Zeit geworden sind.
23. Sagen Sie lieber nicht, dass Sie so richtig verstanden haben, wie viel Ungerechtigkeit es noch gibt, seit Sie eine Tochter haben. Also, sagen Sie das ruhig, aber seien Sie sich bewusst, dass Sie damit sagen, dass Sie sich nie richtig mit Ihrer Mutter, Frau, Schwester, ihren Freundinnen und Bekannten beschäftigt haben.
24. Informieren Sie sich über Menstruation, PMS, Schwangerschaft, postnatale Depression, Verhütung, Geschlechtskrankheiten, Toxisches Schocksyndrom und Anzeichen von Herzinfarkten und Schlaganfällen bei Frauen. (Das Neo Magazin Royale hat neulich zum Frauentag Videos gemacht, in dem die männlichen Mitarbeiter Menstruation und verschiedene Verhütungsmittel erklären sollten, es war unterirdisch.)
25. Falls Sie etwas mehr Zeit haben: Werden Sie Entbindungspfleger.
26. Lachen Sie nicht mit, wenn Ihre Kolleginnen oder Freunde frauenfeindliche Witze machen. Merken Sie sich den Satz „find ich nicht lustig“. Falls Sie es doch lustig finden: Interessant, dass Sie bis hierher gelesen haben. Bleiben Sie dran.
27. Ungefähr jede dritte Frau in Deutschland wird am Arbeitsplatz belästigt. Schützen Sie keine Täter, auch wenn die ansonsten sogenannte nette Kollegen sind. Die allermeisten Sexualstraftäter sind, wenn sie nicht gerade übergriffig sind, ganz normale, „nette“ Typen.
28. Wenn Sie Belästigung oder andere Übergriffe beobachten, gehen Sie dagegen vor. Tun Sie das, ohne für die Betroffenen zusätzlich belastend zu werden. Nicht jede Geschichte braucht einen Helden.
29. Erklären Sie Feministinnen nicht, dass es eigentlich „Humanismus“ heißen müsste und nicht „Feminismus“.
30. Geben Sie zu, wenn Sie von etwas keine Ahnung haben. Das ist pures Gold.
31. Nennen Sie erwachsene Frauen nicht „Mädchen“ oder „Mädels“, oder alternativ: Nennen Sie erwachsene Männer auch „Jungs“. Aber lieber das Erste.
32. Sehen Sie Frauen nicht als Vertreterinnen einer Spezies. Wenn Ihnen eine Feministin nicht passt, sagen Sie nicht: „Wegen Ihnen kann ich Feminismus nicht mehr ernst nehmen.“ Das ist nur peinlich.
33. Erwarten Sie keine eindeutigen, endgültigen Antworten auf Ihre Fragen, denn Feminismus ist eine extrem vielfältige Bewegung und es gibt darin die unterschiedlichsten Positionen.
34. Nennen Sie nie wieder eine Frau hysterisch, oder alternativ: Nennen Sie Männer auch so. Informieren Sie sich über den Ursprung des Begriffs „Hysterie“.
35. Wenn Frauen etwas kritisieren, nennen Sie sie nicht überempfindlich. Wenn Sie Feministinnen anstrengend finden, fragen Sie sich, warum genau.
36. Daten Sie auch Frauen, die mehr verdienen als Sie.
37. Machen Sie nicht bei Konferenzen oder Podiumsdiskussionen mit, zu denen nur Männer eingeladen werden. Schlagen Sie Frauen vor, zitieren Sie Expertinnen. Nutzen Sie Ihre Privilegien, um gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen.
38. Werden Sie nicht wütend (hysterisch), wenn Sie auf Ihre Privilegien angesprochen werden.
39. Erwarten Sie keinen Applaus, erwarten Sie Streit und Kritik. Wenn Sie glauben, dass Sie für Ihren Einsatz für Gleichberechtigung mehr Anerkennung verdienen als eine Frau, lassen Sie es lieber gleich.
40. Bedanken Sie sich bei Feministinnen für ihre Arbeit. Männern, die an veralteten Geschlechterrollen festhalten, drohen mehr psychische Probleme, hat eine Studie 2016 gezeigt (PDF). Toxische Männlichkeit ist heilbar. Schützen Sie sich! Dankeschön!

penelope, angfressn (elfriede gerstl)

odysseus du oasch
wannst net bald hamkummst kannst di oba echt brausn
i woat do wia r a trottl
du schurlst üba die meere
mit deine hawara lang schau i nimma zua
s stehn eh welche auf mi spü di net
wann i an in da hapfn hob wannst kummst bist oba söba schuid
mia imponiast net mit deina odyssee
du erfinder des ohropax (3, 198)

Greta Thunberg

Greta Thunberg auf Facebook im Februar 2019:
Recently I’ve seen many rumors circulating about me and enormous amounts of hate. This is no surprise to me. I know that since most people are not aware of the full meaning of the climate crisis (which is understandable since it has never been treated as a crisis) a school strike for the climate would seem very strange to people in general.
So let me make some things clear about my school strike.
In may 2018 I was one of the winners in a writing competition about the environment held by Svenska Dagbladet, a Swedish newspaper. I got my article published and some people contacted me, among others was Bo Thorén from Fossil Free Dalsland. He had some kind of group with people, especially youth, who wanted to do something about the climate crisis.
I had a few phone meetings with other activists. The purpose was to come up with ideas of new projects that would bring attention to the climate crisis. Bo had a few ideas of things we could do. Everything from marches to a loose idea of some kind of a school strike (that school children would do something on the schoolyards or in the classrooms). That idea was inspired by the Parkland Students, who had refused to go to school after the school shootings.
I liked the idea of a school strike. So I developed that idea and tried to get the other young people to join me, but no one was really interested. They thought that a Swedish version of the Zero Hour march was going to have a bigger impact. So I went on planning the school strike all by myself and after that I didn’t participate in any more meetings.
When I told my parents about my plans they weren’t very fond of it. They did not support the idea of school striking and they said that if I were to do this I would have to do it completely by myself and with no support from them.
On the 20 of august I sat down outside the Swedish Parliament. I handed out fliers with a long list of facts about the climate crisis and explanations on why I was striking. The first thing I did was to post on Twitter and Instagram what I was doing and it soon went viral. Then journalists and newspapers started to come. A Swedish entrepreneur and business man active in the climate movement, Ingmar Rentzhog, was among the first to arrive. He spoke with me and took pictures that he posted on Facebook. That was the first time I had ever met or spoken with him. I had not communicated or encountered with him ever before.
Many people love to spread rumors saying that I have people ”behind me” or that I’m being ”paid” or ”used” to do what I’m doing. But there is no one ”behind” me except for myself. My parents were as far from climate activists as possible before I made them aware of the situation.
I am not part of any organization. I sometimes support and cooperate with several NGOs that work with the climate and environment. But I am absolutely independent and I only represent myself. And I do what I do completely for free, I have not received any money or any promise of future payments in any form at all. And nor has anyone linked to me or my family done so.
And of course it will stay this way. I have not met one single climate activist who is fighting for the climate for money. That idea is completely absurd.
Furthermore I only travel with permission from my school and my parents pay for tickets and accommodations.
My family has written a book together about our family and how me and my sister Beata have influenced my parents way of thinking and seeing the world, especially when it comes to the climate. And about our diagnoses.
That book was due to be released in May. But since there was a major disagreement with the book company, we ended up changing to a new publisher and so the book was released in august instead.
Before the book was released my parents made it clear that their possible profits from the book ”Scener ur hjärtat” will be going to 8 different charities working with environment, children with diagnoses and animal rights.
And yes, I write my own speeches. But since I know that what I say is going to reach many, many people I often ask for input. I also have a few scientists that I frequently ask for help on how to express certain complicated matters. I want everything to be absolutely correct so that I don’t spread incorrect facts, or things that can be misunderstood.
Some people mock me for my diagnosis. But Asperger is not a disease, it’s a gift. People also say that since I have Asperger I couldn’t possibly have put myself in this position. But that’s exactly why I did this. Because if I would have been ”normal” and social I would have organized myself in an organisation, or started an organisation by myself. But since I am not that good at socializing I did this instead. I was so frustrated that nothing was being done about the climate crisis and I felt like I had to do something, anything. And sometimes NOT doing things – like just sitting down outside the parliament – speaks much louder than doing things. Just like a whisper sometimes is louder than shouting.
Also there is one complaint that I ”sound and write like an adult”. And to that I can only say; don’t you think that a 16-year old can speak for herself? There’s also some people who say that I oversimplify things. For example when I say that „the climate crisis is a black and white issue”, ”we need to stop the emissions of greenhouse gases” and ”I want you to panic”. But that I only say because it’s true. Yes, the climate crisis is the most complex issue that we have ever faced and it’s going to take everything from our part to ”stop it”. But the solution is black and white; we need to stop the emissions of greenhouse gases.
Because either we limit the warming to 1,5 degrees C over pre industrial levels, or we don’t. Either we reach a tipping point where we start a chain reaction with events way beyond human control, or we don’t. Either we go on as a civilization, or we don’t. There are no gray areas when it comes to survival.
And when I say that I want you to panic I mean that we need to treat the crisis as a crisis. When your house is on fire you don’t sit down and talk about how nice you can rebuild it once you put out the fire. If your house is on fire you run outside and make sure that everyone is out while you call the fire department. That requires some level of panic.
There is one other argument that I can’t do anything about. And that is the fact that I’m ”just a child and we shouldn’t be listening to children.” But that is easily fixed – just start to listen to the rock solid science instead. Because if everyone listened to the scientists and the facts that I constantly refer to – then no one would have to listen to me or any of the other hundreds of thousands of school children on strike for the climate across the world. Then we could all go back to school.
I am just a messenger, and yet I get all this hate. I am not saying anything new, I am just saying what scientists have repeatedly said for decades. And I agree with you, I’m too young to do this. We children shouldn’t have to do this. But since almost no one is doing anything, and our very future is at risk, we feel like we have to continue.

And if you have any other concern or doubt about me, then you can listen to my TED talk, in which I talk about how my interest for the climate and environment began.
And thank you everyone for you kind support! It brings me hope.
/Greta
Ps I was briefly a youth advisor for the board of the non profit foundation “We don’t have time”. It turns out they used my name as part of another branch of their organisation that is a start up business. They have admitted clearly that they did so without the knowledge of me or my family. I no longer have any connection to “We don’t have time”. Nor has anyone in my family. They have deeply apologised and I have accepted their apology.

russian doll

‘Russian Doll’ (nyt)
The “Groundhog Day” premise of the eternally resetting day has itself — somewhat ironically — been done over and over in movies and TV shows. But nothing that’s come before is quite like “Russian Doll,” an innovative comedy co-created by Natasha Lyonne, Leslye Headland and Amy Poehler. Lyonne stars as Nadia, who finds herself continuously looping around to the same party, where something disastrous always happens. With every do-over, “Russian Doll” proves constantly delightful and surprising.

Ich denke ja garnichts, ich sage es ja nur.

„Ich denke ja garnichts, ich sage es ja nur.“
Ödön von Horváth und das Theater
bis 11.2.2019 im Theatermuseum

Ödön von Horváth hat sich als „Chronist seiner Zeit“ gesehen und an einer steten „Demaskierung des Bewusstseins“ mittels Literatur gearbeitet. In seinen genialen Dialogen werden die engen Verflechtungen von Erotik, Ökonomie und Politik freigelegt – Verflechtungen, die bis in unsere Gegenwart fortwirken. Mit seiner Durchdringung der kleinbürgerlichen Sprache, pointiert gefasst im Begriff des „Bildungsjargons“, seiner konzisen Sprachkritik und seinen „irren Sätzen“ (Peter Handke) wirkte er stilprägend für die deutschsprachige Literatur nach 1945. In der aufwendig inszenierten Ausstellung des Theatermuseums werden am Beispiel der Dramen Geschichten aus dem Wienerwald, Kasimir und Karoline und Italienische Nacht die politische Substanz und brisante Aktualität von Horváths Dramatik deutlich.

Die Ausstellung wurde von Nicole Streitler-Kastberger und Martin Vejvar kuratiert und von Peter Karlhuber gestaltet.

FIRE movement

The FIRE (Financial Independence, Retire Early) movement is a movement whose goal is financial independence and retiring early. … Those seeking to attain the goals of FIRE intentionally increase the rate by which they save their income through simple living or generating secondary and passive streams of income.

twitter zu #ibes

„Die Gisele machen“ ist jetzt auch offiziell als Redewendung für das Gegenteil von „sich Mühe geben“ anerkannt. @RanEnrico
Gisele hat 0 Sterne. Abzüglich Tierheim- und Zoosteuer sowie 30% Mehrwertsteuer bleibt da nicht mehr viel übrig. @anredo
Wenn Evelyn einen Strohballen trägt , ist das eine externe Festplatte @sanni_beck

Kokolores und Mumpitz

Zwei wunderschöne, jedoch leider etwas in Vergessenheit geratene Synonyme für Unfug, Unsinn sind die Wörter Kokolores und Mumpitz. Das lautmalerische Kokolores, das schon lange in verschiedenen Mundarten bekannt war, aber erst im 20. Jahrhundert in die Literatursprache Aufnahme fand, ist vermutlich – hundertprozentig ist die Herkunft nicht geklärt – dem Schrei eines Hahnes nachempfunden (Kikeriki! Landschaftlich früher auch: Kuckelöres! Gockelorum!). Der Hahn war bekanntlich schon immer ein Sinnbild der Eitelkeit, sein Krähen wurde dementsprechend als nichtssagendes Geschwätz empfunden. Das Wort Mumpitz entstand aus dem im 16. Jahrhundert gebräuchlichen Wort Butz oder Butzemann für ein Gespenst oder eine Vogelscheuche, später dann Mummelputz für ein vermummtes Gespenst. Aus Mummelputz wurde im Berliner Börsenjargon Mitte des 19. Jahrhunderts dann schließlich Mumpitz im Sinne von erschreckenden Gerüchten oder lügnerischem Gerede.
(aus dem Duden-Newsletter vom 03.12.2018)

Hide your phone during conversations

Having your phone visible when you are around others will immediately decrease the quality of your interactions. This is the so-called iPhone effect, and a 2014 study confirmed that the mere presence of a mobile device (even if switched off) made conversations less fulfilling. Another study found that a visible cell phone had negative effects on attention and on people’s ability to perform complex tasks. So, leave your phone in your bag and encourage your relationships to flourish.

European Way of Life von Erwin Seitz

Der American Way of Life ist veraltet. Unsere Zeit verlangt nach europäischer Lebensart: grünes Wachstum statt Konsumismus, Zusammenarbeit statt Wettbewerb, Erzeugermärkte statt Konsumtempel.

Europa entsteht
Lange sprach kaum jemand von Europa. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot benutzte den Begriff Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christus in seinen „Historien“ erstmals geographisch und politisch-kulturell. Östlich des Bosporus war für ihn Asien, wo die Perser der Monarchie huldigten, westlich Europa, wo die Griechen Freiheit und Gleichheit, Wissenschaft und Künste pflegten. Als aller- dings die Bedrohung durch die Perser abgewehrt war, verlor der Europa-Begriff wieder an Brisanz.
Erst als die Einheit der mediterranen Welt während und nach der Völkerwanderung auseinanderbrach und im Osten und Süden zwei neue Machtblöcke entstanden – das Oströmische Reich und das arabisch-muslimische Reich –, erinnerte man sich im Westen und im Norden wieder an den Europa-Begriff. In diesem nordwestlichen Europa entstand das römisch-katholische Frankenreich mit Gallien, Germanien, Nord- und Mittelitalien, eng verbunden mit Britannien. Karl der Große, der fränkische König, wurde in einem anonymen Epos von 799 als „Europas ehrwürdiger Leuchtturm“ gepriesen.
Mehrere Stämme, Nationen und Reiche – die romanisch- germanische Mischkultur des Frankenreiches, Briten, Wikinger, Ungarn und Slawen – waren verbunden über kirchliche Synoden der römisch-katholischen Kirche, in denen die gemeinsame lateinische Sprache der Kleriker vorherrschte, über politische Versammlungen und Heerzüge, Handel und Gewerbe.

Ora et labora
Entscheidende Entwicklungshilfe leisteten die Klöster, die seit der Epoche der Karolinger so gut wie überall im römisch-katholischen Europa den Regeln des Benedikt von Nursia folgten. Nach den unruhigen Zeiten der Völkerwanderung legte Benedikt Wert auf den Begriff der stabilitas loci, der Ortsgebundenheit und Beständigkeit. Nicht der Wandermönch war das Ideal, sondern jener, der in ein Kloster eintritt. Nur durch eine neue Form der Beruhigung und Beständigkeit schien Kultur wieder aufblühen zu können. Wenngleich Benedikt die Muße als vertrödelte Freizeit verachtete, schätzte er die Muße in Form von Gebet, Studium und Meditation, verbunden mit der Arbeit der Hände. Daraus wurde später die berühmte Formel ora et labora, bete und arbeite – ein kluger Rhythmuswechsel. Und eine frühe Form europäischer Lebensart.
In die Benedikts-Regel floss viel von den Weisheitslehren der griechisch-römischen Antike ein. So sollte der Abt des Klosters nicht unumschränkt das Sagen haben, sondern sich von den Mönchen beraten lassen. Die Menschen sollten zuhören, friedvoll zusammenleben, sich gegenseitig unterstützen, pünktlich sein und beständig im Tun, sollten die Ordnung wahren und die Gastfreundschaft pflegen. Diesen Tugenden wohnte bereits, mit Max Weber zu reden, ein „rationaler Trend“ inne, der für Europa wichtig werden sollte. Und diese Tugenden übertrugen sich auf die europäischen Bürger. Man sollte nicht einfach in den Tag hinein leben, sondern überlegt handeln und etwas schaffen. Man sollte genügsam sein und mit Hilfe von Disziplin gewisse Überschüsse erwirtschaften, um Bedürftigen helfen zu können. Das Handwerk wurde aufgewertet.
Die Essensregeln waren nicht allzu streng. Sie nahmen mediterrane Gepflogenheiten auf, ähnlich dem urbanen Stil, den bereits die altägyptische Wandbemalung im Grab des Nacht in Theben-West zeigte. Es wurden bekömmliche leicht verdauliche Dinge empfohlen: Fisch, Geflügel, Gemüse, Obst, ein Pfund Brot pro Tag und ein angemessenes Quantum Wein. Der Traum vom Klosterleben richtete sich nicht nur auf gute Dinge, sondern auch auf geistige Werte. Cassiodor, ein Zeitgenosse Benedikts, schwante, welcher antike Schatz verloren ginge, wenn man nicht neben der christlichen die weltliche Bildung ins Kloster holt. Die Sieben Freien Künste – Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie – sollten der christlichen Bildung vorausgehen. Wichtig waren die ersten drei: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, weil dadurch Lesen und Schreiben, Reden und Argumentieren, Erkennen und Begreifen gefördert wurden.

Großes Theater
Selbst wenn Europa vorläufig das monarchische Prinzip der spätrömischen Periode übernahm, ging der antike republikanische Gedanke hier nie unter. Die Gewaltenteilung zwischen Kaiser und Papst begünstigte die kommunale Bewegung. Vielerorts wurde die städtische Macht der Grafen und Bischöfe bald gebrochen. Führende Familien, die Geschlechter und Patrizier, Fernkaufleute und Handwerker, übernahmen das Zepter. Sie fanden Zutrauen zu sich selbst und kurbelten Handel und Gewerbe an.
Es schossen Orte und Städte aus dem Boden, die im übertragenen Sinn „großes Theater“ boten: mit magischer Mitte und beeindruckender Architektur, Marktplatz, Rathaus, Kathedrale, mit öffentlichen Räumen der Begegnung, mit geschicktem Handwerk, heimischen Delikatessen und Fernhandelswaren. Da und dort blieb die fürstliche Macht erhalten, und in manchen Städten gab es Paläste und Schlösser mit verfeinerter höfischer Kultur. So oder so entwickelte sich neben der klerikalen eine weltliche Sphäre, in der die Bürger eine wichtige Rolle spielten.
Immer wieder gibt es in der Geschichte neue Träume vom guten Leben, die dafür sorgen, dass sich die Menschen anders organisieren. Das Rollenspiel wurde im Laufe des Mittelalters komplexer, arbeitsteiliger, produktiver: Es gab Knechte und Mägde, Bauern und Handwerker, Mönche und Nonnen, Ritter und Bürger, Krämer und Fernkaufleute, Priester und Bischöfe, höfische Fürsten und Damen, Kaiser und Päpste, bald auch Schüler und Studenten, Lehrer und Professoren.
Der Eifer der Klosterschulen übertrug sich rasch auf die Domschulen, aus denen seit dem hohen Mittelalter Universitäten hervorgingen. Europa brachte den Typus des gebildeten Laien und Intellektuellen hervor, der die Prozesse der Zivilisation kritisch begleitet und Vorschläge für die Verbesserung der Verhältnisse macht. Spätestens seit der Frühen Neuzeit hieß das neue Mantra in Europa: „Wissenschaft und Künste“. Nicht länger der spekulative Gottesbeweis der Theologen, sondern sinnliche Erfahrung, genaue Beobachtung der Natur. „Empirie“, „Experiment“, „Fortschritt“ waren die Schlagworte, die Francis Bacon 1620 in seinem „Neuen Organ der Wissenschaften“ in den Vordergrund rückte. Zuversichtlich verkündete er: „Erwerbe sich nur das menschliche Geschlecht die Herrschaft über die Natur, wozu es von Gott bestimmt ist.“ Diese Auffassung war im Grunde ein alter Hut und entstammte dem Alten Testament: „Füllet die Erde und machet sie euch untertan.“ Nur sollten jetzt, in der Frühen Neuzeit, die Schätze der Natur methodisch erforscht und noch gründlicher genutzt werden. Vielleicht ließen sich dadurch nicht nur Luxus und Komfort für die oberen Zehntausend, sondern für die breite Bevölkerung schaffen?
Ein Vorwurf an die europäische Moderne lautet: Spätestens seit dem 18. und 19. Jahrhundert brächten philosophische Aufklärung und Naturwissenschaft mit Industrie und Technologie einen wachsenden Berg an Dingen hervor. Fürs persönliche Glück müsse immer mehr konsumiert werden: Autos, Kleider, Fernreisen, Liebschaften, Restaurants, gipfelnd im „American Way of Life“.
Während vormals Drohszenarien wie zornige Gottheiten oder das Jüngste Gericht am Horizont aufzogen, um die Menschen zur Mäßigung zu ermahnen, erscheint in der säkularen Welt die Apokalypse als „Kohlendioxidemission“, als gewaltiger Energieverbrauch mit Klimaerwärmung, Überschwemmungen, Dürregebieten. Der Mensch, so lautet ein Rezept, müsse sich radikal ändern.

Gemach!
Man sollte nicht das Gute mit dem Schlechten verwerfen. Denn es ist vergeblich, den Menschen die Vision vom besseren Leben auszureden. Es kommt vielmehr darauf an, solche Vorstellungen in naturverträgliche und menschenwürdige Bahnen zu leiten. Die Lust der Menschen an Sachen und Erlebnissen ist uralt. Nicht der überzogene Luxus Einzelner fällt bei Kohlendioxidemissionen ins Gewicht, sondern der allgemein gestiegene Lebensstandard.
So gut wie jede Familie oder jede alleinstehende Person hat heute in wohlhabenden Ländern eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus mit fließendem Wasser, Heizung und Strom; ein Badezimmer mit Dusche und Toilette; eine Küche mit Gas- oder Elektroherd, Kühlschrank, Geschirrspülmaschine, Kaffeemaschine, Mix- und Rührgeräten; Waschmaschine, Bohrmaschine, Staubsauger, Radio, Fernseher, Computer, Smartphone, Auto.
Kann man der Umweltgefährdung mit noch mehr technologischen Großprojekten beikommen? Durch noch stärkeres Manipulieren, beispielsweise durch Genveränderung bei Pflanzen und Tieren? Dem selbstfahrenden Auto, das dem „American Way of Life“ neuen Glanz verleiht?
Nein, die Traumbilder des 21. Jahrhunderts sind von anderer Art. Nicht harter Wettbewerb, sondern Zusammenarbeit dürfte die Devise sein. Nicht der Machtrausch technologischer Großprojekte, sondern die Summe behutsamer Schritte dürfte Wandel bewirken. Gefordert sind beruhigte, schonende und nachhaltige Formen des Konsums – Träume von grünem Wachstum, in denen das Auto oder das Flugzeug als Ikonen uneingeschränkter Mobilität und moderner Völkerwanderung eine geringere Rolle spielen, Träume von stärkerer Ortsgebundenheit, von echtem Menschsein, bei dem man sich nicht am Bildschirm, sondern hautnah begegnet. Da wäre die Freude am Konsum erneuerbarer Dinge, an handgemachten Sachen und handwerklichen Gütern: an feinen Lebensmitteln aus ökologischer Landwirtschaft – und daran, sie selbst zuzubereiten. Der Mensch wäre nicht der technologische Konsument, sondern ein kultiviertes Naturwesen.

Nachhaltigkeit und Lebensart
Zu den europäischen Schlagworten „Freiheit und Gleichheit“ sowie „Wissenschaft und Künste“ käme ein drittes Begriffspaar hinzu: „Nachhaltigkeit und Lebensart“. Womöglich vollzöge sich die Erneuerung der klassischen europäischen Stadt mit verdichteten und verkehrsberuhigten Strukturen, mit Fuß- und Fahrradwegen und bequemen öffentlichen Verkehrsmitteln. Es gäbe Städte, die in der Lage wären, ihre Geschichte zu erzählen, mit Hilfe von Denkmalpflege, Bauen im Bestand, behutsamer Ergänzung durch moderne energieschonende Architektur aus Glas und Holz, gegebenenfalls mit Rekonstruktion des historischen Stadtkerns. In der Mitte wäre der Marktplatz frei von Autos, aber voller Menschen.
Man wäre bescheidener und zugleich anspruchsvoller als der technologische Konsument. Immer öfter würde man die Elektronik- und Lebensmittelindustrie umgehen und fände in der Stadt Bauernmärkte und Markthallen, Museen und Konzertsäle, Opern und Theater, Schulen und Universitäten, Boulevards mit Geschäften und Kinos, Restaurants, Cafés, Bars mit Livemusik, Parks und grüne Auen mit Spielplätzen, Sportanlagen und Biergärten.
Statt Big Business gäbe es wieder mehr mittelständische Betriebe, steuerlich gefördert: Gärtnereien für Gemüse und Obst, Molkereien, Bäckereien, Metzgereien, Fischzüchter und Imker. Die Minister für Landwirtschaft, Handwerk und Gastronomie wären die klügsten Köpfe im Kabinett. Eine neue Generation von Landwirten würde, ähnlich wie es bei Weinbauern schon der Fall ist, neben einer Lehre auch ein Hochschulstudium absolvieren und Praktika im Ausland machen.
Womöglich verbände sich allgemein Hightech mit Handwerk, digitale Kommunikation mit Gesprächen von Angesicht zu Angesicht, Tätigkeit mit Muße. Gelegentlich gäbe es den Wechsel zwischen Stadt- und Landaufenthalt, seltener eine längere Reise. Nicht die Höhe des Gehalts wäre wichtig, sondern gutes Leben, zu dem auch Stille und Lesen gehören, Meditation und geistige Inspiration. Das wäre womöglich europäische Lebensart.

Der Text ist ein gekürztes Kapitel aus „Naturnahes Kochen“, dem neuen Buch von Erwin Seitz, das gerade bei Insel erschienen ist.

Erwin Seitz, geboren 1958 im fränkischen Wolframs-Eschenbach, als Sohn einer Gastwirts- und Metzgermeisterfamilie. Besuch der Benediktinerschule in Plankstetten und Ausbildung zum Metzger im elterlichen Betrieb. Ausbildung zum Koch nahe Nürnberg und Commis de cuisne im Hotel Kempinski in Berlin. Zivildienst am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der FU Berlin und am St. John´s College in Oxford, Promotion mit einer Arbeit über Goethes Autobiographie.
Seitz lebt als freier Journalist, Buchautor und Gastronomiekritiker in Berlin. Er war von 2002 bis 2008 Herausgeber von „Cotta´s kulinarischem Almanach“ und schreibt unter anderen für die FAZ, SALON, Cicero und die Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung. Im Insel Verlag erschienen seine Bücher „Die Verfeinerung der Deutschen“ (2011), „Kunst der Gastlichkeit“ (2015) sowie „Naturnahes Kochen“ (2018). Darüber hinaus ist Seitz Lehrbeauftragter an der Dualen Hochschule Heilbronn im Studiengang Food Management für den Kurs „Einführung in die Kulturgeschichte & Soziologie der Ernährung“.

Venezia backstage

Venezia non è solo una scenografia. È anche una città abitata, dove ci sono attività produttive, trasporti e servizi. Ma come funziona il „sistema Venezia“? Come si comportano le maree della laguna? Come sono fatti i rii? E le sponde? Cosa c’è sotto i palazzi? Venice Backstage, progetto nato da Insula spa braccio operativo del Comune per quanto riguarda la manutenzione urbana, racconta il „dietro le quinte“ di Venezia, per far apprezzare ancora di più la bellezza fragile di questa fantastica città.

rückblick 2018

liebster mensch – herr specht
konsequentest erziehender auto- und bergeliebhaber – brudl
am meisten worte pro minute unterbringende sportlichste homestyling-queen – sista
beste telefonpartnerin und die pechsträhne endlich hinter sich lassende – sundee
abwechslungsreichster egal-wohin-ausgeher und über-alles-reden-könner – ralf
großzügigster mit dem beeindruckendsten sofa – boris
am intensivsten am privaten und beruflichen glück arbeitende – bini
zukünftig noch mehr an sich selbst denkende declutterin – claudia
hoffentlich bald mehr dankbarkeit fühlender wohnungsoptimierer – manfred
coolste vierfachmutter, der ich gerne hinterherdackle – manne
konsequentest geschäftliche entscheidungen treffende atterseependlerin – alex
wien-interessierteste spaziergängerin – ronke
sich bald nicht mehr mit jugendlichen herumschlagende das leben positiver sehende – jutta
erfolgreichste trainerin aller zeiten – eva
bester weihnachtsgeschenk-aussucher – gerold
helfendster komplimentemacher – raffael
lustigste gradeser bootsbesitzerin, vernetzerin und haarschneiderin – sara
entzückendste, warmherzigste und immer bellissima figura machende elbanerin – alice
sanftester und trotz dieser mutter toleranteste krankenbruder – andrea
hoffentlich bald haus-bezogenes und mehr gemeinsam mit uns reisen machendes paar – die schneckis
überraschendstes kompliment aus der vergangenheit: rainer in den frühen 2000ern: ‚macht süchtig‘
beste nicht mehr wöchentliche frühstücksrunde – café samedi
der weiterhin am wenigsten vermisste einrichtungsgegenstand – die pohn-tür
lässigstes neues möbel in der ow – ddr-laden-in-weißem-holz vom kellerwerk
lässigstes neues möbel in der viale del sole – 50er jahre wandlampe aus piazzola sul brenta
beste neue aussicht im büro – ausgehöhlter fernsehapparat
feinster 46er – walk durch die weinberge, lunch in mödling
beste technik-anschaffung – apple watch series 4
am wenigsten bereuter kauf – cento
ohrwurmenste musik – ‘noi casomai’ von tiromancino & ‘torna a casa’ von måneskin
spätester sonnenplatz .. spritz aperol in citadella am 30. dezember
beste reise in fast neues terrain – verona
beste reise in bekanntes terrain – australien
so fein, dass gleich 122 nächte – grado
weiterhin zu verbesserndste fortschritte – run, sieben, kieser, radlkondi
unausrottbarste unhöflichkeit: mobiltelefon während eines live-gesprächs benutzen.
mensch an für ihn denkbar ungeeignetster stelle: drumpf
bestes musiktheatererlebnis – csardasfürstin in der volksoper
bestes konzert – antonello venditti in der arena di verona
so gutes dinner, dass ein zweites mal – santa felicita in verona
viertbestes wohnzimmer – café engländer
familienreichste urlaube – elba & jesolo
konstanteste aktion – photo booth
bestes motto – do more of what makes you happy
größte vorfreude – südliche stiefelumrundung
rip: elfi. ute bock, hubert de givenchy, stephen hawking, milos forman, tom wolfe, philip roth, demba nabe, stefan weber, christine nöstlinger, aretha frankling, kofi annan, erich lessing, ignaz kirchner.

Capodanno di Andrea

Siamo arrivati all’ultimo giorno di questo 2018 e per questo Capodanno non voglio augurare niente a nessuno e non devo augurare niente a nessuno.

Voglio dire grazie all’universo per aver reso quest’anno, per me, un anno pieno di emozioni.
Ho fatto cose che non avrei mai creduto di poter fare, ho conosciuto un sacco di persone meravigliose che mi hanno riempito l’anima anche se molti di loro non lo sanno.
Ho incontrato anime pure piene di vita.
Ho incontrato persone difficili ma speciali a modo loro.
Ho sopportato (pochissime) persone con cui non vorrei condividere nemmeno l’aria.
Ho trovato il mio posto nel mondo.
Ho amato, ma non parlo dell’amore di cui tutti parlano, ho amato davvero, ho amato la vita.
Ho rischiato di morire ma qualcuno ha deciso che devo ancora fare qualcosa qui.
Ho visto persone morire davanti ai miei occhi e mi sono posto tante domande.
Non finirò con l’augurare un anno pieno di felicità, spensierato e sereno perchè non sarà la frase costruita di una persona qualunque a far si che ciò accada.
L’unica cosa che vorrei, oggi e sempre, è che nonostante le disgrazie, la tristezza, i malumori, le delusioni, le sofferenze, le violenze, le bugie sopportate, la falsità, le ingiustizie che ognuno di noi incontrerà e dovrà affrontare, troviate tutti la voglia di sorridere e illuminare la vita.
Andrea, 
31 dicembre 2018

Design Dialog. Juden, Kultur und Wiener Moderne

Gesellschaftliche Ausgrenzung und Verfolgung einerseits sowie Integration und Aufstieg andererseits – beides findet sich paradigmatisch in der Geschichte der Jüdinnen und Juden in Wien um 1900 wieder. Das prägte die Menschen und die Stadt entscheidend – bis heute. von Guido Tiefenthaler, ORF.at
Diese Geschichte ist in vielerlei Hinsicht ein Paradebeispiel: Dafür, wie vielschichtig und komplex, folgenreich und bereichernd eine Öffnung der Gesellschaft, eine Integration und damit einhergehende neue Selbstdefinition einer als fremd und am Rande der Gesellschaft stehend definierten Gruppe sein kann.
Was das für die Betroffenen bedeutete, wie es ihre Identität beeinflusste – und sie die Identität anderer mitprägten, zeigt aktuell der von der Kultur- und Designhistorikerin Elana Shapira herausgegebene Sammelband „Design Dialog. Juden, Kultur und Wiener Moderne“ auf. Der Band ist das Folgeprojekt eines Internationalen Symposiums zum Thema, das 2016 im Österreichischen Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien stattfand. Es versammelt die Beiträge von Expertinnen und Experten aus vielen Fachbereichen, etwa von Markus Kristan, Ursula Prokop, Christopher Long, Lisa Silverman, Leslie Topp, Claudia Cavallar, Werner Hanak, Sebastian Hackenschmidt und Steven Beller.
Aufbruch als Chance und Gefahr
In insgesamt 23 Beiträgen wird „die entscheidende Rolle jüdischer Mäzene, Architekten, Designer und Schriftsteller bei der Gestaltung der modernen Wiener Architektur, Designs und Kunst erforscht“, betont Shapira. Diese Player schufen dabei eine neue Sprache und kulturelle Netzwerke; sie beteiligten sich an gesellschaftlichen Debatten und trugen so entscheidend zur kulturellen Neuerfindung Wiens bei. Der Antisemitismus, die Bedrohung, die von ihm ausging und die Frage, wie Juden in der sich modernisierenden österreichischen Gesellschaft damit umgingen, sind dabei unausweichlich ebenfalls Thema.
In den Aufsätzen, die einen Zeitrahmen von 1800 bis 1938 abdecken, werden der kulturelle Austausch zwischen Juden und Nichtjuden ebenso untersucht wie jüdische Selbstidentitäten und mediale Zuschreibungen, was „jüdisch“ sei. Es wird erkennbar, dass Juden in Wien nie eine Einheit waren, sondern es viele Unterschiede gab. Damit werde auch die „Projektion von ‚den Juden‘ als dem fixen, monolithischen, stereotypen Anderen“ als Instrument der Ausgrenzung, die schließlich zur Verfolgung und Vernichtung führte, entlarvt.
Neue Identitäten, in Stein gespiegelt
Juden waren führende Mäzene, die das historistische Bild der Stadt – insbesondere das Aussehen der Ringstraße – mitprägten. Andere – Mäzene wie Künstlerinnen und Künstler – waren aber auch entscheidend am Entwickeln der Wiener Moderne beteiligt. Die involvierten Personen dachten dabei oft über ihre jüdische Identität und ihre Rolle in der österreichischen Gesellschaft nach und brachten das im Design ganz bewusst zum Ausdruck.
Dem nach 1918 zunehmend nationalistischen und antisemitischen Klima versuchten jüdische Schriftstellerinnen und Geschäftsleute in der Öffentlichkeit teils mit einer progressiven Agenda entgegenzuwirken. Prominente Kunden heuerten bewusst jüdische Architekten und ließen sich von diesen moderne Villen entwerfen: Julie und Jakob Wassermann beauftragten Oskar Strnad, der Schuhfabrikant Julius Beer Josef Frank, die Tochter des Industriellen Karl Wittgenstein, Margaret Stonborough-Wittgenstein Paul Engelmann und ihren Bruder Ludwig. Architektonisch kam die Moderne so auch vom Zentrum in die äußeren Bezirke.
Antike als Ausweg aus Ghettoisierung
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurden Juden stets als Fremde gesehen, auch wenn sie seit Jahrhunderten – von Vertreibungen unterbrochen – hier lebten. Das war kulturell dem stets ambivalenten christlichen Verhältnis zum Judentum geschuldet, das „die Juden“ zu „ewigen Jesusmördern“ stempelte und damit zu einer permanenten ritualisierten Bedrohung. In der Öffentlichkeit setzte sich die seit der Antike geübte Hassrhetorik gegenüber Juden fort. Zugleich wurde das klassisch-hellenistische Erbe aber im 19. Jahrhundert auch zu jener gemeinsamen Plattform, um mit liberalen Christen ins Gespräch und in Kontakt zu kommen. Der Rückgriff auf dieses Erbe erlaubte es in Wien, eine neue, inklusivere kulturelle Sprache zu schaffen, in die ganz bewusst auch Spezifika der jüdischen Tradition eingebaut und durch sie ausgedrückt wurden.
Keine Aufgabe der jüdischen Identität
In weiterer Folge kam es zu einem Rückbezug auch auf den Orient: Sowohl Synagogenbauten um die Jahrhundertwende, die maurische Elemente unter Bezug auf die sephardische Tradition übernahmen, als auch der moderne internationale Stil (Stichwort: Flachdächer) wurden in diesem Zusammenhang gesehen. In dieser selbstbewussten Positionierung als schaffende wienerische Juden waren Architekten wie Josef Frank und Richard Neutra exemplarische Beispiele, betont Shapira: „Als Wiener produzierten sie innerhalb breiterer europäischer und globaler kultureller Sprachen, bewahrten dabei aber ein ethnisches Bewusstsein oder eine Selbstwahrnehmung als Juden“.
Eine wichtige, alle Beiträge einende These ist, dass die Identität als Jüdin oder Jude für die Akteurinnen und Akteure der entstehenden Wiener Moderne – anders als in manchen Kunstkatalogen behauptet – sehr wohl eine Rolle spielte. Gerade Jüdinnen waren mit zwei gegensätzlichen Stereotypen konfrontiert: Jenem der „hässlichen“ und jenem der „schönen“ und exotisch oder gefährlich verführerischen Frau. Diese Vorurteile versuchten jüdische Künstlerinnen aktiv zu unterlaufen, wie etwa die Keramikerin Vally Wieselthier, die mit ihrer Serie „Frauenköpfe“ gegen das von Sezessionisten geprägte Stereotyp der „schönen Jüdin“ auftrat. Auch die Autorin Annemarie Selinko und die Grafikerin Lisl Weil versuchten im Zuge einer Kooperation für eine Modezeitschrift, den gesellschaftlichen Erwartungen bezüglich ihres Aussehens und ihres Verhaltens entgegenzuwirken.
Markus Kristan, Kurator an der Albertina, beschreibt die Rolle des Architekten und Zionisten Oskar Marmorek als wichtiger Exponent der jüdischen Renaissance und nimmt den Dualismus zwischen Assimilation und Selbstbehauptung in seinen Bauten und Schriften in den Blick.
Herzls Bart als Identität
In Bezug auf „konstruierte Identitäten“ spannend zu lesen ist insbesondere der Beitrag des US-Historikers Steven Beller. Er spannt einen Bogen vom orientalischen Stil in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – etwa der während des Novemberpogroms 1938 von Nazis zerstörte Leopoldstädter Tempel – bis zum internationalen Stil von Adolf Loos und Josef Frank. Der maurische Stil diente dazu, der doppelten Erwartung gerecht zu werden: jener, sich zu assimilieren und jener, eine eigene Identität zu haben. Dass der Begründer des Zionismus, Theodor Herzl, einen „assyrischen Bart“ trug, war laut Beller ein bewusster Akt und ein Zeichen einer eigenen nationalen jüdischen Identität.
Werner Hanak, Vizedirektor des Jüdischen Museums in Frankfurt, schreibt darüber, wie der einflussreiche Autor und Literaturkritiker Hermann Bahr Herzl „exotisiert“ und damit die Identität der Juden als Europäer infrage stellt.
Von Paris nach Wien
Laut Beller verband sich der Orientalismus mit der zur Jahrhundertwende besonders beliebten Vorliebe für Japan und war dadurch nicht nur historistisch. Führend am Transfer des Japonismus von Paris nach Wien war der Kontakt Berta Zuckerkandls und ihrer Familie zu dem Journalisten und späteren französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau. In Edmund de Waals Bestseller „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, der Geschichte und Untergang der wohlhabenden Ephrussi-Familie nachzeichnet, nimmt dieser Kulturtransfer ebenfalls einen zentralen Platz ein: Die Ephrussis brachten ihre Sammlung japanischer Netsuke – kleine geschnitzte Figuren, die man am Kimono trug – damals von Paris nach Wien.
Double Bind als Lebensmodus
Adolf Loos wollte, so Beller, Juden wie Nichtjuden die Möglichkeit geben, durch das Weglassen jeglicher äußerer Ornamente, anonym zu bleiben. So wie die anderen „Inklusionsversuche“ sei aber auch dieser teils auf Widerstand gestoßen und der internationale Stil als „palästinensisch“ abgewertet worden. Für Beller also ein „klassischer Double Bind“: Beide „Bewegungen, das orientalische Ornament und das ‚kein Ornament‘ wurden als Ausdrücke eines ‚jüdischen‘ Partikularismus gesehen“. Allerdings hätten das nicht alle negativ gesehen. Viele Juden hätten diesen Double Bind „als ihren bevorzugten westlichen, bürgerlichen und modernen Modus der Selbstidentifizierung umarmt“.
Als Beispiel nennt Beller Josef Franks Stil der Inneneinrichtung. Indem dieser verschiedenste Stile mixte, habe er eine pragmatische, kosmopolitische und pluralistische Einstellung angeboten. Das habe nicht nur seine liberalen jüdischen Kunden angesprochen, „sondern spricht auch uns bis heute an“.
Die Architektin Claudia Cavallar und MAK-Kurator Sebastian Hackenschmidt beschreiben die Netzwerke von Franks Klienten und wie er mit seinem Umgang mit farbigen Stoffen im Raum eine Form von eigenständig-freier Wohnkultur fand.
Denkanstoß und Diskussionsstoff
Die Lektüre von „Design Dialog“ bietet einen neuen und in seiner Detailfülle historisch spannenden Blick auf eine Phase der lang dauernden Umwandlung der österreichischen und speziell Wiener Gesellschaft, die bis heute nachwirkt. Vor allzu simplen Vergleichen mit der Gegenwart sollte man sich bekanntlich hüten, will man Kurzschlüsse vermeiden. Ob von den Autorinnen und Autoren beabsichtigt oder nicht: Der Band regt jedenfalls unweigerlich zum Nachdenken über das Heute an – so unzeitgenössisch kann man gar nicht sein. Und er bietet dafür jedenfalls interessante Denkanstöße und Diskussionsstoff.

Respekt, kein Mitleid: Bitte nicht ins Dunkel!

Ist da jemand? Das fragt seit 45 Jahren eine ängstliche Kinderstimme in einen leeren, hallenden und dunklen Raum. Ja, wir sind da. Das meinen Menschen mit Behinderung und fordern einen Paradigmenwechsel von Licht ins Dunkel (Franz-Joseph Huainigg im standard 2017)

Ein ungewöhnliches Casting, ein ungewöhnlicher Spot: Eine Frau begegnet einem Rollstuhlfahrer, streckt ihm die Hand hin, er sagt, dass er ihr leider nicht die Hand geben kann, sie ist überrascht, aber so kommen sie ins Gespräch. Eine junge Frau trifft einen jungen Mann. Sie fragt ihn, ob er auch eine Behinderung habe. Er sieht sie verwundert an, da sagt sie ihm, dass sie blind ist. Unerwartete Begegnungen. Aus Unsicherheit entstehen Gespräche und vielleicht sogar Freundschaften.

Am Ende des Spots heißt es: Jede Begegnung kann ein Anfang sein. Ein neuer Spot der Aktion Licht ins Dunkel? Leider nein. Es ist einer von zahlreichen Spots der deutschen Aktion Mensch, berührend, authentisch, ohne Mitleid.

Eigenwerbung statt Bewusstsein zu schaffen

Im offiziellen „Licht ins Dunkel“-Trailer finden keine Begegnungen mit Menschen mit Behinderungen statt. Alleine Nina Proll wirbt für eine Spenden-CD mit vielen Stars. Statt Bewusstsein zu schaffen, wie es die Aktion Mensch macht, setzt der ORFauf Eigenwerbung. Auch A1 klopft sich als langjähriger Technologie-Partner von Licht ins Dunkel auf die Schulter: Untermalt von getragener Musik sieht man Mitarbeiter im Callcenter, lachende behinderte Kinder und die nach oben schnellende Spendensumme.

Am Ende des Spots heißt es: „Du kannst Hoffnung schenken, du kannst alles!“ Gut, dass A1 Licht ins Dunkel unterstützt. Aber wäre es nicht sinnvoller, wenn A1 im Callcenter Menschen mit Behinderungen beschäftigen würde? Zu sehen ist es jedenfalls nicht.

Kritik an Rekordjagd

Behindertenvertreter kritisieren seit vielen Jahren, dass Licht ins Dunkel von einem Rekord der Spendenergebnisse zum nächsten hetzt. Sinnvoller wäre es, wenn die Unternehmenspartner Menschen mit Behinderungen beschäftigten oder in ihren Unternehmen das Geld für Barrierefreiheit einsetzten. Auch eine vom Bundeskanzleramt in Auftrag gegeben Studie zur Darstellung behinderter Menschen in den Medien 2015/16 übt massive Kritik an der Aktion Licht ins Dunkel:

  • Mit der Aktion Licht ins Dunkel hat der ORF in den letzten 45 Jahren das gesellschaftliche Bild von Menschen mit Behinderungen wesentlich geprägt. Aber nicht unbedingt im positiven Sinn: Im Vordergrund stehen sie als Almosen- und Fürsorgeempfänger.
  • Die häufig gewählte Darstellungsform von Menschen mit Behinderungen als Bittsteller und Opfer widerspricht einer würdevollen Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen und lässt vorherrschende Barrieren in der Gesellschaft unkommentiert und unverändert.
  • Menschen mit Behinderungen sollten im Programm sichtbarer werden, z. B. als Moderatoren, Experten, Studiogäste und Mitarbeiter. Gefordert wird die Partizipation von Menschen mit Behinderung bei der Gestaltung und der Programmentwicklung ähnlich der Aktion Mensch.

Eine wesentliche Weiterentwicklung kann man der Kampagne Licht ins Dunkel in den letzten Jahren zwar zugestehen: Es gibt Moderatorinnen im Rollstuhl, die Sendung wird untertitelt, und es gibt Gebärdensprachdolmetschung. Aber der große, dringend erforderliche Paradigmenwechsel, der bei der vergleichbaren deutschen Aktion Mensch stattgefunden hat, ist ausgeblieben.

Aktion Sorgenkind

Die ursprüngliche Aktion Sorgenkind war eine Marke mit 100 Prozent Bekanntheitsgrad, aber verbildlichte ein diskriminierendes Klischee, denn behinderte Menschen wollten nicht länger als Sorgenkinder dargestellt werden. Im Jahr 2000 wurden Menschen mit Behinderungen in die Führung der Aktion aktiv eingebunden. Die Folge war nicht nur eine Markenänderung zur Aktion Mensch, sondern auch eine inhaltliche Neuausrichtung zu mehr Vernetzung, Förderung von inklusiven Projekten und der gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung.

Vorsitzender Armin v. Buttlar sagt heute, dass die Namensänderung ein großer Gewinn war. Durch die Einführung des neuen Markennamens musste auch der gesellschaftliche Paradigmenwechsel, weg von Almosen, Fürsorge und Mitleid hin zu Barrierefreiheit, Inklusion und selbstbestimmtem Leben, kommuniziert werden. Auch die Marke Licht ins Dunkel ist gut eingesessen, aber nicht mehr zeitgemäß: Menschen mit Behinderungen, die im Dunkeln sitzen und auf die lichtbringenden Spender warten, widersprechen dem Selbstbild von Behinderten und auch der UN-Behindertenrechtskonvention.

ORF-Kampagne ohne Betroffene

Der „Licht ins Dunkel“-Gründer, Ernst Wolfram Marboe, sagte einst: „Licht ins Dunkel gehört zu Weihnachten wie der Guglhupf zum Kaffee.“ Allein man könnte auch einmal jene zum Guglhupfessen einladen, über die man 45 Jahre nur gesprochen hat.

Die ORF-Kampagne hat mit den hohen Einschaltquoten ein großes Potenzial, das Bild von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft zu verändern. Nicht nur zu Weihnachten, auch unterm Jahr. Andere Spots, andere Initiativen, Vernetzung und Information ähnlich dem deutschen Vorbild wären möglich.

Auch sollte der ORF behinderte Journalisten ausbilden und in die Redaktionen inkludieren. Wären eine blinde Radiomoderatorin oder ein „ZiB 2“-Präsentator im Rollstuhl unmöglich? Oder könnte nicht ORF-Online von Redakteuren mit Lernbehinderungen in einfacher Sprache gestaltet werden? Wünschen darf man sich etwas, es ist ja Weihnachten! (Franz-Joseph Huainigg, 27.12.2017)

Franz-Joseph Huainigg ist Autor und Medienpädagoge.

99 Good News Stories in 2018

99 Good News Stories You Probably Didn’t Hear About in 2018 by Angus Hervey medium.com
For the last 12 months, the global media has been focused on a lot of bad news. But there were other things happening out there too. Good news stories that didn’t make it onto the evening broadcasts, or your social media feeds. We spent the year collecting them, in our ongoing mission to stop the fear virus in its tracks. Enjoy.
1. The Kofan people of Sinangoe, in the Ecuadorian Amazon, won a landmark legal battle to protect the headwaters of the Aguarico River, nullifying 52 mining concessions and freeing up more than 32, 000 hectares of primary rainforest. Amazon Frontlines
2. Following China’s ban on ivory last year, 90% of Chinese support it, ivory demand has dropped by almost half, and poaching rates are falling in places like Kenya. WWF
3. The population of wild tigers in Nepal was found to have nearly doubled in the last nine years, thanks to efforts by conservationists and increased funding for protected areas. Independent
4. Deforestation in Indonesia fell by 60%, as a result of a ban on clearing peatlands, new educational campaigns and better law enforcement. Ecowatch
5. The United Nations said that the ozone hole would be fully healed over the Arctic and the northern hemisphere by the 2030s, and in the rest of the world by 2060. Gizmodo
6. $10 billion (the largest amount ever for ocean conservation) was committed in Bali this year for the protection of 14 million square kilometres of the world’s oceans. MongaBay
7. In California, the world’s smallest fox was removed from the Endangered Species List, the fastest recovery of any mammal under the Endangered Species Act. Conservaca
8. In 2018, after more than ten years of debate, 140 nations agreed to begin negotiations on a historic “Paris Agreement for the Ocean,” the first-ever international treaty to stop overfishing and protect life in the high seas. National Geographic
9. Niger revealed that it has planted 200 million new trees in three decades, the largest positive transformation of the environment in African history. Guardian
10. Spain said it would create a new marine wildlife reserve for the migrations of whales and dolphins in the Mediterranean and will prohibit all future fossil fuels exploration in the area. Associated Press
11. Following ‘visionary’ steps by Belize, UNESCO removed the Belize Barrier Reef, the second largest in the world, from its list of endangered World Heritage Sites. BBC
12. Colombia officially expanded the Serranía de Chiribiquete (also known as The Cosmic Village of the Jaguars) to 4.3 million hectares, making it the largest protected tropical rainforest national park in the world. WWF
13. Mexico said its population of wild jaguars, the largest feline in the Americas, grew by 20% in the past eight years, and 14 Latin American countries signed an agreement to implement a regional conservation program for the big cats through 2030. Phys.org
14. In the forests of central Africa, the population of mountain gorillas, one of the world’s most endangered species, was reported to have increased by 25% since 2010, to over 1,000 individuals. Reuters
15. Canada signed another conservation deal with its First Nations people, creating the largest protected boreal forest (an area twice the size of Belgium) on the planet. BBC
16. Chile passed a new law protecting the waters along its coastline, creating nine marine reserves and increasing the area of ocean under state protection from 4.3% to 42.4% BBC
17. The Seychelles created a new 130,000 square kilometre marine reserve in the Indian Ocean, protecting their waters from illegal fishing for generations to come. National Geographic
18. New Caledonia agreed to place 28,000 square kilometres of its ocean waters under protection, including some of the world’s most pristine coral reefs. Forbes
19. 25 million doses of a new cholera vaccine were administered globally, and preparations began for the largest vaccination drive in history. UNICEF
20. France revealed a sharp fall in daily smokers, with one million fewer lighting up in the past year, and cigarette use among Americans dropped to its lowest level since the Centers for Disease Control and Prevention started collecting data in 1965.
21. Rwanda became the first low income country to provide universal eye care to all of its citizens, by training 3,000 nurses in over 500 health clinics. Global Citizen
22. India registered a 22% decline in maternal deaths since 2013. That means on average, 30 more new mothers are now being saved every day compared to five years ago. The Wire
23. Ghana became the first country in sub-Saharan Africa to eliminate trachoma. In 2000, it threatened 2.8 million people (15% of the population) with blindness. Devex
24. The WHO revealed that teenage drinking has declined across Europe, the continent with the highest rates of drinking in the world. The country with the largest decline? Britain. CNN
25. Since 2010, global HIV/AIDS infection rates have fallen by 16% in adults and by 35% for children. Most countries are now on track to eliminate infections by 2030. Undark
26. In 2018, New York and Virginia became the first two US states to enact laws requiring mental health education in schools. CNN
27. Malaysia became the first country in the Western Pacific to reduce mother-to-child transmission of HIV and syphilis. Malaymail
28. South Africa, home to the world’s largest population of people living with HIV, shocked health officials by revealing a 44% decline in new infections since 2012. Telegraph
29. After five successful, annual rounds of large-scale, school-based deworming across Kenya, worm-related diseases have fallen from 33.4% in 2012 to 3% today. KEMRI
30. Russians are drinking and smoking less than at any point since the fall of the Soviet Union, with tobacco use down by 20% since 2009, and alcohol consumption down by 20% since 2012. Straits Times
31. Tanzania revealed that in the last ten years, it has reduced the malaria death rate by 50% in adults and 53% in children. Borgen
32. The WHO certified Paraguay as having eliminated malaria, the first country in the Americas to be granted this status since Cuba in 1973.
33. Costa Rica’s Supreme Court ruled that the country’s same-sex marriage ban was unconstitutional, and gave the government 18 months to change it. BBC
34. New research revealed that in the last two decades, female genital mutilation has fallen from 57.7% to 14.1% in north Africa, from 73.6% to 25.4% in west Africa, and from 71.4% to 8% in east Africa. Guardian
35. India’s highest court struck down a century-old prohibition on homosexual sex, calling the Victorian-era law “irrational, indefensible, and manifestly arbitrary.” Al Jazeera
36. Morocco passed a landmark law that criminalises violence against women, and imposes harsh penalties on perpetrators. Albawaba
37. Germany released new figures showing that more than 300,000 refugees have now found jobs, and the share of MPs with migrant backgrounds has risen from 3% to 9% in the last two elections. Economist
38. New Zealand became the second country in the world (after the Philippines) to pass legislation granting victims of domestic violence 10 days paid leave. Guardian
39. Scotland became the first nation in the world to guarantee free sanitary products to all students, and India’s finance ministry announced it would scrap the 12% GST on all sanitary products.
40. Canada became the second country in the world to legalise marijuana. A major crack in the grass ceiling, and a wonderful moment for fans of evidence-based decision making everywhere. BBC
41. In a major milestone for human rights in the Middle East, a Lebanese court issued a new judgement holding that homosexuality is not a crime. Beirut
42. Trinidad and Tobago’s high court ruled that the Caribbean nation’s colonial-era law banning gay sex was unconstitutional. NBC
43. Tunisia became the first Arab nation to pass a law giving women and men equal inheritance, overturning an old provision of Sharia Islamic law. Dhaka Tribune
44. Pakistan’s parliament passed a landmark law guaranteeing basic rights for transgender citizens and outlawing all forms of discrimination by employers. Al Jazeera
45. Scotland became the first country in the world to include teaching of lesbian, gay, bisexual, transgender and intersex rights into its state schools curriculum. The Scotsman
46. Nepal became the 54th country in the world, and the first country in South Asia, to pass a law banning corporal punishment for children. End Corporal Punishment
47. Quietly and unannounced, humanity crossed a truly amazing threshold this year. For the first time since agriculture-based civilisation began 10,000 years ago, the majority of humankind is no longer poor or vulnerable to falling into poverty. Brookings
48. A little perspective. The Economist revealed that global suicide rates have dropped by 38% since 1994, saving four million lives, four times the number killed in combat during the same time.
49. According to the UNDP, 271 million people in India moved out of poverty since 2015, and the country’s poverty rate has been cut nearly in half. Times of India
50. India also continued the largest sanitation building spree of all time. More than 80 million toilets are estimated to have been built since 2014. Arkansas Democrat Gazette
51. The International Energy Agency said that in the last year, 120 million people gained access to electricity. That means that for the first time since electrical service was started (1882), less than a billion of the world’s population are left in darkness.
52. A new report showed that the global fertility rate (average number of children a woman gives birth to) has halved since 1950. Half the world’s countries are now below replacement levels. BBC
53. Bangladesh revealed that it had reduced its child mortality rate by 78% since 1990, the largest reduction by any country in the world. Kinder-World
54. Remember how the global media worked itself into a frenzy over Cape Town’s water shortages and Day Zero in 2017? Strangely, nobody reported this year how the Mother City successfully averted the crisis. apolitical
55. Respiratory disease death rates in China have fallen by 70% since 1990, thanks to rising incomes, cleaner cooking fuels and better healthcare. Twitter
56. The share of black men in poverty in the United States fell from 41% in 1960 to 18% today, and their share in the middle class rose from 38% to 57% in the same time. CNN
57. A new report showed that democracy is more widespread than ever. Six in ten of the world’s countries are now democratic — a post war record. Pew Research
58. A new global youth survey showed that young people in all countries are more optimistic than adults. Nine in 10 teenagers in Kenya, Mexico, China, Nigeria and India reported feeling positive about their future. Guardian
59. The world passed 1,000 GW of cumulative installed wind and solar power this year. 10 years ago, there was less than 8 GW of solar. Future Crunch
60. Solar and wind continued their precipitous cost declines. In the second half of 2018 alone, the levelized cost for solar fell by 14% and the wind benchmark by 6%. In many parts of the world it’s now cheaper to build new clean energy than it is to keep dirty energy running. BNEF
61. Allianz, the world’s biggest insurance company by assets, said it would cease insuring coal-fired power plants and coal mines, and Maersk, the world’s largest maritime shipping company, said it would begin ditching fossil fuels, and will eliminate all carbon emissions by the year 2050.
62. Repsol became the first major fossil fuels producer to say it would no longer be seeking new growth for oil and gas. Bloomberg
63. California unveiled the most ambitious climate target of all time, with a commitment to making the world’s fifth biggest economy carbon neutral by 2045. NBC
64. China, the world’s biggest energy consumer, revised its renewable energy target upwards, committing to 35% clean energy by 2030. Engadget
65. Chile said it had managed to quadruple its clean energy sources since 2013, resulting in a 75% drop in the average cost of electricity. IPS News
66. The United States set a new record for coal plant closures this year, with 22 plants in 14 states totalling 15.4GW of dirty energy going dark. #MAGA. Clean Technica
67. 11 European nations either closed their coal fleets or announced they will close them by a specific date, including France by 2023, Italy and the UK by 2025, and Denmark and the Netherlands by 2030.
68. Some of the world’s biggest sovereign wealth funds, representing more than $3 trillion in assets, and Black Rock, the world’s biggest fund manager, with assets worth $5.1 trillion, said they would only invest in companies that factor climate risks into their strategies. UNFCCC
69. India increased its already massive 2022 clean energy target by 28%. It plans to add 150 GW of wind and solar in the next four years. Clean Technica
70. Ireland became the world’s first country to divest from fossil fuels, after a bill was passed with all-party support in the lower house of parliament. Guardian
71. Spain committed to shutting down most of its coalmines by the end of the year, after the government agreed to early retirement for miners, re-skilling and environmental restoration. Guardian
72. The Journal of Peace Research said that global deaths from state based conflicts have declined for the third year in a row, and are now 32% lower than their peak in 2014.
73. After a decade long effort, Herat, Afghanistan’s deadliest province for landmines, was declared free of explosive devices. Nearly 80% of the country is now mine free. Reuters
74. Following the collapse of ISIS, civilian deaths in Iraq decreased dramatically. 80% fewer Iraqis were killed in the first five months of 2018 compared to last year. Anti-War
75. Ethiopia and Eritrea signed a peace treaty, signalling the end of a 20 year war, and reuniting thousands of families. BBC
76. Malaysia abolished the death penalty for all crimes and halted all pending executions, a move hailed by human rights groups in Asia as a major victory. SMH
77. Honduras had the highest homicide rate in the world in 2012. Murders have decreased by half since then, more than any other nation. Ozy
78. Crime and murder rates declined in the United States’ 30 largest cities, with the murder rate for 2018 projected to be 7.6 percent lower than 2017. Vox
79. Crime falls when you take in millions of refugees too. The number of reported crimes in Germany has fallen by 10%, to the lowest level in 30 years. Washington Post
80. Worried about the kids? Youth crime in the Australian state of New South Wales has plummeted in the last 20 years. Vehicle theft is down by 59%, property theft by 59%, and drunk-driving by 49%. ANU
81. Still worried about the kids? In the last generation, arrests of Californian teenagers have fallen by 80%, murder arrests by 85%, gun killings by 75%, imprisonments by 88%, teen births by 75%, school dropouts by half, and college enrolments are up by 45%. Sacbee
82. According to new data from the Department of Justice, the proportion of people being sent to prison in the United States has fallen to its lowest level in 20 years. Pew Research
83. Damn those pesky millenials. A new report revealed that, thanks to shifting tastes amongst those born after 1980, 70% of the world’s population is reducing meat consumption or leaving meat off the table altogether. Forbes
84. Germany announced one of the most ambitious waste management schemes in history. The government plans to recycle 63% of its total waste within the next four years, up from 36% today. DW
85. The Malaysian government announced it would not allow any further expansion of oil palm plantations, and that it intends to maintain forest cover at 50%. Malaymail
86. Denmark became the latest country to announce a ban on internal combustion engines. There are now 16 countries with bans that come into effect before 2040 — including China and India, the two biggest car markets in the world. Bloomberg
87. In 2018, the world surpassed the 4 million mark for electric vehicles. In the world’s biggest car market, China, electric cars reached 5% of sales; China’s internal combustion car market is flat, with all growth now being absorbed by EVs. Bloomberg
88. Adidas expects to sell 5 million pairs of shoes made from ocean plastic this year, and committed to using only recycled plastic in its products by 2024. CNN
89. Four years ago, China declared a war on pollution. It’s working. Cities have, on average, cut concentrations of fine particulates in the air by 32%. New York Times
90. Thanks to tightening restrictions, the United Kingdom reported a 12% drop in vehicle emissions since 2012, as well as significant overall drop in air pollutants. BBC
91. 250 of the world’s major brands, including Coca Cola, Kellogs and Nestle, agreed to make sure that 100% of their plastic packaging will be reused, recycled or composted by 2025. BBC
92. The European Parliament passed a full ban on single-use plastics, estimated to make up over 70% of marine litter. It will come into effect in 2021. Independent
93. As of the end of 2018, at least 32 countries around the world now have plastic bag bans in place — and nearly half are in Africa. Quartz
94. China said it had seen a 66% reduction in plastic bag usage since the rollout of its 2008 ban, and that it has avoided the use of an estimated 40 billion bags. Earth Day
95. India’s second most populous state, Maharashtra, home to 116 million people, banned all single use plastic (including packaging) on the 23rd June this year. Indian Express
96. India’s environment minister also announced the country would eliminate all single-use plastic by 2022. Oh, and three years after India made it compulsory to use plastic waste in road construction, there are now 100,000 kilometres of plastic roads in the country.
97. Four years after imposing a 5p levy, the United Kingdom said it had used 9 billion fewer plastic bags, and the number being found on the seabed has plummeted. Independent
98. Following a ban by two of its biggest retailers, Australia cut its plastic bag usage by 80% in three months, saving 1.5 billions bags from entering the waste stream. NY Post
99. After enacting the world’s toughest plastic bag ban, Kenya reported that its waterways were clearer, the food chain is less contaminated — and there are fewer ‘flying toilets.’ Guardian
100. There is now a giant 600 metre long boom in the Pacific that uses oceanic forces to clean up plastic, and you can track its progress here. Despite a few early setbacks, the team behind it thinks they can clean up half the Great Pacific Garbage Patch in the next seven years. Ocean Cleanup

Jede Woche ein Skandal

Dank an die SZ

Vor einem Jahr übernahm die rechtskonservative Koalition von Kanzler Kurz und seinem Vize Strache die Macht in Wien. Im Regierungslager wuchern seitdem Aufreger und Affären aller Art – vor allem in der FPÖ. Eine Übersicht.

Von Oliver Das Gupta

„Ein neuer Stil“, so steht es auf Broschüren von Sebastian Kurz aus dem österreichischen Wahlkampf 2017 – es ist eine Aussicht auf eine niveauvollere Zukunft, es ist ein Versprechen. Bei der Wahl im Oktober wurde seine konservative ÖVP zur stärksten politischen Kraft und Kurz mit Hilfe der FPÖ zum Bundeskanzler der Republik Österreich.

Nun, nach dem ersten Jahr der neuen österreichischen Regierung, macht sich der von Kurz angekündigte „neue Stil“ vor allem unter den Koalitionären bemerkbar: Konflikte werden nicht nach außen getragen. Allerdings haben seit der Machtübernahme Vertreter der Regierungsparteien zahlreiche, teils besorgniserregende Aufreger verursacht, die auch international für Aufsehen sorgten. Im Schnitt gab es jede Woche einen Affront von Vertretern von FPÖ oder ÖVP.

Ein unvollständiger, aber ausführlicher Überblick über kleinere und größere Skandale des Regierungslagers, die sich seit dem 18. Dezember 2017, dem Tag des Amtsantritts, zugetragen haben.

DEZEMBER 2017

21.12. Unterwürfigkeitsforderung an Journalisten Der FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger kritisiert, wie der ORF-Anchorman Armin Wolf die neue Regierungsspitze Kurz/Strache interviewt. Österreichs renommiertester Journalist sei „noch immer eine Spur unbotmäßig gegenüber den beiden“, Steger vermisst da „Respekt“. Der Duden erklärt zum Begriff „unbotmäßig“: „sich nicht so verhaltend, wie es [von der Obrigkeit] gefordert wird“.
27.12. NS-Material zu Heiligabend Nach den Weihnachtstagen wird bekannt, dass der FPÖ-Gemeinderat Bernhard Blochberger eine Zeichnung aus einer Nazi-Zeitschrift auf Facebook gepostet hat. Dazu stellte der Funktionär aus dem niederösterreichischen Krumbach Fotos von Wehrmachts-Landsern und den Link zum Lied: „Wehrmacht, stille Nacht“.

JANUAR 2018

11.1. Formulierungen mit NS-Bezug Der neue Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) kündigt an, Migranten an einem Ort „konzentriert“ unterzubringen. Hinterher versichert er, die Bezeichnung nicht in Anlehnung an Nazi-Konzentrationslager verwendet zu haben.
23.1. Antisemitisches Liedgut I Das Liedbuch der deutschnationalen Burschenschaft „Germania zu Wiener Neustadt“ wird bekannt, in dem unter anderem der Holocaust besungen wird. Vizechef der Verbindung ist Udo Landauer, FPÖ-Spitzenkandidat bei der anstehenden Landtagswahl in Niederösterreich. Der langjährige Chef des FPÖ-Nachwuchses legt seine Ämter nieder, kehrt aber wenige Monate später wieder in die Landespolitik zurück.
28.1. Aufruf zur Journalisten-Belästigung Der FPÖ-Nachwuchs aus der Steiermark ruft zum Cyber-Mobbing gegen die Standard-Reporterin Colette Schmidt auf.

FEBRUAR

7.2. NS-Vokabular für Migranten Miriam Rydl, FPÖ-Funktionärin aus dem niederösterreichischen Tulln, bezeichnet Flüchtlinge als „Untermenschen“. Der Duden erklärt, was der Begriff Untermensch bedeutet: „(In der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus) Mensch, der nicht Arier ist.“
12.2. Außenpolitischer Fettnapf Vizekanzler Strache erklärt im Gespräch mit einer serbischen Zeitung: „Kosovo zweifellos ein Teil Serbiens.“ Damit konterkariert der FPÖ-Chef die Linie der EU und Österreichs, die die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt haben. Selbst die von der FPÖ nominierte Außenministerin Karin Kneissl beeilt sich, das festzustellen. Strache meint hinterher, er glaube nicht, durch seine Aussagen außenpolitischen Schaden angerichtet zu haben. Die FPÖ umwirbt seit Jahren die serbischstämmigen Österreicher.
13.2. Facebook-Attacke auf Moderator Strache wirft auf Facebook dem Fernseh-Journalisten Armin Wolf und dem ORF „Lügen“ vor. Dazu postet er das Wort „Satire“ und einen Smiley. Wolf leitet rechtliche Schritte ein, der FPÖ-Chef gibt schließlich klein bei. Die Einigung, die am Ende steht: Der Vizekanzler veröffentlicht eine Entschuldigungserklärung im Boulevardblatt Kronen-Zeitung sowie zehn Tage lang auf seinem Facebook-Profil.
20.2. Antisemitisches Liedgut II Der Falter und die Wiener Zeitung berichtenvon der Existenz eines weiteren Liederbuchs einer deutschnationalen Burschenschaft mit antisemitischen Passagen. Chef der Verbindung Bruna Sudetia ist Herwig Götschober, Vertrauter von FPÖ-Vizeobmann Norbert Hofer und im Kabinett des Verkehrsministers zuständig für Social-Media-Aktivitäten. Hofer beurlaubt seinen Vertrauten, nach wenigen Wochen kehrt er vor dem Ende der Aufarbeitung zurück auf seinen Posten.
28.2. Razzien gegen Extremismus-Bekämpfer Aus dem FPÖ-geführten Innenministerium werden Razzien beim Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) initiiert, sie werden geleitet vom Wolfgang Preiszler, der auch FPÖ-Kommunalpolitiker ist. Die später als größtenteils illegal erklärte Aktion zielt unter anderem auf den Behördenchef. Aber auch streng geheime Daten der als Zeugin geführten Leiterin des Extremismusreferats werden beschlagnahmt, darunter von deutschen Partnern anvertraute Informationen zu Rechtsradikalen. Es gibt zahlreiche Widersprüche und Auffälligkeiten. Die Causa wächst sich aus zu einer Staatsaffäre, die ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss aufklären will.

MÄRZ

5.3. Treffen mit Nationalisten und Verschwörungstheoretikern Beim rechtsextremen Kongress namens „Verteidiger Europas“ im Wasserschloss Aistersheim nimmt auch der Grazer FPÖ-Vizebürgermeister Mario Eustacchio teil – als einer der Hauptredner.
7.3. Hitler-Sehnsucht aufs Handy Der FPÖ-Bezirksobmann Wolfgang Neururer aus dem Tiroler Ort Imst verschickt Hitler-Bildchen über Whatsapp an Parteifreunde. Dort steht zu lesen: „Vermisst seit 1945. Adolf, bitte melde dich! Deutschland braucht dich! Das Deutsche Volk.“
8.3. Juden mit Burschenschaftlern gleichgesetzt Lutz Weinzinger, FPÖ-Veteran und früherer oberösterreichischer Landesparteichef, behauptet, dass die Mitglieder von Verbindungen „von den Nazis verfolgt wurden wie die Juden am Anfang“.
19.3. Rassist und Polizeileiter Gegen Wolfgang Preiszler, der als Chef der Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Straßenkriminalität die dubiosen Razzien beim BVT leitete, wird wegen Facebook-Aktivitäten ermittelt. Der Spitzen-Polizist habe rassistische Karikaturen, Inhalte rechtsextremer Quellen und Postings von prominenten Staatsverweigerern geteilt und gelikt, heißt es. Das Verfahren wird später wegen Verjährung eingestellt.
20.3. Rechtsextrem tendierender Diplomat Der Falter macht publik, dass der Wiener FPÖ-Bezirksrat Jürgen-Michael Kleppich bei Facebook äußerst rechts aktiv ist. Burschenschaftler Kleppich legt nach Antritt als Botschafts-Attaché in Israel nahe, dass er mit der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ sympathisiert. Die Gruppe wird in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet.

APRIL

12.4. Rassismus via Social Media Robert Lizar vom FPÖ-Parteiblatt Neue Freie Zeitung äußert sich abfällig über die Wiener Ärztin und SPÖ-Bezirkschefin Mireille Ngosso wegen ihrer afrikanischen Herkunft. Es gab zahlreiche rassistische Kommentare unter Lizars Facebook-Posting. Die Tiroler FPÖ-Landtagsabeordnete Evelyn Achhorner schrieb etwa mit Blick auf Ngossos Aussehen: „Frau oder Mann?“
17.4. Manipuliertes Bild Ein Foto, das den ÖVP-Chef und Kanzler Sebastian Kurz mit seinem Parteifreund und Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner zeigt, wurde vom Social-Media-Team der ÖVP retuschiert. Der Grund: Im Hintergrund war das Foto einer rauchenden Asiatin mit einer dicken, jointartigen Zigarette. Das Bild wurde deshalb mit einer Landschaftsaufnahme ersetzt.
20.4. Sympathie für Hitler-Fans Arndt Praxmarer, ein deutschnationaler Burschenschaftler und Kabinettsmitglied bei FPÖ-Verkehrsminister Norbert Hofer, gefällt die Facebook-Seite einer Thüringer Gaststätte, die den Geburtstag von Adolf Hitler feiert.
20.4. FPÖ übernimmt Anti-Soros-Kampagne Johann Gudenus, der Klubobmann (Fraktionschef) der FPÖ im Parlament, verbreitet die mit antisemitischen Stereotypen verbundenen Vorwürfe gegen den US-Investor George Soros. In Ungarn hatte zuvor Premier Viktor Orbán seine erfolgreiche Wahlkampagne gegen den aus einer ungarisch-jüdischen Familie stammenden Soros aufgebaut. Nun behauptet Gudenus im selben Tonfall, es gebe „stichhaltige Gerüchte“, wonach der aus Ungarn stammende Investor George Soros daran beteiligt sei, „Migrantenströme nach Europa zu unterstützen“. Gudenus gibt sich als Anhänger von Verschwörungstheorien zu erkennen: Er glaube nicht, dass „die Massenimmigration nach Europa zufällig in dem Ausmaß passiert“ sei. Soros sei da einer der möglichen Akteure. „Es gibt auch diverse Papiere in der EU, die zeigen, dass das stattfinden soll“, so Gudenus. Gefragt nach Beweisen für seine Behauptung sagt der FPÖ-Mann: „Ich habe von stichhaltigen, sich verdichtenden Gerüchten gesprochen.“
24/26.4. Anzeige gegen Kritik und Ironie Der Schriftsteller Josef Winkler kritisiert bei einem Festakt die FPÖ und ihr verstorbenes Idol Jörg Haider – schon zu Lebzeiten korruptionsumwittert. Auf Winklers klar ironische Forderung, Haiders Urne sollte in eine bewachte Gefängniszelle verlegt werden, und wegen der Parteikritik reagiert die FPÖ mit einer Anzeige.

MAI

9.5. Eigenbezeichnung „Nationalsozialist“ Es wird bekannt, dass Markus Hüttenmeyer, ein FPÖ-Kader aus dem Salzburger Land, 2009 auf Facebook den Satz schrieb: „Für uns Nationalsozialisten darf das Bekenntnis zu einer Weltanschauung niemals zur Phrase werden“. Hüttenmeyer war damals Funktionär bei der FPÖ-Nachwuchsorganisation „Ring Freiheitlicher Jugend“ (RFJ).
24.5. FPÖ-nahe Postille beleidigt Songcontest-Teilnehmer Die rechtsextreme Zeitschrift „Aula“, die von den Freiheitlichen Akademikerverbände herausgegeben wird, nennt den österreichischen Songcontest-Teilnehmer Cesar Sampson einen „ORF-Quotenmohr“. Die Bezeichnung ist klar rassistisch, Sampson ist dunkelhäutig. Die FPÖ ist der Lapsus peinlich, ihre Vorfeldorganisation stellt die Zeitschrift ein.
30.5. Strache gegen EU-Personenfreizügigkeit Der Vizekanzler und FPÖ-Chef stellt eine der Grundfreiheiten der Europäischen Union in Frage. In Berlin schüttelt man die Köpfe, Luxemburgs Außenminister nennt die Äußerung „irre“.

JUNI

12.6. Unflätige Zwischenrufe im Hohen Haus Während einer Parlamentsrede zum BVT-Skandal der in Bosnien geborenen Abgeordneten Alma Zadic (JETZT, früher Liste Pilz), ruft der ÖVP-Politiker Johann Rädler: „Sie sind nicht in Bosnien! Verwechseln Sie das nicht!“ Der FPÖ-Parlamentarier Wolfgang Zanger fordert darauf Zadic scherzhaft auf, zu ihm zu kommen: „Alma, bei mir bist du sicher“. FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker sagt anschließend: „Was daran frauenfeindlich sein soll, weiß ich nicht.“
13.6. Den öffentlichen Rundfunk „neutralisieren“ Ein Vortrag des oberösterreichischen FPÖ-Landesrats (Landesministers) Elmar Podgorschek wird bekannt, den dieser bei der AfD in Thüringen gehalten hat. Unter anderem fordert er während seines Auftritts die „Neutralisierung des ORF“, die österreichische Justiz nennt er „völlig linksgepolt“. Mit den „herkömmlichen Medien“ sei für die FPÖ „kein Staat zu machen“. Mit Blick auf die BVT-Affäre spricht er davon, eine Zelle „auszutrocknen“. Der Freiheitliche warnt auch vor dem eigenen Koalitionspartner ÖVP: „Traue keinem Schwarzen“.

JULI

17.7. Wer koscher kauft, soll sich anmelden Der niederösterreichische Landesrat Gottfried Waldhäusl hat Pläne, wonach sich die Käufer von koscherem Fleisch registrieren lassen sollten. Gläubige Juden und Muslime sollen sich nach dem Willen des FPÖ-Mannes ausweisen müssen, wenn sie in Niederösterreich das Fleisch geschächteter Tiere kaufen wollten. Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) stoppt den Vorstoß.
26.7. 150-Euro-Sager Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) äußert sich bei oe24.tv zu geplanten Kürzungen im Sozialbereich. Auf die Frage, ob Menschen mit 150 Euro im Monat leben können. „Wenn man die Wohnung auch noch bekommt, dann sicher.“ Nach empörten Reaktionen behauptet die Freiheitliche, missverstanden worden zu sein und sieht sich als Opfer von „Fake-News-Schleudern“.

AUGUST

15.8. Rassismus und Homophobie in Kombination Der Amstettener FPÖ-Stadtrat Bruno Weber beschwert sich über eine Werbung der Österreichischen Bundesbahnen, auf der ein homosexuelles Pärchen mit Kind zu sehen ist. „2 vermeintliche Schwuchteln m Baby und davon noch ein Neger. Mir graust“, schreibt Weber bei Facebook.
17.8. Rassistischer Afrika-Text Die EU-Parlamentarierin Claudia Schmidt (ÖVP) postet bei Facebook einen durchweg negativen Text über afrikanischstämmige Menschen. Die Parteifreundin von Kanzler Kurz behauptet, dass afrikanische „Kulturen nichts anderes produzieren als Leid, Verfolgung, Unterdrückung und Perspektivenlosigkeit“. Afrikaner wollten generell europäische Sozialsysteme ausnutzen, behauptet Schmidt. Den Kolonalismus der europäischen Staaten in Afrika tut sie als „tragisch“ ab, die Jahrzehntelange systematische Ausbeutung der Kolonialmächte hat nach Schmidts Ansicht nichts mit der heutigen Situation in Afrika zu tun. Später löscht sie ihren Beitrag.
18.8. Kostspieliges Hochzeitstänzchen Die von der FPÖ nominierte Außenministerin Kathrin Kneissl tanzt auf ihrer Hochzeit mit Russlands Staatschef Wladimir Putin. Am Ende bedankt sie sich mit einem Knicks beim Kremlchef. Die Putin-Visite führt zu Autobahnsperrungen und dem kostspieligen Einsatz von Polizei-Hundertschaften.
26.8. Flunkerei im Wahlkampf Es wird bekannt, dass der ÖVP-Abgeordnete Dominik Schrott im Parlamentswahlkampf ein Gewinnspiel manipuliert haben soll, das ihm viele Vorzugsstimmen eingebracht haben soll. Auch ist die Rede von Geldern an seine Agentur für eine Homepage, die nicht existiert. Der aus Tirol stammende Vertraute von Kanzler Kurz tritt schließlich zurück, beteuert aber seine Unschuld.

SEPTEMBER

3.9. Obszöner Tweet über Politikerin Efgeni Dönmez, der für die ÖVP im Parlament sitzt, suggeriert in einem Tweet, die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli habe dank sexueller Gefälligkeiten Karriere gemacht. In der deutschen Bundesregierung ist man empört, Kurz schließt Dönmez aus dem Parlamentsklub aus.
4.9. Terrorverdacht auf Unschuldigen gelenkt Die FPÖ macht Stimmung gegen einen mustergültig integrierten Flüchtling, den auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen öffentlichkeitswirksam besucht hatte. FPÖ-Klubchef Johann Gudenus behauptet, der junge Mann habe Sympathien für eine islamistische Terrormiliz und zeigt ihn an. Doch der Verdacht ist falsch, wie leicht zu erkennen ist. Gudenus weigert sich trotzdem, sich bei dem unschuldig bezichtigten Mann zu entschuldigen.
5.9. Minister-Vertraute schleicht sich in Presseraum Eine enge Mitarbeiterin von Innenminister Kickl (FPÖ) gibt sich als Journalistin aus. Die Frau wird in dem Presseraum entdeckt, der Journalisten vorbehalten ist, die über den BVT-Untersuchungsausschuss berichten. Das Parlamentsgremium rollt die dubiose Affäre um die Razzien beim Verfassungsschutz auf, die von Kickls Ministerium initiiert wurden.
25.9. Ministersprecher fordert Polizei zur Medienbenachteiligung aufIn einer E-Mail legt Innenminister Kickls Sprecher Christoph Pölzl der Polizei nahe, bestimmte Zeitungen auszugrenzen. Betroffen wären Journalisten von Standard, Kurier und Falter. Nach Publikwerden der Mail bemühen sich Regierungsvertreter um Schadensbegrenzung: Kanzler Kurz betont, jede Einschränkung der Pressefreiheit sei inakzeptabel. Aus dem Innenministerium selbst kommen erst trotzige Reaktionen. Später distanziert sich Minister Kickl von den Aussagen, Sprecher Pölzl sagt, seine Formulierung sei „ein Fehler“ gewesen

OKTOBER

3.10. Journalisten-Korrespondenz veröffentlicht Das FPÖ-geführte Innenministerium veröffentlicht eine Pressemitteilung mit SMS und Mails von Falter-Chefredakteur Florian Klenk an die Behörde und deren Mitarbeiter. Damit versucht das Ministerium, die Arbeitsweise des renommierten Journalisten zu diskreditieren. Die Veröffentlichung ruft massive Kritik hervor, unter anderem wegen einer möglichen Verletzung der Datenschutz-Grundverordnung. Einige Wochen später löscht das Ministerium die Pressemitteilung.
6.10. Sexistische Merkel-Fotomontagen Die Facebook-Aktivitäten von Manfred Reindl haben es in sich. Das Kabinettsmitglied von Verteidigungsminister Mario Kunasek (FPÖ) postet etwa sexistische Fotomontagen der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und bezeichnet sich offenbar als „anständiger Deutscher“. Außerdem suggeriert Reindl, dass der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen durch Walhbetrug ins Amt gekommen ist. Außerdem zeigt der Mitarbeiter des FPÖ-Ministers sich als Verschwörungstheoretiker, für den die Flüchtlingskrise 2015 ein „perfider CIA-Plan“ war.
30.10. Wahlkampfkostengrenze ignoriert Wie aus den dem Rechnungshof vorliegenden Angaben hervorgeht, haben die Regierungsparteien das vorgegebene Limit für Wahlkampfkosten drastisch überschritten. Die Obergrenze liegt bei sieben Millionen Euro. Die FPÖ hat aber 10,7 Millionen ausgegeben, die ÖVP sogar rund 13 Millionen Euro. Die Kanzlerpartei rechtfertigt die Verletzung des Limits mit „dem erhöhten Informationsbedarf in Folge des untergriffigen Wahlkampfes“.

NOVEMBER

5.11. Kickls General mit Sympathien für Israelfeinde Der Standard deckt auf, welche Facebook-Vorlieben der Generalsekretär im Innenministerium, Peter Goldgruber, hat. Demnach sympathisierte der neben FPÖ-Innenminister Kickl zweitmächtigste Mann im Ministerium nicht nur mit dem Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen, der immer wieder mit antisemitischen Ressentiments auffällt. Goldgruber likte auch Postings, deren Tenor klar israelfeindlich war.
11.11. Jesus, der „Nazi“-Verehrer Salvatore Angelo Raineri, FPÖ-Gemeinderat aus dem niederösterreichischen Kleinzell, behauptet bei Facebook, der Terminus „Nazi“ sei vor 2000 Jahren im antiken Judentum entstanden – als Wort für eine heilige Person. Die krude Theorie des Freiheitlichen: Jesus von Nazareth sei demnach ein „Nazi-Verehrer“ gewesen.
12./13.11. Rassistisches „Ali“-Video Während die Regierungsspitze öffentlichwirksam ein Treffen zum Thema „Hass im Netz“ abhält, schaltet die FPÖ einen Clip frei, der klar rassistisch und muslimfeindlich ist. Dort ist ein animierter Mann namens „Ali“ zu sehen, der mit der Krankenkassenkarte seines Verwandten zum Arzt geht. Die FPÖ löscht das Video, nachdem sich Kurz und Strache distanzieren. Die Parteizentrale behauptet, das Machwerk sei nicht vom Generalsekretär vor der Veröffentlichung angesehen worden. In dem Video kommt FPÖ-Sozialministerin Hartinger-Klein zu Wort, Klubchef Gudenus hat es ebenso auf seiner Facebook-Seite gepostet wie die Partei.
17.11. Neonazi als Parlaments-Security Die Aufarbeitung der dubiosen Razzien beim Verfassungsschutz bekommt eine besondere Note. Ein beim parlamentarischen Untersuchungsausschuss arbeitender Sicherheitsmann wird als Rechtsextremist entlarvt. Thomas K. gilt als Vertrauter des prominenten Holocaust-Leugners Gottfried Küssel, den auch FPÖ-Chef Strache als junger Erwachsener während seiner Neonazi-Zeit kennengelernt hatte. Die Verbindungen von Küssels Umfeld in die FPÖ sind zahlreich. Der nun enttarnte Rechtsextremist tummelt sich neben seiner Tätigkeit im Parlament auch auf rechtsextremen Treffen in Ostdeutschland. Wie wenig später bekannt wird, war der Neonazi auch als Leibwächter von Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka eingesetzt.

DEZEMBER

1.12. Minderjährige Flüchtlinge hinter Stacheldraht In Niederösterreich initiiert der zuständige FPÖ-Landesrat Waldhäusl eine neuartige Flüchtlingsunterkunft: Die Jungendlichen dürfen nur in Begleitung das Gebäude verlassen, dessen Eingang mit Dreifachstacheldraht und Hund gesichert ist – auf Waldhäusls persönlichen Wunsch, wie sich später herausstellt. Landeshauptfrau Mikl-Leitner (ÖVP) stoppt die Aktion.

12.12. Verteidigung mit Nazi-Vokabular Der niederösterreichische FPÖ-Landesrat Waldhäusl, der wegen der Unterbringung von minderjährigen Flüchtlingen in die Kritik geraten war, verwendet bei seiner Rechtfertigung NS-Jargon. Waldhäusl spricht von einer „Sonderbehandlung“ für Integrationsunwillige. In der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten war „Sonderbehandlung“ der geläufige Begriff für die Ermordung von Menschen. Seit den Prozessen gegen NS-Kriegsverbrechern ist die Bedeutung des Wortes allgemein bekannt.

Andreas Gabalier wird mir noch unsympathischer

update auf twitter:
florian klenk bietet jedem, der am gabalier-konzert war, den falter 4 wochen gratis

Kurier, 15.12.2018
Andreas Gabalier stellt kritische Medien an den Pranger
Kritik an Standard und Falter vor 14500 Leuten in der Stadthalle.

Der Sänger Andres Gabalier hat bei seinem letzten Konzert 2018 in der Wiener Stadthalle zwei Medien an den Pranger gestellt, die ihm kritisch gegenüber stehen. Vor 14.500 Besuchern verunglimpfte er Standard und Falter als „Standort“ und „Flater“, Deren Redakteure seien „undercover in der Halle“, um „verheerende Geschichten“ zu schreiben. Und da „Traditionen nichts für sie sind“, hätten deren Chefredakteure „am 24.12. nichts zu tun“, in der steirischen Krippe würden „Ochs und Esel fehlen“.
Die Zeitungen seien deshalb gegen Gabalier, „weil ich die Hymne so gesungen habe“. Gabalier hatte die nunmehr per Bundesgesetz in der Hymne vorkommenden Töchter aus seiner Darbietung beim österreichischen Grand Prix in Spielberg 2014 gestrichen. Er habe so gesungen, wie er es in der Volksschule gelernt hat. Die Blätter würden Presseförderung „in Millionenhöhe“ bekommen, „um diesen Quargl abzudrucken“.
Gabalier hat bereits mehrfach mit seinen Aussagen für Aufsehen gesorgt, etwa mit seiner Klage des heterosexuellen Mannes beim Amadeus Award: „Man hat’s nicht leicht auf dera Welt wenn man als Manderl noch auf a Weiberl steht.“ Nach darauffolgender Kritik sah er sich „ins rechte Eck gedrängt“. Falter und Standard, die er nun kritisierte, sind linksliberale Medien. In Österreich werden Medien vor allem aus rechtspopulistischen Kreisen für „unbotmäßige“ Berichte kritisiert.
In der Kulturberichterstattung ist die Kritik am künstlerischen Schaffen ein wesentlicher Teil. Dabei spielt natürlich auch die politische Kontextualisierung von künstlerischen Aussagen eine Rolle. Vor allem von Seiten erfolgreicher Künstler ist es überaus unüblich, sich über negative Kritiken zu beklagen.
Gabalier lobte sein Publikum dafür, dass es sich „eine eigene Meinung gebildet“ hat. Solange die Österreicher „im Dirndlkleid außer Haus gehen“ bzw. „in der Lederhosen dastehen, ist die Welt noch in Ordnung“, sagte er davor.
Der aktuelle Aufreger jedenfalls war geplant: „Für den Skandal muss ich morgen wieder beichten gehen“, sagte er.

Schluss mit lustig?

„Fragen Sie Frau Andrea“ von Andrea Maria Dusl aus FALTER 50/18 vom 12.12.2018

Liebe Frau Andrea, ich lebe nun schon längere Zeit als Deutscher in Wien und habe noch immer nicht ganz gerafft, wie man hierzulande „lustig“ sagt. Ich erbitte ernstgemeinte Nachhilfe! Boris Pistulka, nunmehr Wien, per Facebook-Nachricht

Lieber Boris,
ein erster Anfang im Verstehensprozess könnte darin bestehen, „raffen“ durch „schnallen“ oder (etwas wienerischer) durch „gneißen“ zu ersetzen. Widmen wir uns nun der freiwilligen Komik. Sie entsteht, wie die Schönheit, im Auge des Betrachters. Im Laufe der Jahrhunderte hat die gelernte Wienerin (und immer mitgemeint der Wiener) wenig zu lachen gehabt.
Die meisten Angelegenheiten auf dem Gebiet der Zwerchfellstrapaz waren und sind „a Hetz“(vom einst beliebten Schauspiel der Tierhatz),“a Koarl“(vom Lustspieltheater des Carl Bernbrunn vulgo Carl Carl, eher aber vom jiddischen „Kol“,“Qol“, Stimme, Spruch),“a Gschbaß“(ein Spaß) oder „a Gaudee“(eine Gaudi).
Das Lachen selbst firmiert im Wienerischen als „si ohaun“ (sich abhauen),“si ofedsn“ (sich abfetzen) und „si dsawudsln“ (sich zerwutzeln, sich in kleine Partikel auflösen). Leichtere Formen der Erheiterung kennen wir als „khudarn“ (kudern),“khugln“ (kugeln),“khiarn“(kirren, girren) und „khigattsn“ (kichern).
Die angesprochenen Formen sind den ehemaligen Vorstädten und den Arbeiterbezirken vorbehalten und in den Aufmarschgebieten der Döblinger Regimenter, in der Kottäsch (im Cottageviertel) und in Hietzing weniger gebräuchlich. Wenngleich auch dort mitunter gelacht wird, so doch eher im Rahmen des Amüsanten, Komischen, Fidelen und Beschwingten.
Das Lateinische hat sich über Vermittlung bierlüsterner Burschenschaften, von Liederbünden und Verbindungen im studentischen Kneipenlied „Gaudeamus igitur“ (Lasst uns also fröhlich sein!) sedimentiert.
Jüngst hat auch das Englische Althumanistisches implementiert. Aus „hilarious“(vom griechischen hilarós, lateinischen hilaris, hilarus; heiter, ausgelassen) wurde neuerdings „hilariös“. Eine Entwicklung, die ich, schon aus familiären Gründen, ausdrücklich begrüße, hieß doch mein Urgroßvater, der Bruder meiner Urgroßmutter und Kurarzt im Sauerbrunnen Rohitsch: Dr. Ernst Hilarius Fröhlich.

www.comandantina.com; dusl@falter.at, Twitter: @Comandantina

Blutgruppe 0 (positiv)

Im Blutgruppen-System AB0, das Karl Landsteiner im Jahr 1901 entwickelt hat, gibt es vier Blutgruppen. Eine davon ist Blutgruppe 0. Dieses Blut (Rhesusfaktor negativ) ist bei einer Bluttransfusion für alle Empfänger geeignet und bei Blutspendediensten daher sehr willkommen.
Blutgruppe 0 ist durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet: Die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) tragen auf ihrer Oberfläche keine Antigene (so wie die anderen Blutgruppen A, B und AB). Im umgebenden Blutplasma befinden sich sogenannte Antikörper des Typs A und B. Beim Mischen von Blut wird es immer dann problematisch, wenn die Antikörper an die Antigene der Erythrozyten andocken können. Dann kommt es zu einer Verklumpung des Blutes (Hämagglutination). Da die Erythrozyten von Blutgruppe 0 keine Antigene besitzen, kann folglich kein Antigen andocken, und es kommt zu keiner Verklumpung – egal, ob in dem Blut Antikörper des Typs A (Bei Blutgruppe B) oder Antikörper des Typs B (bei Blutgruppe A) vorhanden sind. Das Blutplasma der Blutgruppe AB enthält keine Antikörper.
Blutgruppe 0 kommt sehr häufig vor (rund 41% der Bevölkerung). Die Erythrozyten der Blutgruppe 0 enthalten keine Antigene. Blutgruppe 0 ist daher ein sogenannter „Universalspender“ – diese Erythrozyten sind theoretisch für alle anderen Blutgruppen geeignet.
Genau anders herum verhält es sich aber für Menschen, die Blutgruppe 0 besitzen: sie können nur Blut dieser Blutgruppe empfangen, alles andere wäre gefährlich.
Allerdings spielt auch der Rhesus-Faktor eine wichtige Rolle. Rund 85% aller Menschen tragen auf der Oberfläche der Erythrozyten ein sog. D-Antigen („Rhesusfaktor D“). Man sagt, ihre Blutgruppe ist „Rhesus positiv“ (Rh+). Bei den übrigen 15% ist das D-Antigen nicht vorhanden, sie sind Rhesus negativ (RH-).
Menschen mit Blutgruppe 0 Rhesusfaktor positiv haben im Fall einer Blut-Transfusion ein Problem: Sie können nur Blut von Menschen vertragen, die ebenfalls Blutgruppe 0 haben. Denn die Erythrozyten aller anderen Blutgruppen tragen entweder Antigen A oder Antigen B (oder beide) auf ihrer Oberfläche. Die Antikörper des Typs A und B von Blutgruppe 0 würden das fremde Blut verklumpen. Allerdings ist das Problem im Fall von Blutgruppe 0 Rh+ nicht so groß, weil immerhin 41% der Bevölkerung Blutgruppe Null haben und insofern genügend Spenden zur Verfügung stehen.
Im Gegensatz dazu ist das Blut von Menschen der Blutgruppe 0 Rh+ für alle anderen Blutgruppen mit positivem Rhesusfaktor geeignet.
Richtig schwierig ist es für Menschen mit Blutgruppe 0 Rhesusfaktor negativ. Diese Patienten können ausschließlich genau dieses Blut vertragen. Auch Blutgruppe 0 Rh+ ist als Spende nicht geeignet. Nur 6% der deutschen Bevölkerung hat diese Blutgruppe. Menschen mit dieser Blutgruppe 0 Rh- werden daher besonders darum gebeten, Blut zu spenden.
Das Blut von Menschen mit Blutgruppe 0 Rhesusfaktor negativ ist als Spende für alle anderen Blutgruppen geeignet – unabhängig vom Rhesusfaktor. Man nennt sie deshalb auch „Universalspender“. Blutspenden der Blutgruppe 0 Rhesus negativ sind besonders gern gesehen, weil sie im Notfall extrem wertvoll sind. Gerade bei Notfällen, wo ein Patient sehr viel Blut verliert, kann man nicht erst langwierig die passende Blutgruppe ermitteln. Daher wird in solchen Situationen stets „0 Rhesus negativ“-Blut genommen, weil es für jeden geeignet ist. Aus diesem Grund bemühen sich Rettungsstationen auch stets, ausreichend Blut dieser Blutgruppe vorrätig zu haben – und entsprechend begehrt sind diese Spenden. (von Martin Mißfeldt)
Bildschirmfoto 2018-12-15 um 07.40.00

Google Italia 2018

Google Italia Jahresrückblick 2018

Parole
1 Mondiali
2 Sergio Marchionne
3 Cristiano Ronaldo
4 Fabrizio Frizzi
5 Grande Fratello

Eventi
1 Mondiali
2 Elezioni 4 marzo
3 Sanremo
4 Ponte Morandi
5 Giro d’Italia

Come fare…
1 Il back up
2 I pancake
3 Uno screenshot
4 Lo slime
5 Una tesina

Mete vacanze
1 Sardegna
2 Albania
3 Sicilia
4 Grecia
5 Croazia

Biglietti
1 Lotteria Italia
2 Roma – Liverpool
3 Vinitaly
4 Salone del Mobile
5 Eminem

Personaggi
1 Sergio Marchionne
2 Cristiano Ronaldo
3 Fabrizio Frizzi
4 Avicii
5 Davide Astori

Cosa significa…
1 Sessista
2 Ipovedente
3 LOL
4 Filantropo
5 Scopofobia

Perché…
1 Si festeggia l’8 marzo
2 I giocatori hanno un segno rosso in faccia
3 Fedez e J-Ax hanno litigato
4 Ilary Blasi ha la parrucca
5 Asia Argento non conduce più X Factor

Ricetta
1 Pastiera napoletana
2 Tiramisu
3 Carbonara
4 Colomba pasquale
5 Casatiello

Google 2018 – Österreich

Google Jahresrückblick 2018 – Österreich

Suchbegriffe des Jahres
1 Fußball WM
2 Avicii
3 Daniel Küblböck
4 Jens Büchner
5 Olympische Winterspiele

Promis & Aufreger Österreich
1 Niki Lauda
2 Roman Rafreider
3 Cesár Sampson
4 Pamela Rendi-Wagner
5 Udo Landbauer

„Was…?“ Fragen
1 Was ist los in Wien?
2 Was soll ich kochen?
3 Sodbrennen was hilft?
4 Was sind Permanenzen?
5 Was ist mein Auto wert?

Themen des Jahres
1 Zeitumstellung
2 Volksbegehren Rauchverbot
3 Frauenvolksbegehren
4 Artikel 13
5 DSGVO

„Wie…?“ Fragen
1 Wie viele Längengrade umfasst eine Zeitzone?
2 Wie wird das Wetter?
3 Granatapfel wie essen?
4 Wie viele Wochen hat ein Jahr?
5 Wie lange dauert Überweisung?

a more deliberate way of living

by Leo Babauta

Our lives are often spent in a rush, almost on autopilot, drifting from one wave of busyness and distraction to another, adrift in a sea of crises and urges. There’s noise and quick tasks, lots of tabs, messages and requests, demands on our attention, multitasking, mind scattered everywhere. The nature of the world is chaos, but what if we could find a more deliberate way of moving through the chaos? I’m going to share some ways I’ve been trying to move more deliberately — none of them new to me or you, but more of a coming back to what I know to be helpful. We’re always coming back.

  1. Set intentions at the start. When you start your day, or any meaningful activity, check in with yourself and ask what your intentions are for the day or that activity. Do you want to be more present? Do you want to move your mission forward? Do you want to be compassionate with your loved ones? Do you want to practice with discomfort and not run to comfort? Set an intention (or three) and try to hold that intention as you move through the day or that meaningful activity.
  2. Pick your important tasks & make them your focus. What tasks are meaningful to you today? Pick just three (or even just one) and focus on that first. Put aside everything else (you can come back to all that later) and create space for what’s meaningful in your life.
  3. One activity at a time. If you’re going to write, close all other tabs and just write. If you’re going to brush your teeth, just do that. If the activity is important enough to include in the limited container of your life, it’s important enough to give it your full focus.  Treat it as if it might be your last act on earth.
  4. Use any activity as a meditation. This is really the same as the item above, but every single act is an opportunity to be fully with the activity. Everything we do can be a practice in breath, in presence, in deep consciousness. Treat each act as sacred, and practice.
  5. Create more space. Instead of filling every minute of the day with space, what would it be like to have some time of rest, solitude, quietude and reflection? My tendency (like many people, I suspect) is to finish one task and then immediately launch into the next. When there’s nothing to do, I’ll reach for my phone or computer and find something to read, to learn about, to respond to — something useful. But space is also useful. What would it look like to include space in our lives? Giving each activity an importance, and when it’s done, giving some weight to the space between activities. Taking a pause, and taking a breath. Reflecting on how the activity went, how I held my intention, how I want to spend the next hour of my life. Moving deliberately in that space, not rushing through it.
  6. Be in silence more. Our days are filled with noise — talking, messaging, taking in the cacophony of the online world. What if we deliberately created a space or two each day for being in silence? That could look like a couple of meditation sessions, a walk out in nature, a bath where we don’t read but just experience the bath, a time for tea and nothing else but the tea, or just stopping to watch a sunset (without taking photos). Silence is healing to the soul.
  7. Create containers for messaging & other chaos. We need to respond to emails and messages, read the news and catch up on things. But this chaos doesn’t have to fill our entire lives. Create a container for each of these activities: set aside 30 minutes for responding to all your emails, another 30 minutes for messages (maybe 2-3 times a day), and so on. In each container, do nothing but that activity. When you’re done, leave that activity until you need to come back to it deliberately.
  8. Simplify by limiting or banning. We don’t have to say yes to every French fry or cookie, or every Youtube video or beer. We can choose what we want in our lives deliberately, and what we don’t want (or want less of) … then set limits or ban that activity. For example, can you limit sugar to one treat every week? Or go a month without alcohol? Or only watch Youtube videos between 6-7 pm? These kinds of limits help us to simplify and be more deliberate.
  9. Listen to what life is calling you to do. As we sit in silence, as we move deliberately into spaces we’ve created, as we check in with our intentions … we can listen. Listen to life, God, the universe, whatever you want to listen to … and see what its calling you to do. Maybe it’s just your own heart. But you’re being called, and if you listen, you will hear it.

When you add these together — and you don’t have to be perfect at any of them — they flow into a beautiful way to move through life. (Leo Babauta)

Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher

Peter Turrini – Nachrichten aus Österreich
Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher
Rede anläßlich einer Republiksfeier des SPÖ-Parlamentsclubs 30. Oktober 2018
Verehrte Menschen! Liebe Freunde!
Bruno Kreisky, hinlänglich verblichen und daher von aller Welt nachhaltig verehrt, führte in den 70er- und 80er-Jahren immer wieder Gespräche mit Künstlern, unter anderem auch mit mir. Ich erinnere mich an eine Argumentation von ihm, daß es nicht auf alles eine politische Antwort gebe, manches komme schlicht und einfach aus den Untiefen des menschlichen Charakters. Seine Worte haben mir damals eher mißfallen, weil ich alles für politisch hielt und daher auch alles für politisch lösbar.
Dieser Meinung bin ich heute nicht mehr.
Ein Gespenst geht um in Europa, nichts Unmenschliches ist ihm fremd. Es scheint, als sei ein Wettrennen darüber ausgebrochen, wer der größere Feind des Nächsten ist, wer die Schwächeren am besten verhöhnen kann. Der politische Begriff des Rechtsrucks greift zu kurz, hier geht es auch um den Charakter des einzelnen. Ich habe daher meiner Rede den Titel gegeben: „Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher“.
Glauben Sie nicht, daß ich aus der Warte des besseren Menschen argumentiere. Die Seele ist nicht nur ein weites Land, dieses Land ist auch voller Widersprüche. Da hocken das Gute und das Böse in ein und derselben Brust erstaunlich nahe beieinander. Die entscheidende Frage, die ich Ihnen und mir selbst stelle, ist doch, auf welche Seite unseres vermischten Wesens wir uns stellen. Verbleiben wir in der Mieselsucht, in der Kleinkariertheit, in der Abschottung gegenüber dem Fremden, in der Ausgrenzung des Anderen, bei der Verhöhnung des Schwächeren, also in der Arschlochecke unseres Charakters, oder versuchen wir über uns selbst hinaus zu wachsen, indem wir anderen Menschen helfen?
Das ist nicht immer leicht. Wir hatten Flüchtlinge in unserem Haus, fallweise ziemlich viele, und wir hatten sie auf längere Zeit. Manchmal sind sie mir sehr auf die Nerven gegangen. Flüchtlinge entsprechen nicht unbedingt unseren Idealvorstellungen. Sie sind Menschen mit Ansprüchen und Widersprüchen. Und dennoch: Geblieben sind Zugehörigkeiten zu einigen von ihnen und das Gefühl, daß wir einander ähnlicher sind, als wir glauben.
Das Wort Rechtsruck, das wir oft und für vieles im Mund führen, deckt mehr zu, als es aufdeckt. Was sollte an einer rechten Überzeugung, die ich nicht teile, in einer Demokratie so grundsätzlich falsch sein? Und auch die äußerste Rechte, die Freiheitlichen, sind eine Partei im demokratischen Spektrum, zumindest dem Anschein nach. Demokratie, und da bin ich schon beim Thema dieser Veranstaltung, heißt doch wohl, Überzeugungen, Gedanken und Sätze zu ertragen, die einem gegen den Strich gehen. Ich gebe zu, daß mir dies manchmal sehr schwerfällt, aber es fällt mir wiederum leichter, wenn ich daran denke, daß den anderen mein Denken und Sprechen auch Probleme macht. Wir müssen einander aushalten und miteinander reden, notfalls mit gehobener Lautstärke und aller Leidenschaft. Aber diese Wollust der Ausgrenzung, ja der Vernichtung, die derzeit gegenüber dem anderen und dem Andersartigen mehr und mehr aufbrodelt, die müssen wir nicht ertragen, die müssen wir bekämpfen.
Eine bürgerliche Partei mit christlichen Wurzeln müßte gegen diese neue Barbarei auftreten, sie müßte mithelfen, daß Flüchtlinge wie Menschen behandelt werden und daß ihnen geholfen wird, soweit es irgendwie möglich ist. Man kann durchaus über das Mögliche diskutieren, man muß nicht auf dem Unmöglichen beharren. Eine demokratische Regierung, in welcher Zusammensetzung auch immer, müßte diesem grassierenden Fremdenhaß entgegentreten, doch das explizite Gegenteil geschieht. Beinahe täglich sind von der jetzigen Regierung Vorschläge zu hören, was man den Flüchtlingen noch alles wegnehmen und welche Unterstützungen man immer weiter kürzen könnte.
Eine Sozialministerin ist der Meinung, daß ein Flüchtling nicht mehr als 150 Euro im Monat braucht, um überleben zu können. Das ist übrigens laut Statistik jener Betrag, den Hundeliebhaber monatlich für Hundefutter ausgeben.
Sind denn alle verrückt geworden? Hat ein Land wie Österreich, welches in seiner Geschichte alle möglichen Ethnien aufgenommen und zum Nationalcharakter verschmolzen hat und gerade dadurch zu vielen kreativen Großtaten fähig wurde, seine Geschichte vergessen? In meiner Jugend war man stolz darauf, den flüchtenden Ungarn und den flüchtenden Tschechen großzügig Asyl gewährt zu haben, und dies zu Recht. Hat das Arschlochtum, der Rückzug auf die schlimmsten Seiten des Charakters, das sture und stumme Verharren in der eigenen Trägheit, einen Siegeszug durch die österreichischen Lande angetreten?
Dieser Weg in die Erkaltung der Herzen, dieser allerneueste Klimawandel, hat einen symbolischen Anfang und kein absehbares Ende. Anfang der 90er-Jahre erfand der deutsche Journalist und Autor Kurt Scheel das Wort „Gutmensch“. Er hatte den Begriff auf grüne Bundestagsabgeordnete gemünzt, die strickend im Parlament saßen und immer alles besser wußten. Damals gab es die ersten Überfälle von Neonazis auf Flüchtlingsheime in Deutschland. Häuser brannten, Menschen starben. Als einige wenige Bürger den Neonazis entgegentraten, wurden sie von diesen als „Gutmenschen“ verhöhnt. Scheel war entsetzt und versuchte, mit allen Mitteln dagegen vorzugehen, vergebens. Der Teufel war schon aus dem Sack.
Seither verwenden immer mehr Rechte in allen Bräunlichkeitsstufen und Mitläufer aller Dummheitsgrade diesen Begriff zur Beschimpfung von Menschen, die gegen Faschismus, Rassismus und Fremdenphobie auftreten, und gegen solche, die – zumeist unentgeltlich – in karitativen Organisationen arbeiten.
„Gutmensch“ ist zum großen Schimpfwort geworden, als wäre es höchst erstrebenswert, ein „Schlechtmensch“ zu sein.
Am 8. September 2015 geschah in Röszke, einem ungarischen Grenzort in der Nähe Serbiens, folgendes: Die ungarische Kamerafrau Petra László stellte einem syrischen Flüchtling, der ein Kind auf dem Arm trug und vor ungarischen Grenzpolizisten davonlief, ein Bein. Sie filmte die Szene: Der Mann fällt hin, begräbt das Kind halb unter sich, steht mühsam auf, das Kind weint, der Mann flucht. An dieser Stelle brach das Video ab. Das Video kam in die Medien, weltweit. Frau László verteidigte sich damit, daß sie Mutter von zwei Kindern sei und daß sie sich von den Flüchtlingen bedroht gefühlt habe. Das Video sprach eine andere Sprache. Schließlich sagte sie, sie könne sich ihr Handeln auch nicht erklären.
Kurz danach gab es ein anderes Vorkommnis an der ungarischen Grenze. Ein Flüchtlingskind fiel in den Morast, eine flüchtende Gruppe rannte auf das Kind zu. Der ungarische Kameramann Attila Kisbenedek riß das Kind an sich und lief mit ihm zur Seite. Die Menge wäre ansonsten über das Kind hinweggetrampelt. Petra László trat der rechtsradikalen Jobbik-Partei bei. Über das mutige Eingreifen von Attila Kisbenedek wurde in Ungarn geschwiegen.
Umso wort- und tatenreicher wurde die inzwischen staatlich verordnete Barbarei verbreitet. Wer Flüchtlingen in Hinkunft helfen wollte, mußte damit rechnen, vom Staat gerichtlich verfolgt zu werden. Bald war auch in Ungarn von „Gutmenschen“ die Rede, denen man das Handwerk legen müsse. Die Diskriminierung und Kriminalisierung von Hilfsorganisationen nahm immer mehr zu: Die „Ärzte ohne Grenzen“ wurden diffamiert und bei ihren Versuchen zu helfen behindert. Schiffe, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retteten, durften keine italienischen Häfen mehr anlaufen. Ein österreichischer Innenminister wollte Flüchtlinge in konzentrierte Lager verfrachten. Eine AfD-Abgeordnete antwortete auf die Frage, wie denn dies alles enden solle, mit zwei Worten: „Notfalls schießen“.
Die Höllenfahrt in die Unmenschlichkeit wird immer rasanter: Der Bürgermeister des süditalienischen Dorfes Riace, Domenico Lucano, wurde verhaftet und anschließend in die Verbannung geschickt. Er hatte in überwiegend leerstehenden Häusern seines Dorfes Migranten untergebracht. Noch im vorigen Jahr hatte Domenico Lucano dafür den Dresdner Friedenspreis bekommen. Matteo Salvini, der italienische Innenminister, vermeldete auf Twitter, diesem Speibkübel für unfeine Herren, er hoffe, die „Gutmenschen“ würden jetzt begreifen, daß es ihnen an den Kragen gehe. Das Wort „Gutmensch“ hat längst sein Herkunftsland Deutschland verlassen. Die „Aquarius“, das letzte private Rettungsschiff, welches Flüchtlinge in Seenot aufnimmt, wird wohl demnächst seine Hilfe einstellen müssen. Panama, unter dessen Flagge das Schiff fährt, hat mitgeteilt, daß es die „Aquarius“ aus ihrem Schiffsregister streichen will.
Im September 2018 starben mehr als 200 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer. Zyniker der Macht, zu denen ich auch den österreichischen Bundeskanzler Kurz zähle, sagen, es müßten noch mehr Menschen ertrinken, um die Flüchtlinge von einer Flucht über das Meer abzuhalten.
Und in Österreich? An der Entwicklung in diesem Land leide ich besonders. Es ist ja auch mein Land. Als Sohn eines italienischen Einwanderers, welcher nie so recht in der deutschen Sprache ankam und es nicht bis an den Stammtisch der Einheimischen schaffte, habe ich lange genug gebraucht, dieses Land als mein Land zu empfinden. Ich will es mir von einem adrett zugerichteten jungen Mann in der Bundeskanzlerpose und von einer Horde Burschenschafter in Ministerbüros nicht mehr nehmen lassen.
Diese Regierung ist politisch phantasielos und frei von Moral. Sie kommt ständig mit dem Anspruch des Neuen daher und ist uralt. Die rechten Regierungen nehmen den Schwächeren etwas weg und geben es den Stärkeren. Unter der lächelnden Maske verbergen sich Postengier und Herzenskälte. Das Rennen um Vermehrung der Kältegrade läuft.
Wie bei einem geplanten Coup ging man arbeitsteilig vor: Jeder hat seine Aufgabe und nachher teilt man die Beute. Herr Kurz bekam die Wirtschaft und schafft ein echtes Wirtschaftswunder für die Reichen und Herr Strache bekam die Polizei, das Militär, die Geheimdienste und sorgt seitdem dafür, daß wir uns tatsächlich wundern, was alles möglich ist.
In einer Art Ballspiel der Macht wurden die Staatsposten verteilt: Ihre Bezeichnungen wurden auf Bälle geschrieben, diese wurden in die Luft geworfen und die Postengierigen rauften sich darum. Jeder konnte behalten, was er fangen konnte. Eine ehemalige Generalsekretärin der ÖVP fing den Ball einer Präsidentin des Nationalrates, den sie aber gleich wieder fallenließ, weil ihr ein Ball mit der Aufschrift Ministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus attraktiver erschien. Ein ehemaliger Innenminister, bekannt für seine Bißwütigkeit, riß den fallengelassenen Ball des Parlamentspräsidenten an sich und lächelt seitdem zwanghaft vor sich hin. Als Spitzenfänger erwies sich der Präsident der Wirtschaftskammer, er ergatterte sieben Bälle, also sieben Posten. Der einzige, der zu tolpatschig war, um einen Ball zu ergattern, war Herr Kickl. Er ging trotzdem nicht leer aus, weil man den Ball mit der Aufschrift Innenminister schon vorher für ihn zur Seite geschafft hatte.
Was diese Regierung macht, ist nicht nur ein moralischer Umsturz, vom Anstand zur Unanständigkeit, sondern vor allem ein politischer. Arbeiterrechte werden reduziert, Frauenvereinigungen wird die Unterstützung entzogen und Organisationen, die Immigranten helfen wollen, werden abgedreht. Alles soll in einer einzigen Behörde zusammengefaßt werden, eine eigene Agentur für Fremdenwesen soll geschaffen werden, in dem von der Beratung der Flüchtlinge bis zur Abschiebung alles in den Händen von Beamten des Innenministeriums liegt. Private Hilfsorganisationen, Rechtsanwälte, Helfende sollen nichts mehr mitzureden haben. Das ist ein Staatsstreich in Zeitlupe gegen die Zivilgesellschaft, immer ein bißchen weiter nach rechts ins Menschenfeindliche, bis man dort ist, wo Herr Salvini und Herr Orbán schon sind.
Von muslimischen Männern sagt man, sie würden mit ihren Frauen besonders respektlos umgehen. Von der gegenwärtigen Regierung wurden viele Projekte von und für Frauen gekürzt oder gestrichen. Es sind sehr viele und ich zähle nur einige auf:
Das autonome Frauen- und Lesbenzentrum in Innsbruck wurde um 100 % gekürzt.
Das Nova-Lernzentrum in der Steiermark wurde zu 100 % gekürzt.
Der Arbeitskreis für Emanzipation und Partnerschaft in Innsbruck wurde um 20 % gekürzt.
Der Dachverband der burgenländischen Frauen, Mädchen und Familienberatungsstellen wurde gekürzt.
Die Projektförderungen der autonomen österreichischen Frauenhäuser wurden gekürzt.
Das Ansuchen für den Dokumentarfilm „40 Jahre Frauenhausbewegung“ wurde nicht bewilligt.
Die Förderung der feministischen Buchhandlung Chicklit wurde zu 100 % gestrichen.
Die Beratungsstelle Courage wurde um 10 % gekürzt.
Der österreichische Frauenring wurde um 20 % gekürzt.
Der Verein ARGE Frauengesundheitszentrum wurde um 100 % gekürzt.
Alle Frauen- und Mädchenberatungsstellen wurden gekürzt.
Die Genderabteilung im Sozialministerium wurde aufgelöst.
Wenn es also stimmen sollte, daß Muslime frauenfeindlich sind, dann muß diese Bundesregierung aus lauter Muslimen bestehen.
Eine der wichtigsten Einrichtungen, das sogenannte Jugend-College, wird gemeinsam von Diakonie, Caritas und der Gemeinde Wien betrieben. Dort wird für tausend hauptsächlich junge Flüchtlinge Basisbildung vermittelt, um ihre Integration zu ermöglichen. Dieses so wichtige College wurde heuer um 50 % gekürzt und soll nächstes Jahr völlig aufgelöst werden.
Alle Programme, alle Einrichtungen, welche mithelfen sollen, die Konflikte zwischen Einheimischen und Flüchtlingen zu lösen, Lernräume für ausländische Kinder zu schaffen, wurden gekürzt oder aufgelöst.
Die Mittel für Deutschkurse wurden generell gekürzt.
Junge Flüchtlinge, die einen Asylantrag gestellt und einen Ausbildungsplatz als Lehrling gefunden haben, wurden und werden abgeschoben.
Die Wahrheit ist: Diese Regierung will keine Integration.
Gefördert hingegen werden rechtsextreme Medien wie beispielsweise die Internet-Zeitung „Unzensuriert“, deren Chefredakteur in Herrn Kickls Büro sitzt. Oder die Zeitschrift für die gehobene Hetzerei, „Zur Zeit“. Oder das antisemitische Blatt „Alles Roger?“ oder der rechtsextreme „Wochenblick“ und so weiter. Es geht immer weiter ins Rechtsextreme, aber ich wiederhole mein Argument, daß damit nicht alles erklärt ist. Herr Gudenus hat einen afghanischen Flüchtling, der in Österreich als Lehrling arbeitet, zum Sympathisanten einer Terrororganisation erklärt. Als sich das Ganze als Lüge herausstellte, hat er den Irrtum seiner Recherche zwar bedauert, war aber zu keiner Entschuldigung gegenüber dem Lehrling bereit. Herr Gudenus gehört sicher zum Stoßtrupp der Rechten, aber er ist auch ein Riesenarschloch. Ich widerrufe diesen Ausdruck und verfeinere meine Wortwahl: Herr Gudenus ist ein sozial verwahrloster Mensch.
Herr Kickl verkündet die Absicht, bei einem Menschen, der einer Straftat verdächtigt wird, die Nationalität zu nennen, sofern dieser ein Migrant ist. Ich halte das für eine mehr oder weniger unverhohlene Aufforderung zur Menschenjagd. Die meisten Menschen töten nicht, rauben nicht, vergewaltigen nicht, aber die meisten Menschen halten die meisten Menschen für fähig, solche Taten zu begehen, vor allem, wenn es sich um Ausländer handelt. Sie wirken, angeleitet von den Hirnlöchern in den Boulevard-Zeitungen, förmlich erlöst, wenn wieder jemand dingfest gemacht wird.
Die verdächtigen Eigenschaften, welche Menschen bei anderen Menschen, hauptsächlich Fremden, wahrnehmen, schlummern zumeist in ihnen selbst. Die Ungeheuer, die man überall sieht, rumoren unsichtbar in der eigenen Brust. Die Vorstellung, die Hölle seien immer die anderen, ist die verbreitetste und unrichtigste. Die Kindesmißhandlungen, die Frauenmißhandlungen begeht höchst selten der dunkle Mann im Park, sondern fast immer der eigene Vater oder Gatte hinter verdeckten Fenstern. Hinter den scheinbaren oder tatsächlichen Taten von wenigen verstecken sich die Abgründe von vielen.
Herr Strache betont immer wieder, daß seine Partei nicht rechtsradikal sei, dann sagen wir es eben anders: Sie ist radikal rechts. Und wenn im Keller einer schlagenden Verbindung Liedtexte gefunden werden, in denen man verspricht, noch eine weitere Million Juden zu ermorden, dann kann man wohl annehmen, daß solche Sätze nicht nur in den Tiefen des Kellers, sondern auch in den nicht mehr faßbaren Untiefen der Charaktere dieser Leute lauern. Und wenn der Kellermeister zwar suspendiert, aber nach einigen Monaten wieder inthronisiert wird, dann ist jegliche Schamgrenze in dieser Republik bei weitem überschritten.
Immer wenn Mitglieder der FPÖ einen braunen Rülpser von sich geben, oder noch schlimmer, ein solches Gedankengut erbrechen, dann sprechen sie nachher von einem Mißverständnis. Wer das Wesen dieser Partei besser verstehen will, der muß nur die Mißverständnisse einer einzigen Woche zusammenzählen.
Und Herr Kurz? Er schweigt zu alldem, und das macht ihn zunehmend zum verlängerten Braunen. Am Anfang seines politischen Weges war er mir nicht ganz unsympathisch. Kübel voller Häme ergossen sich über ihn, ob seiner Jugend und außerdem hatte er eine sachliche Art mit Flüchtlingen und über Flüchtlinge zu reden. Irgendwann muß er entdeckt haben, daß es zielführender ist, sich selbst und andere zu verraten, um schneller voranzukommen.
Es gibt eine Karikatur von Gerhard Haderer, die nicht abgedruckt wurde, auf der man Herrn Kurz mit einem braunen Haufen auf dem Kopf sieht. Er schaut angestrengt in eine imaginäre Menge, der Gestank ist ihm ganz nah und er sagt: „Braune Haufen, wo?“ Seinen Gesichtsausdruck nennt man Message Control.
Herr Kurz ist eine einzige Oberfläche geworden. Er ist kein Mann ohne Eigenschaften, sondern einer mit sehr vielen, vor allem solchen, die gerade gefragt sind. Er hängt sein Mäntelchen immer in jenen Wind, den er selbst erzeugt. Ständig redet er von der Balkanroute, die er geschlossen hätte, und wenn das keiner mehr hören kann, spricht er von Anlandezentren in Afrika. Und als auch diese sich als Windwachelei entpuppen, erfindet er die nächste. Populisten wie ihm, diesen Wellenreitern des Augenblicks, fällt immer etwas ein.
Er vertritt eine Meinung und sieht von ihr ab, wenn ihm eine andere opportuner erscheint. Er nennt arbeitende Menschen Durchschummler, will sie aus dem Faulbett sozialer Überversorgung herausholen, und wenn ihm solches politisch nicht guttut, erklärt er, daß er ein Herz für Arbeiter hätte, schließlich sei sein Vater einmal arbeitslos gewesen. Dieser Mann sagt alles, besonders das Gegenteil. Er herzt sich mit Orbán, und als diese Zungenküsserei schal wird, stößt er ihn von sich. Es wird wieder eine Gelegenheit zur Umarmung geben, ganz wird er seinen Geistesbruder schon nicht auslassen.
Herr Kurz versammelt als Erlöser seine Gläubigen auf einem steirischen Kernölberg und speist sie mit gemeinsamen Selfies. Es ist wirklich ein Wunder, in welch lichten Höhen die politische Oberflächlichkeit dieses Landes gerade versinkt.
Regierungen leben nicht in Übereinstimmung mit ihren Untaten. Immer muß ihrem Machtbedürfnis ein edles Motiv unterschoben werden, vorwiegend dieses: Die Maßnahmen der Regierung seien ja letztendlich im Interesse der Betroffenen. Letztendlich garantiere der 12-Stunden-Tag mehr Freizeit für die Arbeitnehmer. Letztendlich sei eine Abschiebung für Flüchtlinge preislich günstiger als eine Rückkehr auf eigene Kosten in ihr Ursprungsland. Und selbst das Einsperren und Wegsperren von Asylwerbern in konzentrierte Lager würde letztendlich zu deren eigener Sicherheit beitragen. Hier wird mit dem Brustton der Überzeugung die Verschlechterung der Lage von Arbeitern, Minderheiten und Flüchtlingen als gute Tat für die Betroffenen ausgegeben.
Auch ich möchte ein Foto machen, eine Art Momentaufnahme dieser Regierung. Was wir vor uns haben, was wir sehen, sind des Kaisers allerneueste Kleider: Die Niedertracht als Staatsgewand.
„Wer hier nicht ist, der ist gar nicht.“ Dies sagte Herr Rosam, ein Werbechef, bei einem Treffen von sogenannten Stützen der Gesellschaft. Das ist die präziseste und größenwahnsinnigste Beschreibung unserer derzeitigen Gesellschaft. Manche sind außersehen und im Lichte, und der Rest ist Lurch, den gibt’s gar nicht.
Ich möchte über die Mißachtung reden, welche diese Regierung und ihre Apologeten gegenüber der Arbeiterklasse betreiben. Die Epizentren dieser Verachtung sind die bürgerlichen Freßveranstaltungen, die Events mit Buffet. Die am häufigsten geäußerten Sätze bei solchen Zusammenrottungen der feineren Art lauten, daß diese oder jene Opernsängerin das hohe C mühelos erreicht hätte und daß heutzutage schon jeder Prolet einen Mercedes fahren würde.
Die Arbeiterklasse wird ununterbrochen verdächtigt: der Lohntreiberei, der Sozialschmarotzerei und der Faulenzerei.
Außerdem sei sie ja historisch überholt, und daher gebe es sie eigentlich gar nicht mehr. Diese Suada der Abwertung setzt nur aus, wenn die eigene Wohnung billig renoviert werden soll oder das Abflußrohr des WCs verstopft ist. Dann muß die angeblich nicht vorhandene Arbeiterklasse dringend her und möglichst schnell wieder weg.
Seit die kapitalistische Ideologie auf allen Ebenen triumphiert, hat sie aufgehört, eine solche zu sein, und hat sich selbst in den Stand einer Religion erhöht. Das oberste Dogma, sozusagen der erste Verkündigungssatz dieser neuen Religion, lautet: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht es allen gut.“ Dieser Glaubenssatz wird vom ORF, einer Art Ashram der neuen Religion, ständig wiederholt. Der erste Teil dieses Konditionalsatzes ist ja auch wahr. Der Wirtschaft, oder genauer gesagt ihren führenden Betreibern, geht es gut.
In den letzten zehn Jahren sind die Gagen der Manager um mehr als das Hundertfache im Vergleich zu den Mindestlöhnen von Arbeitern oder gar Arbeiterinnen gestiegen. Solche Gagen werden bezahlt, weil die Gewinne der Firmeneigner in noch wesentlich größerem Maße gestiegen sind. 80 Prozent des Aktienkapitals befinden sich in Österreich derzeit in der Hand von zwölf Familien. Immer mehr Grundbesitz sammelt sich bei immer weniger Leuten an. Der allseits bekannte Satz, „die Reichen werden immer reicher“ läßt sich nur noch mit einem Wort aus der Sportsprache erweitern: Sie werden es immer rasanter.
Der zweite Teil des Verkündigungssatzes „Geht’s der Wirtschaft gut, geht es allen gut“, also die Feststellung, daß das Wohlbefinden von wenigen zum Wohlergehen aller führt, ist schlicht und einfach unwahr. Der Anteil der Löhne von Arbeitern und Arbeiterinnen am Volkseinkommen ist in den letzten zehn Jahren von 71 auf 58 Prozent gesunken. Laut Statistik gibt es in Österreich 1.563.000 Menschen, die man als armuts- und ausgrenzungsgefährdet bezeichnet. Diese Zahlen spiegeln nicht nur die politische Gleichgültigkeit der derzeitigen Regierung wider, sie zeigen auch die Versäumnisse vergangener Regierungen auf.
Wer ein Lohnempfänger ist, mußte sich in den letzten Jahren als Dauersünder empfinden, denn er war ein Verursacher von Lohnnebenkosten. Wovon ich nichts oder nur selten höre, das sind die Gewinn-Nebenverschiebungen von jenen Millionen und Milliarden, welche größere Unternehmungen an der Versteuerung vorbei ins Ausland verschieben. Das sind nach sehr vorsichtigen Schätzungen jährlich zehn Milliarden Euro. Aber auch Gewinne, die deklariert werden, werden von Großunternehmungen nicht versteuert. So beziffert (inoffiziell) eines der größten Wiener Finanzämter den Stand seiner uneinbringlichen Forderungen auf 8 Milliarden Euro. Auf meine Frage, warum es hier keine gerichtliche Verfolgung gibt, bekomme ich die (inoffizielle) Antwort, die Akten würden „nach oben“ gehen und dort entschwinden. Dieser liturgische Vorgang ist nicht Teil der Verkündigung.
Gegen diesen Raub am österreichischen Volksvermögen vorzugehen wäre eine mutige Aufgabe für den jungen Kanzler gewesen. Stattdessen geht er gegen Flüchtlinge und Arbeitslose und alleinerziehende Frauen mit geringem Einkommen vor, um ihnen das Leben noch schwerer zu machen.
Diese Verachtung für die Arbeiterklasse gilt auch ihren politischen Vertretern. Der unvermeidliche Herr Gudenus beschreibt in einem Interview das Ziel dieser Regierung: Der Arbeiter soll endlich aus seiner Bevormundung durch die Funktionäre befreit werden. Und der Chef der Jungen Industriellen assistiert ihm: In seinem Betrieb würden er und seine Arbeiter keine Funktionäre brauchen.
Es lohnt sich, die alten Publikationen des Ständestaates zu lesen. Nachdem man die Arbeiterklasse und ihre Vertreter politisch – und teilweise auch physisch – vernichtet hatte, schrieb man folgendes: „Hader und Streit verläßt nunmehr unser Volk. Der werktätige Mensch, befreit von seiner Klassenzugehörigkeit, und einem ins Niemandsland führenden Internationalismus, wird hinübergeführt in die Zugehörigkeit zum gesamten österreichischen Volke. Er braucht keine Klassenvertreter mehr, keine Funktionäre der Spaltung, er ist frei und gliedert sich seinem Stande gemäß freiwillig in das Volksganze ein. Gemeinsam und begleitet von Gottes Segen marschieren wir den lichten Höhen einer strahlenden Zukunft entgegen.“ Der Marsch führte direttissimo in den Austrofaschismus.
Ich sage nicht, daß die derzeitige Regierung eine austrofaschistische ist, außer man hält das manchmalige Wacheln mit Dollfuß-Devotionalien für bedrohlich. Ich rede davon, daß eine Sehnsucht nach autoritären Verhältnissen unsere Geschichte durchzieht, nach Aufhebung der Widersprüche, dem Ende von Streit und Hader, nach Friede, Freude, Fahnen und Marmorkuchen. Diese Sehnsucht ging und geht immer auf Kosten der Arbeiterklasse: Sie soll ihre Errungenschaften preisgeben, sie soll aus ihren Organisationen austreten, sie soll ihre Funktionäre verächtlich machen lassen, sie soll alle ihre Organisationsformen auflösen, und das nennen sie dann die Wiedergewinnung der persönlichen Freiheit.
Für viele arbeitende Menschen, vor allem solche, die nicht in den Metropolen wohnen, die pendeln müssen, bedeutet diese Freiheit folgendes: Eine bis zwei Stunden Fahrt zum Arbeitsplatz, zwölf Stunden Arbeit, eine bis zwei Stunden Heimfahrt vom Arbeitsplatz, Eintreffen in der eigenen Wohnung meist erst lange nach Eintritt der Dunkelheit, eine bleierne und traumlose Nacht und die ewige Hoffnung auf einen Hauptgewinn im Lotto.
Wir leben in einem System, das am Ende alle auffrißt. Auch etliche Manager, mit oder ohne Boni, kommen im Dunkeln nach Hause, müde und leer, nachdem sie tagsüber die umfassende Entschlossenheit gemimt haben.
Ein nicht unerheblicher Teil der österreichischen Arbeiterklasse hat ein etwas dunkleres Gesicht. Die sommerlichen Erntehelfer, die zumeist aus Bulgarien und Rumänien kommen, arbeiten zwölf Stunden und bekommen dafür im Durchschnitt 2,50 Euro pro Stunde. Wenn Schlechtwetter aufzieht, wenn es Regen und Sturm gibt, entfällt die Arbeit, aber auch der Lohn. Der gesetzlich vorgeschriebene Lohn liegt bei etwas über sechs Euro, aber fast kein Arbeitgeber in Österreich hält sich daran. Man muß sich das vorstellen: Zwölf Stunden in der sommerlichen Hitze durcharbeiten für 2,50 Euro pro Stunde.
Auf den österreichischen Baustellen, auch dort mehrheitlich dunklere Gesichter, arbeiten viele, die überhaupt nicht gemeldet sind. Wenn man die Baustelle betritt, verschwinden sie sehr schnell. Die Subfirmen, die sie schicken, bezahlen ihnen im Schnitt etwas mehr als zwei Euro pro Stunde. Laut Kollektivvertrag müßten es 12,88 Euro sein.
Österreich ist ein partieller Sklavenhalterstaat mit der höchsten Anzahl an Festspielen. Warum so viele, vor allem höhere Repräsentanten der Sozialdemokratie, geradezu rudelartig bei Festspielen auftauchen, aber noch kaum bei ausgebeuteten Erntehelfern zu sehen waren, können Sie besser beantworten als ich. Vielleicht ist es wichtiger, bei großen Festivals zu repräsentieren, wir sind ja eine repräsentative Demokratie. Bevor man in die Abgründe dieser Gesellschaft schaut, schaut man lieber zur Seite. Das nennt man Seitenblicke. Man kann auch in schlechte Gesellschaft geraten, indem man sich zuviel in der guten Gesellschaft aufhält.
Möglicherweise glorifiziere ich die Arbeiterklasse, aber es ist für mich in Ordnung, daß sie, die vielgeschmähte und immer wieder für tot erklärte, etwas Glorie abbekommt. Ich weiß auch, daß viele Arbeiter, viel zu viele, die FPÖ wählen, und ich kann nicht überhören, welche Blödheiten sie manchmal über Flüchtlinge von sich geben. Ich tröste mich dann, daß die Unterstellungen aufhören, wenn sie miteinander pfuschen und auf ein Bier gehen. Mein wirklicher Widerwille gehört den akademisierten Fremdenhassern, die keinen persönlichen Kontakt zu Flüchtlingen haben, aber mit Zahlen und Tabellen bewaffnet vom kommenden Untergang des Abendlandes faseln.
Manche werden glauben, ich sei ein Propagandist des Klassenkampfes. Das war ich einmal und bin es nicht mehr. Als ich in den 70er- und 80er-Jahren ausführliche Lesetourneen in den damals sozialistischen Ländern machte, lernte ich etliche Staatsvertreter kennen. Die Leute waren kein Widerwort mehr gewohnt und gewöhnten sich an die permanente Rechthaberei. Wer immer das letzte Wort im Politischen wie im Persönlichen hat, weil er die uneingeschränkte Macht hat, wer mit keinem Widerspruch mehr rechnen muß, wer für seine Ideen und Überzeugungen nicht mehr streiten muß, weil alles schon entschieden ist, wer also immer das letzte Wort hat, der läuft Gefahr, daß es das dümmste ist. Ich bin für Parität, ich bin für Auseinandersetzungen jeglichen Hitzegrades, ich bin für gleichberechtigte Streitparteien, ich bin, wenn Sie so wollen, für Don Camillo und Peppone.
Und dennoch findet ein Klassenkampf statt, und zwar von oben nach unten. Diese Regierung nimmt den Schwächeren und gibt den Reicheren, und trotz aller Jonglierkünste dieses populistischen Kanzlers zahlen am Ende die Arbeiter, die Arbeitslosen, die alleinerziehenden Mütter mit niedrigem Einkommen und die Flüchtlinge drauf. Die Heilsverkündungen der neuen Religion bedeuten für sie kein Heil, sondern Unheil.
Diese Regierung sagt anderes, aber sie redet ja am liebsten mit sich selbst.
Es heißt immer wieder, daß die Sozialdemokratie noch nicht in der Opposition angekommen sei. Das ist möglich, aber ich stelle eine Gegenfrage: Ist diese Regierung schon in der Demokratie angekommen? Sie verweigert das Gespräch mit der Arbeiterklasse und ihren Funktionären, sie versucht Betriebsräte mundtot zu machen, und das hat nichts mit Demokratie zu tun.
Auch an die Funktionäre der Sozialdemokratischen Partei habe ich eine Frage: Ist das Innenleben Ihrer Partei so desaströs, daß Ihre Vorsitzenden nichts wie weg wollen? Als Autoverkäufer nach Argentinien, als Handlanger zu kasachischen Potentaten oder wohin auch immer. Oder ist das Innenleben der Parteivorsitzenden so desaströs, daß der Wink mit mehr Geld zur Jobhopperei und zum Verlassen aller Prinzipien führt?
Ich weiß, daß Sie vieles von dem, was ich sage, schon wissen. Aber manchmal ist es wichtig, die beinahe täglichen Scheußlichkeiten zu rekapitulieren, um das ganze Panorama der Barbarei sichtbar zu machen. Es droht die Gefahr, daß aus dem Täglichen das Alltägliche wird.
Ich glaube nicht, daß wir in eine braune Vergangenheit stolpern, schon eher in eine feige Zukunft. Wann immer sich die Demokratie in diesem Lande verengt, wenn der Kampf um die Posten härter wird, steigt die Hosenscheißerei. Das Maulen in den Kantinen und in den Gängen nimmt zu, aber wenn es darum geht, der obrigen Stelle seine Meinung zu sagen, wird es still. Und wenn man die Leute fragt, warum sie ihr Maul nicht aufgemacht haben, dann heißt es, sie hätten zwar laut „Jawohl“ gesagt, aber einen tiefen inneren Widerstand dabei empfunden. Manchmal habe ich das Gefühl, das ganze Land befindet sich derzeit im inneren Widerstand.
Ein kurzes Beispiel in eigener Sache: Vor dem Sommer wollte der ORF mit nachhaltiger Willensbekundung die Stücke „Auf der Flucht“ von Daniel Kehlmann und mein Stück „Fremdenzimmer“, die derzeit am Theater in der Josefstadt gespielt werden, aufzeichnen. Beide Stücke handeln von Flüchtlingen. Am Ende des Sommers wurde mit der Begründung, es gebe für diese Stücke „keinen Raum im Programm“ die Aufzeichnung abgesagt. Das kann von ein paar Feiglingen ausgegangen sein, die sich im Geiste der neuen Herren verhielten, oder wir sind einfach nicht gut genug für die qualitativ so besonders hochstehenden Maßstäbe des ORF.
Am Ende des Sommers habe ich damit begonnen, ein neues Theaterstück zu schreiben. Ich erzähle Ihnen kurz den Plot des Stückes: Ein Bundeskanzler, sein Name tut nichts zur Sache, er agiert im Hintergrund und tritt nicht persönlich auf, wünscht sich vom Chef des Aufsichtsrates einer großen Tageszeitung die Entfernung des liberalen Chefredakteurs. Der Aufsichtsrat heißt Hames, der Chefredakteur Eder. Die Nachricht von der bevorstehenden Entlassung des Chefredakteurs verbreitet sich wie ein Wirbelsturm in der Stadt. Etliche Vertreter einer kritischen Öffentlichkeit sind bereit, ihm beizustehen. Am nächsten Tag steht in der betreffenden Zeitung, daß der Chefredakteur seinen Posten an eine rechtsstehende Kollegin abgetreten hat. Dafür werde er Herausgeber und sei mit allem einverstanden. So schaut’s aus in Österreich, natürlich nur am Theater.
Wir alle haben Verpflichtungen, die unseren Mut in Grenzen halten: Wir wollen unseren Job nicht verlieren, wir müssen Kinder versorgen, wir müssen die Kreditraten zurückzahlen. Aber es gibt Zeiten wie diese, in denen wir einfach versuchen müssen, die Grenzen unseres Mutes etwas zu erweitern. Zu viel verschluckte Luft schadet der Demokratie.
Das Schöne, das ich zu berichten habe, kommt zum Ende dieser Rede, welches unmittelbar bevorsteht. Bei meiner sommerlichen Erkundung des Landes bin ich auf außergewöhnliche Menschen gestoßen: Auf junge Gewerkschafter, die von Feld zu Feld gezogen sind und versucht haben, die Erntehelfer über ihre Rechte aufzuklären. Menschen, vorwiegend Frauen, die Flüchtlingen halfen und dies als Bereicherung ihres Lebens bezeichneten. Junge Leute von der Caritas, vorwiegend Frauen, welche Flüchtlinge bei ihren Amtswegen begleiteten und ihnen bei vielen Alltagsdingen halfen, ehrenamtlich. Und selbst ein gestandener Gewerkschafter, Herr Muchitsch, bezeichnete die Verhältnisse am Bau als das, was sie sind: „Menschenhandel“. Solche klaren Worte lassen für die Zukunft hoffen.
Und noch eine Hoffnung habe ich: Spätestens dann, wenn die Straches dieser Welt im Altersheim liegen und jemanden brauchen, der ihnen den Hintern auswischt, werden sie merken, wie segensreich Zuwanderung ist.
Ich danke Ihnen fürs Zuhören!

Namen im Wandel der Zeit

Waldtraut & Kurt / Inge & Georg / Kurt & Anni
Brigitte & Heinrich / Claudia & Alfred / Susi / Marianne & Meinrad / Thomas & Hanni / Lilli & Harri / Chrissi & Klaus
Christiane & Gerold / Birgit & Christian / Christoph & Eva-Maria / Maximilian / Nikolaus
Anton / Charlotte / Mariella / Constantin

Mindestsicherung

Aus aktuellem Anlass haben Wissenschafter/innen verschiedener österreichischer Universitäten eine Erklärung zur Mindestsicherung verfasst:

Die Mindestsicherung ist ein wichtiger Teil des sozialen Netzes in Österreich, der soziale Ausgrenzung vermeiden und Menschen vor tiefer Armut bewahren soll. Sie dient der Linderung von Notlagen, in denen Menschen keine anderen Möglichkeiten zur Sicherung ihres Lebensunterhalts haben oder ihr Einkommen – oft auch trotz Erwerbstätigkeit – unter einer bestimmten Grenze liegt. Eine Inanspruchnahme ist mit umfangreichen Prüfungen und der Offenlegung der gesamten Lebens- und Einkommenssituation verbunden.

Das Anrecht auf diese Unterstützung auf Mindestniveau ist unabhängig von bisherigen eigenen Beiträgen zur Sozialversicherung. Denn die meist vorübergehend bezogene Mindestsicherung ist keine Versicherungsleistung, sondern soll als unterstes Auffangnetz notleidenden Menschen ein Leben in Würde ermöglichen. Sie orientiert sich also am Bedarfsprinzip: Was braucht ein Mensch heute in unserer Kultur zum (Über)Leben. Einen Anspruch darauf hat man, weil man ein Mensch ist, und nicht, weil man vorher etwas beigetragen hat. So soll auch verhindert werden, dass Personen, die am Arbeitsmarkt keine Chance haben, letztlich zu menschenunwürdigen und gesellschaftlich unerwünschten Auswegen gezwungen sind, wie etwa Betteln, Prostitution oder Ladendiebstahl.

Wachsende soziale Ungleichheiten und steigende Armut sind daher nicht nur aus der Sicht der Betroffenen höchst problematisch. Sie ziehen Folgekosten nach sich und gefährden den sozialen Frieden und den Zusammenhalt der Gesellschaft insgesamt. Studien zeigen, dass von einer gerechten Verteilung der Chancen und Ressourcen alle in der Gesellschaft profitieren – sogar die Reichen.

Die Mindestsicherung ist kein Polster zum Ausruhen, sondern deckt schon jetzt nur die notwendigsten Bedürfnisse und kann Armut nicht wirklich vermeiden. Studien zeigen, dass es MindestsicherungsbezieherInnen gesundheitlich schlechter geht und dass sie überdurchschnittlich oft in schlechten Wohnverhältnissen leben. Betroffene Kinder erleben in vielen Bereichen – in der Schule, in der Freizeit – soziale Ausgrenzung. Wichtig wäre es, die Mindestsicherung so auszubauen, dass Kinderarmut und Gesundheitsgefährdung vermieden werden.

Die Ausgaben für die Mindestsicherung machten 2017 insgesamt 977 Millionen Euro und somit insgesamt weniger als ein Hundertstel der Sozialausgaben Österreichs aus. In Wien erhielten 2016 knapp 40.000 Haushalte mit Mindestsicherung weniger als 500 Euro im Monat, während nur 40 Haushalte 2.500 Euro oder mehr bezogen. 70,5 Prozent aller MindestsicherungsbezieherInnen sind sogenannte „Aufstocker“, d.h. ihr Erwerbseinkommen, ihre Pension, ihr Arbeitslosengeld oder ihre Notstandshilfe reicht nicht aus und wird auf einen Mindestsatz aufgestockt. Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt: bei den Kürzungen geht es für den Staat nur um wenig Geld – aber den Notleidenden fehlt jeder Euro.

Die Regierung erweckt den Eindruck, insbesondere bei Zugewanderten und Asylberechtigten einsparen zu wollen. Treffen werden die geplanten – und wie die jüngsten Entscheidungen des VfGH und des EuGH zeigen: auch rechtlich sehr fragwürdigen – Kürzungen aber insbesondere kranke Menschen, Menschen mit Behinderungen, PensionistInnen, Kinder sowie Erwerbstätige, deren Einkommen oder Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung nicht zu einem menschenwürdigen Leben ausreichen. Zugewanderten gebührt die Unterstützung nach dem Bedarfsprinzip selbstverständlich in gleicher Weise. Notlagen ergeben sich für sie auch daraus, dass sie häufig benachteiligt und stärker armutsgefährdet sind.

Durch diese Kürzungen wird aber letztlich auch der Druck auf die (noch) in Beschäftigung Stehenden verstärkt, weil sie Gefahr laufen, ihre Arbeitsplätze an Personen zu verlieren, die diese Tätigkeiten auch zu schlechteren Bedingungen annehmen müssen, weil sie sonst keine Absicherung mehr haben. Statt diesen Druck weiter zu erhöhen, sollte für mehr und sichere Arbeitsplätze sowie für höhere Erwerbseinkommen gesorgt werden. Auch Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten sollte man Möglichkeiten bieten, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, anstatt ihnen die Mittel zum Überleben zu entziehen.

Wien, St. Pölten, Linz und Salzburg am 29. 11. 2019
Mag.a Dr.in Carina Altreiter (Universität Wien)
Ao. Univ.-Prof. Dr. Wilfried Altzinger (Wirtschaftsuniversität Wien)
Univ.-Prof. Dr. Ulrich Brand (Universität Wien)
A.o. Univ.-Prof. DDr. Nikolaus Dimmel (Universität Salzburg)
Univ.-Prof. Dr. Jörg Flecker (Universität Wien)
Ao. Univ.-Prof.in Dr.in Karin Heitzmann (Wirtschaftsuniversität Wien)
Univ.-Prof. Dr. Bernhard Kittel (Universität Wien)
Priv.-Doz. Dr.in Bettina Leibetseder (Johannes Kepler Universität Linz)
Univ.-Prof. Dr. Walter Pfeil (Universität Salzburg)
Ao. Univ.-Prof. Dr. Christoph Reinprecht (Universität Wien)
Ass. Prof.in Dr.in Christine Stelzer-Orthofer (Johannes Kepler Universität Linz)
Prof. (FH) Dr. Tom Schmid (Fachhochschule St. Pölten)

Das Unwesen der „Kodaker“

Das Unwesen der „Kodaker“ (Simon Hadler, orf.at)
Unanständiges war damals wie heute allgegenwärtig, damals jedoch gab es noch gestandene Sittenwächter, die sich im Kampf für die Moral aufrieben – die Nudidätenschnüffler (gestrichen 1934). Pornobildchen verbreiteten sich schließlich rasch, seit die „Kodaker“ (gestrichen 1928) ihr Unwesen trieben. So wurden Amateur-, aber auch Profifotografen bezeichnet, die ab den 1880er Jahren eine der ersten kompakten Kodak-Kameras mit Rollfilm verwendeten, die jederzeit und überall rasch einsetzbar waren.
Ähnlich wie heute das Verschwinden der Privatsphäre durch Instagram und Facebook beklagt wird, weil jede und jeder allerorten Selfies macht und ins Netz stellt, kritisierte man damals die „Kodaker“. Graf hat ein schönes Zitat von Otto von Bismarck aus den 1890er Jahren über die ersten Paparazzi ausgegraben: „Man ist jetzt gar nicht mehr sicher, die Kerle lauern einem überall auf mit ihren Knipsapparaten. Man weiß nie, ob man fotografiert oder erschossen wird.“

The Grammys have revoked an award only once

The Grammys have revoked an award only once (Andrew R. Chow @ nytimes)
That happened 28 years ago today, after the German duo Milli Vanilli confessed that they hadn‘t actually sung on their debut album. They also admitted to lip-syncing at their many shows, and blamed their producer for putting them up to it. The scandal cost them the 1989 Grammy for Best New Artist — and their careers. Since then, Milli Vanilli has become pop culture shorthand for fraud. Last month, Nicki Minaj referred to the group in a thinly veiled shot at Cardi B, her rival. But the discussion around authenticity has shifted as well. Cardi B and Kanye West openly acknowledge receiving help with their lyrics, while Mariah Carey and Garth Brooks have survived high-profile lip-sync blunders. In an era of C.G.I and android pop stars, the truth behind art is almost beside the point.
We’ll never know if Milli Vanilli was actually years ahead of its time.

otium / precrastination / Metonymie / Netizen / Mononym

otium
Muße, Ruhe und Frieden, Freizeit, Privatleben, literarische Beschäftigung
the joy of being in control of one‘s own time (tim lomas)

precrastination

– the fierce urgency of now.
– precrastinate = to undertake difficult tasks as soon as possible, in order to get them out of the way
– the completion of a task too quickly or too early, when taking more time would result in a better outcome

Metonymie 
Die Metonymie (von altgriechisch metonymía „Vertauschung des Namens, das Setzen eines Wortes für das andere“; im Lateinischen als Fremdwort metonymia bzw. rein lateinisch immutatio, denominatio oder transnominatio) ist eine rhetorische Stilfigur, bei der ein sprachlicher Ausdruck nicht in seiner eigentlichen wörtlichen Bedeutung, sondern in einem nichtwörtlichen, übertragenen Sinn gebraucht wird: Zwischen der wörtlich und im übertragenen Sinn bezeichneten Sache besteht dann eine Beziehung der Kontiguität, das heißt der Nachbarschaft oder realen sachlichen Zusammengehörigkeit (proximitas).
Nach der Art der Kontiguitätsbeziehung werden herkömmlich besonders die folgenden Unterarten der Metonymie unterschieden:
Ursache steht für Wirkung, zum Beispiel der Erzeuger für Erzeugnis (ein BMW für ein Kraftfahrzeug dieses Herstellers), der Name des Autors für sein Werk (Schiller lesen), oder umgekehrt die Wirkung für die Ursache (Krach für Streit)
Rohstoff steht für das daraus Erzeugte (das Eisen für das Schwert als aus Eisen geschmiedete Waffe, ein Glas trinken)
der Ort für das dort Befindliche (Afrika hungert: einige bzw. viele Einwohner Afrikas, Brüssel entscheidet: die Institutionen der EU, der Saal applaudiert: das Publikum), oder die Epoche für die darin lebenden Personen (das Mittelalter glaubte)
Besitzer für das Besitztum, Befehlshaber für die Ausführenden (Hannibal erobert Rom)

Netizen
Netizen ist eine Bezeichnung für „Bewohner“ des Internets und setzt sich aus den englischen Begriffen „net“ als Kurzform für Internet und „citizen“ zusammen. Zunehmend wird auch der eingedeutschte Begriff Netzbürger verwendet.

Mononym
Ein Mononym ist ein einnamiger Personenname im Gegensatz zu mehrnamigen, etwa aus Vor- und Nachname bestehenden Namen. Gelegentlich wählt der Träger eines mehrteiligen Namens selbst ein Mononym, in manchen Zeiten und Kulturen ist Mononymie auch traditionell, beispielsweise sind javanische Namen traditionell mononym. So ist es bei südamerikanischen Fußballspielern häufig, dass sie unter einem Mononym auftreten und der eigentliche Namen gegenüber dem Mononym ganz in den Hintergrund tritt, zum Beispiel bei Ronaldo, Robinho, Ronaldinho und Kaká.

rosa war mal Jungensache (sz) – danke an Sundee

Rosa war mal Jungensache (sz) – danke an Sundee
Bestimmt gibt es Jungen, die gerne etwas in Rosa anziehen würden. Aber wenn sie das tun, dann werden sie ziemlich sicher ausgelacht. Rosa ist doch eine Farbe für Mädchen, heißt es dann. Und für Jungs? Ja, für die gibt es Blau.
Aber warum mögen viele Mädchen eigentlich so gerne Rosa? Das weiß niemand so genau. Angeboren ist es bestimmt nicht. Und auch nicht unumstößlich. Schließlich war vor hundert Jahren Rosa die Farbe der Jungs. Echt wahr.
Als die belgische Prinzessin Astrid im Jahr 1927 ihr Kind erwartete, war sie sich sicher, dass es ein Sohn werden würde. Deshalb dekorierte sie die Wiege „in der Jungenfarbe Rosa“. Rosa galt nämlich damals als „das kleine Rot“. Und Rot stand für Blut und Kampf – und damit für Männlichkeit.
Im Jahr 1918 schrieb eine amerikanische Frauen¬zeitschrift: Rosa sei nun mal „die kräftigere und damit für Jungen geeignete Farbe“. Die Mädchenfarbe damals war dagegen Blau. Denn auf alten Bildern in der Kirche trägt die Jungfrau Maria ganz häufig Blau. Also war Hellblau, „das kleine Blau“, für die Mädchen vorgesehen. Erst später änderte sich diese Sicht.
Vielleicht lag es an den Blue Jeans, die aufkamen und von Männern getragen wurden. Oder an den blauen Arbeitsanzügen oder den dunklen Marineuniformen. Blau wurde plötzlich zur Männerfarbe. So ist es bis heute geblieben. Und wahrscheinlich finden kleine Jungs so lange Blau toll, und kleine Mädchen so lange Rosa, bis sich die Modewelt wieder etwas anderes ausdenkt.

Viennale 2018

Aquarela (08.11.2018)
A stunning documentary that might perform well at the box-office and should be definitely seen on a big screen with appropriate sound system. It was shot in 96 frames per second, “because the rain could be seen as separate drops of water, so it was clear that this was the right speed for water” (Victor Kossakovsky). Siberia, Greenland, the Atlantic Ocean or Venezuela are some of the locations the director picked to show the beauty and the power of water in any shape and conceivable color. There is no voice-over and no plot.
In AQUARELA human presence is mostly relegated to insignificance, but nonetheless the audience experiences a wide range of emotions from ecstasy to fear. Water is, of course, a source of life, but the movie depicts more often its force of destruction. At the beginning, while showing how a car is pulled out of the frozen waters of Lake Baikal, the camera catches another car in the distance cracking through the ice. A certain sense of danger keeps lingering throughout the film despite all the gorgeous imagery. (Ferdinand Keller)

Blaze (07.11.2018)
Ethan Hawke’s BLAZE is a lyrical, meandering portrait of a life that was short and raucous. Recounting the story of hard-living, larger-than-life country musician Blaze Foley – a.k.a. Michael Fuller, a.k.a. Deputy Dawg – BLAZE is a film full of memories and memories-within-memories. Through a vivid lead performance by newcomer Ben Dickey, the film tracks the legendary singer’s path through back roads and honky-tonks with plenty of Blaze’s own characteristic blend of dirty jokes, tall tales, and country-and-western folklore along the way. And then there’s the songs: uncannily performed by Dickey as well as Texas musician Charlie Sexton – who inhabits the ghostly persona of another doomed country great: Townes Van Zandt – the film’s soundtrack spin its own yarns of regret and heartbreak. Central to these Blaze’s bittersweet romance with Sybil Rosen (Arrested Development’s Alia Shawkat), who follows him from a small shack in the idyllic Texas wilds to seek fame along the slow road to Austin. Co-written by Hawke and Rosen herself, BLAZE is a tender and melancholy rumination on that classic dilemma of country music: the choice between home and the road. (Leo Goldsmith)

Leave no trace (07.11.2018)
Will, a psychologically fragile Iraq War veteran, lives in the woods of Oregon with his teenage daughter Tom. They are neither homeless nor criminal; like others nearby, they have chosen to live apart from society. But when government rangers force Tom and Will out, they must try to adapt to civilisation and community. LEAVE NO TRACE is the third fiction feature by Debra Granik and, like DOWN TO THE BONE and WINTER’S BONE, it takes an observational, realist approach to an intriguing, marginal aspect of contemporary American life. Its characters are not militant right-wing survivalists shooting guns; they are ordinary, damaged people helping each other to cope. The social workers who intervene by relocating Will and Tom are benevolent; but to live in society means for Will to “eat their food, do their work” – to conform, crushing his freedom. Superbly acted by Foster and McKenzie, and rigorously eschewing any sensationalist possibilities (there is no sex or violence here), LEAVE NO TRACE eventually zeroes in on a universal human drama: the bond between father and daughter, which must ultimately arrive to the painful crossroad of separation, Tom wanting to think and act independently. (Adrian Martin)

Beautiful Things by Giorgio Ferrero (06.11.2018)
Eine hybride Filmfuge, die den exzessiven Hyperkonsum auf diesem überhitzten Planeten über vier Individuen umkreist, die an verschiedenen Stellen der globalen Verwertungsketten auf paradoxe Weise insuläre, ja mönchische Pole inmitten des rasenden Stillstandes markieren. Die Stimmen des Ölarbeiters, des Schiffsingenieurs, des philosophierenden Industrieakustikers im echofreien Studio und des Verbrennungstechnikers mit einer Vergangenheit im Glücksspielgewerbe verbinden sich zum Libretto einer zeitgenössischen Doku-Oper. Am Ende dann ein ratlos-virtuoser Paartanz in der Shopping Mall. In genau diesem Gebäude, räumt Regisseur und Komponist Ferrero ein, erledige er seine eigenen Einkäufe. (Stephan Settele)

il dio, gli dei / la dea, le dee

dèi: perché gli dèi e non i dèi? (corriere della sera)
Diciamo i deboli, i devoti, i deserti; ma perché allora gli dèi e non i dèi?
C’è nella nostra lingua la forma Iddio nata anticamente da il Dio, dove l’articolo s’è fuso col nome. La parola si scriveva anche con la i minuscola quando riferita alle divinità pagane: iddio con plurale iddíi e anche iddei. Di queste varie forme, solo Iddio con la maiuscola è ancora vivo nell’uso comune.
Tutto questo spiega la ragione dell’articolo gli anziché i davanti a dei: perché anticamente la parola era iddei: dunque gli iddei, come gli ideali, gli idranti, gli idiomi eccetera (vedi alla voce il oppure lo?). Ma caduto il gruppo iniziale id, l’articolo gli ha pensato bene di rimanere abusivamente al suo posto e non cederlo ad un i che sarebbe grammaticalmente più corretto. Ennesima dimostrazione che la lingua non la fanno i grammatici ma l’uso (e a volte il sopruso).

dio / dea (treccani)
Il femminile di dio è dea. A differenza del maschile (dal latino deum), il femminile – molto meno frequente nell’uso – è rimasto uguale alla base etimologica (latino deam).
Il plurale è per il maschile gli dei (non i dei), per il femminile le dee
gli dei dell’Olimpo, le dee dell’antica Grecia
Di solito il maiuscolo si usa soltanto in riferimento alle religioni monoteistiche; perciò dea viene sempre scritto minuscolo
il Dio di Giacobbe, il dio Marte, la dea Atena.

Upholder (Gretchen Rubin)

Upholders respond readily to outer and inner expectations. They wake up and think: “What’s on the schedule and the to-do list for today?” They want to know what’s expected of them, and to meet those expectations. They avoid making mistakes or letting people down—including themselves. Others can rely on Upholders, and Upholders can rely on themselves. They’re self-directed and have little trouble meeting commitments, keeping resolutions, or hitting deadlines (they often finish early). They generally want to understand the rules, and often they search for the rules beyond the rules—as in the case of art or ethics. Because Upholders feel a real obligation to meet their expectations for themselves, they have a strong instinct for self-preservation, and this helps protect them from burn-out. However, Upholders may struggle in situations where expectations aren’t clear. They may feel compelled to meet expectations, even ones that seem pointless. They may feel uneasy when they know they’re not observing the rules, even unnecessary rules, or when they’re asked to change plans at the last minute. Others may find them rigid. There’s a relentless quality to Upholder-ness, which can be tiring both to Upholders and the people around them. Upholders embrace habits, and form them fairly easily, because they find habits gratifying. The fact that even habit-loving Upholders must struggle to foster good habits shows how challenging it is to shape our habits.

GOODGOODs

Die Initiative GOODGOODS hat es sich zum Ziel gesetzt, neue, nachhaltige Designprodukte für Leben & Haushalt mit sozialem Augenmerk und fairen Preisen unter einer eigenen Marke auf den Markt zu bringen.

Durch GOODGOODs werden praktische, nachhaltige Designprodukte, die von Menschen mit Lernschwierigkeiten oder körperlicher Beeinträchtigung gefertigt werden, unter eigener Marke auf den internationalen Markt gebracht. Die Initiative vernetzt Designer mit Werkstätten in denen Menschen mit Behinderungen arbeiten und gibt den Anstoß für neue Produkte. Die Marke wird Qualitätssiegel für Produkte aus sozial nachhaltigen Betrieben und der gemeinsamen Vertriebsplattform. Die Designer entwerfen einfache, nutzbringende Produkte für Leben und Haushalt. In den Werkstätten werden diese gefertigt, über die Plattform wird vertrieben und für die nötige Aufmerksamkeit gesorgt. Dabei geht es um den Wert der geleisteten Arbeit in den Werkstätten, den Stolz auf handwerkliche Qualitätsprodukte und für den Konsumenten um die Möglichkeit, durch deren Konsum, soziale Verantwortung zu übernehmen.

Qualitative, sinnvolle, handgefertigte Produkte mit hohem Designanspruch zu fairen Preisen, ohne Mitleid… so die Intention von GOODGOODS

Das Buchstabieralphabet

Die Geschichte des Buchstabieralphabets (duden.de)
1890 wurden im Berliner Telefonbuch den Buchstaben ganz einfach Zahlen zugeordnet. Den Namen Abel buchstabierte man beispielsweise: eins, zwei, fünf, zwölf. Das war doch nicht so ganz einfach und daher führte man 1903 Kennwörter für Buchstaben ein. Das klappte besser. Abel buchstabierte man nun: Albert, Berta, Emil, Ludwig.
Insgesamt lautete die Buchstabiertafel: Albert, Ärger, Berta, Cäsar, David, Emil, Friedrich, Gustav, Heinrich, Isidor, Jacob, Karl, Ludwig, Marie, Nathan, Otto, Ökonom, Paul, Quelle, Richard, Samuel, Theodor, Ulrich, Überfluss, Viktor, Wilhelm, Xanthippe, Ypsilon, Zacharias.
Kleine Änderungen nahm man in Deutschland 1926 vor, erhebliche Änderungen gab es dann aber 1934. Unter nationalsozialistischer Herrschaft waren da besonders biblische Namen betroffen, die als jüdisch aufgefasst und daher „arisiert“ wurden. So wurde aus David Dora, aus Jacob Jot, aus Nathan Nordpol, aus Samuel Siegfried und aus Zacharias Zeppelin. Übrigens hat u. a. auch Ypsilon für „y“ nicht überlebt, hier hielt man damals Ypern anscheinend für angemessener – der Name der westflandrischen Stadt, bei der deutsche Truppen am 22.4.1915 zum ersten Mal in großem Umfang Giftgas eingesetzt hatten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Deutschland nur zwei der biblischen Namen restituiert: Samuel und Zacharias. David, Nathan und Jakob fehlen weiterhin in der Buchstabiertafel. (Immerhin hat Ypsilon wieder Ypern verdrängt.) In Österreich wurde kein einziger der biblischen Namen wieder in die Buchstabiertafel aufgenommen.

Das Buchstabieralphabet (D/A)
A wie Anton, Ä wie Ärger, B wie Berta, C wie Cäsar, Ch wie Charlotte, Christine2, D wie Dora, E wie Emil, F wie Friedrich, G wie Gustav, H wie Heinrich, I wie Ida, J wie Julius, K wie Kaufmann, Konrad2, L wie Ludwig, M wie Martha, N wie Nordpol, Norbert2, O wie Otto, Ö wie Ökonom, Österreich2, P wie Paula, Q wie Quelle, R wie Richard, S wie Samuel, Siegfried2, Sch wie Schule, T wie Theodor, U wie Ulrich, Ü wie Übermut, Übel2, V wie Viktor, W wie Wilhelm, X wie Xanthippe, Xaver 2, Y wie Ypsilon, Z wie Zacharias
2 = in Österreich

Jörg Maurer – Alpenkrimis

Jörg Maurer – Alpenkrimis (Kommissar Jennerwein ermittelt) – Reihenfolge:
1. Föhnlage (2009)
2. Hochsaison (2010)
3. Niedertracht (2011)
4. Oberwasser (2012)
5. Unterholz (2013)
6. Felsenfest (2014)
7. Der Tod greift nicht daneben (2015)
8. Schwindelfrei ist nur der Tod (2015)
9. Im Grab schaust du nach oben (2017)
10. Am Abgrund lässt man gern den Vortritt (2018)
11. Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt (2018)
12. Am Tatort bleibt man ungern liegen (2019)

Resilienz

Resilienz bedeutet Widerstandsfähigkeit – körperliche und psychische. Sie ermöglicht Menschen, Lebenskrisen zu bewältigen, Dauerstress zu ertragen, Krankheiten zu überwinden, physische Gewalt zu verdauen, den Verlust von nahestehenden Menschen zu ertragen und die Belastungen des Alltags in den verschiedenen Lebensrollen auszuhalten.

Das ist ein glücklicher Moment

„Das ist ein glücklicher Moment.“
Dieses Mantra ist eine kleine Erinnerung an uns selbst und an andere, uns öfter auf den Augenblick zu konzentrieren. Außerdem ist es eine Botschaft der Liebe an diejenigen, die in diesem Moment mit uns zusammen sind. Dabei muss ein Augenblick nicht einmal besonders schön oder außergewöhnlich sein, um dieses Mantra zu sagen – denn jeder Augenblick hat seine schönen und glücklichen Seiten, und das können wir uns selbst nicht oft genug bewusst machen.

Antonello Venditti all’Arena di Verona

Domenica 23 settembre 2018 alle ore 21.00 concerto di Antonello Venditti all’Arena di Verona, dove il cantautore romano fa tappa col nuovo tour „Sotto il segno dei pesci 1978 – 2018“.
Sono passati 40 anni da quando Antonello Venditti pubblicava “Sotto il Segno dei Pesci”.
Questa manciata di canzoni di Antonello, ben prodotte da Michelangelo Romano e con una copertina firmata da Mario Convertino essenziale e iconica, escono l’8 marzo 1978 in un momento sociale di tensioni fortissime e in cui la speranza, la voglia di cambiamento sono enormi.
È la stessa necessità che vive il trentenne che ha appena lasciato alle spalle la casa-madre artistica, la RCA, ed è alla ricerca di un suono e di temi che gli diano un nuovo slancio. Antonello prende ispirazione dall’Italia che vede intorno a lui. E’ un disco personale e generazionale insieme.
«È stata la mia svolta musicale, poetica. Il mio disco più importante, in cui c’erano tutti i miei temi: la politica e i suoi riflessi sulle persone (Sotto il Segno dei Pesci), la comunicazione (Il Telegiornale), il viaggio dentro e fuor di metafora di Bomba O Non Bomba, la droga (Chen il Cinese), la tenerezza per Sara (che non si è mai sposata, ma ha avuto tre figli…), l’amicizia con De Gregori (Scusa Francesco). In fondo, sono temi ancora attuali.
Suonare a 40 anni di distanza l’album per intero, cosa che non ho mai fatto, ha un significato speciale per me. Per l’occasione ho chiamato anche i musicisti di allora. Lo inserirò al centro di 45 anni di canzoni e condividerò il palco con alcuni ospiti» afferma Antonello Venditti.
Nato a Roma, Antonello Venditti è uno dei cantautori italiani più amati dal pubblico che dal 1972, anno del suo debutto discografico, ha condensato nel suo repertorio canzoni d’amore e d’impegno sociale. I successi si susseguono uno dietro l’altro: da „Roma“, una dichiarazione d’amore alla sua città a „In questo mondo di ladri“, da „Benvenuti in paradiso“ a „Prendilo tu questo frutto amaro“, da „Antonello nel paese delle meraviglie“ a „Ho fatto un sogno (e l’ho chiamato Roma)“, inno composto insieme ad Ennio Morricone. Nel 1999 arriva un nuovo album di studio, „Goodbye Novecento“, mentre nel 2000 e nel 2001 escono rispettivamente la raccolta „Se l’amore è amore“. Del 2003 è „Che fantastica storia è la vita“, a cui seguono „Dalla pelle al cuore“ e l’ultimo „Unica“.

„In Bomba o non bomba del 1978 ho previsto tutto: anche l’arrivo di Matteo Renzi“ 
Antonello Venditti ha scelto l’Arena di Verona, ieri sera, per festeggiare i 40 anni dalla pubblicazione di Sotto il segno dei pesci, uscito l’8 marzo del 1978
„Ho sognato molto questa serata, ed è più bello di quanto potessi immaginare“. Antonello Venditti ha scelto l’Arena di Verona, ieri sera, per festeggiare i 40 anni dalla pubblicazione di Sotto il segno dei pesci, uscito l’8 marzo del 1978, in un momento storico di forti tensioni, ma che allo stesso tempo esprimeva una grande voglia di cambiamento.
„E‘ stato il mio disco più importante, quello in cui c’erano tutti i miei temi: la politica, l’amore, la droga. Un disco che è ancora attuale e che evidenzia anche doti di profezia. Bomba o non bomba, ad esempio, è la fotografia di Matteo Renzi“, spiega il cantautore romano, citando il verso: „A Firenze dormimmo e un intellettuale, la faccia giusta e tutto quanto il resto, ci disse ‚No, compagni, amici, io disapprovo il passo, manca l’analisi e poi non c’ho l’elmetto“.
Un concerto „drammaticamente imperfetto“, come lo ha definito lui stesso, tra problemi tecnici, collegamenti tv (con Che Tempo Che Fa e Totti in studio) difficili da gestire, scalette tagliate e modificate in corso d’opera (5 i brani saltati, tra cui il gran finale di Grazie Roma) per tentare di rimettere in riga uno show durato oltre 3 ore e mezzo, tra musica e parole (tante) e durante il quale, ospiti d’onore, sono arrivati a duettare con lui anche Francesco De Gregori ed Ermal Meta. „La pace con De Gregori? In realtà, non è mai successo niente. Sono gli altri che avevano bisogno di contrapporci, come con Bartali e Coppi, come con i Beatles e i Rolling Stones“.
Prossimo appuntamento con la festa di Sotto il segno dei Pesci a Roma il 21 e 22 dicembre, in attesa di un nuovo disco per la fine del 2019.

Scaletta Antonello Venditti

Scaletta Antonello Venditti @ Arena di Verona, 23.09.2018
Raggio di luna
Il compleanno di Cristina
21 modi per dirti ti amo
Giulio Cesare (con dedica nel testo a Francesco Totti, collegamento in diretta televisiva con “Che tempo Che Fa”)
Piero e Cinzia
Non so dirti quando
Marta
Lilly
Compagno di scuola
Ci vorrebbe un amico
Notte prima degli esami
Sotto il segno dei pesci
Francesco
Bomba o non bomba (con Francesco De Gregori)
Chen il cinese
Sara
Il telegiornale
Giulia
L’uomo falco
Che fantastica storia è la vita (con Ermal Meta)
Caro Antonello (di Ermal Meta, con Ermal Meta)
Settembre
Alta marea
Sempre e per sempre (di Francesco De Gregori, con Francesco De Gregori)
Attila e la stella (con Francesco De Gregori)
Roma capoccia (con Francesco De Gregori)
Bis: Ricordati di me

Selfmade-Strategie als Farce

Thomas D. Trummer über den neuen Ikea-Katalog
Das Kapitel auf Seite 96 betitelt sich “Gesammelte Geschichten”. Das Bild daneben glänzt in einer Variation aus Spiegellicht, Anthrazit und Messing. Auf einer Holzvitrine sind allerlei Dinge drapiert: eine Schreibmaschine, bernsteinfarbene Kugelleuchten, Fotoapparate unter Glassturz, gestreckte Schnürstiefel, eine russische Puppe und zwei japanische. Darüber hängt ein Flügelhorn, mehrere Rahmen und Postkarten in einer der Ecken. Im Regal befinden sich blickdichte Apothekerflaschen, ein Fernstecher, lederne Schachteln und ein Ventilator aus Messing. Es sind Zeugnisse aus einer Welt, in der Sammlerlust und Entdeckergeist noch analog und beschwerlich waren. Doch die Relikte im Stile des 19. Jahrhunderts blitzen feinsäuberlich, sind entstaubt von Firnis und Geschichte. Sie sind ihre Nachahmung, und deshalb – wie Marx sagen würde – eine Farce. Erst auf der folgenden Seite, die das selbe Regal in Schräg- und Untersicht anbietet, wird klar, worum es geht. Um die Heimeligkeit rund um das neue Sofa “FÄRLÖV”, das um 759.-€ angeboten wird. Ikea flüchtet aus dem Alltag und bietet seinen in die Jahre gekommenen Kund/innen den Charme jener aristokratischen Bürgerlichkeit und gediegenen Übersättigung an, die sie durch Fichtenfurniere, Klappsessel und Billy einst so erfolgreich verdrängte.
Interessant ist, dass die konservative Wende von einer zweiten gedoppelt wird. Der deutsche Buchhandel reagierte prompt auf den jüngsten Katalog des schwedischen Möbelherstellers. Das Branchenmagazin “Buchreport” bemängelt, dass keine Bücher mehr in den Regalen stehen. In früheren Ausgaben wären noch “Pippi Langstrumpf” und andere Klassiker zu sehen gewesen, nun seien sie ausgeräumt. Das Buch im Interieur: perdu. Es sei, so heißt es, nur ein einziger lesender Mensch zu sehen, der wird jedoch von Büchern geradezu erschlagen. Tatsächlich liegt ein junger Mann auf einem Sofa. Neben ihm eine schlanke Lampe und gestapelte Lektüre. Sonst nichts. Keine Dinge im grauen Raum. Kein Bildschirm, kein Ipad, kein Wlan. Unschwer ist zu bemerken, dass der vollbärtige Studiosus unter seinem Buch eingenickt ist und dabei dem “Schlafenden Endymion” nachgebildet ist. Aber eine gute Schlagzeile gibt das Erschlagen-Werden immer noch ab. Und die braucht die Branche, immerhin hat man fast 20% der Kund/innen zwischen 2013 und 2017 verloren. Nicht an Ikea, aber an die digitale Welt und ihre neuen Medien. Das Motiv des grausigen Bibliophilentods, das der Buchhandel hier entdeckt, stammt – wie könnte es anders sein – aus der Literatur selbst. Der Roman “Howards End” spielt im selben Milieu wie neuerdings Ikea, nämlich im konservativ-verkrusteten viktorianischen England. Eine der Hauptfiguren wird in dem 1911 erschienenen Buch von einem Bücherregal erschlagen.
Bemerkenswerter als die kulturkonservative Besorgnis der Buchhändler scheint mir die Seite 253. Hier zeigen sich die Zeichen der Zeit. Das “ICH-STELL-DICH-ZUR-SCHAU-REGAL.” “IVAR” ist zwar noch in Kiefer und einfach zu bauen, mit insgesamt nur vier Regalböden und wenigen Schraublöchern. Aber sein Inhalt bringt die prekäre Gegenwart zur Kenntlichkeit. Nicht nur der Bücher, auch der Möbel. Im Bild ist ein Regal zu sehen, darin allerlei rosa eingefärbter Nippes. Daneben eine junge Frau in ähnlich farbigem Sweater. Der Schlick klebt der Schöpferin noch an den Händen. Sie hat die Dinge bravourös versiegelt. Die Selfmade-Strategie, das zweite Markenzeichen der Möbelfirma, ist im Zeitalter des Kopierens dennoch zur Farce verkümmert. Köpfe, Tiere, Kandelaber und Vasen sind aus dem 3D-Printer. Warum nicht auch das Regal, seine Schrauben und die Löcher?!

Die Zeit, die flieht / Meine Seele hat es eilig

Die Zeit, die flieht / Meine Seele hat es eilig. von Mario de Andrade und / oder Ricardo Gondim
Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt, dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe. 
Ich fühle mich wie dieses Kind, das eine Schachtel Bonbons gewonnen hat: die ersten essen sie mit Vergnügen, aber als es merkt, dass nur noch wenige übrig waren, begann es, sie wirklich zu genießen.
Ich habe keine Zeit für endlose Konferenzen, bei denen die Statuten, Regeln, Verfahren und internen Vorschriften besprochen werden, in dem Wissen, dass nichts erreicht wird.
Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen , die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.
Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.
Ich will nicht in Besprechungen sein, in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.
Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten. Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.
Meine Zeit ist zu kurz um Überschriften zu diskutieren. Ich will das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile. Ohne viele Süssigkeiten in der Packung.
Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind. Menschen, die über ihre Fehler lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden. Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen. Die die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten. Es ist das, was das Leben lebenswert macht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die es verstehen, die Herzen anderer zu berühren. Menschen, die durch die harten Schläge des Lebens lernten, durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.
Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig, mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.
Ich versuche, keine der Süßigkeiten, die mir noch bleiben, zu verschwenden. Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden, als die, die ich bereits gegessen habe.
Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen, in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.
Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eins hast.

il solleóne

il solleóne [comp. di sol(e) e leone ☼ av. 1336]
1 periodo compreso tra la seconda metà di luglio e la prima decade di agosto, quando il sole si trova nel segno zodiacale del Leone e il caldo è maggiore
2 (est.) estate torrida | grande caldo estivo SIN. canicola

Die Utopie des reinen Glücks

Dieter Richter im Interview: Die Utopie des reinen Glücks – brand eins online
Die Utopie des reinen Glücks – Im Süden liegt das Paradies – die Hölle aber auch. Ein Gespräch mit dem Literaturhistoriker Dieter Richter über die Hassliebe des Nordeuropäers zu einem alten Sehnsuchtsort.
brand eins: Herr Richter, wenn ein Reiseveranstalter mit der Aufforderung „Ab in den Süden“ wirbt, dann ist das wohl mehr als nur eine Himmelsrichtung?
Dieter Richter: Der Süden ist beides – eine geografische Richtung, auf der Landkarte unten, und eine Idee, ein Ort der Sehnsucht, des Traums, aber auch der lauernden Enttäuschung. Die Elemente dieser Traumlandschaft haben viel mit europäischer Kulturgeschichte zu tun. Die drei wichtigsten Pilgerziele im Mittelalter waren Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela; alle drei liegen im Süden. Diese Pilgerreisen waren organisierte Gruppenreisen.
Schon im 14. Jahrhundert entstand in Rom dafür eine touristische Infrastruktur. Im 17. Jahrhundert setzte die Grand Tour wohlhabender Engländer und anderer Nordeuropäer diese Reisebewegung fort. Seit dem Mittelalter hat sich auf diese Weise eine Reiseachse von Nord- nach Südeuropa herausgebildet. In der Renaissance lagen die führenden Universitäten in Italien. Wer etwas auf sich hielt, reiste dorthin.
Geht es bei diesem Traum nur um Kulturgeschichte oder auch um angenehme Temperaturen?
Das Wetter spielte für den Sehnsuchtsort Süden eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle. Zuvor war die Hauptreisezeit nach Italien lange der Winter gewesen. In historischen Baedeker-Ausgaben sieht man, dass die Hotelzimmer im Sommer billiger waren, heute ist es umgekehrt. Das Schönheitsideal der gebräunten Haut war vor einem Jahrhundert nur für wenige Künstler, Nudisten, Bohemiens erstrebenswert. Braune Haut galt als Zeichen körperlicher Arbeit im Freien, als proletarisch und nicht besonders attraktiv.
Dass Reisende den Süden im Sommer gemieden haben, hängt auch mit dem Res- pekt vor der Gewalt der Sonne zusammen, der heute verloren gegangen ist. Die deutsche Anbetung der südlichen Sonne ist also historisch relativ neu. Sehr viel früher gab es allerdings schon einmal Fantasien eines sinnlichen, von Zwängen befreiten Südens.
Haben Sie Beispiele?
In seinen naturwissenschaftlichen Betrachtungen schrieb der römische Historiker Plinius um 77 nach Christus, dass im afrikanischen Süden die Menschen und andere Lebewesen sexuell besonders aktiv seien und sich nicht nur so oft wie möglich mit ihresgleichen paarten, sondern „entweder durch Gewalt oder aus Wolllust“ auch mit anderen Arten.
Im 16. Jahrhundert, also im Zeitalter der überseeischen Entdeckungen, wurde die Vorstellung südlicher Liebesinseln zum literarischen Motiv. Bei Ariost landet ein christlicher Ritter auf solch einer Insel, die Frauen sind nur leicht bekleidet und wollen den Fremden verführen. Natürlich muss er als guter christlicher Europäer der Versuchung widerstehen. Bei Torquato Tasso, ebenfalls im 16. Jahrhundert, erreichen zwei Ritter auf ihrem Schiff eine Lust-Insel vor der Küste Nordafrikas: Es herrscht ewiger Frühling, die Blumen duften, die Vögel singen, die Tafel ist üppig gedeckt, nackte Mädchen laden die beiden Ritter ein, ein Garten heidnischer Erotik. Die christlichen Ritter fliehen vor dem teuflischen Zauber.
Zum Süden gehört seit alters die Konnotation des libertär Erotischen, sei es als Sehnsucht, sei es als Warnung vor Unmoral. Im 20. Jahrhundert wurde die Insel Capri zu solch einem utopischen Ort.
Inwiefern?
Um 1900 galt Capri als Mekka der Homosexuellen aus dem Norden. In Neapel bestaunte man im Archäologischen Nationalmuseum die Knaben- und Jünglingsfiguren, am Golf die halb nackten Fischer. Inseln sind eigene Orte, auf denen andere Dinge als auf dem Festland möglich sind.
Capri war die Liebesinsel, aber auch die Insel des Umsturzes, auf der führende Bolschewisten die Revolution in Russland vorbereiteten. Um die Jahrhundertwende propagierte hier der Rohkost-Apostel und Nudist Karl Wilhelm Diefenbach die freie Liebe und den Vegetarismus. In den Zwanzigerjahren entdeckten Intellektuelle wie Walter Benjamin oder Ernst Bloch auf Capri eine vormoderne, archaische Gesellschaft, das Gegenbild zur kapitalistischen Moderne. In den Dreißigerjahren wurde Capri zum Zufluchtsort jüdischer Emigranten. Die Insel war für ihre Besucher immer wieder Experimentierort einer neuen Welt.
Ist das mehr als eine Projektion?
Der Süden ist auch ein Ort der realen Erfahrung. Die Dialektik von Sehnsucht und Abwehr durchzieht das Verhältnis zum imaginierten und realen Süden. In der Antike war man davon überzeugt, dass in der Hitze des Äquators keine Menschen leben könnten. Deshalb waren die portugiesischen Seefahrer im 15. Jahrhundert sehr überrascht, als sie am Äquator grüne, fruchtbare Landschaften vorfanden. Die Menschen, die dort lebten, hatte man ursprünglich für von der Sonne schwarz gebrannte Teufel gehalten.
Lange herrschte die biblische Vorstellung von den drei menschlichen Rassen als den Söhnen Noahs. Die beiden wohlgeratenen Söhne und ihre Nachkommen besiedeln Asien und Europa, die Nachkommen des dritten Sohnes, des bösen, verruchten Ham, besiedeln Afrika. Das waren diffamierende, rassistische, auch angstbesetzte Bilder. Später wurden sie ambivalenter.
Als man in Europa den Osten noch nicht kannte, vermutete man dort, wo die Sonne aufgeht, das irdische Paradies. Als man die Region besser kennenlernte und mit ihr Handel trieb, verschoben sich europäische Paradies-Vorstellungen in den unbekannten Süden. Noch im heutigen Bild des Strandes als Inbegriff populärer Glücksvorstellungen reproduzieren sich solche Bilder eines südlichen Paradieses.
Wie das?
Der Strand erscheint als ein Ort frei von den Konventionen des gesellschaftlichen Lebens und seinen Hierarchien, alle können sich gleich fühlen (obwohl sie es keineswegs sind), verbunden in schöner (oder weniger schöner) Quasi-Nacktheit, ohne den Zwang zur Arbeit, nur dem Ziel des Genießens hingegeben. Auch die Trennung der Generationen scheint aufgehoben, Erwachsene spielen im Sand wie die Kinder, es scheint die Utopie des reinen Glücks, der Wiederkehr des Paradieses.
Und im Paradies scheint immer die Sonne?
Zur unzerstörbaren Wunschprojektion der Deutschen gehört der Süden als Ort des jederzeit schönen Wetters. Wie immer bei Projektionen droht die Enttäuschung, weil sich die Wirklichkeit nicht an solche Wunschbilder hält. Auf den Straßen in den Bergen über der Amalfi-Küste, südlich von Neapel, herrscht von Oktober bis März Schneeketten-Pflicht. Auch auf dem Vesuv liegt im Winter nicht selten Schnee. Im Süden kann es im Winter und im Frühjahr empfindlich kalt werden.
Es gibt in den Häusern praktisch keine Heizungen, ich habe niemals so gefroren wie im Süden. Die Idealisierung schlägt dann leicht ins Gegenteil um, gebiert Abwehr, Enttäuschung, gar Feindschaft. Ein ganzes Genre der Reiseliteratur gilt der Warnung vor dem Süden, in Klischees der faulen, betrügerischen, unzuverlässigen, hinterhältigen Italiener reproduzieren sich diese Warnungen immer wieder.
Haben Sie ein Beispiel?
„Italien wie es wirklich ist“, heißt das radikalste dieser Anti-Italien-Bücher, ver- fasst im Jahr 1834 von dem preußischen Assessor Gustav Nicolai. Gegen die „allgemein verbreitete Sucht, in Italien das Wonneland Europas zu finden“ berichtet er von seiner Italienreise: Das Wetter sei fürchterlich, das Essen schlecht, die Straßen seien schmutzig, die Hotelbetten voller Ungeziefer, die Wirte Betrüger und die Bettler unverschämt, das Land sei eine einzige Zumutung. Und schon im 13. Jahrhundert gab es die Klage eines deutschen Rom-Reisenden, die Stadt sei „ein recht verdammtes Loch“, in dem die Schätze der Welt verschwinden. Auch Goethe hat nicht nur die „Italienische Reise“ geschrieben, sondern auch die bitteren „Venezianischen Epigramme“, die kein antiitalienisches Klischee auslassen.
Die deutsche Sehnsucht nach dem italienischen Süden und die gleichzeitige Abwehr dessen haben nicht nur mit Idealisierung oder Ressentiment zu tun, sondern mit realen Erfahrungen.
Mit welchen zum Beispiel?
Was als leichte, lockere Lebensart erscheint, als Möglichkeit, sich freier zu bewegen, als „Großzügigkeit“ und „Spontaneität“ der Italiener, kann leicht ins Gegenteil umschlagen, etwa wenn Touristen berichten, sie seien übervorteilt worden, zum Beispiel wenn die Preise in Geschäften nach Laune und Sympathie, vielleicht auch nach dem Wetter gemacht werden. Die Kultur des Situativen ist für regelorientierte Nordeuropäer gewöhnungsbedürftig.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Wetter und Lebensweise?
Das vermutet man seit der Antike. Aristoteles glaubte, die Menschen im extremen Norden seien dumm, aber kräftig, die im Osten dagegen klug, aber schwach. Ideal für Kultur und Staatsverfassung sei dagegen das Klima in der mittleren, der gemäßigten Klimazone im Mittelmeerraum, also der Klimazone, in der er selbst lebte. Zwei Jahrtausende später, im 18. Jahrhundert, schrieb der französische Aufklärer Montesquieu, die „Völker der heißen Länder“ seien „furchtsam wie die Greise, die der kalten Länder mutig wie die jungen Leute“. Er entwickelte eine kulturanthropologische Klimatheorie und war davon überzeugt, dass „die Herrschaft des Klimas die erste unter allen Herrschaften“ sei.
Sind solche Zuschreibungen mehr als tendenziöse Projektionen?
Die Klimatheorie ist ohne Zweifel anfällig für Rassismus. Auch die Nationalsozialisten propagierten die Überlegenheit des „nordischen“ Menschen. Aber für die Aufklärer war die Klimatheorie im Kern der Versuch, mit Empirie statt wie früher mit religiösen Vorurteilen zu erklären, weshalb die Menschen auf der Erde unterschiedlich sind. Im Zeitalter der Globalisierung sind wir davon überzeugt, dass Klimata irrelevant seien für Kultur und Lebensweise der Bevölkerung. Auch der Begriff der Mentalität ist obsolet geworden. Stattdessen definieren wir Unterschiede fast ausschließlich anhand von Kategorien wie Bildung, Milieu oder Einkommen. Im 18. Jahrhundert war man da sensibler. Johann Gottfried Herder etwa bezog in seine Klimatheorie auch Faktoren wie die Landschaft, die Ernährungsweise, die Art der Arbeit oder den Tagesrhythmus der Menschen ein. Auch diese Lebensumstände prägen die Menschen, und natürlich hat das Folgen für Kultur und Mentalität. Uns ist diese Vorstellung vielleicht auch deshalb fremd geworden, weil wir uns meist in klimatisierten Räumen bewegen.
Ist das in Italien anders?
Im Prinzip nicht, aber mir fällt hier auf, dass, zumindest im ländlichen Süden, ein Wetterphänomen eine große Rolle spielt, das wir im Norden kaum thematisieren: die Winde und ihre unterschiedlichen Charaktere, die nicht nur das Wetter, sondern auch die Stimmung beeinflussen. Die Winde werden hier personifiziert, haben Namen, individuelle Eigenschaften, jeder kennt sie. Es gibt zum Beispiel die scharfe, beißende Tramontana aus dem Norden oder den feuchten, lähmenden Scirocco aus dem Süden, der roten Sand aus der Sahara bringt. Die Himmelsrichtungen werden unmittelbar erfahrbar durch die Winde.
Diese Aufmerksamkeit für die Winde ist Teil der Kultur von Seefahrervölkern. Welche Macht das Klima hat, bemerken wir Mitteleuropäer erst, wenn in Berlin oder Hamburg ein oder zwei Wochen lang Temperaturen von 35 Grad Celsius herrschen. In Italien nimmt die Organisation der Arbeit auf das Klima Rücksicht. Bestimmte Arbeiten kann man in der Mittagshitze nicht verrichten. So entstehen dann die deutschen Vorstellungen von faulen Italienern. Dabei ist die Jahresarbeitszeit in Italien deutlich höher als in Deutschland.
War der mediterrane Süden entgegen der Vermutung, er sei ein Antipode der kapitalistischen Moderne, historisch nicht gerade der Ausgangspunkt der Entwicklung zum modernen Kapitalismus?
Diese Entwicklung begann geografisch in den frühneuzeitlichen Stadtstaaten des nördlichen Italiens, also der Lombardei und der Toskana. Dort entstanden das moderne Bankwesen und die Frühform der modernen bürgerlichen Stadt. Das war nicht der mediterrane Süden, der beginnt geografisch erst südlich von Rom. Dessen historische Blütezeit war 300 Jahre früher, etwa zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert. Süditalien wurde im wirtschaftlichen und kulturellen Austausch mit der islamisch-orientalischen Welt zur Brücken- region, technische Errungenschaften wie der Kompass oder das Papier, Genuss- und Luxusgüter wie Zucker, Kaffee und „Südfrüchte“, aber auch medizinische, philosophische, mathematische Kenntnisse kamen über Süditalien ins nördliche Europa. Das waren Voraussetzungen für den späteren Aufstieg Europas.
Mit dem späten Mittelalter trat dann Süditalien, weitgehend die Mediterranee als Ganzes, in den Schatten der Weltgeschichte. —
Dieter Richter, 79, lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor für Kritische Literaturgeschichte an der Universität Bremen. Er lebt seit Jahrzehnten einen Teil des Jahres in Italien und hat zahlreiche Bücher über die Kulturgeschichte des Landes, insbesondere Neapels und seiner Umgebung, geschrieben. Sein Buch „Der Süden – Geschichte einer Himmelsrichtung“ ist ein Standardwerk. Zuletzt von ihm erschienen sind „Die Insel Capri – Ein Porträt“ und die Taschenbuchausgabe seines Buches „Vesuv – Geschichte eines Berges“ (alle im Wagenbach Verlag). Dieter Richter ist Ehrenbürger der Stadt Amalfi, 2008 wurde ihm der Verdienstorden der Italienischen Republik verliehen.

Was wäre, wenn … wir alle nur noch 20 Stunden arbeiteten? – brand eins online
Text: Christoph Koch (Juli 2018)

• In seinem Essay „Lob des Müßiggangs“ entwarf der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell bereits 1935 eine Welt, in der Menschen nur noch vier Stunden am Tag arbeiten. „Der Weg zu Glück und Wohlfahrt“, so schrieb er, liege „in einer organisierten Arbeitseinschränkung“. Aufgrund der fortschreitenden Technik genüge eine stark verkürzte Arbeitszeit, um jedem ein komfortables Auskommen zu sichern. Die frei werdende Zeit könnten die Menschen hehren Zielen widmen: Forschung, Malerei oder dem Schreiben. „Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung“, so Russell.
Rund 40 Prozent der Berufstätigen wollen weniger arbeiten. Das ergab eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Demnach wünschen sich vor allem Männer, die 40 Stunden und mehr arbeiten, eine Verkürzung – viele von ihnen auch bei geringerem Verdienst. 12 Prozent der Befragten hingegen wollen lieber eine längere Arbeitszeit. Vor allem Frauen, die 20 Stunden oder weniger arbeiten, wollen gern aufstocken.
Eine für alle geltende 20-Stunden-Woche hätte wohl auch positive Auswirkungen auf die Geschlechtergerechtigkeit: Frauen leisten fast doppelt so viel unbezahlte Arbeit im eigenen Haushalt wie Männer. Das ließe sich leichter ändern, wenn die Lohnarbeit zwischen Mann und Frau gerechter verteilt wäre.
Auch die Produktivität könnte steigen: Denn die als Parkinson’sches Gesetz bekannte und meist augenzwinkernd zitierte Regel besagt, dass „jede Arbeit sich genau in dem Maß ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht“. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Harris verbrachte im Jahr 2014 der durchschnittliche US-Angestellte in Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten nur 45 Prozent seiner Arbeitszeit mit seiner eigentlichen Tätigkeit. 55 Prozent der Zeit gingen nach Angaben der Befragten für endlose E-Mail-Ketten und unnötige Meetings drauf.
Dass eine 20-Stunden-Woche effizienter sein könnte, legen auch verschiedene Studien nahe: Wissenschaftler der Florida State University etwa zeigten, dass Spitzensportler und -musiker, Schach- und Schauspieler am besten sind, wenn sie in 90-Minuten-Einheiten mit Pausen dazwischen trainieren – aber insgesamt nicht mehr als viereinhalb Stunden pro Tag. Forscher der Universität Melbourne, die kürzlich die Arbeitsabläufe von 6500 Australiern miteinander verglichen, kamen zu dem Ergebnis, dass Über-40-Jährige ab 25 Wochenstunden an Leistungsfähigkeit einbüßen, da sie dann weniger aufmerksam und kreativ sind. Und ein Vergleich unter OECD-Mitgliedstaaten zeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen kürzeren Arbeitszeiten und höherer Produktivität (gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde) gibt.
Doch zu glauben, jede Arbeit ließe sich genauso gut in weniger Zeit erledigen, ist ebenso unrealistisch wie die Annahme, die 20-Stunden-Woche würde zu doppelt so vielen Beschäftigungsverhältnissen führen. Ökonomen sprechen von der „lump of labour fallacy“, dem Irrglauben einer gegebenen Menge an Arbeit. Denn zum einen ist die Arbeitsmenge nicht konstant. Zum anderen lässt sie sich nicht kostenlos umverteilen. Fixkosten sowie Aufwendungen für Anwerbung und Einarbeitung sorgen dafür, dass zwei Arbeitskräfte, die jeweils 20 Stunden arbeiten, teurer sind als eine, die 40 Stunden arbeitet.
Letztlich kommt es auf die Art der Beschäftigung an: Auf einer Pflegestation beispielsweise, wo eine kontinuierliche Betreuung gewährleistet sein muss, wird für jede Pflegekraft, die nur 20 statt 40 Stunden arbeitet, eine zweite nötig. In Kreativbranchen hingegen, in denen das Ergebnis relevanter ist als die aufgewendete Zeit, ist davon auszugehen, dass zwei 20-Stunden-Stellen dem Unternehmen mehr nutzen als ein 40-Stunden-Posten, selbst wenn die Kosten dafür ein wenig höher liegen.
Außerdem wird die Gesamtmenge an Arbeit in den kommenden Jahren und Jahrzehnten rapide abnehmen. Carsten Brzeski, Chef-Ökonom der Direktbank ING-Diba, schätzt (auf Basis einer Studie des schwedischen Ökonomen Carl Benedikt Frey und des Informatikers Michael Osborne), dass in Deutschland binnen der nächsten zwei Dekaden Maschinen 18,3 von 30,9 Millionen Arbeitsplätzen ersetzen könnten – das sind 59 Prozent. Diese Maschinen zu erfinden, zu konstruieren und zu programmieren wird nicht dieselbe Menge an Arbeit neu schaffen. Nur 5 Prozent aller zwischen 1993 und 2003 neu geschaffenen Stellen entfielen auf Informatik, Software-Entwicklung oder Telekommunikation. Eine flächendeckende Reduzierung der Arbeitszeit könnte ein Weg sein, solch drastischen Veränderungen zu begegnen.
Zum Problem wird jedoch die Entlohnung: Bei einem Experiment in Schweden zeigte sich, dass eine Verkürzung der täglichen Arbeitszeit von acht auf sechs Stunden in einem Seniorenheim zwar zu einer besseren Pflege und weniger Fehlzeiten durch Krankheit führte. Durch den vollen Lohnausgleich stiegen jedoch die Kosten, weshalb der staatliche Träger den Versuch nach zwei Jahren beendete. „In Deutschland ist Arbeitszeitverkürzung in der Vergangenheit immer in Zusammenhang mit Lohnausgleich gedacht worden“, sagt der Volkswirt Niko Paech, der an der Universität Siegen Postwachstumsökonomie, Alternatives Wirtschaften und Nachhaltigkeit lehrt. „Im Fall der schrittweisen Einführung einer 20-Stunden-Woche ist das weder machbar noch nötig. In einer modernen Gesellschaft wäre es möglich, mit 20 Stunden bezahlter Arbeit über die Runden zu kommen – in Verbindung mit ergänzender Selbstversorgung und einem sesshaften Lebensstil.“ Auch der Ökonom Robert Skidelsky und sein Sohn, der Philosophieprofessor Edward Skidelsky, gehen in ihrem Buch „Wie viel ist genug?“ davon aus, dass sich eine Reduzierung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich durch Konsumbeschränkung und Produktivitätssteigerungen dank besserer Technik realisieren lässt.
Eine verringerte Arbeitszeit würde sich auch auf den Verkehr und die Ladenöffnungszeiten auswirken: Da nicht davon auszugehen ist, dass alle Arbeitnehmer ihre 20 Wochenstunden zur gleichen Zeit leisten, dürften sich die Staus zu den klassischen Rushhour-Zeiten deutlich verringern. Einkäufe ließen sich auch tagsüber erledigen, die erweiterten Öffnungszeiten am Abend und an den Wochenenden könnten reduziert werden.
Noch einmal zurück zu Bertrand Russell. Der geht in seinem Essay sogar davon aus, dass eine 20-Stunden-Woche friedensstiftende Wirkung hätte. „Die Lust am Kriegführen wird aussterben“, schrieb er, „(…) weil Krieg für alle lang dauernde, harte Arbeit bedeuten würde.“ —

Was wäre, wenn … wir alle nur noch 20 Stunden arbeiteten?

Was wäre, wenn … wir alle nur noch 20 Stunden arbeiteten? – brand eins online
Text: Christoph Koch 
• In seinem Essay „Lob des Müßiggangs“ entwarf der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell bereits 1935 eine Welt, in der Menschen nur noch vier Stunden am Tag arbeiten. „Der Weg zu Glück und Wohlfahrt“, so schrieb er, liege „in einer organisierten Arbeitseinschränkung“. Aufgrund der fortschreitenden Technik genüge eine stark verkürzte Arbeitszeit, um jedem ein komfortables Auskommen zu sichern. Die frei werdende Zeit könnten die Menschen hehren Zielen widmen: Forschung, Malerei oder dem Schreiben. „Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung“, so Russell.
Rund 40 Prozent der Berufstätigen wollen weniger arbeiten. Das ergab eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Demnach wünschen sich vor allem Männer, die 40 Stunden und mehr arbeiten, eine Verkürzung – viele von ihnen auch bei geringerem Verdienst. 12 Prozent der Befragten hingegen wollen lieber eine längere Arbeitszeit. Vor allem Frauen, die 20 Stunden oder weniger arbeiten, wollen gern aufstocken.
Eine für alle geltende 20-Stunden-Woche hätte wohl auch positive Auswirkungen auf die Geschlechtergerechtigkeit: Frauen leisten fast doppelt so viel unbezahlte Arbeit im eigenen Haushalt wie Männer. Das ließe sich leichter ändern, wenn die Lohnarbeit zwischen Mann und Frau gerechter verteilt wäre.
Auch die Produktivität könnte steigen: Denn die als Parkinson’sches Gesetz bekannte und meist augenzwinkernd zitierte Regel besagt, dass „jede Arbeit sich genau in dem Maß ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht“. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Harris verbrachte im Jahr 2014 der durchschnittliche US-Angestellte in Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten nur 45 Prozent seiner Arbeitszeit mit seiner eigentlichen Tätigkeit. 55 Prozent der Zeit gingen nach Angaben der Befragten für endlose E-Mail-Ketten und unnötige Meetings drauf.
Dass eine 20-Stunden-Woche effizienter sein könnte, legen auch verschiedene Studien nahe: Wissenschaftler der Florida State University etwa zeigten, dass Spitzensportler und -musiker, Schach- und Schauspieler am besten sind, wenn sie in 90-Minuten-Einheiten mit Pausen dazwischen trainieren – aber insgesamt nicht mehr als viereinhalb Stunden pro Tag. Forscher der Universität Melbourne, die kürzlich die Arbeitsabläufe von 6500 Australiern miteinander verglichen, kamen zu dem Ergebnis, dass Über-40-Jährige ab 25 Wochenstunden an Leistungsfähigkeit einbüßen, da sie dann weniger aufmerksam und kreativ sind. Und ein Vergleich unter OECD-Mitgliedstaaten zeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen kürzeren Arbeitszeiten und höherer Produktivität (gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde) gibt.
Doch zu glauben, jede Arbeit ließe sich genauso gut in weniger Zeit erledigen, ist ebenso unrealistisch wie die Annahme, die 20-Stunden-Woche würde zu doppelt so vielen Beschäftigungsverhältnissen führen. Ökonomen sprechen von der „lump of labour fallacy“, dem Irrglauben einer gegebenen Menge an Arbeit. Denn zum einen ist die Arbeitsmenge nicht konstant. Zum anderen lässt sie sich nicht kostenlos umverteilen. Fixkosten sowie Aufwendungen für Anwerbung und Einarbeitung sorgen dafür, dass zwei Arbeitskräfte, die jeweils 20 Stunden arbeiten, teurer sind als eine, die 40 Stunden arbeitet.
Letztlich kommt es auf die Art der Beschäftigung an: Auf einer Pflegestation beispielsweise, wo eine kontinuierliche Betreuung gewährleistet sein muss, wird für jede Pflegekraft, die nur 20 statt 40 Stunden arbeitet, eine zweite nötig. In Kreativbranchen hingegen, in denen das Ergebnis relevanter ist als die aufgewendete Zeit, ist davon auszugehen, dass zwei 20-Stunden-Stellen dem Unternehmen mehr nutzen als ein 40-Stunden-Posten, selbst wenn die Kosten dafür ein wenig höher liegen.
Außerdem wird die Gesamtmenge an Arbeit in den kommenden Jahren und Jahrzehnten rapide abnehmen. Carsten Brzeski, Chef-Ökonom der Direktbank ING-Diba, schätzt (auf Basis einer Studie des schwedischen Ökonomen Carl Benedikt Frey und des Informatikers Michael Osborne), dass in Deutschland binnen der nächsten zwei Dekaden Maschinen 18,3 von 30,9 Millionen Arbeitsplätzen ersetzen könnten – das sind 59 Prozent. Diese Maschinen zu erfinden, zu konstruieren und zu programmieren wird nicht dieselbe Menge an Arbeit neu schaffen. Nur 5 Prozent aller zwischen 1993 und 2003 neu geschaffenen Stellen entfielen auf Informatik, Software-Entwicklung oder Telekommunikation. Eine flächendeckende Reduzierung der Arbeitszeit könnte ein Weg sein, solch drastischen Veränderungen zu begegnen.
Zum Problem wird jedoch die Entlohnung: Bei einem Experiment in Schweden zeigte sich, dass eine Verkürzung der täglichen Arbeitszeit von acht auf sechs Stunden in einem Seniorenheim zwar zu einer besseren Pflege und weniger Fehlzeiten durch Krankheit führte. Durch den vollen Lohnausgleich stiegen jedoch die Kosten, weshalb der staatliche Träger den Versuch nach zwei Jahren beendete. „In Deutschland ist Arbeitszeitverkürzung in der Vergangenheit immer in Zusammenhang mit Lohnausgleich gedacht worden“, sagt der Volkswirt Niko Paech, der an der Universität Siegen Postwachstumsökonomie, Alternatives Wirtschaften und Nachhaltigkeit lehrt. „Im Fall der schrittweisen Einführung einer 20-Stunden-Woche ist das weder machbar noch nötig. In einer modernen Gesellschaft wäre es möglich, mit 20 Stunden bezahlter Arbeit über die Runden zu kommen – in Verbindung mit ergänzender Selbstversorgung und einem sesshaften Lebensstil.“ Auch der Ökonom Robert Skidelsky und sein Sohn, der Philosophieprofessor Edward Skidelsky, gehen in ihrem Buch „Wie viel ist genug?“ davon aus, dass sich eine Reduzierung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich durch Konsumbeschränkung und Produktivitätssteigerungen dank besserer Technik realisieren lässt.
Eine verringerte Arbeitszeit würde sich auch auf den Verkehr und die Ladenöffnungszeiten auswirken: Da nicht davon auszugehen ist, dass alle Arbeitnehmer ihre 20 Wochenstunden zur gleichen Zeit leisten, dürften sich die Staus zu den klassischen Rushhour-Zeiten deutlich verringern. Einkäufe ließen sich auch tagsüber erledigen, die erweiterten Öffnungszeiten am Abend und an den Wochenenden könnten reduziert werden.
Noch einmal zurück zu Bertrand Russell. Der geht in seinem Essay sogar davon aus, dass eine 20-Stunden-Woche friedensstiftende Wirkung hätte. „Die Lust am Kriegführen wird aussterben“, schrieb er, „(…) weil Krieg für alle lang dauernde, harte Arbeit bedeuten würde.“ —

Aperol

Aperol ist eine Marke der Campari-Gruppe für einen italienischen Likör. Wegen seines fruchtig-bitteren Geschmacks wird er meist als Aperitif oder in Cocktails verwendet. Er ist ein Destillat aus Rhabarber, Chinarinde, Gelbem Enzian, Bitterorange und aromatischen Kräutern mit orange-roter Färbung und bittersüßem Aroma. Aperol hat in Italien einen Alkoholgehalt von 11 % Vol., in Deutschland seit Anfang 2006 15 % Vol. Das Unternehmen begründet den um vier Prozentpunkte höheren Alkoholgehalt in Deutschland mit der hier geltenden Pfandverordnung, der zufolge Getränke ab 15 % Vol. als pfandfreie Spirituosen gelten.

Aperol und zielgruppenorientiertes Marketing
2004 kam die Marke Aperol ins deutsche Portfolio von Campari, nachdem die „Barbero 1891 S.p.A.“ Ende 2003 übernommen worden war. In Italien, wo der Aperitivo schon lange zelebiert wird, lief die Marke gut, im Deutschland und Österreich führte sie eher ein Schattendasein.
Grund genug also, um eine breit angelegte Werbekampagne für Aperol zu starten.
2007 lief die erste größere Kampagne an, wobei als Zielgruppe ganz klar der urbane, junge Mensch (m/w) zwischen 20 und 35 Jahren angesprochen werden sollte.
Die potentiellen Aperol-Trinker haben ein mittleres bis gutes Einkommen und eine gute Ausbildung und sind im sozialen Leben einer Stadt verhaftet. Demzufolge wurden die Werbemaßnahmen mit Auftritten in Beach-Clubs, Szenelokalen und Trendsportveranstaltungen gesetzt.
Immer im Mittelpunkt ein Gefühl der entspannten Atmosphäre und des sozialen Austausches. Nach ersten Erfolgen wurden dieser Werbestrategie noch Einschaltungen im Fernsehen, Facebook-Aktivitäten und einiges mehr hinzugefügt.
Mit Erfolg: Im Jahr 2008 legten die Verkaufszahlen von Aperol um 71% zu.

Gedanken zur Mittelmeer-Debatte

Die Rechten machen einen Feldversuch: Gedanken zur Mittelmeer-Debatte
Florian Klenk
Was für ein Foto. Wer hätte gedacht, dass das möglich ist. Der deutsche Bundesinnenminister Horst Seehhofer (CSU) hält beim informellen EU-Innenminister-Treffen in Innsbruck Händchen mit dem italienischen Rechtsextremisten Matteo Salvini (Lega) und mit unserem Gaulreiter Herbert Kickl. Der Bayer, der zu seinem 69. Geburtstag stolz betonte, es seien nun 69 Afghanen abgeschoben worden -einer erhängte sich am Tag danach in Kabul -, schmiegt sich nun an jene grinsenden Radikalinskis, die sein Bundesverfassungsschutz vor ein paar Jahren noch als bedenklich „veraktet“ hätte.
Aber so ist nun einmal die Demokratie: Kickl, der bei Bierzeltpredigten schon einmal stolz betonte, dass wenigstens in diesem Bierzelt kein Flüchtling Unterschlupf finden werde, hat nun die Macht. Die ÖVP hat ihn ins Amt befördert, nur die Verfassung zähmt seine Träume.
Italiens Salvini wiederum verkündete vor laufender Kamera, er werde die Straßen von Illegalen säubern, „Haus um Haus“,“Straße um Straße“, und das Pack in Lkw verladen und in den Wald hinausführen. Ein Schiff mit notleidenden Flüchtlingen lässt er nicht anlegen, Malta sprang ein.
Diese Allianz der Böswilligen dirigiert nun die Polizeiministerien, sie kennen bald keinen Verhältnismäßigkeitsgrundsatz mehr, es gibt nur, wie beim Militär, den Feind von außen, sie höhnen, reimen und scherzen. Die Immigration sei „Europas Schicksalsfrage“, trommelt Kickl. „Die Grenze zwischen Härtezeigen und Zynismus“, so bemerkt ein deutscher grüner Abgeordneter, sei bei Seehofer nicht mehr „fließend, sie ist einfach weg“.
So geben sie den Takt vor und den Ton an. Schleichend vergiften sie die öffentliche Rede, vergiften die Debatten und machen aus Menschen, die Schutz oder einfach nur ein besseres Leben suchen, eine anonyme schwarze Masse, eine Welle, die unaufhaltsam auf uns zurollt. Dass die EU-Justizminister zeitgleich tagten und eine Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit in Polen beklagten, ging dabei unter.
Wir müssen die Genfer Asylkonvention aufheben, forderte Kickl, die Europäische Menschenrechtskonvention neu denken. „Keine Asylanträge mehr entgegennehmen!“, sekundiert sein Kanzler Sebastian Kurz mit ernster Miene, seine Oma ist selbst einst zu uns geflüchtet.
Es sind die Thesen Thilo Sarazzins, die er hier in Gesetze gießen will. Warum? Weil es Stimmen bringt. Sogar in der ehrwürdigen Zeit stellt man in einem „Pro und Contra“ die zynische Frage, ob es legitim sei, dass ein „illegaler Shuttle-Service“ in Seenot befindliche Menschen rette, „oder soll man es lassen“?
Man muss es neidlos anerkennen: Die Rechten haben die Diskurshoheit. Sie schaffen es, die natürliche Scheu der Menschen vor dem Fremden in Hass umzuwandeln. Sie entindividualisieren die Flüchtlingsdebatte. Sie wissen, dass einzelne Schicksale den Menschen berühren (man denke nur an die Buben in der thailändischen Höhle). Und daher müssen sie aus den Afrikanern Erd-und Höhlenmenschen machen, wie sie der freiheitliche Abgeordnete Christian Höbarth einmal nannte. Die unaufhaltsam zu uns kommen und unsere Frauen und Kinder schänden und uns dann auch noch mit ihrem Islam unterwerfen. Also: Förderungen für Kindergärten nur noch bei gleichzeitigem Kopftuchverbot! Das ist keine Übertreibung, sondern eine Forderung des österreichischen Vizekanzlers.
Und manche glauben das dann auch, weil ihnen der Algorithmus nur noch blaue Pamphlete und Bilder in die Echokammern spült. Weil sie keine journalistisch aufbereiteten Nachrichten mehr anklicken, sondern Facebook-Posts mit dem angeblich betrunkenen EU-Kommissionspräsidenten, der in Wahrheit nach einem Unfall verletzt ist. Und wenn es diese hässlichen Bilder nicht mehr gibt, weil in Wahrheit eh fast niemand mehr an unsere Grenze kommt, dann inszenieren wir halt Bilder, wie neulich geschehen in Spielfeld. Dann tragen Polizeischüler Hoody und Islamistenbart und schwingen bedrohlich die Faust, Herbert Kickl hat im Polizeihubschrauber den Überblick .
Man muss das Banale wieder aussprechen. Das ist nicht mehr vernunftgetriebene, aufgeklärte, europäische Politik, das ist nicht mehr Regierungsverantwortung, das ist ein Feldversuch, wie man eine ganze Gesellschaft manipulieren kann. Nur noch Orbán beherrscht diese präfaschistoide Sprache besser (siehe Seite 10).
Nein, ist nicht nur „legitim“, es ist „geboten“, ertrinkenden Auswanderern zu helfen. Egal, wer sie in die missliche Lage brachte. Wir haben die strafrechtliche, ethische und – wer es mag -auch christlich-abendländische Pflicht, Menschen zu helfen. Und bleiben wir nüchtern: Wovon sprechen wir denn überhaupt, wenn wir vom Mittelmeer reden? Das UNHCR hat mitgezählt: 45.700 Asylsuchende und Migranten haben in den ersten sechs Monaten dieses Jahres die europäische Küste über das Mittelmeer erreicht. 45.700. Das ist in etwa die Bevölkerung Wiener Neustadts, einer Kleinstadt. Aber immerhin: 1000 Menschen sind heuer schon im Mittelmeer ertrunken, so viel wie 2017. Zur Relation: Zwischen 2001 und 2014 starben 420 Menschen in Westeuropa durch Anschläge von Terroristen.
Die Rechten sagen: Die NGOs sind daran schuld, denn sie ziehen die Flüchtlinge vor Libyens Küste aus dem Wasser und liefern sie in Italien ab. Das erzeuge, zynische Formulierung, einen „Pull-Effekt“, ermutige die Schlepper und verleite deren Kunden zu riskanten Bootsfahrten.
Aber stimmt das denn überhaupt? Gibt es wirklich einen Zusammenhang zwischen der (privaten) Hilfe und der wachsenden Zahl von Flüchtlingen im Mittelmeer? Man darf Zweifel anmelden, wenn man die Studie von Elias Steinhilper und Rob Gruijters liest. Die zwei forschen immerhin an der Universität Oxford. Sie verglichen die Todesraten und Fluchtzahlen und kamen zum Ergebnis, dass es in Zeiten mit verstärkten Rettungsaktionen keineswegs zu vermehrter Flucht kommt, sondern nur zu weniger Toten. Was also müsste geschehen?
Das UNHCR hat in ruhigem Ton aufgeschrieben, was die Innenminister nicht über die Lippen bringen. Erstens: Alle Leute müssen gerettet werden. Zweitens: Sie müssen sofort in einen sicheren Hafen gelangen. Der liegt zurzeit nur in Europa. Dort müssen europäische Behörden differenzieren: Wer ist Flüchtling? Der erhält ein Verfahren. Wer ist besonders schutzbedürftig (Alte, Kranke, Kinder, Traumatisierte)? Der darf sofort bleiben, am besten bei Familienangehörigen. Und wer muss zurück, vielleicht sogar ausgestattet mit einer üppigen Rückkehrprämie, die ihn zu Hause nicht das Gesicht verlieren lässt? Den darf man in menschenwürdigen Lagern festhalten, aber nur für kurze Zeit.
All das kann die EU leisten. Und zwar in Europa und nicht outgesourct in Nordafrika, wo es keine Öffentlichkeit mehr gibt. Man müsste sich eine Frist für jeden Fall setzen, nach dessen Ablauf Migranten ein Bleiberecht haben, damit sie hier das tun können, wofür sie ihr Leben riskierten: arbeiten. Darüber soll man diskutieren. Aber nicht darüber, ob man den Rechtsextremismus bekämpft, indem man eine „Festung Europa“ errichtet, wie Eric Frey kürzlich im Standard argumentierte.
Nein, das führt zu nichts, wie Ungarn zeigt. Nur 267 Menschen hat dieses Land in den ersten vier Monaten dieses Jahres Asyl zuerkannt. Orbán hat trotzdem die Zweidrittelmehrheit. Den Rechtspopulismus zähmt nur, wer eigene Themen „framt“. Die Rechtsextremen üben gerade, wie weit sie gehen können. Dabei darf man nicht mitgehen, sondern muss neue Wege finden.

Christine Nöstlinger

Christine Nöstlinger – eine meiner ersten Heldinnen
Die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist tot. Die gebürtige Wienerin starb im Alter von 81 Jahren, wie ihre Familie heute nach dem Begräbnis der Autorin mitteilte. Im Laufe ihrer Karriere schrieb Nöstlinger über 150 Bücher. Ihr Werk wurde in 30 Sprachen übersetzt, sie selbst mehrfach ausgezeichnet. Mit ihren unangepassten, vom antiautoritären Erziehungsstil geprägten Büchern beeinflusste sie Generationen von Kindern und Jugendlichen.

Der Untergang

Abschiedskolumne: Wolfgang Luef im sz magazin
Ich stelle mir vor, ich wohne in einem Mietshaus mit vielen Wohnungen und einem gemeinsamen Garten. An der Grenze unseres Grundstücks verläuft eine Straße, und aus irgendeinem Grund verunglücken dort täglich mehrere Fahrradfahrer schwer. Keiner von uns Mietern kann etwas dafür, dass diese Menschen dort verunglücken, keiner hat sie gebeten, hier vorbeizufahren. Vielleicht sind wir sogar ausdrücklich dagegen, dass hier überhaupt jemand langfährt. Aber wäre es vorstellbar, die Nachbarn dafür zu kritisieren, dass sie in dieser Situation den Notarzt rufen? Wäre es vorstellbar, den Notarzt zu verklagen und einzusperren, weil er den verunglückten Radfahrern hilft? Wäre es vorstellbar, oben am Fenster zu stehen und zu argumentieren: Erst wenn es da unten genügend Tote gegeben hat, werden andere lernen, dass man hier nicht langfährt? Sicher nicht in einem Haus, in dem ich noch wohnen möchte.
Doch genau das passiert gerade in Europa. Plötzlich gibt es im öffentlichen Diskurs zwei unterschiedliche Meinungen darüber, ob man Menschen in Lebensgefahr helfen soll, oder ob man sie lieber sterben lassen soll. »Je mehr man rettet, desto mehr kommen doch«, das sagt man plötzlich laut und ungeniert. Der Satz hat sich von den hasserfüllten Kommentarspalten auf Facebook in die angsterfüllte Mitte der Gesellschaft geschlichen. Er wird heute in Büros ausgesprochen, auf Gartenpartys und in Parlamenten.
Derweil steht der Kapitän des Rettungsbootes »Lifeline« in Malta vor Gericht, andere Rettungsboote werden am Auslaufen gehindert. Die AfD präsentiert stolz eigene Strafanzeigen gegen weitere Helfer, etwa von »Ärzte ohne Grenzen« oder »Save the Children«. Italiens Innenminister nennt die Retter »Vizeschlepper« und schließt die Häfen für sie. Europas Populisten applaudieren dazu, und in der CSU, immerhin eine deutsche Regierungspartei, verunglimpft man diejenigen, die es lebend übers Mittelmeer und bis nach Deutschland geschafft haben, als Touristen. Seit Anfang des Jahres sind 1400 Menschen an den Grenzen der Europäischen Union gestorben, und die reichste Staatengemeinschaft der Welt und Trägerin des Friedensnobelpreises lässt kein echtes politisches Interesse daran erkennen, das Problem gemeinsam anzugehen. Der Grund dafür: Niemand hätte dabei etwas zu gewinnen, außer den ertrinkenden Menschen.
Das ist der Anfang vom Ende der europäischen Idee. Wir können uns nicht auf Menschenrechte, Aufklärung und Humanismus berufen und gleichzeitig die Rettung Ertrinkender kriminalisieren. Der kleine Stolz, den man noch vor Kurzem empfinden konnte, ein Europäer zu sein, er ist zusammen mit Tausenden Männern, Frauen und Kindern im Mittelmeer ertrunken. Während wir alle im Fernsehen, auf Twitter und Facebook nahezu live dabei zusehen können.
Es geht nicht um unterschiedliche Auffassungen, wie man mit Migranten- und Flüchtlingsbewegungen umgehen soll. Es geht nicht darum, dass man »nicht alle aufnehmen« kann. Es geht schlicht um ein Mindestmaß an Zivilisiertheit: Wer gerade dabei ist, zu ertrinken, der ist weder Flüchtling noch Migrant, der ist weder Afrikaner noch Europäer, weder Muslim noch Christ, der ist ein Mensch, der gerade dabei ist, zu ertrinken, und man muss alles unternehmen, um ihn zu retten.
Danach kann selbstverständlich jeder streng kontrollierte Grenzen fordern, die Einhaltung des Dublin-Verfahrens, Hilfe vor Ort statt »bei uns«, alles gut und richtig. Man kann sogar der Meinung sein, Flüchtlinge sollten, wenn sie es bis hierher schaffen, möglichst nicht am öffentlichen Leben teilnehmen dürfen, damit sie sich bloß nicht integrieren und schnellstmöglich zurückgeschickt werden können, wenn Gerichte das so entscheiden. Menschen aber sehenden Auges ertrinken zu lassen, als abschreckendes Beispiel für andere, das ist keine Meinung. Es ist der erste Schritt in die Barbarei. Prozesse gegen diejenigen zu führen, die tausende Menschen vor dem Tod gerettet haben, ist der zweite Schritt dorthin. Den dritten möchte ich mir lieber nicht vorstellen.

Was wäre, wenn … alle Grenzen offen wären?

brand eins online, Christoph Koch 
Seit September 2015 dominiert die Flüchtlingsdebatte die deutsche Politik. Kaum eine Wahlkampfrede, kaum eine Talkshow, die nicht irgendwann bei den immergleichen Fragen landet: Wie viele sollen kommen dürfen? Wie viele Zuwanderer verkraftet die Gesellschaft? Wann muss Schluss sein? Wie sichert die Europäische Union ihre Außengrenzen? Wenn so lange in eine Richtung gedacht wurde, sollte man die Frage vielleicht einmal umdrehen: Was wäre, wenn alle Menschen kommen könnten, die wollen? Wenn alle Grenzen offen wären?
Die erstaunlichste Folge wäre ein deutlich höherer Wohlstand für alle. Wirtschaftsforscher ermittelten in vier unterschiedlichen Studien, dass sich das weltweite Bruttoinlandsprodukt um einen Wert zwischen 67 und 147 Prozent erhöhen würde. Der Grund: Eine Arbeitskraft, die von einem armen Land in ein wohlhabendes zieht, entfaltet – unter anderem durch einen effizienteren Arbeitsmarkt sowie bessere Arbeitsbedingungen und Hilfsmittel – eine erheblich höhere Produktivität.
„Das führt sowohl in den Sender- als auch den Empfängerländern zu mehr Wohlstand“, sagt Klaus F. Zimmermann, emeritierter Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität Bonn. „Denn nicht nur transferieren Migranten Geld und Wissen in ihre alte Heimat – sehr viele kehren nach einer Weile auch wieder dorthin zurück.“
Je offener die Grenzen, desto häufiger sieht man diese „zirkuläre Migration“. Als die Grenze zwischen den USA und Mexiko in den Sechzigerjahren noch weniger streng geschützt wurde, kamen zwar 70 Millionen Mexikaner in die USA – 85 Prozent von ihnen kehrten aber wieder nach Mexiko zurück. Je schwieriger die Einreise, umso größer der Anreiz zu bleiben, wenn man es erst einmal geschafft hat.
Generell wird überschätzt, wie viele Menschen sich tatsächlich auf den Weg machen würden: Als die USA 1986 ihre Grenzen zu den Föderierten Staaten von Mikronesien öffneten, sagten viele Beobachter einen Massenexodus aus dem verarmten Inselstaat voraus. In den 14 Jahren bis zur Jahrtausendwende siedelten jedoch gerade mal sechs Prozent in die USA über, bis heute haben zwei Drittel der Mikronesier nicht von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, ohne Visum in die USA zu reisen – obwohl das Durchschnittseinkommen dort 20-mal so hoch ist. Innerhalb der EU kann man Ähnliches beobachten: „Das Wetter in Frankfurt ist furchtbar, und kaum jemand spricht Griechisch“ – so lakonisch erklärt der »Economist« die Tatsache, dass zwischen 2010 und 2017 trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage nur 150 000 von elf Millionen Griechen nach Deutschland kamen.
Das Marktforschungsinstitut Gallup fragt regelmäßig weltweit, ob und wohin die Menschen auswandern würden, wenn sie könnten. Aktuell gaben dabei 14 Prozent an, gern dauerhaft in einem anderen Land leben zu wollen. Das entspricht ungefähr 710 Millionen Migrationswilligen, der Anteil war mit 17 Prozent vor rund 10 Jahren schon einmal höher. Sierra Leone (62 Prozent), Haiti und Albanien (jeweils 56 Prozent) sind die Länder, aus denen die meisten Befragten wegwollen. Rund ein Fünftel der Migrationswilligen möchte in die USA. Deutschland (6 Prozent) und Kanada (5 Prozent) folgen mit großem Abstand. Wie viele Menschen diese Absicht tatsächlich umsetzen würden, lässt sich schwer sagen. 97 Prozent der Weltbevölkerung leben in dem Land, in dem sie geboren wurden – eine Zahl, die seit mehr als 100 Jahren konstant ist.
Wie wirken sich offene Grenzen auf den Arbeitsmarkt aus? Der Ökonom Michael A. Clemens, der in Washington D.C. am Center for Global Development die Abteilung für Migration und Entwicklung leitet, hat errechnet, dass beispielsweise in der US-Landwirtschaft im Durchschnitt drei Saisonarbeitskräfte aus Mexiko einen amerikanischen Arbeitsplatz schaffen – sei es direkt als Vorarbeiter oder indirekt durch ihren eigenen Konsum. „Der Arbeitsmarkt ist nichts Statisches, keine Fußballmannschaft mit nur elf Positionen“, sagt auch Klaus F. Zimmermann. „Viele Zuwanderer schaffen sich ihre eigenen Stellen oder bringen durch Unternehmensgründungen sogar Jobs für andere hervor.“
Auch die Angst vor sinkenden Löhnen ist unbegründet: Selbst die migrationskritische US-Denkfabrik Center for Immigration Studies fand keinen Beleg dafür, dass eine zunehmende Zahl von Migranten das Lohnniveau beeinflusst. Andere Studien kommen sogar zu dem Ergebnis, dass Einwanderer – im Gegensatz zum Outsourcing von Arbeit ins Ausland – die Löhne leicht positiv beeinflussen. „Wenn auf einen Schlag sehr viele Menschen in eine bestimmte Region einwandern, kann die Gruppe, die sich in direkter Arbeitsmarktkonkurrenz befindet, zeitweilig unter Druck geraten“, sagt Zimmermann. „Aber häufig steigen die Einheimischen dann die Leiter nach oben und nehmen besser qualifizierte und besser bezahlte Jobs an.“
Was offene Grenzen für die öffentliche Sicherheit bedeuten, ist schwierig vorherzusagen: In den USA begehen Migranten weniger Verbrechen und landen fünfmal seltener im Gefängnis als US-Amerikaner. Selbst als die Zahl der Einwanderer ohne Papiere sich zwischen den Jahren 1990 und 2013 auf mehr als elf Millionen verdreifachte, sank die Kriminalität. In Deutschland hat die Kriminalstatistik gezeigt, dass gegen noch nicht anerkannte Flüchtlinge häufiger Strafanzeige erstattet wird als gegen die Durchschnittsbevölkerung. Allerdings werden junge Männer generell häufiger straffällig als der Rest der Bevölkerung – und je schwieriger die Einreise, umso höher der Anteil junger Männer an den Migranten. Bei offenen Grenzen würden sich mehr Frauen, denen Gutachten eine „gewaltpräventive, zivilisierende Wirkung“ zuschreiben, auf den Weg machen.
Am Ende könnten offene Grenzen aber sogar ein Rezept gegen die globale Überbevölkerung sein: Statistiken zeigen, dass sich die Geburtenrate von Einwanderern sehr schnell auf das Niveau ihres neuen Heimatlandes einpendelt. Bekamen die türkischstämmigen Bewohner Duisburgs in den Achtzigerjahren noch mehr Kinder als die alteingesessene Durchschnittsfamilie, so ist die Geburtenrate zur Jahrtausendwende stark abgefallen und liegt inzwischen sogar unter der deutschen. —


Fiat 500 Anniversario

Luca Napolitano presents the 60th birthday tributes to the Fiat 500
Per festeggiare il sessantesimo compleanno della Fiat 500, il marchio del Lingotto ha creato la nuova versione Anniversario della compatta. La Anniversario sarà disponibile sia in versione cabrio, sia con tetto fisso e si diversificherà dalla 60th Anniversary presentata al Salone di Ginevra per via di diversi particolari, a cominciare dalle colorazioni. La Fiat 500 Anniversario propone due nuovi colori esclusivi, l’Arancio Sicilia e il Verde Riviera che si abbinano a cerchi in lega da 16 pollici con desigi vintage. Non manca una caratterizzazione degli interni con finiture esclusive, così come la possibilità di avere il massimo della tecnologia con l’impianto di infotainment Uconnect da 7 pollici.

 

Radio Gioconda

Radio Gioconda é l’espressione di quello che é il gusto Italiano. La programmazione é basata esclusivamente sul migliore repertorio musicale, principalmente musica italiana. Notiziari nazionali, edizioni locali ed approfondimenti sugli spettacoli in FVG con la trasmissione ItineRadio forniscono l’indispensabile informazione, stringata e tempestiva con la voce di Linda Fiore. Ogni sera e mattina oroscopo con Joss, meteo, speciali in occasioni di festival eventi sagre manifestazioni in piazza, in occasione di settembredoc, friulidoc, basket summer league, gli approfondimenti sul calcio dilettanti e serie D di Franco Poiana con Friuli in Gol.
il y a loin de la coupe aux lèvres = tra il dire e il fare c’è di mezzo il mare.

Plan it in, do it anyway.

As we think about time, it’s important to remember that the „self“ is really three selves: the anticipating self (who looks forward to things on the calendar), the experiencing self (who is here in the present), and the remembering self (who thinks back on the past). Philosopher Robert Grudin once wrote that we „pamper the present like a spoiled child,“ and I think there’s something to this. The anticipating self thought it would be fun to go to the art museum on Friday night, when there’s live music and a bar, and the remembering self will look back fondly on the experience, but the experiencing self just got home from work. She is the one who has to brave the rain and the Friday night traffic. So she throws a tantrum, and we wind up indulging her whim to spend hours scrolling through Facebook posts from people we didn’t like in high school anyway.
The way to combat her tyrannies? Plan it in, do it anyway. The experiencing self is trying to deliver a monologue in what should be a three-actor play. In most cases, if your anticipating self wanted to do it, you’ll be happy you went, and probably the experiencing self will enjoy it too once she gets over the initial resistance. We draw energy from meaningful things. (Laura Vanderkam)

check /ingl. tʃɛk/

[vc. ingl., dal fr. ant. eschec; ha avuto dapprima il sign., di ‘scacco’ e poi quello di ‘verifica’ ☼ 1966]
s. m. inv.
1 controllo, verifica: un rapido check del sistema di allarme | check-in, operazione preliminare dei viaggi aerei, che si svolge a terra e consiste nel controllo del biglietto e nel ritiro del bagaglio dei passeggeri; (est.) procedura di registrazione degli ospiti di un albergo e sim. | check panel, pannello di controllo | check-point, posto di blocco (V. blocco (2)) | check-up, serie di analisi ed esami clinici miranti a dare un quadro completo delle condizioni di salute di una persona (spec. a scopo preventivo); (est.) revisione generale cui vengono periodicamente sottoposti apparecchi, meccanismi, impianti e sim.; (fig.) controllo sistematico: avviare un check-up della rete idrica
2 (inform.) segno di spunta (<4) con cui in un’interfaccia grafica si marca la scelta di un’opzione CFR. flag | (org. az.) check list, in attività complesse, elenco ragionato di compiti da svolgere o controlli da effettuare nell’ordine stabilito

David Hugendick über Marie Kondo etc

Der zur unbedingten Modernität entschlossene Mensch lebt oft in einer Wohnung, die bestenfalls aussieht wie ein Hotelzimmer, schlimmstenfalls wie ein Ausstellungsraum oder ein Apple-Store. Sogenannte Interiorblogs verbreiten Hunderte Bilder von weißen Zimmern, in denen Menschen, die meistens erfolgreich etwas machen, sich interessantgewohnt haben mit einem kleinen Ensemble an Möbeln, auf dem Tisch ein paar tiefsinnig verdorrte Blumen und Schriftzüge in schlichter Helvetica, dem Comic Sans aller Menschen mit Googlemail-Adresse. Alles ist sorgsam ausgesucht und hingestellt und arrangiert. Und alles ist so rein und klar und wesentlich und sachlich, dass man den Leuten aus schierer Notwehr eine Schrankwand in die Bude rollen möchte, mit Brettspielen, Münzsammlungen, Fußballpokalen und allen Bravo-Hits bis Folge 47. Es wäre ja Platz genug.

‚Er und Ich‘ von Natalia Ginzburg

… Und doch gehe ich gern ins Kino; aber ich habe mir in den vielen Jahren, seit ich hingehe, keine Kenntnisse erworben. Er jedoch ist in allen Dingen, die seine Neugierde anzogen, ein Kenner geworden. Ich bin in nichts Kenner, nicht einmal in den Dingen, die ich am meisten im Leben liebte: sie blieben in mir als verstreute Bilder und nährten mein Leben mit Erinnerungen und Empfindungen, aber den wüstenähnlichen Zustand meiner Bildung verwandelten sie nicht. Er sagt, mir fehle das Interesse: aber das stimmt nicht. Ich interessiere mich für wenige, sehr wenige Dinge, und wenn ich sie einmal kenne, so bewahre ich von ihnen ein paar ver einzelte Bilder, die Kadenz eines Satzes oder eines Wortes im Gedächtnis. Meine Welt, in der solche Kadenzen und Bilder auftauchen – voneinander getrennt und doch verbunden durch mir selber unsichtbare Fäden – ist öde und melancholisch. Seine Welt dagegen ist üppig groß, reich bevölkert und bepflanzt, eine fruchtbare und wohl bewässerte Landschaft, wo es Wälder, Weiden, Baumgärten und Dörfer gibt. …

Donaudelta

Donaudelta ( Niki R. Nikolaus)
Zweitgrößter Strom Europas und sechsundzwanzigster der Erde, fast 2900 km lang mit einem über 800000 km2 großen Becken, in dem etwa 85 Millionen Menschen in 10 Ländern leben – ist die passende kurze Beschreibung dieses Wasserweges, der seit Jahrhunderten beharrlich die Rolle als „große Straße“ durch das Herz des Kontinentes erfüllt. Dieser Strom mündet in einem 4200 km2 großen Gebiet, nach mehrfacher Teilung in die verschiedenen Arme ins Schwarze Meer. Über viele Jahre hinweg ist durch Schwemmmaterial eine Wasserlandschaft entstanden, die in ihren Ausmaßen einzigartig in Europa ist. Bis 1968 war das Delta fast unberührt und Kartenmaterial war rar. Man hatte die Idee, dieses Gebiet landwirtschaftlich zu nutzen, dafür legte man einige Teile trocken. Allerdings kam es zu zahlreichen Missernten. Nach der Revolution von 1989 wurde das gesamte Gebiet zum Naturschutzreservat erklärt. Etwa 100000ha des gesamten Gebietes stehen als Biosphärenreservat unter dem Schutz der UNESCO. Das Donaudelta liegt am Kreuzungspunkt des 45. Breitengrades nördlicher Breite mit dem 29. Meridian östlicher Länge. Die exakte Oberfläche beträgt 5050 km2, davon befinden sich 4530 km2 auf rumänischem Territorium. Das Gebiet ist sehr flach und zu 70-80% mit Wasser bedeckt. Es hat das Aussehen eines gleichseitigen Dreiecks mit Seiten von jeweils 80 km Länge. Bei einer Durchflussmenge von 5000-9000 m3 pro Sekunde führt die Donau jährlich etwa 50 Millionen Tonnen Anschwemmungen mit sich (etwa achtmal mehr als der Tiber und zwanzigmal mehr als der Rhein). Die Wassertemperatur beträgt im August durchschnittlich 22°C, im Oktober noch immer I8°C. Im Sommer herrscht eine große Luftfeuchtigkeit mit tropischen Temperaturen und im Winter folgt ein schneidendes Steppenklima, wobei Temperaturen bis -25°C möglich sind. Die Eisdecke auf der Donau ist bis zu einem Meter dick. Während der Frühjahrsschmelze staut der Fluss mehrere hundert Kilometer zurück, der Bereich des Deltas wird oftmals komplett überschwemmt. Zwischen den Armen des Deltas wechseln sich Festland und Wasser ab. Endlose Nehrungen, Kanäle und flache, von Eichenwäldern belebte Landschaften erwarten den Besucher. Die Fischfauna der Donau ist einzigartig, man findet viele Arten, die nur in diesem Flusssystem vorkommen: Steingreßling, Schrätzer, Zingel, Streber und Huchen – alle vom Aussterben bedroht. Daneben findet man natürlich auch den Wels, Zander, Hecht, Böbel, Barsch, den Plattfisch, Schleie, Karpfen, Karauschen sowie verschiedene Arten von Krebsen. Insgesamt findet man etwa 150 verschiedene Fischarten im Bereich des Donaudeltas.
Auch vom ornithologischen Gesichtspunkt aus gesehen, ist das Donaudelta einzigartig. Es gibt mehr als 300 Arten von Vögeln, davon sind 70 nichteuropäisch. Man unterteilt die Vögel in verschiedene Gruppen: (I) mediterran (2) europäisch (3) sibirisch (4) mongolisch und (5) chinesisch. Dies ist begründet in dem Fakt, dass sich im Donaudelta fünf Zugvogelrouten treffen. Mehr als die Hälfte der vorkommenden Vogelarten nisten auch im Gebiet des Deltas.

Mrs. Robinson

Mrs. Robinson´s Album – Spielräume
Musik aus allen Richtungen mit Albert Hosp. 50 Jahre Bookends 
Am 3. April 1968 waren Paul Simon und Art Garfunkel noch keine 27 und brachten trotzdem schon ihre vierte Langspielplatte heraus. Es war, nach frühen Hits wie „Sounds Of Silence“ oder „I am A Rock“ nun an der Zeit für ein besonders literarisches Album, das sich zwischen Buchstützen genauso gut ausmachen sollte wie im Platten-Regal. In den 14 Tracks werden wir tatsächlich mit eindrücklichen poetischen Bildern versorgt: Da sind die Autos im Stau, die nach Amerika suchen; da sind die alten Freunde, die auf einer Parkbank sitzen, wie Buchstützen; und da ist – in einer im Vergleich zum Soundtrack von „The Graduate“ neu eingespielten Version – der Song „Mrs. Robinson“, in dem es unter anderem heißt: „Where have You gone, Joe DiMaggio.“
Jahre später erinnert sich Paul Simon in einem Nachruf auf DiMaggio in der New York Times: „A few years after „Mrs. Robinson“ rose to No. 1 on the pop charts, I found myself dining at an Italian restaurant where DiMaggio was seated with a party of friends. I’d heard a rumor that he was upset with the song and had considered a lawsuit, so it was with some trepidation that I walked over and introduced myself as its composer. I needn’t have worried: he was perfectly cordial and invited me to sit down, whereupon we immediately fell into conversation about the only subject we had in common. „What I don’t understand,“ he said, „is why you ask where I’ve gone. I just did a Mr. Coffee commercial, I’m a spokesman for the Bowery Savings Bank and I haven’t gone anywhere.“ I said that I didn’t mean the lines literally, that I thought of him as an American hero and that genuine heroes were in short supply. He accepted the explanation and thanked me. We shook hands and said good night.“