📚 la mascherina (barbara toth)

Was kann man von Italien lernen? Jedes Lokal, jedes GeschĂ€ft hĂ€lt am Eingang einen Desinfektionsspender bereit. Meistens gibt es auch Temperaturkontrollen, oft Gratis-Einwegmasken, wobei in Italien ja ohnehin eine generelle Maskenpflicht herrscht und niemand ohne „Mascherina“ (klingt viel netter als Mund-Nasen-Schutz, oder?) vor die TĂŒr gehen kann.
Bemerkenswert ist auch, wie selbst kleine CafĂ©s, Bars und familiengefĂŒhrte GeschĂ€fte es schaffen, separate Ein- und AusgĂ€nge fĂŒr ihre GĂ€ste und Kunden einzurichten, und sei es nur, dass am Eingang eine Kordel die Ankommenden von den Weggehenden trennt. In großen LĂ€den markieren Pfeile am Boden die Richtung zwischen Regalen und KleiderstĂ€ndern, die man nehmen darf. Lokale schreiben außen an, wie viele Menschen sich zu einem Zeitpunkt im Inneren aufhalten dĂŒrfen, Schlange stehen ist deshalb ganz normal. Das Abstandhalten, Ausweichen, mehr noch eine ganz generelle RĂŒcksichtnahme im öffentlichen Raum wurde verinnerlicht, sie ist Teil des Alltags und deshalb kaum der Rede oder des Ärgers wert.
Sie ahnen vermutlich, auf was ich hinaus will? Diese aus sich selbst heraus generierte Corona-Höflichkeit ist das, was fehlt in Österreich. Das ist vermutlich auch das, was wir in diesem Sommer als Gesellschaft versĂ€umt haben, weiterzutragen, nachdem wir es im FrĂŒhjahr schon einmal gelernt hatten. Wirklich schade, weil es so einfach geht – und so viel Wirkung hat. Auf unsere Gesundheit sowieso, aber auch auf das Zusammenleben, vor allem in den StĂ€dten.
https://www.falter.at/maily/497/355-la-mascherina 

📚 Falter.maily

(…) Dass Stadtghettos nichts Erstrebenswertes sind, sollte Raab ihrem Ministerkollegen Gernot BlĂŒmel vielleicht in weniger missverstĂ€ndlichen Worten erklĂ€ren. Der hat am Wochenende die erste Strophe seiner BĂŒrgermeisterkandidatur gesungen: Nur Menschen, die Deutsch auf B1-Niveau sprechen, sollen Gemeindewohnungen bekommen. Sparen Sie sich die Pointe, wonach nur Menschen, die sich mit Volkswirtschaft auskennen, Finanzminister werden sollten. (…) (Lukas Matzinger im Falter.maily #314)

📚 Frauenbeschimpfer (Nils Pickert)

HerzerwÀrmende Frauenbeschimpfer (Nils Pickert, 4.8.2020) im Standard
Von Frauen entzaubert zu werden bringt mĂ€chtige MĂ€nner schon mal in Rage – und nach Kritik hoffen sie gar auf MitgefĂŒhl

Irgendwo muss es ihn geben. Diesen geheimen Club, bestehend aus einer kleinen Anzahl an MĂ€nnern, die eine unĂŒberschaubare Menge an Frauen mit sexistischen Beleidigungen ĂŒberziehen. Allein in Frankreich immerhin 1,2 Millionen. Anders lĂ€sst sich das nicht erklĂ€ren, dass Frauen im Straßenverkehr dafĂŒr als „Fotze“ beleidigt werden, dass sie sich bei einem rĂŒcksichtslosen Autofahrer darĂŒber beschweren, als Radfahrerin fast totgefahren worden zu sein, aber gleichzeitig niemand solche Worte in den Mund nehmen wĂŒrde beziehungsweise auch nur jemanden kennt, der so etwas tut. Oder doch?

Die Zahlen sind ja schon ziemlich eindeutig: Laut einer französischen Studie, die sich zur Analyse von sexistischen Beleidigungen den Zeitraum von 2006 bis 2016 angeschaut hat, werden 86 Prozent der Opfer von MĂ€nnern angegangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen sexistisch beleidigt werden, ist etwa zehnmal höher als bei MĂ€nnern. Es betrifft hĂ€ufig Frauen unter 35, es wird ihnen zumeist in aller Öffentlichkeit direkt ins Gesicht geschleudert, und es geht dabei mehrheitlich um ihre Ă€ußere Erscheinung. Gerne auch aus Gruppen heraus und am liebsten von MĂ€nnern, die einige Jahre Ă€lter sind als ihre weiblichen Opfer. Mit anderen Worten: Sexistische Beleidigungen gegen Frauen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Und TĂ€ter sind auch nicht nur einige wenige, irrelevante MĂ€nner. Wir reden unter anderem von dem 65-jĂ€hrigen Republikaner Ted Yoho, der die 30-jĂ€hrige Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez auf den Stufen des Washingtoner Kapitols „widerlich, gefĂ€hrlich und irre“ nannte und vor Umstehenden noch ein „fucking bitch“ nachschob.

Anlass fĂŒr diese AbfĂ€lligkeiten waren Äußerungen von Ocasio-Cortez, in denen sie ĂŒber einen Zusammenhang zwischen um sich greifender Armut und steigenden KriminalitĂ€tsraten spekuliert. Das ist ja aber auch ganz schön frech von so einer jungen Frau, dass sie ihren eigenen politischen Sachverstand bemĂŒht, sich eine Meinung bildet, gewĂ€hlt wird und in der Öffentlichkeit redet. Bundeskanzler Kurz hĂ€tte ihr womöglich wie der Journalistin Alexandra Wachter in aller gebotenen mĂ€nnlichen Herablassung attestiert, dass sie „ĂŒber ein Hirn verfĂŒgt“. Und dem stellvertretenden Tiroler Landeshauptmann Josef Geisler wĂ€ren vermutlich noch ein paar andere Beleidigungen außer „widerwĂ€rtiges Luder“ eingefallen. Neben der Tatsache, dass Mann offenbar wenig bis gar keine Skrupel hat, Frauen derart verbal zu belĂ€stigen und herabzusetzen, sind zwei Dinge besonders bemerkenswert.

Zum einen die DĂŒnnhĂ€utigkeit von MĂ€nnern, die anscheinend mit der substanzlosen OberflĂ€chlichkeit ihrer angeblich guten Manieren korreliert. Wenn man sich vor Augen fĂŒhrt, wie wenig offenbar notwendig ist, um sich zu derlei VerbalausfĂ€llen zu versteigen, dann scheint die bloße Existenz von Frauen in FĂŒhrungspositionen, auf Podien, in politischen Entscheidungsgremien oder einfach nur auf der Straße schon Grund genug zu sein. Das, was MĂ€nner als Frechheit oder Anmaßung deuten, ist in den meisten FĂ€llen einfach nur eine Frau, die etwas sagt. Die Position bezieht, anmerkt, kritisiert, vorschlĂ€gt und dabei nicht angesichts mĂ€nnlichen Dominanzgebarens in Ehrfurcht erstarrt. Und zum anderen fĂ€llt der großflĂ€chige RealitĂ€tsverlust dieser MĂ€nner auf. Die lĂ€cherlichen LĂŒgen, mit denen sie ihr Selbstbild vom großzĂŒgigen Macher und „eigentlichen Frauenfreund“ inszenieren, der leider, leider bei dieser einen unglĂŒcklichen Begebenheit missverstanden wurde, obwohl er doch so ein herzensguter Kerl ist.

Josef Geisler hat sich nicht entblödet, seine Beschimpfung zu relativieren und obendrein noch zu behaupten, es sei eben mit ihm durchgegangen, weil ihm die WWF-Vertreterin Marianne Götsch stĂ€ndig dazwischengeredet habe – obwohl das genaue Gegenteil der Fall war. WĂ€hrend Götsch ruhig und sachlich ihr politisches Anliegen vortrĂ€gt, brennt bei Geisler offenbar die „Wieso zur Hölle hat sich dieses widerwĂ€rtige Luder nicht lĂ€ngst vor mir in den Staub geworfen und gestanden, dass sie meiner nicht wĂŒrdig ist“-Sicherung durch. Ähnliches gilt fĂŒr den Republikaner Yoho, der sich in seiner passiv-aggressiven „Entschuldigung“ als Opfer geriert, hinter Ehefrau und Tochter versteckt, die qua Geschlecht beleumunden sollen, dass er kein Sexist sein kann, und sich zudem eben nicht „fĂŒr seine Leidenschaft, seine Liebe zu Gott, zu seiner Familie und seinem Land“ entschuldigen mag.

Ist das nicht ergreifend! Wer da kein VerstĂ€ndnis dafĂŒr aufbringen kann, dass man eine junge Frau aus Vaterlandsliebe und emphatischer Gottesbegeisterung als „verdammte Schlampe“ bezeichnet, der hat kein Herz. Oder einfach die Schnauze voll von selbstgefĂ€lligen MĂ€nnern, die nicht einmal vor der Dreistigkeit zurĂŒckschrecken, ihre Übergriffigkeiten mit dem angeblich ach so besorgten und vĂ€terlich-liebevollen Blick auf ausgerechnet diejenigen zu rechtfertigen, die sie beleidigen und herabsetzen. Sie können sich entscheiden. Entweder ist Sebastian Kurz ein so bedeutender Mann, dass er von einer Journalistin nicht mit solchen nachbohrenden Fragen belĂ€stigt werden sollte, und Josef Geisler immerhin noch wichtig genug, dass er Besseres zu tun hat, als sich mit durch Frauen vorgetragenen umweltpolitischen Forderungen auseinanderzusetzen.

Entweder ist Ted Yoho ein Held, der die schlimmen „kommunistischen Umtriebe“ von Alexandria Ocasio-Cortez einfach nicht mehr ertragen konnte. Oder wir haben es hier mit einer Version von MĂ€nnlichkeit zu tun, die sich durch aufgeblasene Wichtigtuerei auszeichnet, deren hervorstechendstes Merkmal es ist, sich um keinen Preis ausgerechnet von Frauen entzaubern lassen zu wollen. Als Entscheidungshilfe empfehle ich Ihnen die messerscharfe Analyse von Ocasio-Cortez, die unmissverstĂ€ndlich klarstellt, warum sexistische Beleidigungen nicht hinnehmbar und vergiftete Entschuldigungen nichts wert sind.

Rep @AOC: „I do not need Rep. Yoho to apologize to me. Clearly he does not want to. Clearly when given the opportunity he will not & I will not stay up late at night waiting for an apology from a man who has no remorse over calling women & using abusive language towards women.“ pic.twitter.com/XKymFh3Oyf
— CSPAN (@cspan) July 23, 2020
Tatsache ist, dass nicht Frauen wie Alexandria Ocasio-Cortez, Marianne Götsch oder auch Alexandra Wachter MÀnner schlecht aussehen lassen. MÀnner lassen MÀnner schlecht aussehen. Und das sollten gerade MÀnner ihnen nicht lÀnger durchgehen lassen. (Nils Pickert, 4.8.2020)

Die Welt nach Corona

Die Welt nach Corona (Matthias Horx, 16.03.2020)

Die Corona-RĂŒckwĂ€rts-Prognose: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise „vorbei“ ist.

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird” und alles wieder zur NormalitĂ€t zurĂŒckkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung Ă€ndert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fĂŒgt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. DafĂŒr möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrĂŒckt? Versuchen wir es einmal:

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem StraßencafĂ© in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen.

Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie frĂŒher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie frĂŒher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?
WorĂŒber werden wir uns rĂŒckblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung fĂŒhrten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre fĂŒhrten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf MultikanĂ€len plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte mĂŒssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue MöglichkeitsrĂ€ume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue NĂ€he. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hĂ€tten. Wir haben alte Freunde wieder hĂ€ufiger kontaktiert, Bindungen verstĂ€rkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind nĂ€her gerĂŒckt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.

Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fussballspielen eine ganz andere Stimmung als im FrĂŒhjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewĂ€hrten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge ĂŒber Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde fĂŒr Viele zu einer SelbstverstĂ€ndlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren ohne Second Screen hervor. Auch die »messages« selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige SpaziergĂ€nge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). BĂŒcher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivia-Trash, der unendliche SeelenmĂŒll, der durch alle KanĂ€le strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.
Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um 
 ja um was ging da eigentlich?

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte PhĂ€nomene auflösen, ĂŒber-flĂŒssig machen


Zynismus, diese lÀssige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen.

Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen mĂŒssen – Ă€hnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die VerĂ€nderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler EinschrĂ€nkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene KĂŒnstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das VerhĂ€ltnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, TrĂ€ger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir fĂŒreinander?

Wir staunen rĂŒckwĂ€rts, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsĂ€chlich entstanden ist.

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie »Zusammenbruch« tatsĂ€chlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wĂ€re Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar trĂ€umen kann.

Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile ĂŒber den Planeten gekarrt werden, hat sich ĂŒberlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfĂŒhlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blĂŒhender GemĂŒsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geÀndert hat, in die es sich sowieso verÀndern wollte?

RE-Gnose: GegenwartsbewÀltigung durch Zukunfts-Sprung

Warum wirkt diese Art der »Von-Vorne-Szenarios« so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hĂ€ngt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir »in die Zukunft« schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme »auf uns zukommen«, die sich zu unĂŒberwindbaren Barrieren tĂŒrmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns ĂŒberfĂ€hrt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-ZukĂŒnfte immer am Einfachsten darzustellen.

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine BrĂŒcke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein »Future Mind« – Zukunfts-Bewusstheit.

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die Ă€ußeren »Events«, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine verĂ€nderte Welt reagieren, zu antizipieren.

Das fĂŒhlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

Wir alle kennen das GefĂŒhl der geglĂŒckten AngstĂŒberwindung. Wenn wir fĂŒr eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es ĂŒberhaupt wehtut. In der Antizipation dieses GefĂŒhls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig ĂŒberwĂ€ltigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur ĂŒberstanden haben, kommt es zum Coping-GefĂŒhl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

Coping heißt: bewĂ€ltigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. WĂ€hrend uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir PlĂ€ne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt »endet«, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch WĂ€lder oder Parks, oder ĂŒber fast leere PlĂ€tze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

So erweist sich: Wandel beginnt als verĂ€ndertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewÀhlt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt.

Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam dieser Krise eine neue GlaubwĂŒrdigkeit, eine neue LegitimitĂ€t. Gerade weil sie »autoritĂ€r« handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der BewĂ€hrungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch »futuristische« Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie LadenhĂŒter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger

Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.

Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends KonnektivitĂ€t. Politisch-ökonomisch wird dieses PhĂ€nomen auch »Globalisierung« genannt. Die Unterbrechung der KonnektivitĂ€t – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, QuarantĂ€nen – fĂŒhrt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

Die kommende Welt wird Distanz wieder schĂ€tzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und AbhĂ€ngigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionĂ€rer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, ĂŒberlebensfĂ€hig, durch. Das macht einen zunĂ€chst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: ZukunftsfĂ€hig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden KomplexitĂ€t sprechen, werden die FĂŒhrer von Morgen sein. Die werdenden HoffnungstrĂ€ger. Die kommenden Gretas.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenĂŒber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.”

Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte MÀrz

Jede Tiefenkrise hinterlÀsst eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stÀrksten Visionen, die das Coronavirus hinterlÀsst, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu ĂŒberhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.

http://www.horx.com und http://www.zukunftsinstitut.de

google 2019

Die zehn meistgesuchten Begriffe des Jahres in Österreich
1. Strache
2. Notre Dame
3. Dominic Thiem
4. EU-Wahlergebnisse
5. iPhone 11
6. 30 Jahre Mauerfall
7. Nationalratswahl
8. Julen
9. Böhmermann
10. Kurz

Die zehn meistgesuchten Begriffe des Jahres in Deutschland
1. Rebecca Reusch
2. Notre Dame
3. Handball-WM
4. Karl Lagerfeld
5. Julen
6. Europawahl
7. Frauen-WM
8. 30 Jahre Mauerfall
9. Thomas Cook
10. Greta Thunberg

Die zehn meistgesuchten Themen weltweit
1. India vs South Africa
2. Cameron Boyce
3. Copa America
4. Bangladesh vs India
5. iPhone 11
6. Game of Thrones
7. Avengers: Endgame
8. Joker
9. Notre Dame
10. ICC Cricket World Cup

Die Aufreger und Schicksale Österreich
1. Ibiza-Video
2. Florian Janny
3. Misstrauensantrag
4. Lisa Alm
5. IdentitÀre
6. Lernsieg
7. Johannes DĂŒrr
8. HTL Ottakring
9. Donauzentrum Brand
10. Original Play

Chronik International
1. Rebecca Rausch
2. Sri Lanka
3. Greta Thunberg
4. Artikel 13
5. Area 51
6. Baby Sussex
7. WhatsApp Störung
8. Venedig Hochwasser
9. Heidi Klum Hochzeit
10. Amazonas

Was?
1. Was macht Ingwer scharf?
2. Was soll ich kochen?
3. BlasenentzĂŒndung – was tun?
4. Was ist mein Auto wert?
5. Was hilft gegen Sonnenbrand?
6. Was soll ich wÀhlen?
7. Was macht Strache jetzt?
8. Was bedeutet LOL?
9. Was tun gegen Sodbrennen?
10.Was schenkt man zur Erstkommunion?

Wie?
1. Wie spÀt ist es?
2. Wie heißt die Mutter von Niki Lauda?
3. Abnehmen aber wie?
4. Granatapfel wie essen?
5. Wie wird das Wetter heute?
6. Wie schnell ist mein Internet?
7. Wie viele LĂ€nder gibt es?
8. Wie schnell wachsen Haare?
9. Wie heißt der Sohn von Marcel Hirscher?
10. Wie viele Tage bis Weihnachten?

Was? Deutschland
1. Wie geht Floss Dance?
2. Grundrente wie hoch?
3. Wie heißt das Baby von Prince Harry?
4. Wie unterschreibt die Queen?
5. Wie alt ist Mero?
6. Wie geht es Harald von den Wollnys?
7. Wie funktioniert die Europawahl?
8. Wie lange geht ein Handballspiel?
9. Wie alt ist Notre Dame?
10. Wie lange lebt eine Biene?

Wer, wann, wo?
1. Wer steckt hinter Ibiza-Video?
2. Wer schafft die Arbeit?
3. Wann wird es wieder wÀrmer?
4. Wo wurde die Pummerin gegossen?
5. Wo liegt Andorra?

Technik
1. iPhone 11 Pro
2. Samsung Galaxy S10
3. Huawei P30
4. Peugeot e-Legend
5. Tesla Cybertruck
6. Huawei P20 Lite
7. AirPods Pro
8. iOS 13
9. Huawei Mate 20 Pro
10. Disney+

Wirtschaft
1. Jö Club
2. Wirecard Aktie
3. Thomas Cook
4. Familienbonus Plus
5. Smyths
6. Neuro Socks
7. Hartwig Löger
8. Vignette
9. Apple Pay
10. refurbed

Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher

Peter Turrini – Nachrichten aus Österreich
Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher
Rede anlĂ€ĂŸlich einer Republiksfeier des SPÖ-Parlamentsclubs 30. Oktober 2018
Verehrte Menschen! Liebe Freunde!
Bruno Kreisky, hinlĂ€nglich verblichen und daher von aller Welt nachhaltig verehrt, fĂŒhrte in den 70er- und 80er-Jahren immer wieder GesprĂ€che mit KĂŒnstlern, unter anderem auch mit mir. Ich erinnere mich an eine Argumentation von ihm, daß es nicht auf alles eine politische Antwort gebe, manches komme schlicht und einfach aus den Untiefen des menschlichen Charakters. Seine Worte haben mir damals eher mißfallen, weil ich alles fĂŒr politisch hielt und daher auch alles fĂŒr politisch lösbar.
Dieser Meinung bin ich heute nicht mehr.
Ein Gespenst geht um in Europa, nichts Unmenschliches ist ihm fremd. Es scheint, als sei ein Wettrennen darĂŒber ausgebrochen, wer der grĂ¶ĂŸere Feind des NĂ€chsten ist, wer die SchwĂ€cheren am besten verhöhnen kann. Der politische Begriff des Rechtsrucks greift zu kurz, hier geht es auch um den Charakter des einzelnen. Ich habe daher meiner Rede den Titel gegeben: „Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher“.
Glauben Sie nicht, daß ich aus der Warte des besseren Menschen argumentiere. Die Seele ist nicht nur ein weites Land, dieses Land ist auch voller WidersprĂŒche. Da hocken das Gute und das Böse in ein und derselben Brust erstaunlich nahe beieinander. Die entscheidende Frage, die ich Ihnen und mir selbst stelle, ist doch, auf welche Seite unseres vermischten Wesens wir uns stellen. Verbleiben wir in der Mieselsucht, in der Kleinkariertheit, in der Abschottung gegenĂŒber dem Fremden, in der Ausgrenzung des Anderen, bei der Verhöhnung des SchwĂ€cheren, also in der Arschlochecke unseres Charakters, oder versuchen wir ĂŒber uns selbst hinaus zu wachsen, indem wir anderen Menschen helfen?
Das ist nicht immer leicht. Wir hatten FlĂŒchtlinge in unserem Haus, fallweise ziemlich viele, und wir hatten sie auf lĂ€ngere Zeit. Manchmal sind sie mir sehr auf die Nerven gegangen. FlĂŒchtlinge entsprechen nicht unbedingt unseren Idealvorstellungen. Sie sind Menschen mit AnsprĂŒchen und WidersprĂŒchen. Und dennoch: Geblieben sind Zugehörigkeiten zu einigen von ihnen und das GefĂŒhl, daß wir einander Ă€hnlicher sind, als wir glauben.
Das Wort Rechtsruck, das wir oft und fĂŒr vieles im Mund fĂŒhren, deckt mehr zu, als es aufdeckt. Was sollte an einer rechten Überzeugung, die ich nicht teile, in einer Demokratie so grundsĂ€tzlich falsch sein? Und auch die Ă€ußerste Rechte, die Freiheitlichen, sind eine Partei im demokratischen Spektrum, zumindest dem Anschein nach. Demokratie, und da bin ich schon beim Thema dieser Veranstaltung, heißt doch wohl, Überzeugungen, Gedanken und SĂ€tze zu ertragen, die einem gegen den Strich gehen. Ich gebe zu, daß mir dies manchmal sehr schwerfĂ€llt, aber es fĂ€llt mir wiederum leichter, wenn ich daran denke, daß den anderen mein Denken und Sprechen auch Probleme macht. Wir mĂŒssen einander aushalten und miteinander reden, notfalls mit gehobener LautstĂ€rke und aller Leidenschaft. Aber diese Wollust der Ausgrenzung, ja der Vernichtung, die derzeit gegenĂŒber dem anderen und dem Andersartigen mehr und mehr aufbrodelt, die mĂŒssen wir nicht ertragen, die mĂŒssen wir bekĂ€mpfen.
Eine bĂŒrgerliche Partei mit christlichen Wurzeln mĂŒĂŸte gegen diese neue Barbarei auftreten, sie mĂŒĂŸte mithelfen, daß FlĂŒchtlinge wie Menschen behandelt werden und daß ihnen geholfen wird, soweit es irgendwie möglich ist. Man kann durchaus ĂŒber das Mögliche diskutieren, man muß nicht auf dem Unmöglichen beharren. Eine demokratische Regierung, in welcher Zusammensetzung auch immer, mĂŒĂŸte diesem grassierenden Fremdenhaß entgegentreten, doch das explizite Gegenteil geschieht. Beinahe tĂ€glich sind von der jetzigen Regierung VorschlĂ€ge zu hören, was man den FlĂŒchtlingen noch alles wegnehmen und welche UnterstĂŒtzungen man immer weiter kĂŒrzen könnte.
Eine Sozialministerin ist der Meinung, daß ein FlĂŒchtling nicht mehr als 150 Euro im Monat braucht, um ĂŒberleben zu können. Das ist ĂŒbrigens laut Statistik jener Betrag, den Hundeliebhaber monatlich fĂŒr Hundefutter ausgeben.
Sind denn alle verrĂŒckt geworden? Hat ein Land wie Österreich, welches in seiner Geschichte alle möglichen Ethnien aufgenommen und zum Nationalcharakter verschmolzen hat und gerade dadurch zu vielen kreativen Großtaten fĂ€hig wurde, seine Geschichte vergessen? In meiner Jugend war man stolz darauf, den flĂŒchtenden Ungarn und den flĂŒchtenden Tschechen großzĂŒgig Asyl gewĂ€hrt zu haben, und dies zu Recht. Hat das Arschlochtum, der RĂŒckzug auf die schlimmsten Seiten des Charakters, das sture und stumme Verharren in der eigenen TrĂ€gheit, einen Siegeszug durch die österreichischen Lande angetreten?
Dieser Weg in die Erkaltung der Herzen, dieser allerneueste Klimawandel, hat einen symbolischen Anfang und kein absehbares Ende. Anfang der 90er-Jahre erfand der deutsche Journalist und Autor Kurt Scheel das Wort „Gutmensch“. Er hatte den Begriff auf grĂŒne Bundestagsabgeordnete gemĂŒnzt, die strickend im Parlament saßen und immer alles besser wußten. Damals gab es die ersten ÜberfĂ€lle von Neonazis auf FlĂŒchtlingsheime in Deutschland. HĂ€user brannten, Menschen starben. Als einige wenige BĂŒrger den Neonazis entgegentraten, wurden sie von diesen als „Gutmenschen“ verhöhnt. Scheel war entsetzt und versuchte, mit allen Mitteln dagegen vorzugehen, vergebens. Der Teufel war schon aus dem Sack.
Seither verwenden immer mehr Rechte in allen BrĂ€unlichkeitsstufen und MitlĂ€ufer aller Dummheitsgrade diesen Begriff zur Beschimpfung von Menschen, die gegen Faschismus, Rassismus und Fremdenphobie auftreten, und gegen solche, die – zumeist unentgeltlich – in karitativen Organisationen arbeiten.
„Gutmensch“ ist zum großen Schimpfwort geworden, als wĂ€re es höchst erstrebenswert, ein „Schlechtmensch“ zu sein.
Am 8. September 2015 geschah in Röszke, einem ungarischen Grenzort in der NĂ€he Serbiens, folgendes: Die ungarische Kamerafrau Petra LĂĄszlĂł stellte einem syrischen FlĂŒchtling, der ein Kind auf dem Arm trug und vor ungarischen Grenzpolizisten davonlief, ein Bein. Sie filmte die Szene: Der Mann fĂ€llt hin, begrĂ€bt das Kind halb unter sich, steht mĂŒhsam auf, das Kind weint, der Mann flucht. An dieser Stelle brach das Video ab. Das Video kam in die Medien, weltweit. Frau LĂĄszlĂł verteidigte sich damit, daß sie Mutter von zwei Kindern sei und daß sie sich von den FlĂŒchtlingen bedroht gefĂŒhlt habe. Das Video sprach eine andere Sprache. Schließlich sagte sie, sie könne sich ihr Handeln auch nicht erklĂ€ren.
Kurz danach gab es ein anderes Vorkommnis an der ungarischen Grenze. Ein FlĂŒchtlingskind fiel in den Morast, eine flĂŒchtende Gruppe rannte auf das Kind zu. Der ungarische Kameramann Attila Kisbenedek riß das Kind an sich und lief mit ihm zur Seite. Die Menge wĂ€re ansonsten ĂŒber das Kind hinweggetrampelt. Petra LĂĄszlĂł trat der rechtsradikalen Jobbik-Partei bei. Über das mutige Eingreifen von Attila Kisbenedek wurde in Ungarn geschwiegen.
Umso wort- und tatenreicher wurde die inzwischen staatlich verordnete Barbarei verbreitet. Wer FlĂŒchtlingen in Hinkunft helfen wollte, mußte damit rechnen, vom Staat gerichtlich verfolgt zu werden. Bald war auch in Ungarn von „Gutmenschen“ die Rede, denen man das Handwerk legen mĂŒsse. Die Diskriminierung und Kriminalisierung von Hilfsorganisationen nahm immer mehr zu: Die „Ärzte ohne Grenzen“ wurden diffamiert und bei ihren Versuchen zu helfen behindert. Schiffe, die FlĂŒchtlinge aus dem Mittelmeer retteten, durften keine italienischen HĂ€fen mehr anlaufen. Ein österreichischer Innenminister wollte FlĂŒchtlinge in konzentrierte Lager verfrachten. Eine AfD-Abgeordnete antwortete auf die Frage, wie denn dies alles enden solle, mit zwei Worten: „Notfalls schießen“.
Die Höllenfahrt in die Unmenschlichkeit wird immer rasanter: Der BĂŒrgermeister des sĂŒditalienischen Dorfes Riace, Domenico Lucano, wurde verhaftet und anschließend in die Verbannung geschickt. Er hatte in ĂŒberwiegend leerstehenden HĂ€usern seines Dorfes Migranten untergebracht. Noch im vorigen Jahr hatte Domenico Lucano dafĂŒr den Dresdner Friedenspreis bekommen. Matteo Salvini, der italienische Innenminister, vermeldete auf Twitter, diesem SpeibkĂŒbel fĂŒr unfeine Herren, er hoffe, die „Gutmenschen“ wĂŒrden jetzt begreifen, daß es ihnen an den Kragen gehe. Das Wort „Gutmensch“ hat lĂ€ngst sein Herkunftsland Deutschland verlassen. Die „Aquarius“, das letzte private Rettungsschiff, welches FlĂŒchtlinge in Seenot aufnimmt, wird wohl demnĂ€chst seine Hilfe einstellen mĂŒssen. Panama, unter dessen Flagge das Schiff fĂ€hrt, hat mitgeteilt, daß es die „Aquarius“ aus ihrem Schiffsregister streichen will.
Im September 2018 starben mehr als 200 BootsflĂŒchtlinge im Mittelmeer. Zyniker der Macht, zu denen ich auch den österreichischen Bundeskanzler Kurz zĂ€hle, sagen, es mĂŒĂŸten noch mehr Menschen ertrinken, um die FlĂŒchtlinge von einer Flucht ĂŒber das Meer abzuhalten.
Und in Österreich? An der Entwicklung in diesem Land leide ich besonders. Es ist ja auch mein Land. Als Sohn eines italienischen Einwanderers, welcher nie so recht in der deutschen Sprache ankam und es nicht bis an den Stammtisch der Einheimischen schaffte, habe ich lange genug gebraucht, dieses Land als mein Land zu empfinden. Ich will es mir von einem adrett zugerichteten jungen Mann in der Bundeskanzlerpose und von einer Horde Burschenschafter in MinisterbĂŒros nicht mehr nehmen lassen.
Diese Regierung ist politisch phantasielos und frei von Moral. Sie kommt stÀndig mit dem Anspruch des Neuen daher und ist uralt. Die rechten Regierungen nehmen den SchwÀcheren etwas weg und geben es den StÀrkeren. Unter der lÀchelnden Maske verbergen sich Postengier und HerzenskÀlte. Das Rennen um Vermehrung der KÀltegrade lÀuft.
Wie bei einem geplanten Coup ging man arbeitsteilig vor: Jeder hat seine Aufgabe und nachher teilt man die Beute. Herr Kurz bekam die Wirtschaft und schafft ein echtes Wirtschaftswunder fĂŒr die Reichen und Herr Strache bekam die Polizei, das MilitĂ€r, die Geheimdienste und sorgt seitdem dafĂŒr, daß wir uns tatsĂ€chlich wundern, was alles möglich ist.
In einer Art Ballspiel der Macht wurden die Staatsposten verteilt: Ihre Bezeichnungen wurden auf BĂ€lle geschrieben, diese wurden in die Luft geworfen und die Postengierigen rauften sich darum. Jeder konnte behalten, was er fangen konnte. Eine ehemalige GeneralsekretĂ€rin der ÖVP fing den Ball einer PrĂ€sidentin des Nationalrates, den sie aber gleich wieder fallenließ, weil ihr ein Ball mit der Aufschrift Ministerin fĂŒr Nachhaltigkeit und Tourismus attraktiver erschien. Ein ehemaliger Innenminister, bekannt fĂŒr seine BißwĂŒtigkeit, riß den fallengelassenen Ball des ParlamentsprĂ€sidenten an sich und lĂ€chelt seitdem zwanghaft vor sich hin. Als SpitzenfĂ€nger erwies sich der PrĂ€sident der Wirtschaftskammer, er ergatterte sieben BĂ€lle, also sieben Posten. Der einzige, der zu tolpatschig war, um einen Ball zu ergattern, war Herr Kickl. Er ging trotzdem nicht leer aus, weil man den Ball mit der Aufschrift Innenminister schon vorher fĂŒr ihn zur Seite geschafft hatte.
Was diese Regierung macht, ist nicht nur ein moralischer Umsturz, vom Anstand zur UnanstĂ€ndigkeit, sondern vor allem ein politischer. Arbeiterrechte werden reduziert, Frauenvereinigungen wird die UnterstĂŒtzung entzogen und Organisationen, die Immigranten helfen wollen, werden abgedreht. Alles soll in einer einzigen Behörde zusammengefaßt werden, eine eigene Agentur fĂŒr Fremdenwesen soll geschaffen werden, in dem von der Beratung der FlĂŒchtlinge bis zur Abschiebung alles in den HĂ€nden von Beamten des Innenministeriums liegt. Private Hilfsorganisationen, RechtsanwĂ€lte, Helfende sollen nichts mehr mitzureden haben. Das ist ein Staatsstreich in Zeitlupe gegen die Zivilgesellschaft, immer ein bißchen weiter nach rechts ins Menschenfeindliche, bis man dort ist, wo Herr Salvini und Herr OrbĂĄn schon sind.
Von muslimischen MĂ€nnern sagt man, sie wĂŒrden mit ihren Frauen besonders respektlos umgehen. Von der gegenwĂ€rtigen Regierung wurden viele Projekte von und fĂŒr Frauen gekĂŒrzt oder gestrichen. Es sind sehr viele und ich zĂ€hle nur einige auf:
Das autonome Frauen- und Lesbenzentrum in Innsbruck wurde um 100 % gekĂŒrzt.
Das Nova-Lernzentrum in der Steiermark wurde zu 100 % gekĂŒrzt.
Der Arbeitskreis fĂŒr Emanzipation und Partnerschaft in Innsbruck wurde um 20 % gekĂŒrzt.
Der Dachverband der burgenlĂ€ndischen Frauen, MĂ€dchen und Familienberatungsstellen wurde gekĂŒrzt.
Die Projektförderungen der autonomen österreichischen FrauenhĂ€user wurden gekĂŒrzt.
Das Ansuchen fĂŒr den Dokumentarfilm „40 Jahre Frauenhausbewegung“ wurde nicht bewilligt.
Die Förderung der feministischen Buchhandlung Chicklit wurde zu 100 % gestrichen.
Die Beratungsstelle Courage wurde um 10 % gekĂŒrzt.
Der österreichische Frauenring wurde um 20 % gekĂŒrzt.
Der Verein ARGE Frauengesundheitszentrum wurde um 100 % gekĂŒrzt.
Alle Frauen- und MĂ€dchenberatungsstellen wurden gekĂŒrzt.
Die Genderabteilung im Sozialministerium wurde aufgelöst.
Wenn es also stimmen sollte, daß Muslime frauenfeindlich sind, dann muß diese Bundesregierung aus lauter Muslimen bestehen.
Eine der wichtigsten Einrichtungen, das sogenannte Jugend-College, wird gemeinsam von Diakonie, Caritas und der Gemeinde Wien betrieben. Dort wird fĂŒr tausend hauptsĂ€chlich junge FlĂŒchtlinge Basisbildung vermittelt, um ihre Integration zu ermöglichen. Dieses so wichtige College wurde heuer um 50 % gekĂŒrzt und soll nĂ€chstes Jahr völlig aufgelöst werden.
Alle Programme, alle Einrichtungen, welche mithelfen sollen, die Konflikte zwischen Einheimischen und FlĂŒchtlingen zu lösen, LernrĂ€ume fĂŒr auslĂ€ndische Kinder zu schaffen, wurden gekĂŒrzt oder aufgelöst.
Die Mittel fĂŒr Deutschkurse wurden generell gekĂŒrzt.
Junge FlĂŒchtlinge, die einen Asylantrag gestellt und einen Ausbildungsplatz als Lehrling gefunden haben, wurden und werden abgeschoben.
Die Wahrheit ist: Diese Regierung will keine Integration.
Gefördert hingegen werden rechtsextreme Medien wie beispielsweise die Internet-Zeitung „Unzensuriert“, deren Chefredakteur in Herrn Kickls BĂŒro sitzt. Oder die Zeitschrift fĂŒr die gehobene Hetzerei, „Zur Zeit“. Oder das antisemitische Blatt „Alles Roger?“ oder der rechtsextreme „Wochenblick“ und so weiter. Es geht immer weiter ins Rechtsextreme, aber ich wiederhole mein Argument, daß damit nicht alles erklĂ€rt ist. Herr Gudenus hat einen afghanischen FlĂŒchtling, der in Österreich als Lehrling arbeitet, zum Sympathisanten einer Terrororganisation erklĂ€rt. Als sich das Ganze als LĂŒge herausstellte, hat er den Irrtum seiner Recherche zwar bedauert, war aber zu keiner Entschuldigung gegenĂŒber dem Lehrling bereit. Herr Gudenus gehört sicher zum Stoßtrupp der Rechten, aber er ist auch ein Riesenarschloch. Ich widerrufe diesen Ausdruck und verfeinere meine Wortwahl: Herr Gudenus ist ein sozial verwahrloster Mensch.
Herr Kickl verkĂŒndet die Absicht, bei einem Menschen, der einer Straftat verdĂ€chtigt wird, die NationalitĂ€t zu nennen, sofern dieser ein Migrant ist. Ich halte das fĂŒr eine mehr oder weniger unverhohlene Aufforderung zur Menschenjagd. Die meisten Menschen töten nicht, rauben nicht, vergewaltigen nicht, aber die meisten Menschen halten die meisten Menschen fĂŒr fĂ€hig, solche Taten zu begehen, vor allem, wenn es sich um AuslĂ€nder handelt. Sie wirken, angeleitet von den Hirnlöchern in den Boulevard-Zeitungen, förmlich erlöst, wenn wieder jemand dingfest gemacht wird.
Die verdĂ€chtigen Eigenschaften, welche Menschen bei anderen Menschen, hauptsĂ€chlich Fremden, wahrnehmen, schlummern zumeist in ihnen selbst. Die Ungeheuer, die man ĂŒberall sieht, rumoren unsichtbar in der eigenen Brust. Die Vorstellung, die Hölle seien immer die anderen, ist die verbreitetste und unrichtigste. Die Kindesmißhandlungen, die Frauenmißhandlungen begeht höchst selten der dunkle Mann im Park, sondern fast immer der eigene Vater oder Gatte hinter verdeckten Fenstern. Hinter den scheinbaren oder tatsĂ€chlichen Taten von wenigen verstecken sich die AbgrĂŒnde von vielen.
Herr Strache betont immer wieder, daß seine Partei nicht rechtsradikal sei, dann sagen wir es eben anders: Sie ist radikal rechts. Und wenn im Keller einer schlagenden Verbindung Liedtexte gefunden werden, in denen man verspricht, noch eine weitere Million Juden zu ermorden, dann kann man wohl annehmen, daß solche SĂ€tze nicht nur in den Tiefen des Kellers, sondern auch in den nicht mehr faßbaren Untiefen der Charaktere dieser Leute lauern. Und wenn der Kellermeister zwar suspendiert, aber nach einigen Monaten wieder inthronisiert wird, dann ist jegliche Schamgrenze in dieser Republik bei weitem ĂŒberschritten.
Immer wenn Mitglieder der FPÖ einen braunen RĂŒlpser von sich geben, oder noch schlimmer, ein solches Gedankengut erbrechen, dann sprechen sie nachher von einem MißverstĂ€ndnis. Wer das Wesen dieser Partei besser verstehen will, der muß nur die MißverstĂ€ndnisse einer einzigen Woche zusammenzĂ€hlen.
Und Herr Kurz? Er schweigt zu alldem, und das macht ihn zunehmend zum verlĂ€ngerten Braunen. Am Anfang seines politischen Weges war er mir nicht ganz unsympathisch. KĂŒbel voller HĂ€me ergossen sich ĂŒber ihn, ob seiner Jugend und außerdem hatte er eine sachliche Art mit FlĂŒchtlingen und ĂŒber FlĂŒchtlinge zu reden. Irgendwann muß er entdeckt haben, daß es zielfĂŒhrender ist, sich selbst und andere zu verraten, um schneller voranzukommen.
Es gibt eine Karikatur von Gerhard Haderer, die nicht abgedruckt wurde, auf der man Herrn Kurz mit einem braunen Haufen auf dem Kopf sieht. Er schaut angestrengt in eine imaginĂ€re Menge, der Gestank ist ihm ganz nah und er sagt: „Braune Haufen, wo?“ Seinen Gesichtsausdruck nennt man Message Control.
Herr Kurz ist eine einzige OberflÀche geworden. Er ist kein Mann ohne Eigenschaften, sondern einer mit sehr vielen, vor allem solchen, die gerade gefragt sind. Er hÀngt sein MÀntelchen immer in jenen Wind, den er selbst erzeugt. StÀndig redet er von der Balkanroute, die er geschlossen hÀtte, und wenn das keiner mehr hören kann, spricht er von Anlandezentren in Afrika. Und als auch diese sich als Windwachelei entpuppen, erfindet er die nÀchste. Populisten wie ihm, diesen Wellenreitern des Augenblicks, fÀllt immer etwas ein.
Er vertritt eine Meinung und sieht von ihr ab, wenn ihm eine andere opportuner erscheint. Er nennt arbeitende Menschen Durchschummler, will sie aus dem Faulbett sozialer Überversorgung herausholen, und wenn ihm solches politisch nicht guttut, erklĂ€rt er, daß er ein Herz fĂŒr Arbeiter hĂ€tte, schließlich sei sein Vater einmal arbeitslos gewesen. Dieser Mann sagt alles, besonders das Gegenteil. Er herzt sich mit OrbĂĄn, und als diese ZungenkĂŒsserei schal wird, stĂ¶ĂŸt er ihn von sich. Es wird wieder eine Gelegenheit zur Umarmung geben, ganz wird er seinen Geistesbruder schon nicht auslassen.
Herr Kurz versammelt als Erlöser seine GlÀubigen auf einem steirischen Kernölberg und speist sie mit gemeinsamen Selfies. Es ist wirklich ein Wunder, in welch lichten Höhen die politische OberflÀchlichkeit dieses Landes gerade versinkt.
Regierungen leben nicht in Übereinstimmung mit ihren Untaten. Immer muß ihrem MachtbedĂŒrfnis ein edles Motiv unterschoben werden, vorwiegend dieses: Die Maßnahmen der Regierung seien ja letztendlich im Interesse der Betroffenen. Letztendlich garantiere der 12-Stunden-Tag mehr Freizeit fĂŒr die Arbeitnehmer. Letztendlich sei eine Abschiebung fĂŒr FlĂŒchtlinge preislich gĂŒnstiger als eine RĂŒckkehr auf eigene Kosten in ihr Ursprungsland. Und selbst das Einsperren und Wegsperren von Asylwerbern in konzentrierte Lager wĂŒrde letztendlich zu deren eigener Sicherheit beitragen. Hier wird mit dem Brustton der Überzeugung die Verschlechterung der Lage von Arbeitern, Minderheiten und FlĂŒchtlingen als gute Tat fĂŒr die Betroffenen ausgegeben.
Auch ich möchte ein Foto machen, eine Art Momentaufnahme dieser Regierung. Was wir vor uns haben, was wir sehen, sind des Kaisers allerneueste Kleider: Die Niedertracht als Staatsgewand.
„Wer hier nicht ist, der ist gar nicht.“ Dies sagte Herr Rosam, ein Werbechef, bei einem Treffen von sogenannten StĂŒtzen der Gesellschaft. Das ist die prĂ€ziseste und grĂ¶ĂŸenwahnsinnigste Beschreibung unserer derzeitigen Gesellschaft. Manche sind außersehen und im Lichte, und der Rest ist Lurch, den gibt’s gar nicht.
Ich möchte ĂŒber die Mißachtung reden, welche diese Regierung und ihre Apologeten gegenĂŒber der Arbeiterklasse betreiben. Die Epizentren dieser Verachtung sind die bĂŒrgerlichen Freßveranstaltungen, die Events mit Buffet. Die am hĂ€ufigsten geĂ€ußerten SĂ€tze bei solchen Zusammenrottungen der feineren Art lauten, daß diese oder jene OpernsĂ€ngerin das hohe C mĂŒhelos erreicht hĂ€tte und daß heutzutage schon jeder Prolet einen Mercedes fahren wĂŒrde.
Die Arbeiterklasse wird ununterbrochen verdÀchtigt: der Lohntreiberei, der Sozialschmarotzerei und der Faulenzerei.
Außerdem sei sie ja historisch ĂŒberholt, und daher gebe es sie eigentlich gar nicht mehr. Diese Suada der Abwertung setzt nur aus, wenn die eigene Wohnung billig renoviert werden soll oder das Abflußrohr des WCs verstopft ist. Dann muß die angeblich nicht vorhandene Arbeiterklasse dringend her und möglichst schnell wieder weg.
Seit die kapitalistische Ideologie auf allen Ebenen triumphiert, hat sie aufgehört, eine solche zu sein, und hat sich selbst in den Stand einer Religion erhöht. Das oberste Dogma, sozusagen der erste VerkĂŒndigungssatz dieser neuen Religion, lautet: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht es allen gut.“ Dieser Glaubenssatz wird vom ORF, einer Art Ashram der neuen Religion, stĂ€ndig wiederholt. Der erste Teil dieses Konditionalsatzes ist ja auch wahr. Der Wirtschaft, oder genauer gesagt ihren fĂŒhrenden Betreibern, geht es gut.
In den letzten zehn Jahren sind die Gagen der Manager um mehr als das Hundertfache im Vergleich zu den Mindestlöhnen von Arbeitern oder gar Arbeiterinnen gestiegen. Solche Gagen werden bezahlt, weil die Gewinne der Firmeneigner in noch wesentlich grĂ¶ĂŸerem Maße gestiegen sind. 80 Prozent des Aktienkapitals befinden sich in Österreich derzeit in der Hand von zwölf Familien. Immer mehr Grundbesitz sammelt sich bei immer weniger Leuten an. Der allseits bekannte Satz, „die Reichen werden immer reicher“ lĂ€ĂŸt sich nur noch mit einem Wort aus der Sportsprache erweitern: Sie werden es immer rasanter.
Der zweite Teil des VerkĂŒndigungssatzes „Geht’s der Wirtschaft gut, geht es allen gut“, also die Feststellung, daß das Wohlbefinden von wenigen zum Wohlergehen aller fĂŒhrt, ist schlicht und einfach unwahr. Der Anteil der Löhne von Arbeitern und Arbeiterinnen am Volkseinkommen ist in den letzten zehn Jahren von 71 auf 58 Prozent gesunken. Laut Statistik gibt es in Österreich 1.563.000 Menschen, die man als armuts- und ausgrenzungsgefĂ€hrdet bezeichnet. Diese Zahlen spiegeln nicht nur die politische GleichgĂŒltigkeit der derzeitigen Regierung wider, sie zeigen auch die VersĂ€umnisse vergangener Regierungen auf.
Wer ein LohnempfĂ€nger ist, mußte sich in den letzten Jahren als DauersĂŒnder empfinden, denn er war ein Verursacher von Lohnnebenkosten. Wovon ich nichts oder nur selten höre, das sind die Gewinn-Nebenverschiebungen von jenen Millionen und Milliarden, welche grĂ¶ĂŸere Unternehmungen an der Versteuerung vorbei ins Ausland verschieben. Das sind nach sehr vorsichtigen SchĂ€tzungen jĂ€hrlich zehn Milliarden Euro. Aber auch Gewinne, die deklariert werden, werden von Großunternehmungen nicht versteuert. So beziffert (inoffiziell) eines der grĂ¶ĂŸten Wiener FinanzĂ€mter den Stand seiner uneinbringlichen Forderungen auf 8 Milliarden Euro. Auf meine Frage, warum es hier keine gerichtliche Verfolgung gibt, bekomme ich die (inoffizielle) Antwort, die Akten wĂŒrden „nach oben“ gehen und dort entschwinden. Dieser liturgische Vorgang ist nicht Teil der VerkĂŒndigung.
Gegen diesen Raub am österreichischen Volksvermögen vorzugehen wĂ€re eine mutige Aufgabe fĂŒr den jungen Kanzler gewesen. Stattdessen geht er gegen FlĂŒchtlinge und Arbeitslose und alleinerziehende Frauen mit geringem Einkommen vor, um ihnen das Leben noch schwerer zu machen.
Diese Verachtung fĂŒr die Arbeiterklasse gilt auch ihren politischen Vertretern. Der unvermeidliche Herr Gudenus beschreibt in einem Interview das Ziel dieser Regierung: Der Arbeiter soll endlich aus seiner Bevormundung durch die FunktionĂ€re befreit werden. Und der Chef der Jungen Industriellen assistiert ihm: In seinem Betrieb wĂŒrden er und seine Arbeiter keine FunktionĂ€re brauchen.
Es lohnt sich, die alten Publikationen des StĂ€ndestaates zu lesen. Nachdem man die Arbeiterklasse und ihre Vertreter politisch – und teilweise auch physisch – vernichtet hatte, schrieb man folgendes: „Hader und Streit verlĂ€ĂŸt nunmehr unser Volk. Der werktĂ€tige Mensch, befreit von seiner Klassenzugehörigkeit, und einem ins Niemandsland fĂŒhrenden Internationalismus, wird hinĂŒbergefĂŒhrt in die Zugehörigkeit zum gesamten österreichischen Volke. Er braucht keine Klassenvertreter mehr, keine FunktionĂ€re der Spaltung, er ist frei und gliedert sich seinem Stande gemĂ€ĂŸ freiwillig in das Volksganze ein. Gemeinsam und begleitet von Gottes Segen marschieren wir den lichten Höhen einer strahlenden Zukunft entgegen.“ Der Marsch fĂŒhrte direttissimo in den Austrofaschismus.
Ich sage nicht, daß die derzeitige Regierung eine austrofaschistische ist, außer man hĂ€lt das manchmalige Wacheln mit Dollfuß-Devotionalien fĂŒr bedrohlich. Ich rede davon, daß eine Sehnsucht nach autoritĂ€ren VerhĂ€ltnissen unsere Geschichte durchzieht, nach Aufhebung der WidersprĂŒche, dem Ende von Streit und Hader, nach Friede, Freude, Fahnen und Marmorkuchen. Diese Sehnsucht ging und geht immer auf Kosten der Arbeiterklasse: Sie soll ihre Errungenschaften preisgeben, sie soll aus ihren Organisationen austreten, sie soll ihre FunktionĂ€re verĂ€chtlich machen lassen, sie soll alle ihre Organisationsformen auflösen, und das nennen sie dann die Wiedergewinnung der persönlichen Freiheit.
FĂŒr viele arbeitende Menschen, vor allem solche, die nicht in den Metropolen wohnen, die pendeln mĂŒssen, bedeutet diese Freiheit folgendes: Eine bis zwei Stunden Fahrt zum Arbeitsplatz, zwölf Stunden Arbeit, eine bis zwei Stunden Heimfahrt vom Arbeitsplatz, Eintreffen in der eigenen Wohnung meist erst lange nach Eintritt der Dunkelheit, eine bleierne und traumlose Nacht und die ewige Hoffnung auf einen Hauptgewinn im Lotto.
Wir leben in einem System, das am Ende alle auffrißt. Auch etliche Manager, mit oder ohne Boni, kommen im Dunkeln nach Hause, mĂŒde und leer, nachdem sie tagsĂŒber die umfassende Entschlossenheit gemimt haben.
Ein nicht unerheblicher Teil der österreichischen Arbeiterklasse hat ein etwas dunkleres Gesicht. Die sommerlichen Erntehelfer, die zumeist aus Bulgarien und RumĂ€nien kommen, arbeiten zwölf Stunden und bekommen dafĂŒr im Durchschnitt 2,50 Euro pro Stunde. Wenn Schlechtwetter aufzieht, wenn es Regen und Sturm gibt, entfĂ€llt die Arbeit, aber auch der Lohn. Der gesetzlich vorgeschriebene Lohn liegt bei etwas ĂŒber sechs Euro, aber fast kein Arbeitgeber in Österreich hĂ€lt sich daran. Man muß sich das vorstellen: Zwölf Stunden in der sommerlichen Hitze durcharbeiten fĂŒr 2,50 Euro pro Stunde.
Auf den österreichischen Baustellen, auch dort mehrheitlich dunklere Gesichter, arbeiten viele, die ĂŒberhaupt nicht gemeldet sind. Wenn man die Baustelle betritt, verschwinden sie sehr schnell. Die Subfirmen, die sie schicken, bezahlen ihnen im Schnitt etwas mehr als zwei Euro pro Stunde. Laut Kollektivvertrag mĂŒĂŸten es 12,88 Euro sein.
Österreich ist ein partieller Sklavenhalterstaat mit der höchsten Anzahl an Festspielen. Warum so viele, vor allem höhere ReprĂ€sentanten der Sozialdemokratie, geradezu rudelartig bei Festspielen auftauchen, aber noch kaum bei ausgebeuteten Erntehelfern zu sehen waren, können Sie besser beantworten als ich. Vielleicht ist es wichtiger, bei großen Festivals zu reprĂ€sentieren, wir sind ja eine reprĂ€sentative Demokratie. Bevor man in die AbgrĂŒnde dieser Gesellschaft schaut, schaut man lieber zur Seite. Das nennt man Seitenblicke. Man kann auch in schlechte Gesellschaft geraten, indem man sich zuviel in der guten Gesellschaft aufhĂ€lt.
Möglicherweise glorifiziere ich die Arbeiterklasse, aber es ist fĂŒr mich in Ordnung, daß sie, die vielgeschmĂ€hte und immer wieder fĂŒr tot erklĂ€rte, etwas Glorie abbekommt. Ich weiß auch, daß viele Arbeiter, viel zu viele, die FPÖ wĂ€hlen, und ich kann nicht ĂŒberhören, welche Blödheiten sie manchmal ĂŒber FlĂŒchtlinge von sich geben. Ich tröste mich dann, daß die Unterstellungen aufhören, wenn sie miteinander pfuschen und auf ein Bier gehen. Mein wirklicher Widerwille gehört den akademisierten Fremdenhassern, die keinen persönlichen Kontakt zu FlĂŒchtlingen haben, aber mit Zahlen und Tabellen bewaffnet vom kommenden Untergang des Abendlandes faseln.
Manche werden glauben, ich sei ein Propagandist des Klassenkampfes. Das war ich einmal und bin es nicht mehr. Als ich in den 70er- und 80er-Jahren ausfĂŒhrliche Lesetourneen in den damals sozialistischen LĂ€ndern machte, lernte ich etliche Staatsvertreter kennen. Die Leute waren kein Widerwort mehr gewohnt und gewöhnten sich an die permanente Rechthaberei. Wer immer das letzte Wort im Politischen wie im Persönlichen hat, weil er die uneingeschrĂ€nkte Macht hat, wer mit keinem Widerspruch mehr rechnen muß, wer fĂŒr seine Ideen und Überzeugungen nicht mehr streiten muß, weil alles schon entschieden ist, wer also immer das letzte Wort hat, der lĂ€uft Gefahr, daß es das dĂŒmmste ist. Ich bin fĂŒr ParitĂ€t, ich bin fĂŒr Auseinandersetzungen jeglichen Hitzegrades, ich bin fĂŒr gleichberechtigte Streitparteien, ich bin, wenn Sie so wollen, fĂŒr Don Camillo und Peppone.
Und dennoch findet ein Klassenkampf statt, und zwar von oben nach unten. Diese Regierung nimmt den SchwĂ€cheren und gibt den Reicheren, und trotz aller JonglierkĂŒnste dieses populistischen Kanzlers zahlen am Ende die Arbeiter, die Arbeitslosen, die alleinerziehenden MĂŒtter mit niedrigem Einkommen und die FlĂŒchtlinge drauf. Die HeilsverkĂŒndungen der neuen Religion bedeuten fĂŒr sie kein Heil, sondern Unheil.
Diese Regierung sagt anderes, aber sie redet ja am liebsten mit sich selbst.
Es heißt immer wieder, daß die Sozialdemokratie noch nicht in der Opposition angekommen sei. Das ist möglich, aber ich stelle eine Gegenfrage: Ist diese Regierung schon in der Demokratie angekommen? Sie verweigert das GesprĂ€ch mit der Arbeiterklasse und ihren FunktionĂ€ren, sie versucht BetriebsrĂ€te mundtot zu machen, und das hat nichts mit Demokratie zu tun.
Auch an die FunktionĂ€re der Sozialdemokratischen Partei habe ich eine Frage: Ist das Innenleben Ihrer Partei so desaströs, daß Ihre Vorsitzenden nichts wie weg wollen? Als AutoverkĂ€ufer nach Argentinien, als Handlanger zu kasachischen Potentaten oder wohin auch immer. Oder ist das Innenleben der Parteivorsitzenden so desaströs, daß der Wink mit mehr Geld zur Jobhopperei und zum Verlassen aller Prinzipien fĂŒhrt?
Ich weiß, daß Sie vieles von dem, was ich sage, schon wissen. Aber manchmal ist es wichtig, die beinahe tĂ€glichen Scheußlichkeiten zu rekapitulieren, um das ganze Panorama der Barbarei sichtbar zu machen. Es droht die Gefahr, daß aus dem TĂ€glichen das AlltĂ€gliche wird.
Ich glaube nicht, daß wir in eine braune Vergangenheit stolpern, schon eher in eine feige Zukunft. Wann immer sich die Demokratie in diesem Lande verengt, wenn der Kampf um die Posten hĂ€rter wird, steigt die Hosenscheißerei. Das Maulen in den Kantinen und in den GĂ€ngen nimmt zu, aber wenn es darum geht, der obrigen Stelle seine Meinung zu sagen, wird es still. Und wenn man die Leute fragt, warum sie ihr Maul nicht aufgemacht haben, dann heißt es, sie hĂ€tten zwar laut „Jawohl“ gesagt, aber einen tiefen inneren Widerstand dabei empfunden. Manchmal habe ich das GefĂŒhl, das ganze Land befindet sich derzeit im inneren Widerstand.
Ein kurzes Beispiel in eigener Sache: Vor dem Sommer wollte der ORF mit nachhaltiger Willensbekundung die StĂŒcke „Auf der Flucht“ von Daniel Kehlmann und mein StĂŒck „Fremdenzimmer“, die derzeit am Theater in der Josefstadt gespielt werden, aufzeichnen. Beide StĂŒcke handeln von FlĂŒchtlingen. Am Ende des Sommers wurde mit der BegrĂŒndung, es gebe fĂŒr diese StĂŒcke „keinen Raum im Programm“ die Aufzeichnung abgesagt. Das kann von ein paar Feiglingen ausgegangen sein, die sich im Geiste der neuen Herren verhielten, oder wir sind einfach nicht gut genug fĂŒr die qualitativ so besonders hochstehenden MaßstĂ€be des ORF.
Am Ende des Sommers habe ich damit begonnen, ein neues TheaterstĂŒck zu schreiben. Ich erzĂ€hle Ihnen kurz den Plot des StĂŒckes: Ein Bundeskanzler, sein Name tut nichts zur Sache, er agiert im Hintergrund und tritt nicht persönlich auf, wĂŒnscht sich vom Chef des Aufsichtsrates einer großen Tageszeitung die Entfernung des liberalen Chefredakteurs. Der Aufsichtsrat heißt Hames, der Chefredakteur Eder. Die Nachricht von der bevorstehenden Entlassung des Chefredakteurs verbreitet sich wie ein Wirbelsturm in der Stadt. Etliche Vertreter einer kritischen Öffentlichkeit sind bereit, ihm beizustehen. Am nĂ€chsten Tag steht in der betreffenden Zeitung, daß der Chefredakteur seinen Posten an eine rechtsstehende Kollegin abgetreten hat. DafĂŒr werde er Herausgeber und sei mit allem einverstanden. So schaut’s aus in Österreich, natĂŒrlich nur am Theater.
Wir alle haben Verpflichtungen, die unseren Mut in Grenzen halten: Wir wollen unseren Job nicht verlieren, wir mĂŒssen Kinder versorgen, wir mĂŒssen die Kreditraten zurĂŒckzahlen. Aber es gibt Zeiten wie diese, in denen wir einfach versuchen mĂŒssen, die Grenzen unseres Mutes etwas zu erweitern. Zu viel verschluckte Luft schadet der Demokratie.
Das Schöne, das ich zu berichten habe, kommt zum Ende dieser Rede, welches unmittelbar bevorsteht. Bei meiner sommerlichen Erkundung des Landes bin ich auf außergewöhnliche Menschen gestoßen: Auf junge Gewerkschafter, die von Feld zu Feld gezogen sind und versucht haben, die Erntehelfer ĂŒber ihre Rechte aufzuklĂ€ren. Menschen, vorwiegend Frauen, die FlĂŒchtlingen halfen und dies als Bereicherung ihres Lebens bezeichneten. Junge Leute von der Caritas, vorwiegend Frauen, welche FlĂŒchtlinge bei ihren Amtswegen begleiteten und ihnen bei vielen Alltagsdingen halfen, ehrenamtlich. Und selbst ein gestandener Gewerkschafter, Herr Muchitsch, bezeichnete die VerhĂ€ltnisse am Bau als das, was sie sind: „Menschenhandel“. Solche klaren Worte lassen fĂŒr die Zukunft hoffen.
Und noch eine Hoffnung habe ich: SpÀtestens dann, wenn die Straches dieser Welt im Altersheim liegen und jemanden brauchen, der ihnen den Hintern auswischt, werden sie merken, wie segensreich Zuwanderung ist.
Ich danke Ihnen fĂŒrs Zuhören!

Donaudelta

Donaudelta ( Niki R. Nikolaus)
ZweitgrĂ¶ĂŸter Strom Europas und sechsundzwanzigster der Erde, fast 2900 km lang mit einem ĂŒber 800000 km2 großen Becken, in dem etwa 85 Millionen Menschen in 10 LĂ€ndern leben – ist die passende kurze Beschreibung dieses Wasserweges, der seit Jahrhunderten beharrlich die Rolle als „große Straße“ durch das Herz des Kontinentes erfĂŒllt. Dieser Strom mĂŒndet in einem 4200 km2 großen Gebiet, nach mehrfacher Teilung in die verschiedenen Arme ins Schwarze Meer. Über viele Jahre hinweg ist durch Schwemmmaterial eine Wasserlandschaft entstanden, die in ihren Ausmaßen einzigartig in Europa ist. Bis 1968 war das Delta fast unberĂŒhrt und Kartenmaterial war rar. Man hatte die Idee, dieses Gebiet landwirtschaftlich zu nutzen, dafĂŒr legte man einige Teile trocken. Allerdings kam es zu zahlreichen Missernten. Nach der Revolution von 1989 wurde das gesamte Gebiet zum Naturschutzreservat erklĂ€rt. Etwa 100000ha des gesamten Gebietes stehen als BiosphĂ€renreservat unter dem Schutz der UNESCO. Das Donaudelta liegt am Kreuzungspunkt des 45. Breitengrades nördlicher Breite mit dem 29. Meridian östlicher LĂ€nge. Die exakte OberflĂ€che betrĂ€gt 5050 km2, davon befinden sich 4530 km2 auf rumĂ€nischem Territorium. Das Gebiet ist sehr flach und zu 70-80% mit Wasser bedeckt. Es hat das Aussehen eines gleichseitigen Dreiecks mit Seiten von jeweils 80 km LĂ€nge. Bei einer Durchflussmenge von 5000-9000 m3 pro Sekunde fĂŒhrt die Donau jĂ€hrlich etwa 50 Millionen Tonnen Anschwemmungen mit sich (etwa achtmal mehr als der Tiber und zwanzigmal mehr als der Rhein). Die Wassertemperatur betrĂ€gt im August durchschnittlich 22°C, im Oktober noch immer I8°C. Im Sommer herrscht eine große Luftfeuchtigkeit mit tropischen Temperaturen und im Winter folgt ein schneidendes Steppenklima, wobei Temperaturen bis -25°C möglich sind. Die Eisdecke auf der Donau ist bis zu einem Meter dick. WĂ€hrend der FrĂŒhjahrsschmelze staut der Fluss mehrere hundert Kilometer zurĂŒck, der Bereich des Deltas wird oftmals komplett ĂŒberschwemmt. Zwischen den Armen des Deltas wechseln sich Festland und Wasser ab. Endlose Nehrungen, KanĂ€le und flache, von EichenwĂ€ldern belebte Landschaften erwarten den Besucher. Die Fischfauna der Donau ist einzigartig, man findet viele Arten, die nur in diesem Flusssystem vorkommen: Steingreßling, SchrĂ€tzer, Zingel, Streber und Huchen – alle vom Aussterben bedroht. Daneben findet man natĂŒrlich auch den Wels, Zander, Hecht, Böbel, Barsch, den Plattfisch, Schleie, Karpfen, Karauschen sowie verschiedene Arten von Krebsen. Insgesamt findet man etwa 150 verschiedene Fischarten im Bereich des Donaudeltas.
Auch vom ornithologischen Gesichtspunkt aus gesehen, ist das Donaudelta einzigartig. Es gibt mehr als 300 Arten von Vögeln, davon sind 70 nichteuropĂ€isch. Man unterteilt die Vögel in verschiedene Gruppen: (I) mediterran (2) europĂ€isch (3) sibirisch (4) mongolisch und (5) chinesisch. Dies ist begrĂŒndet in dem Fakt, dass sich im Donaudelta fĂŒnf Zugvogelrouten treffen. Mehr als die HĂ€lfte der vorkommenden Vogelarten nisten auch im Gebiet des Deltas.