hs im falter 28/2020

Unser Leser c.s. vermisst im Kommentar von Peter Michael Lingens Visionen für ein bescheideneres Wirtschaften
Betrifft: „Was behindert die Erholung?“ von P.M. Lingens, Falter 27/20:
„Viel existenzieller als eine Erholung der Wirtschaft wäre für uns alle eine Erholung des Planeten! Lingens dagegen setzt weiter auf die uralte Rezeptur („Zuwachs der Verkäufe und damit Wirtschaftswachstum“), die uns immer weiter Richtung Katastrophe führt. Wie schlimm müssen Naturzerstörung und Klimawandel noch werden, bis wir begreifen, dass Hyperkonsum und Ressourcenverbrauch keine Lösung für wirtschaftliche Krisen sind? Von den von der Werbung propagierten Glücksversprechen durch Konsum ganz zu schweigen. Hat der Falter als ökonomische Stimme wirklich nur Herrn Lingens aufzubieten? Wo sind die Visionen für ein intelligenteres, bescheideneres Wirtschaften, das nicht auf Kosten von Mitgeschöpfen funktioniert?“

Reaktanz

Unter psychologischer Reaktanz versteht man eine komplexe Abwehrreaktion, die als Widerstand gegen äußere oder innere Einschränkungen aufgefasst werden kann. Reaktanz wird in der Regel durch psychischen Druck (z. B. Nötigung, Drohungen, emotionale Argumentation) oder die Einschränkung von Freiheits­spielräumen (z. B. Verbote, Zensur) ausgelöst. Als Reaktanz im eigentlichen Sinne bezeichnet man dabei nicht das ausgelöste Verhalten, sondern die zugrunde liegende Motivation oder Einstellung. Reaktanz liegt typischerweise dem „Reiz des Verbotenen“ zu Grunde. Sie ähnelt dem Trotz, der jedoch auch aus anderen Gründen als der Beschneidung von Freiheit auftreten kann.

wir mutieren (Paolo Rumiz)

Der Schriftsteller Paolo Rumiz hat sich vor dem Virus zurückgezogen. In seine Heimat Triest. Dort spürt man Europas Zukunft immer zuerst

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wir-mutieren

Jenseits des Meeres erheben sich die verschneiten Alpen. Ich sehe sie von der Terrasse aus. Es weht ein leichter Wind; seitdem die Welt stillsteht, ist die Luft glasklar. Ich komme mir vor wie auf einem Schiff. Ich habe mich für strenge Klausur entschieden, wie ein Mönch. Nicht nur, weil ich zur Risikogruppe gehöre, ich bin 72, sondern auch, um das Gesetz zu respektieren, mit gutem Beispiel voranzugehen.
Ich dachte, ich würde an Klaustrophobie leiden, ich war ja ein Leben lang ein Zugvogel, doch ganz im Gegenteil. Ich entdecke gerade, dass ich von meiner Klosterzelle aus Tausend Dinge sehe, vor allem, weil der Lärm des Alltags verlöscht. Außerdem liegt Triest an der Grenze, und Grenzen sind immer interessant.
Slowenien hat die Grenze geschlossen. Versiegelt. Die Bauern haben sogar die kleineren Grenzübergänge mit Steinen verriegelt. Zum Schutz gegen uns Italiener, die Pestsalber. Ich verstehe sie. Doch es tut mir leid, dass sie sich der Illusion hingeben, man könnte Mikroben mit einem Grenzbalken aufhalten. Für die hiesigen Populisten, die bis gestern eine Mauer errichten wollten, um die Flüchtlinge aufzuhalten, tut es mir nicht leid. Recht geschieht ihnen. Eine armselige Illusion. Eine armselige Imitation des Eisernen Vorhangs, bei dem nicht ganz klar ist, wer wen aussperrt.
Der Kontinent zerbricht an den selben Stellen
Die Grenzstadt Gorizia ist zweigeteilt wie 1945. Die slowenische Polizei und Miliz haben dieselben Posten wie 1991, zu Beginn der jugoslawischen Tragödie, bezogen. Auch die fünfziger Jahre scheinen zurückzukehren. Aber nicht nur der Kalte Krieg. Auch der Erste Weltkrieg. Die alten Schützengräben auf den Hügeln am Isonzo sind ein Beweis dafür, dass sich seit 1915 immer wieder dieselbe Grenze neu bildet. Der Kontinent zerbricht an denselben Stellen.
Wie ein Seismograf vibriert Triest seit jeher entlang der uralten Bruchlinien. In den letzten dreißig Jahren habe ich in meinem Basislager immer im Voraus vom Fall der Mauer, dem Ausbruch des Jugoslawienkriegs, Haiders Populismus und dem Separatismus der Lega im Norden Italiens erfahren. Dann sind die Flüchtlinge gekommen. Jetzt beobachte ich, wie die Schengen-Grenzen und vielleicht auch eine wunderbare, nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Utopie – die EU – Schiffbruch erleiden.
Ich hole ein Buch von Christopher Clark, Die Schlafwandler, aus dem Regal. Darin geht es um die Orientierungslosigkeit der europäischen Regierungen, die 1914, vor Ausbruch des Krieges, schlafwandlerisch über ein Seil tanzten. Ich sehe keinen großen Unterschied zu jetzt. Johnson jagt ein ganzes Volk in den Abgrund. In Spanien hat die Partyszene bis gestern wild gefeiert. In Deutschland hat man erst nach dem Fasching über das Virus gesprochen, um die Wirtschaft nicht abzuwürgen, dann wurden nur die kontrolliert, die aus China und Italien einreisten. Na ja.
Die Balkanisierung Europas
Es ist absurd, von zu Hause aus die Balkanisierung Europas zu beobachten. Balkanisierung besteht jedoch nicht nur in Krieg und Barbarei. Sie besteht darin, den Idioten einzureden, das Böse komme vom Fremden. Sie besteht in der irrigen Annahme, man sei vor dem Bösen immun, das wir hingegen in uns tragen. Die Tatsache, dass wir uns von jeglicher Schuld freisprechen, ebnet dem Faschismus den Weg. Das ist das Virus, das Jugoslawien verpestet hat, und dasselbe passiert heute. Die Nationen schotten sich ab, anstatt ihre Einheit unter Beweis zu stellen. Überall Riegel und Schlösser. Und keine mächtige, respektgebietende Stimme erhebt sich und sagt: „Mein Herrschaften, das ist unsere Chance, Einheit unter Beweis zu stellen.“ Hölderlin, ein großer Europäer, schrieb: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“.
Also alle in häusliche Quarantäne. Die Italiener gehorchen, die einen aus Angst, die anderen aus Bürgersinn. In Triest sind die Straßen gespenstisch leer, wie bei einem Bombenangriff. Der Zivilschutz scheucht uns mit Megafonen in immer entlegenere Winkel. Düsteres Echo in den Wäldern. Worte wie „Strengstens verboten“ schrecken sogar die Rehe. Ich fürchte, nur die Angst bringt die Menschen dazu, zu verstehen. Jeder, der auf den Straßen unterwegs ist, muss einen Ausweis bei sich tragen, auf dem Ziel und Grund der Fahrt vermerkt sind. Haben wir schon einen Polizeistaat oder werden wir zu einem Volk von Verantwortungsbewussten? Ich frage mich, ob die zügellose Freiheit uns nicht ans Ende der Freiheit bringt.
Bitte, nach Ihnen
Doch zumindest haben wir es mit einer begründeten, echten Angst zu tun, einer großen Angst, die alle anderen, flüchtigen und kleinen Ängste fürs Erste verschluckt. Wie die, das Handy zu verlieren. Doch vor allem macht das Coronavirus ein für alle Mal die Lügen des Populismus zunichte. Sollen wir wieder Grenzen errichten? Das Virus pfeift darauf. Sollen die Regionen autonom werden? Genau so ist das Chaos entstanden. Italy first? Jetzt sind wir die letzten. Die Häfen schließen?
Jetzt machen sie uns die Häfen vor der Nase zu. Die Gefahr des politischen Islam? Nein, im Augenblick ist China die Gefahr. Ausländer raus? Die Landwirtschaft gesteht, es fehlen 370.000 Tagelöhner, um das BIP aufrechtzuerhalten. Warum nannte niemand davor diese Zahlen? Damit wir uns bei den Immigranten nicht bedanken müssen? Das Ergebnis: Erdbeeren, Kiwi, Spargel verfaulen.
Geist läuft auch Hochtouren
Ich stelle fest, Berichte über den Alltag sind fast interessanter als Nachrichten über das Virus. Es ist eine persönliche und kollektive Mutation im Gang, an deren Ende wir nicht mehr dieselben sein werden. Ich häute mich, das erkenne ich an den Gedanken, die so schnell sprudeln, dass ich sie fast nicht niederschreiben kann. Mein Geist läuft auf Hochtouren, obwohl ich festsitze. Ich habe schon alle meine Notizbücher vollgeschrieben und kann keine neuen kaufen. Ich verwende alte, bereits beschriebene Blätter, die ich vierteile und auf der Hinterseite vollschreibe.
Meine Lebensgefährtin, die 22 Jahre jünger ist als ich, geht einkaufen. Sie erzählt, sie ist unterwegs nur zwei älteren Personen mit ihren Enkeln, drei türkischen Lkw-Fahrern, einem Chinesen mit Atemschutzmaske und vier Afghanen begegnet. Ein merkwürdiger Bevölkerungsquerschnitt. Bei den Schlangen vor den Supermarktkassen herrscht eine merkwürdige Spannung. Die Angst vor Ansteckung ist greifbar. Man geht nicht gern hinein. Die Menschen kaufen lieber bei kleinen Bäckern, Fischläden, den traditionellen Obstgeschäften, wo man im Freien wartet und die Freundlichkeit (bitte, nach Ihnen) sich automatisch ergibt.
Möven drehen durch
Die Megalomanie erweist sich als verletzlich. Die Küche wird derweil zur Schiffskombüse. Wir essen Pasta und Tomatensugo, wie beim Segeln.
Auch der Himmel ist leer. Die wenigen übrig gebliebenen Möwen auf den Straßen im Zentrum schreien vor Hunger. Ohne die Reste der Partyszene drehen sie durch. Sie überschwemmen die Straßen, wie die Affen in Thailand ohne Touristen. Sie hüpfen um die alten Leute mit Einkaufstasche herum. Sie zerfleischen die verhungernden Tauben bei lebendigem Leib. Das reicht wohl, um zu verstehen, wie sehr der Planet aus dem Gleichgewicht ist.
Wir aktivieren die Kontakte mit den Nachbarn. Am Balkon der Wohnung gegenüber singt ein Herr La donna è mobile, zum Beweis, dass Italien zusammenhält. Ich plaudere mit einer Freundin am Balkon links. Wir machen uns jeder einen Kaffee. Sie sagt: „Allmählich denkt man wieder im Sinn des Gemeinwohls, es war höchste Zeit.“ Sie hört gern Radio, zu genau festgelegten Zeiten, wie BBC zu Kriegszeiten. Das Fernsehen macht ihr Angst, zu chaotisch. In Augenblicken wie diesen braucht man nur Worte. Klare, eindeutige Worte.
Wie in ganz Italien bitten auch in Triest Ärzte und Pfleger „ruhiger“ Abteilungen, an die Front versetzt zu werden. Ich habe einige Kriege erlebt und weiß, dass im Krieg die Menschen über sich hinauswachsen. Kompromisslos. Entweder Held oder Feigling. Das geschieht jetzt auch beim Virus. Einerseits die, die den Ruf hören. Auf der anderen Seite die Feiglinge, die Lügner, die Verbreiter von Zwietracht. Viele tolle Menschen halten das Land am Laufen, der Häme der Drückeberger zum Trotz.
Ich wache auf. Große Stille
Die Welt steht kopf. Ein besorgter Freund ruft aus Afghanistan an. Unsere Freunde in Bosnien leiden mit uns mit. Vor fast dreißig Jahren litten wir mit ihnen. Die Muslimin Amela schreibt: „Kopf hoch, meine italienischen Freunde, ich weiß, ihr gebt nicht klein bei. Liebe erfährt man erst, wenn man Angst um den Nächsten hat. Das ist der Beweis der ursprünglichen Liebe.“ Genau. Man bleibt nicht um seiner selbst willen zu Hause, sondern um die Krankenhäuser frei zu halten und die anderen nicht zu gefährden.
Wie viele Nachrichten! Carl Wilhelm aus München teilt mir mit, dass Henning Klüver, ein Hamburger Journalist, in Mailand „Briefe aus der Klausur“ postet. Carlo, ein nach Berlin ausgewanderter Freund, erzählt, dass die Deutschen allmählich von Panik auf Pfeifdrauf umschwenken, doch alle denken: Wir sind ein Volk und gemeinsam schaffen wir es. Esther zieht Individualismus vor und schreibt aus Udine, sie sei glücklich, „ausgerechnet in diesem Augenblick in Italien zu leben“.
Ich wache um drei auf. Große Stille. Wie viel unerwartete Herzlichkeit lag doch in den Nachrichten der letzten Tage! Auch viele alte, schon verloren geglaubte Gesichter tauchten auf. Ja, wir sind all die, die wir geliebt haben. Ich trete auf den Balkon hinaus. Eine leichte Bora weht, trocken und kühl. Seitdem die Industrie stillsteht, ist die Luft sauber.
Ich frage mich, was für einen Dreck wir bisher eingeatmet haben. In Neapel sieht man den Vesuv wie nie davor. Im Canal Grande schwimmen wieder die Fische. Wir genesen nicht aus Klugheit, sondern aufgrund eines Traumas, aber egal. Werden wir die Lektion verstehen? Das Schlimmste kommt wahrscheinlich nach dem Virus. Wenn wir feststellen, dass alles weitergeht wie davor. Am Himmel segelt das Mondlicht. Die Plejaden funkeln.

Paolo Rumiz wurde 1947 in Triest geboren. Am 31. März erscheint vom Kriegsreporter, Romancier und Reiseschriftsteller Der unendliche Faden – Reise zu den Benediktinern, den Erbauern Europas (aus dem Italienischen, wie auch dieser Text, von Karin Fleischanderl)

interessant?

Anekdotische Evidenz
ist ein informeller Bericht über Evidenz in Form eines Einzelberichts oder vom Hörensagen. Der Ausdruck wird oft als Gegensatz zur empirischen Evidenz und zum Analogieschluss verwendet. Anekdotische Evidenz hat eine schwache argumentative Aussagekraft.

Genderst Du schon?
30′ Sendung auf Radio Orange auf-hoeren von Alina Hauke und Barbara Strasser

Gas und Strom
alle zwölf Monate wechseln

tägliches Foto
Noah ist mir zuvorgekommen, aber ich habe noch keine zwanzig jahre.

Die vier Gesichter unserer Internetprofile

The Heartbreaking Effects of Being Only Partly Committed to Most Things

Kammer ersetzt Selbstbehalt beim Arztbesuch

I Borghi Più Belli D’Italia

Die Welt nach Corona

Die Welt nach Corona (Matthias Horx, 16.03.2020)

Die Corona-Rückwärts-Prognose: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise „vorbei“ ist.

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird” und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafé in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen.

Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?
Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre führten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.

Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fussballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren ohne Second Screen hervor. Auch die »messages« selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivia-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.
Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um … ja um was ging da eigentlich?

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen…

Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen.

Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wir staunen rückwärts, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie »Zusammenbruch« tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

RE-Gnose: Gegenwartsbewältigung durch Zukunfts-Sprung

Warum wirkt diese Art der »Von-Vorne-Szenarios« so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hängt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir »in die Zukunft« schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme »auf uns zukommen«, die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns überfährt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-Zukünfte immer am Einfachsten darzustellen.

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein »Future Mind« – Zukunfts-Bewusstheit.

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren »Events«, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt »endet«, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt.

Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie »autoritär« handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch »futuristische« Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger

Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.

Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends Konnektivität. Politisch-ökonomisch wird dieses Phänomen auch »Globalisierung« genannt. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden Komplexität sprechen, werden die Führer von Morgen sein. Die werdenden Hoffnungsträger. Die kommenden Gretas.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.”

Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.

http://www.horx.com und http://www.zukunftsinstitut.de

Chirurg

In einer Vorlesung wurden die Studierenden mit folgender Geschichte konfrontiert:

„Ein Vater fährt mit seinem Sohn im Auto. Sie verunglücken. Der Vater stirbt an der Unfallstelle. Der Sohn wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und muss operiert werden. Ein Chirurg eilt in den OP, tritt an den Operationstisch heran, auf dem der Junge liegt, wird kreidebleich und sagt: „Ich bin nicht im Stande zu operieren. Dies ist mein Sohn.“

Im ersten Moment irritierte diese Geschichte viele Zuhörerende. War der verunglückte Vater nicht der leibliche Vater und der Arzt im OP erkannte seinen leiblichen Sohn? Handelt es sich um ein gleichgeschlechtliches Paar, so dass der Junge zwei Väter hatte? Oder wurde hier einfach davon ausgegangen, dass „Chirurg“ ein geschlechterneutraler Begriff ist und so Mann und Frau gleichermaßen meint?
Letzteres ist häufig der Fall. Die Mutter begegnet im OP ihrem Sohn. Sie ist eben kein Facharzt, sondern eine Fachärztin. Denn an eine Chirurgin denken leider die wenigsten, wenn sie den männlichen Begriff hören. Die Geschichte zeigt, wie sehr unsere Vorstellung und Wahrnehmung an Sprache gekoppelt sind. Geschlechtlich differenziertere Alltagssprache kann dazu beitragen, Missverständnisse zu verhindern.

google 2019

Die zehn meistgesuchten Begriffe des Jahres in Österreich
1. Strache
2. Notre Dame
3. Dominic Thiem
4. EU-Wahlergebnisse
5. iPhone 11
6. 30 Jahre Mauerfall
7. Nationalratswahl
8. Julen
9. Böhmermann
10. Kurz

Die zehn meistgesuchten Begriffe des Jahres in Deutschland
1. Rebecca Reusch
2. Notre Dame
3. Handball-WM
4. Karl Lagerfeld
5. Julen
6. Europawahl
7. Frauen-WM
8. 30 Jahre Mauerfall
9. Thomas Cook
10. Greta Thunberg

Die zehn meistgesuchten Themen weltweit
1. India vs South Africa
2. Cameron Boyce
3. Copa America
4. Bangladesh vs India
5. iPhone 11
6. Game of Thrones
7. Avengers: Endgame
8. Joker
9. Notre Dame
10. ICC Cricket World Cup

Die Aufreger und Schicksale Österreich
1. Ibiza-Video
2. Florian Janny
3. Misstrauensantrag
4. Lisa Alm
5. Identitäre
6. Lernsieg
7. Johannes Dürr
8. HTL Ottakring
9. Donauzentrum Brand
10. Original Play

Chronik International
1. Rebecca Rausch
2. Sri Lanka
3. Greta Thunberg
4. Artikel 13
5. Area 51
6. Baby Sussex
7. WhatsApp Störung
8. Venedig Hochwasser
9. Heidi Klum Hochzeit
10. Amazonas

Was?
1. Was macht Ingwer scharf?
2. Was soll ich kochen?
3. Blasenentzündung – was tun?
4. Was ist mein Auto wert?
5. Was hilft gegen Sonnenbrand?
6. Was soll ich wählen?
7. Was macht Strache jetzt?
8. Was bedeutet LOL?
9. Was tun gegen Sodbrennen?
10.Was schenkt man zur Erstkommunion?

Wie?
1. Wie spät ist es?
2. Wie heißt die Mutter von Niki Lauda?
3. Abnehmen aber wie?
4. Granatapfel wie essen?
5. Wie wird das Wetter heute?
6. Wie schnell ist mein Internet?
7. Wie viele Länder gibt es?
8. Wie schnell wachsen Haare?
9. Wie heißt der Sohn von Marcel Hirscher?
10. Wie viele Tage bis Weihnachten?

Was? Deutschland
1. Wie geht Floss Dance?
2. Grundrente wie hoch?
3. Wie heißt das Baby von Prince Harry?
4. Wie unterschreibt die Queen?
5. Wie alt ist Mero?
6. Wie geht es Harald von den Wollnys?
7. Wie funktioniert die Europawahl?
8. Wie lange geht ein Handballspiel?
9. Wie alt ist Notre Dame?
10. Wie lange lebt eine Biene?

Wer, wann, wo?
1. Wer steckt hinter Ibiza-Video?
2. Wer schafft die Arbeit?
3. Wann wird es wieder wärmer?
4. Wo wurde die Pummerin gegossen?
5. Wo liegt Andorra?

Technik
1. iPhone 11 Pro
2. Samsung Galaxy S10
3. Huawei P30
4. Peugeot e-Legend
5. Tesla Cybertruck
6. Huawei P20 Lite
7. AirPods Pro
8. iOS 13
9. Huawei Mate 20 Pro
10. Disney+

Wirtschaft
1. Jö Club
2. Wirecard Aktie
3. Thomas Cook
4. Familienbonus Plus
5. Smyths
6. Neuro Socks
7. Hartwig Löger
8. Vignette
9. Apple Pay
10. refurbed

André Hellers „Spätes Leuchten“: Ein fliegender Klangteppich

Nach 35 Jahren musikalischer Pause überrascht André Heller mit neuen Liedern. Gregor Auenhammer begab sich auf eine Pilgerfahrt zu ihm nach Marrakesch

„Im Leben geht’s darum, dass man aus dem Entwurf eines Menschen durch beharrliches, sich treu bleibendes Arbeiten einen möglichst gelungenen Menschen macht.“

„Die permanente Verwandlung“ sei ihm die liebste seiner vielen Künste, sagt der manische Verwirklicher während eines Spaziergangs durch seinen Garten in Marrakesch. „Dass ich heute bewusst jemand anderer bin als gestern, weil ich aufmerksam etwas dazugelernt habe. Wenn mir jemand sagt, bleiben Sie bitte, wie Sie sind, antworte ich: Das ist kein guter Wunsch! Stillstand in der Entwicklung bedeutet ja, dass man seine Lebenszeit veruntreut.“

Unter dem Aspekt, Klischees des Seins und der Ästhetik stets neu auszuloten, erscheint André Hellers Entscheidung, in welcher Form er Erfahrenes und Erlebtes künstlerisch umsetzen möchte, in neuem Licht. Die unendlich vielen Drehungen eines Kaleidoskops will Heller erleben und mit unendlich vielen Bildern in die Welt hinein und hinaus schauen. Seiner Intuition und Inspiration folgend entstand Spätes Leuchten eben nicht als Erzählung, Roman, Aquarell oder Skulptur, sondern als Komposition feierlich arrangierten Sprechgesangs.

In den Klangbildern des neuen Albums tanzen Derwische, drehen Engel Pirouetten, exaltiert, exzessiv, entrückt, werfen irrlichternd Schattenrisse auf nächtliche Mauern. Schalmeien erklingen, brechen den Rhythmus von Trommeln, schmieden Allianzen mit Streichern, fügen sich in Klezmersounds à la Giora Feidman, in Walzerklänge eines Joseph Lanner und Blues à la Tom Waits.

Man hört Menschen ausgelassen lachen, tanzen, singen, musizieren. Piano und fortissimo. Aus dem Off klingenSchritte und Hufe von Pferden auf Pflastersteinen – atmosphärisch aufgenommen auf dem Djemaa el Fna in Marrakesch, dem Wiener Heldenplatz und der Piazza San Marco. Dämonen erwachen und verschwinden auf magische Weise.

Ein maghrebinisches Wiegenlied mündet in eine alte sephardische Melodie. Echte Weana Bazi und der Quiqui, der Wiener Tod, treffen auf gefallene Engel und einen als Elvis getarnten Satan. André Hellers Klangwelten sind maßstabsgetreue, fein ziselierte Abbildungen seiner Gedankenwelten selbst, sind die assoziative Fusion sorgsam ausgewählter Exponate der musikalischen Menschheitsgeschichte, gepaart mit den Klängen der Natur.

Da hört man den Wind zwischen Blättern, die Sonne auf Palmwedeln, die Erde zwischen wachsendem Getreide, exotisch singende Vögel, zischende Nattern, klappernde Schlangen der Versuchung und der Erkenntnis.

Heller, emeritierter Popzar, über die Jahrzehnte bekannt als Ermöglicher und Schöpfer von zirzensischen Abenteuern, Impresario erstaunender Varietés, Kurator von Shows und an das Paradies gemahnenden Zaubergärten, schichtet in seinem neuen Opus Wortkaskaden und Klangbilder wie Reisig zu Ballen und entzündet ein grandioses Feuerwerk an Ideen.

Begleitet von virtuosen Musikern wie „Glücksfall“ Robert Rotifer (der auch als Produzent fungierte), Voodoo Jürgens, Ina Regen, dem Nino aus Wien, der ja schon länger als Hellers legitimer Nachfolger gehandelt wird, Florian Sitzmann, Marwan Abado, Eloui, Martin Klein, Soundbastler Andy Lewis, Master Mike Thorne und anderen, stellte Heller, nach diversen Umwegen, vagen Aufschüben und langen Pausen, währenddessen ihm andere Projekte dringlicher waren, ein 16 Lieder umfassendes Album fertig.

Bewusst wechselt die Gesamtkomposition der Texte und Arrangements zwischen Virtuosität und Trivialität. Der Liedermacher bleibt sich als Sprachkünstler und Jongleur der Worte treu.

Wechselhaft flirrend und fiebrig, sanft und episch sind André Hellers neue Lieder. Schubertesk klingen manche Akkorde, manche hallen nach wie bei Bob Dylan, der Heller einst einen wichtigen Sprachmuskel nannte.

Das Musizieren war lange verschüttet, weder Sohn Ferdinand Sarnitz (Youngsters bekannt als Left Boy) noch seine Enkel wussten von Hellers Vorleben als Popstar, erzählt er in seinem nach Minztee und Räucherstäbchen aus dem Oman duftenden Refugium.

Heller war derart weit entfernt von der eigenen Vergangenheit, dass diese nahezu inexistent war. Trotz seiner Weltkarriere im Zusammenspiel mit ganz Großen wie Freddie Hubbard, Astor Piazzolla, Toni Stricker, Peter Wolf, Chaka Khan und vielen anderen. So war es ihm ein Bedürfnis, den Enkeln Lucky und Kiwi ein wenig von dem zu vermitteln, was das Wesen ihres „Nonno“ ausmacht.

Heller setzt einen Kontrapunkt zur allgegenwärtigen Beschleunigung, ohne unmodern zu sein. Im Gegenteil – er mischt wie üblich traditionelle Melodien mit modernen Rhythmen. Seine Schöpfung ist eine Art akustische Rauminstallation in Form einer exotischen musikalischen Fusionsküche. Appetitlich angereichert mit Gewürzen des Orients und Okzidents. Serviert abwechselnd als feine Happen wie Miniaturen und große elegische Epen.

Als Erzähler singt er von Einsamen, von Gestrandeten, von unglücklich Verliebten, Vertriebenen, Entwurzelten, aber auch von maßlos Glücklichen. Heller ist ein Prophet der stillen Worte, der leisen Töne – und des großen Pathos (sofern man das Faktum, dass jemand ernsthaft und dauerhaft nach der einzigen und unabdingbaren Wahrheit sucht und nach der reinen, bedingungslosen Liebe strebt, als pathetisch einschätzt).

„Jeder Ton sollte der im Moment Kostbarste sein“, schärfte er seinen Musikern ein. Dass sie diesen Wunsch verinnerlicht haben, ist im Ergebnis hörbar. Heller, selbst einer, der sich mit der Kraft des Geistigen, mit der Energie des Spirituellen beschäftigt, dürfte scheinbar selbst zum Schamanen geworden sein, dem die guten Geister hörig scheinen.

Heller wäre aber nicht er selbst, würde er nicht Fallstricke einziehen, Zweifel säen, den Finger in offene Wunden legen und auf Kontrapunkte und Kontraste zielen. „Spüts, Buaschn, spüts, bis ’s Herz an de Guagl klopft.“ Nein, über die Klinge lässt der erklärte Pazifist niemanden springen, auch wenn es noch so schrummt und schrammt wie beim bewusst besoffenen Papirossi. Schau oba, Quasi! (Helmut Qualtinger) Servas, H. C.! (Artmann, nicht Strache)

Erdig ehrlich, ja intim wird der Weltbürger, wenn er tief ins Wienerische driftet. Schade, dass die weder politisch korrekte noch jugendfreie Version von Saint Bob Dylans Du Engel Du nicht ihren Weg aufs Album gefunden hat.

„Zum Suchen zu früh, zum Finden zu spät“, lautet ein fast vier Jahrzehnte alter Vers auf André Hellers Album Abendland. Dessen Titelsong, gehalten im Stil eines getragenen Lamento, eines sakral anmutenden Gebets, beseelt vom einzigartigen Timbre Hellers, das ekstatisch in einen Gospelchor wechselte, war einst der Versuch, ein Glaubensbekenntnis abzulegen, erzählt André Heller mit Blick auf das Atlasgebirge. Ein aktualisiertes Credo findet man auf dem neuen Album.

Nahtlos knüpft Heller an sein früheres musikalisches Können an – und erfindet sich doch neu. Nach Millionen verkauften Schallplatten, zwölfmal Gold, siebenmal Platin, nach tausenden Konzerten, die ihm Überwindung und Kraft raubten, weil sie wider seine Natur waren, hatte Heller 1984 den Olymp der Popmusik verlassen.

Aus gesundheitlichen Gründen und persönlichen, weil er sich anderen Projekten widmen wollte und weil er damals der Meinung war, am Zenit des Erreichbaren angelangt zu sein – etwas, das er rückblickend allerdings als leicht überheblich empfindet.

Manche haben ihm das – wie vieles davor und danach – als Arroganz ausgelegt. In Wahrheit aber war das der konsequente Weg eines Menschen, der nach Qualität und Integrität strebt. Immerhin war der 1947 als Francis Charles Georges Jean André Heller-Hueart Geborene Gründungsmitglied von Ö3 (was damals Aufbruch und Avantgarde gegen den Schlager- und Operettensumpf bedeutete), der als DJ und Bürgerschreck in der bis heute legendären Musicbox Goldene Zitronen für Unerträgliches vergab.

Liebhaber intellektueller Chansons beweinen seine Abstinenz bis heute. Als Ersatz beehrt er die Welt als Bewahrer des Verlorengehenden, Zeremonienmeister des Exzentrischen und Außenseiterischen. Ohne sich auf die Niederungen des alltäglichen Kleinkriegs und Hickhacks einzulassen, ist Heller politisch. Mahnend, ermahnend.

„Wenn wir nicht begreifen, dass jeder mit allen anderen energetisch vernetzt ist, dass wir für einander Verantwortung übernehmen müssen und dass wir auf einem Planeten wohnen, der jeden Augenblick unseren äußersten, klugen, behütenden Einsatz benötigt, damit es ihn in Zukunft überhaupt noch in einer umfassenden Qualität geben kann, dann handeln wir verbrecherisch an uns selbst, unseren Kindern und deren Nachfahren. Es gibt Frauen, Männer und Kinder, die agieren wohl informiert, weise, liebevoll, beharrlich sowie mitfühlend, und es gibt diejenigen, die den Kopf in den Sand stecken, die bitteren Fakten negieren oder verharmlosen und das längst Überfällige boykottieren. So einfach und so schwer ist das.“

Bezogen auf die aktuelle Situation will Heller auf gute Energien hoffen, auf dass wir eine Regierung kriegen, die „wie unser Bundespräsident“ registriert, worum es in der Zukunft geht. „Wenn sich die Demokratien, ihre Parlamentarier und Parteien sowie alle gesellschaftspolitisch wesentlichen Gruppierungen nicht ohne Zaudern der Avantgarde der Retter anschließen, werden wir in einem Maß als Versager und Schuldige in die Weltgeschichte eingehen wie keine Generation davor.“

Er glaube nicht mehr an tradierte Rollen von links und rechts. Ebenso bezweifelt er, dass es eine Gruppierung gibt, die im alleinigen Besitz der Wahrheit ist.

„Wir sind von der Drastik der Tatsachen aufgerufen, dafür zu sorgen, dass eine von Vernunft, Lauterkeit und Courage getragene friedliche Revolution zum Schutz unseres, an Herrlichkeit so überreichen Himmelskörpers, alle Schichten der Gesellschaft durchflutet. Man darf die Verhinderer aber nicht beschimpfen, sondern muss sie mit Leidenschaft und den besseren Argumenten überzeugen. Die Klimakatastrophe, die ich auch als große Chance für weltweite Solidarität und Auflösung des Nationalismus begreife, schafft ja Tag für Tag brachiale Erlebnisse und Veränderungen, die eine immer größere Menge Menschen am eigenen Leib erfährt. Diese persönliche Anbindung am Schrecken wird das Umdenken mit Sicherheit beschleunigen. Aber hoffentlich letztendlich noch rechtzeitig.“

Hellers Vers „Dieser Stern ist uns doch nur geliehen / von Künftigen, die nach uns sind“ ist heute aktuell wie damals. Diese utopisch anmutende Vision aus Erhebet Euch Geliebte könnte heute, 36 Jahre nach Entstehen, die Hymne der Fridays-for-Future-Bewegung sein. Als Muttersprache empfiehlt er Weltenbürgern „Mitgefühl“.

Auf die Frage nach einem freien Wunsch für all unsere Nachkommen nennt der Prophet der klaren Worte Würde und Verantwortung. Ewig grantelnde Nörgler in der Heimat erinnert er daran, dass wir hier in Österreich den Haupttreffer in der Glückslotterie gezogen haben, was Raum und Zeit betrifft. Bestes Beispiel, dass man auch als Einzelperson Veränderungen bewirken kann, ist Hellers Refugium in Marokko. „Anima“, benannt nach der Seele, von ihm als „befreundetes Glücksterritorium“ bezeichnet, ist ein Ort, für den das Wort Staunen offenbar erfunden wurde.

„Um das Jahr 2005“, sagt Heller, habe ihm eine innere Stimme zugeflüstert, „brich deine Zelte in Europa ab und verwirkliche in Afrika einen weitläufigen Ort von Schönheit, Sinnlichkeit, Heilung, Kontemplation, Frieden, Kühle und höchster ökologischer Qualität und erschaffe für Marokkanerinnen und Marokkaner einige dringend benötigte, dauerhafte Arbeitsplätze. Viele haben das zunächst für den Luxusspleen eines verwöhnten ,Fratzn‘ gehalten, aber heute müssen sie wohl zugeben – und ich sage das, ohne zu erröten –, dass ich nichts Klügeres hätte tun können. Besucher aus aller Welt und viele Einheimische kommen und finden dort Freude, Ruhe, Ermutigung, Trost – je nachdem, wonach sie gerade auf der Suche sind.“ Heller ist sich der Verantwortung bewusst. In den letzten Jahren hat er – auf eigene Kosten – drei Wasserleitungen, eine Schule, eine Ambulanz gebaut und hunderte Arbeitsplätze geschaffen. Wissend um die Hybris des Scheiterns: „Aber die Götter wollten es anders.“

Als Beispiel der politischer Dimension seiner Songs gelten aber auch die dichotome Hommage an Wiener Judenkinder und Otis Redding, an den Wiener Kasperl und den Zauber des Maghreb, das jiddische Volkslied Dem Milners Trenn oder die in englischer Sprache intonierten Popperlen Maybe it’s true und My River, mit dem Heller sich – Virginia Woolf salutierend – vorläufig verabschiedet.

Aus der Art gerät einzig das getriebene, ins Hysterische kippende Mutter sagt. Heller wird am besten wissen, warum. Zwischendurch huldigt er privaten Göttern, Säulenheiligen, persönlichen Helden respektive Heroinen. Sehnsucht nach der Liebsten ist von besonderer Anmut und Intimität. Ebenso sein Zugang zu Vergänglichkeit und Tod, der trotz aller Präsenz positiv und versöhnlich erscheint.

Jedes Chanson steht für sich, darf für sich wirken, dennoch ist das Album, das übrigens für Gralshüter des Analogen auch als Schallplatte auf Vinyl gepresst wurde, in seiner Gesamtkomposition stringent und ergibt ein großes Ganzes. Keineswegs eine anämische Soundtapete, sondern ein lebendig-pulsierender, von Weltbürgern sorgsam gewobener fliegender Klangteppich.

Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, dass es eine Art Rückkehr zu den Wurzeln ist, wenn ein anerkannter Universalkünstler wie Heller es wagt, nach 35-jähriger musikalischer Pause ein Album neuer Lieder zu publizieren.

In Wahrheit aber ist das mehr als ein Wagnis, ist das eine bewusste Versuchung der Hybris, ein Drahtseilakt ohne Netz, eine selbstinszenierte Versuchung der Saturiertheit. Verweigerung von Erwartungshaltungen war früher Teil des Heller’schen Konzepts, ebenso Provokation. Heute klingt er hingegen versöhnlich.

Auch Verrat und Verleumdung, Schuld und Sühne, Angst und Missgunst, Trauer und Tod sind Themen dieser späten Lieder. „Sterben bedeutet für mich alles hinter sich lassen, das man zutiefst nicht ist. Aus dieser Hülle, mit deren Hilfe ich mich in der Polarität ausbilden durfte und darf, werde ich dankbar aussteigen, um in höhere Dimensionen heimzukehren.“

Angst vor dem Tod habe er nicht, sagt er, denn das hieße ja, Angst vor dieser Heimkehr zu haben. Poetisch überträgt sich dies im Vers „Auch der Tod ist Zärtlichkeit“ oder repetitiv im Refrain „Doch in ihren alten Seelen wachsen Damaszener Rosen (…), die ganz unvergleichlich sind“.

Das Album wirkt wie eine Inventur, die melancholisch und wehmütig stimmt. Das liegt nicht nur an so manch nostalgischem Zitat wie „Damals, als damals noch damals war“, Geschichten aus der Kindheit, den immer wiederkehrenden Dämonen, dem ständigen Sich-Hinterfragen, sondern wohl auch am immer wiederkehrenden Topos der Wiener Todessehnsucht. Trotz alle dem regieren aber auch Optimismus und Hoffnung sowie die Freude an einem stillen Glück.

Musikalisch manifestiert sich Hellers Weltsicht in seinem Zärtlichkeitsvermächtnis Hab so Sehnsucht sowie anschließend in seinem Glaubensbekenntnis Esgibt. Dieses – man kann, nein, man muss es so nennen – Jahrhundertlied beginnt ganz sanft, ganz leise, nur begleitet am Klavier, steigert sich langsam und endet in einer wuchtigen Symphonie mit großem Orchester. Die mit einem neuen, monumentalen Text versehene Komposition von Claudio Baglioni erinnert an alte Heller-Klangperlen wie Erhebet Euch Geliebte, die Trilogie eines Traums,Wia mei Herzschlag oder Verwunschen. André Hellers einzigartiges Timbre kulminiert in den Worten: „Es gibt ein brennendes Verlangen nach Würde und Geborgenheit / nach Zärtlichkeit und Frieden / Es gibt die Hoffnung auf die Freude und die Gewissheit, nie genug lieben zu können, / und Liebe / Liebe ist bedingungslos.“

Spätes Leuchten beinhaltet die Weisheit von einem, der nach langer Odyssee mit sich selbst Frieden geschlossen hat, enthält Be- und Erkenntnisse eines ewig Suchenden, der angekommen ist. Heller schlichtet Buchstaben zu Psalmen und zelebriert ein Hochamt: „Alles in allem, vom Glück verfolgt / Alles in allem, gesegnet …“ (Gregor Auenhammer, 16.11.2019)

Manspreading (Doris Knecht)

Googel das doch bitte einfach mal selber
DORIS KNECHT — KOLUMNEN & ZOO, FALTER 46/19 VOM 13.11.2019

Die satirische Tagespresse titelte letzte Woche: „Erstmals ohne Manspreading U-Bahn gefahren: Mann fallen Hoden ab“, eine tipptopppräzise Antwort zu den Reaktionen auf die „Halt deine Beine zam“-Kampagne der Wiener Linien.

Würde man nur ganz isoliert den Shitstorm rezipieren, den diese Kampagne auslöste, man käme zu dem Schluss, die Wiener Linien hätten „Manspreading“ erst letzte Woche gemeinsam mit ein paar radikalfundamentalistischen Männerhasserinnen aus der Luft gegriffen und zu einem abartig-abstrakten, völlig unrealistischen Konstrukt aufgeblasen, um weiter auf die von #MeToo eh schon völlig gedemütigten Männer einzuprügeln und daraus schnelles Marketingkapital zu schlagen.

Man würde aus den Reaktionen nicht ableiten können, dass es sich um ein international seit Jahren debattiertes Problem handelt, auf das zahlreiche Metropolen mit öffentlichem Verkehr mit ähnlichen Kampagnen reagierten. Tokio kampagnisierte 2012 gegen Manspreading, New York 2015, Madrid 2017, Washington 2019. Der Guardian zeigt online eine kleine Sammlung weiterer Anti-Manspreading-Kampagnen, darunter eine des New York Board of Transportation aus dem Jahr 1947.

Aber bei uns wird das Thema wieder als eine dieser Debatten geführt, in denen Feministinnen jedes Mal ganz von vorne anfangen und Leuten das kleine Einmaleins erklären sollen, die eigentlich eh den ganzen Tag im Netz herumhoppeln und sich leicht selbst ergoogeln könnten, was, wie und wo zu einem Thema schon alles publiziert und debattiert wurde.

Stattdessen prasseln Wörter wie „aufhussen“ und „Vernaderung“ aggressiv auf die nieder, die es ohne Aggression begrüßen, dass die Diskussion nun auch in Österreich angekommen ist. Und letztlich kommt dann auch diese Debatte wieder an einem schon länger bekannten Punkt an: Wenn so viele Männer das nicht gern hören, vielleicht sollten wir’s dann lieber nicht mehr sagen? Das ist aber halt auch der Punkt, an dem wir entscheiden, ob wir das mit der Gleichberechtigung lieber lassen sollen, weil sie für viele Männer so unbequem und brüskierend ist. Weil sie alle schon so nervt.

Feminismus und der Kampf um Gleichberechtigung sind aber halt kein Beliebtheitswettbewerb. Natürlich hätten auch die Wiener Linien ihre Kampagne anders anlegen können, auf Twitter las ich von einer, ich glaube, schwedischen Metro-Kampagne, die ganz geschlechtsunspezifisch einen Sitz pro Person propagiert, was auch sitzergreifend abgestellte Taschen von Frauen einschließt und die Männer nicht so ärgert. Aber es sind nun mal meistens Männer, die im öffentlichen Verkehr mehr Platz beanspruchen, und wem es bisher noch nicht aufgefallen ist, dem wird es jetzt auffallen.

Das ist natürlich Absicht, das will die Kampagne bewirken: Sie verändert den Blick. Auch bei denen, die das Problem zornig bestreiten. Verhaltenskorrektur follows Bewusstsein follows Wahrnehmung; so.

Rudolfinerhaus

Rudolfinerhaus
Aufenthalt: Die ruhige Lage am Rande des Wienerwaldes sowie fortschrittliche Behandlungsmethoden, individuelle Betreuung und stilvolles Ambiente, machen die Rudolfinerhaus Privatklinik zur ersten Adresse für Ihre Gesundheit. Speziell ausgebildete Hotelfachkräfte sorgen für eine intensive Rundum-Betreuung abseits der medizinischen Pflege. In den über 100 stilvoll eingerichteten Komfortzimmern stehen Kabel-TV, Telefon sowie ein kostenloser Internetzugang/Wlan zur Verfügung.
Zimmer im Rudolfinerhaus: In unseren Komfortzimmern steht jedem Patienten ein eigener A1 Entertainment Terminal mit vielen TV-Programmen und Internet-Zugang zur Verfügung. Auch der persönliche Morgenmantel, Badesandalen, elektrisch verstellbare Betten und die tägliche Zeitung ans Bett gehören im Rudolfinerhaus zur Standardausstattung.
Hotelservice: Ihre persönlichen Gastgeber sind unsere Teams vom Hotelservice. Sie helfen Ihnen bei der Menüauswahl und erfüllen gerne die Wünsche, die nicht in den medizinischen und pflegerischen Bereich fallen. Dazu zählen das fachgerechte Servieren der Speisen, die individuelle Vorbereitung der Zimmer sowie die Vereinbarung eines Friseurtermins oder die Organisation eines Laptops.
Küche: Gute und vor allem bedarfsgerechte Ernährung spielt gerade im Krankheitsfall eine wichtige Rolle. Bestens ausgebildeten Köche und Diätologinnen kümmern sich um die passende Ernährung für unsere Patienten.
Restaurant: Sie können, bei vorheriger Reservierung über das Hotelservice, Ihre Hauptmahlzeiten auch im Restaurant einnehmen. Selbstverständlich steht Ihnen in diesem Restaurant auch ein saisonales À la carte-Angebot zur Verfügung.
Neben einer Auswahl von Zeitschriften, Zeitungen und Büchern sowie Artikeln für den täglichen Bedarf, bietet der Shop im Restaurant auch Schokolade, Pralinen und kleine Snacks.

Die Frau, die nicht verschwinden will

„Die Frau, die nicht verschwinden will“ von Corinna Milborn im Falter
Natascha Kampusch hat ein spannendes Buch über den Hass im Netz verfasst. Darin beschreibt sie patriarchale Strukturen in Österreich, die Frauen wie sie lieber im Keller sieht

Wie halten Sie das alles aus?“, fragt der deutsche Talkshow-Moderator. „Na ja, ich muss ja“, antwortet Natascha Kampusch. Er fragt nach: „Man kann auch sagen, ich beende das jetzt. Haben Sie jemals über solche Dinge nachgedacht?“

Natascha Kampusch hat ein Buch über Internet-Hass geschrieben. Es ist kein Schicksals-, sondern ein Sachbuch, das ihre persönlichen Erfahrungen einbezieht, zumeist aber auf Recherchen und klugen Gedanken zu Internet und Hass aufbaut. Doch Journalistinnen und Journalisten, die sich immerhin um das Interview bemüht und Kampusch dazu eingeladen haben, stellen alle diese Fragen: Warum sprechen Sie? War­um sind Sie schon wieder in der Öffentlichkeit? Warum sind Sie überhaupt hier? Oder gar: Haben Sie daran gedacht, sich umzubringen?

Bei diesen fürsorglich gestellten Fragen nach der schieren Existenzberechtigung in der Öffentlichkeit schwingt eine Gereiztheit mit, die bei den Kommentaren von ano­nymen Passanten auf der Straße oder im Netz dann blank daliegt: Natascha Kampusch solle verschwinden. Sich selbst töten. Sie solle zurück in den Keller. Sie hätte nie aus dem Keller freikommen sollen. Das sind einige der Kommentare, über die Natascha Kampusch in ihrem Buch „Cyberneider“ schreibt.

Der Hass auf diese junge Frau, deren Schicksal als entführtes Kind jahrelang das ganze Land bewegt hat, scheint auf den ersten Blick unverständlich. Natascha Kampusch hat als Kind einem brutalen, rechtsextremen Verbrecher widerstanden, der ihr nicht nur ihre Freiheit geraubt hat, sondern ihre Persönlichkeit auslöschen wollte. Sie hat als Jugendliche immense Gewalt überlebt und sich als junge Erwachsene schließlich selbst befreit. Warum freut man sich nicht täglich über ihre Befreiung und feiert sie wie eine Heldin?

Die Antwort liegt erschreckend nahe in den patriarchalen Grundstrukturen unserer Gesellschaft, die – das zeigt der Fall Natascha Kampusch jeden Tag – nur von einer dünnen Schicht von Zivilisation und Gleichberechtigung überzogen sind. Blicken wir nur ein paar Jahrhunderte oder gar Jahrzehnte zurück: In einer patriarchalen Gesellschaft ist es erstens nicht vorgesehen, dass junge Frauen in der Öffentlichkeit stehen. Nur wenn sie der Unterhaltung von Männern dienten, durften junge Frauen sich zeigen. Als Persönlichkeiten nie.

Mädchen wurden zweitens in zwei Kategorien eingeteilt. Die einen werden jungfräulich und verschleiert vom Vater an den Bräutigam übergeben und leben fortan re­spektiert unter dem Schutz, aber auch in einer Art Leibeigenschaft des Mannes. (Das war vor kurzem noch gesetzlich verankert: Noch in den 1970er-Jahren brauchten Frauen die Genehmigung des Ehemannes, um arbeiten zu dürfen, und dass Männer kein Recht haben, ihre Ehefrauen zu vergewaltigen, wurde in Deutschland erst in den 1990ern klargestellt.)

Die Mädchen hingegen, die keine „schützenden“ Väter haben oder trotzdem von einem gewalttätigen, sexualisierten Angriff getroffen werden, sind „geschändet“: Die Schande des Übergriffs klebt an den Opfern, nicht am Täter, und nimmt ihnen Wert und Rechte. Sie werden, sofern sie nicht getötet werden, zu „beschädigter Ware“, verlieren ihren Status, ihr Recht auf Familie und haben zur Verfügung zu stehen.

Diese Muster sitzen tief. Schon die bloße Anwesenheit einer jungen Frau in der Öffentlichkeit, die nicht zur Unterhaltung von Männern dient, weckt tiefe Aggressionen (man kann das gerade bei Greta Thunberg gut beobachten). Doch wenn gar eine Betroffene von Gewalt sich weigert, sich mit dem ihr zugewiesenen Platz zufriedenzugeben, brennen die Sicherungen durch. Genau das ist bei Natascha Kampusch der Fall: Sie weigert sich, im Dunkeln zu verschwinden. Und das reizt viele aufs Blut.

Somit hat sie sich, wie sie es selbst beschreibt, von einem Täter befreit, nur um von vielen Tätern umringt zu werden, die das Verbrechen vollenden und sie zum Verschwinden bringen wollen. Auch wer ihr vermeintlich fürsorglich rät, doch ihren Namen zu ändern und ins Ausland zu übersiedeln, tut nichts anderes. Natascha Kampusch hatte keine Wahl, an die Öffentlichkeit zu gehen oder nicht – ihr Name und ihr Gesicht waren acht Jahre lang fast wöchentlich in den Medien. Sie selbst hat sich mit unglaublicher Stärke der Folter widersetzt, mit der der Täter ihre Persönlichkeit brechen und sie ihren Namen vergessen lassen wollte. Warum hätte sie im Moment der Befreiung auf ihren Namen, ihre Persönlichkeit und ihre Geschichte verzichten sollen? Doch bis heute fordert das täglich jemand von ihr – mal voll Hass, mal mit vermeintlicher Sorge. Dass das gerade in denselben Medien geschieht, die ihre Privatsphäre nach ihrer Befreiung bis ins Letzte verletzt haben, ist besonders perfide.

Kampusch hält durch ihre bloße Anwesenheit in der Öffentlichkeit der Gesellschaft einen Spiegel vor – und jener Teil der Gesellschaft, der nicht hineinsehen will, versucht, sie zu verjagen. Denn das Opfer, das sich weigert zu verschwinden, zeigt, was möglich ist: in einem biederen Haus, in einem biederen Ort, von einem ganz normalen Österreicher, der immer freundlich gegrüßt hat. Das will man nicht wiederholt vor Augen haben. Darüber will man nicht sprechen. Die Schmutzwäsche wäscht man bitte zu Hause. Die eigenen Verbrechen bleiben bitte im Keller. Und wenn sich dann jemand aus dem Keller befreit, dann soll diese Person bitte verschwinden.

Denn Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist auch heute nur dann breit geächtet, wenn das auch in patriarchale Muster passt: Dann, wenn „andere“– Ausländer, Muslime – sich an „unseren“ Frauen „vergreifen“. Und wenn es schon kein „anderer“ war, so muss es ein Kartell, eine Mafia sein – mit Verbindungen in höchste Kreise, sicher ins Ausland! –, die man männlich jagen kann, um die Jungfer zu verteidigen.

Bis in höchste Justiz- und Polizeikreise hin­ein wurde Natascha Kampusch jahrelang unterstellt, weitere Täter zu schützen, die es – wie schließlich auch diese Ermittler zugeben mussten – nie gegeben hatte. Teile von Justiz und Polizei suggerierten damit eine Komplizenschaft mit vermeintlichen Mittätern und gaben Kampusch für den Hass der Onlineforen frei, wo die Kommentare deutlicher waren: Sie habe, war hundertfach zu lesen, ihre eigene Entführung als kleines Kind geplant und erlitten, um danach Kapital daraus zu schlagen. Dass der Mechanismus, Opfern selbst die Schuld zu geben, selbst bei einem entführten Kind funktioniert, ist absurd. Doch es wirkt offenbar erleichternd, das Opfer zur Täterin zu machen, wenn man die Tat nicht aushält.

Diese Zurechtweisungen kommen keineswegs nur von Männern – es ist ein großer Teil der Gesellschaft, der sich da zusammentut und sagt: Sei still, das gehört sich nicht. So wie das Patriarchat nicht von Männern, sondern von den älteren Frauen aufrechterhalten wird, so sind es oft auch ältere Frauen, die Kampusch auf der Straße beleidigen und anspucken. Und Interviewe­rinnen, die in bester patriarchaler Tradition annehmen, dass nie glücklich werden darf, wer Opfer männlicher Gewalt wurde: Die in Fragen gekleideten Annahmen, Kampusch würde nie im Leben einem Mann vertrauen, nie eine Familie gründen oder Kinder bekommen können, gehören zu den verletzendsten. Als wäre das Leben einer Frau auch heute noch am Ende, sobald ein Täter es berührt hat. „Es liegt wohl nicht nur an mir, ob ich jemandem vertrauen kann“, antwortet sie mittlerweile routiniert.

Natascha Kampusch pariert all diese Fragen, die ihr Glück, eine Stimme, gar die Existenzberechtigung absprechen wollen, mit stoischer Ruhe und trockenem Humor. Sie entgeht mit kurzen Sätzen und Gegenfragen der Bloßstellung und legt dabei oft schmerzhaft die Geisteshaltungen der Interviewer offen. Und nie steigt sie darauf ein, dass es nun genug sei mit dem öffentlichen Auftreten: Sie hat sich befreit, um zu bleiben, und sie weicht nicht. Im Gegenteil: Sie ist Akteurin – und schreibt, weil sie schon als Kind Reporterin werden wollte.

„Cyberneider“ schöpft aus ihren eigenen Erfahrungen als eines der ersten Opfer von Onlinehass in den jungen, unmoderierten Foren der österreichischen Tageszeitungen und den Anfängen von Social Media. Kampusch beschreibt aber weit darüber hin­aus Mechanismen von Onlinehass, schildert Fälle und zeigt Verbindungen zwischen verschiedenen Formen der Diskriminierung auf – etwa wie oft Sexismus und Rassismus Hand in Hand gehen. Es ist ein leicht lesbares und verständliches Buch entstanden, das besonders für junge Leute geeignet scheint – und das Natascha Kampusch auch in Schulen vorstellen will. Unter dem Hashtag #Cyberunity schlägt sie zehn Regeln für eine bessere Kultur im Internet vor.

Das tut Natascha Kampusch nicht nur im Buch und in Interviews, sondern an dem Ort, der ihr am meisten Hass zugespült hat – im Netz. Sie betreibt Social-Media-Accounts, liest selbst, antwortet oft selbst. Warum sie sich das antut? „Weil ich es kann“, antwortete Natascha Kampusch bei ihrer Buchpräsentation und lacht. Das Lachen und der Applaus, der zurückschallt, ist befreiend und zeigt: Es gibt auch den anderen Teil der Gesellschaft. Den, der will, dass Natascha Kampusch weiter dasteht. Und der sie dafür feiert, dass sie nicht weicht: als Heldin.

Corinna Milborn
ist Info-Chefin bei Puls 4/Puls 24. Sie hat Natascha Kampusch beim Schreiben ihrer Autobiografie „3096 Tage“ unterstützt

Das Blutopfer für die Mobilität

Das Blutopfer für die Mobilität (Falter) von Thomas Rottenberg, 13.08.2019
Der Tod zweier Kinder in einem Fahrradanhänger wirft – wieder einmal – eine Frage auf: Wieso sieht die Politik das Auto immer noch als das Maß aller Dinge?

In Wirklichkeit ist es ganz einfach. „Fahren auf Sicht“ nennt es die Straßenverkehrsordnung. Das wird auch jedem Fahrschüler eingebläut. Und falls jemand Paragraf 20 der Straßenverkehrsordnung (StVO) nicht versteht, erklärt der Oberste Gerichtshof (OGH), wie er zu lesen und zu befolgen ist: „(…) Fahren(…) auf Sicht bedeutet, dass ein Fahrzeuglenker seine Fahrgeschwindigkeit so zu wählen hat, dass er sein Fahrzeug beim Auftauchen eines Hindernisses rechtzeitig zum Stehen bringen und zumindest das Hindernis umfahren kann. (…) Diese Pflicht besteht auch auf Freilandstraßen. Fährt ein Kraftfahrer bei Dunkelheit mit Abblendlicht, dann hat er (…) grundsätzlich mit einer Geschwindigkeit zu fahren, die ihm das Anhalten (…) innerhalb der Reichweite des Abblendlichts gestattet.“

Doch als vorletzte Woche ein 60-jähriger Wiener in der Dämmerung mit seinem Pkw nahe Wien einen Fahrradkinderanhänger mit zwei Kleinkindern so heftig rammte, dass Anhänger und Insassen samt Zugfahrzeug und Radfahrerin 15 Meter in ein Feld katapultiert wurden und die beiden Kinder ums Leben kamen, gaben Medien und Autolobby umgehend die Debattenrichtung vor: Wie gefährlich sind Fahrradanhänger? Wie unverantwortlich ist es, Kinder damit zu transportieren? Wie kann man solche Unfälle vermeiden? Der Lösungsansatz kam postwendend: Die FPÖ stellte die Forderung nach einem Verbot von Fahrradkinderanhängern (und auch gleich Lastenfahrrädern) in den Raum. Verkehrsminister Andreas Reichhardt (FPÖ) kündigte an, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu Kinderbeförderung auf dem Rad unter die Lupe zu nehmen. „Um den Schutz der Kinder im Straßenverkehr bestmöglich gewährleisten zu können“, sehe er „Handlungsbedarf“. Auch bei E-Bikes.

Die Schlüsselbegriffe der Aussendung waren Textelemente wie „möglicherweise zu wenig umsichtiger Fahrstil“ der Radfahrer per se: So funktioniert Framing. Reichhardt wurde überall zitiert. „Fahren auf Sicht“ kam nirgendwo auch nur am Rande vor.

Medial ebenso wenig wie vonseiten der Verkehrssprecher anderer Parteien. Im Autofahrerland Österreich nennt man bestimmte Probleme lieber nicht beim Namen.

Doch abgesehen von der Rechtslage und der (nicht abgeschlossenen) Analyse dieses einen Unfalls gibt es Unfallzahlen. Statistiken. Diese sind eindeutig: Zwischen 2000 und 2018 kamen in Österreich 305 Kinder bei Verkehrsunfällen ums Leben. 151, also die Hälfte, davon im Auto. Ein Drittel als Fußgänger. Neun Prozent auf dem Rad.

Die Zahlen stammen vom Grazer Forschungszentrum für Kinderunfälle. Dort werden seit 30 Jahren tödliche und schwere Kinderunfälle erfasst. Anlässlich der jüngsten Tragödie wertete man auch die (verfügbaren steirischen) Fahrradkindertransport-Unfallzahlen aus. Von 2004 bis 2018 waren 19 transportierte Kinder nach Radunfällen in Graz behandelt worden. Elf waren im Kindersitz, sieben im Anhänger und eines im Lastenrad gesessen. Verkehrsunfall war exakt einer dabei: eine Kollision zwischen Radfahrern. Bei den 19 Fällen gab es einen gebrochenen Unterarm und eine Gehirnerschütterung. Dem politisch-medialen Framing und dem „Narrativ“ ist derlei egal: Der Kindertransport auf dem Rad ist gefährlich. Fahrlässig. Unverantwortlich. Und aus.

Von der Faktenlage lässt sich da kaum jemand irritieren. Auch nicht von anderen Fragen. Etwa der, welche verkehrs- oder gesellschaftspolitischen Begleitmaßnahmen den an sich eben sicheren Transport per Rad auch in der kollektiven Wahrnehmung positiv besetzen könnten. Nicht zuletzt im Zuge von Ressourcen- und Klimadebatten.

Unmittelbar nach dem Unfall verdichtete Klaus Robatsch vom Kuratorium für Verkehrssicherheit das auf einen einfachen Satz: „Wollen wir verkehrsoptimierte Kinder – oder kinderoptimierten Verkehr?“

Kinder, so der Leiter der Verkehrssicherheitsforschung des KfV zum Falter, stünden da pars pro toto. Also auch für Ältere, Schwächere oder Ängstlichere. Für Familien, die nicht zwei Autos wollen oder sich leisten können, um Kinder zur Schule oder nur in den Nachbarort zu bringen. Kurz: für den Vorrang von Menschen und die Abkehr vom Primat des Automobils.

Doch das Infragestellen des jahrzehntelang Sankrosankten beginnt früher als bei der Frage, wieso Gemeinde, Land und Bund bei der Schnellfahraufwertung der Unfallstraße vor wenigen Jahren das Wort „Radweg“ nicht einmal andachten. Das Mindset „Auto first“ beginnt viel früher. Etwa im kollektiven Ignorieren von Regeln – und seiner amtlichen De-facto-Akzeptanz.

So dokumentierte etwa die niederösterreichische Gemeinde Hennersdorf von November 2018 an vier Monate lang Geschwindigkeiten in zwei Tempo-30-Zonen: 88 Prozent fuhren signifikant zu schnell. Auch Tempo 50 wird im Wohngebiet nicht ernst genommen. An einer von zwei 50er-Messstellen war jedes zweite Fahrzeug zu schnell. Dass im Ortskern dann „nur“ 17 Prozent rasten, galt schon als Erfolg.

Kein Wunder. Schließlich wird das systematische Gefährden anderer nicht als Problem wahrgenommen – oder gar geahndet. Verkehrsstrafen sind in Österreich vergleichsweise spottbillig. Außerdem liegen die Messtoleranzgrenzen in Österreich bei zehn Prozent. „Auch danach wird meist erst ab 15 km/h darüber gestraft“, moniert Markus Gansterer vom VCÖ. In der Schweiz ist das anders. Dort gilt der gemessene Wert. Strafen spürt man: „Die Schweiz hat halb so viele Verkehrstote wie Österreich.“

Freilich verhindert Nichtrasen keinen Unfall, wenn der Blick nicht auf der Fahrbahn ist. 20 Jahre nach der Einführung des Handyverbots am Steuer beweist das nicht bloß die Alltagsempirie, sondern auch die Statistik: Vier von zehn Verkehrsunfällen haben Ablenkung als Ursache. Fünf Sekunden Lesen oder Tippen bedeuten bei 50 km/h 70 Meter Blindflug. Das Unfallrisiko verdreiundzwanzigfacht sich – sogar wenn (theoretisch) ohnehin „auf Sicht“ gefahren wird. Das geringe Strafmaß (offiziell 50, meist aber 20 Euro) und die Unwahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, schaffen ein Klima des fehlenden Problembewusstseins.

Kein Wunder, dass der VCÖ Handytelefonieren gerne als „Vormerkdelikt“ sähe: Wer öfter mit Handy am Ohr oder in der Hand erwischt wird, riskiert den Schein. Das Ministerium winkt ab: Bei 150.000 Handy-Organstrafen (2018) wären Anzeigen „nicht administrierbar“. Auf Deutsch: Politik und Verwaltung gehen vor der Selbstverständlichkeit des Regelbruchs in die Knie.

Sicher: Mit den toten Kindern im Radanhänger hat das ursächlich nichts zu tun. Aber Mosaiksteine ergeben in Summe ein Bild. Hier das, das wir als „Verkehr“ in uns tragen. Daher gilt es zu akzeptieren: Unfälle „ereignen sich“ eben. Passivformulierungen stehen in Nachrichten für Schicksalhaft-Unabänderliches: Tote Kinder sind eben Teil der Mobilitätskalkulation einer Gesellschaft.

Aber sind sie das wirklich? 1972 starben in den Niederlanden 3200 Menschen im Verkehr. Darunter 400 Kinder. Unter dem Motto „Stoppt den Kindermord“ formierte sich da landesweiter, nachhaltiger Widerstand.

Die Politik reagierte: Das Auto wurde vom Maß aller Dinge zum Werkzeug umdefiniert. Wo es störte, schädigte oder gefährdete, wurde seine Bewegungs-, aber auch seine Herumstehfreiheit rigoros eingeschränkt – zugunsten anderer Mobilitätsformen.

Die Folge davon sind nicht bloß Radwege in Stadt und über Land, sondern signifikant weniger Verkehrstote: 680 waren es 2018. Freilich: Auch Österreich senkte seinen „Blutzoll“ von 3000 auf 414. Doch die Niederlande haben doppelt so viele Einwohner. Kommen in Österreich auf 100.000 Einwohner jährlich 5,2 Verkehrstote, sind es in den Niederlanden 3,8.

Vor allem aber denkt und lebt man Verkehr dort anders: Nach einer – der bis dahin ersten – tödlichen Kollision zwischen einem Auto und einem Kinder-Radanhänger den Transport von Kindern auf dem Rad per se zur Diskussion zu stellen mutet für Oranjes heute nachgerade absurd an. Denn man hat dort bereits vor 40 Jahren das wahre Problem gesehen und benannt. Mit einem Namen, der weder Schönreden noch Ausweichen zulässt: „Stoppt den Kindermord!“

Diese schöne, heillos verlorene Welt

Diese schöne, heillos verlorene Welt
Nachruf auf Andrea Camilleri von Thomas Steinfeld, 17. Juli 2019

Im April 2013 erschien in Italien eine Ausgabe des Magazins Mickey Mouse – Topolino heißt die Figur in diesem Land -, in dem die Maus mit Freundin Minnie in Urlaub fährt, nach Sizilien. Kaum angekommen, besuchen die beiden die archäologischen Stätten von Agrigent, wo sie einen Kommissar namens Topalbano kennenlernen. Bald werden sie in eine Kriminalgeschichte hineingezogen, in deren Verlauf jener Topalbano alle Eigenschaften entfaltet, die auch Commissario Montalbano, den beliebtesten fiktiven Polizisten Siziliens, auszeichnen: die plötzlichen Eingebungen, die Liebe zu regionalen Speisen, zum Dialekt und zur Literatur (im Italienischen spricht er sizilianisch-literarisch), den launigen Charakter und die Heimatverbundenheit.

Es dauert nicht lange, bis in dieser Bildergeschichte auch der Autor der Geschichten um jenen Kommissar auftritt, ein älterer Herr mit einer fast blinden Brille und einem ausladenden Bauch, in dem Andrea Camilleri auf den ersten Blick zu erkennen ist.

An dieser Ausgabe des Topolino lässt sich nicht nur ablesen, wie volkstümlich Andrea Camilleri in Italien war, sondern auch, wie weit die Register gespannt waren, in denen er sich bewegte – von der griechischen Antike bis zur amerikanischen Populärkultur.

In den Fünfzigern war er der erste Theaterregisseur gewesen, der Samuel Beckett auf einer italienischen Bühne spielen ließ, in den Sechzigern arbeitete er als Produzent beim Staatsfernsehen, kümmerte sich um Vorabendserien und ließ die Romane George Simenons verfilmen. Daneben schrieb er Kritiken und unterrichtete an einer nationalen Theaterhochschule. Er war bekennender Kommunist (solange es den PCI gab), ein Schauspieler, der gern den komödiantischen „buffo“ gab, Drehbuchautor und bis zu seinem Tod einer der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen Italiens: In seinem Protest gegen Silvio Berlusconi war er genauso unerbittlich wie in seinem Widerstand gegen das Referendum, mit dem Matteo Renzi im Dezember 2016 die Verfassung ändern wollte, oder in seinem offensiven Missvergnügen an Matteo Salvini („ich möchte mich übergeben“) und der Allianz mit der Fünf-Sterne-Bewegung, wenngleich Camilleri als Mittel des politischen Ausdrucks die Ironie stets der Parole vorzog.

Und selbstverständlich ist sein Commissario Montalbano auch die Allegorie eines Staatsidealismus, in dem sehr viele Italiener eine bessere Variante ihrer selbst zu erkennen meinen: Nachdem er vor vier Wochen nach einem Herzinfarkt in ein römisches Krankenhaus eingeliefert worden war, wurde das Internet wie die Netzausgaben der großen Zeitungen entsprechend von einer Welle aus Sympathieerklärungen und Beistandswünschen überschwemmt.

Andrea Camilleri verbrachte den größten Teil seines Lebens in Rom. Er blieb aber auch dort ein Sizilianer. Immer wieder kehrte er in seinen Büchern auf die Insel zurück, wo er – in Porto Empedocle bei Agrigent – geboren worden war, sowie seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, als Sohn eines faschistischen Funktionärs. Die Invasion der Alliierten wurde für ihn eine höchst zwiespältige Erfahrung, mehr eine Besetzung denn eine Befreiung, wovon nicht nur mehrere Werke der Serie um Commissario Montalbano zeugen (etwa „Der Hund aus Terracotta“, 2000), sondern auch ein historischer Roman wie „Der zerbrochene Himmel“ (2005), ein Buch, das von einem bald ausgesprochen gewalttätigen Jungen handelt, wobei das eigentliche Opfer der Misshandlung nicht das Kind ist, sondern eine ganze Kultur, in der jedes Wort kompromittiert ist.

Der Faschismus und die katholische Kirche, die Mafia und der Staat gehen bruchlos ineinander über, und der Schriftsteller wirkt in dieser schönen, aber auch heillos verlorenen Welt eher als Chronist aus dem Milieu denn als Erzähler – als einer, der dieses Verhängnis nicht nur wissend betrachtet, sondern darin tief verwurzelt ist.

In „Der zerbrochene Himmel“ verbirgt sich eine Replik auf eine Satire des Schriftsteller Carlo Emilio Gadda, nämlich „Eros und Priapus“ (1945) – der derben, oft den Dialekt benutzenden Sprache wegen ebenso wie um des Versuches willen, sich intellektuell vom Faschismus zu lösen. Von Luigi Pirandello, der aus derselben Gegend stammte wie er, ließ Camilleri sich nicht nur im Umgang mit regionalen Legenden, sondern auch im Verwirrspiel der Figuren unterweisen. Mit Leonardo Sciascia, der in den frühen Sechzigern den gesellschaftskritischen sizilianischen Kriminalroman erfunden hatte, war er befreundet.

Andrea Camilleris Bücher erschienen vorwiegend im Verlag des Fotografen Enzo Sellerio aus Palermo, dessen Schwarz-Weiß-Fotografien aus einem vergangenen Sizilien in die italienische Ikonographie eingingen. Die Werke des Autors, die nicht als Kriminalromane gelten (obwohl sie kriminalistische Elemente enthalten), spielen vor allem im Sizilien des 19. Jahrhunderts, etwa „Eine Sache der Ehre“ (1984/1993) oder „Die Mühlen des Herrn“ (1999). Aber es war schließlich der Kriminalroman, genauer: die Serie um Commissario Montalbano, der ihn zuerst in Italien, dann in der halben Welt zu einem sehr erfolgreichen Schriftsteller machte.

Wie in anderen europäischen Ländern auch, war der Kriminalroman in Italien in den Neunzigern zum beherrschenden literarischen Genre geworden. Das muss nicht den Triumph des Trivialen bedeuten: Schon Umberto Ecos „Der Name der Rose“ (1980) war ein Kriminalroman, um von Leonardo Sciascias Werken gar nicht erst anzufangen. Zudem liegt der Fall bei Andrea Camilleri anders, weil das Terrain seiner Schauplätze den Eigenarten eines Kriminalromans weit entgegenzukommen scheint – eine Insel mit einer Gesellschaft, die völlig undurchdringlich wirkt, wenn man ihre Regeln nicht kennt, und in der ein Detektiv eine Sprache verstehen muss, die weniger gesprochen wird, als dass sie sich in kleinsten Wendungen und Gesten artikuliert.

Entsprechend besitzt Kommissar Montalbano eine beinahe magisch erscheinende Intuition, während das Verbrechen immer wieder wie ein Akt der Rebellion in einer Umgebung erscheint, in der Wahn und Normalität eng nebeneinander liegen.

In der Geschichte „Die Stimme der Violine“ (1997) begegnet Commissario Montalbano einmal wieder Signorina Clementina, der Grundschullehrerin. Als der Detektiv sie fragt, ob sie Kriminalromane lese, antwortet sie, dass ihr das Etikett nicht gefalle. Dann erzählt sie in wenigen Sätzen die Geschichte des Ödipus: Da habe es einst den „capo di una città“ gegeben, den Hauptmann einer Stadt, die von einem Unglück nach dem anderen heimgesucht worden sei. In diesem Sinne wird Andrea Camilleri den größten Teil seines Schaffens verstanden haben: als den Versuch, einer in sich vielfach differenzierten und tief in die Vergangenheit zurückreichenden Welt Ausdruck zu verleihen, der durch zwei Motive zusammengehalten wird: durch Sizilien und durch die Suche nach dem Verbrecher. Am Mittwoch ist Andrea Camilleri im Alter von 93 Jahren in Rom gestorben.

Eine Bürde: Männer ohne Hirn und Würde

Nüchtern betrachtet
Feuilleton, FALTER 21/19 vom 22.05.2019
Eine Bürde: Männer ohne Hirn und Würde

Am Samstag war ich in der Landschaft und konnte den Rücktritt der beiden Polithorrorclowns nicht „live“ mitverfolgen, wurde aber auf dem Laufenden gehalten. Ich erfreute mich also nicht nur an der vielgestalten Anmut des Kamptals, am Ruf des Pirols und der Rückkehr der Bienenfresser, sondern auch schlackenloser Schadenfreude. Getrübt wurde diese nur, als ich später Straches Rücktrittsrede sah. Eine dermaßen würdelose heulsusenmäßige Arie geht doch auf keine Kuhhaut!

Warum können Politiker nicht einfach sagen: „Ich habe Mist gebaut und deswegen bin ich weg!“? Wäre es nicht das überzeugendste Indiz für echte Reue, wenn man einfach auch mal den Rand hielte, ohne einerseits die eigenen Verfehlungen im Detail auszubreiten und andererseits darüber zu klagen, wieder einmal Opfer der jüdischen Weltverschwörung geworden zu sein? Was sind das für „Politiker“, die sich wie irgendwelche testosterongefluteten pubertierenden Früchtchen darauf rausreden, hackedicht gewesen zu sein, tatsächlich aber offenbar auch in einigermaßen nüchternem Zustand dämlich genug sind, sich dermaßen über den Löffel balbieren zu lassen? „Ah, eine blonde Russin mit unfassbar viel Geld -immer nur herein in die gute Stube! Was wollen Sie dafür haben? Bauaufträge, die Kronen Zeitung, mein halbes Königreich, die Hand meiner Tochter? Ich hätte außerdem einen sprechenden Kater, der Geige spielen kann und Diamanten kackt, und eine Flasche Bier, die nie leer wird. Soll ich die auch noch drauflegen, Holla die Waldfee?!“

Die Kulturanthropologie kennt die Unterscheidung von Scham-und Schuldkulturen. Ich hab die nie so recht verstanden. Wenn jemand sich schuldig fühlt, schämt er sich dann nicht? Und wo wäre hier die Schande zu verorten oder der kleine Bruder der Scham, der Genierer? (Interessant übrigens, dass diese Begriffe alle mit „Sch“- beginnen.) Die beiden hirnweichen Halawachln pochen doch gerne darauf, dass in ihrer Welt Ehr‘ und Treu‘ noch etwas zählen. Wenn man nun Schande über sich und seine Bewegung bringt, muss man sich dann nicht eigentlich mit einer Wehrmachtspistole erschießen? Nicht, dass ich das befürworten oder auch nur nahelegen möchte, aber echte deutsche Männer würden so was tun. Besser wird’s so oder so nicht. Nach den nächsten Wahlen wird Kurz dann halt mit der Hofer-FPÖ koalieren. Dass er keinen Genierer kennt, hat er mit seiner verlogenen vorgezogenen Wahlkampfrede schon mal bewiesen.

Strache stellte gegen Wahlkampfhilfe Staatsaufträge in Aussicht

https://www.spiegel.de/video/fpoe-chef-heinz-christian-strache-die-videofalle-video-99027174.html

https://www.spiegel.de/politik/ausland/heinz-christian-strache-geheim-videos-belasten-fpoe-chef-a-1268059.html

https://www.sueddeutsche.de/politik/strache-video-fpoe-oesterreich-ibiza-1.4451784

https://orf.at/stories/3122807/

Die wichtigsten Zitate aus den Strache-Videos
LUKAS MATZINGER — 17.05.2019

Ibizenkische Nächte sind lang. Vom frühen Abend bis in die Nacht öffneten sich der jetzige Vizekanzler Heinz-Christian Strache und der jetzige FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus einer Unbekannten, die sie für eine reiche Russin hielten. Sie wollten der Frau etwas bieten.

Auf dem Videomaterial, das der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel übergeben wurde und das vor der Veröffentlichung vom Falter eingesehen werden konnte, plauderten die beiden über Großsponsoren der FPÖ und das Vereinskonstrukt, an das sie spenden. Sie wollten beim Umbau der Kronen Zeitung helfen und stellten dem vermögenden Lockvogel Staatsaufträge in Aussicht. Sie dachten laut über eine teilweise Privatisierung der österreichischen Wasserversorgung nach.

Eine Auswahl der brisantesten Zitate aus den geheimen Videos:

» Strache über seine Medienpolitik: „Wir wollen eine Medienlandschaft ähnlich wie der Orbán aufbauen. … Wir wollen uns sehr stark Richtung Osten öffnen, Richtung Russland.“

» Gudenus: „Es muss alles legal sein. Das ist einmal das Erste. Das ist ja mal klar. Und rechtskonform machbar. Aber das ist ja machbar.“

» Strache über die Oligarchennichte: „Dann soll sie eine Firma wie die Strabag gründen. Weil alle staatlichen Aufträge, die jetzt die Strabag kriegt, kriegt sie dann. So und über die Geschichte reden wir. Weil den Haselsteiner will ich nicht mehr.“

» Strache über sein Angebot: „Wenn sie wirklich die Zeitung vorher übernimmt, wenn’s wirklich vorher, um diese Wahl herum, zwei, drei Wochen vorher, die Chance gibt, über die Zeitung uns zu pushen (…), dann passiert ein Effekt, den die anderen ja nicht kriegen.(…) Na schau: Wenn das Medium zwei, drei Wochen vor der Wahl, wenn dieses Medium auf einmal uns pusht, dann hast du recht. Dann machen wir nicht 27, dann machen wir 34 Prozent. Und das ist genau der Punkt. (…) Und bei so einem Thema red ma. Aber es muss trotzdem immer rechtskonform, legal und mit unserem Programm übereinstimmen. (…) Wenn das ihr Asset ist, das sie mitbringt drei Wochen vor der Wahl, bist du deppat, dann brauch ma gar nicht reden.“

» Strache wiederholt sein Angebot: „Nehma Strabag, Autobahnen: Du, das Erste in einer Regierungsbeteiligung, was ich dir zusagen kann, ist: Der Haselsteiner kriegt keine Aufträge mehr. So. Dann ham wir ein Riesenvolumen an infrastrukturellen Veränderungen. Wenn da eine Qualität da ist und ein qualitativer Anbieter da ist, dann bin ich der Erste, der sagt … (hebt die Arme).“

» Strache über Gegenleistungen: „Nichts, nichts. Genau. Genau. Die einzige Gegenleistung, die wir erwarten: dass man korrekt mit uns umgeht, dass man eine Berichterstattung korrekt macht, dass man dort in der Redaktion des korrekt macht. Und dass, wenn, wenn es ihr gefällt, da oder dort eine Spende bekommt. Ende. Ende.“

» Strache wiederholt sein Angebot: „Nochmal. Autobahn bin ich sofort dabei. (…) Statt Haselsteiner jeden öffentlichen Auftrag abseits der Strabag.“
Lockvogel: „Es ist nicht der öffentliche Auftrag. Der Punkt ist der Überpreis, der garantiert wird.“
Strache: „Noch einmal, beim staatlichen Auftrag hast du das.“

» Strache erneuert das Angebot: „Du sagst ihr, wenn sie die Kronen Zeitung übernimmt drei Wochen vor der Wahl und uns zum Platz eins bringt, dann können wir über alles reden.“
„Wenn sie die Kronen Zeitung übernimmt und einen Lauf schafft, wo wir drei Wochen vor der Wahl einen Punch kriegen – dann können wir über alles reden. Da werden wir immer einen Weg finden, das zu definieren.“

» Strache über das Wasser: „Wo wir das Wasser verkaufen, wo der Staat eine Einnahme hat und derjenige, der das betreibt, genauso eine Einnahme hat.“ Man müsse sich dann eben „um die Prozente streiten“, und am Ende hätten sowohl der Staat als auch der Betreiber ihren Gewinn.

„Wenn es ihr gefällt“, sagt Strache zweimal, „wenn sie dann positiv gestimmt ist, kann sie uns jederzeit an den Verein spenden.“

» Strache über seine potenziellen Spender: „Es gibt ganz wenige, die an die Partei spenden, weil das an den Rechnungshof geht. Dann ist es offen. Das will keiner.“

„Es gibt ein paar sehr Vermögende. Die zahlen zwischen 500.000 und eineinhalb bis zwei Millionen (…) Ich kann ein paar nennen, die zahlen aber nicht an die Partei, sondern an einen gemeinnützigen Verein.“

„Der Verein ist gemeinnützig, der hat nichts mit der Partei zu tun. Dadurch hast du keine Meldungen an den Rechnungshof. Das ist ein gemeinnütziger Verein, mit drei Rechtsanwälten. Der hat ein Statut: Österreich wirtschaftlicher gestalten.“

„Die Spender, die wir haben, sind in der Regel Idealisten. Die wollen Steuersenkung. Gaston Glock beispielsweise, Heidi Horten. Heidi Horten ist ein Beispiel. René Benko, der die ÖVP und uns zahlt, einer der größten Immobilienmakler Österreichs, Novomatic zahlt alle.“

Anmerkung: Alle Genannten bestreiten vehement, an die FPÖ oder nahestehende Vereine gespendet zu haben.

» Strache über Journalisten: „Journalisten sind ja sowieso die größten Huren auf dem Planeten. Sobald sie wissen, wohin die Reise läuft, funktionieren sie so oder so. Man muss es ihnen ja nur kommunizieren.“

» Gudenus: „Die Kronen Zeitung wär für uns alle gut, für sie geschäftlich, für uns politisch.“

» Strache: „Wenn sie dann positiv gestimmt ist, kann sie uns jederzeit über den Verein spenden.“

» Strache über sein Medienkonzept: „Sobald sie die Kronen Zeitung übernimmt, sobald das der Fall ist, müssen wir ganz offen reden, da müssen wir uns zusammenhocken. Da gibt es bei uns in der Krone: Zack, zack, zack. Drei, vier Leute, die müssen wir pushen. Drei, vier Leute, die müssen abserviert werden. Und wir holen gleich mal fünf neue herein, die wir aufbauen.“

Florian Klenk interviewt Jan Böhmermann

„Das geht nicht! Das geht nicht! Das geht nicht! Das ist nicht normal!“
Der deutsche TV-Satiriker und Aktivist Jan Böhmermann über Kurz, Strache, Wolf und das rechte Versuchslabor Österreich
FLORIAN KLENK, FALTER 19/19 VOM 07.05.2019

Jan Böhmermann spaziert unter Polizeischutz durch Graz und wundert sich. Denn die Stadt ist voll von riesigen Plakaten der FPÖ („FPÖ voten, gegen EU-Asylchaoten“), die anderen Parteien verzichten hier auf Wahlkampf. Eine merkwürdige Stimmung liegt über der schwarz-blau regierten steirischen Landeshauptstadt.

Die Plakate würden eigentlich auch ganz gut in Böhmermanns Grazer Ausstellung mit dem Titel „Deuscthland#ASNCHLUSS#Östereich“ passen, und schon am ersten Tag standen die Menschen hunderte Meter lang Schlange, um all die Exponate zu sehen, die der „Clown“ (Böhmermann über Böhmermann), Satiriker und Aktivist hier zusammengetragen hat. Wer die Ausstellung betreten will, muss an einer Passkontrolle vorbei und das Handy abgeben, nur Faschisten dürfen unkontrolliert durch eine Hundeklappe rein.

Die schräge und sehenswerte Ausstellung dokumentiert mit Installationen, Verwirrspielen und Gemälden nicht nur die Banalität rechter Politiker, sondern sie spielt auch mit der Normalisierung rechter Codes im Alltag.

Rund um die Ausstellungseröffnung stand Jan Böhmermann dem Falter eine Stunde lang für ein Gespräch zur Verfügung.

Falter: Herr Böhmermann, wenn man hier im Grazer Künstlerhaus Ihre Ausstellung betritt, muss man beim Eintritt bei einem Wachposten das Handy abgeben. Sogar für das Pressegespräch mit Ihnen. Viele Journalisten erlebten das heute wie einen Übergriff. Warum sind Sie so streng?

Jan Böhmermann: Bei uns soll sich jeder Besucher so fühlen, wie sich Journalisten fühlen, wenn sie Ihren Innenminister Herbert Kickl besuchen. Da muss man auch das Handy abgeben, ehe man sich zu ihm setzt. Das Handy ist ja Tagebuch, Notizbuch, Adressbuch und Fotosammlung. Alles wird abgegeben und ist der eigenen Kontrolle entzogen. Das macht nervös, oder?

Ja, es wirkte überraschend autoritär, als mich eine Museumsmitarbeiterin ermahnte. Und im Pressegespräch mussten wir neben Ihnen in einem Sitzkreis sitzen.

Böhmermann: Und Sie sind auch noch zu spät gekommen, Ihre Kollegen haben das bemerkt! Bei mir herrscht eine österreichisch inspirierte Schmusediktatur. Aber keine Sorge, nur weil ich mit ähnlichen Mitteln arbeite wie Ihre Regierung, heißt es ja nicht, dass ich genau so gefährlich bin.

Ihre Pressebetreuerin meinte sogar, wir sollten Fotos von Ihnen zur Genehmigung vorlegen. So eine Message-Control fordert nicht einmal Sebastian Kurz.

Böhmermann: Kurz sieht ja auch im Gegensatz zu mir wahnsinnig schön aus.

Sie haben hier eine sehr ungewöhnliche Ausstellung aufgebaut, die die Normalisierung des Faschistoiden unseres Alltags dokumentiert. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat die Schau sogar finanziell unterstützt. Sie nehmen Geld von ihm?

Böhmermann: Da sieht man mal, wie wichtig dem 32-jährigen Kinderkanzler die Kunstfreiheit ist. Ganz liebe Grüße und vielen Dank! Sowohl er also auch die deutsche Bundeskanzlerin haben uns übrigens ihr Urlaubsoutfit zur Verfügung gestellt, das wir hier ausstellen. Die Wanderkleidung von Kurz ist übrigens viermal so teuer und viel schicker. Die Kanzlerin trägt bloß Tchibo, Ihr Kanzler eine sündhaft teure atmungsaktive Trekkingjacke aus deutscher Produktion. Wo hat der Kurz eigentlich das Geld her?

Man kann hier im Hinterzimmer der Ausstellungshalle auch in einen dunklen Wald gehen und trifft dort auf eine bewaffnete Puppe in Tarnfleck und Sturmhaube.

Böhmermann: Ihr Vizekanzler. Er war ja 1989 ein Hardcore-Neonazi und damals war er bei einer Wehrsportübung in Kärnten. Aus dieser Zeit gibt es dieses legendäre Foto, das ihn uniformiert mit Messer und Waffe zeigt. Ich poste das Foto gerne regelmäßig unter die Postings Ihres Kinderkanzlers, um die Temperatur im Bundeskanzleramt nicht absinken zu lassen.

Nun steht da im Wald die an Strache erinnernde Schaufensterpuppe und daneben hängt ein Baseballschläger von der Decke. Ein Aufruf zur Gewalt!

Böhmermann: Im Gegenteil! Man kann hier noch ganz traditionell mit dem Baseballschläger den Faschismus bekämpfen. Wie das genau funktioniert, möchte ich hier aber nicht preisgeben.

Der Baseballschläger ist so aufgehängt, dass man die Strache-Puppe nicht erreicht, aber man kann ihm eine von der Decke baumelnde Bundesverfassung um die Ohren hauen.

Böhmermann: Ist Ihre Verfassung nicht lediglich eine Lose-Blatt-Sammlung?

Kommen wir nun zu Ihnen, Herr Böhmermann. Ich habe lange überlegt, wie ich Sie anspreche. Was gefällt Ihnen besser: ihr Kampfname als Anführer der „Reconquista Internet“, „Commandante Wichsfürst Captain Halbsteif von Onanista Germanica“, oder sind Sie doch lieber der „Bademeister“, der jene aus dem Moralbecken pfeift, die sich nicht benehmen? Die Zeit hatte Ihnen das vorgeworfen.

Böhmermann: Titel, auch akademische, sind Schall und Rauch. Mal bin ich Bademeister, Doktor, Professor oder meinetwegen Wichsfürst gegen den Faschismus.

Der Kurier drückte Ihnen zwar kürzlich eine Romy in die Hand, dessen Chefredakteurin Martina Salomon meinte aber, Ihr Humor sei „dumm und primitiv“. Geben Sie die Romy zurück?

Böhmermann: Nein, sicher nicht, denn die Romy ist aus purem Gold und fließt dem Kurier so aus dem Bilanzgewinn ab. Jede nicht zurückgegebene Romy ist ein herber wirtschaftlicher Schaden für dieses Regierungsblatt. Chefredakteurinnen kommen und gehen, Gold aber bleibt! Und zwar bei mir. Übrigens ist der Titel „Chefredakteurin“ auch nur ein Fantasietitel. Wer weiß, ob Frau Salomon nächstes Jahr noch an ihrem Posten sitzt, vielleicht ist ja die Regierung dann nicht mehr im Amt. Was macht sie dann? Zum Glück hat sie sich mit ihrem eigenen, geschmackvollen Kurier-Satireportal ein zweites Standbein aufgebaut.

Ich entdecke ein sehr starkes Interesse an Österreich bei Ihnen. Angstlust?

Böhmermann: Österreich ist so eine Art Versuchslabor, in dem man von außen sehen kann, was passiert, wenn man den falschen Leuten die falschen Chemikalien in die Hände gibt. Man sieht die Erosion demokratischer Errungenschaften im Reagenzglas. Österreich hat einen ähnlichen Minderwertigkeitskomplex wie die Leute in Sachsen, aber die Sachsen sind wenigstens wirklich durch die Scheiße gegangen, erst 40 Jahre Kommunismus, dann 29 Jahre CDU. Das ist hart. Österreich war dagegen relativ entspannt unterwegs, man hat nach dem Krieg Schuld und Verantwortung einfach nach Nordwesten delegiert.

Wir haben die Nazis bald integriert, statt sie marodieren zu lassen. Sie saßen bald wieder im Parlament. Warum randalieren sie bei Ihnen?

Böhmermann: Weil sie es müssen. Sie sind nämlich noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen wie in Österreich. Hier müssen Rechtsextreme nichts mehr abfackeln, um aufzufallen, sondern sitzen einfach in der Bundesregierung. Es braucht auch keine schrille Grenzüberschreitung mehr. In Österreich geht es nicht mehr um die Frage, ob Rechtsextreme salonfähig sind. Sondern wie salonfähig man noch ist, wenn man nicht mit Rechtsextremen am Buffet stehen will.

Was hat Deutschland richtig gemacht? Ein Vizekanzler, der nach dem Christchurch-Attentat vom „Großen Austausch“ spricht, also die Parole eines Massenmörders verwendet, wäre bei Ihnen undenkbar, oder?

Böhmermann: Es macht mir schlechte Laune, darüber nachzudenken. Ihr Land ist kleiner. Sie sind gezwungen, mit weniger Leuten auszukommen, die sich noch dazu sehr gut kennen. Hier beobachte ich die Normalisierung von Wahnsinn. Früher gab es noch Menschen, die als Kinder oder Erwachsene eine totalitäre Zeit erlebt haben. Diese Generation der Zeitzeugen stirbt jetzt weg und mit ihnen die Erzählung von dem, was war. Und wir als Nachkommen müssen die hinterlassenen, eher abstrakten Mahntafeln „Nie wieder!“ wieder in konkretes Handeln übersetzen. Hier Widerspruch zu leisten und „Nein!“ zu sagen ist viel schwieriger geworden. Die Normalisierung des Unnormalen fühlt sich so bequem, so normal an. Dagegen muss man sich wehren, zuallererst in sich selbst.

Die rote Linie verschiebt sich?

Böhmermann: Die Gesellschaft überschreitet nicht über Nacht eine rote Linie, sondern es sind kleine einzelne Schritte im Zwischenmenschlichen, die das Radikale normalisieren. Einen Nazi, der als normaler Nachbar neben einem lebt und rübergrüßt, akzeptiert man eher, als einen Nazi, der in Plauen mit einer Fackel durch die Straßen läuft.

Sie verspotten nicht nur die Nazis, die sie als gelangweilte Onanisten verhöhnen, sondern Sie nahmen auch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan aufs Korn. Sie lösten eine Staatsaffäre aus. Hatten Sie damals wirklich Angst um Ihr Leben, wie der Spiegel berichtete? Hier in Graz haben Sie Polizeischutz.

Böhmermann: Eine eindrückliche Erfahrung, die ich niemandem wünsche, aber jederzeit wieder auf mich nehmen würde.

Ihr Spottgedicht wurde vom Hamburger Oberlandesgericht in Teilen als strafbar bewertet. Sie dürfen es nicht mehr verbreiten. Aber zugleich kann es jeder auf der Website des Hamburger Oberlandesgerichts lesen. Die verbotenen Passagen sind im Urteil auch noch rot hervorgehoben.

Böhmermann: Das ist doch wunderbar, oder? Der türkische Präsident könnte theoretisch das Landgericht und das Oberlandesgerichts Hamburg verklagen. Oder einen Jura-Professor, der seinen Studenten den Fall erklärt. Alles juristisch zurzeit ziemlich unsicher. Darum wandert diese drei Jahre alte Nummer auch tapfer weiter durch alle Instanzen. Stichwort Rechtssicherheit. Meine Vermutung ist, dass im Humorentwicklungsland Deutschland der Witz als probates Mittel im Diskurs erst dann gesellschaftlich akzeptiert wird, wenn er höchstrichterlich erlaubt wird.

Sie haben vergangenes Jahr in Ihrer Sendung satirisch eine Internetbewegung ausgerufen, die den rechten Trollen der „Reconquista Germania“ den Kampf ansagt, die „Reconquista Internet“. Aus der Satire wurde Realität: 60.000 Leute haben sich der Bewegung angeschlossen, Hasspostings werden nun gemeldet, die Polizei bekommt die Namen von Extremisten. Hat Sie das überrascht?

Böhmermann: Wir haben einem Phänomen den Kampf angesagt, nämlich dass eine kleine, extremistische Minderheit ständig ihre Scheiße ins Internet drückt und damit den Gesamtdiskurs verschiebt und verfälscht. Das haben wir zunächst einmal aufgedeckt, und ich bin dann aber einen Schritt nach vorne gegangen und habe mich gefragt, wie begegnen wir der Neonazi-Blase? Ganz einfach: indem wir eine eigene Blase bilden, die dieser Hasssprache entgegentritt! Die Nazis machen das ja sehr geschickt. Sie gehen in ein digitales Hinterzimmer, sprechen sich ab und attackieren ihre Gegner mit je 30 Fake-Accounts. So beeinflusst eine kleine Minderheit den öffentlichen Diskurs in sozialen Medien, aber auch in den Onlineforen der etablierten Zeitungen. Dort steckt der Hass die Leute dann weiter an. Da muss man nun gehörig intervenieren. Etwa indem man diese Accounts einfach blockt, das tut ihnen am meisten weh. Wir machen also Blocklisten. Wir müssen wieder klar definieren, wer am Diskurs nicht mehr teilnehmen darf. Das bewährte gesellschaftliche Abseits ist eine Bubble, die es im Internet dringend wiederherzustellen gilt.

Die Zeit warf Ihnen vor, Ihr Projekt würde Andersdenkende diskreditieren. Sie würden nach dem Motto „Verrühre und herrsche!“ keinen Unterschied mehr machen.

Böhmermann: Nicht ich habe etwas verrührt, sondern es gibt Leute, die sich unter Extremisten mischen. Die Verrührung hat bereits stattgefunden, man muss ihr entgegentreten. Man muss das Verworrene wieder entwirren. Manchmal sind es klassische Extremisten, manchmal auch ehemalige Journalisten von „Mainstream-Medien“, die bemerken, dass es schön klickt, wenn man den Leuten Quatsch verkauft und sie aufhetzt. Sie sitzen dann zu Hause ganz alleine an ihren Blogs und haben kein Korrektiv mehr, niemanden, der ihnen Grenzen zieht.

Das ist kein rechtes Phänomen.

Böhmermann: Das stimmt. Aber das Problem ist gegenwärtig auf der rechten Seite wesentlich stärker und gefährlicher ausgeprägt. Wenn zum Beispiel der ehemalige Spiegel-Journalist Matthias Matussek bekannte Rechtsextreme oder erklärte Zivilisationsfeinde von der Identitären Bewegung zu seinem Geburtstagsfest einlädt oder sich auf einer Pegida-Demo auf eine Bierkiste stellt und schreit: „Merkel muss weg!“, dann finde ich es richtig, da mit seinen Spiegel-Kollegen, die neugierig und unbefangen mitfeiern, in den Streit zu treten. Von Journalisten, die ihren Job ernst nehmen, kann man kritische Distanz und moralische Übersicht verlangen. Wer sich bei solchen Gelegenheiten gemeinmacht, muss damit rechnen, dass das hinterfragt wird.

Man nennt Sie deshalb einen Gesinnungsblockwart.

Böhmermann: Man kann mich auch Wichsfürst, Doktor oder Chefredakteurin nennen, das ist mir doch egal, herrje, ich bin Clown von Beruf. Bedauernswerte Gefallene wie Matussek haben publizistisch und persönlich den Verstand verloren und reden gequirlten Mist, weil es halt gut klickt oder weil sie es wirklich glauben – der Grund ist ja am Ende egal. Ich meine, das zu ignorieren, das geht nicht! Das geht nicht! Das geht nicht! Das ist nicht normal. Schon gar nicht für Spiegel-Journalisten. Und wenn man aus Mitleid und Verbundenheit dem alten Freund helfen will, dann soll man nicht heimlich als Schaulustiger zu dessen Neonazifest rennen, sondern einen guten Psychiater organisieren.

Würden Sie sagen, dass das, was auf Matusseks Party passierte, in Österreich auf der Regierungsebene zu beobachten ist? Rechtsextreme Politik ist bei der Party dabei.

Böhmermann: Ja, und diese Normalisierung ist in Österreich weiter fortgeschritten als bei uns. Es ist ja auch alles kleiner, man rückt näher zusammen. Es ist halt so gemütlich.

Die ÖVP würde nun kontern, man solle nicht so hysterisch sein und die Nazikeule schwingen. Der Faschismus breche nicht über uns herein.

Böhmermann: Nein, er bricht nicht herein. Er kommt von unten durch die Tür gekrochen, ganz langsam. Die Normalisierung fühlt sich eben normal an. Nehmen Sie aktuell den Fall Armin Wolf. Von außen betrachtet steht er in Österreich beinahe allein gut sichtbar ein und auf für die Selbstverständlichkeit Pressefreiheit – ein Grundpfeiler einer offenen und freien Gesellschaft. Etwas, das eigentlich von einer aufmerksamen Zivilgesellschaft breit und laut verteidigt werden sollte. Wie hat sich denn die Kurier-Chefredakteurin dazu eingelassen? Oder ist die gerade mit Satire beschäftigt? Es ist ein faschistischer Taschenspielertrick, Kritik auf eine Person zu konzentrieren. Und immer wieder drauf, und immer wieder drauf. Wenn es immer nur einen trifft, fühlen sich alle anderen nicht zuständig oder betroffen. Und am Ende ist es Feind und Freund ganz recht, wenn der Wolf weg ist und niemanden mehr nervt. Dann ist endlich Ruhe und dann war es das mit Pressefreiheit. So schnell geht das. In Deutschland wird der Fall Armin Wolf darum sehr breit diskutiert und aufmerksam verfolgt. Konservative Publizisten wie Ulf Poschardt (Welt) oder Paul Ronzheimer von der Bild äußern sich ebenso solidarisch wie liberale oder linke Kollegen. Es gibt einen Grundkonsens, der enorm wichtig ist. Gewisse Dinge gehen einfach nicht: die Angriffe der FPÖ auf Armin Wolf und, genau so schlimm, das überforderte Achselzucken des Bundeskanzlers.

Ist die rote Linie in Deutschland deshalb schwerer zu überschreiten, weil das Land größer ist?

Böhmermann: Ich weiß nicht, ob es bei uns wirklich besser ist. Vielleicht sind wir auch nur langsamer und schwerfälliger. Es gibt in Deutschland eine große aktive Zivilgesellschaft, die eine gewisse Notwendigkeit darin sieht, staatliches Handeln nicht einfach hinzunehmen, sondern es zu hinterfragen.

Soll man mit Rechten reden?

Böhmermann: Mit Rechten wird nicht geredet. Aus. Ihr Kanzler hat das Reden mit Faschisten zum Grundprinzip seiner Regierungsarbeit gemacht, aber das schwächt die Rechten nicht. Rassismus oder der Wunsch, Menschen die Gleichheit abzuerkennen, sind keine Meinung. Das ist schlicht Unrecht, das spricht Menschen die Würde ab. Es muss Konsens sein, dass wir das überwunden haben. Keine Diskussion!

Kurz würde einwenden, es würde die Rechten groß machen, wenn man sie ausgrenzt.

Böhmermann: Das Gegenteil ist wahr. Rechte werden kleiner, wenn man ihnen das Forum entzieht. Es gibt keinen Grund, Leute mitregieren zu lassen, die Menschen als Ratten bezeichnen oder im Stürmer-Stil Muslime auf solche Art verspotten. In Österreich attackiert eine Partei aus der Bundesregierung heraus Menschen, die nicht mehr verbrochen haben, als anders auszusehen oder eine andere Herkunft zu haben als sie selber. Und der Kanzler hüstelt leicht und stellt lieber seine tolle Steuerreform vor.

Sie stellen rechte Hetzer immer wieder als gelangweilte Jungs dar, die „das Internet durchgewichst haben“ und dann den Hass aus Langeweile verbreiten.

Böhmermann: Je mehr Autoritäten von sich selbst überzeugt sind, umso mehr trifft es sie, wenn du sie auf das zurückwirfst, was sie wirklich sind: Menschen, ahnungslos, unvollkommen und letztlich peinlich, wie jeder von uns nun mal ist. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

Sie arbeiten beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Einer wie Sie wäre für den ORF schlicht zu aktionistisch.

Böhmermann: Es gibt im ZDF ein großes Einverständnis, dass wir uns frei artikulieren dürfen.

Auch Ihren Twitter-Account könnten Sie nach der Social-Media-Richtlinie des ORF vergessen.

Böhmermann: Das ist doch mein Account! Ich sehe sowohl bei der ARD als auch beim ZDF ein großes Bekenntnis zum Meinungspluralismus. Ja, der Sender greift auch mal in Sendungen ein. Aber ich greife ja auch manchmal in den Sender ein. Und dann diskutieren wir und am Ende geben wir uns hoffentlich in Freundschaft wieder die Hand. Wenn es sich lohnt, wehre ich mich auch. Aber im Grunde bin ich da pragmatisch.

Würden Sie einen Zensur-Piep akzeptieren?

Böhmermann: Der Piep über dem Maschek-Sketch ist dem ORF ordentlich auf die Füße gefallen. Du kannst die Wahrheit nicht autoritär unterdrücken und in die Kiste sperren. Das hat noch nie geklappt. Das wird nichts an der Wahrheit ändern: vom Neonazi zum Sportminister, vom Neonazi zum Sportminister, vom Neonazi zum Sportminister.

Zur Person
Jan Böhmermann, 38, ist einer der bekanntesten deutschen Satiriker. Er gestaltet für das ZDF die Show „Neo Magazin Royale“ und ist als Buchautor, Sänger und Aktivist bekannt. Auf Twitter folgen ihm rund zwei Millionen User. Internationale Bekanntheit erlangte er durch ein Gedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan sowie ein Jahr zuvor durch seine Satire um den ausgestreckten Mittelfinger des damaligen Finanzministers Griechenlands, Yanis Varoufakis, für die Böhmermann mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Vergangenes Jahr gründete er die Plattform „Reconquista Internet“, die rechten Hasspostern im Netz den Kampf ansagte

Zur Ausstellung
Böhmermanns realsatirische Ausstellung „Deuscthland #ASNCHLUSS #Östereich“ ist im Grazer Künstlerhaus bis zum 19. Juni zu sehen. http://www.Km-k.at

offensichtliche wahrheiten

offensichtliche wahrheiten, die ich erst später als andere gelernt oder verstanden habe:
… dass das home-symbol auf twitter ein vogelhaus ist
… dass der pfeil im amazon-logo auf von „a bis z“ zeigt
… dass büffel auch weiblich sein können und damit ‚büffelmozzarella’ sinn ergibt.
… dass bei der tankanzeige im auto angezeigt wird, auf welcher seite des autos der tankdeckel ist.
… dass überraschungseier wie braune eier sind: außen braun, dann weiß wie eiweiß, dann gelb wie dotter.
… dass das wort bandscheibenvorfall daher kommt, dass die bandscheibe vor fällt und nicht von vorfall wie ereignis.
… dass der name des spar supermarkts nicht von sparen kommt sondern aus dem holländischen für tanne, die im logo ist
… dass bob marley mit „no woman, no cry“ nicht „keine frau = kein weinen“ meinte, sondern auf kreolisch „nein frau, weine nicht.“
… dass der name des baumarktes obi ursprünglich aus frankreich kommt und auf das französisch ausgesprochene „hobby“ zurückgeht.
… dass vampire angeblich eine zwangsstörung (arithmomanie) haben und ständig dinge zählen müssen und deshalb der vampir in der sesamstrasse graf zahl (count of count) heißt.

Empörio Amani (von Mely Kiyak)

Empörio Amani – eine Kolumne von Mely Kiyak in der Zeit
Die Komödiantin Enissa Amani wird von einer Fernsehkolumnistin kritisiert und zettelt deshalb einen Shitstorm an. Offenbar hat sie die Kritik nicht verstanden.
Das hätte man auch nicht gedacht! Dass ausgerechnet die Generation der Follower den nächsten Kritikerstreit vom Zaun brechen wird. Bislang gab es nur Männerpaare in dieser Disziplin. Ernst Nolte und Jürgen Habermas. Martin Walser und Ignatz Bubis. Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass. Nun endlich reihen sich mit Enissa Amani und Anja Rützel auch zwei Frauennamen in die Geschichte der deutschesten aller Debatten ein, mit der Frage, die eines Tages sehr wahrscheinlich genau wie „Kindergarten“ oder „Blitzkrieg“ im Original in die Sprachen der Welt eingehen wird: „Darf man das?“
Im Zentrum des aktuellen Disputs steht die TV-Übertragung einer Preisverleihung („About You Award“) für Influencer. Influencer sind lebende Otto-Kataloge, die für Geld auf ihren Social-Media-Kanälen Werbung machen. Sie zeigen das Produkt nicht nur, sondern führen es auch vor, wenn die Verwendung allzu neu und unbekannt ist. In kleinen Tutorials erläutern sie wie Medizinprofessoren im Präparationssaal, wie man ein Beutelchen gefriergetrockneten Cappuccino in die Tasse rieseln lässt und Wasser aus dem Wasserkocher nachgießt. Immer fällt der berühmte Satz: „Ich verlinke euch alles unten in der Infobox.“ Dort werden vom Wasserkocher bis zum Stromanbieter alle Markennamen aufgelistet. „Drüben“ bei Insta folgt oft auch noch ein swatch. Ein Influencer beschrieb in der TV-Show das Selbstverständnis seiner Berufsgruppe: „Wir sind die creator unserer Generation. Wir machen content, weil wir es lieben, nicht weil wir müssen!“
Anja Rützel, um auch sie kurz vorzustellen, ist für die Fernsehkritik das, was Hellmuth Karasek für die Literaturkritik war. Nie gemein. Nie ätzend. Ihre Spezialität: Je boulevardesker die gesendete Belanglosigkeit, desto besser. Ihre TV-Kritik über die Influencer hat sie in acht unangenehme Momente eingeteilt, einer davon behandelt Enissa Amanis Performance („sehr lang, extrem sonderbar“). Einem größeren Fernsehpublikum ist die Künstlerin Amani durch ihre Auftritte bei RebellComedy bekannt. Deren Erfinder, eine Handvoll Jungs mit Eltern von Nordafrika bis Afghanistan, schafften es, die besseren Witze über sich und ihre Herkunft zu reißen. Das ist nämlich eine große Kunst, dass man ein Publikum über sich selbst zum Lachen bringt, und dabei eigentlich über den stumpfsinnigen Rassisten lacht, der sogar für eine Stereotypisierung zu blöd ist, weil ihm der Zugang zu den kulturellen Codes fehlt.
Und damit sind wir auch schon im Thema der Selbst- und Fremdbeschreibung, beim Selbstmarketing, bei der Ausstaffierung des eigenen Lebens, das dazu dient, noch mehr Reichweite zu generieren und der damit verbundenen Frage, wie weit man zu gehen bereit ist. „Geiles Lebensalbum“, sagte jemand während der Show, ohne zu ahnen, wie sehr das passt.
Da war zum Beispiel das Model Doutzen Kroes mit der Botschaft: „Wir können unsere Plattform nutzen und unsere Stimme.“ Es ging gerade um die Kategorie „Empowerment“ und Greta Thunberg, und Kroes sagte: „Ich nutze meine Stimme für die Elefanten.“ Sie kämpfe für deren bessere Zukunft mit einer selbst gegründeten Initiative. Bei der Recherche stößt man auf den Schmuckhersteller Tiffany, der gemeinsam mit dem Model eine Kollektion mit süßen Elefanten als Brosche und Ketten herausgibt, jedes piece um die 200 Dollar. Die Influencer-Branche hat den Kapitalismus so gut inhaliert, dass es ihnen möglich ist, sich in eine Reihe mit Greta Thunberg zu stellen und dabei gut zu fühlen. Thunberg ist Aktivistin und nicht Influencerin. Sie ist nämlich nicht käuflich.
Äthiopien, Ägypten, ständig wurde bei der Show irgendein Influencer gezeigt, wie er wieder für ein total wichtiges Projekt nach Afrika reiste. Es drängt sich die Vermutung auf, dass nicht so sehr die afrikanischen Tierschützer und afrikanischen Menschenrechtler die Influencer und Musiker aus Europa benötigen, sondern umgekehrt.
Enissa Amani betrat die Bühne. Ihr Thema war die fehlende Trennschärfe zwischen dem Begriff des Komikers und dem Stand-up-Comedian, den die „alteingesessene Presse“ partout nicht kapieren wolle. Die Pointe des Vortrags bestand in der Drohung, falls man sie noch einmal Komikerin nennen würde, dann: „Al’la, ich geh’ nach Nicaragua und züchte Papaya, Al’la, wir sind Staaand-upppp’a, Al’la!“
Al’la steht hier übrigens nicht für die islamische Gottheit, sondern für „Alter“. Man versucht, zu verstehen, wer mit Amanis Auswanderung nach Nicaragua bestraft werden soll. Die Papayas?
Enissa Amani wird später behaupten, das Publikum habe ihren Vortrag wahnsinnig komisch gefunden („Alle haben sich total kaputtgelacht“), und noch später wird sie behaupten, Anja Rützels kleine Fopperei („Nach dieser Rede kann einfach keiner wollen, dass wir diese Komikerin an die Fruchtproduktionsbranche verlieren“) sei Hetze.
Amani wird als Reaktion auf Rützels Text, der alles in allem eine zärtliche Beobachtung einer alles in allem strunzpeinlichen Show ist, in vielen Beiträgen auf ihren Social-Media-Kanälen dafür sorgen, dass die Kritikerin von der empörten Amani-Gefolgschaft auf vielfältige Weise attackiert wird. Rützel wird nun zur Nazibraut degradiert, die Amani aus dem Land ekeln wolle. Im Rahmen dieses Kommentarkuddelmuddels schaltete sich auch noch ein rechtsextremer Politiker ein, der Rützels Text dafür missbraucht, um sich an Amani mit genau jener ekeligen Botschaft anzuwanzen, die sie eigentlich der Rützel unterstellte, die diese aber gar nicht meinte.
Und überhaupt, so die zutiefst gekränkte Amani, ginge es doch darum, dass „erstmalig Frauen mit Migrationshintergrund und anderer Hautfarbe verdiente Preise absahnten“. Das stimmt natürlich genauso wenig, wie ihre Behauptung, dass Stand-upper die einzigen Künstler seien, die allein mit einem Mikrofon und ihren Geschichten neunzig Minuten lang das Publikum unterhalten würden. Sie hat offenbar nie eine Lesung besucht oder einen Bühnenmonolog geschaut. Stand-up und Open Mic sind Fortführungen dieser Künste.
Groteske Einschätzung, dass eine Preisverleihung für Konsumgüterdarsteller eine Art Adelbert-von-Chamisso-Preis für Komiker mit Stand-up-Hintergrund und Migrationsgirlande sei, die deshalb unkritisierbar sind. Dass sie aber meint, dass Nicaragua deshalb Höchststrafe sei, weil man Papayazucht betreiben wolle und nicht aufgrund der aktuellen politischen Situation dort, ist – wirklich nur unter uns preisgekrönten Witzbolden gesprochen – vergleichbar mit allen Spaßvögeln, die glauben, die besseren Witze über die Herkunft anderer machen zu dürfen.
Hannah Arendt sagte mal, man kann sich nur als das verteidigen, als was man angegriffen wurde. Was aber, wenn man gar nicht als „das“ angegriffen wurde? Enissa Amani hat das große Glück, dass Anja Rützel das gemacht hat, was sich Generationen von Künstlern in diesem Land wünschen. Nämlich mit genau den gleichen Maßstäben beurteilt zu werden, wie all jene, die Deutsch nicht als Muttersprache lernten. Rützels Kritik kam ohne Hinweis auf Herkunft, Aussehen, Religion aus. Und natürlich ist die Beurteilung von Humor keine alleinige Angelegenheit von Geschmack, sondern hat Regeln und Filter. Das unterscheidet die Meinung, den Like, das Herz und den Daumen von der professionellen Kritik. Rützel sei nicht konstruktiv, klagte Amani. Auch das ist ein seltsames Missverständnis unserer Zeit. Kritik ist kein Seminar dafür, wie man etwas besser macht. Es handelt sich hier um kein DIY-Ding, es gibt auch keine Infobox. Kritik ist Kritik. (Mely Kiyak, 24. April 2019)

Wie können Männer Feministen sein?

von

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1. Erwarten Sie keine kostenlose Nachhilfe von Frauen in Sachen Feminismus. Informieren Sie sich selbst, das Internet ist voll und die Bibliotheken auch.
2. Lesen Sie Bücher von Frauen, sehen Sie Filme von Frauen, hören Sie Musik von Frauen.
3. Behaupten Sie nie wieder, Frauen hätten nichts Großes erfunden und informieren Sie sich stattdessen darüber, was Ihnen bisher entgangen ist.
4. Lesen Sie weiter, auch wenn Sie ungern belehrt werden, vielleicht kommt am Ende raus, dass Sie längst Feminist sind.
5. Fragen Sie sich, ob es eine Frau gibt, die Ihr Vorbild ist. Wenn Ihnen nur Ihre eigene Großmutter einfällt, fragen Sie sich, warum das so ist.
6. Lassen Sie Frauen ausreden.
7. Unterbrechen Sie Männer, die Frauen unterbrechen.
8. Glauben Sie Frauen, wenn sie von ihren Erfahrungen berichten, auch wenn es Ihnen schwerfällt. Neulich gab es ein Video, das viral ging: Eine Frau trug in einem Club ein „smart dress“, das die Menge der Berührungen maß, die unerlaubt auf ihrem Körper landeten. Viele Männer reagierten geschockt auf die Vielzahl der Übergriffe. Sie hätten das auch einfacher haben können, mit Zuhören.
9. Geben Sie Frauen keine unerbetenen Ratschläge und vor allem keine, die Sie bei Männern unangemessen fänden.
10. Fangen Sie keine Sätze an mit „Ich könnte dein/ Ihr Vater sein,…“.
11. Beenden Sie auch keine Sätze so.
12. Kommentieren oder berühren Sie die Körper oder Kleidung von Frauen nicht, wenn Sie auch nur den geringsten Zweifel haben, ob das gerade unangemessen ist. Unangemessen ist es in den meisten beruflichen Situationen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, und bei Frauen, die nicht so aussehen, als wären sie an einem Gespräch interessiert (Kopfhörer sind ein guter Hinweis dafür). Wenn Sie denken, dass Sie dann ja gar nichts Nettes mehr sagen können, denken Sie noch mal nach.
13. Sagen Sie Frauen mit kurzen Haaren oder Fingernägeln nicht, dass Sie lieber lange Haare oder Fingernägel mögen. Die ahnen das schon. Sagen Sie geschminkten Frauen nicht, dass Sie lieber ungeschminkte mögen.
14. Laufen Sie nachts nicht dicht hinter fremden Frauen her, auch wenn Sie den gleichen Weg haben. Gehen Sie langsamer oder auf der anderen Straßenseite. Wirklich.
15. Bezahlen Sie Frauen für ihre Arbeit, mindestens so viel wie Männer.
16. Geben Sie Ihrer Tochter mindestens so viel Taschengeld wie Ihrem Sohn im selben Alter.
17. „Helfen“ Sie Ihrer Partnerin nicht im Haushalt: Machen Sie einfach die Hälfte.
18. Denken Sie nicht, dass Sie schon Feminist sind, weil Sie nett zu Ihren weiblichen Familienangehörigen sind.
19. Fordern Sie Frauen, die nicht lächeln, niemals zum Lächeln auf.
20. Oder, wenn Sie es bei Frauen nicht lassen können: Fordern Sie auch mal Männer, die nicht lächeln, zum Lächeln auf, und fühlen Sie mal, wie bescheuert das ist.
21. Wann immer Sie unsicher sind, ob Sie etwas Sexistisches sagen oder tun, machen Sie die einfachste Sexismusprobe, die es gibt: Vertauschen Sie im Kopf die Geschlechterrollen und schauen Sie, ob es merkwürdig wird. Wenn Sie gerade über eine Frau sagen wollten, dass sie wahrscheinlich so anstrengend ist, weil sie keine Kinder hat, fragen Sie sich, ob Sie über einen Mann auch so reden würden.
22. Wenn Sie ein Baby kriegen, nehmen Sie mehr als die zwei Monate Elternzeit. Wenn Sie nur die zwei Monate nehmen: Fahren Sie nicht zwei Monate nach Thailand. Und schreiben Sie während der zwei Monate kein Buch/ Blog darüber, was für ein neuer Mensch Sie in dieser Zeit geworden sind.
23. Sagen Sie lieber nicht, dass Sie so richtig verstanden haben, wie viel Ungerechtigkeit es noch gibt, seit Sie eine Tochter haben. Also, sagen Sie das ruhig, aber seien Sie sich bewusst, dass Sie damit sagen, dass Sie sich nie richtig mit Ihrer Mutter, Frau, Schwester, ihren Freundinnen und Bekannten beschäftigt haben.
24. Informieren Sie sich über Menstruation, PMS, Schwangerschaft, postnatale Depression, Verhütung, Geschlechtskrankheiten, Toxisches Schocksyndrom und Anzeichen von Herzinfarkten und Schlaganfällen bei Frauen. (Das Neo Magazin Royale hat neulich zum Frauentag Videos gemacht, in dem die männlichen Mitarbeiter Menstruation und verschiedene Verhütungsmittel erklären sollten, es war unterirdisch.)
25. Falls Sie etwas mehr Zeit haben: Werden Sie Entbindungspfleger.
26. Lachen Sie nicht mit, wenn Ihre Kolleginnen oder Freunde frauenfeindliche Witze machen. Merken Sie sich den Satz „find ich nicht lustig“. Falls Sie es doch lustig finden: Interessant, dass Sie bis hierher gelesen haben. Bleiben Sie dran.
27. Ungefähr jede dritte Frau in Deutschland wird am Arbeitsplatz belästigt. Schützen Sie keine Täter, auch wenn die ansonsten sogenannte nette Kollegen sind. Die allermeisten Sexualstraftäter sind, wenn sie nicht gerade übergriffig sind, ganz normale, „nette“ Typen.
28. Wenn Sie Belästigung oder andere Übergriffe beobachten, gehen Sie dagegen vor. Tun Sie das, ohne für die Betroffenen zusätzlich belastend zu werden. Nicht jede Geschichte braucht einen Helden.
29. Erklären Sie Feministinnen nicht, dass es eigentlich „Humanismus“ heißen müsste und nicht „Feminismus“.
30. Geben Sie zu, wenn Sie von etwas keine Ahnung haben. Das ist pures Gold.
31. Nennen Sie erwachsene Frauen nicht „Mädchen“ oder „Mädels“, oder alternativ: Nennen Sie erwachsene Männer auch „Jungs“. Aber lieber das Erste.
32. Sehen Sie Frauen nicht als Vertreterinnen einer Spezies. Wenn Ihnen eine Feministin nicht passt, sagen Sie nicht: „Wegen Ihnen kann ich Feminismus nicht mehr ernst nehmen.“ Das ist nur peinlich.
33. Erwarten Sie keine eindeutigen, endgültigen Antworten auf Ihre Fragen, denn Feminismus ist eine extrem vielfältige Bewegung und es gibt darin die unterschiedlichsten Positionen.
34. Nennen Sie nie wieder eine Frau hysterisch, oder alternativ: Nennen Sie Männer auch so. Informieren Sie sich über den Ursprung des Begriffs „Hysterie“.
35. Wenn Frauen etwas kritisieren, nennen Sie sie nicht überempfindlich. Wenn Sie Feministinnen anstrengend finden, fragen Sie sich, warum genau.
36. Daten Sie auch Frauen, die mehr verdienen als Sie.
37. Machen Sie nicht bei Konferenzen oder Podiumsdiskussionen mit, zu denen nur Männer eingeladen werden. Schlagen Sie Frauen vor, zitieren Sie Expertinnen. Nutzen Sie Ihre Privilegien, um gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen.
38. Werden Sie nicht wütend (hysterisch), wenn Sie auf Ihre Privilegien angesprochen werden.
39. Erwarten Sie keinen Applaus, erwarten Sie Streit und Kritik. Wenn Sie glauben, dass Sie für Ihren Einsatz für Gleichberechtigung mehr Anerkennung verdienen als eine Frau, lassen Sie es lieber gleich.
40. Bedanken Sie sich bei Feministinnen für ihre Arbeit. Männern, die an veralteten Geschlechterrollen festhalten, drohen mehr psychische Probleme, hat eine Studie 2016 gezeigt (PDF). Toxische Männlichkeit ist heilbar. Schützen Sie sich! Dankeschön!

penelope, angfressn (elfriede gerstl)

odysseus du oasch
wannst net bald hamkummst kannst di oba echt brausn
i woat do wia r a trottl
du schurlst üba die meere
mit deine hawara lang schau i nimma zua
s stehn eh welche auf mi spü di net
wann i an in da hapfn hob wannst kummst bist oba söba schuid
mia imponiast net mit deina odyssee
du erfinder des ohropax (3, 198)

twitter zu #ibes

„Die Gisele machen“ ist jetzt auch offiziell als Redewendung für das Gegenteil von „sich Mühe geben“ anerkannt. @RanEnrico
Gisele hat 0 Sterne. Abzüglich Tierheim- und Zoosteuer sowie 30% Mehrwertsteuer bleibt da nicht mehr viel übrig. @anredo
Wenn Evelyn einen Strohballen trägt , ist das eine externe Festplatte @sanni_beck

rückblick 2018

liebster mensch – herr specht
konsequentest erziehender auto- und bergeliebhaber – brudl
am meisten worte pro minute unterbringende sportlichste homestyling-queen – sista
beste telefonpartnerin und die pechsträhne endlich hinter sich lassende – sundee
abwechslungsreichster egal-wohin-ausgeher und über-alles-reden-könner – ralf
großzügigster mit dem beeindruckendsten sofa – boris
am intensivsten am privaten und beruflichen glück arbeitende – bini
zukünftig noch mehr an sich selbst denkende declutterin – claudia
hoffentlich bald mehr dankbarkeit fühlender wohnungsoptimierer – manfred
coolste vierfachmutter, der ich gerne hinterherdackle – manne
konsequentest geschäftliche entscheidungen treffende atterseependlerin – alex
wien-interessierteste spaziergängerin – ronke
sich bald nicht mehr mit jugendlichen herumschlagende das leben positiver sehende – jutta
erfolgreichste trainerin aller zeiten – eva
bester weihnachtsgeschenk-aussucher – gerold
helfendster komplimentemacher – raffael
lustigste gradeser bootsbesitzerin, vernetzerin und haarschneiderin – sara
entzückendste, warmherzigste und immer bellissima figura machende elbanerin – alice
sanftester und trotz dieser mutter toleranteste krankenbruder – andrea
hoffentlich bald haus-bezogenes und mehr gemeinsam mit uns reisen machendes paar – die schneckis
überraschendstes kompliment aus der vergangenheit: rainer in den frühen 2000ern: ‚macht süchtig‘
beste nicht mehr wöchentliche frühstücksrunde – café samedi
der weiterhin am wenigsten vermisste einrichtungsgegenstand – die pohn-tür
lässigstes neues möbel in der ow – ddr-laden-in-weißem-holz vom kellerwerk
lässigstes neues möbel in der viale del sole – 50er jahre wandlampe aus piazzola sul brenta
beste neue aussicht im büro – ausgehöhlter fernsehapparat
feinster 46er – walk durch die weinberge, lunch in mödling
beste technik-anschaffung – apple watch series 4
am wenigsten bereuter kauf – cento
ohrwurmenste musik – ‘noi casomai’ von tiromancino & ‘torna a casa’ von måneskin
spätester sonnenplatz .. spritz aperol in citadella am 30. dezember
beste reise in fast neues terrain – verona
beste reise in bekanntes terrain – australien
so fein, dass gleich 122 nächte – grado
weiterhin zu verbesserndste fortschritte – run, sieben, kieser, radlkondi
unausrottbarste unhöflichkeit: mobiltelefon während eines live-gesprächs benutzen.
mensch an für ihn denkbar ungeeignetster stelle: drumpf
bestes musiktheatererlebnis – csardasfürstin in der volksoper
bestes konzert – antonello venditti in der arena di verona
so gutes dinner, dass ein zweites mal – santa felicita in verona
viertbestes wohnzimmer – café engländer
familienreichste urlaube – elba & jesolo
konstanteste aktion – photo booth
bestes motto – do more of what makes you happy
größte vorfreude – südliche stiefelumrundung
rip: elfi. ute bock, hubert de givenchy, stephen hawking, milos forman, tom wolfe, philip roth, demba nabe, stefan weber, christine nöstlinger, aretha frankling, kofi annan, erich lessing, ignaz kirchner.

Design Dialog. Juden, Kultur und Wiener Moderne

Gesellschaftliche Ausgrenzung und Verfolgung einerseits sowie Integration und Aufstieg andererseits – beides findet sich paradigmatisch in der Geschichte der Jüdinnen und Juden in Wien um 1900 wieder. Das prägte die Menschen und die Stadt entscheidend – bis heute. von Guido Tiefenthaler, ORF.at
Diese Geschichte ist in vielerlei Hinsicht ein Paradebeispiel: Dafür, wie vielschichtig und komplex, folgenreich und bereichernd eine Öffnung der Gesellschaft, eine Integration und damit einhergehende neue Selbstdefinition einer als fremd und am Rande der Gesellschaft stehend definierten Gruppe sein kann.
Was das für die Betroffenen bedeutete, wie es ihre Identität beeinflusste – und sie die Identität anderer mitprägten, zeigt aktuell der von der Kultur- und Designhistorikerin Elana Shapira herausgegebene Sammelband „Design Dialog. Juden, Kultur und Wiener Moderne“ auf. Der Band ist das Folgeprojekt eines Internationalen Symposiums zum Thema, das 2016 im Österreichischen Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien stattfand. Es versammelt die Beiträge von Expertinnen und Experten aus vielen Fachbereichen, etwa von Markus Kristan, Ursula Prokop, Christopher Long, Lisa Silverman, Leslie Topp, Claudia Cavallar, Werner Hanak, Sebastian Hackenschmidt und Steven Beller.
Aufbruch als Chance und Gefahr
In insgesamt 23 Beiträgen wird „die entscheidende Rolle jüdischer Mäzene, Architekten, Designer und Schriftsteller bei der Gestaltung der modernen Wiener Architektur, Designs und Kunst erforscht“, betont Shapira. Diese Player schufen dabei eine neue Sprache und kulturelle Netzwerke; sie beteiligten sich an gesellschaftlichen Debatten und trugen so entscheidend zur kulturellen Neuerfindung Wiens bei. Der Antisemitismus, die Bedrohung, die von ihm ausging und die Frage, wie Juden in der sich modernisierenden österreichischen Gesellschaft damit umgingen, sind dabei unausweichlich ebenfalls Thema.
In den Aufsätzen, die einen Zeitrahmen von 1800 bis 1938 abdecken, werden der kulturelle Austausch zwischen Juden und Nichtjuden ebenso untersucht wie jüdische Selbstidentitäten und mediale Zuschreibungen, was „jüdisch“ sei. Es wird erkennbar, dass Juden in Wien nie eine Einheit waren, sondern es viele Unterschiede gab. Damit werde auch die „Projektion von ‚den Juden‘ als dem fixen, monolithischen, stereotypen Anderen“ als Instrument der Ausgrenzung, die schließlich zur Verfolgung und Vernichtung führte, entlarvt.
Neue Identitäten, in Stein gespiegelt
Juden waren führende Mäzene, die das historistische Bild der Stadt – insbesondere das Aussehen der Ringstraße – mitprägten. Andere – Mäzene wie Künstlerinnen und Künstler – waren aber auch entscheidend am Entwickeln der Wiener Moderne beteiligt. Die involvierten Personen dachten dabei oft über ihre jüdische Identität und ihre Rolle in der österreichischen Gesellschaft nach und brachten das im Design ganz bewusst zum Ausdruck.
Dem nach 1918 zunehmend nationalistischen und antisemitischen Klima versuchten jüdische Schriftstellerinnen und Geschäftsleute in der Öffentlichkeit teils mit einer progressiven Agenda entgegenzuwirken. Prominente Kunden heuerten bewusst jüdische Architekten und ließen sich von diesen moderne Villen entwerfen: Julie und Jakob Wassermann beauftragten Oskar Strnad, der Schuhfabrikant Julius Beer Josef Frank, die Tochter des Industriellen Karl Wittgenstein, Margaret Stonborough-Wittgenstein Paul Engelmann und ihren Bruder Ludwig. Architektonisch kam die Moderne so auch vom Zentrum in die äußeren Bezirke.
Antike als Ausweg aus Ghettoisierung
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurden Juden stets als Fremde gesehen, auch wenn sie seit Jahrhunderten – von Vertreibungen unterbrochen – hier lebten. Das war kulturell dem stets ambivalenten christlichen Verhältnis zum Judentum geschuldet, das „die Juden“ zu „ewigen Jesusmördern“ stempelte und damit zu einer permanenten ritualisierten Bedrohung. In der Öffentlichkeit setzte sich die seit der Antike geübte Hassrhetorik gegenüber Juden fort. Zugleich wurde das klassisch-hellenistische Erbe aber im 19. Jahrhundert auch zu jener gemeinsamen Plattform, um mit liberalen Christen ins Gespräch und in Kontakt zu kommen. Der Rückgriff auf dieses Erbe erlaubte es in Wien, eine neue, inklusivere kulturelle Sprache zu schaffen, in die ganz bewusst auch Spezifika der jüdischen Tradition eingebaut und durch sie ausgedrückt wurden.
Keine Aufgabe der jüdischen Identität
In weiterer Folge kam es zu einem Rückbezug auch auf den Orient: Sowohl Synagogenbauten um die Jahrhundertwende, die maurische Elemente unter Bezug auf die sephardische Tradition übernahmen, als auch der moderne internationale Stil (Stichwort: Flachdächer) wurden in diesem Zusammenhang gesehen. In dieser selbstbewussten Positionierung als schaffende wienerische Juden waren Architekten wie Josef Frank und Richard Neutra exemplarische Beispiele, betont Shapira: „Als Wiener produzierten sie innerhalb breiterer europäischer und globaler kultureller Sprachen, bewahrten dabei aber ein ethnisches Bewusstsein oder eine Selbstwahrnehmung als Juden“.
Eine wichtige, alle Beiträge einende These ist, dass die Identität als Jüdin oder Jude für die Akteurinnen und Akteure der entstehenden Wiener Moderne – anders als in manchen Kunstkatalogen behauptet – sehr wohl eine Rolle spielte. Gerade Jüdinnen waren mit zwei gegensätzlichen Stereotypen konfrontiert: Jenem der „hässlichen“ und jenem der „schönen“ und exotisch oder gefährlich verführerischen Frau. Diese Vorurteile versuchten jüdische Künstlerinnen aktiv zu unterlaufen, wie etwa die Keramikerin Vally Wieselthier, die mit ihrer Serie „Frauenköpfe“ gegen das von Sezessionisten geprägte Stereotyp der „schönen Jüdin“ auftrat. Auch die Autorin Annemarie Selinko und die Grafikerin Lisl Weil versuchten im Zuge einer Kooperation für eine Modezeitschrift, den gesellschaftlichen Erwartungen bezüglich ihres Aussehens und ihres Verhaltens entgegenzuwirken.
Markus Kristan, Kurator an der Albertina, beschreibt die Rolle des Architekten und Zionisten Oskar Marmorek als wichtiger Exponent der jüdischen Renaissance und nimmt den Dualismus zwischen Assimilation und Selbstbehauptung in seinen Bauten und Schriften in den Blick.
Herzls Bart als Identität
In Bezug auf „konstruierte Identitäten“ spannend zu lesen ist insbesondere der Beitrag des US-Historikers Steven Beller. Er spannt einen Bogen vom orientalischen Stil in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – etwa der während des Novemberpogroms 1938 von Nazis zerstörte Leopoldstädter Tempel – bis zum internationalen Stil von Adolf Loos und Josef Frank. Der maurische Stil diente dazu, der doppelten Erwartung gerecht zu werden: jener, sich zu assimilieren und jener, eine eigene Identität zu haben. Dass der Begründer des Zionismus, Theodor Herzl, einen „assyrischen Bart“ trug, war laut Beller ein bewusster Akt und ein Zeichen einer eigenen nationalen jüdischen Identität.
Werner Hanak, Vizedirektor des Jüdischen Museums in Frankfurt, schreibt darüber, wie der einflussreiche Autor und Literaturkritiker Hermann Bahr Herzl „exotisiert“ und damit die Identität der Juden als Europäer infrage stellt.
Von Paris nach Wien
Laut Beller verband sich der Orientalismus mit der zur Jahrhundertwende besonders beliebten Vorliebe für Japan und war dadurch nicht nur historistisch. Führend am Transfer des Japonismus von Paris nach Wien war der Kontakt Berta Zuckerkandls und ihrer Familie zu dem Journalisten und späteren französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau. In Edmund de Waals Bestseller „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, der Geschichte und Untergang der wohlhabenden Ephrussi-Familie nachzeichnet, nimmt dieser Kulturtransfer ebenfalls einen zentralen Platz ein: Die Ephrussis brachten ihre Sammlung japanischer Netsuke – kleine geschnitzte Figuren, die man am Kimono trug – damals von Paris nach Wien.
Double Bind als Lebensmodus
Adolf Loos wollte, so Beller, Juden wie Nichtjuden die Möglichkeit geben, durch das Weglassen jeglicher äußerer Ornamente, anonym zu bleiben. So wie die anderen „Inklusionsversuche“ sei aber auch dieser teils auf Widerstand gestoßen und der internationale Stil als „palästinensisch“ abgewertet worden. Für Beller also ein „klassischer Double Bind“: Beide „Bewegungen, das orientalische Ornament und das ‚kein Ornament‘ wurden als Ausdrücke eines ‚jüdischen‘ Partikularismus gesehen“. Allerdings hätten das nicht alle negativ gesehen. Viele Juden hätten diesen Double Bind „als ihren bevorzugten westlichen, bürgerlichen und modernen Modus der Selbstidentifizierung umarmt“.
Als Beispiel nennt Beller Josef Franks Stil der Inneneinrichtung. Indem dieser verschiedenste Stile mixte, habe er eine pragmatische, kosmopolitische und pluralistische Einstellung angeboten. Das habe nicht nur seine liberalen jüdischen Kunden angesprochen, „sondern spricht auch uns bis heute an“.
Die Architektin Claudia Cavallar und MAK-Kurator Sebastian Hackenschmidt beschreiben die Netzwerke von Franks Klienten und wie er mit seinem Umgang mit farbigen Stoffen im Raum eine Form von eigenständig-freier Wohnkultur fand.
Denkanstoß und Diskussionsstoff
Die Lektüre von „Design Dialog“ bietet einen neuen und in seiner Detailfülle historisch spannenden Blick auf eine Phase der lang dauernden Umwandlung der österreichischen und speziell Wiener Gesellschaft, die bis heute nachwirkt. Vor allzu simplen Vergleichen mit der Gegenwart sollte man sich bekanntlich hüten, will man Kurzschlüsse vermeiden. Ob von den Autorinnen und Autoren beabsichtigt oder nicht: Der Band regt jedenfalls unweigerlich zum Nachdenken über das Heute an – so unzeitgenössisch kann man gar nicht sein. Und er bietet dafür jedenfalls interessante Denkanstöße und Diskussionsstoff.

Respekt, kein Mitleid: Bitte nicht ins Dunkel!

Ist da jemand? Das fragt seit 45 Jahren eine ängstliche Kinderstimme in einen leeren, hallenden und dunklen Raum. Ja, wir sind da. Das meinen Menschen mit Behinderung und fordern einen Paradigmenwechsel von Licht ins Dunkel (Franz-Joseph Huainigg im standard 2017)

Ein ungewöhnliches Casting, ein ungewöhnlicher Spot: Eine Frau begegnet einem Rollstuhlfahrer, streckt ihm die Hand hin, er sagt, dass er ihr leider nicht die Hand geben kann, sie ist überrascht, aber so kommen sie ins Gespräch. Eine junge Frau trifft einen jungen Mann. Sie fragt ihn, ob er auch eine Behinderung habe. Er sieht sie verwundert an, da sagt sie ihm, dass sie blind ist. Unerwartete Begegnungen. Aus Unsicherheit entstehen Gespräche und vielleicht sogar Freundschaften.

Am Ende des Spots heißt es: Jede Begegnung kann ein Anfang sein. Ein neuer Spot der Aktion Licht ins Dunkel? Leider nein. Es ist einer von zahlreichen Spots der deutschen Aktion Mensch, berührend, authentisch, ohne Mitleid.

Eigenwerbung statt Bewusstsein zu schaffen

Im offiziellen „Licht ins Dunkel“-Trailer finden keine Begegnungen mit Menschen mit Behinderungen statt. Alleine Nina Proll wirbt für eine Spenden-CD mit vielen Stars. Statt Bewusstsein zu schaffen, wie es die Aktion Mensch macht, setzt der ORFauf Eigenwerbung. Auch A1 klopft sich als langjähriger Technologie-Partner von Licht ins Dunkel auf die Schulter: Untermalt von getragener Musik sieht man Mitarbeiter im Callcenter, lachende behinderte Kinder und die nach oben schnellende Spendensumme.

Am Ende des Spots heißt es: „Du kannst Hoffnung schenken, du kannst alles!“ Gut, dass A1 Licht ins Dunkel unterstützt. Aber wäre es nicht sinnvoller, wenn A1 im Callcenter Menschen mit Behinderungen beschäftigen würde? Zu sehen ist es jedenfalls nicht.

Kritik an Rekordjagd

Behindertenvertreter kritisieren seit vielen Jahren, dass Licht ins Dunkel von einem Rekord der Spendenergebnisse zum nächsten hetzt. Sinnvoller wäre es, wenn die Unternehmenspartner Menschen mit Behinderungen beschäftigten oder in ihren Unternehmen das Geld für Barrierefreiheit einsetzten. Auch eine vom Bundeskanzleramt in Auftrag gegeben Studie zur Darstellung behinderter Menschen in den Medien 2015/16 übt massive Kritik an der Aktion Licht ins Dunkel:

  • Mit der Aktion Licht ins Dunkel hat der ORF in den letzten 45 Jahren das gesellschaftliche Bild von Menschen mit Behinderungen wesentlich geprägt. Aber nicht unbedingt im positiven Sinn: Im Vordergrund stehen sie als Almosen- und Fürsorgeempfänger.
  • Die häufig gewählte Darstellungsform von Menschen mit Behinderungen als Bittsteller und Opfer widerspricht einer würdevollen Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen und lässt vorherrschende Barrieren in der Gesellschaft unkommentiert und unverändert.
  • Menschen mit Behinderungen sollten im Programm sichtbarer werden, z. B. als Moderatoren, Experten, Studiogäste und Mitarbeiter. Gefordert wird die Partizipation von Menschen mit Behinderung bei der Gestaltung und der Programmentwicklung ähnlich der Aktion Mensch.

Eine wesentliche Weiterentwicklung kann man der Kampagne Licht ins Dunkel in den letzten Jahren zwar zugestehen: Es gibt Moderatorinnen im Rollstuhl, die Sendung wird untertitelt, und es gibt Gebärdensprachdolmetschung. Aber der große, dringend erforderliche Paradigmenwechsel, der bei der vergleichbaren deutschen Aktion Mensch stattgefunden hat, ist ausgeblieben.

Aktion Sorgenkind

Die ursprüngliche Aktion Sorgenkind war eine Marke mit 100 Prozent Bekanntheitsgrad, aber verbildlichte ein diskriminierendes Klischee, denn behinderte Menschen wollten nicht länger als Sorgenkinder dargestellt werden. Im Jahr 2000 wurden Menschen mit Behinderungen in die Führung der Aktion aktiv eingebunden. Die Folge war nicht nur eine Markenänderung zur Aktion Mensch, sondern auch eine inhaltliche Neuausrichtung zu mehr Vernetzung, Förderung von inklusiven Projekten und der gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung.

Vorsitzender Armin v. Buttlar sagt heute, dass die Namensänderung ein großer Gewinn war. Durch die Einführung des neuen Markennamens musste auch der gesellschaftliche Paradigmenwechsel, weg von Almosen, Fürsorge und Mitleid hin zu Barrierefreiheit, Inklusion und selbstbestimmtem Leben, kommuniziert werden. Auch die Marke Licht ins Dunkel ist gut eingesessen, aber nicht mehr zeitgemäß: Menschen mit Behinderungen, die im Dunkeln sitzen und auf die lichtbringenden Spender warten, widersprechen dem Selbstbild von Behinderten und auch der UN-Behindertenrechtskonvention.

ORF-Kampagne ohne Betroffene

Der „Licht ins Dunkel“-Gründer, Ernst Wolfram Marboe, sagte einst: „Licht ins Dunkel gehört zu Weihnachten wie der Guglhupf zum Kaffee.“ Allein man könnte auch einmal jene zum Guglhupfessen einladen, über die man 45 Jahre nur gesprochen hat.

Die ORF-Kampagne hat mit den hohen Einschaltquoten ein großes Potenzial, das Bild von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft zu verändern. Nicht nur zu Weihnachten, auch unterm Jahr. Andere Spots, andere Initiativen, Vernetzung und Information ähnlich dem deutschen Vorbild wären möglich.

Auch sollte der ORF behinderte Journalisten ausbilden und in die Redaktionen inkludieren. Wären eine blinde Radiomoderatorin oder ein „ZiB 2“-Präsentator im Rollstuhl unmöglich? Oder könnte nicht ORF-Online von Redakteuren mit Lernbehinderungen in einfacher Sprache gestaltet werden? Wünschen darf man sich etwas, es ist ja Weihnachten! (Franz-Joseph Huainigg, 27.12.2017)

Franz-Joseph Huainigg ist Autor und Medienpädagoge.

99 Good News Stories in 2018

99 Good News Stories You Probably Didn’t Hear About in 2018 by Angus Hervey medium.com
For the last 12 months, the global media has been focused on a lot of bad news. But there were other things happening out there too. Good news stories that didn’t make it onto the evening broadcasts, or your social media feeds. We spent the year collecting them, in our ongoing mission to stop the fear virus in its tracks. Enjoy.
1. The Kofan people of Sinangoe, in the Ecuadorian Amazon, won a landmark legal battle to protect the headwaters of the Aguarico River, nullifying 52 mining concessions and freeing up more than 32, 000 hectares of primary rainforest. Amazon Frontlines
2. Following China’s ban on ivory last year, 90% of Chinese support it, ivory demand has dropped by almost half, and poaching rates are falling in places like Kenya. WWF
3. The population of wild tigers in Nepal was found to have nearly doubled in the last nine years, thanks to efforts by conservationists and increased funding for protected areas. Independent
4. Deforestation in Indonesia fell by 60%, as a result of a ban on clearing peatlands, new educational campaigns and better law enforcement. Ecowatch
5. The United Nations said that the ozone hole would be fully healed over the Arctic and the northern hemisphere by the 2030s, and in the rest of the world by 2060. Gizmodo
6. $10 billion (the largest amount ever for ocean conservation) was committed in Bali this year for the protection of 14 million square kilometres of the world’s oceans. MongaBay
7. In California, the world’s smallest fox was removed from the Endangered Species List, the fastest recovery of any mammal under the Endangered Species Act. Conservaca
8. In 2018, after more than ten years of debate, 140 nations agreed to begin negotiations on a historic “Paris Agreement for the Ocean,” the first-ever international treaty to stop overfishing and protect life in the high seas. National Geographic
9. Niger revealed that it has planted 200 million new trees in three decades, the largest positive transformation of the environment in African history. Guardian
10. Spain said it would create a new marine wildlife reserve for the migrations of whales and dolphins in the Mediterranean and will prohibit all future fossil fuels exploration in the area. Associated Press
11. Following ‘visionary’ steps by Belize, UNESCO removed the Belize Barrier Reef, the second largest in the world, from its list of endangered World Heritage Sites. BBC
12. Colombia officially expanded the Serranía de Chiribiquete (also known as The Cosmic Village of the Jaguars) to 4.3 million hectares, making it the largest protected tropical rainforest national park in the world. WWF
13. Mexico said its population of wild jaguars, the largest feline in the Americas, grew by 20% in the past eight years, and 14 Latin American countries signed an agreement to implement a regional conservation program for the big cats through 2030. Phys.org
14. In the forests of central Africa, the population of mountain gorillas, one of the world’s most endangered species, was reported to have increased by 25% since 2010, to over 1,000 individuals. Reuters
15. Canada signed another conservation deal with its First Nations people, creating the largest protected boreal forest (an area twice the size of Belgium) on the planet. BBC
16. Chile passed a new law protecting the waters along its coastline, creating nine marine reserves and increasing the area of ocean under state protection from 4.3% to 42.4% BBC
17. The Seychelles created a new 130,000 square kilometre marine reserve in the Indian Ocean, protecting their waters from illegal fishing for generations to come. National Geographic
18. New Caledonia agreed to place 28,000 square kilometres of its ocean waters under protection, including some of the world’s most pristine coral reefs. Forbes
19. 25 million doses of a new cholera vaccine were administered globally, and preparations began for the largest vaccination drive in history. UNICEF
20. France revealed a sharp fall in daily smokers, with one million fewer lighting up in the past year, and cigarette use among Americans dropped to its lowest level since the Centers for Disease Control and Prevention started collecting data in 1965.
21. Rwanda became the first low income country to provide universal eye care to all of its citizens, by training 3,000 nurses in over 500 health clinics. Global Citizen
22. India registered a 22% decline in maternal deaths since 2013. That means on average, 30 more new mothers are now being saved every day compared to five years ago. The Wire
23. Ghana became the first country in sub-Saharan Africa to eliminate trachoma. In 2000, it threatened 2.8 million people (15% of the population) with blindness. Devex
24. The WHO revealed that teenage drinking has declined across Europe, the continent with the highest rates of drinking in the world. The country with the largest decline? Britain. CNN
25. Since 2010, global HIV/AIDS infection rates have fallen by 16% in adults and by 35% for children. Most countries are now on track to eliminate infections by 2030. Undark
26. In 2018, New York and Virginia became the first two US states to enact laws requiring mental health education in schools. CNN
27. Malaysia became the first country in the Western Pacific to reduce mother-to-child transmission of HIV and syphilis. Malaymail
28. South Africa, home to the world’s largest population of people living with HIV, shocked health officials by revealing a 44% decline in new infections since 2012. Telegraph
29. After five successful, annual rounds of large-scale, school-based deworming across Kenya, worm-related diseases have fallen from 33.4% in 2012 to 3% today. KEMRI
30. Russians are drinking and smoking less than at any point since the fall of the Soviet Union, with tobacco use down by 20% since 2009, and alcohol consumption down by 20% since 2012. Straits Times
31. Tanzania revealed that in the last ten years, it has reduced the malaria death rate by 50% in adults and 53% in children. Borgen
32. The WHO certified Paraguay as having eliminated malaria, the first country in the Americas to be granted this status since Cuba in 1973.
33. Costa Rica’s Supreme Court ruled that the country’s same-sex marriage ban was unconstitutional, and gave the government 18 months to change it. BBC
34. New research revealed that in the last two decades, female genital mutilation has fallen from 57.7% to 14.1% in north Africa, from 73.6% to 25.4% in west Africa, and from 71.4% to 8% in east Africa. Guardian
35. India’s highest court struck down a century-old prohibition on homosexual sex, calling the Victorian-era law “irrational, indefensible, and manifestly arbitrary.” Al Jazeera
36. Morocco passed a landmark law that criminalises violence against women, and imposes harsh penalties on perpetrators. Albawaba
37. Germany released new figures showing that more than 300,000 refugees have now found jobs, and the share of MPs with migrant backgrounds has risen from 3% to 9% in the last two elections. Economist
38. New Zealand became the second country in the world (after the Philippines) to pass legislation granting victims of domestic violence 10 days paid leave. Guardian
39. Scotland became the first nation in the world to guarantee free sanitary products to all students, and India’s finance ministry announced it would scrap the 12% GST on all sanitary products.
40. Canada became the second country in the world to legalise marijuana. A major crack in the grass ceiling, and a wonderful moment for fans of evidence-based decision making everywhere. BBC
41. In a major milestone for human rights in the Middle East, a Lebanese court issued a new judgement holding that homosexuality is not a crime. Beirut
42. Trinidad and Tobago’s high court ruled that the Caribbean nation’s colonial-era law banning gay sex was unconstitutional. NBC
43. Tunisia became the first Arab nation to pass a law giving women and men equal inheritance, overturning an old provision of Sharia Islamic law. Dhaka Tribune
44. Pakistan’s parliament passed a landmark law guaranteeing basic rights for transgender citizens and outlawing all forms of discrimination by employers. Al Jazeera
45. Scotland became the first country in the world to include teaching of lesbian, gay, bisexual, transgender and intersex rights into its state schools curriculum. The Scotsman
46. Nepal became the 54th country in the world, and the first country in South Asia, to pass a law banning corporal punishment for children. End Corporal Punishment
47. Quietly and unannounced, humanity crossed a truly amazing threshold this year. For the first time since agriculture-based civilisation began 10,000 years ago, the majority of humankind is no longer poor or vulnerable to falling into poverty. Brookings
48. A little perspective. The Economist revealed that global suicide rates have dropped by 38% since 1994, saving four million lives, four times the number killed in combat during the same time.
49. According to the UNDP, 271 million people in India moved out of poverty since 2015, and the country’s poverty rate has been cut nearly in half. Times of India
50. India also continued the largest sanitation building spree of all time. More than 80 million toilets are estimated to have been built since 2014. Arkansas Democrat Gazette
51. The International Energy Agency said that in the last year, 120 million people gained access to electricity. That means that for the first time since electrical service was started (1882), less than a billion of the world’s population are left in darkness.
52. A new report showed that the global fertility rate (average number of children a woman gives birth to) has halved since 1950. Half the world’s countries are now below replacement levels. BBC
53. Bangladesh revealed that it had reduced its child mortality rate by 78% since 1990, the largest reduction by any country in the world. Kinder-World
54. Remember how the global media worked itself into a frenzy over Cape Town’s water shortages and Day Zero in 2017? Strangely, nobody reported this year how the Mother City successfully averted the crisis. apolitical
55. Respiratory disease death rates in China have fallen by 70% since 1990, thanks to rising incomes, cleaner cooking fuels and better healthcare. Twitter
56. The share of black men in poverty in the United States fell from 41% in 1960 to 18% today, and their share in the middle class rose from 38% to 57% in the same time. CNN
57. A new report showed that democracy is more widespread than ever. Six in ten of the world’s countries are now democratic — a post war record. Pew Research
58. A new global youth survey showed that young people in all countries are more optimistic than adults. Nine in 10 teenagers in Kenya, Mexico, China, Nigeria and India reported feeling positive about their future. Guardian
59. The world passed 1,000 GW of cumulative installed wind and solar power this year. 10 years ago, there was less than 8 GW of solar. Future Crunch
60. Solar and wind continued their precipitous cost declines. In the second half of 2018 alone, the levelized cost for solar fell by 14% and the wind benchmark by 6%. In many parts of the world it’s now cheaper to build new clean energy than it is to keep dirty energy running. BNEF
61. Allianz, the world’s biggest insurance company by assets, said it would cease insuring coal-fired power plants and coal mines, and Maersk, the world’s largest maritime shipping company, said it would begin ditching fossil fuels, and will eliminate all carbon emissions by the year 2050.
62. Repsol became the first major fossil fuels producer to say it would no longer be seeking new growth for oil and gas. Bloomberg
63. California unveiled the most ambitious climate target of all time, with a commitment to making the world’s fifth biggest economy carbon neutral by 2045. NBC
64. China, the world’s biggest energy consumer, revised its renewable energy target upwards, committing to 35% clean energy by 2030. Engadget
65. Chile said it had managed to quadruple its clean energy sources since 2013, resulting in a 75% drop in the average cost of electricity. IPS News
66. The United States set a new record for coal plant closures this year, with 22 plants in 14 states totalling 15.4GW of dirty energy going dark. #MAGA. Clean Technica
67. 11 European nations either closed their coal fleets or announced they will close them by a specific date, including France by 2023, Italy and the UK by 2025, and Denmark and the Netherlands by 2030.
68. Some of the world’s biggest sovereign wealth funds, representing more than $3 trillion in assets, and Black Rock, the world’s biggest fund manager, with assets worth $5.1 trillion, said they would only invest in companies that factor climate risks into their strategies. UNFCCC
69. India increased its already massive 2022 clean energy target by 28%. It plans to add 150 GW of wind and solar in the next four years. Clean Technica
70. Ireland became the world’s first country to divest from fossil fuels, after a bill was passed with all-party support in the lower house of parliament. Guardian
71. Spain committed to shutting down most of its coalmines by the end of the year, after the government agreed to early retirement for miners, re-skilling and environmental restoration. Guardian
72. The Journal of Peace Research said that global deaths from state based conflicts have declined for the third year in a row, and are now 32% lower than their peak in 2014.
73. After a decade long effort, Herat, Afghanistan’s deadliest province for landmines, was declared free of explosive devices. Nearly 80% of the country is now mine free. Reuters
74. Following the collapse of ISIS, civilian deaths in Iraq decreased dramatically. 80% fewer Iraqis were killed in the first five months of 2018 compared to last year. Anti-War
75. Ethiopia and Eritrea signed a peace treaty, signalling the end of a 20 year war, and reuniting thousands of families. BBC
76. Malaysia abolished the death penalty for all crimes and halted all pending executions, a move hailed by human rights groups in Asia as a major victory. SMH
77. Honduras had the highest homicide rate in the world in 2012. Murders have decreased by half since then, more than any other nation. Ozy
78. Crime and murder rates declined in the United States’ 30 largest cities, with the murder rate for 2018 projected to be 7.6 percent lower than 2017. Vox
79. Crime falls when you take in millions of refugees too. The number of reported crimes in Germany has fallen by 10%, to the lowest level in 30 years. Washington Post
80. Worried about the kids? Youth crime in the Australian state of New South Wales has plummeted in the last 20 years. Vehicle theft is down by 59%, property theft by 59%, and drunk-driving by 49%. ANU
81. Still worried about the kids? In the last generation, arrests of Californian teenagers have fallen by 80%, murder arrests by 85%, gun killings by 75%, imprisonments by 88%, teen births by 75%, school dropouts by half, and college enrolments are up by 45%. Sacbee
82. According to new data from the Department of Justice, the proportion of people being sent to prison in the United States has fallen to its lowest level in 20 years. Pew Research
83. Damn those pesky millenials. A new report revealed that, thanks to shifting tastes amongst those born after 1980, 70% of the world’s population is reducing meat consumption or leaving meat off the table altogether. Forbes
84. Germany announced one of the most ambitious waste management schemes in history. The government plans to recycle 63% of its total waste within the next four years, up from 36% today. DW
85. The Malaysian government announced it would not allow any further expansion of oil palm plantations, and that it intends to maintain forest cover at 50%. Malaymail
86. Denmark became the latest country to announce a ban on internal combustion engines. There are now 16 countries with bans that come into effect before 2040 — including China and India, the two biggest car markets in the world. Bloomberg
87. In 2018, the world surpassed the 4 million mark for electric vehicles. In the world’s biggest car market, China, electric cars reached 5% of sales; China’s internal combustion car market is flat, with all growth now being absorbed by EVs. Bloomberg
88. Adidas expects to sell 5 million pairs of shoes made from ocean plastic this year, and committed to using only recycled plastic in its products by 2024. CNN
89. Four years ago, China declared a war on pollution. It’s working. Cities have, on average, cut concentrations of fine particulates in the air by 32%. New York Times
90. Thanks to tightening restrictions, the United Kingdom reported a 12% drop in vehicle emissions since 2012, as well as significant overall drop in air pollutants. BBC
91. 250 of the world’s major brands, including Coca Cola, Kellogs and Nestle, agreed to make sure that 100% of their plastic packaging will be reused, recycled or composted by 2025. BBC
92. The European Parliament passed a full ban on single-use plastics, estimated to make up over 70% of marine litter. It will come into effect in 2021. Independent
93. As of the end of 2018, at least 32 countries around the world now have plastic bag bans in place — and nearly half are in Africa. Quartz
94. China said it had seen a 66% reduction in plastic bag usage since the rollout of its 2008 ban, and that it has avoided the use of an estimated 40 billion bags. Earth Day
95. India’s second most populous state, Maharashtra, home to 116 million people, banned all single use plastic (including packaging) on the 23rd June this year. Indian Express
96. India’s environment minister also announced the country would eliminate all single-use plastic by 2022. Oh, and three years after India made it compulsory to use plastic waste in road construction, there are now 100,000 kilometres of plastic roads in the country.
97. Four years after imposing a 5p levy, the United Kingdom said it had used 9 billion fewer plastic bags, and the number being found on the seabed has plummeted. Independent
98. Following a ban by two of its biggest retailers, Australia cut its plastic bag usage by 80% in three months, saving 1.5 billions bags from entering the waste stream. NY Post
99. After enacting the world’s toughest plastic bag ban, Kenya reported that its waterways were clearer, the food chain is less contaminated — and there are fewer ‘flying toilets.’ Guardian
100. There is now a giant 600 metre long boom in the Pacific that uses oceanic forces to clean up plastic, and you can track its progress here. Despite a few early setbacks, the team behind it thinks they can clean up half the Great Pacific Garbage Patch in the next seven years. Ocean Cleanup

Blutgruppe 0 (positiv)

Im Blutgruppen-System AB0, das Karl Landsteiner im Jahr 1901 entwickelt hat, gibt es vier Blutgruppen. Eine davon ist Blutgruppe 0. Dieses Blut (Rhesusfaktor negativ) ist bei einer Bluttransfusion für alle Empfänger geeignet und bei Blutspendediensten daher sehr willkommen.
Blutgruppe 0 ist durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet: Die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) tragen auf ihrer Oberfläche keine Antigene (so wie die anderen Blutgruppen A, B und AB). Im umgebenden Blutplasma befinden sich sogenannte Antikörper des Typs A und B. Beim Mischen von Blut wird es immer dann problematisch, wenn die Antikörper an die Antigene der Erythrozyten andocken können. Dann kommt es zu einer Verklumpung des Blutes (Hämagglutination). Da die Erythrozyten von Blutgruppe 0 keine Antigene besitzen, kann folglich kein Antigen andocken, und es kommt zu keiner Verklumpung – egal, ob in dem Blut Antikörper des Typs A (Bei Blutgruppe B) oder Antikörper des Typs B (bei Blutgruppe A) vorhanden sind. Das Blutplasma der Blutgruppe AB enthält keine Antikörper.
Blutgruppe 0 kommt sehr häufig vor (rund 41% der Bevölkerung). Die Erythrozyten der Blutgruppe 0 enthalten keine Antigene. Blutgruppe 0 ist daher ein sogenannter „Universalspender“ – diese Erythrozyten sind theoretisch für alle anderen Blutgruppen geeignet.
Genau anders herum verhält es sich aber für Menschen, die Blutgruppe 0 besitzen: sie können nur Blut dieser Blutgruppe empfangen, alles andere wäre gefährlich.
Allerdings spielt auch der Rhesus-Faktor eine wichtige Rolle. Rund 85% aller Menschen tragen auf der Oberfläche der Erythrozyten ein sog. D-Antigen („Rhesusfaktor D“). Man sagt, ihre Blutgruppe ist „Rhesus positiv“ (Rh+). Bei den übrigen 15% ist das D-Antigen nicht vorhanden, sie sind Rhesus negativ (RH-).
Menschen mit Blutgruppe 0 Rhesusfaktor positiv haben im Fall einer Blut-Transfusion ein Problem: Sie können nur Blut von Menschen vertragen, die ebenfalls Blutgruppe 0 haben. Denn die Erythrozyten aller anderen Blutgruppen tragen entweder Antigen A oder Antigen B (oder beide) auf ihrer Oberfläche. Die Antikörper des Typs A und B von Blutgruppe 0 würden das fremde Blut verklumpen. Allerdings ist das Problem im Fall von Blutgruppe 0 Rh+ nicht so groß, weil immerhin 41% der Bevölkerung Blutgruppe Null haben und insofern genügend Spenden zur Verfügung stehen.
Im Gegensatz dazu ist das Blut von Menschen der Blutgruppe 0 Rh+ für alle anderen Blutgruppen mit positivem Rhesusfaktor geeignet.
Richtig schwierig ist es für Menschen mit Blutgruppe 0 Rhesusfaktor negativ. Diese Patienten können ausschließlich genau dieses Blut vertragen. Auch Blutgruppe 0 Rh+ ist als Spende nicht geeignet. Nur 6% der deutschen Bevölkerung hat diese Blutgruppe. Menschen mit dieser Blutgruppe 0 Rh- werden daher besonders darum gebeten, Blut zu spenden.
Das Blut von Menschen mit Blutgruppe 0 Rhesusfaktor negativ ist als Spende für alle anderen Blutgruppen geeignet – unabhängig vom Rhesusfaktor. Man nennt sie deshalb auch „Universalspender“. Blutspenden der Blutgruppe 0 Rhesus negativ sind besonders gern gesehen, weil sie im Notfall extrem wertvoll sind. Gerade bei Notfällen, wo ein Patient sehr viel Blut verliert, kann man nicht erst langwierig die passende Blutgruppe ermitteln. Daher wird in solchen Situationen stets „0 Rhesus negativ“-Blut genommen, weil es für jeden geeignet ist. Aus diesem Grund bemühen sich Rettungsstationen auch stets, ausreichend Blut dieser Blutgruppe vorrätig zu haben – und entsprechend begehrt sind diese Spenden. (von Martin Mißfeldt)
Bildschirmfoto 2018-12-15 um 07.40.00

Namen im Wandel der Zeit

Waldtraut & Kurt / Inge & Georg / Kurt & Anni
Brigitte & Heinrich / Claudia & Alfred / Susi / Marianne & Meinrad / Thomas & Hanni / Lilli & Harri / Chrissi & Klaus
Christiane & Gerold / Birgit & Christian / Christoph & Eva-Maria / Maximilian / Nikolaus
Anton / Charlotte / Mariella / Constantin

Das Unwesen der „Kodaker“

Das Unwesen der „Kodaker“ (Simon Hadler, orf.at)
Unanständiges war damals wie heute allgegenwärtig, damals jedoch gab es noch gestandene Sittenwächter, die sich im Kampf für die Moral aufrieben – die Nudidätenschnüffler (gestrichen 1934). Pornobildchen verbreiteten sich schließlich rasch, seit die „Kodaker“ (gestrichen 1928) ihr Unwesen trieben. So wurden Amateur-, aber auch Profifotografen bezeichnet, die ab den 1880er Jahren eine der ersten kompakten Kodak-Kameras mit Rollfilm verwendeten, die jederzeit und überall rasch einsetzbar waren.
Ähnlich wie heute das Verschwinden der Privatsphäre durch Instagram und Facebook beklagt wird, weil jede und jeder allerorten Selfies macht und ins Netz stellt, kritisierte man damals die „Kodaker“. Graf hat ein schönes Zitat von Otto von Bismarck aus den 1890er Jahren über die ersten Paparazzi ausgegraben: „Man ist jetzt gar nicht mehr sicher, die Kerle lauern einem überall auf mit ihren Knipsapparaten. Man weiß nie, ob man fotografiert oder erschossen wird.“

rosa war mal Jungensache (sz) – danke an Sundee

Rosa war mal Jungensache (sz) – danke an Sundee
Bestimmt gibt es Jungen, die gerne etwas in Rosa anziehen würden. Aber wenn sie das tun, dann werden sie ziemlich sicher ausgelacht. Rosa ist doch eine Farbe für Mädchen, heißt es dann. Und für Jungs? Ja, für die gibt es Blau.
Aber warum mögen viele Mädchen eigentlich so gerne Rosa? Das weiß niemand so genau. Angeboren ist es bestimmt nicht. Und auch nicht unumstößlich. Schließlich war vor hundert Jahren Rosa die Farbe der Jungs. Echt wahr.
Als die belgische Prinzessin Astrid im Jahr 1927 ihr Kind erwartete, war sie sich sicher, dass es ein Sohn werden würde. Deshalb dekorierte sie die Wiege „in der Jungenfarbe Rosa“. Rosa galt nämlich damals als „das kleine Rot“. Und Rot stand für Blut und Kampf – und damit für Männlichkeit.
Im Jahr 1918 schrieb eine amerikanische Frauen¬zeitschrift: Rosa sei nun mal „die kräftigere und damit für Jungen geeignete Farbe“. Die Mädchenfarbe damals war dagegen Blau. Denn auf alten Bildern in der Kirche trägt die Jungfrau Maria ganz häufig Blau. Also war Hellblau, „das kleine Blau“, für die Mädchen vorgesehen. Erst später änderte sich diese Sicht.
Vielleicht lag es an den Blue Jeans, die aufkamen und von Männern getragen wurden. Oder an den blauen Arbeitsanzügen oder den dunklen Marineuniformen. Blau wurde plötzlich zur Männerfarbe. So ist es bis heute geblieben. Und wahrscheinlich finden kleine Jungs so lange Blau toll, und kleine Mädchen so lange Rosa, bis sich die Modewelt wieder etwas anderes ausdenkt.

Selfmade-Strategie als Farce

Thomas D. Trummer über den neuen Ikea-Katalog
Das Kapitel auf Seite 96 betitelt sich “Gesammelte Geschichten”. Das Bild daneben glänzt in einer Variation aus Spiegellicht, Anthrazit und Messing. Auf einer Holzvitrine sind allerlei Dinge drapiert: eine Schreibmaschine, bernsteinfarbene Kugelleuchten, Fotoapparate unter Glassturz, gestreckte Schnürstiefel, eine russische Puppe und zwei japanische. Darüber hängt ein Flügelhorn, mehrere Rahmen und Postkarten in einer der Ecken. Im Regal befinden sich blickdichte Apothekerflaschen, ein Fernstecher, lederne Schachteln und ein Ventilator aus Messing. Es sind Zeugnisse aus einer Welt, in der Sammlerlust und Entdeckergeist noch analog und beschwerlich waren. Doch die Relikte im Stile des 19. Jahrhunderts blitzen feinsäuberlich, sind entstaubt von Firnis und Geschichte. Sie sind ihre Nachahmung, und deshalb – wie Marx sagen würde – eine Farce. Erst auf der folgenden Seite, die das selbe Regal in Schräg- und Untersicht anbietet, wird klar, worum es geht. Um die Heimeligkeit rund um das neue Sofa “FÄRLÖV”, das um 759.-€ angeboten wird. Ikea flüchtet aus dem Alltag und bietet seinen in die Jahre gekommenen Kund/innen den Charme jener aristokratischen Bürgerlichkeit und gediegenen Übersättigung an, die sie durch Fichtenfurniere, Klappsessel und Billy einst so erfolgreich verdrängte.
Interessant ist, dass die konservative Wende von einer zweiten gedoppelt wird. Der deutsche Buchhandel reagierte prompt auf den jüngsten Katalog des schwedischen Möbelherstellers. Das Branchenmagazin “Buchreport” bemängelt, dass keine Bücher mehr in den Regalen stehen. In früheren Ausgaben wären noch “Pippi Langstrumpf” und andere Klassiker zu sehen gewesen, nun seien sie ausgeräumt. Das Buch im Interieur: perdu. Es sei, so heißt es, nur ein einziger lesender Mensch zu sehen, der wird jedoch von Büchern geradezu erschlagen. Tatsächlich liegt ein junger Mann auf einem Sofa. Neben ihm eine schlanke Lampe und gestapelte Lektüre. Sonst nichts. Keine Dinge im grauen Raum. Kein Bildschirm, kein Ipad, kein Wlan. Unschwer ist zu bemerken, dass der vollbärtige Studiosus unter seinem Buch eingenickt ist und dabei dem “Schlafenden Endymion” nachgebildet ist. Aber eine gute Schlagzeile gibt das Erschlagen-Werden immer noch ab. Und die braucht die Branche, immerhin hat man fast 20% der Kund/innen zwischen 2013 und 2017 verloren. Nicht an Ikea, aber an die digitale Welt und ihre neuen Medien. Das Motiv des grausigen Bibliophilentods, das der Buchhandel hier entdeckt, stammt – wie könnte es anders sein – aus der Literatur selbst. Der Roman “Howards End” spielt im selben Milieu wie neuerdings Ikea, nämlich im konservativ-verkrusteten viktorianischen England. Eine der Hauptfiguren wird in dem 1911 erschienenen Buch von einem Bücherregal erschlagen.
Bemerkenswerter als die kulturkonservative Besorgnis der Buchhändler scheint mir die Seite 253. Hier zeigen sich die Zeichen der Zeit. Das “ICH-STELL-DICH-ZUR-SCHAU-REGAL.” “IVAR” ist zwar noch in Kiefer und einfach zu bauen, mit insgesamt nur vier Regalböden und wenigen Schraublöchern. Aber sein Inhalt bringt die prekäre Gegenwart zur Kenntlichkeit. Nicht nur der Bücher, auch der Möbel. Im Bild ist ein Regal zu sehen, darin allerlei rosa eingefärbter Nippes. Daneben eine junge Frau in ähnlich farbigem Sweater. Der Schlick klebt der Schöpferin noch an den Händen. Sie hat die Dinge bravourös versiegelt. Die Selfmade-Strategie, das zweite Markenzeichen der Möbelfirma, ist im Zeitalter des Kopierens dennoch zur Farce verkümmert. Köpfe, Tiere, Kandelaber und Vasen sind aus dem 3D-Printer. Warum nicht auch das Regal, seine Schrauben und die Löcher?!

Die Zeit, die flieht / Meine Seele hat es eilig

Die Zeit, die flieht / Meine Seele hat es eilig. von Mario de Andrade und / oder Ricardo Gondim
Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt, dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe. 
Ich fühle mich wie dieses Kind, das eine Schachtel Bonbons gewonnen hat: die ersten essen sie mit Vergnügen, aber als es merkt, dass nur noch wenige übrig waren, begann es, sie wirklich zu genießen.
Ich habe keine Zeit für endlose Konferenzen, bei denen die Statuten, Regeln, Verfahren und internen Vorschriften besprochen werden, in dem Wissen, dass nichts erreicht wird.
Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen , die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.
Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.
Ich will nicht in Besprechungen sein, in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.
Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten. Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.
Meine Zeit ist zu kurz um Überschriften zu diskutieren. Ich will das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile. Ohne viele Süssigkeiten in der Packung.
Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind. Menschen, die über ihre Fehler lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden. Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen. Die die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten. Es ist das, was das Leben lebenswert macht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die es verstehen, die Herzen anderer zu berühren. Menschen, die durch die harten Schläge des Lebens lernten, durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.
Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig, mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.
Ich versuche, keine der Süßigkeiten, die mir noch bleiben, zu verschwenden. Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden, als die, die ich bereits gegessen habe.
Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen, in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.
Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eins hast.

il solleóne

il solleóne [comp. di sol(e) e leone ☼ av. 1336]
1 periodo compreso tra la seconda metà di luglio e la prima decade di agosto, quando il sole si trova nel segno zodiacale del Leone e il caldo è maggiore
2 (est.) estate torrida | grande caldo estivo SIN. canicola

Die Utopie des reinen Glücks

Dieter Richter im Interview: Die Utopie des reinen Glücks – brand eins online
Die Utopie des reinen Glücks – Im Süden liegt das Paradies – die Hölle aber auch. Ein Gespräch mit dem Literaturhistoriker Dieter Richter über die Hassliebe des Nordeuropäers zu einem alten Sehnsuchtsort.
brand eins: Herr Richter, wenn ein Reiseveranstalter mit der Aufforderung „Ab in den Süden“ wirbt, dann ist das wohl mehr als nur eine Himmelsrichtung?
Dieter Richter: Der Süden ist beides – eine geografische Richtung, auf der Landkarte unten, und eine Idee, ein Ort der Sehnsucht, des Traums, aber auch der lauernden Enttäuschung. Die Elemente dieser Traumlandschaft haben viel mit europäischer Kulturgeschichte zu tun. Die drei wichtigsten Pilgerziele im Mittelalter waren Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela; alle drei liegen im Süden. Diese Pilgerreisen waren organisierte Gruppenreisen.
Schon im 14. Jahrhundert entstand in Rom dafür eine touristische Infrastruktur. Im 17. Jahrhundert setzte die Grand Tour wohlhabender Engländer und anderer Nordeuropäer diese Reisebewegung fort. Seit dem Mittelalter hat sich auf diese Weise eine Reiseachse von Nord- nach Südeuropa herausgebildet. In der Renaissance lagen die führenden Universitäten in Italien. Wer etwas auf sich hielt, reiste dorthin.
Geht es bei diesem Traum nur um Kulturgeschichte oder auch um angenehme Temperaturen?
Das Wetter spielte für den Sehnsuchtsort Süden eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle. Zuvor war die Hauptreisezeit nach Italien lange der Winter gewesen. In historischen Baedeker-Ausgaben sieht man, dass die Hotelzimmer im Sommer billiger waren, heute ist es umgekehrt. Das Schönheitsideal der gebräunten Haut war vor einem Jahrhundert nur für wenige Künstler, Nudisten, Bohemiens erstrebenswert. Braune Haut galt als Zeichen körperlicher Arbeit im Freien, als proletarisch und nicht besonders attraktiv.
Dass Reisende den Süden im Sommer gemieden haben, hängt auch mit dem Res- pekt vor der Gewalt der Sonne zusammen, der heute verloren gegangen ist. Die deutsche Anbetung der südlichen Sonne ist also historisch relativ neu. Sehr viel früher gab es allerdings schon einmal Fantasien eines sinnlichen, von Zwängen befreiten Südens.
Haben Sie Beispiele?
In seinen naturwissenschaftlichen Betrachtungen schrieb der römische Historiker Plinius um 77 nach Christus, dass im afrikanischen Süden die Menschen und andere Lebewesen sexuell besonders aktiv seien und sich nicht nur so oft wie möglich mit ihresgleichen paarten, sondern „entweder durch Gewalt oder aus Wolllust“ auch mit anderen Arten.
Im 16. Jahrhundert, also im Zeitalter der überseeischen Entdeckungen, wurde die Vorstellung südlicher Liebesinseln zum literarischen Motiv. Bei Ariost landet ein christlicher Ritter auf solch einer Insel, die Frauen sind nur leicht bekleidet und wollen den Fremden verführen. Natürlich muss er als guter christlicher Europäer der Versuchung widerstehen. Bei Torquato Tasso, ebenfalls im 16. Jahrhundert, erreichen zwei Ritter auf ihrem Schiff eine Lust-Insel vor der Küste Nordafrikas: Es herrscht ewiger Frühling, die Blumen duften, die Vögel singen, die Tafel ist üppig gedeckt, nackte Mädchen laden die beiden Ritter ein, ein Garten heidnischer Erotik. Die christlichen Ritter fliehen vor dem teuflischen Zauber.
Zum Süden gehört seit alters die Konnotation des libertär Erotischen, sei es als Sehnsucht, sei es als Warnung vor Unmoral. Im 20. Jahrhundert wurde die Insel Capri zu solch einem utopischen Ort.
Inwiefern?
Um 1900 galt Capri als Mekka der Homosexuellen aus dem Norden. In Neapel bestaunte man im Archäologischen Nationalmuseum die Knaben- und Jünglingsfiguren, am Golf die halb nackten Fischer. Inseln sind eigene Orte, auf denen andere Dinge als auf dem Festland möglich sind.
Capri war die Liebesinsel, aber auch die Insel des Umsturzes, auf der führende Bolschewisten die Revolution in Russland vorbereiteten. Um die Jahrhundertwende propagierte hier der Rohkost-Apostel und Nudist Karl Wilhelm Diefenbach die freie Liebe und den Vegetarismus. In den Zwanzigerjahren entdeckten Intellektuelle wie Walter Benjamin oder Ernst Bloch auf Capri eine vormoderne, archaische Gesellschaft, das Gegenbild zur kapitalistischen Moderne. In den Dreißigerjahren wurde Capri zum Zufluchtsort jüdischer Emigranten. Die Insel war für ihre Besucher immer wieder Experimentierort einer neuen Welt.
Ist das mehr als eine Projektion?
Der Süden ist auch ein Ort der realen Erfahrung. Die Dialektik von Sehnsucht und Abwehr durchzieht das Verhältnis zum imaginierten und realen Süden. In der Antike war man davon überzeugt, dass in der Hitze des Äquators keine Menschen leben könnten. Deshalb waren die portugiesischen Seefahrer im 15. Jahrhundert sehr überrascht, als sie am Äquator grüne, fruchtbare Landschaften vorfanden. Die Menschen, die dort lebten, hatte man ursprünglich für von der Sonne schwarz gebrannte Teufel gehalten.
Lange herrschte die biblische Vorstellung von den drei menschlichen Rassen als den Söhnen Noahs. Die beiden wohlgeratenen Söhne und ihre Nachkommen besiedeln Asien und Europa, die Nachkommen des dritten Sohnes, des bösen, verruchten Ham, besiedeln Afrika. Das waren diffamierende, rassistische, auch angstbesetzte Bilder. Später wurden sie ambivalenter.
Als man in Europa den Osten noch nicht kannte, vermutete man dort, wo die Sonne aufgeht, das irdische Paradies. Als man die Region besser kennenlernte und mit ihr Handel trieb, verschoben sich europäische Paradies-Vorstellungen in den unbekannten Süden. Noch im heutigen Bild des Strandes als Inbegriff populärer Glücksvorstellungen reproduzieren sich solche Bilder eines südlichen Paradieses.
Wie das?
Der Strand erscheint als ein Ort frei von den Konventionen des gesellschaftlichen Lebens und seinen Hierarchien, alle können sich gleich fühlen (obwohl sie es keineswegs sind), verbunden in schöner (oder weniger schöner) Quasi-Nacktheit, ohne den Zwang zur Arbeit, nur dem Ziel des Genießens hingegeben. Auch die Trennung der Generationen scheint aufgehoben, Erwachsene spielen im Sand wie die Kinder, es scheint die Utopie des reinen Glücks, der Wiederkehr des Paradieses.
Und im Paradies scheint immer die Sonne?
Zur unzerstörbaren Wunschprojektion der Deutschen gehört der Süden als Ort des jederzeit schönen Wetters. Wie immer bei Projektionen droht die Enttäuschung, weil sich die Wirklichkeit nicht an solche Wunschbilder hält. Auf den Straßen in den Bergen über der Amalfi-Küste, südlich von Neapel, herrscht von Oktober bis März Schneeketten-Pflicht. Auch auf dem Vesuv liegt im Winter nicht selten Schnee. Im Süden kann es im Winter und im Frühjahr empfindlich kalt werden.
Es gibt in den Häusern praktisch keine Heizungen, ich habe niemals so gefroren wie im Süden. Die Idealisierung schlägt dann leicht ins Gegenteil um, gebiert Abwehr, Enttäuschung, gar Feindschaft. Ein ganzes Genre der Reiseliteratur gilt der Warnung vor dem Süden, in Klischees der faulen, betrügerischen, unzuverlässigen, hinterhältigen Italiener reproduzieren sich diese Warnungen immer wieder.
Haben Sie ein Beispiel?
„Italien wie es wirklich ist“, heißt das radikalste dieser Anti-Italien-Bücher, ver- fasst im Jahr 1834 von dem preußischen Assessor Gustav Nicolai. Gegen die „allgemein verbreitete Sucht, in Italien das Wonneland Europas zu finden“ berichtet er von seiner Italienreise: Das Wetter sei fürchterlich, das Essen schlecht, die Straßen seien schmutzig, die Hotelbetten voller Ungeziefer, die Wirte Betrüger und die Bettler unverschämt, das Land sei eine einzige Zumutung. Und schon im 13. Jahrhundert gab es die Klage eines deutschen Rom-Reisenden, die Stadt sei „ein recht verdammtes Loch“, in dem die Schätze der Welt verschwinden. Auch Goethe hat nicht nur die „Italienische Reise“ geschrieben, sondern auch die bitteren „Venezianischen Epigramme“, die kein antiitalienisches Klischee auslassen.
Die deutsche Sehnsucht nach dem italienischen Süden und die gleichzeitige Abwehr dessen haben nicht nur mit Idealisierung oder Ressentiment zu tun, sondern mit realen Erfahrungen.
Mit welchen zum Beispiel?
Was als leichte, lockere Lebensart erscheint, als Möglichkeit, sich freier zu bewegen, als „Großzügigkeit“ und „Spontaneität“ der Italiener, kann leicht ins Gegenteil umschlagen, etwa wenn Touristen berichten, sie seien übervorteilt worden, zum Beispiel wenn die Preise in Geschäften nach Laune und Sympathie, vielleicht auch nach dem Wetter gemacht werden. Die Kultur des Situativen ist für regelorientierte Nordeuropäer gewöhnungsbedürftig.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Wetter und Lebensweise?
Das vermutet man seit der Antike. Aristoteles glaubte, die Menschen im extremen Norden seien dumm, aber kräftig, die im Osten dagegen klug, aber schwach. Ideal für Kultur und Staatsverfassung sei dagegen das Klima in der mittleren, der gemäßigten Klimazone im Mittelmeerraum, also der Klimazone, in der er selbst lebte. Zwei Jahrtausende später, im 18. Jahrhundert, schrieb der französische Aufklärer Montesquieu, die „Völker der heißen Länder“ seien „furchtsam wie die Greise, die der kalten Länder mutig wie die jungen Leute“. Er entwickelte eine kulturanthropologische Klimatheorie und war davon überzeugt, dass „die Herrschaft des Klimas die erste unter allen Herrschaften“ sei.
Sind solche Zuschreibungen mehr als tendenziöse Projektionen?
Die Klimatheorie ist ohne Zweifel anfällig für Rassismus. Auch die Nationalsozialisten propagierten die Überlegenheit des „nordischen“ Menschen. Aber für die Aufklärer war die Klimatheorie im Kern der Versuch, mit Empirie statt wie früher mit religiösen Vorurteilen zu erklären, weshalb die Menschen auf der Erde unterschiedlich sind. Im Zeitalter der Globalisierung sind wir davon überzeugt, dass Klimata irrelevant seien für Kultur und Lebensweise der Bevölkerung. Auch der Begriff der Mentalität ist obsolet geworden. Stattdessen definieren wir Unterschiede fast ausschließlich anhand von Kategorien wie Bildung, Milieu oder Einkommen. Im 18. Jahrhundert war man da sensibler. Johann Gottfried Herder etwa bezog in seine Klimatheorie auch Faktoren wie die Landschaft, die Ernährungsweise, die Art der Arbeit oder den Tagesrhythmus der Menschen ein. Auch diese Lebensumstände prägen die Menschen, und natürlich hat das Folgen für Kultur und Mentalität. Uns ist diese Vorstellung vielleicht auch deshalb fremd geworden, weil wir uns meist in klimatisierten Räumen bewegen.
Ist das in Italien anders?
Im Prinzip nicht, aber mir fällt hier auf, dass, zumindest im ländlichen Süden, ein Wetterphänomen eine große Rolle spielt, das wir im Norden kaum thematisieren: die Winde und ihre unterschiedlichen Charaktere, die nicht nur das Wetter, sondern auch die Stimmung beeinflussen. Die Winde werden hier personifiziert, haben Namen, individuelle Eigenschaften, jeder kennt sie. Es gibt zum Beispiel die scharfe, beißende Tramontana aus dem Norden oder den feuchten, lähmenden Scirocco aus dem Süden, der roten Sand aus der Sahara bringt. Die Himmelsrichtungen werden unmittelbar erfahrbar durch die Winde.
Diese Aufmerksamkeit für die Winde ist Teil der Kultur von Seefahrervölkern. Welche Macht das Klima hat, bemerken wir Mitteleuropäer erst, wenn in Berlin oder Hamburg ein oder zwei Wochen lang Temperaturen von 35 Grad Celsius herrschen. In Italien nimmt die Organisation der Arbeit auf das Klima Rücksicht. Bestimmte Arbeiten kann man in der Mittagshitze nicht verrichten. So entstehen dann die deutschen Vorstellungen von faulen Italienern. Dabei ist die Jahresarbeitszeit in Italien deutlich höher als in Deutschland.
War der mediterrane Süden entgegen der Vermutung, er sei ein Antipode der kapitalistischen Moderne, historisch nicht gerade der Ausgangspunkt der Entwicklung zum modernen Kapitalismus?
Diese Entwicklung begann geografisch in den frühneuzeitlichen Stadtstaaten des nördlichen Italiens, also der Lombardei und der Toskana. Dort entstanden das moderne Bankwesen und die Frühform der modernen bürgerlichen Stadt. Das war nicht der mediterrane Süden, der beginnt geografisch erst südlich von Rom. Dessen historische Blütezeit war 300 Jahre früher, etwa zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert. Süditalien wurde im wirtschaftlichen und kulturellen Austausch mit der islamisch-orientalischen Welt zur Brücken- region, technische Errungenschaften wie der Kompass oder das Papier, Genuss- und Luxusgüter wie Zucker, Kaffee und „Südfrüchte“, aber auch medizinische, philosophische, mathematische Kenntnisse kamen über Süditalien ins nördliche Europa. Das waren Voraussetzungen für den späteren Aufstieg Europas.
Mit dem späten Mittelalter trat dann Süditalien, weitgehend die Mediterranee als Ganzes, in den Schatten der Weltgeschichte. —
Dieter Richter, 79, lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor für Kritische Literaturgeschichte an der Universität Bremen. Er lebt seit Jahrzehnten einen Teil des Jahres in Italien und hat zahlreiche Bücher über die Kulturgeschichte des Landes, insbesondere Neapels und seiner Umgebung, geschrieben. Sein Buch „Der Süden – Geschichte einer Himmelsrichtung“ ist ein Standardwerk. Zuletzt von ihm erschienen sind „Die Insel Capri – Ein Porträt“ und die Taschenbuchausgabe seines Buches „Vesuv – Geschichte eines Berges“ (alle im Wagenbach Verlag). Dieter Richter ist Ehrenbürger der Stadt Amalfi, 2008 wurde ihm der Verdienstorden der Italienischen Republik verliehen.

Was wäre, wenn … wir alle nur noch 20 Stunden arbeiteten? – brand eins online
Text: Christoph Koch (Juli 2018)

• In seinem Essay „Lob des Müßiggangs“ entwarf der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell bereits 1935 eine Welt, in der Menschen nur noch vier Stunden am Tag arbeiten. „Der Weg zu Glück und Wohlfahrt“, so schrieb er, liege „in einer organisierten Arbeitseinschränkung“. Aufgrund der fortschreitenden Technik genüge eine stark verkürzte Arbeitszeit, um jedem ein komfortables Auskommen zu sichern. Die frei werdende Zeit könnten die Menschen hehren Zielen widmen: Forschung, Malerei oder dem Schreiben. „Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung“, so Russell.
Rund 40 Prozent der Berufstätigen wollen weniger arbeiten. Das ergab eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Demnach wünschen sich vor allem Männer, die 40 Stunden und mehr arbeiten, eine Verkürzung – viele von ihnen auch bei geringerem Verdienst. 12 Prozent der Befragten hingegen wollen lieber eine längere Arbeitszeit. Vor allem Frauen, die 20 Stunden oder weniger arbeiten, wollen gern aufstocken.
Eine für alle geltende 20-Stunden-Woche hätte wohl auch positive Auswirkungen auf die Geschlechtergerechtigkeit: Frauen leisten fast doppelt so viel unbezahlte Arbeit im eigenen Haushalt wie Männer. Das ließe sich leichter ändern, wenn die Lohnarbeit zwischen Mann und Frau gerechter verteilt wäre.
Auch die Produktivität könnte steigen: Denn die als Parkinson’sches Gesetz bekannte und meist augenzwinkernd zitierte Regel besagt, dass „jede Arbeit sich genau in dem Maß ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht“. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Harris verbrachte im Jahr 2014 der durchschnittliche US-Angestellte in Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten nur 45 Prozent seiner Arbeitszeit mit seiner eigentlichen Tätigkeit. 55 Prozent der Zeit gingen nach Angaben der Befragten für endlose E-Mail-Ketten und unnötige Meetings drauf.
Dass eine 20-Stunden-Woche effizienter sein könnte, legen auch verschiedene Studien nahe: Wissenschaftler der Florida State University etwa zeigten, dass Spitzensportler und -musiker, Schach- und Schauspieler am besten sind, wenn sie in 90-Minuten-Einheiten mit Pausen dazwischen trainieren – aber insgesamt nicht mehr als viereinhalb Stunden pro Tag. Forscher der Universität Melbourne, die kürzlich die Arbeitsabläufe von 6500 Australiern miteinander verglichen, kamen zu dem Ergebnis, dass Über-40-Jährige ab 25 Wochenstunden an Leistungsfähigkeit einbüßen, da sie dann weniger aufmerksam und kreativ sind. Und ein Vergleich unter OECD-Mitgliedstaaten zeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen kürzeren Arbeitszeiten und höherer Produktivität (gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde) gibt.
Doch zu glauben, jede Arbeit ließe sich genauso gut in weniger Zeit erledigen, ist ebenso unrealistisch wie die Annahme, die 20-Stunden-Woche würde zu doppelt so vielen Beschäftigungsverhältnissen führen. Ökonomen sprechen von der „lump of labour fallacy“, dem Irrglauben einer gegebenen Menge an Arbeit. Denn zum einen ist die Arbeitsmenge nicht konstant. Zum anderen lässt sie sich nicht kostenlos umverteilen. Fixkosten sowie Aufwendungen für Anwerbung und Einarbeitung sorgen dafür, dass zwei Arbeitskräfte, die jeweils 20 Stunden arbeiten, teurer sind als eine, die 40 Stunden arbeitet.
Letztlich kommt es auf die Art der Beschäftigung an: Auf einer Pflegestation beispielsweise, wo eine kontinuierliche Betreuung gewährleistet sein muss, wird für jede Pflegekraft, die nur 20 statt 40 Stunden arbeitet, eine zweite nötig. In Kreativbranchen hingegen, in denen das Ergebnis relevanter ist als die aufgewendete Zeit, ist davon auszugehen, dass zwei 20-Stunden-Stellen dem Unternehmen mehr nutzen als ein 40-Stunden-Posten, selbst wenn die Kosten dafür ein wenig höher liegen.
Außerdem wird die Gesamtmenge an Arbeit in den kommenden Jahren und Jahrzehnten rapide abnehmen. Carsten Brzeski, Chef-Ökonom der Direktbank ING-Diba, schätzt (auf Basis einer Studie des schwedischen Ökonomen Carl Benedikt Frey und des Informatikers Michael Osborne), dass in Deutschland binnen der nächsten zwei Dekaden Maschinen 18,3 von 30,9 Millionen Arbeitsplätzen ersetzen könnten – das sind 59 Prozent. Diese Maschinen zu erfinden, zu konstruieren und zu programmieren wird nicht dieselbe Menge an Arbeit neu schaffen. Nur 5 Prozent aller zwischen 1993 und 2003 neu geschaffenen Stellen entfielen auf Informatik, Software-Entwicklung oder Telekommunikation. Eine flächendeckende Reduzierung der Arbeitszeit könnte ein Weg sein, solch drastischen Veränderungen zu begegnen.
Zum Problem wird jedoch die Entlohnung: Bei einem Experiment in Schweden zeigte sich, dass eine Verkürzung der täglichen Arbeitszeit von acht auf sechs Stunden in einem Seniorenheim zwar zu einer besseren Pflege und weniger Fehlzeiten durch Krankheit führte. Durch den vollen Lohnausgleich stiegen jedoch die Kosten, weshalb der staatliche Träger den Versuch nach zwei Jahren beendete. „In Deutschland ist Arbeitszeitverkürzung in der Vergangenheit immer in Zusammenhang mit Lohnausgleich gedacht worden“, sagt der Volkswirt Niko Paech, der an der Universität Siegen Postwachstumsökonomie, Alternatives Wirtschaften und Nachhaltigkeit lehrt. „Im Fall der schrittweisen Einführung einer 20-Stunden-Woche ist das weder machbar noch nötig. In einer modernen Gesellschaft wäre es möglich, mit 20 Stunden bezahlter Arbeit über die Runden zu kommen – in Verbindung mit ergänzender Selbstversorgung und einem sesshaften Lebensstil.“ Auch der Ökonom Robert Skidelsky und sein Sohn, der Philosophieprofessor Edward Skidelsky, gehen in ihrem Buch „Wie viel ist genug?“ davon aus, dass sich eine Reduzierung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich durch Konsumbeschränkung und Produktivitätssteigerungen dank besserer Technik realisieren lässt.
Eine verringerte Arbeitszeit würde sich auch auf den Verkehr und die Ladenöffnungszeiten auswirken: Da nicht davon auszugehen ist, dass alle Arbeitnehmer ihre 20 Wochenstunden zur gleichen Zeit leisten, dürften sich die Staus zu den klassischen Rushhour-Zeiten deutlich verringern. Einkäufe ließen sich auch tagsüber erledigen, die erweiterten Öffnungszeiten am Abend und an den Wochenenden könnten reduziert werden.
Noch einmal zurück zu Bertrand Russell. Der geht in seinem Essay sogar davon aus, dass eine 20-Stunden-Woche friedensstiftende Wirkung hätte. „Die Lust am Kriegführen wird aussterben“, schrieb er, „(…) weil Krieg für alle lang dauernde, harte Arbeit bedeuten würde.“ —

Was wäre, wenn … wir alle nur noch 20 Stunden arbeiteten?

Was wäre, wenn … wir alle nur noch 20 Stunden arbeiteten? – brand eins online
Text: Christoph Koch 
• In seinem Essay „Lob des Müßiggangs“ entwarf der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell bereits 1935 eine Welt, in der Menschen nur noch vier Stunden am Tag arbeiten. „Der Weg zu Glück und Wohlfahrt“, so schrieb er, liege „in einer organisierten Arbeitseinschränkung“. Aufgrund der fortschreitenden Technik genüge eine stark verkürzte Arbeitszeit, um jedem ein komfortables Auskommen zu sichern. Die frei werdende Zeit könnten die Menschen hehren Zielen widmen: Forschung, Malerei oder dem Schreiben. „Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung“, so Russell.
Rund 40 Prozent der Berufstätigen wollen weniger arbeiten. Das ergab eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Demnach wünschen sich vor allem Männer, die 40 Stunden und mehr arbeiten, eine Verkürzung – viele von ihnen auch bei geringerem Verdienst. 12 Prozent der Befragten hingegen wollen lieber eine längere Arbeitszeit. Vor allem Frauen, die 20 Stunden oder weniger arbeiten, wollen gern aufstocken.
Eine für alle geltende 20-Stunden-Woche hätte wohl auch positive Auswirkungen auf die Geschlechtergerechtigkeit: Frauen leisten fast doppelt so viel unbezahlte Arbeit im eigenen Haushalt wie Männer. Das ließe sich leichter ändern, wenn die Lohnarbeit zwischen Mann und Frau gerechter verteilt wäre.
Auch die Produktivität könnte steigen: Denn die als Parkinson’sches Gesetz bekannte und meist augenzwinkernd zitierte Regel besagt, dass „jede Arbeit sich genau in dem Maß ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht“. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Harris verbrachte im Jahr 2014 der durchschnittliche US-Angestellte in Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten nur 45 Prozent seiner Arbeitszeit mit seiner eigentlichen Tätigkeit. 55 Prozent der Zeit gingen nach Angaben der Befragten für endlose E-Mail-Ketten und unnötige Meetings drauf.
Dass eine 20-Stunden-Woche effizienter sein könnte, legen auch verschiedene Studien nahe: Wissenschaftler der Florida State University etwa zeigten, dass Spitzensportler und -musiker, Schach- und Schauspieler am besten sind, wenn sie in 90-Minuten-Einheiten mit Pausen dazwischen trainieren – aber insgesamt nicht mehr als viereinhalb Stunden pro Tag. Forscher der Universität Melbourne, die kürzlich die Arbeitsabläufe von 6500 Australiern miteinander verglichen, kamen zu dem Ergebnis, dass Über-40-Jährige ab 25 Wochenstunden an Leistungsfähigkeit einbüßen, da sie dann weniger aufmerksam und kreativ sind. Und ein Vergleich unter OECD-Mitgliedstaaten zeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen kürzeren Arbeitszeiten und höherer Produktivität (gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde) gibt.
Doch zu glauben, jede Arbeit ließe sich genauso gut in weniger Zeit erledigen, ist ebenso unrealistisch wie die Annahme, die 20-Stunden-Woche würde zu doppelt so vielen Beschäftigungsverhältnissen führen. Ökonomen sprechen von der „lump of labour fallacy“, dem Irrglauben einer gegebenen Menge an Arbeit. Denn zum einen ist die Arbeitsmenge nicht konstant. Zum anderen lässt sie sich nicht kostenlos umverteilen. Fixkosten sowie Aufwendungen für Anwerbung und Einarbeitung sorgen dafür, dass zwei Arbeitskräfte, die jeweils 20 Stunden arbeiten, teurer sind als eine, die 40 Stunden arbeitet.
Letztlich kommt es auf die Art der Beschäftigung an: Auf einer Pflegestation beispielsweise, wo eine kontinuierliche Betreuung gewährleistet sein muss, wird für jede Pflegekraft, die nur 20 statt 40 Stunden arbeitet, eine zweite nötig. In Kreativbranchen hingegen, in denen das Ergebnis relevanter ist als die aufgewendete Zeit, ist davon auszugehen, dass zwei 20-Stunden-Stellen dem Unternehmen mehr nutzen als ein 40-Stunden-Posten, selbst wenn die Kosten dafür ein wenig höher liegen.
Außerdem wird die Gesamtmenge an Arbeit in den kommenden Jahren und Jahrzehnten rapide abnehmen. Carsten Brzeski, Chef-Ökonom der Direktbank ING-Diba, schätzt (auf Basis einer Studie des schwedischen Ökonomen Carl Benedikt Frey und des Informatikers Michael Osborne), dass in Deutschland binnen der nächsten zwei Dekaden Maschinen 18,3 von 30,9 Millionen Arbeitsplätzen ersetzen könnten – das sind 59 Prozent. Diese Maschinen zu erfinden, zu konstruieren und zu programmieren wird nicht dieselbe Menge an Arbeit neu schaffen. Nur 5 Prozent aller zwischen 1993 und 2003 neu geschaffenen Stellen entfielen auf Informatik, Software-Entwicklung oder Telekommunikation. Eine flächendeckende Reduzierung der Arbeitszeit könnte ein Weg sein, solch drastischen Veränderungen zu begegnen.
Zum Problem wird jedoch die Entlohnung: Bei einem Experiment in Schweden zeigte sich, dass eine Verkürzung der täglichen Arbeitszeit von acht auf sechs Stunden in einem Seniorenheim zwar zu einer besseren Pflege und weniger Fehlzeiten durch Krankheit führte. Durch den vollen Lohnausgleich stiegen jedoch die Kosten, weshalb der staatliche Träger den Versuch nach zwei Jahren beendete. „In Deutschland ist Arbeitszeitverkürzung in der Vergangenheit immer in Zusammenhang mit Lohnausgleich gedacht worden“, sagt der Volkswirt Niko Paech, der an der Universität Siegen Postwachstumsökonomie, Alternatives Wirtschaften und Nachhaltigkeit lehrt. „Im Fall der schrittweisen Einführung einer 20-Stunden-Woche ist das weder machbar noch nötig. In einer modernen Gesellschaft wäre es möglich, mit 20 Stunden bezahlter Arbeit über die Runden zu kommen – in Verbindung mit ergänzender Selbstversorgung und einem sesshaften Lebensstil.“ Auch der Ökonom Robert Skidelsky und sein Sohn, der Philosophieprofessor Edward Skidelsky, gehen in ihrem Buch „Wie viel ist genug?“ davon aus, dass sich eine Reduzierung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich durch Konsumbeschränkung und Produktivitätssteigerungen dank besserer Technik realisieren lässt.
Eine verringerte Arbeitszeit würde sich auch auf den Verkehr und die Ladenöffnungszeiten auswirken: Da nicht davon auszugehen ist, dass alle Arbeitnehmer ihre 20 Wochenstunden zur gleichen Zeit leisten, dürften sich die Staus zu den klassischen Rushhour-Zeiten deutlich verringern. Einkäufe ließen sich auch tagsüber erledigen, die erweiterten Öffnungszeiten am Abend und an den Wochenenden könnten reduziert werden.
Noch einmal zurück zu Bertrand Russell. Der geht in seinem Essay sogar davon aus, dass eine 20-Stunden-Woche friedensstiftende Wirkung hätte. „Die Lust am Kriegführen wird aussterben“, schrieb er, „(…) weil Krieg für alle lang dauernde, harte Arbeit bedeuten würde.“ —

Aperol

Aperol ist eine Marke der Campari-Gruppe für einen italienischen Likör. Wegen seines fruchtig-bitteren Geschmacks wird er meist als Aperitif oder in Cocktails verwendet. Er ist ein Destillat aus Rhabarber, Chinarinde, Gelbem Enzian, Bitterorange und aromatischen Kräutern mit orange-roter Färbung und bittersüßem Aroma. Aperol hat in Italien einen Alkoholgehalt von 11 % Vol., in Deutschland seit Anfang 2006 15 % Vol. Das Unternehmen begründet den um vier Prozentpunkte höheren Alkoholgehalt in Deutschland mit der hier geltenden Pfandverordnung, der zufolge Getränke ab 15 % Vol. als pfandfreie Spirituosen gelten.

Aperol und zielgruppenorientiertes Marketing
2004 kam die Marke Aperol ins deutsche Portfolio von Campari, nachdem die „Barbero 1891 S.p.A.“ Ende 2003 übernommen worden war. In Italien, wo der Aperitivo schon lange zelebiert wird, lief die Marke gut, im Deutschland und Österreich führte sie eher ein Schattendasein.
Grund genug also, um eine breit angelegte Werbekampagne für Aperol zu starten.
2007 lief die erste größere Kampagne an, wobei als Zielgruppe ganz klar der urbane, junge Mensch (m/w) zwischen 20 und 35 Jahren angesprochen werden sollte.
Die potentiellen Aperol-Trinker haben ein mittleres bis gutes Einkommen und eine gute Ausbildung und sind im sozialen Leben einer Stadt verhaftet. Demzufolge wurden die Werbemaßnahmen mit Auftritten in Beach-Clubs, Szenelokalen und Trendsportveranstaltungen gesetzt.
Immer im Mittelpunkt ein Gefühl der entspannten Atmosphäre und des sozialen Austausches. Nach ersten Erfolgen wurden dieser Werbestrategie noch Einschaltungen im Fernsehen, Facebook-Aktivitäten und einiges mehr hinzugefügt.
Mit Erfolg: Im Jahr 2008 legten die Verkaufszahlen von Aperol um 71% zu.

Gedanken zur Mittelmeer-Debatte

Die Rechten machen einen Feldversuch: Gedanken zur Mittelmeer-Debatte
Florian Klenk
Was für ein Foto. Wer hätte gedacht, dass das möglich ist. Der deutsche Bundesinnenminister Horst Seehhofer (CSU) hält beim informellen EU-Innenminister-Treffen in Innsbruck Händchen mit dem italienischen Rechtsextremisten Matteo Salvini (Lega) und mit unserem Gaulreiter Herbert Kickl. Der Bayer, der zu seinem 69. Geburtstag stolz betonte, es seien nun 69 Afghanen abgeschoben worden -einer erhängte sich am Tag danach in Kabul -, schmiegt sich nun an jene grinsenden Radikalinskis, die sein Bundesverfassungsschutz vor ein paar Jahren noch als bedenklich „veraktet“ hätte.
Aber so ist nun einmal die Demokratie: Kickl, der bei Bierzeltpredigten schon einmal stolz betonte, dass wenigstens in diesem Bierzelt kein Flüchtling Unterschlupf finden werde, hat nun die Macht. Die ÖVP hat ihn ins Amt befördert, nur die Verfassung zähmt seine Träume.
Italiens Salvini wiederum verkündete vor laufender Kamera, er werde die Straßen von Illegalen säubern, „Haus um Haus“,“Straße um Straße“, und das Pack in Lkw verladen und in den Wald hinausführen. Ein Schiff mit notleidenden Flüchtlingen lässt er nicht anlegen, Malta sprang ein.
Diese Allianz der Böswilligen dirigiert nun die Polizeiministerien, sie kennen bald keinen Verhältnismäßigkeitsgrundsatz mehr, es gibt nur, wie beim Militär, den Feind von außen, sie höhnen, reimen und scherzen. Die Immigration sei „Europas Schicksalsfrage“, trommelt Kickl. „Die Grenze zwischen Härtezeigen und Zynismus“, so bemerkt ein deutscher grüner Abgeordneter, sei bei Seehofer nicht mehr „fließend, sie ist einfach weg“.
So geben sie den Takt vor und den Ton an. Schleichend vergiften sie die öffentliche Rede, vergiften die Debatten und machen aus Menschen, die Schutz oder einfach nur ein besseres Leben suchen, eine anonyme schwarze Masse, eine Welle, die unaufhaltsam auf uns zurollt. Dass die EU-Justizminister zeitgleich tagten und eine Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit in Polen beklagten, ging dabei unter.
Wir müssen die Genfer Asylkonvention aufheben, forderte Kickl, die Europäische Menschenrechtskonvention neu denken. „Keine Asylanträge mehr entgegennehmen!“, sekundiert sein Kanzler Sebastian Kurz mit ernster Miene, seine Oma ist selbst einst zu uns geflüchtet.
Es sind die Thesen Thilo Sarazzins, die er hier in Gesetze gießen will. Warum? Weil es Stimmen bringt. Sogar in der ehrwürdigen Zeit stellt man in einem „Pro und Contra“ die zynische Frage, ob es legitim sei, dass ein „illegaler Shuttle-Service“ in Seenot befindliche Menschen rette, „oder soll man es lassen“?
Man muss es neidlos anerkennen: Die Rechten haben die Diskurshoheit. Sie schaffen es, die natürliche Scheu der Menschen vor dem Fremden in Hass umzuwandeln. Sie entindividualisieren die Flüchtlingsdebatte. Sie wissen, dass einzelne Schicksale den Menschen berühren (man denke nur an die Buben in der thailändischen Höhle). Und daher müssen sie aus den Afrikanern Erd-und Höhlenmenschen machen, wie sie der freiheitliche Abgeordnete Christian Höbarth einmal nannte. Die unaufhaltsam zu uns kommen und unsere Frauen und Kinder schänden und uns dann auch noch mit ihrem Islam unterwerfen. Also: Förderungen für Kindergärten nur noch bei gleichzeitigem Kopftuchverbot! Das ist keine Übertreibung, sondern eine Forderung des österreichischen Vizekanzlers.
Und manche glauben das dann auch, weil ihnen der Algorithmus nur noch blaue Pamphlete und Bilder in die Echokammern spült. Weil sie keine journalistisch aufbereiteten Nachrichten mehr anklicken, sondern Facebook-Posts mit dem angeblich betrunkenen EU-Kommissionspräsidenten, der in Wahrheit nach einem Unfall verletzt ist. Und wenn es diese hässlichen Bilder nicht mehr gibt, weil in Wahrheit eh fast niemand mehr an unsere Grenze kommt, dann inszenieren wir halt Bilder, wie neulich geschehen in Spielfeld. Dann tragen Polizeischüler Hoody und Islamistenbart und schwingen bedrohlich die Faust, Herbert Kickl hat im Polizeihubschrauber den Überblick .
Man muss das Banale wieder aussprechen. Das ist nicht mehr vernunftgetriebene, aufgeklärte, europäische Politik, das ist nicht mehr Regierungsverantwortung, das ist ein Feldversuch, wie man eine ganze Gesellschaft manipulieren kann. Nur noch Orbán beherrscht diese präfaschistoide Sprache besser (siehe Seite 10).
Nein, ist nicht nur „legitim“, es ist „geboten“, ertrinkenden Auswanderern zu helfen. Egal, wer sie in die missliche Lage brachte. Wir haben die strafrechtliche, ethische und – wer es mag -auch christlich-abendländische Pflicht, Menschen zu helfen. Und bleiben wir nüchtern: Wovon sprechen wir denn überhaupt, wenn wir vom Mittelmeer reden? Das UNHCR hat mitgezählt: 45.700 Asylsuchende und Migranten haben in den ersten sechs Monaten dieses Jahres die europäische Küste über das Mittelmeer erreicht. 45.700. Das ist in etwa die Bevölkerung Wiener Neustadts, einer Kleinstadt. Aber immerhin: 1000 Menschen sind heuer schon im Mittelmeer ertrunken, so viel wie 2017. Zur Relation: Zwischen 2001 und 2014 starben 420 Menschen in Westeuropa durch Anschläge von Terroristen.
Die Rechten sagen: Die NGOs sind daran schuld, denn sie ziehen die Flüchtlinge vor Libyens Küste aus dem Wasser und liefern sie in Italien ab. Das erzeuge, zynische Formulierung, einen „Pull-Effekt“, ermutige die Schlepper und verleite deren Kunden zu riskanten Bootsfahrten.
Aber stimmt das denn überhaupt? Gibt es wirklich einen Zusammenhang zwischen der (privaten) Hilfe und der wachsenden Zahl von Flüchtlingen im Mittelmeer? Man darf Zweifel anmelden, wenn man die Studie von Elias Steinhilper und Rob Gruijters liest. Die zwei forschen immerhin an der Universität Oxford. Sie verglichen die Todesraten und Fluchtzahlen und kamen zum Ergebnis, dass es in Zeiten mit verstärkten Rettungsaktionen keineswegs zu vermehrter Flucht kommt, sondern nur zu weniger Toten. Was also müsste geschehen?
Das UNHCR hat in ruhigem Ton aufgeschrieben, was die Innenminister nicht über die Lippen bringen. Erstens: Alle Leute müssen gerettet werden. Zweitens: Sie müssen sofort in einen sicheren Hafen gelangen. Der liegt zurzeit nur in Europa. Dort müssen europäische Behörden differenzieren: Wer ist Flüchtling? Der erhält ein Verfahren. Wer ist besonders schutzbedürftig (Alte, Kranke, Kinder, Traumatisierte)? Der darf sofort bleiben, am besten bei Familienangehörigen. Und wer muss zurück, vielleicht sogar ausgestattet mit einer üppigen Rückkehrprämie, die ihn zu Hause nicht das Gesicht verlieren lässt? Den darf man in menschenwürdigen Lagern festhalten, aber nur für kurze Zeit.
All das kann die EU leisten. Und zwar in Europa und nicht outgesourct in Nordafrika, wo es keine Öffentlichkeit mehr gibt. Man müsste sich eine Frist für jeden Fall setzen, nach dessen Ablauf Migranten ein Bleiberecht haben, damit sie hier das tun können, wofür sie ihr Leben riskierten: arbeiten. Darüber soll man diskutieren. Aber nicht darüber, ob man den Rechtsextremismus bekämpft, indem man eine „Festung Europa“ errichtet, wie Eric Frey kürzlich im Standard argumentierte.
Nein, das führt zu nichts, wie Ungarn zeigt. Nur 267 Menschen hat dieses Land in den ersten vier Monaten dieses Jahres Asyl zuerkannt. Orbán hat trotzdem die Zweidrittelmehrheit. Den Rechtspopulismus zähmt nur, wer eigene Themen „framt“. Die Rechtsextremen üben gerade, wie weit sie gehen können. Dabei darf man nicht mitgehen, sondern muss neue Wege finden.

Christine Nöstlinger

Christine Nöstlinger – eine meiner ersten Heldinnen
Die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist tot. Die gebürtige Wienerin starb im Alter von 81 Jahren, wie ihre Familie heute nach dem Begräbnis der Autorin mitteilte. Im Laufe ihrer Karriere schrieb Nöstlinger über 150 Bücher. Ihr Werk wurde in 30 Sprachen übersetzt, sie selbst mehrfach ausgezeichnet. Mit ihren unangepassten, vom antiautoritären Erziehungsstil geprägten Büchern beeinflusste sie Generationen von Kindern und Jugendlichen.

Der Untergang

Abschiedskolumne: Wolfgang Luef im sz magazin
Ich stelle mir vor, ich wohne in einem Mietshaus mit vielen Wohnungen und einem gemeinsamen Garten. An der Grenze unseres Grundstücks verläuft eine Straße, und aus irgendeinem Grund verunglücken dort täglich mehrere Fahrradfahrer schwer. Keiner von uns Mietern kann etwas dafür, dass diese Menschen dort verunglücken, keiner hat sie gebeten, hier vorbeizufahren. Vielleicht sind wir sogar ausdrücklich dagegen, dass hier überhaupt jemand langfährt. Aber wäre es vorstellbar, die Nachbarn dafür zu kritisieren, dass sie in dieser Situation den Notarzt rufen? Wäre es vorstellbar, den Notarzt zu verklagen und einzusperren, weil er den verunglückten Radfahrern hilft? Wäre es vorstellbar, oben am Fenster zu stehen und zu argumentieren: Erst wenn es da unten genügend Tote gegeben hat, werden andere lernen, dass man hier nicht langfährt? Sicher nicht in einem Haus, in dem ich noch wohnen möchte.
Doch genau das passiert gerade in Europa. Plötzlich gibt es im öffentlichen Diskurs zwei unterschiedliche Meinungen darüber, ob man Menschen in Lebensgefahr helfen soll, oder ob man sie lieber sterben lassen soll. »Je mehr man rettet, desto mehr kommen doch«, das sagt man plötzlich laut und ungeniert. Der Satz hat sich von den hasserfüllten Kommentarspalten auf Facebook in die angsterfüllte Mitte der Gesellschaft geschlichen. Er wird heute in Büros ausgesprochen, auf Gartenpartys und in Parlamenten.
Derweil steht der Kapitän des Rettungsbootes »Lifeline« in Malta vor Gericht, andere Rettungsboote werden am Auslaufen gehindert. Die AfD präsentiert stolz eigene Strafanzeigen gegen weitere Helfer, etwa von »Ärzte ohne Grenzen« oder »Save the Children«. Italiens Innenminister nennt die Retter »Vizeschlepper« und schließt die Häfen für sie. Europas Populisten applaudieren dazu, und in der CSU, immerhin eine deutsche Regierungspartei, verunglimpft man diejenigen, die es lebend übers Mittelmeer und bis nach Deutschland geschafft haben, als Touristen. Seit Anfang des Jahres sind 1400 Menschen an den Grenzen der Europäischen Union gestorben, und die reichste Staatengemeinschaft der Welt und Trägerin des Friedensnobelpreises lässt kein echtes politisches Interesse daran erkennen, das Problem gemeinsam anzugehen. Der Grund dafür: Niemand hätte dabei etwas zu gewinnen, außer den ertrinkenden Menschen.
Das ist der Anfang vom Ende der europäischen Idee. Wir können uns nicht auf Menschenrechte, Aufklärung und Humanismus berufen und gleichzeitig die Rettung Ertrinkender kriminalisieren. Der kleine Stolz, den man noch vor Kurzem empfinden konnte, ein Europäer zu sein, er ist zusammen mit Tausenden Männern, Frauen und Kindern im Mittelmeer ertrunken. Während wir alle im Fernsehen, auf Twitter und Facebook nahezu live dabei zusehen können.
Es geht nicht um unterschiedliche Auffassungen, wie man mit Migranten- und Flüchtlingsbewegungen umgehen soll. Es geht nicht darum, dass man »nicht alle aufnehmen« kann. Es geht schlicht um ein Mindestmaß an Zivilisiertheit: Wer gerade dabei ist, zu ertrinken, der ist weder Flüchtling noch Migrant, der ist weder Afrikaner noch Europäer, weder Muslim noch Christ, der ist ein Mensch, der gerade dabei ist, zu ertrinken, und man muss alles unternehmen, um ihn zu retten.
Danach kann selbstverständlich jeder streng kontrollierte Grenzen fordern, die Einhaltung des Dublin-Verfahrens, Hilfe vor Ort statt »bei uns«, alles gut und richtig. Man kann sogar der Meinung sein, Flüchtlinge sollten, wenn sie es bis hierher schaffen, möglichst nicht am öffentlichen Leben teilnehmen dürfen, damit sie sich bloß nicht integrieren und schnellstmöglich zurückgeschickt werden können, wenn Gerichte das so entscheiden. Menschen aber sehenden Auges ertrinken zu lassen, als abschreckendes Beispiel für andere, das ist keine Meinung. Es ist der erste Schritt in die Barbarei. Prozesse gegen diejenigen zu führen, die tausende Menschen vor dem Tod gerettet haben, ist der zweite Schritt dorthin. Den dritten möchte ich mir lieber nicht vorstellen.

Was wäre, wenn … alle Grenzen offen wären?

brand eins online, Christoph Koch 
Seit September 2015 dominiert die Flüchtlingsdebatte die deutsche Politik. Kaum eine Wahlkampfrede, kaum eine Talkshow, die nicht irgendwann bei den immergleichen Fragen landet: Wie viele sollen kommen dürfen? Wie viele Zuwanderer verkraftet die Gesellschaft? Wann muss Schluss sein? Wie sichert die Europäische Union ihre Außengrenzen? Wenn so lange in eine Richtung gedacht wurde, sollte man die Frage vielleicht einmal umdrehen: Was wäre, wenn alle Menschen kommen könnten, die wollen? Wenn alle Grenzen offen wären?
Die erstaunlichste Folge wäre ein deutlich höherer Wohlstand für alle. Wirtschaftsforscher ermittelten in vier unterschiedlichen Studien, dass sich das weltweite Bruttoinlandsprodukt um einen Wert zwischen 67 und 147 Prozent erhöhen würde. Der Grund: Eine Arbeitskraft, die von einem armen Land in ein wohlhabendes zieht, entfaltet – unter anderem durch einen effizienteren Arbeitsmarkt sowie bessere Arbeitsbedingungen und Hilfsmittel – eine erheblich höhere Produktivität.
„Das führt sowohl in den Sender- als auch den Empfängerländern zu mehr Wohlstand“, sagt Klaus F. Zimmermann, emeritierter Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität Bonn. „Denn nicht nur transferieren Migranten Geld und Wissen in ihre alte Heimat – sehr viele kehren nach einer Weile auch wieder dorthin zurück.“
Je offener die Grenzen, desto häufiger sieht man diese „zirkuläre Migration“. Als die Grenze zwischen den USA und Mexiko in den Sechzigerjahren noch weniger streng geschützt wurde, kamen zwar 70 Millionen Mexikaner in die USA – 85 Prozent von ihnen kehrten aber wieder nach Mexiko zurück. Je schwieriger die Einreise, umso größer der Anreiz zu bleiben, wenn man es erst einmal geschafft hat.
Generell wird überschätzt, wie viele Menschen sich tatsächlich auf den Weg machen würden: Als die USA 1986 ihre Grenzen zu den Föderierten Staaten von Mikronesien öffneten, sagten viele Beobachter einen Massenexodus aus dem verarmten Inselstaat voraus. In den 14 Jahren bis zur Jahrtausendwende siedelten jedoch gerade mal sechs Prozent in die USA über, bis heute haben zwei Drittel der Mikronesier nicht von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, ohne Visum in die USA zu reisen – obwohl das Durchschnittseinkommen dort 20-mal so hoch ist. Innerhalb der EU kann man Ähnliches beobachten: „Das Wetter in Frankfurt ist furchtbar, und kaum jemand spricht Griechisch“ – so lakonisch erklärt der »Economist« die Tatsache, dass zwischen 2010 und 2017 trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage nur 150 000 von elf Millionen Griechen nach Deutschland kamen.
Das Marktforschungsinstitut Gallup fragt regelmäßig weltweit, ob und wohin die Menschen auswandern würden, wenn sie könnten. Aktuell gaben dabei 14 Prozent an, gern dauerhaft in einem anderen Land leben zu wollen. Das entspricht ungefähr 710 Millionen Migrationswilligen, der Anteil war mit 17 Prozent vor rund 10 Jahren schon einmal höher. Sierra Leone (62 Prozent), Haiti und Albanien (jeweils 56 Prozent) sind die Länder, aus denen die meisten Befragten wegwollen. Rund ein Fünftel der Migrationswilligen möchte in die USA. Deutschland (6 Prozent) und Kanada (5 Prozent) folgen mit großem Abstand. Wie viele Menschen diese Absicht tatsächlich umsetzen würden, lässt sich schwer sagen. 97 Prozent der Weltbevölkerung leben in dem Land, in dem sie geboren wurden – eine Zahl, die seit mehr als 100 Jahren konstant ist.
Wie wirken sich offene Grenzen auf den Arbeitsmarkt aus? Der Ökonom Michael A. Clemens, der in Washington D.C. am Center for Global Development die Abteilung für Migration und Entwicklung leitet, hat errechnet, dass beispielsweise in der US-Landwirtschaft im Durchschnitt drei Saisonarbeitskräfte aus Mexiko einen amerikanischen Arbeitsplatz schaffen – sei es direkt als Vorarbeiter oder indirekt durch ihren eigenen Konsum. „Der Arbeitsmarkt ist nichts Statisches, keine Fußballmannschaft mit nur elf Positionen“, sagt auch Klaus F. Zimmermann. „Viele Zuwanderer schaffen sich ihre eigenen Stellen oder bringen durch Unternehmensgründungen sogar Jobs für andere hervor.“
Auch die Angst vor sinkenden Löhnen ist unbegründet: Selbst die migrationskritische US-Denkfabrik Center for Immigration Studies fand keinen Beleg dafür, dass eine zunehmende Zahl von Migranten das Lohnniveau beeinflusst. Andere Studien kommen sogar zu dem Ergebnis, dass Einwanderer – im Gegensatz zum Outsourcing von Arbeit ins Ausland – die Löhne leicht positiv beeinflussen. „Wenn auf einen Schlag sehr viele Menschen in eine bestimmte Region einwandern, kann die Gruppe, die sich in direkter Arbeitsmarktkonkurrenz befindet, zeitweilig unter Druck geraten“, sagt Zimmermann. „Aber häufig steigen die Einheimischen dann die Leiter nach oben und nehmen besser qualifizierte und besser bezahlte Jobs an.“
Was offene Grenzen für die öffentliche Sicherheit bedeuten, ist schwierig vorherzusagen: In den USA begehen Migranten weniger Verbrechen und landen fünfmal seltener im Gefängnis als US-Amerikaner. Selbst als die Zahl der Einwanderer ohne Papiere sich zwischen den Jahren 1990 und 2013 auf mehr als elf Millionen verdreifachte, sank die Kriminalität. In Deutschland hat die Kriminalstatistik gezeigt, dass gegen noch nicht anerkannte Flüchtlinge häufiger Strafanzeige erstattet wird als gegen die Durchschnittsbevölkerung. Allerdings werden junge Männer generell häufiger straffällig als der Rest der Bevölkerung – und je schwieriger die Einreise, umso höher der Anteil junger Männer an den Migranten. Bei offenen Grenzen würden sich mehr Frauen, denen Gutachten eine „gewaltpräventive, zivilisierende Wirkung“ zuschreiben, auf den Weg machen.
Am Ende könnten offene Grenzen aber sogar ein Rezept gegen die globale Überbevölkerung sein: Statistiken zeigen, dass sich die Geburtenrate von Einwanderern sehr schnell auf das Niveau ihres neuen Heimatlandes einpendelt. Bekamen die türkischstämmigen Bewohner Duisburgs in den Achtzigerjahren noch mehr Kinder als die alteingesessene Durchschnittsfamilie, so ist die Geburtenrate zur Jahrtausendwende stark abgefallen und liegt inzwischen sogar unter der deutschen. —


Fiat 500 Anniversario

Luca Napolitano presents the 60th birthday tributes to the Fiat 500
Per festeggiare il sessantesimo compleanno della Fiat 500, il marchio del Lingotto ha creato la nuova versione Anniversario della compatta. La Anniversario sarà disponibile sia in versione cabrio, sia con tetto fisso e si diversificherà dalla 60th Anniversary presentata al Salone di Ginevra per via di diversi particolari, a cominciare dalle colorazioni. La Fiat 500 Anniversario propone due nuovi colori esclusivi, l’Arancio Sicilia e il Verde Riviera che si abbinano a cerchi in lega da 16 pollici con desigi vintage. Non manca una caratterizzazione degli interni con finiture esclusive, così come la possibilità di avere il massimo della tecnologia con l’impianto di infotainment Uconnect da 7 pollici.

 

Radio Gioconda

Radio Gioconda é l’espressione di quello che é il gusto Italiano. La programmazione é basata esclusivamente sul migliore repertorio musicale, principalmente musica italiana. Notiziari nazionali, edizioni locali ed approfondimenti sugli spettacoli in FVG con la trasmissione ItineRadio forniscono l’indispensabile informazione, stringata e tempestiva con la voce di Linda Fiore. Ogni sera e mattina oroscopo con Joss, meteo, speciali in occasioni di festival eventi sagre manifestazioni in piazza, in occasione di settembredoc, friulidoc, basket summer league, gli approfondimenti sul calcio dilettanti e serie D di Franco Poiana con Friuli in Gol.
il y a loin de la coupe aux lèvres = tra il dire e il fare c’è di mezzo il mare.

Plan it in, do it anyway.

As we think about time, it’s important to remember that the „self“ is really three selves: the anticipating self (who looks forward to things on the calendar), the experiencing self (who is here in the present), and the remembering self (who thinks back on the past). Philosopher Robert Grudin once wrote that we „pamper the present like a spoiled child,“ and I think there’s something to this. The anticipating self thought it would be fun to go to the art museum on Friday night, when there’s live music and a bar, and the remembering self will look back fondly on the experience, but the experiencing self just got home from work. She is the one who has to brave the rain and the Friday night traffic. So she throws a tantrum, and we wind up indulging her whim to spend hours scrolling through Facebook posts from people we didn’t like in high school anyway.
The way to combat her tyrannies? Plan it in, do it anyway. The experiencing self is trying to deliver a monologue in what should be a three-actor play. In most cases, if your anticipating self wanted to do it, you’ll be happy you went, and probably the experiencing self will enjoy it too once she gets over the initial resistance. We draw energy from meaningful things. (Laura Vanderkam)

check /ingl. tʃɛk/

[vc. ingl., dal fr. ant. eschec; ha avuto dapprima il sign., di ‘scacco’ e poi quello di ‘verifica’ ☼ 1966]
s. m. inv.
1 controllo, verifica: un rapido check del sistema di allarme | check-in, operazione preliminare dei viaggi aerei, che si svolge a terra e consiste nel controllo del biglietto e nel ritiro del bagaglio dei passeggeri; (est.) procedura di registrazione degli ospiti di un albergo e sim. | check panel, pannello di controllo | check-point, posto di blocco (V. blocco (2)) | check-up, serie di analisi ed esami clinici miranti a dare un quadro completo delle condizioni di salute di una persona (spec. a scopo preventivo); (est.) revisione generale cui vengono periodicamente sottoposti apparecchi, meccanismi, impianti e sim.; (fig.) controllo sistematico: avviare un check-up della rete idrica
2 (inform.) segno di spunta (<4) con cui in un’interfaccia grafica si marca la scelta di un’opzione CFR. flag | (org. az.) check list, in attività complesse, elenco ragionato di compiti da svolgere o controlli da effettuare nell’ordine stabilito