André Hellers „Spätes Leuchten“: Ein fliegender Klangteppich

Nach 35 Jahren musikalischer Pause überrascht André Heller mit neuen Liedern. Gregor Auenhammer begab sich auf eine Pilgerfahrt zu ihm nach Marrakesch

„Im Leben geht’s darum, dass man aus dem Entwurf eines Menschen durch beharrliches, sich treu bleibendes Arbeiten einen möglichst gelungenen Menschen macht.“

„Die permanente Verwandlung“ sei ihm die liebste seiner vielen Künste, sagt der manische Verwirklicher während eines Spaziergangs durch seinen Garten in Marrakesch. „Dass ich heute bewusst jemand anderer bin als gestern, weil ich aufmerksam etwas dazugelernt habe. Wenn mir jemand sagt, bleiben Sie bitte, wie Sie sind, antworte ich: Das ist kein guter Wunsch! Stillstand in der Entwicklung bedeutet ja, dass man seine Lebenszeit veruntreut.“

Unter dem Aspekt, Klischees des Seins und der Ästhetik stets neu auszuloten, erscheint André Hellers Entscheidung, in welcher Form er Erfahrenes und Erlebtes künstlerisch umsetzen möchte, in neuem Licht. Die unendlich vielen Drehungen eines Kaleidoskops will Heller erleben und mit unendlich vielen Bildern in die Welt hinein und hinaus schauen. Seiner Intuition und Inspiration folgend entstand Spätes Leuchten eben nicht als Erzählung, Roman, Aquarell oder Skulptur, sondern als Komposition feierlich arrangierten Sprechgesangs.

In den Klangbildern des neuen Albums tanzen Derwische, drehen Engel Pirouetten, exaltiert, exzessiv, entrückt, werfen irrlichternd Schattenrisse auf nächtliche Mauern. Schalmeien erklingen, brechen den Rhythmus von Trommeln, schmieden Allianzen mit Streichern, fügen sich in Klezmersounds à la Giora Feidman, in Walzerklänge eines Joseph Lanner und Blues à la Tom Waits.

Man hört Menschen ausgelassen lachen, tanzen, singen, musizieren. Piano und fortissimo. Aus dem Off klingenSchritte und Hufe von Pferden auf Pflastersteinen – atmosphärisch aufgenommen auf dem Djemaa el Fna in Marrakesch, dem Wiener Heldenplatz und der Piazza San Marco. Dämonen erwachen und verschwinden auf magische Weise.

Ein maghrebinisches Wiegenlied mündet in eine alte sephardische Melodie. Echte Weana Bazi und der Quiqui, der Wiener Tod, treffen auf gefallene Engel und einen als Elvis getarnten Satan. André Hellers Klangwelten sind maßstabsgetreue, fein ziselierte Abbildungen seiner Gedankenwelten selbst, sind die assoziative Fusion sorgsam ausgewählter Exponate der musikalischen Menschheitsgeschichte, gepaart mit den Klängen der Natur.

Da hört man den Wind zwischen Blättern, die Sonne auf Palmwedeln, die Erde zwischen wachsendem Getreide, exotisch singende Vögel, zischende Nattern, klappernde Schlangen der Versuchung und der Erkenntnis.

Heller, emeritierter Popzar, über die Jahrzehnte bekannt als Ermöglicher und Schöpfer von zirzensischen Abenteuern, Impresario erstaunender Varietés, Kurator von Shows und an das Paradies gemahnenden Zaubergärten, schichtet in seinem neuen Opus Wortkaskaden und Klangbilder wie Reisig zu Ballen und entzündet ein grandioses Feuerwerk an Ideen.

Begleitet von virtuosen Musikern wie „Glücksfall“ Robert Rotifer (der auch als Produzent fungierte), Voodoo Jürgens, Ina Regen, dem Nino aus Wien, der ja schon länger als Hellers legitimer Nachfolger gehandelt wird, Florian Sitzmann, Marwan Abado, Eloui, Martin Klein, Soundbastler Andy Lewis, Master Mike Thorne und anderen, stellte Heller, nach diversen Umwegen, vagen Aufschüben und langen Pausen, währenddessen ihm andere Projekte dringlicher waren, ein 16 Lieder umfassendes Album fertig.

Bewusst wechselt die Gesamtkomposition der Texte und Arrangements zwischen Virtuosität und Trivialität. Der Liedermacher bleibt sich als Sprachkünstler und Jongleur der Worte treu.

Wechselhaft flirrend und fiebrig, sanft und episch sind André Hellers neue Lieder. Schubertesk klingen manche Akkorde, manche hallen nach wie bei Bob Dylan, der Heller einst einen wichtigen Sprachmuskel nannte.

Das Musizieren war lange verschüttet, weder Sohn Ferdinand Sarnitz (Youngsters bekannt als Left Boy) noch seine Enkel wussten von Hellers Vorleben als Popstar, erzählt er in seinem nach Minztee und Räucherstäbchen aus dem Oman duftenden Refugium.

Heller war derart weit entfernt von der eigenen Vergangenheit, dass diese nahezu inexistent war. Trotz seiner Weltkarriere im Zusammenspiel mit ganz Großen wie Freddie Hubbard, Astor Piazzolla, Toni Stricker, Peter Wolf, Chaka Khan und vielen anderen. So war es ihm ein Bedürfnis, den Enkeln Lucky und Kiwi ein wenig von dem zu vermitteln, was das Wesen ihres „Nonno“ ausmacht.

Heller setzt einen Kontrapunkt zur allgegenwärtigen Beschleunigung, ohne unmodern zu sein. Im Gegenteil – er mischt wie üblich traditionelle Melodien mit modernen Rhythmen. Seine Schöpfung ist eine Art akustische Rauminstallation in Form einer exotischen musikalischen Fusionsküche. Appetitlich angereichert mit Gewürzen des Orients und Okzidents. Serviert abwechselnd als feine Happen wie Miniaturen und große elegische Epen.

Als Erzähler singt er von Einsamen, von Gestrandeten, von unglücklich Verliebten, Vertriebenen, Entwurzelten, aber auch von maßlos Glücklichen. Heller ist ein Prophet der stillen Worte, der leisen Töne – und des großen Pathos (sofern man das Faktum, dass jemand ernsthaft und dauerhaft nach der einzigen und unabdingbaren Wahrheit sucht und nach der reinen, bedingungslosen Liebe strebt, als pathetisch einschätzt).

„Jeder Ton sollte der im Moment Kostbarste sein“, schärfte er seinen Musikern ein. Dass sie diesen Wunsch verinnerlicht haben, ist im Ergebnis hörbar. Heller, selbst einer, der sich mit der Kraft des Geistigen, mit der Energie des Spirituellen beschäftigt, dürfte scheinbar selbst zum Schamanen geworden sein, dem die guten Geister hörig scheinen.

Heller wäre aber nicht er selbst, würde er nicht Fallstricke einziehen, Zweifel säen, den Finger in offene Wunden legen und auf Kontrapunkte und Kontraste zielen. „Spüts, Buaschn, spüts, bis ’s Herz an de Guagl klopft.“ Nein, über die Klinge lässt der erklärte Pazifist niemanden springen, auch wenn es noch so schrummt und schrammt wie beim bewusst besoffenen Papirossi. Schau oba, Quasi! (Helmut Qualtinger) Servas, H. C.! (Artmann, nicht Strache)

Erdig ehrlich, ja intim wird der Weltbürger, wenn er tief ins Wienerische driftet. Schade, dass die weder politisch korrekte noch jugendfreie Version von Saint Bob Dylans Du Engel Du nicht ihren Weg aufs Album gefunden hat.

„Zum Suchen zu früh, zum Finden zu spät“, lautet ein fast vier Jahrzehnte alter Vers auf André Hellers Album Abendland. Dessen Titelsong, gehalten im Stil eines getragenen Lamento, eines sakral anmutenden Gebets, beseelt vom einzigartigen Timbre Hellers, das ekstatisch in einen Gospelchor wechselte, war einst der Versuch, ein Glaubensbekenntnis abzulegen, erzählt André Heller mit Blick auf das Atlasgebirge. Ein aktualisiertes Credo findet man auf dem neuen Album.

Nahtlos knüpft Heller an sein früheres musikalisches Können an – und erfindet sich doch neu. Nach Millionen verkauften Schallplatten, zwölfmal Gold, siebenmal Platin, nach tausenden Konzerten, die ihm Überwindung und Kraft raubten, weil sie wider seine Natur waren, hatte Heller 1984 den Olymp der Popmusik verlassen.

Aus gesundheitlichen Gründen und persönlichen, weil er sich anderen Projekten widmen wollte und weil er damals der Meinung war, am Zenit des Erreichbaren angelangt zu sein – etwas, das er rückblickend allerdings als leicht überheblich empfindet.

Manche haben ihm das – wie vieles davor und danach – als Arroganz ausgelegt. In Wahrheit aber war das der konsequente Weg eines Menschen, der nach Qualität und Integrität strebt. Immerhin war der 1947 als Francis Charles Georges Jean André Heller-Hueart Geborene Gründungsmitglied von Ö3 (was damals Aufbruch und Avantgarde gegen den Schlager- und Operettensumpf bedeutete), der als DJ und Bürgerschreck in der bis heute legendären Musicbox Goldene Zitronen für Unerträgliches vergab.

Liebhaber intellektueller Chansons beweinen seine Abstinenz bis heute. Als Ersatz beehrt er die Welt als Bewahrer des Verlorengehenden, Zeremonienmeister des Exzentrischen und Außenseiterischen. Ohne sich auf die Niederungen des alltäglichen Kleinkriegs und Hickhacks einzulassen, ist Heller politisch. Mahnend, ermahnend.

„Wenn wir nicht begreifen, dass jeder mit allen anderen energetisch vernetzt ist, dass wir für einander Verantwortung übernehmen müssen und dass wir auf einem Planeten wohnen, der jeden Augenblick unseren äußersten, klugen, behütenden Einsatz benötigt, damit es ihn in Zukunft überhaupt noch in einer umfassenden Qualität geben kann, dann handeln wir verbrecherisch an uns selbst, unseren Kindern und deren Nachfahren. Es gibt Frauen, Männer und Kinder, die agieren wohl informiert, weise, liebevoll, beharrlich sowie mitfühlend, und es gibt diejenigen, die den Kopf in den Sand stecken, die bitteren Fakten negieren oder verharmlosen und das längst Überfällige boykottieren. So einfach und so schwer ist das.“

Bezogen auf die aktuelle Situation will Heller auf gute Energien hoffen, auf dass wir eine Regierung kriegen, die „wie unser Bundespräsident“ registriert, worum es in der Zukunft geht. „Wenn sich die Demokratien, ihre Parlamentarier und Parteien sowie alle gesellschaftspolitisch wesentlichen Gruppierungen nicht ohne Zaudern der Avantgarde der Retter anschließen, werden wir in einem Maß als Versager und Schuldige in die Weltgeschichte eingehen wie keine Generation davor.“

Er glaube nicht mehr an tradierte Rollen von links und rechts. Ebenso bezweifelt er, dass es eine Gruppierung gibt, die im alleinigen Besitz der Wahrheit ist.

„Wir sind von der Drastik der Tatsachen aufgerufen, dafür zu sorgen, dass eine von Vernunft, Lauterkeit und Courage getragene friedliche Revolution zum Schutz unseres, an Herrlichkeit so überreichen Himmelskörpers, alle Schichten der Gesellschaft durchflutet. Man darf die Verhinderer aber nicht beschimpfen, sondern muss sie mit Leidenschaft und den besseren Argumenten überzeugen. Die Klimakatastrophe, die ich auch als große Chance für weltweite Solidarität und Auflösung des Nationalismus begreife, schafft ja Tag für Tag brachiale Erlebnisse und Veränderungen, die eine immer größere Menge Menschen am eigenen Leib erfährt. Diese persönliche Anbindung am Schrecken wird das Umdenken mit Sicherheit beschleunigen. Aber hoffentlich letztendlich noch rechtzeitig.“

Hellers Vers „Dieser Stern ist uns doch nur geliehen / von Künftigen, die nach uns sind“ ist heute aktuell wie damals. Diese utopisch anmutende Vision aus Erhebet Euch Geliebte könnte heute, 36 Jahre nach Entstehen, die Hymne der Fridays-for-Future-Bewegung sein. Als Muttersprache empfiehlt er Weltenbürgern „Mitgefühl“.

Auf die Frage nach einem freien Wunsch für all unsere Nachkommen nennt der Prophet der klaren Worte Würde und Verantwortung. Ewig grantelnde Nörgler in der Heimat erinnert er daran, dass wir hier in Österreich den Haupttreffer in der Glückslotterie gezogen haben, was Raum und Zeit betrifft. Bestes Beispiel, dass man auch als Einzelperson Veränderungen bewirken kann, ist Hellers Refugium in Marokko. „Anima“, benannt nach der Seele, von ihm als „befreundetes Glücksterritorium“ bezeichnet, ist ein Ort, für den das Wort Staunen offenbar erfunden wurde.

„Um das Jahr 2005“, sagt Heller, habe ihm eine innere Stimme zugeflüstert, „brich deine Zelte in Europa ab und verwirkliche in Afrika einen weitläufigen Ort von Schönheit, Sinnlichkeit, Heilung, Kontemplation, Frieden, Kühle und höchster ökologischer Qualität und erschaffe für Marokkanerinnen und Marokkaner einige dringend benötigte, dauerhafte Arbeitsplätze. Viele haben das zunächst für den Luxusspleen eines verwöhnten ,Fratzn‘ gehalten, aber heute müssen sie wohl zugeben – und ich sage das, ohne zu erröten –, dass ich nichts Klügeres hätte tun können. Besucher aus aller Welt und viele Einheimische kommen und finden dort Freude, Ruhe, Ermutigung, Trost – je nachdem, wonach sie gerade auf der Suche sind.“ Heller ist sich der Verantwortung bewusst. In den letzten Jahren hat er – auf eigene Kosten – drei Wasserleitungen, eine Schule, eine Ambulanz gebaut und hunderte Arbeitsplätze geschaffen. Wissend um die Hybris des Scheiterns: „Aber die Götter wollten es anders.“

Als Beispiel der politischer Dimension seiner Songs gelten aber auch die dichotome Hommage an Wiener Judenkinder und Otis Redding, an den Wiener Kasperl und den Zauber des Maghreb, das jiddische Volkslied Dem Milners Trenn oder die in englischer Sprache intonierten Popperlen Maybe it’s true und My River, mit dem Heller sich – Virginia Woolf salutierend – vorläufig verabschiedet.

Aus der Art gerät einzig das getriebene, ins Hysterische kippende Mutter sagt. Heller wird am besten wissen, warum. Zwischendurch huldigt er privaten Göttern, Säulenheiligen, persönlichen Helden respektive Heroinen. Sehnsucht nach der Liebsten ist von besonderer Anmut und Intimität. Ebenso sein Zugang zu Vergänglichkeit und Tod, der trotz aller Präsenz positiv und versöhnlich erscheint.

Jedes Chanson steht für sich, darf für sich wirken, dennoch ist das Album, das übrigens für Gralshüter des Analogen auch als Schallplatte auf Vinyl gepresst wurde, in seiner Gesamtkomposition stringent und ergibt ein großes Ganzes. Keineswegs eine anämische Soundtapete, sondern ein lebendig-pulsierender, von Weltbürgern sorgsam gewobener fliegender Klangteppich.

Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, dass es eine Art Rückkehr zu den Wurzeln ist, wenn ein anerkannter Universalkünstler wie Heller es wagt, nach 35-jähriger musikalischer Pause ein Album neuer Lieder zu publizieren.

In Wahrheit aber ist das mehr als ein Wagnis, ist das eine bewusste Versuchung der Hybris, ein Drahtseilakt ohne Netz, eine selbstinszenierte Versuchung der Saturiertheit. Verweigerung von Erwartungshaltungen war früher Teil des Heller’schen Konzepts, ebenso Provokation. Heute klingt er hingegen versöhnlich.

Auch Verrat und Verleumdung, Schuld und Sühne, Angst und Missgunst, Trauer und Tod sind Themen dieser späten Lieder. „Sterben bedeutet für mich alles hinter sich lassen, das man zutiefst nicht ist. Aus dieser Hülle, mit deren Hilfe ich mich in der Polarität ausbilden durfte und darf, werde ich dankbar aussteigen, um in höhere Dimensionen heimzukehren.“

Angst vor dem Tod habe er nicht, sagt er, denn das hieße ja, Angst vor dieser Heimkehr zu haben. Poetisch überträgt sich dies im Vers „Auch der Tod ist Zärtlichkeit“ oder repetitiv im Refrain „Doch in ihren alten Seelen wachsen Damaszener Rosen (…), die ganz unvergleichlich sind“.

Das Album wirkt wie eine Inventur, die melancholisch und wehmütig stimmt. Das liegt nicht nur an so manch nostalgischem Zitat wie „Damals, als damals noch damals war“, Geschichten aus der Kindheit, den immer wiederkehrenden Dämonen, dem ständigen Sich-Hinterfragen, sondern wohl auch am immer wiederkehrenden Topos der Wiener Todessehnsucht. Trotz alle dem regieren aber auch Optimismus und Hoffnung sowie die Freude an einem stillen Glück.

Musikalisch manifestiert sich Hellers Weltsicht in seinem Zärtlichkeitsvermächtnis Hab so Sehnsucht sowie anschließend in seinem Glaubensbekenntnis Esgibt. Dieses – man kann, nein, man muss es so nennen – Jahrhundertlied beginnt ganz sanft, ganz leise, nur begleitet am Klavier, steigert sich langsam und endet in einer wuchtigen Symphonie mit großem Orchester. Die mit einem neuen, monumentalen Text versehene Komposition von Claudio Baglioni erinnert an alte Heller-Klangperlen wie Erhebet Euch Geliebte, die Trilogie eines Traums,Wia mei Herzschlag oder Verwunschen. André Hellers einzigartiges Timbre kulminiert in den Worten: „Es gibt ein brennendes Verlangen nach Würde und Geborgenheit / nach Zärtlichkeit und Frieden / Es gibt die Hoffnung auf die Freude und die Gewissheit, nie genug lieben zu können, / und Liebe / Liebe ist bedingungslos.“

Spätes Leuchten beinhaltet die Weisheit von einem, der nach langer Odyssee mit sich selbst Frieden geschlossen hat, enthält Be- und Erkenntnisse eines ewig Suchenden, der angekommen ist. Heller schlichtet Buchstaben zu Psalmen und zelebriert ein Hochamt: „Alles in allem, vom Glück verfolgt / Alles in allem, gesegnet …“ (Gregor Auenhammer, 16.11.2019)

Manspreading (Doris Knecht)

Googel das doch bitte einfach mal selber
DORIS KNECHT — KOLUMNEN & ZOO, FALTER 46/19 VOM 13.11.2019

Die satirische Tagespresse titelte letzte Woche: „Erstmals ohne Manspreading U-Bahn gefahren: Mann fallen Hoden ab“, eine tipptopppräzise Antwort zu den Reaktionen auf die „Halt deine Beine zam“-Kampagne der Wiener Linien.

Würde man nur ganz isoliert den Shitstorm rezipieren, den diese Kampagne auslöste, man käme zu dem Schluss, die Wiener Linien hätten „Manspreading“ erst letzte Woche gemeinsam mit ein paar radikalfundamentalistischen Männerhasserinnen aus der Luft gegriffen und zu einem abartig-abstrakten, völlig unrealistischen Konstrukt aufgeblasen, um weiter auf die von #MeToo eh schon völlig gedemütigten Männer einzuprügeln und daraus schnelles Marketingkapital zu schlagen.

Man würde aus den Reaktionen nicht ableiten können, dass es sich um ein international seit Jahren debattiertes Problem handelt, auf das zahlreiche Metropolen mit öffentlichem Verkehr mit ähnlichen Kampagnen reagierten. Tokio kampagnisierte 2012 gegen Manspreading, New York 2015, Madrid 2017, Washington 2019. Der Guardian zeigt online eine kleine Sammlung weiterer Anti-Manspreading-Kampagnen, darunter eine des New York Board of Transportation aus dem Jahr 1947.

Aber bei uns wird das Thema wieder als eine dieser Debatten geführt, in denen Feministinnen jedes Mal ganz von vorne anfangen und Leuten das kleine Einmaleins erklären sollen, die eigentlich eh den ganzen Tag im Netz herumhoppeln und sich leicht selbst ergoogeln könnten, was, wie und wo zu einem Thema schon alles publiziert und debattiert wurde.

Stattdessen prasseln Wörter wie „aufhussen“ und „Vernaderung“ aggressiv auf die nieder, die es ohne Aggression begrüßen, dass die Diskussion nun auch in Österreich angekommen ist. Und letztlich kommt dann auch diese Debatte wieder an einem schon länger bekannten Punkt an: Wenn so viele Männer das nicht gern hören, vielleicht sollten wir’s dann lieber nicht mehr sagen? Das ist aber halt auch der Punkt, an dem wir entscheiden, ob wir das mit der Gleichberechtigung lieber lassen sollen, weil sie für viele Männer so unbequem und brüskierend ist. Weil sie alle schon so nervt.

Feminismus und der Kampf um Gleichberechtigung sind aber halt kein Beliebtheitswettbewerb. Natürlich hätten auch die Wiener Linien ihre Kampagne anders anlegen können, auf Twitter las ich von einer, ich glaube, schwedischen Metro-Kampagne, die ganz geschlechtsunspezifisch einen Sitz pro Person propagiert, was auch sitzergreifend abgestellte Taschen von Frauen einschließt und die Männer nicht so ärgert. Aber es sind nun mal meistens Männer, die im öffentlichen Verkehr mehr Platz beanspruchen, und wem es bisher noch nicht aufgefallen ist, dem wird es jetzt auffallen.

Das ist natürlich Absicht, das will die Kampagne bewirken: Sie verändert den Blick. Auch bei denen, die das Problem zornig bestreiten. Verhaltenskorrektur follows Bewusstsein follows Wahrnehmung; so.

Rudolfinerhaus

Rudolfinerhaus
Aufenthalt: Die ruhige Lage am Rande des Wienerwaldes sowie fortschrittliche Behandlungsmethoden, individuelle Betreuung und stilvolles Ambiente, machen die Rudolfinerhaus Privatklinik zur ersten Adresse für Ihre Gesundheit. Speziell ausgebildete Hotelfachkräfte sorgen für eine intensive Rundum-Betreuung abseits der medizinischen Pflege. In den über 100 stilvoll eingerichteten Komfortzimmern stehen Kabel-TV, Telefon sowie ein kostenloser Internetzugang/Wlan zur Verfügung.
Zimmer im Rudolfinerhaus: In unseren Komfortzimmern steht jedem Patienten ein eigener A1 Entertainment Terminal mit vielen TV-Programmen und Internet-Zugang zur Verfügung. Auch der persönliche Morgenmantel, Badesandalen, elektrisch verstellbare Betten und die tägliche Zeitung ans Bett gehören im Rudolfinerhaus zur Standardausstattung.
Hotelservice: Ihre persönlichen Gastgeber sind unsere Teams vom Hotelservice. Sie helfen Ihnen bei der Menüauswahl und erfüllen gerne die Wünsche, die nicht in den medizinischen und pflegerischen Bereich fallen. Dazu zählen das fachgerechte Servieren der Speisen, die individuelle Vorbereitung der Zimmer sowie die Vereinbarung eines Friseurtermins oder die Organisation eines Laptops.
Küche: Gute und vor allem bedarfsgerechte Ernährung spielt gerade im Krankheitsfall eine wichtige Rolle. Bestens ausgebildeten Köche und Diätologinnen kümmern sich um die passende Ernährung für unsere Patienten.
Restaurant: Sie können, bei vorheriger Reservierung über das Hotelservice, Ihre Hauptmahlzeiten auch im Restaurant einnehmen. Selbstverständlich steht Ihnen in diesem Restaurant auch ein saisonales À la carte-Angebot zur Verfügung.
Neben einer Auswahl von Zeitschriften, Zeitungen und Büchern sowie Artikeln für den täglichen Bedarf, bietet der Shop im Restaurant auch Schokolade, Pralinen und kleine Snacks.

Die Frau, die nicht verschwinden will

„Die Frau, die nicht verschwinden will“ von Corinna Milborn im Falter
Natascha Kampusch hat ein spannendes Buch über den Hass im Netz verfasst. Darin beschreibt sie patriarchale Strukturen in Österreich, die Frauen wie sie lieber im Keller sieht

Wie halten Sie das alles aus?“, fragt der deutsche Talkshow-Moderator. „Na ja, ich muss ja“, antwortet Natascha Kampusch. Er fragt nach: „Man kann auch sagen, ich beende das jetzt. Haben Sie jemals über solche Dinge nachgedacht?“

Natascha Kampusch hat ein Buch über Internet-Hass geschrieben. Es ist kein Schicksals-, sondern ein Sachbuch, das ihre persönlichen Erfahrungen einbezieht, zumeist aber auf Recherchen und klugen Gedanken zu Internet und Hass aufbaut. Doch Journalistinnen und Journalisten, die sich immerhin um das Interview bemüht und Kampusch dazu eingeladen haben, stellen alle diese Fragen: Warum sprechen Sie? War­um sind Sie schon wieder in der Öffentlichkeit? Warum sind Sie überhaupt hier? Oder gar: Haben Sie daran gedacht, sich umzubringen?

Bei diesen fürsorglich gestellten Fragen nach der schieren Existenzberechtigung in der Öffentlichkeit schwingt eine Gereiztheit mit, die bei den Kommentaren von ano­nymen Passanten auf der Straße oder im Netz dann blank daliegt: Natascha Kampusch solle verschwinden. Sich selbst töten. Sie solle zurück in den Keller. Sie hätte nie aus dem Keller freikommen sollen. Das sind einige der Kommentare, über die Natascha Kampusch in ihrem Buch „Cyberneider“ schreibt.

Der Hass auf diese junge Frau, deren Schicksal als entführtes Kind jahrelang das ganze Land bewegt hat, scheint auf den ersten Blick unverständlich. Natascha Kampusch hat als Kind einem brutalen, rechtsextremen Verbrecher widerstanden, der ihr nicht nur ihre Freiheit geraubt hat, sondern ihre Persönlichkeit auslöschen wollte. Sie hat als Jugendliche immense Gewalt überlebt und sich als junge Erwachsene schließlich selbst befreit. Warum freut man sich nicht täglich über ihre Befreiung und feiert sie wie eine Heldin?

Die Antwort liegt erschreckend nahe in den patriarchalen Grundstrukturen unserer Gesellschaft, die – das zeigt der Fall Natascha Kampusch jeden Tag – nur von einer dünnen Schicht von Zivilisation und Gleichberechtigung überzogen sind. Blicken wir nur ein paar Jahrhunderte oder gar Jahrzehnte zurück: In einer patriarchalen Gesellschaft ist es erstens nicht vorgesehen, dass junge Frauen in der Öffentlichkeit stehen. Nur wenn sie der Unterhaltung von Männern dienten, durften junge Frauen sich zeigen. Als Persönlichkeiten nie.

Mädchen wurden zweitens in zwei Kategorien eingeteilt. Die einen werden jungfräulich und verschleiert vom Vater an den Bräutigam übergeben und leben fortan re­spektiert unter dem Schutz, aber auch in einer Art Leibeigenschaft des Mannes. (Das war vor kurzem noch gesetzlich verankert: Noch in den 1970er-Jahren brauchten Frauen die Genehmigung des Ehemannes, um arbeiten zu dürfen, und dass Männer kein Recht haben, ihre Ehefrauen zu vergewaltigen, wurde in Deutschland erst in den 1990ern klargestellt.)

Die Mädchen hingegen, die keine „schützenden“ Väter haben oder trotzdem von einem gewalttätigen, sexualisierten Angriff getroffen werden, sind „geschändet“: Die Schande des Übergriffs klebt an den Opfern, nicht am Täter, und nimmt ihnen Wert und Rechte. Sie werden, sofern sie nicht getötet werden, zu „beschädigter Ware“, verlieren ihren Status, ihr Recht auf Familie und haben zur Verfügung zu stehen.

Diese Muster sitzen tief. Schon die bloße Anwesenheit einer jungen Frau in der Öffentlichkeit, die nicht zur Unterhaltung von Männern dient, weckt tiefe Aggressionen (man kann das gerade bei Greta Thunberg gut beobachten). Doch wenn gar eine Betroffene von Gewalt sich weigert, sich mit dem ihr zugewiesenen Platz zufriedenzugeben, brennen die Sicherungen durch. Genau das ist bei Natascha Kampusch der Fall: Sie weigert sich, im Dunkeln zu verschwinden. Und das reizt viele aufs Blut.

Somit hat sie sich, wie sie es selbst beschreibt, von einem Täter befreit, nur um von vielen Tätern umringt zu werden, die das Verbrechen vollenden und sie zum Verschwinden bringen wollen. Auch wer ihr vermeintlich fürsorglich rät, doch ihren Namen zu ändern und ins Ausland zu übersiedeln, tut nichts anderes. Natascha Kampusch hatte keine Wahl, an die Öffentlichkeit zu gehen oder nicht – ihr Name und ihr Gesicht waren acht Jahre lang fast wöchentlich in den Medien. Sie selbst hat sich mit unglaublicher Stärke der Folter widersetzt, mit der der Täter ihre Persönlichkeit brechen und sie ihren Namen vergessen lassen wollte. Warum hätte sie im Moment der Befreiung auf ihren Namen, ihre Persönlichkeit und ihre Geschichte verzichten sollen? Doch bis heute fordert das täglich jemand von ihr – mal voll Hass, mal mit vermeintlicher Sorge. Dass das gerade in denselben Medien geschieht, die ihre Privatsphäre nach ihrer Befreiung bis ins Letzte verletzt haben, ist besonders perfide.

Kampusch hält durch ihre bloße Anwesenheit in der Öffentlichkeit der Gesellschaft einen Spiegel vor – und jener Teil der Gesellschaft, der nicht hineinsehen will, versucht, sie zu verjagen. Denn das Opfer, das sich weigert zu verschwinden, zeigt, was möglich ist: in einem biederen Haus, in einem biederen Ort, von einem ganz normalen Österreicher, der immer freundlich gegrüßt hat. Das will man nicht wiederholt vor Augen haben. Darüber will man nicht sprechen. Die Schmutzwäsche wäscht man bitte zu Hause. Die eigenen Verbrechen bleiben bitte im Keller. Und wenn sich dann jemand aus dem Keller befreit, dann soll diese Person bitte verschwinden.

Denn Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist auch heute nur dann breit geächtet, wenn das auch in patriarchale Muster passt: Dann, wenn „andere“– Ausländer, Muslime – sich an „unseren“ Frauen „vergreifen“. Und wenn es schon kein „anderer“ war, so muss es ein Kartell, eine Mafia sein – mit Verbindungen in höchste Kreise, sicher ins Ausland! –, die man männlich jagen kann, um die Jungfer zu verteidigen.

Bis in höchste Justiz- und Polizeikreise hin­ein wurde Natascha Kampusch jahrelang unterstellt, weitere Täter zu schützen, die es – wie schließlich auch diese Ermittler zugeben mussten – nie gegeben hatte. Teile von Justiz und Polizei suggerierten damit eine Komplizenschaft mit vermeintlichen Mittätern und gaben Kampusch für den Hass der Onlineforen frei, wo die Kommentare deutlicher waren: Sie habe, war hundertfach zu lesen, ihre eigene Entführung als kleines Kind geplant und erlitten, um danach Kapital daraus zu schlagen. Dass der Mechanismus, Opfern selbst die Schuld zu geben, selbst bei einem entführten Kind funktioniert, ist absurd. Doch es wirkt offenbar erleichternd, das Opfer zur Täterin zu machen, wenn man die Tat nicht aushält.

Diese Zurechtweisungen kommen keineswegs nur von Männern – es ist ein großer Teil der Gesellschaft, der sich da zusammentut und sagt: Sei still, das gehört sich nicht. So wie das Patriarchat nicht von Männern, sondern von den älteren Frauen aufrechterhalten wird, so sind es oft auch ältere Frauen, die Kampusch auf der Straße beleidigen und anspucken. Und Interviewe­rinnen, die in bester patriarchaler Tradition annehmen, dass nie glücklich werden darf, wer Opfer männlicher Gewalt wurde: Die in Fragen gekleideten Annahmen, Kampusch würde nie im Leben einem Mann vertrauen, nie eine Familie gründen oder Kinder bekommen können, gehören zu den verletzendsten. Als wäre das Leben einer Frau auch heute noch am Ende, sobald ein Täter es berührt hat. „Es liegt wohl nicht nur an mir, ob ich jemandem vertrauen kann“, antwortet sie mittlerweile routiniert.

Natascha Kampusch pariert all diese Fragen, die ihr Glück, eine Stimme, gar die Existenzberechtigung absprechen wollen, mit stoischer Ruhe und trockenem Humor. Sie entgeht mit kurzen Sätzen und Gegenfragen der Bloßstellung und legt dabei oft schmerzhaft die Geisteshaltungen der Interviewer offen. Und nie steigt sie darauf ein, dass es nun genug sei mit dem öffentlichen Auftreten: Sie hat sich befreit, um zu bleiben, und sie weicht nicht. Im Gegenteil: Sie ist Akteurin – und schreibt, weil sie schon als Kind Reporterin werden wollte.

„Cyberneider“ schöpft aus ihren eigenen Erfahrungen als eines der ersten Opfer von Onlinehass in den jungen, unmoderierten Foren der österreichischen Tageszeitungen und den Anfängen von Social Media. Kampusch beschreibt aber weit darüber hin­aus Mechanismen von Onlinehass, schildert Fälle und zeigt Verbindungen zwischen verschiedenen Formen der Diskriminierung auf – etwa wie oft Sexismus und Rassismus Hand in Hand gehen. Es ist ein leicht lesbares und verständliches Buch entstanden, das besonders für junge Leute geeignet scheint – und das Natascha Kampusch auch in Schulen vorstellen will. Unter dem Hashtag #Cyberunity schlägt sie zehn Regeln für eine bessere Kultur im Internet vor.

Das tut Natascha Kampusch nicht nur im Buch und in Interviews, sondern an dem Ort, der ihr am meisten Hass zugespült hat – im Netz. Sie betreibt Social-Media-Accounts, liest selbst, antwortet oft selbst. Warum sie sich das antut? „Weil ich es kann“, antwortete Natascha Kampusch bei ihrer Buchpräsentation und lacht. Das Lachen und der Applaus, der zurückschallt, ist befreiend und zeigt: Es gibt auch den anderen Teil der Gesellschaft. Den, der will, dass Natascha Kampusch weiter dasteht. Und der sie dafür feiert, dass sie nicht weicht: als Heldin.

Corinna Milborn
ist Info-Chefin bei Puls 4/Puls 24. Sie hat Natascha Kampusch beim Schreiben ihrer Autobiografie „3096 Tage“ unterstützt

Das Blutopfer für die Mobilität

Das Blutopfer für die Mobilität (Falter) von Thomas Rottenberg, 13.08.2019
Der Tod zweier Kinder in einem Fahrradanhänger wirft – wieder einmal – eine Frage auf: Wieso sieht die Politik das Auto immer noch als das Maß aller Dinge?

In Wirklichkeit ist es ganz einfach. „Fahren auf Sicht“ nennt es die Straßenverkehrsordnung. Das wird auch jedem Fahrschüler eingebläut. Und falls jemand Paragraf 20 der Straßenverkehrsordnung (StVO) nicht versteht, erklärt der Oberste Gerichtshof (OGH), wie er zu lesen und zu befolgen ist: „(…) Fahren(…) auf Sicht bedeutet, dass ein Fahrzeuglenker seine Fahrgeschwindigkeit so zu wählen hat, dass er sein Fahrzeug beim Auftauchen eines Hindernisses rechtzeitig zum Stehen bringen und zumindest das Hindernis umfahren kann. (…) Diese Pflicht besteht auch auf Freilandstraßen. Fährt ein Kraftfahrer bei Dunkelheit mit Abblendlicht, dann hat er (…) grundsätzlich mit einer Geschwindigkeit zu fahren, die ihm das Anhalten (…) innerhalb der Reichweite des Abblendlichts gestattet.“

Doch als vorletzte Woche ein 60-jähriger Wiener in der Dämmerung mit seinem Pkw nahe Wien einen Fahrradkinderanhänger mit zwei Kleinkindern so heftig rammte, dass Anhänger und Insassen samt Zugfahrzeug und Radfahrerin 15 Meter in ein Feld katapultiert wurden und die beiden Kinder ums Leben kamen, gaben Medien und Autolobby umgehend die Debattenrichtung vor: Wie gefährlich sind Fahrradanhänger? Wie unverantwortlich ist es, Kinder damit zu transportieren? Wie kann man solche Unfälle vermeiden? Der Lösungsansatz kam postwendend: Die FPÖ stellte die Forderung nach einem Verbot von Fahrradkinderanhängern (und auch gleich Lastenfahrrädern) in den Raum. Verkehrsminister Andreas Reichhardt (FPÖ) kündigte an, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu Kinderbeförderung auf dem Rad unter die Lupe zu nehmen. „Um den Schutz der Kinder im Straßenverkehr bestmöglich gewährleisten zu können“, sehe er „Handlungsbedarf“. Auch bei E-Bikes.

Die Schlüsselbegriffe der Aussendung waren Textelemente wie „möglicherweise zu wenig umsichtiger Fahrstil“ der Radfahrer per se: So funktioniert Framing. Reichhardt wurde überall zitiert. „Fahren auf Sicht“ kam nirgendwo auch nur am Rande vor.

Medial ebenso wenig wie vonseiten der Verkehrssprecher anderer Parteien. Im Autofahrerland Österreich nennt man bestimmte Probleme lieber nicht beim Namen.

Doch abgesehen von der Rechtslage und der (nicht abgeschlossenen) Analyse dieses einen Unfalls gibt es Unfallzahlen. Statistiken. Diese sind eindeutig: Zwischen 2000 und 2018 kamen in Österreich 305 Kinder bei Verkehrsunfällen ums Leben. 151, also die Hälfte, davon im Auto. Ein Drittel als Fußgänger. Neun Prozent auf dem Rad.

Die Zahlen stammen vom Grazer Forschungszentrum für Kinderunfälle. Dort werden seit 30 Jahren tödliche und schwere Kinderunfälle erfasst. Anlässlich der jüngsten Tragödie wertete man auch die (verfügbaren steirischen) Fahrradkindertransport-Unfallzahlen aus. Von 2004 bis 2018 waren 19 transportierte Kinder nach Radunfällen in Graz behandelt worden. Elf waren im Kindersitz, sieben im Anhänger und eines im Lastenrad gesessen. Verkehrsunfall war exakt einer dabei: eine Kollision zwischen Radfahrern. Bei den 19 Fällen gab es einen gebrochenen Unterarm und eine Gehirnerschütterung. Dem politisch-medialen Framing und dem „Narrativ“ ist derlei egal: Der Kindertransport auf dem Rad ist gefährlich. Fahrlässig. Unverantwortlich. Und aus.

Von der Faktenlage lässt sich da kaum jemand irritieren. Auch nicht von anderen Fragen. Etwa der, welche verkehrs- oder gesellschaftspolitischen Begleitmaßnahmen den an sich eben sicheren Transport per Rad auch in der kollektiven Wahrnehmung positiv besetzen könnten. Nicht zuletzt im Zuge von Ressourcen- und Klimadebatten.

Unmittelbar nach dem Unfall verdichtete Klaus Robatsch vom Kuratorium für Verkehrssicherheit das auf einen einfachen Satz: „Wollen wir verkehrsoptimierte Kinder – oder kinderoptimierten Verkehr?“

Kinder, so der Leiter der Verkehrssicherheitsforschung des KfV zum Falter, stünden da pars pro toto. Also auch für Ältere, Schwächere oder Ängstlichere. Für Familien, die nicht zwei Autos wollen oder sich leisten können, um Kinder zur Schule oder nur in den Nachbarort zu bringen. Kurz: für den Vorrang von Menschen und die Abkehr vom Primat des Automobils.

Doch das Infragestellen des jahrzehntelang Sankrosankten beginnt früher als bei der Frage, wieso Gemeinde, Land und Bund bei der Schnellfahraufwertung der Unfallstraße vor wenigen Jahren das Wort „Radweg“ nicht einmal andachten. Das Mindset „Auto first“ beginnt viel früher. Etwa im kollektiven Ignorieren von Regeln – und seiner amtlichen De-facto-Akzeptanz.

So dokumentierte etwa die niederösterreichische Gemeinde Hennersdorf von November 2018 an vier Monate lang Geschwindigkeiten in zwei Tempo-30-Zonen: 88 Prozent fuhren signifikant zu schnell. Auch Tempo 50 wird im Wohngebiet nicht ernst genommen. An einer von zwei 50er-Messstellen war jedes zweite Fahrzeug zu schnell. Dass im Ortskern dann „nur“ 17 Prozent rasten, galt schon als Erfolg.

Kein Wunder. Schließlich wird das systematische Gefährden anderer nicht als Problem wahrgenommen – oder gar geahndet. Verkehrsstrafen sind in Österreich vergleichsweise spottbillig. Außerdem liegen die Messtoleranzgrenzen in Österreich bei zehn Prozent. „Auch danach wird meist erst ab 15 km/h darüber gestraft“, moniert Markus Gansterer vom VCÖ. In der Schweiz ist das anders. Dort gilt der gemessene Wert. Strafen spürt man: „Die Schweiz hat halb so viele Verkehrstote wie Österreich.“

Freilich verhindert Nichtrasen keinen Unfall, wenn der Blick nicht auf der Fahrbahn ist. 20 Jahre nach der Einführung des Handyverbots am Steuer beweist das nicht bloß die Alltagsempirie, sondern auch die Statistik: Vier von zehn Verkehrsunfällen haben Ablenkung als Ursache. Fünf Sekunden Lesen oder Tippen bedeuten bei 50 km/h 70 Meter Blindflug. Das Unfallrisiko verdreiundzwanzigfacht sich – sogar wenn (theoretisch) ohnehin „auf Sicht“ gefahren wird. Das geringe Strafmaß (offiziell 50, meist aber 20 Euro) und die Unwahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, schaffen ein Klima des fehlenden Problembewusstseins.

Kein Wunder, dass der VCÖ Handytelefonieren gerne als „Vormerkdelikt“ sähe: Wer öfter mit Handy am Ohr oder in der Hand erwischt wird, riskiert den Schein. Das Ministerium winkt ab: Bei 150.000 Handy-Organstrafen (2018) wären Anzeigen „nicht administrierbar“. Auf Deutsch: Politik und Verwaltung gehen vor der Selbstverständlichkeit des Regelbruchs in die Knie.

Sicher: Mit den toten Kindern im Radanhänger hat das ursächlich nichts zu tun. Aber Mosaiksteine ergeben in Summe ein Bild. Hier das, das wir als „Verkehr“ in uns tragen. Daher gilt es zu akzeptieren: Unfälle „ereignen sich“ eben. Passivformulierungen stehen in Nachrichten für Schicksalhaft-Unabänderliches: Tote Kinder sind eben Teil der Mobilitätskalkulation einer Gesellschaft.

Aber sind sie das wirklich? 1972 starben in den Niederlanden 3200 Menschen im Verkehr. Darunter 400 Kinder. Unter dem Motto „Stoppt den Kindermord“ formierte sich da landesweiter, nachhaltiger Widerstand.

Die Politik reagierte: Das Auto wurde vom Maß aller Dinge zum Werkzeug umdefiniert. Wo es störte, schädigte oder gefährdete, wurde seine Bewegungs-, aber auch seine Herumstehfreiheit rigoros eingeschränkt – zugunsten anderer Mobilitätsformen.

Die Folge davon sind nicht bloß Radwege in Stadt und über Land, sondern signifikant weniger Verkehrstote: 680 waren es 2018. Freilich: Auch Österreich senkte seinen „Blutzoll“ von 3000 auf 414. Doch die Niederlande haben doppelt so viele Einwohner. Kommen in Österreich auf 100.000 Einwohner jährlich 5,2 Verkehrstote, sind es in den Niederlanden 3,8.

Vor allem aber denkt und lebt man Verkehr dort anders: Nach einer – der bis dahin ersten – tödlichen Kollision zwischen einem Auto und einem Kinder-Radanhänger den Transport von Kindern auf dem Rad per se zur Diskussion zu stellen mutet für Oranjes heute nachgerade absurd an. Denn man hat dort bereits vor 40 Jahren das wahre Problem gesehen und benannt. Mit einem Namen, der weder Schönreden noch Ausweichen zulässt: „Stoppt den Kindermord!“