Die Frau, die nicht verschwinden will

„Die Frau, die nicht verschwinden will“ von Corinna Milborn im Falter
Natascha Kampusch hat ein spannendes Buch über den Hass im Netz verfasst. Darin beschreibt sie patriarchale Strukturen in Österreich, die Frauen wie sie lieber im Keller sieht

Wie halten Sie das alles aus?“, fragt der deutsche Talkshow-Moderator. „Na ja, ich muss ja“, antwortet Natascha Kampusch. Er fragt nach: „Man kann auch sagen, ich beende das jetzt. Haben Sie jemals über solche Dinge nachgedacht?“

Natascha Kampusch hat ein Buch über Internet-Hass geschrieben. Es ist kein Schicksals-, sondern ein Sachbuch, das ihre persönlichen Erfahrungen einbezieht, zumeist aber auf Recherchen und klugen Gedanken zu Internet und Hass aufbaut. Doch Journalistinnen und Journalisten, die sich immerhin um das Interview bemüht und Kampusch dazu eingeladen haben, stellen alle diese Fragen: Warum sprechen Sie? War­um sind Sie schon wieder in der Öffentlichkeit? Warum sind Sie überhaupt hier? Oder gar: Haben Sie daran gedacht, sich umzubringen?

Bei diesen fürsorglich gestellten Fragen nach der schieren Existenzberechtigung in der Öffentlichkeit schwingt eine Gereiztheit mit, die bei den Kommentaren von ano­nymen Passanten auf der Straße oder im Netz dann blank daliegt: Natascha Kampusch solle verschwinden. Sich selbst töten. Sie solle zurück in den Keller. Sie hätte nie aus dem Keller freikommen sollen. Das sind einige der Kommentare, über die Natascha Kampusch in ihrem Buch „Cyberneider“ schreibt.

Der Hass auf diese junge Frau, deren Schicksal als entführtes Kind jahrelang das ganze Land bewegt hat, scheint auf den ersten Blick unverständlich. Natascha Kampusch hat als Kind einem brutalen, rechtsextremen Verbrecher widerstanden, der ihr nicht nur ihre Freiheit geraubt hat, sondern ihre Persönlichkeit auslöschen wollte. Sie hat als Jugendliche immense Gewalt überlebt und sich als junge Erwachsene schließlich selbst befreit. Warum freut man sich nicht täglich über ihre Befreiung und feiert sie wie eine Heldin?

Die Antwort liegt erschreckend nahe in den patriarchalen Grundstrukturen unserer Gesellschaft, die – das zeigt der Fall Natascha Kampusch jeden Tag – nur von einer dünnen Schicht von Zivilisation und Gleichberechtigung überzogen sind. Blicken wir nur ein paar Jahrhunderte oder gar Jahrzehnte zurück: In einer patriarchalen Gesellschaft ist es erstens nicht vorgesehen, dass junge Frauen in der Öffentlichkeit stehen. Nur wenn sie der Unterhaltung von Männern dienten, durften junge Frauen sich zeigen. Als Persönlichkeiten nie.

Mädchen wurden zweitens in zwei Kategorien eingeteilt. Die einen werden jungfräulich und verschleiert vom Vater an den Bräutigam übergeben und leben fortan re­spektiert unter dem Schutz, aber auch in einer Art Leibeigenschaft des Mannes. (Das war vor kurzem noch gesetzlich verankert: Noch in den 1970er-Jahren brauchten Frauen die Genehmigung des Ehemannes, um arbeiten zu dürfen, und dass Männer kein Recht haben, ihre Ehefrauen zu vergewaltigen, wurde in Deutschland erst in den 1990ern klargestellt.)

Die Mädchen hingegen, die keine „schützenden“ Väter haben oder trotzdem von einem gewalttätigen, sexualisierten Angriff getroffen werden, sind „geschändet“: Die Schande des Übergriffs klebt an den Opfern, nicht am Täter, und nimmt ihnen Wert und Rechte. Sie werden, sofern sie nicht getötet werden, zu „beschädigter Ware“, verlieren ihren Status, ihr Recht auf Familie und haben zur Verfügung zu stehen.

Diese Muster sitzen tief. Schon die bloße Anwesenheit einer jungen Frau in der Öffentlichkeit, die nicht zur Unterhaltung von Männern dient, weckt tiefe Aggressionen (man kann das gerade bei Greta Thunberg gut beobachten). Doch wenn gar eine Betroffene von Gewalt sich weigert, sich mit dem ihr zugewiesenen Platz zufriedenzugeben, brennen die Sicherungen durch. Genau das ist bei Natascha Kampusch der Fall: Sie weigert sich, im Dunkeln zu verschwinden. Und das reizt viele aufs Blut.

Somit hat sie sich, wie sie es selbst beschreibt, von einem Täter befreit, nur um von vielen Tätern umringt zu werden, die das Verbrechen vollenden und sie zum Verschwinden bringen wollen. Auch wer ihr vermeintlich fürsorglich rät, doch ihren Namen zu ändern und ins Ausland zu übersiedeln, tut nichts anderes. Natascha Kampusch hatte keine Wahl, an die Öffentlichkeit zu gehen oder nicht – ihr Name und ihr Gesicht waren acht Jahre lang fast wöchentlich in den Medien. Sie selbst hat sich mit unglaublicher Stärke der Folter widersetzt, mit der der Täter ihre Persönlichkeit brechen und sie ihren Namen vergessen lassen wollte. Warum hätte sie im Moment der Befreiung auf ihren Namen, ihre Persönlichkeit und ihre Geschichte verzichten sollen? Doch bis heute fordert das täglich jemand von ihr – mal voll Hass, mal mit vermeintlicher Sorge. Dass das gerade in denselben Medien geschieht, die ihre Privatsphäre nach ihrer Befreiung bis ins Letzte verletzt haben, ist besonders perfide.

Kampusch hält durch ihre bloße Anwesenheit in der Öffentlichkeit der Gesellschaft einen Spiegel vor – und jener Teil der Gesellschaft, der nicht hineinsehen will, versucht, sie zu verjagen. Denn das Opfer, das sich weigert zu verschwinden, zeigt, was möglich ist: in einem biederen Haus, in einem biederen Ort, von einem ganz normalen Österreicher, der immer freundlich gegrüßt hat. Das will man nicht wiederholt vor Augen haben. Darüber will man nicht sprechen. Die Schmutzwäsche wäscht man bitte zu Hause. Die eigenen Verbrechen bleiben bitte im Keller. Und wenn sich dann jemand aus dem Keller befreit, dann soll diese Person bitte verschwinden.

Denn Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist auch heute nur dann breit geächtet, wenn das auch in patriarchale Muster passt: Dann, wenn „andere“– Ausländer, Muslime – sich an „unseren“ Frauen „vergreifen“. Und wenn es schon kein „anderer“ war, so muss es ein Kartell, eine Mafia sein – mit Verbindungen in höchste Kreise, sicher ins Ausland! –, die man männlich jagen kann, um die Jungfer zu verteidigen.

Bis in höchste Justiz- und Polizeikreise hin­ein wurde Natascha Kampusch jahrelang unterstellt, weitere Täter zu schützen, die es – wie schließlich auch diese Ermittler zugeben mussten – nie gegeben hatte. Teile von Justiz und Polizei suggerierten damit eine Komplizenschaft mit vermeintlichen Mittätern und gaben Kampusch für den Hass der Onlineforen frei, wo die Kommentare deutlicher waren: Sie habe, war hundertfach zu lesen, ihre eigene Entführung als kleines Kind geplant und erlitten, um danach Kapital daraus zu schlagen. Dass der Mechanismus, Opfern selbst die Schuld zu geben, selbst bei einem entführten Kind funktioniert, ist absurd. Doch es wirkt offenbar erleichternd, das Opfer zur Täterin zu machen, wenn man die Tat nicht aushält.

Diese Zurechtweisungen kommen keineswegs nur von Männern – es ist ein großer Teil der Gesellschaft, der sich da zusammentut und sagt: Sei still, das gehört sich nicht. So wie das Patriarchat nicht von Männern, sondern von den älteren Frauen aufrechterhalten wird, so sind es oft auch ältere Frauen, die Kampusch auf der Straße beleidigen und anspucken. Und Interviewe­rinnen, die in bester patriarchaler Tradition annehmen, dass nie glücklich werden darf, wer Opfer männlicher Gewalt wurde: Die in Fragen gekleideten Annahmen, Kampusch würde nie im Leben einem Mann vertrauen, nie eine Familie gründen oder Kinder bekommen können, gehören zu den verletzendsten. Als wäre das Leben einer Frau auch heute noch am Ende, sobald ein Täter es berührt hat. „Es liegt wohl nicht nur an mir, ob ich jemandem vertrauen kann“, antwortet sie mittlerweile routiniert.

Natascha Kampusch pariert all diese Fragen, die ihr Glück, eine Stimme, gar die Existenzberechtigung absprechen wollen, mit stoischer Ruhe und trockenem Humor. Sie entgeht mit kurzen Sätzen und Gegenfragen der Bloßstellung und legt dabei oft schmerzhaft die Geisteshaltungen der Interviewer offen. Und nie steigt sie darauf ein, dass es nun genug sei mit dem öffentlichen Auftreten: Sie hat sich befreit, um zu bleiben, und sie weicht nicht. Im Gegenteil: Sie ist Akteurin – und schreibt, weil sie schon als Kind Reporterin werden wollte.

„Cyberneider“ schöpft aus ihren eigenen Erfahrungen als eines der ersten Opfer von Onlinehass in den jungen, unmoderierten Foren der österreichischen Tageszeitungen und den Anfängen von Social Media. Kampusch beschreibt aber weit darüber hin­aus Mechanismen von Onlinehass, schildert Fälle und zeigt Verbindungen zwischen verschiedenen Formen der Diskriminierung auf – etwa wie oft Sexismus und Rassismus Hand in Hand gehen. Es ist ein leicht lesbares und verständliches Buch entstanden, das besonders für junge Leute geeignet scheint – und das Natascha Kampusch auch in Schulen vorstellen will. Unter dem Hashtag #Cyberunity schlägt sie zehn Regeln für eine bessere Kultur im Internet vor.

Das tut Natascha Kampusch nicht nur im Buch und in Interviews, sondern an dem Ort, der ihr am meisten Hass zugespült hat – im Netz. Sie betreibt Social-Media-Accounts, liest selbst, antwortet oft selbst. Warum sie sich das antut? „Weil ich es kann“, antwortete Natascha Kampusch bei ihrer Buchpräsentation und lacht. Das Lachen und der Applaus, der zurückschallt, ist befreiend und zeigt: Es gibt auch den anderen Teil der Gesellschaft. Den, der will, dass Natascha Kampusch weiter dasteht. Und der sie dafür feiert, dass sie nicht weicht: als Heldin.

Corinna Milborn
ist Info-Chefin bei Puls 4/Puls 24. Sie hat Natascha Kampusch beim Schreiben ihrer Autobiografie „3096 Tage“ unterstützt

A gfäuda Tog – Wolfgang Ambros

I waß ned, i waß ned, es is so komisch
mir kummt heit ois so unguat vua.
De Sunn scheint und de Leit san freindlich
oba i fäu in ana Dur.
Heit is‘ genau wia i’s ned mog
heit is a ganz a g’fäuda Tog.
Heite bin i wieda schlechte Laune.
Der Tog der woa fia mi a Griff in’s Braune.
Heit bin i wieda völlig down.
I bin so down i kann mi ned anschau’n.
Der Tog, der hod mi wieda um Joahre zruckg’haut.
Der Tog, der hod ma wieda ollas vasaut.
I waß ned, irgendwos hod g’föht.
I hob ma söba s’Haxl g’stöht.
I hob wos g’suacht und hob nix g’fund’n
und i hob nur de Zeit heit g’schund’n.
An Tog wia heite diaft’s ned geb’n.
A so a Tog is a Gefoa fia’s Leb’n.
I hob ma vü Gedank’n g’mocht.
Des hod ma leida a nix brocht.
Aus nix is weniga no wurd’n.
I hob de Übasicht valuan.
Heit is‘ genau wie is ned mog,
heit is a ganz a g’fäuda Tog.

Small Kindnesses by Danusha Laméris

I’ve been thinking about the way, when you walk
down a crowded aisle, people pull in their legs
to let you by. Or how strangers still say “bless you”
when someone sneezes, a leftover
from the Bubonic plague. “Don’t die,” we are saying.
And sometimes, when you spill lemons
from your grocery bag, someone else will help you
pick them up. Mostly, we don’t want to harm each other.
We want to be handed our cup of coffee hot,
and to say thank you to the person handing it. To smile
at them and for them to smile back. For the waitress
to call us honey when she sets down the bowl of clam chowder,
and for the driver in the red pick-up truck to let us pass.
We have so little of each other, now. So far
from tribe and fire. Only these brief moments of exchange.
What if they are the true dwelling of the holy, these
fleeting temples we make together when we say, “Here,
have my seat,” “Go ahead — you first,” “I like your hat.”

Joachim Ringelnatz – Ich hab dich so lieb

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
eine Kachel aus meinem Ofen schenken.
Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei–verjährt–
doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
ist leise.
Die Zeit entstellt alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.
Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache in einem Sieb.
Ich habe dich so lieb.

Diese schöne, heillos verlorene Welt

Diese schöne, heillos verlorene Welt
Nachruf auf Andrea Camilleri von Thomas Steinfeld, 17. Juli 2019

Im April 2013 erschien in Italien eine Ausgabe des Magazins Mickey Mouse – Topolino heißt die Figur in diesem Land -, in dem die Maus mit Freundin Minnie in Urlaub fährt, nach Sizilien. Kaum angekommen, besuchen die beiden die archäologischen Stätten von Agrigent, wo sie einen Kommissar namens Topalbano kennenlernen. Bald werden sie in eine Kriminalgeschichte hineingezogen, in deren Verlauf jener Topalbano alle Eigenschaften entfaltet, die auch Commissario Montalbano, den beliebtesten fiktiven Polizisten Siziliens, auszeichnen: die plötzlichen Eingebungen, die Liebe zu regionalen Speisen, zum Dialekt und zur Literatur (im Italienischen spricht er sizilianisch-literarisch), den launigen Charakter und die Heimatverbundenheit.

Es dauert nicht lange, bis in dieser Bildergeschichte auch der Autor der Geschichten um jenen Kommissar auftritt, ein älterer Herr mit einer fast blinden Brille und einem ausladenden Bauch, in dem Andrea Camilleri auf den ersten Blick zu erkennen ist.

An dieser Ausgabe des Topolino lässt sich nicht nur ablesen, wie volkstümlich Andrea Camilleri in Italien war, sondern auch, wie weit die Register gespannt waren, in denen er sich bewegte – von der griechischen Antike bis zur amerikanischen Populärkultur.

In den Fünfzigern war er der erste Theaterregisseur gewesen, der Samuel Beckett auf einer italienischen Bühne spielen ließ, in den Sechzigern arbeitete er als Produzent beim Staatsfernsehen, kümmerte sich um Vorabendserien und ließ die Romane George Simenons verfilmen. Daneben schrieb er Kritiken und unterrichtete an einer nationalen Theaterhochschule. Er war bekennender Kommunist (solange es den PCI gab), ein Schauspieler, der gern den komödiantischen „buffo“ gab, Drehbuchautor und bis zu seinem Tod einer der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen Italiens: In seinem Protest gegen Silvio Berlusconi war er genauso unerbittlich wie in seinem Widerstand gegen das Referendum, mit dem Matteo Renzi im Dezember 2016 die Verfassung ändern wollte, oder in seinem offensiven Missvergnügen an Matteo Salvini („ich möchte mich übergeben“) und der Allianz mit der Fünf-Sterne-Bewegung, wenngleich Camilleri als Mittel des politischen Ausdrucks die Ironie stets der Parole vorzog.

Und selbstverständlich ist sein Commissario Montalbano auch die Allegorie eines Staatsidealismus, in dem sehr viele Italiener eine bessere Variante ihrer selbst zu erkennen meinen: Nachdem er vor vier Wochen nach einem Herzinfarkt in ein römisches Krankenhaus eingeliefert worden war, wurde das Internet wie die Netzausgaben der großen Zeitungen entsprechend von einer Welle aus Sympathieerklärungen und Beistandswünschen überschwemmt.

Andrea Camilleri verbrachte den größten Teil seines Lebens in Rom. Er blieb aber auch dort ein Sizilianer. Immer wieder kehrte er in seinen Büchern auf die Insel zurück, wo er – in Porto Empedocle bei Agrigent – geboren worden war, sowie seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, als Sohn eines faschistischen Funktionärs. Die Invasion der Alliierten wurde für ihn eine höchst zwiespältige Erfahrung, mehr eine Besetzung denn eine Befreiung, wovon nicht nur mehrere Werke der Serie um Commissario Montalbano zeugen (etwa „Der Hund aus Terracotta“, 2000), sondern auch ein historischer Roman wie „Der zerbrochene Himmel“ (2005), ein Buch, das von einem bald ausgesprochen gewalttätigen Jungen handelt, wobei das eigentliche Opfer der Misshandlung nicht das Kind ist, sondern eine ganze Kultur, in der jedes Wort kompromittiert ist.

Der Faschismus und die katholische Kirche, die Mafia und der Staat gehen bruchlos ineinander über, und der Schriftsteller wirkt in dieser schönen, aber auch heillos verlorenen Welt eher als Chronist aus dem Milieu denn als Erzähler – als einer, der dieses Verhängnis nicht nur wissend betrachtet, sondern darin tief verwurzelt ist.

In „Der zerbrochene Himmel“ verbirgt sich eine Replik auf eine Satire des Schriftsteller Carlo Emilio Gadda, nämlich „Eros und Priapus“ (1945) – der derben, oft den Dialekt benutzenden Sprache wegen ebenso wie um des Versuches willen, sich intellektuell vom Faschismus zu lösen. Von Luigi Pirandello, der aus derselben Gegend stammte wie er, ließ Camilleri sich nicht nur im Umgang mit regionalen Legenden, sondern auch im Verwirrspiel der Figuren unterweisen. Mit Leonardo Sciascia, der in den frühen Sechzigern den gesellschaftskritischen sizilianischen Kriminalroman erfunden hatte, war er befreundet.

Andrea Camilleris Bücher erschienen vorwiegend im Verlag des Fotografen Enzo Sellerio aus Palermo, dessen Schwarz-Weiß-Fotografien aus einem vergangenen Sizilien in die italienische Ikonographie eingingen. Die Werke des Autors, die nicht als Kriminalromane gelten (obwohl sie kriminalistische Elemente enthalten), spielen vor allem im Sizilien des 19. Jahrhunderts, etwa „Eine Sache der Ehre“ (1984/1993) oder „Die Mühlen des Herrn“ (1999). Aber es war schließlich der Kriminalroman, genauer: die Serie um Commissario Montalbano, der ihn zuerst in Italien, dann in der halben Welt zu einem sehr erfolgreichen Schriftsteller machte.

Wie in anderen europäischen Ländern auch, war der Kriminalroman in Italien in den Neunzigern zum beherrschenden literarischen Genre geworden. Das muss nicht den Triumph des Trivialen bedeuten: Schon Umberto Ecos „Der Name der Rose“ (1980) war ein Kriminalroman, um von Leonardo Sciascias Werken gar nicht erst anzufangen. Zudem liegt der Fall bei Andrea Camilleri anders, weil das Terrain seiner Schauplätze den Eigenarten eines Kriminalromans weit entgegenzukommen scheint – eine Insel mit einer Gesellschaft, die völlig undurchdringlich wirkt, wenn man ihre Regeln nicht kennt, und in der ein Detektiv eine Sprache verstehen muss, die weniger gesprochen wird, als dass sie sich in kleinsten Wendungen und Gesten artikuliert.

Entsprechend besitzt Kommissar Montalbano eine beinahe magisch erscheinende Intuition, während das Verbrechen immer wieder wie ein Akt der Rebellion in einer Umgebung erscheint, in der Wahn und Normalität eng nebeneinander liegen.

In der Geschichte „Die Stimme der Violine“ (1997) begegnet Commissario Montalbano einmal wieder Signorina Clementina, der Grundschullehrerin. Als der Detektiv sie fragt, ob sie Kriminalromane lese, antwortet sie, dass ihr das Etikett nicht gefalle. Dann erzählt sie in wenigen Sätzen die Geschichte des Ödipus: Da habe es einst den „capo di una città“ gegeben, den Hauptmann einer Stadt, die von einem Unglück nach dem anderen heimgesucht worden sei. In diesem Sinne wird Andrea Camilleri den größten Teil seines Schaffens verstanden haben: als den Versuch, einer in sich vielfach differenzierten und tief in die Vergangenheit zurückreichenden Welt Ausdruck zu verleihen, der durch zwei Motive zusammengehalten wird: durch Sizilien und durch die Suche nach dem Verbrecher. Am Mittwoch ist Andrea Camilleri im Alter von 93 Jahren in Rom gestorben.

Ich denke ja garnichts, ich sage es ja nur.

„Ich denke ja garnichts, ich sage es ja nur.“
Ödön von Horváth und das Theater
bis 11.2.2019 im Theatermuseum

Ödön von Horváth hat sich als „Chronist seiner Zeit“ gesehen und an einer steten „Demaskierung des Bewusstseins“ mittels Literatur gearbeitet. In seinen genialen Dialogen werden die engen Verflechtungen von Erotik, Ökonomie und Politik freigelegt – Verflechtungen, die bis in unsere Gegenwart fortwirken. Mit seiner Durchdringung der kleinbürgerlichen Sprache, pointiert gefasst im Begriff des „Bildungsjargons“, seiner konzisen Sprachkritik und seinen „irren Sätzen“ (Peter Handke) wirkte er stilprägend für die deutschsprachige Literatur nach 1945. In der aufwendig inszenierten Ausstellung des Theatermuseums werden am Beispiel der Dramen Geschichten aus dem Wienerwald, Kasimir und Karoline und Italienische Nacht die politische Substanz und brisante Aktualität von Horváths Dramatik deutlich.

Die Ausstellung wurde von Nicole Streitler-Kastberger und Martin Vejvar kuratiert und von Peter Karlhuber gestaltet.

Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher

Peter Turrini – Nachrichten aus Österreich
Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher
Rede anläßlich einer Republiksfeier des SPÖ-Parlamentsclubs 30. Oktober 2018
Verehrte Menschen! Liebe Freunde!
Bruno Kreisky, hinlänglich verblichen und daher von aller Welt nachhaltig verehrt, führte in den 70er- und 80er-Jahren immer wieder Gespräche mit Künstlern, unter anderem auch mit mir. Ich erinnere mich an eine Argumentation von ihm, daß es nicht auf alles eine politische Antwort gebe, manches komme schlicht und einfach aus den Untiefen des menschlichen Charakters. Seine Worte haben mir damals eher mißfallen, weil ich alles für politisch hielt und daher auch alles für politisch lösbar.
Dieser Meinung bin ich heute nicht mehr.
Ein Gespenst geht um in Europa, nichts Unmenschliches ist ihm fremd. Es scheint, als sei ein Wettrennen darüber ausgebrochen, wer der größere Feind des Nächsten ist, wer die Schwächeren am besten verhöhnen kann. Der politische Begriff des Rechtsrucks greift zu kurz, hier geht es auch um den Charakter des einzelnen. Ich habe daher meiner Rede den Titel gegeben: „Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher“.
Glauben Sie nicht, daß ich aus der Warte des besseren Menschen argumentiere. Die Seele ist nicht nur ein weites Land, dieses Land ist auch voller Widersprüche. Da hocken das Gute und das Böse in ein und derselben Brust erstaunlich nahe beieinander. Die entscheidende Frage, die ich Ihnen und mir selbst stelle, ist doch, auf welche Seite unseres vermischten Wesens wir uns stellen. Verbleiben wir in der Mieselsucht, in der Kleinkariertheit, in der Abschottung gegenüber dem Fremden, in der Ausgrenzung des Anderen, bei der Verhöhnung des Schwächeren, also in der Arschlochecke unseres Charakters, oder versuchen wir über uns selbst hinaus zu wachsen, indem wir anderen Menschen helfen?
Das ist nicht immer leicht. Wir hatten Flüchtlinge in unserem Haus, fallweise ziemlich viele, und wir hatten sie auf längere Zeit. Manchmal sind sie mir sehr auf die Nerven gegangen. Flüchtlinge entsprechen nicht unbedingt unseren Idealvorstellungen. Sie sind Menschen mit Ansprüchen und Widersprüchen. Und dennoch: Geblieben sind Zugehörigkeiten zu einigen von ihnen und das Gefühl, daß wir einander ähnlicher sind, als wir glauben.
Das Wort Rechtsruck, das wir oft und für vieles im Mund führen, deckt mehr zu, als es aufdeckt. Was sollte an einer rechten Überzeugung, die ich nicht teile, in einer Demokratie so grundsätzlich falsch sein? Und auch die äußerste Rechte, die Freiheitlichen, sind eine Partei im demokratischen Spektrum, zumindest dem Anschein nach. Demokratie, und da bin ich schon beim Thema dieser Veranstaltung, heißt doch wohl, Überzeugungen, Gedanken und Sätze zu ertragen, die einem gegen den Strich gehen. Ich gebe zu, daß mir dies manchmal sehr schwerfällt, aber es fällt mir wiederum leichter, wenn ich daran denke, daß den anderen mein Denken und Sprechen auch Probleme macht. Wir müssen einander aushalten und miteinander reden, notfalls mit gehobener Lautstärke und aller Leidenschaft. Aber diese Wollust der Ausgrenzung, ja der Vernichtung, die derzeit gegenüber dem anderen und dem Andersartigen mehr und mehr aufbrodelt, die müssen wir nicht ertragen, die müssen wir bekämpfen.
Eine bürgerliche Partei mit christlichen Wurzeln müßte gegen diese neue Barbarei auftreten, sie müßte mithelfen, daß Flüchtlinge wie Menschen behandelt werden und daß ihnen geholfen wird, soweit es irgendwie möglich ist. Man kann durchaus über das Mögliche diskutieren, man muß nicht auf dem Unmöglichen beharren. Eine demokratische Regierung, in welcher Zusammensetzung auch immer, müßte diesem grassierenden Fremdenhaß entgegentreten, doch das explizite Gegenteil geschieht. Beinahe täglich sind von der jetzigen Regierung Vorschläge zu hören, was man den Flüchtlingen noch alles wegnehmen und welche Unterstützungen man immer weiter kürzen könnte.
Eine Sozialministerin ist der Meinung, daß ein Flüchtling nicht mehr als 150 Euro im Monat braucht, um überleben zu können. Das ist übrigens laut Statistik jener Betrag, den Hundeliebhaber monatlich für Hundefutter ausgeben.
Sind denn alle verrückt geworden? Hat ein Land wie Österreich, welches in seiner Geschichte alle möglichen Ethnien aufgenommen und zum Nationalcharakter verschmolzen hat und gerade dadurch zu vielen kreativen Großtaten fähig wurde, seine Geschichte vergessen? In meiner Jugend war man stolz darauf, den flüchtenden Ungarn und den flüchtenden Tschechen großzügig Asyl gewährt zu haben, und dies zu Recht. Hat das Arschlochtum, der Rückzug auf die schlimmsten Seiten des Charakters, das sture und stumme Verharren in der eigenen Trägheit, einen Siegeszug durch die österreichischen Lande angetreten?
Dieser Weg in die Erkaltung der Herzen, dieser allerneueste Klimawandel, hat einen symbolischen Anfang und kein absehbares Ende. Anfang der 90er-Jahre erfand der deutsche Journalist und Autor Kurt Scheel das Wort „Gutmensch“. Er hatte den Begriff auf grüne Bundestagsabgeordnete gemünzt, die strickend im Parlament saßen und immer alles besser wußten. Damals gab es die ersten Überfälle von Neonazis auf Flüchtlingsheime in Deutschland. Häuser brannten, Menschen starben. Als einige wenige Bürger den Neonazis entgegentraten, wurden sie von diesen als „Gutmenschen“ verhöhnt. Scheel war entsetzt und versuchte, mit allen Mitteln dagegen vorzugehen, vergebens. Der Teufel war schon aus dem Sack.
Seither verwenden immer mehr Rechte in allen Bräunlichkeitsstufen und Mitläufer aller Dummheitsgrade diesen Begriff zur Beschimpfung von Menschen, die gegen Faschismus, Rassismus und Fremdenphobie auftreten, und gegen solche, die – zumeist unentgeltlich – in karitativen Organisationen arbeiten.
„Gutmensch“ ist zum großen Schimpfwort geworden, als wäre es höchst erstrebenswert, ein „Schlechtmensch“ zu sein.
Am 8. September 2015 geschah in Röszke, einem ungarischen Grenzort in der Nähe Serbiens, folgendes: Die ungarische Kamerafrau Petra László stellte einem syrischen Flüchtling, der ein Kind auf dem Arm trug und vor ungarischen Grenzpolizisten davonlief, ein Bein. Sie filmte die Szene: Der Mann fällt hin, begräbt das Kind halb unter sich, steht mühsam auf, das Kind weint, der Mann flucht. An dieser Stelle brach das Video ab. Das Video kam in die Medien, weltweit. Frau László verteidigte sich damit, daß sie Mutter von zwei Kindern sei und daß sie sich von den Flüchtlingen bedroht gefühlt habe. Das Video sprach eine andere Sprache. Schließlich sagte sie, sie könne sich ihr Handeln auch nicht erklären.
Kurz danach gab es ein anderes Vorkommnis an der ungarischen Grenze. Ein Flüchtlingskind fiel in den Morast, eine flüchtende Gruppe rannte auf das Kind zu. Der ungarische Kameramann Attila Kisbenedek riß das Kind an sich und lief mit ihm zur Seite. Die Menge wäre ansonsten über das Kind hinweggetrampelt. Petra László trat der rechtsradikalen Jobbik-Partei bei. Über das mutige Eingreifen von Attila Kisbenedek wurde in Ungarn geschwiegen.
Umso wort- und tatenreicher wurde die inzwischen staatlich verordnete Barbarei verbreitet. Wer Flüchtlingen in Hinkunft helfen wollte, mußte damit rechnen, vom Staat gerichtlich verfolgt zu werden. Bald war auch in Ungarn von „Gutmenschen“ die Rede, denen man das Handwerk legen müsse. Die Diskriminierung und Kriminalisierung von Hilfsorganisationen nahm immer mehr zu: Die „Ärzte ohne Grenzen“ wurden diffamiert und bei ihren Versuchen zu helfen behindert. Schiffe, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retteten, durften keine italienischen Häfen mehr anlaufen. Ein österreichischer Innenminister wollte Flüchtlinge in konzentrierte Lager verfrachten. Eine AfD-Abgeordnete antwortete auf die Frage, wie denn dies alles enden solle, mit zwei Worten: „Notfalls schießen“.
Die Höllenfahrt in die Unmenschlichkeit wird immer rasanter: Der Bürgermeister des süditalienischen Dorfes Riace, Domenico Lucano, wurde verhaftet und anschließend in die Verbannung geschickt. Er hatte in überwiegend leerstehenden Häusern seines Dorfes Migranten untergebracht. Noch im vorigen Jahr hatte Domenico Lucano dafür den Dresdner Friedenspreis bekommen. Matteo Salvini, der italienische Innenminister, vermeldete auf Twitter, diesem Speibkübel für unfeine Herren, er hoffe, die „Gutmenschen“ würden jetzt begreifen, daß es ihnen an den Kragen gehe. Das Wort „Gutmensch“ hat längst sein Herkunftsland Deutschland verlassen. Die „Aquarius“, das letzte private Rettungsschiff, welches Flüchtlinge in Seenot aufnimmt, wird wohl demnächst seine Hilfe einstellen müssen. Panama, unter dessen Flagge das Schiff fährt, hat mitgeteilt, daß es die „Aquarius“ aus ihrem Schiffsregister streichen will.
Im September 2018 starben mehr als 200 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer. Zyniker der Macht, zu denen ich auch den österreichischen Bundeskanzler Kurz zähle, sagen, es müßten noch mehr Menschen ertrinken, um die Flüchtlinge von einer Flucht über das Meer abzuhalten.
Und in Österreich? An der Entwicklung in diesem Land leide ich besonders. Es ist ja auch mein Land. Als Sohn eines italienischen Einwanderers, welcher nie so recht in der deutschen Sprache ankam und es nicht bis an den Stammtisch der Einheimischen schaffte, habe ich lange genug gebraucht, dieses Land als mein Land zu empfinden. Ich will es mir von einem adrett zugerichteten jungen Mann in der Bundeskanzlerpose und von einer Horde Burschenschafter in Ministerbüros nicht mehr nehmen lassen.
Diese Regierung ist politisch phantasielos und frei von Moral. Sie kommt ständig mit dem Anspruch des Neuen daher und ist uralt. Die rechten Regierungen nehmen den Schwächeren etwas weg und geben es den Stärkeren. Unter der lächelnden Maske verbergen sich Postengier und Herzenskälte. Das Rennen um Vermehrung der Kältegrade läuft.
Wie bei einem geplanten Coup ging man arbeitsteilig vor: Jeder hat seine Aufgabe und nachher teilt man die Beute. Herr Kurz bekam die Wirtschaft und schafft ein echtes Wirtschaftswunder für die Reichen und Herr Strache bekam die Polizei, das Militär, die Geheimdienste und sorgt seitdem dafür, daß wir uns tatsächlich wundern, was alles möglich ist.
In einer Art Ballspiel der Macht wurden die Staatsposten verteilt: Ihre Bezeichnungen wurden auf Bälle geschrieben, diese wurden in die Luft geworfen und die Postengierigen rauften sich darum. Jeder konnte behalten, was er fangen konnte. Eine ehemalige Generalsekretärin der ÖVP fing den Ball einer Präsidentin des Nationalrates, den sie aber gleich wieder fallenließ, weil ihr ein Ball mit der Aufschrift Ministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus attraktiver erschien. Ein ehemaliger Innenminister, bekannt für seine Bißwütigkeit, riß den fallengelassenen Ball des Parlamentspräsidenten an sich und lächelt seitdem zwanghaft vor sich hin. Als Spitzenfänger erwies sich der Präsident der Wirtschaftskammer, er ergatterte sieben Bälle, also sieben Posten. Der einzige, der zu tolpatschig war, um einen Ball zu ergattern, war Herr Kickl. Er ging trotzdem nicht leer aus, weil man den Ball mit der Aufschrift Innenminister schon vorher für ihn zur Seite geschafft hatte.
Was diese Regierung macht, ist nicht nur ein moralischer Umsturz, vom Anstand zur Unanständigkeit, sondern vor allem ein politischer. Arbeiterrechte werden reduziert, Frauenvereinigungen wird die Unterstützung entzogen und Organisationen, die Immigranten helfen wollen, werden abgedreht. Alles soll in einer einzigen Behörde zusammengefaßt werden, eine eigene Agentur für Fremdenwesen soll geschaffen werden, in dem von der Beratung der Flüchtlinge bis zur Abschiebung alles in den Händen von Beamten des Innenministeriums liegt. Private Hilfsorganisationen, Rechtsanwälte, Helfende sollen nichts mehr mitzureden haben. Das ist ein Staatsstreich in Zeitlupe gegen die Zivilgesellschaft, immer ein bißchen weiter nach rechts ins Menschenfeindliche, bis man dort ist, wo Herr Salvini und Herr Orbán schon sind.
Von muslimischen Männern sagt man, sie würden mit ihren Frauen besonders respektlos umgehen. Von der gegenwärtigen Regierung wurden viele Projekte von und für Frauen gekürzt oder gestrichen. Es sind sehr viele und ich zähle nur einige auf:
Das autonome Frauen- und Lesbenzentrum in Innsbruck wurde um 100 % gekürzt.
Das Nova-Lernzentrum in der Steiermark wurde zu 100 % gekürzt.
Der Arbeitskreis für Emanzipation und Partnerschaft in Innsbruck wurde um 20 % gekürzt.
Der Dachverband der burgenländischen Frauen, Mädchen und Familienberatungsstellen wurde gekürzt.
Die Projektförderungen der autonomen österreichischen Frauenhäuser wurden gekürzt.
Das Ansuchen für den Dokumentarfilm „40 Jahre Frauenhausbewegung“ wurde nicht bewilligt.
Die Förderung der feministischen Buchhandlung Chicklit wurde zu 100 % gestrichen.
Die Beratungsstelle Courage wurde um 10 % gekürzt.
Der österreichische Frauenring wurde um 20 % gekürzt.
Der Verein ARGE Frauengesundheitszentrum wurde um 100 % gekürzt.
Alle Frauen- und Mädchenberatungsstellen wurden gekürzt.
Die Genderabteilung im Sozialministerium wurde aufgelöst.
Wenn es also stimmen sollte, daß Muslime frauenfeindlich sind, dann muß diese Bundesregierung aus lauter Muslimen bestehen.
Eine der wichtigsten Einrichtungen, das sogenannte Jugend-College, wird gemeinsam von Diakonie, Caritas und der Gemeinde Wien betrieben. Dort wird für tausend hauptsächlich junge Flüchtlinge Basisbildung vermittelt, um ihre Integration zu ermöglichen. Dieses so wichtige College wurde heuer um 50 % gekürzt und soll nächstes Jahr völlig aufgelöst werden.
Alle Programme, alle Einrichtungen, welche mithelfen sollen, die Konflikte zwischen Einheimischen und Flüchtlingen zu lösen, Lernräume für ausländische Kinder zu schaffen, wurden gekürzt oder aufgelöst.
Die Mittel für Deutschkurse wurden generell gekürzt.
Junge Flüchtlinge, die einen Asylantrag gestellt und einen Ausbildungsplatz als Lehrling gefunden haben, wurden und werden abgeschoben.
Die Wahrheit ist: Diese Regierung will keine Integration.
Gefördert hingegen werden rechtsextreme Medien wie beispielsweise die Internet-Zeitung „Unzensuriert“, deren Chefredakteur in Herrn Kickls Büro sitzt. Oder die Zeitschrift für die gehobene Hetzerei, „Zur Zeit“. Oder das antisemitische Blatt „Alles Roger?“ oder der rechtsextreme „Wochenblick“ und so weiter. Es geht immer weiter ins Rechtsextreme, aber ich wiederhole mein Argument, daß damit nicht alles erklärt ist. Herr Gudenus hat einen afghanischen Flüchtling, der in Österreich als Lehrling arbeitet, zum Sympathisanten einer Terrororganisation erklärt. Als sich das Ganze als Lüge herausstellte, hat er den Irrtum seiner Recherche zwar bedauert, war aber zu keiner Entschuldigung gegenüber dem Lehrling bereit. Herr Gudenus gehört sicher zum Stoßtrupp der Rechten, aber er ist auch ein Riesenarschloch. Ich widerrufe diesen Ausdruck und verfeinere meine Wortwahl: Herr Gudenus ist ein sozial verwahrloster Mensch.
Herr Kickl verkündet die Absicht, bei einem Menschen, der einer Straftat verdächtigt wird, die Nationalität zu nennen, sofern dieser ein Migrant ist. Ich halte das für eine mehr oder weniger unverhohlene Aufforderung zur Menschenjagd. Die meisten Menschen töten nicht, rauben nicht, vergewaltigen nicht, aber die meisten Menschen halten die meisten Menschen für fähig, solche Taten zu begehen, vor allem, wenn es sich um Ausländer handelt. Sie wirken, angeleitet von den Hirnlöchern in den Boulevard-Zeitungen, förmlich erlöst, wenn wieder jemand dingfest gemacht wird.
Die verdächtigen Eigenschaften, welche Menschen bei anderen Menschen, hauptsächlich Fremden, wahrnehmen, schlummern zumeist in ihnen selbst. Die Ungeheuer, die man überall sieht, rumoren unsichtbar in der eigenen Brust. Die Vorstellung, die Hölle seien immer die anderen, ist die verbreitetste und unrichtigste. Die Kindesmißhandlungen, die Frauenmißhandlungen begeht höchst selten der dunkle Mann im Park, sondern fast immer der eigene Vater oder Gatte hinter verdeckten Fenstern. Hinter den scheinbaren oder tatsächlichen Taten von wenigen verstecken sich die Abgründe von vielen.
Herr Strache betont immer wieder, daß seine Partei nicht rechtsradikal sei, dann sagen wir es eben anders: Sie ist radikal rechts. Und wenn im Keller einer schlagenden Verbindung Liedtexte gefunden werden, in denen man verspricht, noch eine weitere Million Juden zu ermorden, dann kann man wohl annehmen, daß solche Sätze nicht nur in den Tiefen des Kellers, sondern auch in den nicht mehr faßbaren Untiefen der Charaktere dieser Leute lauern. Und wenn der Kellermeister zwar suspendiert, aber nach einigen Monaten wieder inthronisiert wird, dann ist jegliche Schamgrenze in dieser Republik bei weitem überschritten.
Immer wenn Mitglieder der FPÖ einen braunen Rülpser von sich geben, oder noch schlimmer, ein solches Gedankengut erbrechen, dann sprechen sie nachher von einem Mißverständnis. Wer das Wesen dieser Partei besser verstehen will, der muß nur die Mißverständnisse einer einzigen Woche zusammenzählen.
Und Herr Kurz? Er schweigt zu alldem, und das macht ihn zunehmend zum verlängerten Braunen. Am Anfang seines politischen Weges war er mir nicht ganz unsympathisch. Kübel voller Häme ergossen sich über ihn, ob seiner Jugend und außerdem hatte er eine sachliche Art mit Flüchtlingen und über Flüchtlinge zu reden. Irgendwann muß er entdeckt haben, daß es zielführender ist, sich selbst und andere zu verraten, um schneller voranzukommen.
Es gibt eine Karikatur von Gerhard Haderer, die nicht abgedruckt wurde, auf der man Herrn Kurz mit einem braunen Haufen auf dem Kopf sieht. Er schaut angestrengt in eine imaginäre Menge, der Gestank ist ihm ganz nah und er sagt: „Braune Haufen, wo?“ Seinen Gesichtsausdruck nennt man Message Control.
Herr Kurz ist eine einzige Oberfläche geworden. Er ist kein Mann ohne Eigenschaften, sondern einer mit sehr vielen, vor allem solchen, die gerade gefragt sind. Er hängt sein Mäntelchen immer in jenen Wind, den er selbst erzeugt. Ständig redet er von der Balkanroute, die er geschlossen hätte, und wenn das keiner mehr hören kann, spricht er von Anlandezentren in Afrika. Und als auch diese sich als Windwachelei entpuppen, erfindet er die nächste. Populisten wie ihm, diesen Wellenreitern des Augenblicks, fällt immer etwas ein.
Er vertritt eine Meinung und sieht von ihr ab, wenn ihm eine andere opportuner erscheint. Er nennt arbeitende Menschen Durchschummler, will sie aus dem Faulbett sozialer Überversorgung herausholen, und wenn ihm solches politisch nicht guttut, erklärt er, daß er ein Herz für Arbeiter hätte, schließlich sei sein Vater einmal arbeitslos gewesen. Dieser Mann sagt alles, besonders das Gegenteil. Er herzt sich mit Orbán, und als diese Zungenküsserei schal wird, stößt er ihn von sich. Es wird wieder eine Gelegenheit zur Umarmung geben, ganz wird er seinen Geistesbruder schon nicht auslassen.
Herr Kurz versammelt als Erlöser seine Gläubigen auf einem steirischen Kernölberg und speist sie mit gemeinsamen Selfies. Es ist wirklich ein Wunder, in welch lichten Höhen die politische Oberflächlichkeit dieses Landes gerade versinkt.
Regierungen leben nicht in Übereinstimmung mit ihren Untaten. Immer muß ihrem Machtbedürfnis ein edles Motiv unterschoben werden, vorwiegend dieses: Die Maßnahmen der Regierung seien ja letztendlich im Interesse der Betroffenen. Letztendlich garantiere der 12-Stunden-Tag mehr Freizeit für die Arbeitnehmer. Letztendlich sei eine Abschiebung für Flüchtlinge preislich günstiger als eine Rückkehr auf eigene Kosten in ihr Ursprungsland. Und selbst das Einsperren und Wegsperren von Asylwerbern in konzentrierte Lager würde letztendlich zu deren eigener Sicherheit beitragen. Hier wird mit dem Brustton der Überzeugung die Verschlechterung der Lage von Arbeitern, Minderheiten und Flüchtlingen als gute Tat für die Betroffenen ausgegeben.
Auch ich möchte ein Foto machen, eine Art Momentaufnahme dieser Regierung. Was wir vor uns haben, was wir sehen, sind des Kaisers allerneueste Kleider: Die Niedertracht als Staatsgewand.
„Wer hier nicht ist, der ist gar nicht.“ Dies sagte Herr Rosam, ein Werbechef, bei einem Treffen von sogenannten Stützen der Gesellschaft. Das ist die präziseste und größenwahnsinnigste Beschreibung unserer derzeitigen Gesellschaft. Manche sind außersehen und im Lichte, und der Rest ist Lurch, den gibt’s gar nicht.
Ich möchte über die Mißachtung reden, welche diese Regierung und ihre Apologeten gegenüber der Arbeiterklasse betreiben. Die Epizentren dieser Verachtung sind die bürgerlichen Freßveranstaltungen, die Events mit Buffet. Die am häufigsten geäußerten Sätze bei solchen Zusammenrottungen der feineren Art lauten, daß diese oder jene Opernsängerin das hohe C mühelos erreicht hätte und daß heutzutage schon jeder Prolet einen Mercedes fahren würde.
Die Arbeiterklasse wird ununterbrochen verdächtigt: der Lohntreiberei, der Sozialschmarotzerei und der Faulenzerei.
Außerdem sei sie ja historisch überholt, und daher gebe es sie eigentlich gar nicht mehr. Diese Suada der Abwertung setzt nur aus, wenn die eigene Wohnung billig renoviert werden soll oder das Abflußrohr des WCs verstopft ist. Dann muß die angeblich nicht vorhandene Arbeiterklasse dringend her und möglichst schnell wieder weg.
Seit die kapitalistische Ideologie auf allen Ebenen triumphiert, hat sie aufgehört, eine solche zu sein, und hat sich selbst in den Stand einer Religion erhöht. Das oberste Dogma, sozusagen der erste Verkündigungssatz dieser neuen Religion, lautet: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht es allen gut.“ Dieser Glaubenssatz wird vom ORF, einer Art Ashram der neuen Religion, ständig wiederholt. Der erste Teil dieses Konditionalsatzes ist ja auch wahr. Der Wirtschaft, oder genauer gesagt ihren führenden Betreibern, geht es gut.
In den letzten zehn Jahren sind die Gagen der Manager um mehr als das Hundertfache im Vergleich zu den Mindestlöhnen von Arbeitern oder gar Arbeiterinnen gestiegen. Solche Gagen werden bezahlt, weil die Gewinne der Firmeneigner in noch wesentlich größerem Maße gestiegen sind. 80 Prozent des Aktienkapitals befinden sich in Österreich derzeit in der Hand von zwölf Familien. Immer mehr Grundbesitz sammelt sich bei immer weniger Leuten an. Der allseits bekannte Satz, „die Reichen werden immer reicher“ läßt sich nur noch mit einem Wort aus der Sportsprache erweitern: Sie werden es immer rasanter.
Der zweite Teil des Verkündigungssatzes „Geht’s der Wirtschaft gut, geht es allen gut“, also die Feststellung, daß das Wohlbefinden von wenigen zum Wohlergehen aller führt, ist schlicht und einfach unwahr. Der Anteil der Löhne von Arbeitern und Arbeiterinnen am Volkseinkommen ist in den letzten zehn Jahren von 71 auf 58 Prozent gesunken. Laut Statistik gibt es in Österreich 1.563.000 Menschen, die man als armuts- und ausgrenzungsgefährdet bezeichnet. Diese Zahlen spiegeln nicht nur die politische Gleichgültigkeit der derzeitigen Regierung wider, sie zeigen auch die Versäumnisse vergangener Regierungen auf.
Wer ein Lohnempfänger ist, mußte sich in den letzten Jahren als Dauersünder empfinden, denn er war ein Verursacher von Lohnnebenkosten. Wovon ich nichts oder nur selten höre, das sind die Gewinn-Nebenverschiebungen von jenen Millionen und Milliarden, welche größere Unternehmungen an der Versteuerung vorbei ins Ausland verschieben. Das sind nach sehr vorsichtigen Schätzungen jährlich zehn Milliarden Euro. Aber auch Gewinne, die deklariert werden, werden von Großunternehmungen nicht versteuert. So beziffert (inoffiziell) eines der größten Wiener Finanzämter den Stand seiner uneinbringlichen Forderungen auf 8 Milliarden Euro. Auf meine Frage, warum es hier keine gerichtliche Verfolgung gibt, bekomme ich die (inoffizielle) Antwort, die Akten würden „nach oben“ gehen und dort entschwinden. Dieser liturgische Vorgang ist nicht Teil der Verkündigung.
Gegen diesen Raub am österreichischen Volksvermögen vorzugehen wäre eine mutige Aufgabe für den jungen Kanzler gewesen. Stattdessen geht er gegen Flüchtlinge und Arbeitslose und alleinerziehende Frauen mit geringem Einkommen vor, um ihnen das Leben noch schwerer zu machen.
Diese Verachtung für die Arbeiterklasse gilt auch ihren politischen Vertretern. Der unvermeidliche Herr Gudenus beschreibt in einem Interview das Ziel dieser Regierung: Der Arbeiter soll endlich aus seiner Bevormundung durch die Funktionäre befreit werden. Und der Chef der Jungen Industriellen assistiert ihm: In seinem Betrieb würden er und seine Arbeiter keine Funktionäre brauchen.
Es lohnt sich, die alten Publikationen des Ständestaates zu lesen. Nachdem man die Arbeiterklasse und ihre Vertreter politisch – und teilweise auch physisch – vernichtet hatte, schrieb man folgendes: „Hader und Streit verläßt nunmehr unser Volk. Der werktätige Mensch, befreit von seiner Klassenzugehörigkeit, und einem ins Niemandsland führenden Internationalismus, wird hinübergeführt in die Zugehörigkeit zum gesamten österreichischen Volke. Er braucht keine Klassenvertreter mehr, keine Funktionäre der Spaltung, er ist frei und gliedert sich seinem Stande gemäß freiwillig in das Volksganze ein. Gemeinsam und begleitet von Gottes Segen marschieren wir den lichten Höhen einer strahlenden Zukunft entgegen.“ Der Marsch führte direttissimo in den Austrofaschismus.
Ich sage nicht, daß die derzeitige Regierung eine austrofaschistische ist, außer man hält das manchmalige Wacheln mit Dollfuß-Devotionalien für bedrohlich. Ich rede davon, daß eine Sehnsucht nach autoritären Verhältnissen unsere Geschichte durchzieht, nach Aufhebung der Widersprüche, dem Ende von Streit und Hader, nach Friede, Freude, Fahnen und Marmorkuchen. Diese Sehnsucht ging und geht immer auf Kosten der Arbeiterklasse: Sie soll ihre Errungenschaften preisgeben, sie soll aus ihren Organisationen austreten, sie soll ihre Funktionäre verächtlich machen lassen, sie soll alle ihre Organisationsformen auflösen, und das nennen sie dann die Wiedergewinnung der persönlichen Freiheit.
Für viele arbeitende Menschen, vor allem solche, die nicht in den Metropolen wohnen, die pendeln müssen, bedeutet diese Freiheit folgendes: Eine bis zwei Stunden Fahrt zum Arbeitsplatz, zwölf Stunden Arbeit, eine bis zwei Stunden Heimfahrt vom Arbeitsplatz, Eintreffen in der eigenen Wohnung meist erst lange nach Eintritt der Dunkelheit, eine bleierne und traumlose Nacht und die ewige Hoffnung auf einen Hauptgewinn im Lotto.
Wir leben in einem System, das am Ende alle auffrißt. Auch etliche Manager, mit oder ohne Boni, kommen im Dunkeln nach Hause, müde und leer, nachdem sie tagsüber die umfassende Entschlossenheit gemimt haben.
Ein nicht unerheblicher Teil der österreichischen Arbeiterklasse hat ein etwas dunkleres Gesicht. Die sommerlichen Erntehelfer, die zumeist aus Bulgarien und Rumänien kommen, arbeiten zwölf Stunden und bekommen dafür im Durchschnitt 2,50 Euro pro Stunde. Wenn Schlechtwetter aufzieht, wenn es Regen und Sturm gibt, entfällt die Arbeit, aber auch der Lohn. Der gesetzlich vorgeschriebene Lohn liegt bei etwas über sechs Euro, aber fast kein Arbeitgeber in Österreich hält sich daran. Man muß sich das vorstellen: Zwölf Stunden in der sommerlichen Hitze durcharbeiten für 2,50 Euro pro Stunde.
Auf den österreichischen Baustellen, auch dort mehrheitlich dunklere Gesichter, arbeiten viele, die überhaupt nicht gemeldet sind. Wenn man die Baustelle betritt, verschwinden sie sehr schnell. Die Subfirmen, die sie schicken, bezahlen ihnen im Schnitt etwas mehr als zwei Euro pro Stunde. Laut Kollektivvertrag müßten es 12,88 Euro sein.
Österreich ist ein partieller Sklavenhalterstaat mit der höchsten Anzahl an Festspielen. Warum so viele, vor allem höhere Repräsentanten der Sozialdemokratie, geradezu rudelartig bei Festspielen auftauchen, aber noch kaum bei ausgebeuteten Erntehelfern zu sehen waren, können Sie besser beantworten als ich. Vielleicht ist es wichtiger, bei großen Festivals zu repräsentieren, wir sind ja eine repräsentative Demokratie. Bevor man in die Abgründe dieser Gesellschaft schaut, schaut man lieber zur Seite. Das nennt man Seitenblicke. Man kann auch in schlechte Gesellschaft geraten, indem man sich zuviel in der guten Gesellschaft aufhält.
Möglicherweise glorifiziere ich die Arbeiterklasse, aber es ist für mich in Ordnung, daß sie, die vielgeschmähte und immer wieder für tot erklärte, etwas Glorie abbekommt. Ich weiß auch, daß viele Arbeiter, viel zu viele, die FPÖ wählen, und ich kann nicht überhören, welche Blödheiten sie manchmal über Flüchtlinge von sich geben. Ich tröste mich dann, daß die Unterstellungen aufhören, wenn sie miteinander pfuschen und auf ein Bier gehen. Mein wirklicher Widerwille gehört den akademisierten Fremdenhassern, die keinen persönlichen Kontakt zu Flüchtlingen haben, aber mit Zahlen und Tabellen bewaffnet vom kommenden Untergang des Abendlandes faseln.
Manche werden glauben, ich sei ein Propagandist des Klassenkampfes. Das war ich einmal und bin es nicht mehr. Als ich in den 70er- und 80er-Jahren ausführliche Lesetourneen in den damals sozialistischen Ländern machte, lernte ich etliche Staatsvertreter kennen. Die Leute waren kein Widerwort mehr gewohnt und gewöhnten sich an die permanente Rechthaberei. Wer immer das letzte Wort im Politischen wie im Persönlichen hat, weil er die uneingeschränkte Macht hat, wer mit keinem Widerspruch mehr rechnen muß, wer für seine Ideen und Überzeugungen nicht mehr streiten muß, weil alles schon entschieden ist, wer also immer das letzte Wort hat, der läuft Gefahr, daß es das dümmste ist. Ich bin für Parität, ich bin für Auseinandersetzungen jeglichen Hitzegrades, ich bin für gleichberechtigte Streitparteien, ich bin, wenn Sie so wollen, für Don Camillo und Peppone.
Und dennoch findet ein Klassenkampf statt, und zwar von oben nach unten. Diese Regierung nimmt den Schwächeren und gibt den Reicheren, und trotz aller Jonglierkünste dieses populistischen Kanzlers zahlen am Ende die Arbeiter, die Arbeitslosen, die alleinerziehenden Mütter mit niedrigem Einkommen und die Flüchtlinge drauf. Die Heilsverkündungen der neuen Religion bedeuten für sie kein Heil, sondern Unheil.
Diese Regierung sagt anderes, aber sie redet ja am liebsten mit sich selbst.
Es heißt immer wieder, daß die Sozialdemokratie noch nicht in der Opposition angekommen sei. Das ist möglich, aber ich stelle eine Gegenfrage: Ist diese Regierung schon in der Demokratie angekommen? Sie verweigert das Gespräch mit der Arbeiterklasse und ihren Funktionären, sie versucht Betriebsräte mundtot zu machen, und das hat nichts mit Demokratie zu tun.
Auch an die Funktionäre der Sozialdemokratischen Partei habe ich eine Frage: Ist das Innenleben Ihrer Partei so desaströs, daß Ihre Vorsitzenden nichts wie weg wollen? Als Autoverkäufer nach Argentinien, als Handlanger zu kasachischen Potentaten oder wohin auch immer. Oder ist das Innenleben der Parteivorsitzenden so desaströs, daß der Wink mit mehr Geld zur Jobhopperei und zum Verlassen aller Prinzipien führt?
Ich weiß, daß Sie vieles von dem, was ich sage, schon wissen. Aber manchmal ist es wichtig, die beinahe täglichen Scheußlichkeiten zu rekapitulieren, um das ganze Panorama der Barbarei sichtbar zu machen. Es droht die Gefahr, daß aus dem Täglichen das Alltägliche wird.
Ich glaube nicht, daß wir in eine braune Vergangenheit stolpern, schon eher in eine feige Zukunft. Wann immer sich die Demokratie in diesem Lande verengt, wenn der Kampf um die Posten härter wird, steigt die Hosenscheißerei. Das Maulen in den Kantinen und in den Gängen nimmt zu, aber wenn es darum geht, der obrigen Stelle seine Meinung zu sagen, wird es still. Und wenn man die Leute fragt, warum sie ihr Maul nicht aufgemacht haben, dann heißt es, sie hätten zwar laut „Jawohl“ gesagt, aber einen tiefen inneren Widerstand dabei empfunden. Manchmal habe ich das Gefühl, das ganze Land befindet sich derzeit im inneren Widerstand.
Ein kurzes Beispiel in eigener Sache: Vor dem Sommer wollte der ORF mit nachhaltiger Willensbekundung die Stücke „Auf der Flucht“ von Daniel Kehlmann und mein Stück „Fremdenzimmer“, die derzeit am Theater in der Josefstadt gespielt werden, aufzeichnen. Beide Stücke handeln von Flüchtlingen. Am Ende des Sommers wurde mit der Begründung, es gebe für diese Stücke „keinen Raum im Programm“ die Aufzeichnung abgesagt. Das kann von ein paar Feiglingen ausgegangen sein, die sich im Geiste der neuen Herren verhielten, oder wir sind einfach nicht gut genug für die qualitativ so besonders hochstehenden Maßstäbe des ORF.
Am Ende des Sommers habe ich damit begonnen, ein neues Theaterstück zu schreiben. Ich erzähle Ihnen kurz den Plot des Stückes: Ein Bundeskanzler, sein Name tut nichts zur Sache, er agiert im Hintergrund und tritt nicht persönlich auf, wünscht sich vom Chef des Aufsichtsrates einer großen Tageszeitung die Entfernung des liberalen Chefredakteurs. Der Aufsichtsrat heißt Hames, der Chefredakteur Eder. Die Nachricht von der bevorstehenden Entlassung des Chefredakteurs verbreitet sich wie ein Wirbelsturm in der Stadt. Etliche Vertreter einer kritischen Öffentlichkeit sind bereit, ihm beizustehen. Am nächsten Tag steht in der betreffenden Zeitung, daß der Chefredakteur seinen Posten an eine rechtsstehende Kollegin abgetreten hat. Dafür werde er Herausgeber und sei mit allem einverstanden. So schaut’s aus in Österreich, natürlich nur am Theater.
Wir alle haben Verpflichtungen, die unseren Mut in Grenzen halten: Wir wollen unseren Job nicht verlieren, wir müssen Kinder versorgen, wir müssen die Kreditraten zurückzahlen. Aber es gibt Zeiten wie diese, in denen wir einfach versuchen müssen, die Grenzen unseres Mutes etwas zu erweitern. Zu viel verschluckte Luft schadet der Demokratie.
Das Schöne, das ich zu berichten habe, kommt zum Ende dieser Rede, welches unmittelbar bevorsteht. Bei meiner sommerlichen Erkundung des Landes bin ich auf außergewöhnliche Menschen gestoßen: Auf junge Gewerkschafter, die von Feld zu Feld gezogen sind und versucht haben, die Erntehelfer über ihre Rechte aufzuklären. Menschen, vorwiegend Frauen, die Flüchtlingen halfen und dies als Bereicherung ihres Lebens bezeichneten. Junge Leute von der Caritas, vorwiegend Frauen, welche Flüchtlinge bei ihren Amtswegen begleiteten und ihnen bei vielen Alltagsdingen halfen, ehrenamtlich. Und selbst ein gestandener Gewerkschafter, Herr Muchitsch, bezeichnete die Verhältnisse am Bau als das, was sie sind: „Menschenhandel“. Solche klaren Worte lassen für die Zukunft hoffen.
Und noch eine Hoffnung habe ich: Spätestens dann, wenn die Straches dieser Welt im Altersheim liegen und jemanden brauchen, der ihnen den Hintern auswischt, werden sie merken, wie segensreich Zuwanderung ist.
Ich danke Ihnen fürs Zuhören!