📚 Frauenbeschimpfer (Nils Pickert)

Herzerwärmende Frauenbeschimpfer (Nils Pickert, 4.8.2020) im Standard
Von Frauen entzaubert zu werden bringt mächtige Männer schon mal in Rage – und nach Kritik hoffen sie gar auf Mitgefühl

Irgendwo muss es ihn geben. Diesen geheimen Club, bestehend aus einer kleinen Anzahl an Männern, die eine unüberschaubare Menge an Frauen mit sexistischen Beleidigungen überziehen. Allein in Frankreich immerhin 1,2 Millionen. Anders lässt sich das nicht erklären, dass Frauen im Straßenverkehr dafür als „Fotze“ beleidigt werden, dass sie sich bei einem rücksichtslosen Autofahrer darüber beschweren, als Radfahrerin fast totgefahren worden zu sein, aber gleichzeitig niemand solche Worte in den Mund nehmen würde beziehungsweise auch nur jemanden kennt, der so etwas tut. Oder doch?

Die Zahlen sind ja schon ziemlich eindeutig: Laut einer französischen Studie, die sich zur Analyse von sexistischen Beleidigungen den Zeitraum von 2006 bis 2016 angeschaut hat, werden 86 Prozent der Opfer von Männern angegangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen sexistisch beleidigt werden, ist etwa zehnmal höher als bei Männern. Es betrifft häufig Frauen unter 35, es wird ihnen zumeist in aller Öffentlichkeit direkt ins Gesicht geschleudert, und es geht dabei mehrheitlich um ihre äußere Erscheinung. Gerne auch aus Gruppen heraus und am liebsten von Männern, die einige Jahre älter sind als ihre weiblichen Opfer. Mit anderen Worten: Sexistische Beleidigungen gegen Frauen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Und Täter sind auch nicht nur einige wenige, irrelevante Männer. Wir reden unter anderem von dem 65-jährigen Republikaner Ted Yoho, der die 30-jährige Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez auf den Stufen des Washingtoner Kapitols „widerlich, gefährlich und irre“ nannte und vor Umstehenden noch ein „fucking bitch“ nachschob.

Anlass für diese Abfälligkeiten waren Äußerungen von Ocasio-Cortez, in denen sie über einen Zusammenhang zwischen um sich greifender Armut und steigenden Kriminalitätsraten spekuliert. Das ist ja aber auch ganz schön frech von so einer jungen Frau, dass sie ihren eigenen politischen Sachverstand bemüht, sich eine Meinung bildet, gewählt wird und in der Öffentlichkeit redet. Bundeskanzler Kurz hätte ihr womöglich wie der Journalistin Alexandra Wachter in aller gebotenen männlichen Herablassung attestiert, dass sie „über ein Hirn verfügt“. Und dem stellvertretenden Tiroler Landeshauptmann Josef Geisler wären vermutlich noch ein paar andere Beleidigungen außer „widerwärtiges Luder“ eingefallen. Neben der Tatsache, dass Mann offenbar wenig bis gar keine Skrupel hat, Frauen derart verbal zu belästigen und herabzusetzen, sind zwei Dinge besonders bemerkenswert.

Zum einen die Dünnhäutigkeit von Männern, die anscheinend mit der substanzlosen Oberflächlichkeit ihrer angeblich guten Manieren korreliert. Wenn man sich vor Augen führt, wie wenig offenbar notwendig ist, um sich zu derlei Verbalausfällen zu versteigen, dann scheint die bloße Existenz von Frauen in Führungspositionen, auf Podien, in politischen Entscheidungsgremien oder einfach nur auf der Straße schon Grund genug zu sein. Das, was Männer als Frechheit oder Anmaßung deuten, ist in den meisten Fällen einfach nur eine Frau, die etwas sagt. Die Position bezieht, anmerkt, kritisiert, vorschlägt und dabei nicht angesichts männlichen Dominanzgebarens in Ehrfurcht erstarrt. Und zum anderen fällt der großflächige Realitätsverlust dieser Männer auf. Die lächerlichen Lügen, mit denen sie ihr Selbstbild vom großzügigen Macher und „eigentlichen Frauenfreund“ inszenieren, der leider, leider bei dieser einen unglücklichen Begebenheit missverstanden wurde, obwohl er doch so ein herzensguter Kerl ist.

Josef Geisler hat sich nicht entblödet, seine Beschimpfung zu relativieren und obendrein noch zu behaupten, es sei eben mit ihm durchgegangen, weil ihm die WWF-Vertreterin Marianne Götsch ständig dazwischengeredet habe – obwohl das genaue Gegenteil der Fall war. Während Götsch ruhig und sachlich ihr politisches Anliegen vorträgt, brennt bei Geisler offenbar die „Wieso zur Hölle hat sich dieses widerwärtige Luder nicht längst vor mir in den Staub geworfen und gestanden, dass sie meiner nicht würdig ist“-Sicherung durch. Ähnliches gilt für den Republikaner Yoho, der sich in seiner passiv-aggressiven „Entschuldigung“ als Opfer geriert, hinter Ehefrau und Tochter versteckt, die qua Geschlecht beleumunden sollen, dass er kein Sexist sein kann, und sich zudem eben nicht „für seine Leidenschaft, seine Liebe zu Gott, zu seiner Familie und seinem Land“ entschuldigen mag.

Ist das nicht ergreifend! Wer da kein Verständnis dafür aufbringen kann, dass man eine junge Frau aus Vaterlandsliebe und emphatischer Gottesbegeisterung als „verdammte Schlampe“ bezeichnet, der hat kein Herz. Oder einfach die Schnauze voll von selbstgefälligen Männern, die nicht einmal vor der Dreistigkeit zurückschrecken, ihre Übergriffigkeiten mit dem angeblich ach so besorgten und väterlich-liebevollen Blick auf ausgerechnet diejenigen zu rechtfertigen, die sie beleidigen und herabsetzen. Sie können sich entscheiden. Entweder ist Sebastian Kurz ein so bedeutender Mann, dass er von einer Journalistin nicht mit solchen nachbohrenden Fragen belästigt werden sollte, und Josef Geisler immerhin noch wichtig genug, dass er Besseres zu tun hat, als sich mit durch Frauen vorgetragenen umweltpolitischen Forderungen auseinanderzusetzen.

Entweder ist Ted Yoho ein Held, der die schlimmen „kommunistischen Umtriebe“ von Alexandria Ocasio-Cortez einfach nicht mehr ertragen konnte. Oder wir haben es hier mit einer Version von Männlichkeit zu tun, die sich durch aufgeblasene Wichtigtuerei auszeichnet, deren hervorstechendstes Merkmal es ist, sich um keinen Preis ausgerechnet von Frauen entzaubern lassen zu wollen. Als Entscheidungshilfe empfehle ich Ihnen die messerscharfe Analyse von Ocasio-Cortez, die unmissverständlich klarstellt, warum sexistische Beleidigungen nicht hinnehmbar und vergiftete Entschuldigungen nichts wert sind.

Rep @AOC: „I do not need Rep. Yoho to apologize to me. Clearly he does not want to. Clearly when given the opportunity he will not & I will not stay up late at night waiting for an apology from a man who has no remorse over calling women & using abusive language towards women.“ pic.twitter.com/XKymFh3Oyf
— CSPAN (@cspan) July 23, 2020
Tatsache ist, dass nicht Frauen wie Alexandria Ocasio-Cortez, Marianne Götsch oder auch Alexandra Wachter Männer schlecht aussehen lassen. Männer lassen Männer schlecht aussehen. Und das sollten gerade Männer ihnen nicht länger durchgehen lassen. (Nils Pickert, 4.8.2020)

Manspreading (Doris Knecht)

Googel das doch bitte einfach mal selber
DORIS KNECHT — KOLUMNEN & ZOO, FALTER 46/19 VOM 13.11.2019

Die satirische Tagespresse titelte letzte Woche: „Erstmals ohne Manspreading U-Bahn gefahren: Mann fallen Hoden ab“, eine tipptopppräzise Antwort zu den Reaktionen auf die „Halt deine Beine zam“-Kampagne der Wiener Linien.

Würde man nur ganz isoliert den Shitstorm rezipieren, den diese Kampagne auslöste, man käme zu dem Schluss, die Wiener Linien hätten „Manspreading“ erst letzte Woche gemeinsam mit ein paar radikalfundamentalistischen Männerhasserinnen aus der Luft gegriffen und zu einem abartig-abstrakten, völlig unrealistischen Konstrukt aufgeblasen, um weiter auf die von #MeToo eh schon völlig gedemütigten Männer einzuprügeln und daraus schnelles Marketingkapital zu schlagen.

Man würde aus den Reaktionen nicht ableiten können, dass es sich um ein international seit Jahren debattiertes Problem handelt, auf das zahlreiche Metropolen mit öffentlichem Verkehr mit ähnlichen Kampagnen reagierten. Tokio kampagnisierte 2012 gegen Manspreading, New York 2015, Madrid 2017, Washington 2019. Der Guardian zeigt online eine kleine Sammlung weiterer Anti-Manspreading-Kampagnen, darunter eine des New York Board of Transportation aus dem Jahr 1947.

Aber bei uns wird das Thema wieder als eine dieser Debatten geführt, in denen Feministinnen jedes Mal ganz von vorne anfangen und Leuten das kleine Einmaleins erklären sollen, die eigentlich eh den ganzen Tag im Netz herumhoppeln und sich leicht selbst ergoogeln könnten, was, wie und wo zu einem Thema schon alles publiziert und debattiert wurde.

Stattdessen prasseln Wörter wie „aufhussen“ und „Vernaderung“ aggressiv auf die nieder, die es ohne Aggression begrüßen, dass die Diskussion nun auch in Österreich angekommen ist. Und letztlich kommt dann auch diese Debatte wieder an einem schon länger bekannten Punkt an: Wenn so viele Männer das nicht gern hören, vielleicht sollten wir’s dann lieber nicht mehr sagen? Das ist aber halt auch der Punkt, an dem wir entscheiden, ob wir das mit der Gleichberechtigung lieber lassen sollen, weil sie für viele Männer so unbequem und brüskierend ist. Weil sie alle schon so nervt.

Feminismus und der Kampf um Gleichberechtigung sind aber halt kein Beliebtheitswettbewerb. Natürlich hätten auch die Wiener Linien ihre Kampagne anders anlegen können, auf Twitter las ich von einer, ich glaube, schwedischen Metro-Kampagne, die ganz geschlechtsunspezifisch einen Sitz pro Person propagiert, was auch sitzergreifend abgestellte Taschen von Frauen einschließt und die Männer nicht so ärgert. Aber es sind nun mal meistens Männer, die im öffentlichen Verkehr mehr Platz beanspruchen, und wem es bisher noch nicht aufgefallen ist, dem wird es jetzt auffallen.

Das ist natürlich Absicht, das will die Kampagne bewirken: Sie verändert den Blick. Auch bei denen, die das Problem zornig bestreiten. Verhaltenskorrektur follows Bewusstsein follows Wahrnehmung; so.

FIRE movement

The FIRE (Financial Independence, Retire Early) movement is a movement whose goal is financial independence and retiring early. … Those seeking to attain the goals of FIRE intentionally increase the rate by which they save their income through simple living or generating secondary and passive streams of income.

Hide your phone during conversations

Having your phone visible when you are around others will immediately decrease the quality of your interactions. This is the so-called iPhone effect, and a 2014 study confirmed that the mere presence of a mobile device (even if switched off) made conversations less fulfilling. Another study found that a visible cell phone had negative effects on attention and on people’s ability to perform complex tasks. So, leave your phone in your bag and encourage your relationships to flourish.

European Way of Life von Erwin Seitz

Der American Way of Life ist veraltet. Unsere Zeit verlangt nach europäischer Lebensart: grünes Wachstum statt Konsumismus, Zusammenarbeit statt Wettbewerb, Erzeugermärkte statt Konsumtempel.

Europa entsteht
Lange sprach kaum jemand von Europa. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot benutzte den Begriff Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christus in seinen „Historien“ erstmals geographisch und politisch-kulturell. Östlich des Bosporus war für ihn Asien, wo die Perser der Monarchie huldigten, westlich Europa, wo die Griechen Freiheit und Gleichheit, Wissenschaft und Künste pflegten. Als aller- dings die Bedrohung durch die Perser abgewehrt war, verlor der Europa-Begriff wieder an Brisanz.
Erst als die Einheit der mediterranen Welt während und nach der Völkerwanderung auseinanderbrach und im Osten und Süden zwei neue Machtblöcke entstanden – das Oströmische Reich und das arabisch-muslimische Reich –, erinnerte man sich im Westen und im Norden wieder an den Europa-Begriff. In diesem nordwestlichen Europa entstand das römisch-katholische Frankenreich mit Gallien, Germanien, Nord- und Mittelitalien, eng verbunden mit Britannien. Karl der Große, der fränkische König, wurde in einem anonymen Epos von 799 als „Europas ehrwürdiger Leuchtturm“ gepriesen.
Mehrere Stämme, Nationen und Reiche – die romanisch- germanische Mischkultur des Frankenreiches, Briten, Wikinger, Ungarn und Slawen – waren verbunden über kirchliche Synoden der römisch-katholischen Kirche, in denen die gemeinsame lateinische Sprache der Kleriker vorherrschte, über politische Versammlungen und Heerzüge, Handel und Gewerbe.

Ora et labora
Entscheidende Entwicklungshilfe leisteten die Klöster, die seit der Epoche der Karolinger so gut wie überall im römisch-katholischen Europa den Regeln des Benedikt von Nursia folgten. Nach den unruhigen Zeiten der Völkerwanderung legte Benedikt Wert auf den Begriff der stabilitas loci, der Ortsgebundenheit und Beständigkeit. Nicht der Wandermönch war das Ideal, sondern jener, der in ein Kloster eintritt. Nur durch eine neue Form der Beruhigung und Beständigkeit schien Kultur wieder aufblühen zu können. Wenngleich Benedikt die Muße als vertrödelte Freizeit verachtete, schätzte er die Muße in Form von Gebet, Studium und Meditation, verbunden mit der Arbeit der Hände. Daraus wurde später die berühmte Formel ora et labora, bete und arbeite – ein kluger Rhythmuswechsel. Und eine frühe Form europäischer Lebensart.
In die Benedikts-Regel floss viel von den Weisheitslehren der griechisch-römischen Antike ein. So sollte der Abt des Klosters nicht unumschränkt das Sagen haben, sondern sich von den Mönchen beraten lassen. Die Menschen sollten zuhören, friedvoll zusammenleben, sich gegenseitig unterstützen, pünktlich sein und beständig im Tun, sollten die Ordnung wahren und die Gastfreundschaft pflegen. Diesen Tugenden wohnte bereits, mit Max Weber zu reden, ein „rationaler Trend“ inne, der für Europa wichtig werden sollte. Und diese Tugenden übertrugen sich auf die europäischen Bürger. Man sollte nicht einfach in den Tag hinein leben, sondern überlegt handeln und etwas schaffen. Man sollte genügsam sein und mit Hilfe von Disziplin gewisse Überschüsse erwirtschaften, um Bedürftigen helfen zu können. Das Handwerk wurde aufgewertet.
Die Essensregeln waren nicht allzu streng. Sie nahmen mediterrane Gepflogenheiten auf, ähnlich dem urbanen Stil, den bereits die altägyptische Wandbemalung im Grab des Nacht in Theben-West zeigte. Es wurden bekömmliche leicht verdauliche Dinge empfohlen: Fisch, Geflügel, Gemüse, Obst, ein Pfund Brot pro Tag und ein angemessenes Quantum Wein. Der Traum vom Klosterleben richtete sich nicht nur auf gute Dinge, sondern auch auf geistige Werte. Cassiodor, ein Zeitgenosse Benedikts, schwante, welcher antike Schatz verloren ginge, wenn man nicht neben der christlichen die weltliche Bildung ins Kloster holt. Die Sieben Freien Künste – Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie – sollten der christlichen Bildung vorausgehen. Wichtig waren die ersten drei: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, weil dadurch Lesen und Schreiben, Reden und Argumentieren, Erkennen und Begreifen gefördert wurden.

Großes Theater
Selbst wenn Europa vorläufig das monarchische Prinzip der spätrömischen Periode übernahm, ging der antike republikanische Gedanke hier nie unter. Die Gewaltenteilung zwischen Kaiser und Papst begünstigte die kommunale Bewegung. Vielerorts wurde die städtische Macht der Grafen und Bischöfe bald gebrochen. Führende Familien, die Geschlechter und Patrizier, Fernkaufleute und Handwerker, übernahmen das Zepter. Sie fanden Zutrauen zu sich selbst und kurbelten Handel und Gewerbe an.
Es schossen Orte und Städte aus dem Boden, die im übertragenen Sinn „großes Theater“ boten: mit magischer Mitte und beeindruckender Architektur, Marktplatz, Rathaus, Kathedrale, mit öffentlichen Räumen der Begegnung, mit geschicktem Handwerk, heimischen Delikatessen und Fernhandelswaren. Da und dort blieb die fürstliche Macht erhalten, und in manchen Städten gab es Paläste und Schlösser mit verfeinerter höfischer Kultur. So oder so entwickelte sich neben der klerikalen eine weltliche Sphäre, in der die Bürger eine wichtige Rolle spielten.
Immer wieder gibt es in der Geschichte neue Träume vom guten Leben, die dafür sorgen, dass sich die Menschen anders organisieren. Das Rollenspiel wurde im Laufe des Mittelalters komplexer, arbeitsteiliger, produktiver: Es gab Knechte und Mägde, Bauern und Handwerker, Mönche und Nonnen, Ritter und Bürger, Krämer und Fernkaufleute, Priester und Bischöfe, höfische Fürsten und Damen, Kaiser und Päpste, bald auch Schüler und Studenten, Lehrer und Professoren.
Der Eifer der Klosterschulen übertrug sich rasch auf die Domschulen, aus denen seit dem hohen Mittelalter Universitäten hervorgingen. Europa brachte den Typus des gebildeten Laien und Intellektuellen hervor, der die Prozesse der Zivilisation kritisch begleitet und Vorschläge für die Verbesserung der Verhältnisse macht. Spätestens seit der Frühen Neuzeit hieß das neue Mantra in Europa: „Wissenschaft und Künste“. Nicht länger der spekulative Gottesbeweis der Theologen, sondern sinnliche Erfahrung, genaue Beobachtung der Natur. „Empirie“, „Experiment“, „Fortschritt“ waren die Schlagworte, die Francis Bacon 1620 in seinem „Neuen Organ der Wissenschaften“ in den Vordergrund rückte. Zuversichtlich verkündete er: „Erwerbe sich nur das menschliche Geschlecht die Herrschaft über die Natur, wozu es von Gott bestimmt ist.“ Diese Auffassung war im Grunde ein alter Hut und entstammte dem Alten Testament: „Füllet die Erde und machet sie euch untertan.“ Nur sollten jetzt, in der Frühen Neuzeit, die Schätze der Natur methodisch erforscht und noch gründlicher genutzt werden. Vielleicht ließen sich dadurch nicht nur Luxus und Komfort für die oberen Zehntausend, sondern für die breite Bevölkerung schaffen?
Ein Vorwurf an die europäische Moderne lautet: Spätestens seit dem 18. und 19. Jahrhundert brächten philosophische Aufklärung und Naturwissenschaft mit Industrie und Technologie einen wachsenden Berg an Dingen hervor. Fürs persönliche Glück müsse immer mehr konsumiert werden: Autos, Kleider, Fernreisen, Liebschaften, Restaurants, gipfelnd im „American Way of Life“.
Während vormals Drohszenarien wie zornige Gottheiten oder das Jüngste Gericht am Horizont aufzogen, um die Menschen zur Mäßigung zu ermahnen, erscheint in der säkularen Welt die Apokalypse als „Kohlendioxidemission“, als gewaltiger Energieverbrauch mit Klimaerwärmung, Überschwemmungen, Dürregebieten. Der Mensch, so lautet ein Rezept, müsse sich radikal ändern.

Gemach!
Man sollte nicht das Gute mit dem Schlechten verwerfen. Denn es ist vergeblich, den Menschen die Vision vom besseren Leben auszureden. Es kommt vielmehr darauf an, solche Vorstellungen in naturverträgliche und menschenwürdige Bahnen zu leiten. Die Lust der Menschen an Sachen und Erlebnissen ist uralt. Nicht der überzogene Luxus Einzelner fällt bei Kohlendioxidemissionen ins Gewicht, sondern der allgemein gestiegene Lebensstandard.
So gut wie jede Familie oder jede alleinstehende Person hat heute in wohlhabenden Ländern eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus mit fließendem Wasser, Heizung und Strom; ein Badezimmer mit Dusche und Toilette; eine Küche mit Gas- oder Elektroherd, Kühlschrank, Geschirrspülmaschine, Kaffeemaschine, Mix- und Rührgeräten; Waschmaschine, Bohrmaschine, Staubsauger, Radio, Fernseher, Computer, Smartphone, Auto.
Kann man der Umweltgefährdung mit noch mehr technologischen Großprojekten beikommen? Durch noch stärkeres Manipulieren, beispielsweise durch Genveränderung bei Pflanzen und Tieren? Dem selbstfahrenden Auto, das dem „American Way of Life“ neuen Glanz verleiht?
Nein, die Traumbilder des 21. Jahrhunderts sind von anderer Art. Nicht harter Wettbewerb, sondern Zusammenarbeit dürfte die Devise sein. Nicht der Machtrausch technologischer Großprojekte, sondern die Summe behutsamer Schritte dürfte Wandel bewirken. Gefordert sind beruhigte, schonende und nachhaltige Formen des Konsums – Träume von grünem Wachstum, in denen das Auto oder das Flugzeug als Ikonen uneingeschränkter Mobilität und moderner Völkerwanderung eine geringere Rolle spielen, Träume von stärkerer Ortsgebundenheit, von echtem Menschsein, bei dem man sich nicht am Bildschirm, sondern hautnah begegnet. Da wäre die Freude am Konsum erneuerbarer Dinge, an handgemachten Sachen und handwerklichen Gütern: an feinen Lebensmitteln aus ökologischer Landwirtschaft – und daran, sie selbst zuzubereiten. Der Mensch wäre nicht der technologische Konsument, sondern ein kultiviertes Naturwesen.

Nachhaltigkeit und Lebensart
Zu den europäischen Schlagworten „Freiheit und Gleichheit“ sowie „Wissenschaft und Künste“ käme ein drittes Begriffspaar hinzu: „Nachhaltigkeit und Lebensart“. Womöglich vollzöge sich die Erneuerung der klassischen europäischen Stadt mit verdichteten und verkehrsberuhigten Strukturen, mit Fuß- und Fahrradwegen und bequemen öffentlichen Verkehrsmitteln. Es gäbe Städte, die in der Lage wären, ihre Geschichte zu erzählen, mit Hilfe von Denkmalpflege, Bauen im Bestand, behutsamer Ergänzung durch moderne energieschonende Architektur aus Glas und Holz, gegebenenfalls mit Rekonstruktion des historischen Stadtkerns. In der Mitte wäre der Marktplatz frei von Autos, aber voller Menschen.
Man wäre bescheidener und zugleich anspruchsvoller als der technologische Konsument. Immer öfter würde man die Elektronik- und Lebensmittelindustrie umgehen und fände in der Stadt Bauernmärkte und Markthallen, Museen und Konzertsäle, Opern und Theater, Schulen und Universitäten, Boulevards mit Geschäften und Kinos, Restaurants, Cafés, Bars mit Livemusik, Parks und grüne Auen mit Spielplätzen, Sportanlagen und Biergärten.
Statt Big Business gäbe es wieder mehr mittelständische Betriebe, steuerlich gefördert: Gärtnereien für Gemüse und Obst, Molkereien, Bäckereien, Metzgereien, Fischzüchter und Imker. Die Minister für Landwirtschaft, Handwerk und Gastronomie wären die klügsten Köpfe im Kabinett. Eine neue Generation von Landwirten würde, ähnlich wie es bei Weinbauern schon der Fall ist, neben einer Lehre auch ein Hochschulstudium absolvieren und Praktika im Ausland machen.
Womöglich verbände sich allgemein Hightech mit Handwerk, digitale Kommunikation mit Gesprächen von Angesicht zu Angesicht, Tätigkeit mit Muße. Gelegentlich gäbe es den Wechsel zwischen Stadt- und Landaufenthalt, seltener eine längere Reise. Nicht die Höhe des Gehalts wäre wichtig, sondern gutes Leben, zu dem auch Stille und Lesen gehören, Meditation und geistige Inspiration. Das wäre womöglich europäische Lebensart.

Der Text ist ein gekürztes Kapitel aus „Naturnahes Kochen“, dem neuen Buch von Erwin Seitz, das gerade bei Insel erschienen ist.

Erwin Seitz, geboren 1958 im fränkischen Wolframs-Eschenbach, als Sohn einer Gastwirts- und Metzgermeisterfamilie. Besuch der Benediktinerschule in Plankstetten und Ausbildung zum Metzger im elterlichen Betrieb. Ausbildung zum Koch nahe Nürnberg und Commis de cuisne im Hotel Kempinski in Berlin. Zivildienst am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der FU Berlin und am St. John´s College in Oxford, Promotion mit einer Arbeit über Goethes Autobiographie.
Seitz lebt als freier Journalist, Buchautor und Gastronomiekritiker in Berlin. Er war von 2002 bis 2008 Herausgeber von „Cotta´s kulinarischem Almanach“ und schreibt unter anderen für die FAZ, SALON, Cicero und die Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung. Im Insel Verlag erschienen seine Bücher „Die Verfeinerung der Deutschen“ (2011), „Kunst der Gastlichkeit“ (2015) sowie „Naturnahes Kochen“ (2018). Darüber hinaus ist Seitz Lehrbeauftragter an der Dualen Hochschule Heilbronn im Studiengang Food Management für den Kurs „Einführung in die Kulturgeschichte & Soziologie der Ernährung“.

Upholder (Gretchen Rubin)

Upholders respond readily to outer and inner expectations. They wake up and think: “What’s on the schedule and the to-do list for today?” They want to know what’s expected of them, and to meet those expectations. They avoid making mistakes or letting people down—including themselves. Others can rely on Upholders, and Upholders can rely on themselves. They’re self-directed and have little trouble meeting commitments, keeping resolutions, or hitting deadlines (they often finish early). They generally want to understand the rules, and often they search for the rules beyond the rules—as in the case of art or ethics. Because Upholders feel a real obligation to meet their expectations for themselves, they have a strong instinct for self-preservation, and this helps protect them from burn-out. However, Upholders may struggle in situations where expectations aren’t clear. They may feel compelled to meet expectations, even ones that seem pointless. They may feel uneasy when they know they’re not observing the rules, even unnecessary rules, or when they’re asked to change plans at the last minute. Others may find them rigid. There’s a relentless quality to Upholder-ness, which can be tiring both to Upholders and the people around them. Upholders embrace habits, and form them fairly easily, because they find habits gratifying. The fact that even habit-loving Upholders must struggle to foster good habits shows how challenging it is to shape our habits.

GOODGOODs

Die Initiative GOODGOODS hat es sich zum Ziel gesetzt, neue, nachhaltige Designprodukte für Leben & Haushalt mit sozialem Augenmerk und fairen Preisen unter einer eigenen Marke auf den Markt zu bringen.

Durch GOODGOODs werden praktische, nachhaltige Designprodukte, die von Menschen mit Lernschwierigkeiten oder körperlicher Beeinträchtigung gefertigt werden, unter eigener Marke auf den internationalen Markt gebracht. Die Initiative vernetzt Designer mit Werkstätten in denen Menschen mit Behinderungen arbeiten und gibt den Anstoß für neue Produkte. Die Marke wird Qualitätssiegel für Produkte aus sozial nachhaltigen Betrieben und der gemeinsamen Vertriebsplattform. Die Designer entwerfen einfache, nutzbringende Produkte für Leben und Haushalt. In den Werkstätten werden diese gefertigt, über die Plattform wird vertrieben und für die nötige Aufmerksamkeit gesorgt. Dabei geht es um den Wert der geleisteten Arbeit in den Werkstätten, den Stolz auf handwerkliche Qualitätsprodukte und für den Konsumenten um die Möglichkeit, durch deren Konsum, soziale Verantwortung zu übernehmen.

Qualitative, sinnvolle, handgefertigte Produkte mit hohem Designanspruch zu fairen Preisen, ohne Mitleid… so die Intention von GOODGOODS

Das ist ein glücklicher Moment

„Das ist ein glücklicher Moment.“
Dieses Mantra ist eine kleine Erinnerung an uns selbst und an andere, uns öfter auf den Augenblick zu konzentrieren. Außerdem ist es eine Botschaft der Liebe an diejenigen, die in diesem Moment mit uns zusammen sind. Dabei muss ein Augenblick nicht einmal besonders schön oder außergewöhnlich sein, um dieses Mantra zu sagen – denn jeder Augenblick hat seine schönen und glücklichen Seiten, und das können wir uns selbst nicht oft genug bewusst machen.

Selfmade-Strategie als Farce

Thomas D. Trummer über den neuen Ikea-Katalog
Das Kapitel auf Seite 96 betitelt sich “Gesammelte Geschichten”. Das Bild daneben glänzt in einer Variation aus Spiegellicht, Anthrazit und Messing. Auf einer Holzvitrine sind allerlei Dinge drapiert: eine Schreibmaschine, bernsteinfarbene Kugelleuchten, Fotoapparate unter Glassturz, gestreckte Schnürstiefel, eine russische Puppe und zwei japanische. Darüber hängt ein Flügelhorn, mehrere Rahmen und Postkarten in einer der Ecken. Im Regal befinden sich blickdichte Apothekerflaschen, ein Fernstecher, lederne Schachteln und ein Ventilator aus Messing. Es sind Zeugnisse aus einer Welt, in der Sammlerlust und Entdeckergeist noch analog und beschwerlich waren. Doch die Relikte im Stile des 19. Jahrhunderts blitzen feinsäuberlich, sind entstaubt von Firnis und Geschichte. Sie sind ihre Nachahmung, und deshalb – wie Marx sagen würde – eine Farce. Erst auf der folgenden Seite, die das selbe Regal in Schräg- und Untersicht anbietet, wird klar, worum es geht. Um die Heimeligkeit rund um das neue Sofa “FÄRLÖV”, das um 759.-€ angeboten wird. Ikea flüchtet aus dem Alltag und bietet seinen in die Jahre gekommenen Kund/innen den Charme jener aristokratischen Bürgerlichkeit und gediegenen Übersättigung an, die sie durch Fichtenfurniere, Klappsessel und Billy einst so erfolgreich verdrängte.
Interessant ist, dass die konservative Wende von einer zweiten gedoppelt wird. Der deutsche Buchhandel reagierte prompt auf den jüngsten Katalog des schwedischen Möbelherstellers. Das Branchenmagazin “Buchreport” bemängelt, dass keine Bücher mehr in den Regalen stehen. In früheren Ausgaben wären noch “Pippi Langstrumpf” und andere Klassiker zu sehen gewesen, nun seien sie ausgeräumt. Das Buch im Interieur: perdu. Es sei, so heißt es, nur ein einziger lesender Mensch zu sehen, der wird jedoch von Büchern geradezu erschlagen. Tatsächlich liegt ein junger Mann auf einem Sofa. Neben ihm eine schlanke Lampe und gestapelte Lektüre. Sonst nichts. Keine Dinge im grauen Raum. Kein Bildschirm, kein Ipad, kein Wlan. Unschwer ist zu bemerken, dass der vollbärtige Studiosus unter seinem Buch eingenickt ist und dabei dem “Schlafenden Endymion” nachgebildet ist. Aber eine gute Schlagzeile gibt das Erschlagen-Werden immer noch ab. Und die braucht die Branche, immerhin hat man fast 20% der Kund/innen zwischen 2013 und 2017 verloren. Nicht an Ikea, aber an die digitale Welt und ihre neuen Medien. Das Motiv des grausigen Bibliophilentods, das der Buchhandel hier entdeckt, stammt – wie könnte es anders sein – aus der Literatur selbst. Der Roman “Howards End” spielt im selben Milieu wie neuerdings Ikea, nämlich im konservativ-verkrusteten viktorianischen England. Eine der Hauptfiguren wird in dem 1911 erschienenen Buch von einem Bücherregal erschlagen.
Bemerkenswerter als die kulturkonservative Besorgnis der Buchhändler scheint mir die Seite 253. Hier zeigen sich die Zeichen der Zeit. Das “ICH-STELL-DICH-ZUR-SCHAU-REGAL.” “IVAR” ist zwar noch in Kiefer und einfach zu bauen, mit insgesamt nur vier Regalböden und wenigen Schraublöchern. Aber sein Inhalt bringt die prekäre Gegenwart zur Kenntlichkeit. Nicht nur der Bücher, auch der Möbel. Im Bild ist ein Regal zu sehen, darin allerlei rosa eingefärbter Nippes. Daneben eine junge Frau in ähnlich farbigem Sweater. Der Schlick klebt der Schöpferin noch an den Händen. Sie hat die Dinge bravourös versiegelt. Die Selfmade-Strategie, das zweite Markenzeichen der Möbelfirma, ist im Zeitalter des Kopierens dennoch zur Farce verkümmert. Köpfe, Tiere, Kandelaber und Vasen sind aus dem 3D-Printer. Warum nicht auch das Regal, seine Schrauben und die Löcher?!

Die Zeit, die flieht / Meine Seele hat es eilig

Die Zeit, die flieht / Meine Seele hat es eilig. von Mario de Andrade und / oder Ricardo Gondim
Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt, dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe. 
Ich fühle mich wie dieses Kind, das eine Schachtel Bonbons gewonnen hat: die ersten essen sie mit Vergnügen, aber als es merkt, dass nur noch wenige übrig waren, begann es, sie wirklich zu genießen.
Ich habe keine Zeit für endlose Konferenzen, bei denen die Statuten, Regeln, Verfahren und internen Vorschriften besprochen werden, in dem Wissen, dass nichts erreicht wird.
Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen , die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.
Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.
Ich will nicht in Besprechungen sein, in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.
Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten. Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.
Meine Zeit ist zu kurz um Überschriften zu diskutieren. Ich will das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile. Ohne viele Süssigkeiten in der Packung.
Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind. Menschen, die über ihre Fehler lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden. Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen. Die die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten. Es ist das, was das Leben lebenswert macht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die es verstehen, die Herzen anderer zu berühren. Menschen, die durch die harten Schläge des Lebens lernten, durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.
Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig, mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.
Ich versuche, keine der Süßigkeiten, die mir noch bleiben, zu verschwenden. Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden, als die, die ich bereits gegessen habe.
Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen, in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.
Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eins hast.

Was wäre, wenn … wir alle nur noch 20 Stunden arbeiteten?

Was wäre, wenn … wir alle nur noch 20 Stunden arbeiteten? – brand eins online
Text: Christoph Koch 
• In seinem Essay „Lob des Müßiggangs“ entwarf der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell bereits 1935 eine Welt, in der Menschen nur noch vier Stunden am Tag arbeiten. „Der Weg zu Glück und Wohlfahrt“, so schrieb er, liege „in einer organisierten Arbeitseinschränkung“. Aufgrund der fortschreitenden Technik genüge eine stark verkürzte Arbeitszeit, um jedem ein komfortables Auskommen zu sichern. Die frei werdende Zeit könnten die Menschen hehren Zielen widmen: Forschung, Malerei oder dem Schreiben. „Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung“, so Russell.
Rund 40 Prozent der Berufstätigen wollen weniger arbeiten. Das ergab eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Demnach wünschen sich vor allem Männer, die 40 Stunden und mehr arbeiten, eine Verkürzung – viele von ihnen auch bei geringerem Verdienst. 12 Prozent der Befragten hingegen wollen lieber eine längere Arbeitszeit. Vor allem Frauen, die 20 Stunden oder weniger arbeiten, wollen gern aufstocken.
Eine für alle geltende 20-Stunden-Woche hätte wohl auch positive Auswirkungen auf die Geschlechtergerechtigkeit: Frauen leisten fast doppelt so viel unbezahlte Arbeit im eigenen Haushalt wie Männer. Das ließe sich leichter ändern, wenn die Lohnarbeit zwischen Mann und Frau gerechter verteilt wäre.
Auch die Produktivität könnte steigen: Denn die als Parkinson’sches Gesetz bekannte und meist augenzwinkernd zitierte Regel besagt, dass „jede Arbeit sich genau in dem Maß ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht“. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Harris verbrachte im Jahr 2014 der durchschnittliche US-Angestellte in Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten nur 45 Prozent seiner Arbeitszeit mit seiner eigentlichen Tätigkeit. 55 Prozent der Zeit gingen nach Angaben der Befragten für endlose E-Mail-Ketten und unnötige Meetings drauf.
Dass eine 20-Stunden-Woche effizienter sein könnte, legen auch verschiedene Studien nahe: Wissenschaftler der Florida State University etwa zeigten, dass Spitzensportler und -musiker, Schach- und Schauspieler am besten sind, wenn sie in 90-Minuten-Einheiten mit Pausen dazwischen trainieren – aber insgesamt nicht mehr als viereinhalb Stunden pro Tag. Forscher der Universität Melbourne, die kürzlich die Arbeitsabläufe von 6500 Australiern miteinander verglichen, kamen zu dem Ergebnis, dass Über-40-Jährige ab 25 Wochenstunden an Leistungsfähigkeit einbüßen, da sie dann weniger aufmerksam und kreativ sind. Und ein Vergleich unter OECD-Mitgliedstaaten zeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen kürzeren Arbeitszeiten und höherer Produktivität (gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde) gibt.
Doch zu glauben, jede Arbeit ließe sich genauso gut in weniger Zeit erledigen, ist ebenso unrealistisch wie die Annahme, die 20-Stunden-Woche würde zu doppelt so vielen Beschäftigungsverhältnissen führen. Ökonomen sprechen von der „lump of labour fallacy“, dem Irrglauben einer gegebenen Menge an Arbeit. Denn zum einen ist die Arbeitsmenge nicht konstant. Zum anderen lässt sie sich nicht kostenlos umverteilen. Fixkosten sowie Aufwendungen für Anwerbung und Einarbeitung sorgen dafür, dass zwei Arbeitskräfte, die jeweils 20 Stunden arbeiten, teurer sind als eine, die 40 Stunden arbeitet.
Letztlich kommt es auf die Art der Beschäftigung an: Auf einer Pflegestation beispielsweise, wo eine kontinuierliche Betreuung gewährleistet sein muss, wird für jede Pflegekraft, die nur 20 statt 40 Stunden arbeitet, eine zweite nötig. In Kreativbranchen hingegen, in denen das Ergebnis relevanter ist als die aufgewendete Zeit, ist davon auszugehen, dass zwei 20-Stunden-Stellen dem Unternehmen mehr nutzen als ein 40-Stunden-Posten, selbst wenn die Kosten dafür ein wenig höher liegen.
Außerdem wird die Gesamtmenge an Arbeit in den kommenden Jahren und Jahrzehnten rapide abnehmen. Carsten Brzeski, Chef-Ökonom der Direktbank ING-Diba, schätzt (auf Basis einer Studie des schwedischen Ökonomen Carl Benedikt Frey und des Informatikers Michael Osborne), dass in Deutschland binnen der nächsten zwei Dekaden Maschinen 18,3 von 30,9 Millionen Arbeitsplätzen ersetzen könnten – das sind 59 Prozent. Diese Maschinen zu erfinden, zu konstruieren und zu programmieren wird nicht dieselbe Menge an Arbeit neu schaffen. Nur 5 Prozent aller zwischen 1993 und 2003 neu geschaffenen Stellen entfielen auf Informatik, Software-Entwicklung oder Telekommunikation. Eine flächendeckende Reduzierung der Arbeitszeit könnte ein Weg sein, solch drastischen Veränderungen zu begegnen.
Zum Problem wird jedoch die Entlohnung: Bei einem Experiment in Schweden zeigte sich, dass eine Verkürzung der täglichen Arbeitszeit von acht auf sechs Stunden in einem Seniorenheim zwar zu einer besseren Pflege und weniger Fehlzeiten durch Krankheit führte. Durch den vollen Lohnausgleich stiegen jedoch die Kosten, weshalb der staatliche Träger den Versuch nach zwei Jahren beendete. „In Deutschland ist Arbeitszeitverkürzung in der Vergangenheit immer in Zusammenhang mit Lohnausgleich gedacht worden“, sagt der Volkswirt Niko Paech, der an der Universität Siegen Postwachstumsökonomie, Alternatives Wirtschaften und Nachhaltigkeit lehrt. „Im Fall der schrittweisen Einführung einer 20-Stunden-Woche ist das weder machbar noch nötig. In einer modernen Gesellschaft wäre es möglich, mit 20 Stunden bezahlter Arbeit über die Runden zu kommen – in Verbindung mit ergänzender Selbstversorgung und einem sesshaften Lebensstil.“ Auch der Ökonom Robert Skidelsky und sein Sohn, der Philosophieprofessor Edward Skidelsky, gehen in ihrem Buch „Wie viel ist genug?“ davon aus, dass sich eine Reduzierung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich durch Konsumbeschränkung und Produktivitätssteigerungen dank besserer Technik realisieren lässt.
Eine verringerte Arbeitszeit würde sich auch auf den Verkehr und die Ladenöffnungszeiten auswirken: Da nicht davon auszugehen ist, dass alle Arbeitnehmer ihre 20 Wochenstunden zur gleichen Zeit leisten, dürften sich die Staus zu den klassischen Rushhour-Zeiten deutlich verringern. Einkäufe ließen sich auch tagsüber erledigen, die erweiterten Öffnungszeiten am Abend und an den Wochenenden könnten reduziert werden.
Noch einmal zurück zu Bertrand Russell. Der geht in seinem Essay sogar davon aus, dass eine 20-Stunden-Woche friedensstiftende Wirkung hätte. „Die Lust am Kriegführen wird aussterben“, schrieb er, „(…) weil Krieg für alle lang dauernde, harte Arbeit bedeuten würde.“ —

Plan it in, do it anyway.

As we think about time, it’s important to remember that the „self“ is really three selves: the anticipating self (who looks forward to things on the calendar), the experiencing self (who is here in the present), and the remembering self (who thinks back on the past). Philosopher Robert Grudin once wrote that we „pamper the present like a spoiled child,“ and I think there’s something to this. The anticipating self thought it would be fun to go to the art museum on Friday night, when there’s live music and a bar, and the remembering self will look back fondly on the experience, but the experiencing self just got home from work. She is the one who has to brave the rain and the Friday night traffic. So she throws a tantrum, and we wind up indulging her whim to spend hours scrolling through Facebook posts from people we didn’t like in high school anyway.
The way to combat her tyrannies? Plan it in, do it anyway. The experiencing self is trying to deliver a monologue in what should be a three-actor play. In most cases, if your anticipating self wanted to do it, you’ll be happy you went, and probably the experiencing self will enjoy it too once she gets over the initial resistance. We draw energy from meaningful things. (Laura Vanderkam)

David Hugendick über Marie Kondo etc

Der zur unbedingten Modernität entschlossene Mensch lebt oft in einer Wohnung, die bestenfalls aussieht wie ein Hotelzimmer, schlimmstenfalls wie ein Ausstellungsraum oder ein Apple-Store. Sogenannte Interiorblogs verbreiten Hunderte Bilder von weißen Zimmern, in denen Menschen, die meistens erfolgreich etwas machen, sich interessantgewohnt haben mit einem kleinen Ensemble an Möbeln, auf dem Tisch ein paar tiefsinnig verdorrte Blumen und Schriftzüge in schlichter Helvetica, dem Comic Sans aller Menschen mit Googlemail-Adresse. Alles ist sorgsam ausgesucht und hingestellt und arrangiert. Und alles ist so rein und klar und wesentlich und sachlich, dass man den Leuten aus schierer Notwehr eine Schrankwand in die Bude rollen möchte, mit Brettspielen, Münzsammlungen, Fußballpokalen und allen Bravo-Hits bis Folge 47. Es wäre ja Platz genug.