Diese schöne, heillos verlorene Welt

Diese schöne, heillos verlorene Welt
Nachruf auf Andrea Camilleri von Thomas Steinfeld, 17. Juli 2019

Im April 2013 erschien in Italien eine Ausgabe des Magazins Mickey Mouse – Topolino heißt die Figur in diesem Land -, in dem die Maus mit Freundin Minnie in Urlaub fährt, nach Sizilien. Kaum angekommen, besuchen die beiden die archäologischen Stätten von Agrigent, wo sie einen Kommissar namens Topalbano kennenlernen. Bald werden sie in eine Kriminalgeschichte hineingezogen, in deren Verlauf jener Topalbano alle Eigenschaften entfaltet, die auch Commissario Montalbano, den beliebtesten fiktiven Polizisten Siziliens, auszeichnen: die plötzlichen Eingebungen, die Liebe zu regionalen Speisen, zum Dialekt und zur Literatur (im Italienischen spricht er sizilianisch-literarisch), den launigen Charakter und die Heimatverbundenheit.

Es dauert nicht lange, bis in dieser Bildergeschichte auch der Autor der Geschichten um jenen Kommissar auftritt, ein älterer Herr mit einer fast blinden Brille und einem ausladenden Bauch, in dem Andrea Camilleri auf den ersten Blick zu erkennen ist.

An dieser Ausgabe des Topolino lässt sich nicht nur ablesen, wie volkstümlich Andrea Camilleri in Italien war, sondern auch, wie weit die Register gespannt waren, in denen er sich bewegte – von der griechischen Antike bis zur amerikanischen Populärkultur.

In den Fünfzigern war er der erste Theaterregisseur gewesen, der Samuel Beckett auf einer italienischen Bühne spielen ließ, in den Sechzigern arbeitete er als Produzent beim Staatsfernsehen, kümmerte sich um Vorabendserien und ließ die Romane George Simenons verfilmen. Daneben schrieb er Kritiken und unterrichtete an einer nationalen Theaterhochschule. Er war bekennender Kommunist (solange es den PCI gab), ein Schauspieler, der gern den komödiantischen „buffo“ gab, Drehbuchautor und bis zu seinem Tod einer der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen Italiens: In seinem Protest gegen Silvio Berlusconi war er genauso unerbittlich wie in seinem Widerstand gegen das Referendum, mit dem Matteo Renzi im Dezember 2016 die Verfassung ändern wollte, oder in seinem offensiven Missvergnügen an Matteo Salvini („ich möchte mich übergeben“) und der Allianz mit der Fünf-Sterne-Bewegung, wenngleich Camilleri als Mittel des politischen Ausdrucks die Ironie stets der Parole vorzog.

Und selbstverständlich ist sein Commissario Montalbano auch die Allegorie eines Staatsidealismus, in dem sehr viele Italiener eine bessere Variante ihrer selbst zu erkennen meinen: Nachdem er vor vier Wochen nach einem Herzinfarkt in ein römisches Krankenhaus eingeliefert worden war, wurde das Internet wie die Netzausgaben der großen Zeitungen entsprechend von einer Welle aus Sympathieerklärungen und Beistandswünschen überschwemmt.

Andrea Camilleri verbrachte den größten Teil seines Lebens in Rom. Er blieb aber auch dort ein Sizilianer. Immer wieder kehrte er in seinen Büchern auf die Insel zurück, wo er – in Porto Empedocle bei Agrigent – geboren worden war, sowie seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, als Sohn eines faschistischen Funktionärs. Die Invasion der Alliierten wurde für ihn eine höchst zwiespältige Erfahrung, mehr eine Besetzung denn eine Befreiung, wovon nicht nur mehrere Werke der Serie um Commissario Montalbano zeugen (etwa „Der Hund aus Terracotta“, 2000), sondern auch ein historischer Roman wie „Der zerbrochene Himmel“ (2005), ein Buch, das von einem bald ausgesprochen gewalttätigen Jungen handelt, wobei das eigentliche Opfer der Misshandlung nicht das Kind ist, sondern eine ganze Kultur, in der jedes Wort kompromittiert ist.

Der Faschismus und die katholische Kirche, die Mafia und der Staat gehen bruchlos ineinander über, und der Schriftsteller wirkt in dieser schönen, aber auch heillos verlorenen Welt eher als Chronist aus dem Milieu denn als Erzähler – als einer, der dieses Verhängnis nicht nur wissend betrachtet, sondern darin tief verwurzelt ist.

In „Der zerbrochene Himmel“ verbirgt sich eine Replik auf eine Satire des Schriftsteller Carlo Emilio Gadda, nämlich „Eros und Priapus“ (1945) – der derben, oft den Dialekt benutzenden Sprache wegen ebenso wie um des Versuches willen, sich intellektuell vom Faschismus zu lösen. Von Luigi Pirandello, der aus derselben Gegend stammte wie er, ließ Camilleri sich nicht nur im Umgang mit regionalen Legenden, sondern auch im Verwirrspiel der Figuren unterweisen. Mit Leonardo Sciascia, der in den frühen Sechzigern den gesellschaftskritischen sizilianischen Kriminalroman erfunden hatte, war er befreundet.

Andrea Camilleris Bücher erschienen vorwiegend im Verlag des Fotografen Enzo Sellerio aus Palermo, dessen Schwarz-Weiß-Fotografien aus einem vergangenen Sizilien in die italienische Ikonographie eingingen. Die Werke des Autors, die nicht als Kriminalromane gelten (obwohl sie kriminalistische Elemente enthalten), spielen vor allem im Sizilien des 19. Jahrhunderts, etwa „Eine Sache der Ehre“ (1984/1993) oder „Die Mühlen des Herrn“ (1999). Aber es war schließlich der Kriminalroman, genauer: die Serie um Commissario Montalbano, der ihn zuerst in Italien, dann in der halben Welt zu einem sehr erfolgreichen Schriftsteller machte.

Wie in anderen europäischen Ländern auch, war der Kriminalroman in Italien in den Neunzigern zum beherrschenden literarischen Genre geworden. Das muss nicht den Triumph des Trivialen bedeuten: Schon Umberto Ecos „Der Name der Rose“ (1980) war ein Kriminalroman, um von Leonardo Sciascias Werken gar nicht erst anzufangen. Zudem liegt der Fall bei Andrea Camilleri anders, weil das Terrain seiner Schauplätze den Eigenarten eines Kriminalromans weit entgegenzukommen scheint – eine Insel mit einer Gesellschaft, die völlig undurchdringlich wirkt, wenn man ihre Regeln nicht kennt, und in der ein Detektiv eine Sprache verstehen muss, die weniger gesprochen wird, als dass sie sich in kleinsten Wendungen und Gesten artikuliert.

Entsprechend besitzt Kommissar Montalbano eine beinahe magisch erscheinende Intuition, während das Verbrechen immer wieder wie ein Akt der Rebellion in einer Umgebung erscheint, in der Wahn und Normalität eng nebeneinander liegen.

In der Geschichte „Die Stimme der Violine“ (1997) begegnet Commissario Montalbano einmal wieder Signorina Clementina, der Grundschullehrerin. Als der Detektiv sie fragt, ob sie Kriminalromane lese, antwortet sie, dass ihr das Etikett nicht gefalle. Dann erzählt sie in wenigen Sätzen die Geschichte des Ödipus: Da habe es einst den „capo di una città“ gegeben, den Hauptmann einer Stadt, die von einem Unglück nach dem anderen heimgesucht worden sei. In diesem Sinne wird Andrea Camilleri den größten Teil seines Schaffens verstanden haben: als den Versuch, einer in sich vielfach differenzierten und tief in die Vergangenheit zurückreichenden Welt Ausdruck zu verleihen, der durch zwei Motive zusammengehalten wird: durch Sizilien und durch die Suche nach dem Verbrecher. Am Mittwoch ist Andrea Camilleri im Alter von 93 Jahren in Rom gestorben.

Ich denke ja garnichts, ich sage es ja nur.

„Ich denke ja garnichts, ich sage es ja nur.“
Ödön von Horváth und das Theater
bis 11.2.2019 im Theatermuseum

Ödön von Horváth hat sich als „Chronist seiner Zeit“ gesehen und an einer steten „Demaskierung des Bewusstseins“ mittels Literatur gearbeitet. In seinen genialen Dialogen werden die engen Verflechtungen von Erotik, Ökonomie und Politik freigelegt – Verflechtungen, die bis in unsere Gegenwart fortwirken. Mit seiner Durchdringung der kleinbürgerlichen Sprache, pointiert gefasst im Begriff des „Bildungsjargons“, seiner konzisen Sprachkritik und seinen „irren Sätzen“ (Peter Handke) wirkte er stilprägend für die deutschsprachige Literatur nach 1945. In der aufwendig inszenierten Ausstellung des Theatermuseums werden am Beispiel der Dramen Geschichten aus dem Wienerwald, Kasimir und Karoline und Italienische Nacht die politische Substanz und brisante Aktualität von Horváths Dramatik deutlich.

Die Ausstellung wurde von Nicole Streitler-Kastberger und Martin Vejvar kuratiert und von Peter Karlhuber gestaltet.

Kokolores und Mumpitz

Zwei wunderschöne, jedoch leider etwas in Vergessenheit geratene Synonyme für Unfug, Unsinn sind die Wörter Kokolores und Mumpitz. Das lautmalerische Kokolores, das schon lange in verschiedenen Mundarten bekannt war, aber erst im 20. Jahrhundert in die Literatursprache Aufnahme fand, ist vermutlich – hundertprozentig ist die Herkunft nicht geklärt – dem Schrei eines Hahnes nachempfunden (Kikeriki! Landschaftlich früher auch: Kuckelöres! Gockelorum!). Der Hahn war bekanntlich schon immer ein Sinnbild der Eitelkeit, sein Krähen wurde dementsprechend als nichtssagendes Geschwätz empfunden. Das Wort Mumpitz entstand aus dem im 16. Jahrhundert gebräuchlichen Wort Butz oder Butzemann für ein Gespenst oder eine Vogelscheuche, später dann Mummelputz für ein vermummtes Gespenst. Aus Mummelputz wurde im Berliner Börsenjargon Mitte des 19. Jahrhunderts dann schließlich Mumpitz im Sinne von erschreckenden Gerüchten oder lügnerischem Gerede.
(aus dem Duden-Newsletter vom 03.12.2018)

Schluss mit lustig?

„Fragen Sie Frau Andrea“ von Andrea Maria Dusl aus FALTER 50/18 vom 12.12.2018

Liebe Frau Andrea, ich lebe nun schon längere Zeit als Deutscher in Wien und habe noch immer nicht ganz gerafft, wie man hierzulande „lustig“ sagt. Ich erbitte ernstgemeinte Nachhilfe! Boris Pistulka, nunmehr Wien, per Facebook-Nachricht

Lieber Boris,
ein erster Anfang im Verstehensprozess könnte darin bestehen, „raffen“ durch „schnallen“ oder (etwas wienerischer) durch „gneißen“ zu ersetzen. Widmen wir uns nun der freiwilligen Komik. Sie entsteht, wie die Schönheit, im Auge des Betrachters. Im Laufe der Jahrhunderte hat die gelernte Wienerin (und immer mitgemeint der Wiener) wenig zu lachen gehabt.
Die meisten Angelegenheiten auf dem Gebiet der Zwerchfellstrapaz waren und sind „a Hetz“(vom einst beliebten Schauspiel der Tierhatz),“a Koarl“(vom Lustspieltheater des Carl Bernbrunn vulgo Carl Carl, eher aber vom jiddischen „Kol“,“Qol“, Stimme, Spruch),“a Gschbaß“(ein Spaß) oder „a Gaudee“(eine Gaudi).
Das Lachen selbst firmiert im Wienerischen als „si ohaun“ (sich abhauen),“si ofedsn“ (sich abfetzen) und „si dsawudsln“ (sich zerwutzeln, sich in kleine Partikel auflösen). Leichtere Formen der Erheiterung kennen wir als „khudarn“ (kudern),“khugln“ (kugeln),“khiarn“(kirren, girren) und „khigattsn“ (kichern).
Die angesprochenen Formen sind den ehemaligen Vorstädten und den Arbeiterbezirken vorbehalten und in den Aufmarschgebieten der Döblinger Regimenter, in der Kottäsch (im Cottageviertel) und in Hietzing weniger gebräuchlich. Wenngleich auch dort mitunter gelacht wird, so doch eher im Rahmen des Amüsanten, Komischen, Fidelen und Beschwingten.
Das Lateinische hat sich über Vermittlung bierlüsterner Burschenschaften, von Liederbünden und Verbindungen im studentischen Kneipenlied „Gaudeamus igitur“ (Lasst uns also fröhlich sein!) sedimentiert.
Jüngst hat auch das Englische Althumanistisches implementiert. Aus „hilarious“(vom griechischen hilarós, lateinischen hilaris, hilarus; heiter, ausgelassen) wurde neuerdings „hilariös“. Eine Entwicklung, die ich, schon aus familiären Gründen, ausdrücklich begrüße, hieß doch mein Urgroßvater, der Bruder meiner Urgroßmutter und Kurarzt im Sauerbrunnen Rohitsch: Dr. Ernst Hilarius Fröhlich.

www.comandantina.com; dusl@falter.at, Twitter: @Comandantina

otium / precrastination / Metonymie / Netizen / Mononym

otium
Muße, Ruhe und Frieden, Freizeit, Privatleben, literarische Beschäftigung
the joy of being in control of one‘s own time (tim lomas)

precrastination

– the fierce urgency of now.
– precrastinate = to undertake difficult tasks as soon as possible, in order to get them out of the way
– the completion of a task too quickly or too early, when taking more time would result in a better outcome

Metonymie 
Die Metonymie (von altgriechisch metonymía „Vertauschung des Namens, das Setzen eines Wortes für das andere“; im Lateinischen als Fremdwort metonymia bzw. rein lateinisch immutatio, denominatio oder transnominatio) ist eine rhetorische Stilfigur, bei der ein sprachlicher Ausdruck nicht in seiner eigentlichen wörtlichen Bedeutung, sondern in einem nichtwörtlichen, übertragenen Sinn gebraucht wird: Zwischen der wörtlich und im übertragenen Sinn bezeichneten Sache besteht dann eine Beziehung der Kontiguität, das heißt der Nachbarschaft oder realen sachlichen Zusammengehörigkeit (proximitas).
Nach der Art der Kontiguitätsbeziehung werden herkömmlich besonders die folgenden Unterarten der Metonymie unterschieden:
Ursache steht für Wirkung, zum Beispiel der Erzeuger für Erzeugnis (ein BMW für ein Kraftfahrzeug dieses Herstellers), der Name des Autors für sein Werk (Schiller lesen), oder umgekehrt die Wirkung für die Ursache (Krach für Streit)
Rohstoff steht für das daraus Erzeugte (das Eisen für das Schwert als aus Eisen geschmiedete Waffe, ein Glas trinken)
der Ort für das dort Befindliche (Afrika hungert: einige bzw. viele Einwohner Afrikas, Brüssel entscheidet: die Institutionen der EU, der Saal applaudiert: das Publikum), oder die Epoche für die darin lebenden Personen (das Mittelalter glaubte)
Besitzer für das Besitztum, Befehlshaber für die Ausführenden (Hannibal erobert Rom)

Netizen
Netizen ist eine Bezeichnung für „Bewohner“ des Internets und setzt sich aus den englischen Begriffen „net“ als Kurzform für Internet und „citizen“ zusammen. Zunehmend wird auch der eingedeutschte Begriff Netzbürger verwendet.

Mononym
Ein Mononym ist ein einnamiger Personenname im Gegensatz zu mehrnamigen, etwa aus Vor- und Nachname bestehenden Namen. Gelegentlich wählt der Träger eines mehrteiligen Namens selbst ein Mononym, in manchen Zeiten und Kulturen ist Mononymie auch traditionell, beispielsweise sind javanische Namen traditionell mononym. So ist es bei südamerikanischen Fußballspielern häufig, dass sie unter einem Mononym auftreten und der eigentliche Namen gegenüber dem Mononym ganz in den Hintergrund tritt, zum Beispiel bei Ronaldo, Robinho, Ronaldinho und Kaká.