extras 2018

rückblick 2018
31. DEZEMBER 2018

liebster mensch – herr specht
konsequentest erziehender auto- und bergeliebhaber – brudl
am meisten worte pro minute unterbringende sportlichste homestyling-queen – sista
beste telefonpartnerin und die pechsträhne endlich hinter sich lassende – sundee
abwechslungsreichster egal-wohin-ausgeher und über-alles-reden-könner – ralf
großzügigster mit dem beeindruckendsten sofa – boris
am intensivsten am privaten und beruflichen glück arbeitende – bini
zukünftig noch mehr an sich selbst denkende declutterin – claudia
hoffentlich bald mehr dankbarkeit fühlender wohnungsoptimierer – manfred
coolste vierfachmutter, der ich gerne hinterherdackle – manne
konsequentest geschäftliche entscheidungen treffende atterseependlerin – alex
wien-interessierteste spaziergängerin – ronke
sich bald nicht mehr mit jugendlichen herumschlagende das leben positiver sehende – jutta
erfolgreichste trainerin aller zeiten – eva
bester weihnachtsgeschenk-aussucher – gerold
helfendster komplimentemacher – raffael
lustigste gradeser bootsbesitzerin, vernetzerin und haarschneiderin – sara
entzückendste, warmherzigste und immer bellissima figura machende elbanerin – alice
sanftester und trotz dieser mutter toleranteste krankenbruder – andrea
hoffentlich bald haus-bezogenes und mehr gemeinsam mit uns reisen machendes paar – die schneckis
überraschendstes kompliment aus der vergangenheit: rainer in den frühen 2000ern: ‚macht süchtig‘
beste nicht mehr wöchentliche frühstücksrunde – café samedi
der weiterhin am wenigsten vermisste einrichtungsgegenstand – die pohn-tür
lässigstes neues möbel in der ow – ddr-laden-in-weißem-holz vom kellerwerk
lässigstes neues möbel in der viale del sole – 50er jahre wandlampe aus piazzola sul brenta
beste neue aussicht im büro – ausgehöhlter fernsehapparat
feinster 46er – walk durch die weinberge, lunch in mödling
beste technik-anschaffung – apple watch series 4
am wenigsten bereuter kauf – cento
ohrwurmenste musik – ‘noi casomai’ von tiromancino & ‘torna a casa’ von måneskin
spätester sonnenplatz .. spritz aperol in citadella am 30. dezember
beste reise in fast neues terrain – verona
beste reise in bekanntes terrain – australien
so fein, dass gleich 122 nächte – grado
weiterhin zu verbesserndste fortschritte – run, sieben, kieser, radlkondi
unausrottbarste unhöflichkeit: mobiltelefon während eines live-gesprächs benutzen.
mensch an für ihn denkbar ungeeignetster stelle: drumpf
bestes musiktheatererlebnis – csardasfürstin in der volksoper
bestes konzert – antonello venditti in der arena di verona
so gutes dinner, dass ein zweites mal – santa felicita in verona
viertbestes wohnzimmer – café engländer
familienreichste urlaube – elba & jesolo
konstanteste aktion – photo booth
bestes motto – do more of what makes you happy
größte vorfreude – südliche stiefelumrundung
rip: elfi. ute bock, hubert de givenchy, stephen hawking, milos forman, tom wolfe, philip roth, demba nabe, stefan weber, christine nöstlinger, aretha frankling, kofi annan, erich lessing, ignaz kirchner.

Capodanno di Andrea
31. DEZEMBER 2018
Siamo arrivati all’ultimo giorno di questo 2018 e per questo Capodanno non voglio augurare niente a nessuno e non devo augurare niente a nessuno.
Voglio dire grazie all’universo per aver reso quest’anno, per me, un anno pieno di emozioni.
Ho fatto cose che non avrei mai creduto di poter fare, ho conosciuto un sacco di persone meravigliose che mi hanno riempito l’anima anche se molti di loro non lo sanno.
Ho incontrato anime pure piene di vita.
Ho incontrato persone difficili ma speciali a modo loro.
Ho sopportato (pochissime) persone con cui non vorrei condividere nemmeno l’aria.
Ho trovato il mio posto nel mondo.
Ho amato, ma non parlo dell’amore di cui tutti parlano, ho amato davvero, ho amato la vita.
Ho rischiato di morire ma qualcuno ha deciso che devo ancora fare qualcosa qui.
Ho visto persone morire davanti ai miei occhi e mi sono posto tante domande.
Non finirò con l’augurare un anno pieno di felicità, spensierato e sereno perchè non sarà la frase costruita di una persona qualunque a far si che ciò accada.
L’unica cosa che vorrei, oggi e sempre, è che nonostante le disgrazie, la tristezza, i malumori, le delusioni, le sofferenze, le violenze, le bugie sopportate, la falsità, le ingiustizie che ognuno di noi incontrerà e dovrà affrontare, troviate tutti la voglia di sorridere e illuminare la vita.
Andrea, 31 dicembre 2018

Design Dialog. Juden, Kultur und Wiener Moderne
28. DEZEMBER 2018
Gesellschaftliche Ausgrenzung und Verfolgung einerseits sowie Integration und Aufstieg andererseits – beides findet sich paradigmatisch in der Geschichte der Jüdinnen und Juden in Wien um 1900 wieder. Das prägte die Menschen und die Stadt entscheidend – bis heute. von Guido Tiefenthaler, ORF.at
Diese Geschichte ist in vielerlei Hinsicht ein Paradebeispiel: Dafür, wie vielschichtig und komplex, folgenreich und bereichernd eine Öffnung der Gesellschaft, eine Integration und damit einhergehende neue Selbstdefinition einer als fremd und am Rande der Gesellschaft stehend definierten Gruppe sein kann.
Was das für die Betroffenen bedeutete, wie es ihre Identität beeinflusste – und sie die Identität anderer mitprägten, zeigt aktuell der von der Kultur- und Designhistorikerin Elana Shapira herausgegebene Sammelband „Design Dialog. Juden, Kultur und Wiener Moderne“ auf. Der Band ist das Folgeprojekt eines Internationalen Symposiums zum Thema, das 2016 im Österreichischen Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien stattfand. Es versammelt die Beiträge von Expertinnen und Experten aus vielen Fachbereichen, etwa von Markus Kristan, Ursula Prokop, Christopher Long, Lisa Silverman, Leslie Topp, Claudia Cavallar, Werner Hanak, Sebastian Hackenschmidt und Steven Beller.
Aufbruch als Chance und Gefahr
In insgesamt 23 Beiträgen wird „die entscheidende Rolle jüdischer Mäzene, Architekten, Designer und Schriftsteller bei der Gestaltung der modernen Wiener Architektur, Designs und Kunst erforscht“, betont Shapira. Diese Player schufen dabei eine neue Sprache und kulturelle Netzwerke; sie beteiligten sich an gesellschaftlichen Debatten und trugen so entscheidend zur kulturellen Neuerfindung Wiens bei. Der Antisemitismus, die Bedrohung, die von ihm ausging und die Frage, wie Juden in der sich modernisierenden österreichischen Gesellschaft damit umgingen, sind dabei unausweichlich ebenfalls Thema.
In den Aufsätzen, die einen Zeitrahmen von 1800 bis 1938 abdecken, werden der kulturelle Austausch zwischen Juden und Nichtjuden ebenso untersucht wie jüdische Selbstidentitäten und mediale Zuschreibungen, was „jüdisch“ sei. Es wird erkennbar, dass Juden in Wien nie eine Einheit waren, sondern es viele Unterschiede gab. Damit werde auch die „Projektion von ‚den Juden‘ als dem fixen, monolithischen, stereotypen Anderen“ als Instrument der Ausgrenzung, die schließlich zur Verfolgung und Vernichtung führte, entlarvt.
Neue Identitäten, in Stein gespiegelt
Juden waren führende Mäzene, die das historistische Bild der Stadt – insbesondere das Aussehen der Ringstraße – mitprägten. Andere – Mäzene wie Künstlerinnen und Künstler – waren aber auch entscheidend am Entwickeln der Wiener Moderne beteiligt. Die involvierten Personen dachten dabei oft über ihre jüdische Identität und ihre Rolle in der österreichischen Gesellschaft nach und brachten das im Design ganz bewusst zum Ausdruck.
Dem nach 1918 zunehmend nationalistischen und antisemitischen Klima versuchten jüdische Schriftstellerinnen und Geschäftsleute in der Öffentlichkeit teils mit einer progressiven Agenda entgegenzuwirken. Prominente Kunden heuerten bewusst jüdische Architekten und ließen sich von diesen moderne Villen entwerfen: Julie und Jakob Wassermann beauftragten Oskar Strnad, der Schuhfabrikant Julius Beer Josef Frank, die Tochter des Industriellen Karl Wittgenstein, Margaret Stonborough-Wittgenstein Paul Engelmann und ihren Bruder Ludwig. Architektonisch kam die Moderne so auch vom Zentrum in die äußeren Bezirke.
Antike als Ausweg aus Ghettoisierung
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurden Juden stets als Fremde gesehen, auch wenn sie seit Jahrhunderten – von Vertreibungen unterbrochen – hier lebten. Das war kulturell dem stets ambivalenten christlichen Verhältnis zum Judentum geschuldet, das „die Juden“ zu „ewigen Jesusmördern“ stempelte und damit zu einer permanenten ritualisierten Bedrohung. In der Öffentlichkeit setzte sich die seit der Antike geübte Hassrhetorik gegenüber Juden fort. Zugleich wurde das klassisch-hellenistische Erbe aber im 19. Jahrhundert auch zu jener gemeinsamen Plattform, um mit liberalen Christen ins Gespräch und in Kontakt zu kommen. Der Rückgriff auf dieses Erbe erlaubte es in Wien, eine neue, inklusivere kulturelle Sprache zu schaffen, in die ganz bewusst auch Spezifika der jüdischen Tradition eingebaut und durch sie ausgedrückt wurden.
Keine Aufgabe der jüdischen Identität
In weiterer Folge kam es zu einem Rückbezug auch auf den Orient: Sowohl Synagogenbauten um die Jahrhundertwende, die maurische Elemente unter Bezug auf die sephardische Tradition übernahmen, als auch der moderne internationale Stil (Stichwort: Flachdächer) wurden in diesem Zusammenhang gesehen. In dieser selbstbewussten Positionierung als schaffende wienerische Juden waren Architekten wie Josef Frank und Richard Neutra exemplarische Beispiele, betont Shapira: „Als Wiener produzierten sie innerhalb breiterer europäischer und globaler kultureller Sprachen, bewahrten dabei aber ein ethnisches Bewusstsein oder eine Selbstwahrnehmung als Juden“.
Eine wichtige, alle Beiträge einende These ist, dass die Identität als Jüdin oder Jude für die Akteurinnen und Akteure der entstehenden Wiener Moderne – anders als in manchen Kunstkatalogen behauptet – sehr wohl eine Rolle spielte. Gerade Jüdinnen waren mit zwei gegensätzlichen Stereotypen konfrontiert: Jenem der „hässlichen“ und jenem der „schönen“ und exotisch oder gefährlich verführerischen Frau. Diese Vorurteile versuchten jüdische Künstlerinnen aktiv zu unterlaufen, wie etwa die Keramikerin Vally Wieselthier, die mit ihrer Serie „Frauenköpfe“ gegen das von Sezessionisten geprägte Stereotyp der „schönen Jüdin“ auftrat. Auch die Autorin Annemarie Selinko und die Grafikerin Lisl Weil versuchten im Zuge einer Kooperation für eine Modezeitschrift, den gesellschaftlichen Erwartungen bezüglich ihres Aussehens und ihres Verhaltens entgegenzuwirken.
Markus Kristan, Kurator an der Albertina, beschreibt die Rolle des Architekten und Zionisten Oskar Marmorek als wichtiger Exponent der jüdischen Renaissance und nimmt den Dualismus zwischen Assimilation und Selbstbehauptung in seinen Bauten und Schriften in den Blick.
Herzls Bart als Identität
In Bezug auf „konstruierte Identitäten“ spannend zu lesen ist insbesondere der Beitrag des US-Historikers Steven Beller. Er spannt einen Bogen vom orientalischen Stil in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – etwa der während des Novemberpogroms 1938 von Nazis zerstörte Leopoldstädter Tempel – bis zum internationalen Stil von Adolf Loos und Josef Frank. Der maurische Stil diente dazu, der doppelten Erwartung gerecht zu werden: jener, sich zu assimilieren und jener, eine eigene Identität zu haben. Dass der Begründer des Zionismus, Theodor Herzl, einen „assyrischen Bart“ trug, war laut Beller ein bewusster Akt und ein Zeichen einer eigenen nationalen jüdischen Identität.
Werner Hanak, Vizedirektor des Jüdischen Museums in Frankfurt, schreibt darüber, wie der einflussreiche Autor und Literaturkritiker Hermann Bahr Herzl „exotisiert“ und damit die Identität der Juden als Europäer infrage stellt.
Von Paris nach Wien
Laut Beller verband sich der Orientalismus mit der zur Jahrhundertwende besonders beliebten Vorliebe für Japan und war dadurch nicht nur historistisch. Führend am Transfer des Japonismus von Paris nach Wien war der Kontakt Berta Zuckerkandls und ihrer Familie zu dem Journalisten und späteren französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau. In Edmund de Waals Bestseller „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, der Geschichte und Untergang der wohlhabenden Ephrussi-Familie nachzeichnet, nimmt dieser Kulturtransfer ebenfalls einen zentralen Platz ein: Die Ephrussis brachten ihre Sammlung japanischer Netsuke – kleine geschnitzte Figuren, die man am Kimono trug – damals von Paris nach Wien.
Double Bind als Lebensmodus
Adolf Loos wollte, so Beller, Juden wie Nichtjuden die Möglichkeit geben, durch das Weglassen jeglicher äußerer Ornamente, anonym zu bleiben. So wie die anderen „Inklusionsversuche“ sei aber auch dieser teils auf Widerstand gestoßen und der internationale Stil als „palästinensisch“ abgewertet worden. Für Beller also ein „klassischer Double Bind“: Beide „Bewegungen, das orientalische Ornament und das ‚kein Ornament‘ wurden als Ausdrücke eines ‚jüdischen‘ Partikularismus gesehen“. Allerdings hätten das nicht alle negativ gesehen. Viele Juden hätten diesen Double Bind „als ihren bevorzugten westlichen, bürgerlichen und modernen Modus der Selbstidentifizierung umarmt“.
Als Beispiel nennt Beller Josef Franks Stil der Inneneinrichtung. Indem dieser verschiedenste Stile mixte, habe er eine pragmatische, kosmopolitische und pluralistische Einstellung angeboten. Das habe nicht nur seine liberalen jüdischen Kunden angesprochen, „sondern spricht auch uns bis heute an“.
Die Architektin Claudia Cavallar und MAK-Kurator Sebastian Hackenschmidt beschreiben die Netzwerke von Franks Klienten und wie er mit seinem Umgang mit farbigen Stoffen im Raum eine Form von eigenständig-freier Wohnkultur fand.
Denkanstoß und Diskussionsstoff
Die Lektüre von „Design Dialog“ bietet einen neuen und in seiner Detailfülle historisch spannenden Blick auf eine Phase der lang dauernden Umwandlung der österreichischen und speziell Wiener Gesellschaft, die bis heute nachwirkt. Vor allzu simplen Vergleichen mit der Gegenwart sollte man sich bekanntlich hüten, will man Kurzschlüsse vermeiden. Ob von den Autorinnen und Autoren beabsichtigt oder nicht: Der Band regt jedenfalls unweigerlich zum Nachdenken über das Heute an – so unzeitgenössisch kann man gar nicht sein. Und er bietet dafür jedenfalls interessante Denkanstöße und Diskussionsstoff.

Respekt, kein Mitleid: Bitte nicht ins Dunkel!
25. DEZEMBER 2018
Ist da jemand? Das fragt seit 45 Jahren eine ängstliche Kinderstimme in einen leeren, hallenden und dunklen Raum. Ja, wir sind da. Das meinen Menschen mit Behinderung und fordern einen Paradigmenwechsel von Licht ins Dunkel (Franz-Joseph Huainigg im standard 2017)
Ein ungewöhnliches Casting, ein ungewöhnlicher Spot: Eine Frau begegnet einem Rollstuhlfahrer, streckt ihm die Hand hin, er sagt, dass er ihr leider nicht die Hand geben kann, sie ist überrascht, aber so kommen sie ins Gespräch. Eine junge Frau trifft einen jungen Mann. Sie fragt ihn, ob er auch eine Behinderung habe. Er sieht sie verwundert an, da sagt sie ihm, dass sie blind ist. Unerwartete Begegnungen. Aus Unsicherheit entstehen Gespräche und vielleicht sogar Freundschaften.
Am Ende des Spots heißt es: Jede Begegnung kann ein Anfang sein. Ein neuer Spot der Aktion Licht ins Dunkel? Leider nein. Es ist einer von zahlreichen Spots der deutschen Aktion Mensch, berührend, authentisch, ohne Mitleid.
Eigenwerbung statt Bewusstsein zu schaffen
Im offiziellen „Licht ins Dunkel“-Trailer finden keine Begegnungen mit Menschen mit Behinderungen statt. Alleine Nina Proll wirbt für eine Spenden-CD mit vielen Stars. Statt Bewusstsein zu schaffen, wie es die Aktion Mensch macht, setzt der ORFauf Eigenwerbung. Auch A1 klopft sich als langjähriger Technologie-Partner von Licht ins Dunkel auf die Schulter: Untermalt von getragener Musik sieht man Mitarbeiter im Callcenter, lachende behinderte Kinder und die nach oben schnellende Spendensumme.
Am Ende des Spots heißt es: „Du kannst Hoffnung schenken, du kannst alles!“ Gut, dass A1 Licht ins Dunkel unterstützt. Aber wäre es nicht sinnvoller, wenn A1 im Callcenter Menschen mit Behinderungen beschäftigen würde? Zu sehen ist es jedenfalls nicht.
Kritik an Rekordjagd
Behindertenvertreter kritisieren seit vielen Jahren, dass Licht ins Dunkel von einem Rekord der Spendenergebnisse zum nächsten hetzt. Sinnvoller wäre es, wenn die Unternehmenspartner Menschen mit Behinderungen beschäftigten oder in ihren Unternehmen das Geld für Barrierefreiheit einsetzten. Auch eine vom Bundeskanzleramt in Auftrag gegeben Studie zur Darstellung behinderter Menschen in den Medien 2015/16 übt massive Kritik an der Aktion Licht ins Dunkel:
Mit der Aktion Licht ins Dunkel hat der ORF in den letzten 45 Jahren das gesellschaftliche Bild von Menschen mit Behinderungen wesentlich geprägt. Aber nicht unbedingt im positiven Sinn: Im Vordergrund stehen sie als Almosen- und Fürsorgeempfänger.
Die häufig gewählte Darstellungsform von Menschen mit Behinderungen als Bittsteller und Opfer widerspricht einer würdevollen Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen und lässt vorherrschende Barrieren in der Gesellschaft unkommentiert und unverändert.
Menschen mit Behinderungen sollten im Programm sichtbarer werden, z. B. als Moderatoren, Experten, Studiogäste und Mitarbeiter. Gefordert wird die Partizipation von Menschen mit Behinderung bei der Gestaltung und der Programmentwicklung ähnlich der Aktion Mensch.
Eine wesentliche Weiterentwicklung kann man der Kampagne Licht ins Dunkel in den letzten Jahren zwar zugestehen: Es gibt Moderatorinnen im Rollstuhl, die Sendung wird untertitelt, und es gibt Gebärdensprachdolmetschung. Aber der große, dringend erforderliche Paradigmenwechsel, der bei der vergleichbaren deutschen Aktion Mensch stattgefunden hat, ist ausgeblieben.
Aktion Sorgenkind
Die ursprüngliche Aktion Sorgenkind war eine Marke mit 100 Prozent Bekanntheitsgrad, aber verbildlichte ein diskriminierendes Klischee, denn behinderte Menschen wollten nicht länger als Sorgenkinder dargestellt werden. Im Jahr 2000 wurden Menschen mit Behinderungen in die Führung der Aktion aktiv eingebunden. Die Folge war nicht nur eine Markenänderung zur Aktion Mensch, sondern auch eine inhaltliche Neuausrichtung zu mehr Vernetzung, Förderung von inklusiven Projekten und der gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung.
Vorsitzender Armin v. Buttlar sagt heute, dass die Namensänderung ein großer Gewinn war. Durch die Einführung des neuen Markennamens musste auch der gesellschaftliche Paradigmenwechsel, weg von Almosen, Fürsorge und Mitleid hin zu Barrierefreiheit, Inklusion und selbstbestimmtem Leben, kommuniziert werden. Auch die Marke Licht ins Dunkel ist gut eingesessen, aber nicht mehr zeitgemäß: Menschen mit Behinderungen, die im Dunkeln sitzen und auf die lichtbringenden Spender warten, widersprechen dem Selbstbild von Behinderten und auch der UN-Behindertenrechtskonvention.
ORF-Kampagne ohne Betroffene
Der „Licht ins Dunkel“-Gründer, Ernst Wolfram Marboe, sagte einst: „Licht ins Dunkel gehört zu Weihnachten wie der Guglhupf zum Kaffee.“ Allein man könnte auch einmal jene zum Guglhupfessen einladen, über die man 45 Jahre nur gesprochen hat.
Die ORF-Kampagne hat mit den hohen Einschaltquoten ein großes Potenzial, das Bild von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft zu verändern. Nicht nur zu Weihnachten, auch unterm Jahr. Andere Spots, andere Initiativen, Vernetzung und Information ähnlich dem deutschen Vorbild wären möglich.
Auch sollte der ORF behinderte Journalisten ausbilden und in die Redaktionen inkludieren. Wären eine blinde Radiomoderatorin oder ein „ZiB 2“-Präsentator im Rollstuhl unmöglich? Oder könnte nicht ORF-Online von Redakteuren mit Lernbehinderungen in einfacher Sprache gestaltet werden? Wünschen darf man sich etwas, es ist ja Weihnachten! (Franz-Joseph Huainigg, 27.12.2017)
Franz-Joseph Huainigg ist Autor und Medienpädagoge.

99 Good News Stories in 2018
19. DEZEMBER 2018
99 Good News Stories You Probably Didn’t Hear About in 2018 by Angus Hervey medium.com
For the last 12 months, the global media has been focused on a lot of bad news. But there were other things happening out there too. Good news stories that didn’t make it onto the evening broadcasts, or your social media feeds. We spent the year collecting them, in our ongoing mission to stop the fear virus in its tracks. Enjoy.
1. The Kofan people of Sinangoe, in the Ecuadorian Amazon, won a landmark legal battle to protect the headwaters of the Aguarico River, nullifying 52 mining concessions and freeing up more than 32, 000 hectares of primary rainforest. Amazon Frontlines
2. Following China’s ban on ivory last year, 90% of Chinese support it, ivory demand has dropped by almost half, and poaching rates are falling in places like Kenya. WWF
3. The population of wild tigers in Nepal was found to have nearly doubled in the last nine years, thanks to efforts by conservationists and increased funding for protected areas. Independent
4. Deforestation in Indonesia fell by 60%, as a result of a ban on clearing peatlands, new educational campaigns and better law enforcement. Ecowatch
5. The United Nations said that the ozone hole would be fully healed over the Arctic and the northern hemisphere by the 2030s, and in the rest of the world by 2060. Gizmodo
6. $10 billion (the largest amount ever for ocean conservation) was committed in Bali this year for the protection of 14 million square kilometres of the world’s oceans. MongaBay
7. In California, the world’s smallest fox was removed from the Endangered Species List, the fastest recovery of any mammal under the Endangered Species Act. Conservaca
8. In 2018, after more than ten years of debate, 140 nations agreed to begin negotiations on a historic “Paris Agreement for the Ocean,” the first-ever international treaty to stop overfishing and protect life in the high seas. National Geographic
9. Niger revealed that it has planted 200 million new trees in three decades, the largest positive transformation of the environment in African history. Guardian
10. Spain said it would create a new marine wildlife reserve for the migrations of whales and dolphins in the Mediterranean and will prohibit all future fossil fuels exploration in the area. Associated Press
11. Following ‘visionary’ steps by Belize, UNESCO removed the Belize Barrier Reef, the second largest in the world, from its list of endangered World Heritage Sites. BBC
12. Colombia officially expanded the Serranía de Chiribiquete (also known as The Cosmic Village of the Jaguars) to 4.3 million hectares, making it the largest protected tropical rainforest national park in the world. WWF
13. Mexico said its population of wild jaguars, the largest feline in the Americas, grew by 20% in the past eight years, and 14 Latin American countries signed an agreement to implement a regional conservation program for the big cats through 2030. Phys.org
14. In the forests of central Africa, the population of mountain gorillas, one of the world’s most endangered species, was reported to have increased by 25% since 2010, to over 1,000 individuals. Reuters
15. Canada signed another conservation deal with its First Nations people, creating the largest protected boreal forest (an area twice the size of Belgium) on the planet. BBC
16. Chile passed a new law protecting the waters along its coastline, creating nine marine reserves and increasing the area of ocean under state protection from 4.3% to 42.4% BBC
17. The Seychelles created a new 130,000 square kilometre marine reserve in the Indian Ocean, protecting their waters from illegal fishing for generations to come. National Geographic
18. New Caledonia agreed to place 28,000 square kilometres of its ocean waters under protection, including some of the world’s most pristine coral reefs. Forbes
19. 25 million doses of a new cholera vaccine were administered globally, and preparations began for the largest vaccination drive in history. UNICEF
20. France revealed a sharp fall in daily smokers, with one million fewer lighting up in the past year, and cigarette use among Americans dropped to its lowest level since the Centers for Disease Control and Prevention started collecting data in 1965.
21. Rwanda became the first low income country to provide universal eye care to all of its citizens, by training 3,000 nurses in over 500 health clinics. Global Citizen
22. India registered a 22% decline in maternal deaths since 2013. That means on average, 30 more new mothers are now being saved every day compared to five years ago. The Wire
23. Ghana became the first country in sub-Saharan Africa to eliminate trachoma. In 2000, it threatened 2.8 million people (15% of the population) with blindness. Devex
24. The WHO revealed that teenage drinking has declined across Europe, the continent with the highest rates of drinking in the world. The country with the largest decline? Britain. CNN
25. Since 2010, global HIV/AIDS infection rates have fallen by 16% in adults and by 35% for children. Most countries are now on track to eliminate infections by 2030. Undark
26. In 2018, New York and Virginia became the first two US states to enact laws requiring mental health education in schools. CNN
27. Malaysia became the first country in the Western Pacific to reduce mother-to-child transmission of HIV and syphilis. Malaymail
28. South Africa, home to the world’s largest population of people living with HIV, shocked health officials by revealing a 44% decline in new infections since 2012. Telegraph
29. After five successful, annual rounds of large-scale, school-based deworming across Kenya, worm-related diseases have fallen from 33.4% in 2012 to 3% today. KEMRI
30. Russians are drinking and smoking less than at any point since the fall of the Soviet Union, with tobacco use down by 20% since 2009, and alcohol consumption down by 20% since 2012. Straits Times
31. Tanzania revealed that in the last ten years, it has reduced the malaria death rate by 50% in adults and 53% in children. Borgen
32. The WHO certified Paraguay as having eliminated malaria, the first country in the Americas to be granted this status since Cuba in 1973.
33. Costa Rica’s Supreme Court ruled that the country’s same-sex marriage ban was unconstitutional, and gave the government 18 months to change it. BBC
34. New research revealed that in the last two decades, female genital mutilation has fallen from 57.7% to 14.1% in north Africa, from 73.6% to 25.4% in west Africa, and from 71.4% to 8% in east Africa. Guardian
35. India’s highest court struck down a century-old prohibition on homosexual sex, calling the Victorian-era law “irrational, indefensible, and manifestly arbitrary.” Al Jazeera
36. Morocco passed a landmark law that criminalises violence against women, and imposes harsh penalties on perpetrators. Albawaba
37. Germany released new figures showing that more than 300,000 refugees have now found jobs, and the share of MPs with migrant backgrounds has risen from 3% to 9% in the last two elections. Economist
38. New Zealand became the second country in the world (after the Philippines) to pass legislation granting victims of domestic violence 10 days paid leave. Guardian
39. Scotland became the first nation in the world to guarantee free sanitary products to all students, and India’s finance ministry announced it would scrap the 12% GST on all sanitary products.
40. Canada became the second country in the world to legalise marijuana. A major crack in the grass ceiling, and a wonderful moment for fans of evidence-based decision making everywhere. BBC
41. In a major milestone for human rights in the Middle East, a Lebanese court issued a new judgement holding that homosexuality is not a crime. Beirut
42. Trinidad and Tobago’s high court ruled that the Caribbean nation’s colonial-era law banning gay sex was unconstitutional. NBC
43. Tunisia became the first Arab nation to pass a law giving women and men equal inheritance, overturning an old provision of Sharia Islamic law. Dhaka Tribune
44. Pakistan’s parliament passed a landmark law guaranteeing basic rights for transgender citizens and outlawing all forms of discrimination by employers. Al Jazeera
45. Scotland became the first country in the world to include teaching of lesbian, gay, bisexual, transgender and intersex rights into its state schools curriculum. The Scotsman
46. Nepal became the 54th country in the world, and the first country in South Asia, to pass a law banning corporal punishment for children. End Corporal Punishment
47. Quietly and unannounced, humanity crossed a truly amazing threshold this year. For the first time since agriculture-based civilisation began 10,000 years ago, the majority of humankind is no longer poor or vulnerable to falling into poverty. Brookings
48. A little perspective. The Economist revealed that global suicide rates have dropped by 38% since 1994, saving four million lives, four times the number killed in combat during the same time.
49. According to the UNDP, 271 million people in India moved out of poverty since 2015, and the country’s poverty rate has been cut nearly in half. Times of India
50. India also continued the largest sanitation building spree of all time. More than 80 million toilets are estimated to have been built since 2014. Arkansas Democrat Gazette
51. The International Energy Agency said that in the last year, 120 million people gained access to electricity. That means that for the first time since electrical service was started (1882), less than a billion of the world’s population are left in darkness.
52. A new report showed that the global fertility rate (average number of children a woman gives birth to) has halved since 1950. Half the world’s countries are now below replacement levels. BBC
53. Bangladesh revealed that it had reduced its child mortality rate by 78% since 1990, the largest reduction by any country in the world. Kinder-World
54. Remember how the global media worked itself into a frenzy over Cape Town’s water shortages and Day Zero in 2017? Strangely, nobody reported this year how the Mother City successfully averted the crisis. apolitical
55. Respiratory disease death rates in China have fallen by 70% since 1990, thanks to rising incomes, cleaner cooking fuels and better healthcare. Twitter
56. The share of black men in poverty in the United States fell from 41% in 1960 to 18% today, and their share in the middle class rose from 38% to 57% in the same time. CNN
57. A new report showed that democracy is more widespread than ever. Six in ten of the world’s countries are now democratic — a post war record. Pew Research
58. A new global youth survey showed that young people in all countries are more optimistic than adults. Nine in 10 teenagers in Kenya, Mexico, China, Nigeria and India reported feeling positive about their future. Guardian
59. The world passed 1,000 GW of cumulative installed wind and solar power this year. 10 years ago, there was less than 8 GW of solar. Future Crunch
60. Solar and wind continued their precipitous cost declines. In the second half of 2018 alone, the levelized cost for solar fell by 14% and the wind benchmark by 6%. In many parts of the world it’s now cheaper to build new clean energy than it is to keep dirty energy running. BNEF
61. Allianz, the world’s biggest insurance company by assets, said it would cease insuring coal-fired power plants and coal mines, and Maersk, the world’s largest maritime shipping company, said it would begin ditching fossil fuels, and will eliminate all carbon emissions by the year 2050.
62. Repsol became the first major fossil fuels producer to say it would no longer be seeking new growth for oil and gas. Bloomberg
63. California unveiled the most ambitious climate target of all time, with a commitment to making the world’s fifth biggest economy carbon neutral by 2045. NBC
64. China, the world’s biggest energy consumer, revised its renewable energy target upwards, committing to 35% clean energy by 2030. Engadget
65. Chile said it had managed to quadruple its clean energy sources since 2013, resulting in a 75% drop in the average cost of electricity. IPS News
66. The United States set a new record for coal plant closures this year, with 22 plants in 14 states totalling 15.4GW of dirty energy going dark. #MAGA. Clean Technica
67. 11 European nations either closed their coal fleets or announced they will close them by a specific date, including France by 2023, Italy and the UK by 2025, and Denmark and the Netherlands by 2030.
68. Some of the world’s biggest sovereign wealth funds, representing more than $3 trillion in assets, and Black Rock, the world’s biggest fund manager, with assets worth $5.1 trillion, said they would only invest in companies that factor climate risks into their strategies. UNFCCC
69. India increased its already massive 2022 clean energy target by 28%. It plans to add 150 GW of wind and solar in the next four years. Clean Technica
70. Ireland became the world’s first country to divest from fossil fuels, after a bill was passed with all-party support in the lower house of parliament. Guardian
71. Spain committed to shutting down most of its coalmines by the end of the year, after the government agreed to early retirement for miners, re-skilling and environmental restoration. Guardian
72. The Journal of Peace Research said that global deaths from state based conflicts have declined for the third year in a row, and are now 32% lower than their peak in 2014.
73. After a decade long effort, Herat, Afghanistan’s deadliest province for landmines, was declared free of explosive devices. Nearly 80% of the country is now mine free. Reuters
74. Following the collapse of ISIS, civilian deaths in Iraq decreased dramatically. 80% fewer Iraqis were killed in the first five months of 2018 compared to last year. Anti-War
75. Ethiopia and Eritrea signed a peace treaty, signalling the end of a 20 year war, and reuniting thousands of families. BBC
76. Malaysia abolished the death penalty for all crimes and halted all pending executions, a move hailed by human rights groups in Asia as a major victory. SMH
77. Honduras had the highest homicide rate in the world in 2012. Murders have decreased by half since then, more than any other nation. Ozy
78. Crime and murder rates declined in the United States’ 30 largest cities, with the murder rate for 2018 projected to be 7.6 percent lower than 2017. Vox
79. Crime falls when you take in millions of refugees too. The number of reported crimes in Germany has fallen by 10%, to the lowest level in 30 years. Washington Post
80. Worried about the kids? Youth crime in the Australian state of New South Wales has plummeted in the last 20 years. Vehicle theft is down by 59%, property theft by 59%, and drunk-driving by 49%. ANU
81. Still worried about the kids? In the last generation, arrests of Californian teenagers have fallen by 80%, murder arrests by 85%, gun killings by 75%, imprisonments by 88%, teen births by 75%, school dropouts by half, and college enrolments are up by 45%. Sacbee
82. According to new data from the Department of Justice, the proportion of people being sent to prison in the United States has fallen to its lowest level in 20 years. Pew Research
83. Damn those pesky millenials. A new report revealed that, thanks to shifting tastes amongst those born after 1980, 70% of the world’s population is reducing meat consumption or leaving meat off the table altogether. Forbes
84. Germany announced one of the most ambitious waste management schemes in history. The government plans to recycle 63% of its total waste within the next four years, up from 36% today. DW
85. The Malaysian government announced it would not allow any further expansion of oil palm plantations, and that it intends to maintain forest cover at 50%. Malaymail
86. Denmark became the latest country to announce a ban on internal combustion engines. There are now 16 countries with bans that come into effect before 2040 — including China and India, the two biggest car markets in the world. Bloomberg
87. In 2018, the world surpassed the 4 million mark for electric vehicles. In the world’s biggest car market, China, electric cars reached 5% of sales; China’s internal combustion car market is flat, with all growth now being absorbed by EVs. Bloomberg
88. Adidas expects to sell 5 million pairs of shoes made from ocean plastic this year, and committed to using only recycled plastic in its products by 2024. CNN
89. Four years ago, China declared a war on pollution. It’s working. Cities have, on average, cut concentrations of fine particulates in the air by 32%. New York Times
90. Thanks to tightening restrictions, the United Kingdom reported a 12% drop in vehicle emissions since 2012, as well as significant overall drop in air pollutants. BBC
91. 250 of the world’s major brands, including Coca Cola, Kellogs and Nestle, agreed to make sure that 100% of their plastic packaging will be reused, recycled or composted by 2025. BBC
92. The European Parliament passed a full ban on single-use plastics, estimated to make up over 70% of marine litter. It will come into effect in 2021. Independent
93. As of the end of 2018, at least 32 countries around the world now have plastic bag bans in place — and nearly half are in Africa. Quartz
94. China said it had seen a 66% reduction in plastic bag usage since the rollout of its 2008 ban, and that it has avoided the use of an estimated 40 billion bags. Earth Day
95. India’s second most populous state, Maharashtra, home to 116 million people, banned all single use plastic (including packaging) on the 23rd June this year. Indian Express
96. India’s environment minister also announced the country would eliminate all single-use plastic by 2022. Oh, and three years after India made it compulsory to use plastic waste in road construction, there are now 100,000 kilometres of plastic roads in the country.
97. Four years after imposing a 5p levy, the United Kingdom said it had used 9 billion fewer plastic bags, and the number being found on the seabed has plummeted. Independent
98. Following a ban by two of its biggest retailers, Australia cut its plastic bag usage by 80% in three months, saving 1.5 billions bags from entering the waste stream. NY Post
99. After enacting the world’s toughest plastic bag ban, Kenya reported that its waterways were clearer, the food chain is less contaminated — and there are fewer ‘flying toilets.’ Guardian
100. There is now a giant 600 metre long boom in the Pacific that uses oceanic forces to clean up plastic, and you can track its progress here. Despite a few early setbacks, the team behind it thinks they can clean up half the Great Pacific Garbage Patch in the next seven years. Ocean Cleanup

Jede Woche ein Skandal
18. DEZEMBER 2018
Dank an die SZ
Vor einem Jahr übernahm die rechtskonservative Koalition von Kanzler Kurz und seinem Vize Strache die Macht in Wien. Im Regierungslager wuchern seitdem Aufreger und Affären aller Art – vor allem in der FPÖ. Eine Übersicht.
Von Oliver Das Gupta
„Ein neuer Stil“, so steht es auf Broschüren von Sebastian Kurz aus dem österreichischen Wahlkampf 2017 – es ist eine Aussicht auf eine niveauvollere Zukunft, es ist ein Versprechen. Bei der Wahl im Oktober wurde seine konservative ÖVP zur stärksten politischen Kraft und Kurz mit Hilfe der FPÖ zum Bundeskanzler der Republik Österreich.
Nun, nach dem ersten Jahr der neuen österreichischen Regierung, macht sich der von Kurz angekündigte „neue Stil“ vor allem unter den Koalitionären bemerkbar: Konflikte werden nicht nach außen getragen. Allerdings haben seit der Machtübernahme Vertreter der Regierungsparteien zahlreiche, teils besorgniserregende Aufreger verursacht, die auch international für Aufsehen sorgten. Im Schnitt gab es jede Woche einen Affront von Vertretern von FPÖ oder ÖVP.
Ein unvollständiger, aber ausführlicher Überblick über kleinere und größere Skandale des Regierungslagers, die sich seit dem 18. Dezember 2017, dem Tag des Amtsantritts, zugetragen haben.
DEZEMBER 2017
21.12. Unterwürfigkeitsforderung an Journalisten Der FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger kritisiert, wie der ORF-Anchorman Armin Wolf die neue Regierungsspitze Kurz/Strache interviewt. Österreichs renommiertester Journalist sei „noch immer eine Spur unbotmäßig gegenüber den beiden“, Steger vermisst da „Respekt“. Der Duden erklärt zum Begriff „unbotmäßig“: „sich nicht so verhaltend, wie es [von der Obrigkeit] gefordert wird“.
27.12. NS-Material zu Heiligabend Nach den Weihnachtstagen wird bekannt, dass der FPÖ-Gemeinderat Bernhard Blochberger eine Zeichnung aus einer Nazi-Zeitschrift auf Facebook gepostet hat. Dazu stellte der Funktionär aus dem niederösterreichischen Krumbach Fotos von Wehrmachts-Landsern und den Link zum Lied: „Wehrmacht, stille Nacht“.
JANUAR 2018
11.1. Formulierungen mit NS-Bezug Der neue Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) kündigt an, Migranten an einem Ort „konzentriert“ unterzubringen. Hinterher versichert er, die Bezeichnung nicht in Anlehnung an Nazi-Konzentrationslager verwendet zu haben.
23.1. Antisemitisches Liedgut I Das Liedbuch der deutschnationalen Burschenschaft „Germania zu Wiener Neustadt“ wird bekannt, in dem unter anderem der Holocaust besungen wird. Vizechef der Verbindung ist Udo Landauer, FPÖ-Spitzenkandidat bei der anstehenden Landtagswahl in Niederösterreich. Der langjährige Chef des FPÖ-Nachwuchses legt seine Ämter nieder, kehrt aber wenige Monate später wieder in die Landespolitik zurück.
28.1. Aufruf zur Journalisten-Belästigung Der FPÖ-Nachwuchs aus der Steiermark ruft zum Cyber-Mobbing gegen die Standard-Reporterin Colette Schmidt auf.
FEBRUAR
7.2. NS-Vokabular für Migranten Miriam Rydl, FPÖ-Funktionärin aus dem niederösterreichischen Tulln, bezeichnet Flüchtlinge als „Untermenschen“. Der Duden erklärt, was der Begriff Untermensch bedeutet: „(In der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus) Mensch, der nicht Arier ist.“
12.2. Außenpolitischer Fettnapf Vizekanzler Strache erklärt im Gespräch mit einer serbischen Zeitung: „Kosovo zweifellos ein Teil Serbiens.“ Damit konterkariert der FPÖ-Chef die Linie der EU und Österreichs, die die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt haben. Selbst die von der FPÖ nominierte Außenministerin Karin Kneissl beeilt sich, das festzustellen. Strache meint hinterher, er glaube nicht, durch seine Aussagen außenpolitischen Schaden angerichtet zu haben. Die FPÖ umwirbt seit Jahren die serbischstämmigen Österreicher.
13.2. Facebook-Attacke auf Moderator Strache wirft auf Facebook dem Fernseh-Journalisten Armin Wolf und dem ORF „Lügen“ vor. Dazu postet er das Wort „Satire“ und einen Smiley. Wolf leitet rechtliche Schritte ein, der FPÖ-Chef gibt schließlich klein bei. Die Einigung, die am Ende steht: Der Vizekanzler veröffentlicht eine Entschuldigungserklärung im Boulevardblatt Kronen-Zeitung sowie zehn Tage lang auf seinem Facebook-Profil.
20.2. Antisemitisches Liedgut II Der Falter und die Wiener Zeitung berichtenvon der Existenz eines weiteren Liederbuchs einer deutschnationalen Burschenschaft mit antisemitischen Passagen. Chef der Verbindung Bruna Sudetia ist Herwig Götschober, Vertrauter von FPÖ-Vizeobmann Norbert Hofer und im Kabinett des Verkehrsministers zuständig für Social-Media-Aktivitäten. Hofer beurlaubt seinen Vertrauten, nach wenigen Wochen kehrt er vor dem Ende der Aufarbeitung zurück auf seinen Posten.
28.2. Razzien gegen Extremismus-Bekämpfer Aus dem FPÖ-geführten Innenministerium werden Razzien beim Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) initiiert, sie werden geleitet vom Wolfgang Preiszler, der auch FPÖ-Kommunalpolitiker ist. Die später als größtenteils illegal erklärte Aktion zielt unter anderem auf den Behördenchef. Aber auch streng geheime Daten der als Zeugin geführten Leiterin des Extremismusreferats werden beschlagnahmt, darunter von deutschen Partnern anvertraute Informationen zu Rechtsradikalen. Es gibt zahlreiche Widersprüche und Auffälligkeiten. Die Causa wächst sich aus zu einer Staatsaffäre, die ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss aufklären will.
MÄRZ
5.3. Treffen mit Nationalisten und Verschwörungstheoretikern Beim rechtsextremen Kongress namens „Verteidiger Europas“ im Wasserschloss Aistersheim nimmt auch der Grazer FPÖ-Vizebürgermeister Mario Eustacchio teil – als einer der Hauptredner.
7.3. Hitler-Sehnsucht aufs Handy Der FPÖ-Bezirksobmann Wolfgang Neururer aus dem Tiroler Ort Imst verschickt Hitler-Bildchen über Whatsapp an Parteifreunde. Dort steht zu lesen: „Vermisst seit 1945. Adolf, bitte melde dich! Deutschland braucht dich! Das Deutsche Volk.“
8.3. Juden mit Burschenschaftlern gleichgesetzt Lutz Weinzinger, FPÖ-Veteran und früherer oberösterreichischer Landesparteichef, behauptet, dass die Mitglieder von Verbindungen „von den Nazis verfolgt wurden wie die Juden am Anfang“.
19.3. Rassist und Polizeileiter Gegen Wolfgang Preiszler, der als Chef der Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Straßenkriminalität die dubiosen Razzien beim BVT leitete, wird wegen Facebook-Aktivitäten ermittelt. Der Spitzen-Polizist habe rassistische Karikaturen, Inhalte rechtsextremer Quellen und Postings von prominenten Staatsverweigerern geteilt und gelikt, heißt es. Das Verfahren wird später wegen Verjährung eingestellt.
20.3. Rechtsextrem tendierender Diplomat Der Falter macht publik, dass der Wiener FPÖ-Bezirksrat Jürgen-Michael Kleppich bei Facebook äußerst rechts aktiv ist. Burschenschaftler Kleppich legt nach Antritt als Botschafts-Attaché in Israel nahe, dass er mit der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ sympathisiert. Die Gruppe wird in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet.
APRIL
12.4. Rassismus via Social Media Robert Lizar vom FPÖ-Parteiblatt Neue Freie Zeitung äußert sich abfällig über die Wiener Ärztin und SPÖ-Bezirkschefin Mireille Ngosso wegen ihrer afrikanischen Herkunft. Es gab zahlreiche rassistische Kommentare unter Lizars Facebook-Posting. Die Tiroler FPÖ-Landtagsabeordnete Evelyn Achhorner schrieb etwa mit Blick auf Ngossos Aussehen: „Frau oder Mann?“
17.4. Manipuliertes Bild Ein Foto, das den ÖVP-Chef und Kanzler Sebastian Kurz mit seinem Parteifreund und Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner zeigt, wurde vom Social-Media-Team der ÖVP retuschiert. Der Grund: Im Hintergrund war das Foto einer rauchenden Asiatin mit einer dicken, jointartigen Zigarette. Das Bild wurde deshalb mit einer Landschaftsaufnahme ersetzt.
20.4. Sympathie für Hitler-Fans Arndt Praxmarer, ein deutschnationaler Burschenschaftler und Kabinettsmitglied bei FPÖ-Verkehrsminister Norbert Hofer, gefällt die Facebook-Seite einer Thüringer Gaststätte, die den Geburtstag von Adolf Hitler feiert.
20.4. FPÖ übernimmt Anti-Soros-Kampagne Johann Gudenus, der Klubobmann (Fraktionschef) der FPÖ im Parlament, verbreitet die mit antisemitischen Stereotypen verbundenen Vorwürfe gegen den US-Investor George Soros. In Ungarn hatte zuvor Premier Viktor Orbán seine erfolgreiche Wahlkampagne gegen den aus einer ungarisch-jüdischen Familie stammenden Soros aufgebaut. Nun behauptet Gudenus im selben Tonfall, es gebe „stichhaltige Gerüchte“, wonach der aus Ungarn stammende Investor George Soros daran beteiligt sei, „Migrantenströme nach Europa zu unterstützen“. Gudenus gibt sich als Anhänger von Verschwörungstheorien zu erkennen: Er glaube nicht, dass „die Massenimmigration nach Europa zufällig in dem Ausmaß passiert“ sei. Soros sei da einer der möglichen Akteure. „Es gibt auch diverse Papiere in der EU, die zeigen, dass das stattfinden soll“, so Gudenus. Gefragt nach Beweisen für seine Behauptung sagt der FPÖ-Mann: „Ich habe von stichhaltigen, sich verdichtenden Gerüchten gesprochen.“
24/26.4. Anzeige gegen Kritik und Ironie Der Schriftsteller Josef Winkler kritisiert bei einem Festakt die FPÖ und ihr verstorbenes Idol Jörg Haider – schon zu Lebzeiten korruptionsumwittert. Auf Winklers klar ironische Forderung, Haiders Urne sollte in eine bewachte Gefängniszelle verlegt werden, und wegen der Parteikritik reagiert die FPÖ mit einer Anzeige.
MAI
9.5. Eigenbezeichnung „Nationalsozialist“ Es wird bekannt, dass Markus Hüttenmeyer, ein FPÖ-Kader aus dem Salzburger Land, 2009 auf Facebook den Satz schrieb: „Für uns Nationalsozialisten darf das Bekenntnis zu einer Weltanschauung niemals zur Phrase werden“. Hüttenmeyer war damals Funktionär bei der FPÖ-Nachwuchsorganisation „Ring Freiheitlicher Jugend“ (RFJ).
24.5. FPÖ-nahe Postille beleidigt Songcontest-Teilnehmer Die rechtsextreme Zeitschrift „Aula“, die von den Freiheitlichen Akademikerverbände herausgegeben wird, nennt den österreichischen Songcontest-Teilnehmer Cesar Sampson einen „ORF-Quotenmohr“. Die Bezeichnung ist klar rassistisch, Sampson ist dunkelhäutig. Die FPÖ ist der Lapsus peinlich, ihre Vorfeldorganisation stellt die Zeitschrift ein.
30.5. Strache gegen EU-Personenfreizügigkeit Der Vizekanzler und FPÖ-Chef stellt eine der Grundfreiheiten der Europäischen Union in Frage. In Berlin schüttelt man die Köpfe, Luxemburgs Außenminister nennt die Äußerung „irre“.
JUNI
12.6. Unflätige Zwischenrufe im Hohen Haus Während einer Parlamentsrede zum BVT-Skandal der in Bosnien geborenen Abgeordneten Alma Zadic (JETZT, früher Liste Pilz), ruft der ÖVP-Politiker Johann Rädler: „Sie sind nicht in Bosnien! Verwechseln Sie das nicht!“ Der FPÖ-Parlamentarier Wolfgang Zanger fordert darauf Zadic scherzhaft auf, zu ihm zu kommen: „Alma, bei mir bist du sicher“. FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker sagt anschließend: „Was daran frauenfeindlich sein soll, weiß ich nicht.“
13.6. Den öffentlichen Rundfunk „neutralisieren“ Ein Vortrag des oberösterreichischen FPÖ-Landesrats (Landesministers) Elmar Podgorschek wird bekannt, den dieser bei der AfD in Thüringen gehalten hat. Unter anderem fordert er während seines Auftritts die „Neutralisierung des ORF“, die österreichische Justiz nennt er „völlig linksgepolt“. Mit den „herkömmlichen Medien“ sei für die FPÖ „kein Staat zu machen“. Mit Blick auf die BVT-Affäre spricht er davon, eine Zelle „auszutrocknen“. Der Freiheitliche warnt auch vor dem eigenen Koalitionspartner ÖVP: „Traue keinem Schwarzen“.
JULI
17.7. Wer koscher kauft, soll sich anmelden Der niederösterreichische Landesrat Gottfried Waldhäusl hat Pläne, wonach sich die Käufer von koscherem Fleisch registrieren lassen sollten. Gläubige Juden und Muslime sollen sich nach dem Willen des FPÖ-Mannes ausweisen müssen, wenn sie in Niederösterreich das Fleisch geschächteter Tiere kaufen wollten. Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) stoppt den Vorstoß.
26.7. 150-Euro-Sager Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) äußert sich bei oe24.tv zu geplanten Kürzungen im Sozialbereich. Auf die Frage, ob Menschen mit 150 Euro im Monat leben können. „Wenn man die Wohnung auch noch bekommt, dann sicher.“ Nach empörten Reaktionen behauptet die Freiheitliche, missverstanden worden zu sein und sieht sich als Opfer von „Fake-News-Schleudern“.
AUGUST
15.8. Rassismus und Homophobie in Kombination Der Amstettener FPÖ-Stadtrat Bruno Weber beschwert sich über eine Werbung der Österreichischen Bundesbahnen, auf der ein homosexuelles Pärchen mit Kind zu sehen ist. „2 vermeintliche Schwuchteln m Baby und davon noch ein Neger. Mir graust“, schreibt Weber bei Facebook.
17.8. Rassistischer Afrika-Text Die EU-Parlamentarierin Claudia Schmidt (ÖVP) postet bei Facebook einen durchweg negativen Text über afrikanischstämmige Menschen. Die Parteifreundin von Kanzler Kurz behauptet, dass afrikanische „Kulturen nichts anderes produzieren als Leid, Verfolgung, Unterdrückung und Perspektivenlosigkeit“. Afrikaner wollten generell europäische Sozialsysteme ausnutzen, behauptet Schmidt. Den Kolonalismus der europäischen Staaten in Afrika tut sie als „tragisch“ ab, die Jahrzehntelange systematische Ausbeutung der Kolonialmächte hat nach Schmidts Ansicht nichts mit der heutigen Situation in Afrika zu tun. Später löscht sie ihren Beitrag.
18.8. Kostspieliges Hochzeitstänzchen Die von der FPÖ nominierte Außenministerin Kathrin Kneissl tanzt auf ihrer Hochzeit mit Russlands Staatschef Wladimir Putin. Am Ende bedankt sie sich mit einem Knicks beim Kremlchef. Die Putin-Visite führt zu Autobahnsperrungen und dem kostspieligen Einsatz von Polizei-Hundertschaften.
26.8. Flunkerei im Wahlkampf Es wird bekannt, dass der ÖVP-Abgeordnete Dominik Schrott im Parlamentswahlkampf ein Gewinnspiel manipuliert haben soll, das ihm viele Vorzugsstimmen eingebracht haben soll. Auch ist die Rede von Geldern an seine Agentur für eine Homepage, die nicht existiert. Der aus Tirol stammende Vertraute von Kanzler Kurz tritt schließlich zurück, beteuert aber seine Unschuld.
SEPTEMBER
3.9. Obszöner Tweet über Politikerin Efgeni Dönmez, der für die ÖVP im Parlament sitzt, suggeriert in einem Tweet, die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli habe dank sexueller Gefälligkeiten Karriere gemacht. In der deutschen Bundesregierung ist man empört, Kurz schließt Dönmez aus dem Parlamentsklub aus.
4.9. Terrorverdacht auf Unschuldigen gelenkt Die FPÖ macht Stimmung gegen einen mustergültig integrierten Flüchtling, den auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen öffentlichkeitswirksam besucht hatte. FPÖ-Klubchef Johann Gudenus behauptet, der junge Mann habe Sympathien für eine islamistische Terrormiliz und zeigt ihn an. Doch der Verdacht ist falsch, wie leicht zu erkennen ist. Gudenus weigert sich trotzdem, sich bei dem unschuldig bezichtigten Mann zu entschuldigen.
5.9. Minister-Vertraute schleicht sich in Presseraum Eine enge Mitarbeiterin von Innenminister Kickl (FPÖ) gibt sich als Journalistin aus. Die Frau wird in dem Presseraum entdeckt, der Journalisten vorbehalten ist, die über den BVT-Untersuchungsausschuss berichten. Das Parlamentsgremium rollt die dubiose Affäre um die Razzien beim Verfassungsschutz auf, die von Kickls Ministerium initiiert wurden.
25.9. Ministersprecher fordert Polizei zur Medienbenachteiligung aufIn einer E-Mail legt Innenminister Kickls Sprecher Christoph Pölzl der Polizei nahe, bestimmte Zeitungen auszugrenzen. Betroffen wären Journalisten von Standard, Kurier und Falter. Nach Publikwerden der Mail bemühen sich Regierungsvertreter um Schadensbegrenzung: Kanzler Kurz betont, jede Einschränkung der Pressefreiheit sei inakzeptabel. Aus dem Innenministerium selbst kommen erst trotzige Reaktionen. Später distanziert sich Minister Kickl von den Aussagen, Sprecher Pölzl sagt, seine Formulierung sei „ein Fehler“ gewesen
OKTOBER
3.10. Journalisten-Korrespondenz veröffentlicht Das FPÖ-geführte Innenministerium veröffentlicht eine Pressemitteilung mit SMS und Mails von Falter-Chefredakteur Florian Klenk an die Behörde und deren Mitarbeiter. Damit versucht das Ministerium, die Arbeitsweise des renommierten Journalisten zu diskreditieren. Die Veröffentlichung ruft massive Kritik hervor, unter anderem wegen einer möglichen Verletzung der Datenschutz-Grundverordnung. Einige Wochen später löscht das Ministerium die Pressemitteilung.
6.10. Sexistische Merkel-Fotomontagen Die Facebook-Aktivitäten von Manfred Reindl haben es in sich. Das Kabinettsmitglied von Verteidigungsminister Mario Kunasek (FPÖ) postet etwa sexistische Fotomontagen der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und bezeichnet sich offenbar als „anständiger Deutscher“. Außerdem suggeriert Reindl, dass der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen durch Walhbetrug ins Amt gekommen ist. Außerdem zeigt der Mitarbeiter des FPÖ-Ministers sich als Verschwörungstheoretiker, für den die Flüchtlingskrise 2015 ein „perfider CIA-Plan“ war.
30.10. Wahlkampfkostengrenze ignoriert Wie aus den dem Rechnungshof vorliegenden Angaben hervorgeht, haben die Regierungsparteien das vorgegebene Limit für Wahlkampfkosten drastisch überschritten. Die Obergrenze liegt bei sieben Millionen Euro. Die FPÖ hat aber 10,7 Millionen ausgegeben, die ÖVP sogar rund 13 Millionen Euro. Die Kanzlerpartei rechtfertigt die Verletzung des Limits mit „dem erhöhten Informationsbedarf in Folge des untergriffigen Wahlkampfes“.
NOVEMBER
5.11. Kickls General mit Sympathien für Israelfeinde Der Standard deckt auf, welche Facebook-Vorlieben der Generalsekretär im Innenministerium, Peter Goldgruber, hat. Demnach sympathisierte der neben FPÖ-Innenminister Kickl zweitmächtigste Mann im Ministerium nicht nur mit dem Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen, der immer wieder mit antisemitischen Ressentiments auffällt. Goldgruber likte auch Postings, deren Tenor klar israelfeindlich war.
11.11. Jesus, der „Nazi“-Verehrer Salvatore Angelo Raineri, FPÖ-Gemeinderat aus dem niederösterreichischen Kleinzell, behauptet bei Facebook, der Terminus „Nazi“ sei vor 2000 Jahren im antiken Judentum entstanden – als Wort für eine heilige Person. Die krude Theorie des Freiheitlichen: Jesus von Nazareth sei demnach ein „Nazi-Verehrer“ gewesen.
12./13.11. Rassistisches „Ali“-Video Während die Regierungsspitze öffentlichwirksam ein Treffen zum Thema „Hass im Netz“ abhält, schaltet die FPÖ einen Clip frei, der klar rassistisch und muslimfeindlich ist. Dort ist ein animierter Mann namens „Ali“ zu sehen, der mit der Krankenkassenkarte seines Verwandten zum Arzt geht. Die FPÖ löscht das Video, nachdem sich Kurz und Strache distanzieren. Die Parteizentrale behauptet, das Machwerk sei nicht vom Generalsekretär vor der Veröffentlichung angesehen worden. In dem Video kommt FPÖ-Sozialministerin Hartinger-Klein zu Wort, Klubchef Gudenus hat es ebenso auf seiner Facebook-Seite gepostet wie die Partei.
17.11. Neonazi als Parlaments-Security Die Aufarbeitung der dubiosen Razzien beim Verfassungsschutz bekommt eine besondere Note. Ein beim parlamentarischen Untersuchungsausschuss arbeitender Sicherheitsmann wird als Rechtsextremist entlarvt. Thomas K. gilt als Vertrauter des prominenten Holocaust-Leugners Gottfried Küssel, den auch FPÖ-Chef Strache als junger Erwachsener während seiner Neonazi-Zeit kennengelernt hatte. Die Verbindungen von Küssels Umfeld in die FPÖ sind zahlreich. Der nun enttarnte Rechtsextremist tummelt sich neben seiner Tätigkeit im Parlament auch auf rechtsextremen Treffen in Ostdeutschland. Wie wenig später bekannt wird, war der Neonazi auch als Leibwächter von Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka eingesetzt.
DEZEMBER
1.12. Minderjährige Flüchtlinge hinter Stacheldraht In Niederösterreich initiiert der zuständige FPÖ-Landesrat Waldhäusl eine neuartige Flüchtlingsunterkunft: Die Jungendlichen dürfen nur in Begleitung das Gebäude verlassen, dessen Eingang mit Dreifachstacheldraht und Hund gesichert ist – auf Waldhäusls persönlichen Wunsch, wie sich später herausstellt. Landeshauptfrau Mikl-Leitner (ÖVP) stoppt die Aktion.
12.12. Verteidigung mit Nazi-Vokabular Der niederösterreichische FPÖ-Landesrat Waldhäusl, der wegen der Unterbringung von minderjährigen Flüchtlingen in die Kritik geraten war, verwendet bei seiner Rechtfertigung NS-Jargon. Waldhäusl spricht von einer „Sonderbehandlung“ für Integrationsunwillige. In der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten war „Sonderbehandlung“ der geläufige Begriff für die Ermordung von Menschen. Seit den Prozessen gegen NS-Kriegsverbrechern ist die Bedeutung des Wortes allgemein bekannt.

Andreas Gabalier wird mir noch unsympathischer
16. DEZEMBER 2018
update auf twitter:
florian klenk bietet jedem, der am gabalier-konzert war, den falter 4 wochen gratis
Kurier, 15.12.2018
Andreas Gabalier stellt kritische Medien an den Pranger
Kritik an Standard und Falter vor 14500 Leuten in der Stadthalle.
Der Sänger Andres Gabalier hat bei seinem letzten Konzert 2018 in der Wiener Stadthalle zwei Medien an den Pranger gestellt, die ihm kritisch gegenüber stehen. Vor 14.500 Besuchern verunglimpfte er Standard und Falter als „Standort“ und „Flater“, Deren Redakteure seien „undercover in der Halle“, um „verheerende Geschichten“ zu schreiben. Und da „Traditionen nichts für sie sind“, hätten deren Chefredakteure „am 24.12. nichts zu tun“, in der steirischen Krippe würden „Ochs und Esel fehlen“.
Die Zeitungen seien deshalb gegen Gabalier, „weil ich die Hymne so gesungen habe“. Gabalier hatte die nunmehr per Bundesgesetz in der Hymne vorkommenden Töchter aus seiner Darbietung beim österreichischen Grand Prix in Spielberg 2014 gestrichen. Er habe so gesungen, wie er es in der Volksschule gelernt hat. Die Blätter würden Presseförderung „in Millionenhöhe“ bekommen, „um diesen Quargl abzudrucken“.
Gabalier hat bereits mehrfach mit seinen Aussagen für Aufsehen gesorgt, etwa mit seiner Klage des heterosexuellen Mannes beim Amadeus Award: „Man hat’s nicht leicht auf dera Welt wenn man als Manderl noch auf a Weiberl steht.“ Nach darauffolgender Kritik sah er sich „ins rechte Eck gedrängt“. Falter und Standard, die er nun kritisierte, sind linksliberale Medien. In Österreich werden Medien vor allem aus rechtspopulistischen Kreisen für „unbotmäßige“ Berichte kritisiert.
In der Kulturberichterstattung ist die Kritik am künstlerischen Schaffen ein wesentlicher Teil. Dabei spielt natürlich auch die politische Kontextualisierung von künstlerischen Aussagen eine Rolle. Vor allem von Seiten erfolgreicher Künstler ist es überaus unüblich, sich über negative Kritiken zu beklagen.
Gabalier lobte sein Publikum dafür, dass es sich „eine eigene Meinung gebildet“ hat. Solange die Österreicher „im Dirndlkleid außer Haus gehen“ bzw. „in der Lederhosen dastehen, ist die Welt noch in Ordnung“, sagte er davor.
Der aktuelle Aufreger jedenfalls war geplant: „Für den Skandal muss ich morgen wieder beichten gehen“, sagte er.

Schluss mit lustig?
15. DEZEMBER 2018

„Fragen Sie Frau Andrea“ von Andrea Maria Dusl aus FALTER 50/18 vom 12.12.2018
Liebe Frau Andrea, ich lebe nun schon längere Zeit als Deutscher in Wien und habe noch immer nicht ganz gerafft, wie man hierzulande „lustig“ sagt. Ich erbitte ernstgemeinte Nachhilfe! Boris Pistulka, nunmehr Wien, per Facebook-Nachricht
Lieber Boris,
ein erster Anfang im Verstehensprozess könnte darin bestehen, „raffen“ durch „schnallen“ oder (etwas wienerischer) durch „gneißen“ zu ersetzen. Widmen wir uns nun der freiwilligen Komik. Sie entsteht, wie die Schönheit, im Auge des Betrachters. Im Laufe der Jahrhunderte hat die gelernte Wienerin (und immer mitgemeint der Wiener) wenig zu lachen gehabt.
Die meisten Angelegenheiten auf dem Gebiet der Zwerchfellstrapaz waren und sind „a Hetz“(vom einst beliebten Schauspiel der Tierhatz),“a Koarl“(vom Lustspieltheater des Carl Bernbrunn vulgo Carl Carl, eher aber vom jiddischen „Kol“,“Qol“, Stimme, Spruch),“a Gschbaß“(ein Spaß) oder „a Gaudee“(eine Gaudi).
Das Lachen selbst firmiert im Wienerischen als „si ohaun“ (sich abhauen),“si ofedsn“ (sich abfetzen) und „si dsawudsln“ (sich zerwutzeln, sich in kleine Partikel auflösen). Leichtere Formen der Erheiterung kennen wir als „khudarn“ (kudern),“khugln“ (kugeln),“khiarn“(kirren, girren) und „khigattsn“ (kichern).
Die angesprochenen Formen sind den ehemaligen Vorstädten und den Arbeiterbezirken vorbehalten und in den Aufmarschgebieten der Döblinger Regimenter, in der Kottäsch (im Cottageviertel) und in Hietzing weniger gebräuchlich. Wenngleich auch dort mitunter gelacht wird, so doch eher im Rahmen des Amüsanten, Komischen, Fidelen und Beschwingten.
Das Lateinische hat sich über Vermittlung bierlüsterner Burschenschaften, von Liederbünden und Verbindungen im studentischen Kneipenlied „Gaudeamus igitur“ (Lasst uns also fröhlich sein!) sedimentiert.
Jüngst hat auch das Englische Althumanistisches implementiert. Aus „hilarious“(vom griechischen hilarós, lateinischen hilaris, hilarus; heiter, ausgelassen) wurde neuerdings „hilariös“. Eine Entwicklung, die ich, schon aus familiären Gründen, ausdrücklich begrüße, hieß doch mein Urgroßvater, der Bruder meiner Urgroßmutter und Kurarzt im Sauerbrunnen Rohitsch: Dr. Ernst Hilarius Fröhlich.
http://www.comandantina.com; dusl@falter.at, Twitter: @Comandantina

ICYMI
14. DEZEMBER 2018
abbreviation / informal
in case you missed it (used to draw attention to something noteworthy)

Google Italia Jahresrückblick 2018
12. DEZEMBER 2018
Parole
1 Mondiali
2 Sergio Marchionne
3 Cristiano Ronaldo
4 Fabrizio Frizzi
5 Grande Fratello
Eventi
1 Mondiali
2 Elezioni 4 marzo
3 Sanremo
4 Ponte Morandi
5 Giro d’Italia
Come fare…
1 Il back up
2 I pancake
3 Uno screenshot
4 Lo slime
5 Una tesina
Mete vacanze
1 Sardegna
2 Albania
3 Sicilia
4 Grecia
5 Croazia
Biglietti
1 Lotteria Italia
2 Roma – Liverpool
3 Vinitaly
4 Salone del Mobile
5 Eminem
Personaggi
1 Sergio Marchionne
2 Cristiano Ronaldo
3 Fabrizio Frizzi
4 Avicii
5 Davide Astori
Cosa significa…
1 Sessista
2 Ipovedente
3 LOL
4 Filantropo
5 Scopofobia
Perché…
1 Si festeggia l’8 marzo
2 I giocatori hanno un segno rosso in faccia
3 Fedez e J-Ax hanno litigato
4 Ilary Blasi ha la parrucca
5 Asia Argento non conduce più X Factor

Google Jahresrückblick 2018 – Österreich
12. DEZEMBER 2018
Suchbegriffe des Jahres
1 Fußball WM
2 Avicii
3 Daniel Küblböck
4 Jens Büchner
5 Olympische Winterspiele
Promis & Aufreger Österreich
1 Niki Lauda
2 Roman Rafreider
3 Cesár Sampson
4 Pamela Rendi-Wagner
5 Udo Landbauer
„Was…?“ Fragen
1 Was ist los in Wien?
2 Was soll ich kochen?
3 Sodbrennen was hilft?
4 Was sind Permanenzen?
5 Was ist mein Auto wert?
Themen des Jahres
1 Zeitumstellung
2 Volksbegehren Rauchverbot
3 Frauenvolksbegehren
4 Artikel 13
5 DSGVO
„Wie…?“ Fragen
1 Wie viele Längengrade umfasst eine Zeitzone?
2 Wie wird das Wetter?
3 Granatapfel wie essen?
4 Wie viele Wochen hat ein Jahr?
5 Wie lange dauert Überweisung?

a more deliberate way of living by Leo Babauta
11. DEZEMBER 2018
Our lives are often spent in a rush, almost on autopilot, drifting from one wave of busyness and distraction to another, adrift in a sea of crises and urges. There’s noise and quick tasks, lots of tabs, messages and requests, demands on our attention, multitasking, mind scattered everywhere. The nature of the world is chaos, but what if we could find a more deliberate way of moving through the chaos? I’m going to share some ways I’ve been trying to move more deliberately — none of them new to me or you, but more of a coming back to what I know to be helpful. We’re always coming back.
Set intentions at the start. When you start your day, or any meaningful activity, check in with yourself and ask what your intentions are for the day or that activity. Do you want to be more present? Do you want to move your mission forward? Do you want to be compassionate with your loved ones? Do you want to practice with discomfort and not run to comfort? Set an intention (or three) and try to hold that intention as you move through the day or that meaningful activity.
Pick your important tasks & make them your focus. What tasks are meaningful to you today? Pick just three (or even just one) and focus on that first. Put aside everything else (you can come back to all that later) and create space for what’s meaningful in your life.
One activity at a time. If you’re going to write, close all other tabs and just write. If you’re going to brush your teeth, just do that. If the activity is important enough to include in the limited container of your life, it’s important enough to give it your full focus. Treat it as if it might be your last act on earth.
Use any activity as a meditation. This is really the same as the item above, but every single act is an opportunity to be fully with the activity. Everything we do can be a practice in breath, in presence, in deep consciousness. Treat each act as sacred, and practice.
Create more space. Instead of filling every minute of the day with space, what would it be like to have some time of rest, solitude, quietude and reflection? My tendency (like many people, I suspect) is to finish one task and then immediately launch into the next. When there’s nothing to do, I’ll reach for my phone or computer and find something to read, to learn about, to respond to — something useful. But space is also useful. What would it look like to include space in our lives? Giving each activity an importance, and when it’s done, giving some weight to the space between activities. Taking a pause, and taking a breath. Reflecting on how the activity went, how I held my intention, how I want to spend the next hour of my life. Moving deliberately in that space, not rushing through it.
Be in silence more. Our days are filled with noise — talking, messaging, taking in the cacophony of the online world. What if we deliberately created a space or two each day for being in silence? That could look like a couple of meditation sessions, a walk out in nature, a bath where we don’t read but just experience the bath, a time for tea and nothing else but the tea, or just stopping to watch a sunset (without taking photos). Silence is healing to the soul.
Create containers for messaging & other chaos. We need to respond to emails and messages, read the news and catch up on things. But this chaos doesn’t have to fill our entire lives. Create a container for each of these activities: set aside 30 minutes for responding to all your emails, another 30 minutes for messages (maybe 2-3 times a day), and so on. In each container, do nothing but that activity. When you’re done, leave that activity until you need to come back to it deliberately.
Simplify by limiting or banning. We don’t have to say yes to every French fry or cookie, or every Youtube video or beer. We can choose what we want in our lives deliberately, and what we don’t want (or want less of) … then set limits or ban that activity. For example, can you limit sugar to one treat every week? Or go a month without alcohol? Or only watch Youtube videos between 6-7 pm? These kinds of limits help us to simplify and be more deliberate.
Listen to what life is calling you to do. As we sit in silence, as we move deliberately into spaces we’ve created, as we check in with our intentions … we can listen. Listen to life, God, the universe, whatever you want to listen to … and see what its calling you to do. Maybe it’s just your own heart. But you’re being called, and if you listen, you will hear it.
When you add these together — and you don’t have to be perfect at any of them — they flow into a beautiful way to move through life. (Leo Babauta)

Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher
10. DEZEMBER 2018
Peter Turrini – Nachrichten aus Österreich
Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher
Rede anläßlich einer Republiksfeier des SPÖ-Parlamentsclubs 30. Oktober 2018
Verehrte Menschen! Liebe Freunde!
Bruno Kreisky, hinlänglich verblichen und daher von aller Welt nachhaltig verehrt, führte in den 70er- und 80er-Jahren immer wieder Gespräche mit Künstlern, unter anderem auch mit mir. Ich erinnere mich an eine Argumentation von ihm, daß es nicht auf alles eine politische Antwort gebe, manches komme schlicht und einfach aus den Untiefen des menschlichen Charakters. Seine Worte haben mir damals eher mißfallen, weil ich alles für politisch hielt und daher auch alles für politisch lösbar.
Dieser Meinung bin ich heute nicht mehr.
Ein Gespenst geht um in Europa, nichts Unmenschliches ist ihm fremd. Es scheint, als sei ein Wettrennen darüber ausgebrochen, wer der größere Feind des Nächsten ist, wer die Schwächeren am besten verhöhnen kann. Der politische Begriff des Rechtsrucks greift zu kurz, hier geht es auch um den Charakter des einzelnen. Ich habe daher meiner Rede den Titel gegeben: „Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher“.
Glauben Sie nicht, daß ich aus der Warte des besseren Menschen argumentiere. Die Seele ist nicht nur ein weites Land, dieses Land ist auch voller Widersprüche. Da hocken das Gute und das Böse in ein und derselben Brust erstaunlich nahe beieinander. Die entscheidende Frage, die ich Ihnen und mir selbst stelle, ist doch, auf welche Seite unseres vermischten Wesens wir uns stellen. Verbleiben wir in der Mieselsucht, in der Kleinkariertheit, in der Abschottung gegenüber dem Fremden, in der Ausgrenzung des Anderen, bei der Verhöhnung des Schwächeren, also in der Arschlochecke unseres Charakters, oder versuchen wir über uns selbst hinaus zu wachsen, indem wir anderen Menschen helfen?
Das ist nicht immer leicht. Wir hatten Flüchtlinge in unserem Haus, fallweise ziemlich viele, und wir hatten sie auf längere Zeit. Manchmal sind sie mir sehr auf die Nerven gegangen. Flüchtlinge entsprechen nicht unbedingt unseren Idealvorstellungen. Sie sind Menschen mit Ansprüchen und Widersprüchen. Und dennoch: Geblieben sind Zugehörigkeiten zu einigen von ihnen und das Gefühl, daß wir einander ähnlicher sind, als wir glauben.
Das Wort Rechtsruck, das wir oft und für vieles im Mund führen, deckt mehr zu, als es aufdeckt. Was sollte an einer rechten Überzeugung, die ich nicht teile, in einer Demokratie so grundsätzlich falsch sein? Und auch die äußerste Rechte, die Freiheitlichen, sind eine Partei im demokratischen Spektrum, zumindest dem Anschein nach. Demokratie, und da bin ich schon beim Thema dieser Veranstaltung, heißt doch wohl, Überzeugungen, Gedanken und Sätze zu ertragen, die einem gegen den Strich gehen. Ich gebe zu, daß mir dies manchmal sehr schwerfällt, aber es fällt mir wiederum leichter, wenn ich daran denke, daß den anderen mein Denken und Sprechen auch Probleme macht. Wir müssen einander aushalten und miteinander reden, notfalls mit gehobener Lautstärke und aller Leidenschaft. Aber diese Wollust der Ausgrenzung, ja der Vernichtung, die derzeit gegenüber dem anderen und dem Andersartigen mehr und mehr aufbrodelt, die müssen wir nicht ertragen, die müssen wir bekämpfen.
Eine bürgerliche Partei mit christlichen Wurzeln müßte gegen diese neue Barbarei auftreten, sie müßte mithelfen, daß Flüchtlinge wie Menschen behandelt werden und daß ihnen geholfen wird, soweit es irgendwie möglich ist. Man kann durchaus über das Mögliche diskutieren, man muß nicht auf dem Unmöglichen beharren. Eine demokratische Regierung, in welcher Zusammensetzung auch immer, müßte diesem grassierenden Fremdenhaß entgegentreten, doch das explizite Gegenteil geschieht. Beinahe täglich sind von der jetzigen Regierung Vorschläge zu hören, was man den Flüchtlingen noch alles wegnehmen und welche Unterstützungen man immer weiter kürzen könnte.
Eine Sozialministerin ist der Meinung, daß ein Flüchtling nicht mehr als 150 Euro im Monat braucht, um überleben zu können. Das ist übrigens laut Statistik jener Betrag, den Hundeliebhaber monatlich für Hundefutter ausgeben.
Sind denn alle verrückt geworden? Hat ein Land wie Österreich, welches in seiner Geschichte alle möglichen Ethnien aufgenommen und zum Nationalcharakter verschmolzen hat und gerade dadurch zu vielen kreativen Großtaten fähig wurde, seine Geschichte vergessen? In meiner Jugend war man stolz darauf, den flüchtenden Ungarn und den flüchtenden Tschechen großzügig Asyl gewährt zu haben, und dies zu Recht. Hat das Arschlochtum, der Rückzug auf die schlimmsten Seiten des Charakters, das sture und stumme Verharren in der eigenen Trägheit, einen Siegeszug durch die österreichischen Lande angetreten?
Dieser Weg in die Erkaltung der Herzen, dieser allerneueste Klimawandel, hat einen symbolischen Anfang und kein absehbares Ende. Anfang der 90er-Jahre erfand der deutsche Journalist und Autor Kurt Scheel das Wort „Gutmensch“. Er hatte den Begriff auf grüne Bundestagsabgeordnete gemünzt, die strickend im Parlament saßen und immer alles besser wußten. Damals gab es die ersten Überfälle von Neonazis auf Flüchtlingsheime in Deutschland. Häuser brannten, Menschen starben. Als einige wenige Bürger den Neonazis entgegentraten, wurden sie von diesen als „Gutmenschen“ verhöhnt. Scheel war entsetzt und versuchte, mit allen Mitteln dagegen vorzugehen, vergebens. Der Teufel war schon aus dem Sack.
Seither verwenden immer mehr Rechte in allen Bräunlichkeitsstufen und Mitläufer aller Dummheitsgrade diesen Begriff zur Beschimpfung von Menschen, die gegen Faschismus, Rassismus und Fremdenphobie auftreten, und gegen solche, die – zumeist unentgeltlich – in karitativen Organisationen arbeiten.
„Gutmensch“ ist zum großen Schimpfwort geworden, als wäre es höchst erstrebenswert, ein „Schlechtmensch“ zu sein.
Am 8. September 2015 geschah in Röszke, einem ungarischen Grenzort in der Nähe Serbiens, folgendes: Die ungarische Kamerafrau Petra László stellte einem syrischen Flüchtling, der ein Kind auf dem Arm trug und vor ungarischen Grenzpolizisten davonlief, ein Bein. Sie filmte die Szene: Der Mann fällt hin, begräbt das Kind halb unter sich, steht mühsam auf, das Kind weint, der Mann flucht. An dieser Stelle brach das Video ab. Das Video kam in die Medien, weltweit. Frau László verteidigte sich damit, daß sie Mutter von zwei Kindern sei und daß sie sich von den Flüchtlingen bedroht gefühlt habe. Das Video sprach eine andere Sprache. Schließlich sagte sie, sie könne sich ihr Handeln auch nicht erklären.
Kurz danach gab es ein anderes Vorkommnis an der ungarischen Grenze. Ein Flüchtlingskind fiel in den Morast, eine flüchtende Gruppe rannte auf das Kind zu. Der ungarische Kameramann Attila Kisbenedek riß das Kind an sich und lief mit ihm zur Seite. Die Menge wäre ansonsten über das Kind hinweggetrampelt. Petra László trat der rechtsradikalen Jobbik-Partei bei. Über das mutige Eingreifen von Attila Kisbenedek wurde in Ungarn geschwiegen.
Umso wort- und tatenreicher wurde die inzwischen staatlich verordnete Barbarei verbreitet. Wer Flüchtlingen in Hinkunft helfen wollte, mußte damit rechnen, vom Staat gerichtlich verfolgt zu werden. Bald war auch in Ungarn von „Gutmenschen“ die Rede, denen man das Handwerk legen müsse. Die Diskriminierung und Kriminalisierung von Hilfsorganisationen nahm immer mehr zu: Die „Ärzte ohne Grenzen“ wurden diffamiert und bei ihren Versuchen zu helfen behindert. Schiffe, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retteten, durften keine italienischen Häfen mehr anlaufen. Ein österreichischer Innenminister wollte Flüchtlinge in konzentrierte Lager verfrachten. Eine AfD-Abgeordnete antwortete auf die Frage, wie denn dies alles enden solle, mit zwei Worten: „Notfalls schießen“.
Die Höllenfahrt in die Unmenschlichkeit wird immer rasanter: Der Bürgermeister des süditalienischen Dorfes Riace, Domenico Lucano, wurde verhaftet und anschließend in die Verbannung geschickt. Er hatte in überwiegend leerstehenden Häusern seines Dorfes Migranten untergebracht. Noch im vorigen Jahr hatte Domenico Lucano dafür den Dresdner Friedenspreis bekommen. Matteo Salvini, der italienische Innenminister, vermeldete auf Twitter, diesem Speibkübel für unfeine Herren, er hoffe, die „Gutmenschen“ würden jetzt begreifen, daß es ihnen an den Kragen gehe. Das Wort „Gutmensch“ hat längst sein Herkunftsland Deutschland verlassen. Die „Aquarius“, das letzte private Rettungsschiff, welches Flüchtlinge in Seenot aufnimmt, wird wohl demnächst seine Hilfe einstellen müssen. Panama, unter dessen Flagge das Schiff fährt, hat mitgeteilt, daß es die „Aquarius“ aus ihrem Schiffsregister streichen will.
Im September 2018 starben mehr als 200 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer. Zyniker der Macht, zu denen ich auch den österreichischen Bundeskanzler Kurz zähle, sagen, es müßten noch mehr Menschen ertrinken, um die Flüchtlinge von einer Flucht über das Meer abzuhalten.
Und in Österreich? An der Entwicklung in diesem Land leide ich besonders. Es ist ja auch mein Land. Als Sohn eines italienischen Einwanderers, welcher nie so recht in der deutschen Sprache ankam und es nicht bis an den Stammtisch der Einheimischen schaffte, habe ich lange genug gebraucht, dieses Land als mein Land zu empfinden. Ich will es mir von einem adrett zugerichteten jungen Mann in der Bundeskanzlerpose und von einer Horde Burschenschafter in Ministerbüros nicht mehr nehmen lassen.
Diese Regierung ist politisch phantasielos und frei von Moral. Sie kommt ständig mit dem Anspruch des Neuen daher und ist uralt. Die rechten Regierungen nehmen den Schwächeren etwas weg und geben es den Stärkeren. Unter der lächelnden Maske verbergen sich Postengier und Herzenskälte. Das Rennen um Vermehrung der Kältegrade läuft.
Wie bei einem geplanten Coup ging man arbeitsteilig vor: Jeder hat seine Aufgabe und nachher teilt man die Beute. Herr Kurz bekam die Wirtschaft und schafft ein echtes Wirtschaftswunder für die Reichen und Herr Strache bekam die Polizei, das Militär, die Geheimdienste und sorgt seitdem dafür, daß wir uns tatsächlich wundern, was alles möglich ist.
In einer Art Ballspiel der Macht wurden die Staatsposten verteilt: Ihre Bezeichnungen wurden auf Bälle geschrieben, diese wurden in die Luft geworfen und die Postengierigen rauften sich darum. Jeder konnte behalten, was er fangen konnte. Eine ehemalige Generalsekretärin der ÖVP fing den Ball einer Präsidentin des Nationalrates, den sie aber gleich wieder fallenließ, weil ihr ein Ball mit der Aufschrift Ministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus attraktiver erschien. Ein ehemaliger Innenminister, bekannt für seine Bißwütigkeit, riß den fallengelassenen Ball des Parlamentspräsidenten an sich und lächelt seitdem zwanghaft vor sich hin. Als Spitzenfänger erwies sich der Präsident der Wirtschaftskammer, er ergatterte sieben Bälle, also sieben Posten. Der einzige, der zu tolpatschig war, um einen Ball zu ergattern, war Herr Kickl. Er ging trotzdem nicht leer aus, weil man den Ball mit der Aufschrift Innenminister schon vorher für ihn zur Seite geschafft hatte.
Was diese Regierung macht, ist nicht nur ein moralischer Umsturz, vom Anstand zur Unanständigkeit, sondern vor allem ein politischer. Arbeiterrechte werden reduziert, Frauenvereinigungen wird die Unterstützung entzogen und Organisationen, die Immigranten helfen wollen, werden abgedreht. Alles soll in einer einzigen Behörde zusammengefaßt werden, eine eigene Agentur für Fremdenwesen soll geschaffen werden, in dem von der Beratung der Flüchtlinge bis zur Abschiebung alles in den Händen von Beamten des Innenministeriums liegt. Private Hilfsorganisationen, Rechtsanwälte, Helfende sollen nichts mehr mitzureden haben. Das ist ein Staatsstreich in Zeitlupe gegen die Zivilgesellschaft, immer ein bißchen weiter nach rechts ins Menschenfeindliche, bis man dort ist, wo Herr Salvini und Herr Orbán schon sind.
Von muslimischen Männern sagt man, sie würden mit ihren Frauen besonders respektlos umgehen. Von der gegenwärtigen Regierung wurden viele Projekte von und für Frauen gekürzt oder gestrichen. Es sind sehr viele und ich zähle nur einige auf:
Das autonome Frauen- und Lesbenzentrum in Innsbruck wurde um 100 % gekürzt.
Das Nova-Lernzentrum in der Steiermark wurde zu 100 % gekürzt.
Der Arbeitskreis für Emanzipation und Partnerschaft in Innsbruck wurde um 20 % gekürzt.
Der Dachverband der burgenländischen Frauen, Mädchen und Familienberatungsstellen wurde gekürzt.
Die Projektförderungen der autonomen österreichischen Frauenhäuser wurden gekürzt.
Das Ansuchen für den Dokumentarfilm „40 Jahre Frauenhausbewegung“ wurde nicht bewilligt.
Die Förderung der feministischen Buchhandlung Chicklit wurde zu 100 % gestrichen.
Die Beratungsstelle Courage wurde um 10 % gekürzt.
Der österreichische Frauenring wurde um 20 % gekürzt.
Der Verein ARGE Frauengesundheitszentrum wurde um 100 % gekürzt.
Alle Frauen- und Mädchenberatungsstellen wurden gekürzt.
Die Genderabteilung im Sozialministerium wurde aufgelöst.
Wenn es also stimmen sollte, daß Muslime frauenfeindlich sind, dann muß diese Bundesregierung aus lauter Muslimen bestehen.
Eine der wichtigsten Einrichtungen, das sogenannte Jugend-College, wird gemeinsam von Diakonie, Caritas und der Gemeinde Wien betrieben. Dort wird für tausend hauptsächlich junge Flüchtlinge Basisbildung vermittelt, um ihre Integration zu ermöglichen. Dieses so wichtige College wurde heuer um 50 % gekürzt und soll nächstes Jahr völlig aufgelöst werden.
Alle Programme, alle Einrichtungen, welche mithelfen sollen, die Konflikte zwischen Einheimischen und Flüchtlingen zu lösen, Lernräume für ausländische Kinder zu schaffen, wurden gekürzt oder aufgelöst.
Die Mittel für Deutschkurse wurden generell gekürzt.
Junge Flüchtlinge, die einen Asylantrag gestellt und einen Ausbildungsplatz als Lehrling gefunden haben, wurden und werden abgeschoben.
Die Wahrheit ist: Diese Regierung will keine Integration.
Gefördert hingegen werden rechtsextreme Medien wie beispielsweise die Internet-Zeitung „Unzensuriert“, deren Chefredakteur in Herrn Kickls Büro sitzt. Oder die Zeitschrift für die gehobene Hetzerei, „Zur Zeit“. Oder das antisemitische Blatt „Alles Roger?“ oder der rechtsextreme „Wochenblick“ und so weiter. Es geht immer weiter ins Rechtsextreme, aber ich wiederhole mein Argument, daß damit nicht alles erklärt ist. Herr Gudenus hat einen afghanischen Flüchtling, der in Österreich als Lehrling arbeitet, zum Sympathisanten einer Terrororganisation erklärt. Als sich das Ganze als Lüge herausstellte, hat er den Irrtum seiner Recherche zwar bedauert, war aber zu keiner Entschuldigung gegenüber dem Lehrling bereit. Herr Gudenus gehört sicher zum Stoßtrupp der Rechten, aber er ist auch ein Riesenarschloch. Ich widerrufe diesen Ausdruck und verfeinere meine Wortwahl: Herr Gudenus ist ein sozial verwahrloster Mensch.
Herr Kickl verkündet die Absicht, bei einem Menschen, der einer Straftat verdächtigt wird, die Nationalität zu nennen, sofern dieser ein Migrant ist. Ich halte das für eine mehr oder weniger unverhohlene Aufforderung zur Menschenjagd. Die meisten Menschen töten nicht, rauben nicht, vergewaltigen nicht, aber die meisten Menschen halten die meisten Menschen für fähig, solche Taten zu begehen, vor allem, wenn es sich um Ausländer handelt. Sie wirken, angeleitet von den Hirnlöchern in den Boulevard-Zeitungen, förmlich erlöst, wenn wieder jemand dingfest gemacht wird.
Die verdächtigen Eigenschaften, welche Menschen bei anderen Menschen, hauptsächlich Fremden, wahrnehmen, schlummern zumeist in ihnen selbst. Die Ungeheuer, die man überall sieht, rumoren unsichtbar in der eigenen Brust. Die Vorstellung, die Hölle seien immer die anderen, ist die verbreitetste und unrichtigste. Die Kindesmißhandlungen, die Frauenmißhandlungen begeht höchst selten der dunkle Mann im Park, sondern fast immer der eigene Vater oder Gatte hinter verdeckten Fenstern. Hinter den scheinbaren oder tatsächlichen Taten von wenigen verstecken sich die Abgründe von vielen.
Herr Strache betont immer wieder, daß seine Partei nicht rechtsradikal sei, dann sagen wir es eben anders: Sie ist radikal rechts. Und wenn im Keller einer schlagenden Verbindung Liedtexte gefunden werden, in denen man verspricht, noch eine weitere Million Juden zu ermorden, dann kann man wohl annehmen, daß solche Sätze nicht nur in den Tiefen des Kellers, sondern auch in den nicht mehr faßbaren Untiefen der Charaktere dieser Leute lauern. Und wenn der Kellermeister zwar suspendiert, aber nach einigen Monaten wieder inthronisiert wird, dann ist jegliche Schamgrenze in dieser Republik bei weitem überschritten.
Immer wenn Mitglieder der FPÖ einen braunen Rülpser von sich geben, oder noch schlimmer, ein solches Gedankengut erbrechen, dann sprechen sie nachher von einem Mißverständnis. Wer das Wesen dieser Partei besser verstehen will, der muß nur die Mißverständnisse einer einzigen Woche zusammenzählen.
Und Herr Kurz? Er schweigt zu alldem, und das macht ihn zunehmend zum verlängerten Braunen. Am Anfang seines politischen Weges war er mir nicht ganz unsympathisch. Kübel voller Häme ergossen sich über ihn, ob seiner Jugend und außerdem hatte er eine sachliche Art mit Flüchtlingen und über Flüchtlinge zu reden. Irgendwann muß er entdeckt haben, daß es zielführender ist, sich selbst und andere zu verraten, um schneller voranzukommen.
Es gibt eine Karikatur von Gerhard Haderer, die nicht abgedruckt wurde, auf der man Herrn Kurz mit einem braunen Haufen auf dem Kopf sieht. Er schaut angestrengt in eine imaginäre Menge, der Gestank ist ihm ganz nah und er sagt: „Braune Haufen, wo?“ Seinen Gesichtsausdruck nennt man Message Control.
Herr Kurz ist eine einzige Oberfläche geworden. Er ist kein Mann ohne Eigenschaften, sondern einer mit sehr vielen, vor allem solchen, die gerade gefragt sind. Er hängt sein Mäntelchen immer in jenen Wind, den er selbst erzeugt. Ständig redet er von der Balkanroute, die er geschlossen hätte, und wenn das keiner mehr hören kann, spricht er von Anlandezentren in Afrika. Und als auch diese sich als Windwachelei entpuppen, erfindet er die nächste. Populisten wie ihm, diesen Wellenreitern des Augenblicks, fällt immer etwas ein.
Er vertritt eine Meinung und sieht von ihr ab, wenn ihm eine andere opportuner erscheint. Er nennt arbeitende Menschen Durchschummler, will sie aus dem Faulbett sozialer Überversorgung herausholen, und wenn ihm solches politisch nicht guttut, erklärt er, daß er ein Herz für Arbeiter hätte, schließlich sei sein Vater einmal arbeitslos gewesen. Dieser Mann sagt alles, besonders das Gegenteil. Er herzt sich mit Orbán, und als diese Zungenküsserei schal wird, stößt er ihn von sich. Es wird wieder eine Gelegenheit zur Umarmung geben, ganz wird er seinen Geistesbruder schon nicht auslassen.
Herr Kurz versammelt als Erlöser seine Gläubigen auf einem steirischen Kernölberg und speist sie mit gemeinsamen Selfies. Es ist wirklich ein Wunder, in welch lichten Höhen die politische Oberflächlichkeit dieses Landes gerade versinkt.
Regierungen leben nicht in Übereinstimmung mit ihren Untaten. Immer muß ihrem Machtbedürfnis ein edles Motiv unterschoben werden, vorwiegend dieses: Die Maßnahmen der Regierung seien ja letztendlich im Interesse der Betroffenen. Letztendlich garantiere der 12-Stunden-Tag mehr Freizeit für die Arbeitnehmer. Letztendlich sei eine Abschiebung für Flüchtlinge preislich günstiger als eine Rückkehr auf eigene Kosten in ihr Ursprungsland. Und selbst das Einsperren und Wegsperren von Asylwerbern in konzentrierte Lager würde letztendlich zu deren eigener Sicherheit beitragen. Hier wird mit dem Brustton der Überzeugung die Verschlechterung der Lage von Arbeitern, Minderheiten und Flüchtlingen als gute Tat für die Betroffenen ausgegeben.
Auch ich möchte ein Foto machen, eine Art Momentaufnahme dieser Regierung. Was wir vor uns haben, was wir sehen, sind des Kaisers allerneueste Kleider: Die Niedertracht als Staatsgewand.
„Wer hier nicht ist, der ist gar nicht.“ Dies sagte Herr Rosam, ein Werbechef, bei einem Treffen von sogenannten Stützen der Gesellschaft. Das ist die präziseste und größenwahnsinnigste Beschreibung unserer derzeitigen Gesellschaft. Manche sind außersehen und im Lichte, und der Rest ist Lurch, den gibt’s gar nicht.
Ich möchte über die Mißachtung reden, welche diese Regierung und ihre Apologeten gegenüber der Arbeiterklasse betreiben. Die Epizentren dieser Verachtung sind die bürgerlichen Freßveranstaltungen, die Events mit Buffet. Die am häufigsten geäußerten Sätze bei solchen Zusammenrottungen der feineren Art lauten, daß diese oder jene Opernsängerin das hohe C mühelos erreicht hätte und daß heutzutage schon jeder Prolet einen Mercedes fahren würde.
Die Arbeiterklasse wird ununterbrochen verdächtigt: der Lohntreiberei, der Sozialschmarotzerei und der Faulenzerei.
Außerdem sei sie ja historisch überholt, und daher gebe es sie eigentlich gar nicht mehr. Diese Suada der Abwertung setzt nur aus, wenn die eigene Wohnung billig renoviert werden soll oder das Abflußrohr des WCs verstopft ist. Dann muß die angeblich nicht vorhandene Arbeiterklasse dringend her und möglichst schnell wieder weg.
Seit die kapitalistische Ideologie auf allen Ebenen triumphiert, hat sie aufgehört, eine solche zu sein, und hat sich selbst in den Stand einer Religion erhöht. Das oberste Dogma, sozusagen der erste Verkündigungssatz dieser neuen Religion, lautet: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht es allen gut.“ Dieser Glaubenssatz wird vom ORF, einer Art Ashram der neuen Religion, ständig wiederholt. Der erste Teil dieses Konditionalsatzes ist ja auch wahr. Der Wirtschaft, oder genauer gesagt ihren führenden Betreibern, geht es gut.
In den letzten zehn Jahren sind die Gagen der Manager um mehr als das Hundertfache im Vergleich zu den Mindestlöhnen von Arbeitern oder gar Arbeiterinnen gestiegen. Solche Gagen werden bezahlt, weil die Gewinne der Firmeneigner in noch wesentlich größerem Maße gestiegen sind. 80 Prozent des Aktienkapitals befinden sich in Österreich derzeit in der Hand von zwölf Familien. Immer mehr Grundbesitz sammelt sich bei immer weniger Leuten an. Der allseits bekannte Satz, „die Reichen werden immer reicher“ läßt sich nur noch mit einem Wort aus der Sportsprache erweitern: Sie werden es immer rasanter.
Der zweite Teil des Verkündigungssatzes „Geht’s der Wirtschaft gut, geht es allen gut“, also die Feststellung, daß das Wohlbefinden von wenigen zum Wohlergehen aller führt, ist schlicht und einfach unwahr. Der Anteil der Löhne von Arbeitern und Arbeiterinnen am Volkseinkommen ist in den letzten zehn Jahren von 71 auf 58 Prozent gesunken. Laut Statistik gibt es in Österreich 1.563.000 Menschen, die man als armuts- und ausgrenzungsgefährdet bezeichnet. Diese Zahlen spiegeln nicht nur die politische Gleichgültigkeit der derzeitigen Regierung wider, sie zeigen auch die Versäumnisse vergangener Regierungen auf.
Wer ein Lohnempfänger ist, mußte sich in den letzten Jahren als Dauersünder empfinden, denn er war ein Verursacher von Lohnnebenkosten. Wovon ich nichts oder nur selten höre, das sind die Gewinn-Nebenverschiebungen von jenen Millionen und Milliarden, welche größere Unternehmungen an der Versteuerung vorbei ins Ausland verschieben. Das sind nach sehr vorsichtigen Schätzungen jährlich zehn Milliarden Euro. Aber auch Gewinne, die deklariert werden, werden von Großunternehmungen nicht versteuert. So beziffert (inoffiziell) eines der größten Wiener Finanzämter den Stand seiner uneinbringlichen Forderungen auf 8 Milliarden Euro. Auf meine Frage, warum es hier keine gerichtliche Verfolgung gibt, bekomme ich die (inoffizielle) Antwort, die Akten würden „nach oben“ gehen und dort entschwinden. Dieser liturgische Vorgang ist nicht Teil der Verkündigung.
Gegen diesen Raub am österreichischen Volksvermögen vorzugehen wäre eine mutige Aufgabe für den jungen Kanzler gewesen. Stattdessen geht er gegen Flüchtlinge und Arbeitslose und alleinerziehende Frauen mit geringem Einkommen vor, um ihnen das Leben noch schwerer zu machen.
Diese Verachtung für die Arbeiterklasse gilt auch ihren politischen Vertretern. Der unvermeidliche Herr Gudenus beschreibt in einem Interview das Ziel dieser Regierung: Der Arbeiter soll endlich aus seiner Bevormundung durch die Funktionäre befreit werden. Und der Chef der Jungen Industriellen assistiert ihm: In seinem Betrieb würden er und seine Arbeiter keine Funktionäre brauchen.
Es lohnt sich, die alten Publikationen des Ständestaates zu lesen. Nachdem man die Arbeiterklasse und ihre Vertreter politisch – und teilweise auch physisch – vernichtet hatte, schrieb man folgendes: „Hader und Streit verläßt nunmehr unser Volk. Der werktätige Mensch, befreit von seiner Klassenzugehörigkeit, und einem ins Niemandsland führenden Internationalismus, wird hinübergeführt in die Zugehörigkeit zum gesamten österreichischen Volke. Er braucht keine Klassenvertreter mehr, keine Funktionäre der Spaltung, er ist frei und gliedert sich seinem Stande gemäß freiwillig in das Volksganze ein. Gemeinsam und begleitet von Gottes Segen marschieren wir den lichten Höhen einer strahlenden Zukunft entgegen.“ Der Marsch führte direttissimo in den Austrofaschismus.
Ich sage nicht, daß die derzeitige Regierung eine austrofaschistische ist, außer man hält das manchmalige Wacheln mit Dollfuß-Devotionalien für bedrohlich. Ich rede davon, daß eine Sehnsucht nach autoritären Verhältnissen unsere Geschichte durchzieht, nach Aufhebung der Widersprüche, dem Ende von Streit und Hader, nach Friede, Freude, Fahnen und Marmorkuchen. Diese Sehnsucht ging und geht immer auf Kosten der Arbeiterklasse: Sie soll ihre Errungenschaften preisgeben, sie soll aus ihren Organisationen austreten, sie soll ihre Funktionäre verächtlich machen lassen, sie soll alle ihre Organisationsformen auflösen, und das nennen sie dann die Wiedergewinnung der persönlichen Freiheit.
Für viele arbeitende Menschen, vor allem solche, die nicht in den Metropolen wohnen, die pendeln müssen, bedeutet diese Freiheit folgendes: Eine bis zwei Stunden Fahrt zum Arbeitsplatz, zwölf Stunden Arbeit, eine bis zwei Stunden Heimfahrt vom Arbeitsplatz, Eintreffen in der eigenen Wohnung meist erst lange nach Eintritt der Dunkelheit, eine bleierne und traumlose Nacht und die ewige Hoffnung auf einen Hauptgewinn im Lotto.
Wir leben in einem System, das am Ende alle auffrißt. Auch etliche Manager, mit oder ohne Boni, kommen im Dunkeln nach Hause, müde und leer, nachdem sie tagsüber die umfassende Entschlossenheit gemimt haben.
Ein nicht unerheblicher Teil der österreichischen Arbeiterklasse hat ein etwas dunkleres Gesicht. Die sommerlichen Erntehelfer, die zumeist aus Bulgarien und Rumänien kommen, arbeiten zwölf Stunden und bekommen dafür im Durchschnitt 2,50 Euro pro Stunde. Wenn Schlechtwetter aufzieht, wenn es Regen und Sturm gibt, entfällt die Arbeit, aber auch der Lohn. Der gesetzlich vorgeschriebene Lohn liegt bei etwas über sechs Euro, aber fast kein Arbeitgeber in Österreich hält sich daran. Man muß sich das vorstellen: Zwölf Stunden in der sommerlichen Hitze durcharbeiten für 2,50 Euro pro Stunde.
Auf den österreichischen Baustellen, auch dort mehrheitlich dunklere Gesichter, arbeiten viele, die überhaupt nicht gemeldet sind. Wenn man die Baustelle betritt, verschwinden sie sehr schnell. Die Subfirmen, die sie schicken, bezahlen ihnen im Schnitt etwas mehr als zwei Euro pro Stunde. Laut Kollektivvertrag müßten es 12,88 Euro sein.
Österreich ist ein partieller Sklavenhalterstaat mit der höchsten Anzahl an Festspielen. Warum so viele, vor allem höhere Repräsentanten der Sozialdemokratie, geradezu rudelartig bei Festspielen auftauchen, aber noch kaum bei ausgebeuteten Erntehelfern zu sehen waren, können Sie besser beantworten als ich. Vielleicht ist es wichtiger, bei großen Festivals zu repräsentieren, wir sind ja eine repräsentative Demokratie. Bevor man in die Abgründe dieser Gesellschaft schaut, schaut man lieber zur Seite. Das nennt man Seitenblicke. Man kann auch in schlechte Gesellschaft geraten, indem man sich zuviel in der guten Gesellschaft aufhält.
Möglicherweise glorifiziere ich die Arbeiterklasse, aber es ist für mich in Ordnung, daß sie, die vielgeschmähte und immer wieder für tot erklärte, etwas Glorie abbekommt. Ich weiß auch, daß viele Arbeiter, viel zu viele, die FPÖ wählen, und ich kann nicht überhören, welche Blödheiten sie manchmal über Flüchtlinge von sich geben. Ich tröste mich dann, daß die Unterstellungen aufhören, wenn sie miteinander pfuschen und auf ein Bier gehen. Mein wirklicher Widerwille gehört den akademisierten Fremdenhassern, die keinen persönlichen Kontakt zu Flüchtlingen haben, aber mit Zahlen und Tabellen bewaffnet vom kommenden Untergang des Abendlandes faseln.
Manche werden glauben, ich sei ein Propagandist des Klassenkampfes. Das war ich einmal und bin es nicht mehr. Als ich in den 70er- und 80er-Jahren ausführliche Lesetourneen in den damals sozialistischen Ländern machte, lernte ich etliche Staatsvertreter kennen. Die Leute waren kein Widerwort mehr gewohnt und gewöhnten sich an die permanente Rechthaberei. Wer immer das letzte Wort im Politischen wie im Persönlichen hat, weil er die uneingeschränkte Macht hat, wer mit keinem Widerspruch mehr rechnen muß, wer für seine Ideen und Überzeugungen nicht mehr streiten muß, weil alles schon entschieden ist, wer also immer das letzte Wort hat, der läuft Gefahr, daß es das dümmste ist. Ich bin für Parität, ich bin für Auseinandersetzungen jeglichen Hitzegrades, ich bin für gleichberechtigte Streitparteien, ich bin, wenn Sie so wollen, für Don Camillo und Peppone.
Und dennoch findet ein Klassenkampf statt, und zwar von oben nach unten. Diese Regierung nimmt den Schwächeren und gibt den Reicheren, und trotz aller Jonglierkünste dieses populistischen Kanzlers zahlen am Ende die Arbeiter, die Arbeitslosen, die alleinerziehenden Mütter mit niedrigem Einkommen und die Flüchtlinge drauf. Die Heilsverkündungen der neuen Religion bedeuten für sie kein Heil, sondern Unheil.
Diese Regierung sagt anderes, aber sie redet ja am liebsten mit sich selbst.
Es heißt immer wieder, daß die Sozialdemokratie noch nicht in der Opposition angekommen sei. Das ist möglich, aber ich stelle eine Gegenfrage: Ist diese Regierung schon in der Demokratie angekommen? Sie verweigert das Gespräch mit der Arbeiterklasse und ihren Funktionären, sie versucht Betriebsräte mundtot zu machen, und das hat nichts mit Demokratie zu tun.
Auch an die Funktionäre der Sozialdemokratischen Partei habe ich eine Frage: Ist das Innenleben Ihrer Partei so desaströs, daß Ihre Vorsitzenden nichts wie weg wollen? Als Autoverkäufer nach Argentinien, als Handlanger zu kasachischen Potentaten oder wohin auch immer. Oder ist das Innenleben der Parteivorsitzenden so desaströs, daß der Wink mit mehr Geld zur Jobhopperei und zum Verlassen aller Prinzipien führt?
Ich weiß, daß Sie vieles von dem, was ich sage, schon wissen. Aber manchmal ist es wichtig, die beinahe täglichen Scheußlichkeiten zu rekapitulieren, um das ganze Panorama der Barbarei sichtbar zu machen. Es droht die Gefahr, daß aus dem Täglichen das Alltägliche wird.
Ich glaube nicht, daß wir in eine braune Vergangenheit stolpern, schon eher in eine feige Zukunft. Wann immer sich die Demokratie in diesem Lande verengt, wenn der Kampf um die Posten härter wird, steigt die Hosenscheißerei. Das Maulen in den Kantinen und in den Gängen nimmt zu, aber wenn es darum geht, der obrigen Stelle seine Meinung zu sagen, wird es still. Und wenn man die Leute fragt, warum sie ihr Maul nicht aufgemacht haben, dann heißt es, sie hätten zwar laut „Jawohl“ gesagt, aber einen tiefen inneren Widerstand dabei empfunden. Manchmal habe ich das Gefühl, das ganze Land befindet sich derzeit im inneren Widerstand.
Ein kurzes Beispiel in eigener Sache: Vor dem Sommer wollte der ORF mit nachhaltiger Willensbekundung die Stücke „Auf der Flucht“ von Daniel Kehlmann und mein Stück „Fremdenzimmer“, die derzeit am Theater in der Josefstadt gespielt werden, aufzeichnen. Beide Stücke handeln von Flüchtlingen. Am Ende des Sommers wurde mit der Begründung, es gebe für diese Stücke „keinen Raum im Programm“ die Aufzeichnung abgesagt. Das kann von ein paar Feiglingen ausgegangen sein, die sich im Geiste der neuen Herren verhielten, oder wir sind einfach nicht gut genug für die qualitativ so besonders hochstehenden Maßstäbe des ORF.
Am Ende des Sommers habe ich damit begonnen, ein neues Theaterstück zu schreiben. Ich erzähle Ihnen kurz den Plot des Stückes: Ein Bundeskanzler, sein Name tut nichts zur Sache, er agiert im Hintergrund und tritt nicht persönlich auf, wünscht sich vom Chef des Aufsichtsrates einer großen Tageszeitung die Entfernung des liberalen Chefredakteurs. Der Aufsichtsrat heißt Hames, der Chefredakteur Eder. Die Nachricht von der bevorstehenden Entlassung des Chefredakteurs verbreitet sich wie ein Wirbelsturm in der Stadt. Etliche Vertreter einer kritischen Öffentlichkeit sind bereit, ihm beizustehen. Am nächsten Tag steht in der betreffenden Zeitung, daß der Chefredakteur seinen Posten an eine rechtsstehende Kollegin abgetreten hat. Dafür werde er Herausgeber und sei mit allem einverstanden. So schaut’s aus in Österreich, natürlich nur am Theater.
Wir alle haben Verpflichtungen, die unseren Mut in Grenzen halten: Wir wollen unseren Job nicht verlieren, wir müssen Kinder versorgen, wir müssen die Kreditraten zurückzahlen. Aber es gibt Zeiten wie diese, in denen wir einfach versuchen müssen, die Grenzen unseres Mutes etwas zu erweitern. Zu viel verschluckte Luft schadet der Demokratie.
Das Schöne, das ich zu berichten habe, kommt zum Ende dieser Rede, welches unmittelbar bevorsteht. Bei meiner sommerlichen Erkundung des Landes bin ich auf außergewöhnliche Menschen gestoßen: Auf junge Gewerkschafter, die von Feld zu Feld gezogen sind und versucht haben, die Erntehelfer über ihre Rechte aufzuklären. Menschen, vorwiegend Frauen, die Flüchtlingen halfen und dies als Bereicherung ihres Lebens bezeichneten. Junge Leute von der Caritas, vorwiegend Frauen, welche Flüchtlinge bei ihren Amtswegen begleiteten und ihnen bei vielen Alltagsdingen halfen, ehrenamtlich. Und selbst ein gestandener Gewerkschafter, Herr Muchitsch, bezeichnete die Verhältnisse am Bau als das, was sie sind: „Menschenhandel“. Solche klaren Worte lassen für die Zukunft hoffen.
Und noch eine Hoffnung habe ich: Spätestens dann, wenn die Straches dieser Welt im Altersheim liegen und jemanden brauchen, der ihnen den Hintern auswischt, werden sie merken, wie segensreich Zuwanderung ist.
Ich danke Ihnen fürs Zuhören!

Wien in anderen Sprachen
5. DEZEMBER 2018
albanisch Vjena
bosnisch & kroatisch etc Beč
englisch & italienisch Vienna
estnisch Viin
französisch Vienne
niederländisch Wenen
polnisch Wiedeń
portugiesisch & rumänisch Viena
slowenisch Dunaj
ungarisch Bécs

Namen im Wandel der Zeit
1. DEZEMBER 2018
Waldtraut & Kurt / Inge & Georg / Kurt & Anni
Brigitte & Heinrich / Claudia & Alfred / Susi / Marianne & Meinrad / Thomas & Hanni / Lilli & Harri / Chrissi & Klaus
Christiane & Gerold / Birgit & Christian / Christoph & Eva-Maria / Maximilian / Nikolaus
Anton / Charlotte / Mariella / Constantin

rosa war mal Jungensache (sz) – danke an Sundee
15. NOVEMBER 2018
Rosa war mal Jungensache (sz) – danke an Sundee
Bestimmt gibt es Jungen, die gerne etwas in Rosa anziehen würden. Aber wenn sie das tun, dann werden sie ziemlich sicher ausgelacht. Rosa ist doch eine Farbe für Mädchen, heißt es dann. Und für Jungs? Ja, für die gibt es Blau.
Aber warum mögen viele Mädchen eigentlich so gerne Rosa? Das weiß niemand so genau. Angeboren ist es bestimmt nicht. Und auch nicht unumstößlich. Schließlich war vor hundert Jahren Rosa die Farbe der Jungs. Echt wahr.
Als die belgische Prinzessin Astrid im Jahr 1927 ihr Kind erwartete, war sie sich sicher, dass es ein Sohn werden würde. Deshalb dekorierte sie die Wiege „in der Jungenfarbe Rosa“. Rosa galt nämlich damals als „das kleine Rot“. Und Rot stand für Blut und Kampf – und damit für Männlichkeit.
Im Jahr 1918 schrieb eine amerikanische Frauen¬zeitschrift: Rosa sei nun mal „die kräftigere und damit für Jungen geeignete Farbe“. Die Mädchenfarbe damals war dagegen Blau. Denn auf alten Bildern in der Kirche trägt die Jungfrau Maria ganz häufig Blau. Also war Hellblau, „das kleine Blau“, für die Mädchen vorgesehen. Erst später änderte sich diese Sicht.
Vielleicht lag es an den Blue Jeans, die aufkamen und von Männern getragen wurden. Oder an den blauen Arbeitsanzügen oder den dunklen Marineuniformen. Blau wurde plötzlich zur Männerfarbe. So ist es bis heute geblieben. Und wahrscheinlich finden kleine Jungs so lange Blau toll, und kleine Mädchen so lange Rosa, bis sich die Modewelt wieder etwas anderes ausdenkt.

The European Balcony Project (16:00 Uhr)
10. NOVEMBER 2018
From balconies in theatres and other public spaces all over Europe, artists and citizens will performatively proclaim the European Republic and read a short manifesto, written by Ulrike Guérot, Robert Menasse and Milo Rau. With this action we aim to pave the way for the emancipatory claim to civic equality in Europe beyond the nation state. It is also a tribute to Jean Monnet, who always said:
“Europe is not about integrating states, but about uniting people.”
The proclamation of the European Republic will take place on the 10th of November 2018 at 4pm throughout Europe. Framing the act of the ‘Proclamation’ there will be talks, panel discussions and artistic interventions from 9th to 11th of November 2018. The date has been chosen in order to link two other dates of great significance in European history: on the 9th of November 1918, several Republics (Weimar, Bavaria, Austria) were proclaimed in Europe, while the 11th of November 1918 marks the end of World War I. In order to ‘reconcile’ both dates and to signal a turn from a European history of warfare towards a common and peaceful future, we chose the 10th of November.
The aim of the project is to create awareness of the fact that the future of European citizens is in the hands of the citizens themselves, and to empower them to take responsibility for the European project. The vision of a European Republic, with its essential principle of political equality for all European citizens, pursues the goal of strengthening shared values among European citizens, in order to counter national segregation and an increasingly ‘identitarian’ discourse in Europe.
In this sense the aim is to underpin the European mantra of “Unity in Diversity”, creating awareness for the fact that normative unity in Europe can be achieved despite – or rather on the basis of – cultural/regional diversity across national borders. Our central claim is that citizens who embark in a political project together must be equal before the law. Citizens must be equal in voting, in taxes and in social access, if we want to build a political entity in Europe together.
We want to see a new Europe without nations, without borders – a citizen-centered, decentralized Europe.
The idea of the common good – the res publica- serves as the guiding principle of our future European order, a European republic. The idea of this long overdue republic is the building block of our artistic-political European Balcony Project.
In the aftermath of the event, we will also send the manifesto and explanatory documents about the event to all Members of European Parliaments and to all European committees of national Parliaments within the EU, inviting them to take part in public hearings on these issues. This is how we want to ensure that our arguments are discussed and adopted by political groups and the European establishment in the run-up to the European elections in May 2019

KonMari – the six basic rules of tidying
9. NOVEMBER 2018
rule 1 – Commit yourself to tidying up.
rule 2 – Imagine your ideal lifestyle.
rule 3 – Finish discarding first.
rule 4 – Tidy by category, not by location.
rule 5 – Follow the right order.
rule 6 – Ask yourself if it sparks joy.

Viennale 2018
8. NOVEMBER 2018
Aquarela (08.11.2018)
A stunning documentary that might perform well at the box-office and should be definitely seen on a big screen with appropriate sound system. It was shot in 96 frames per second, “because the rain could be seen as separate drops of water, so it was clear that this was the right speed for water” (Victor Kossakovsky). Siberia, Greenland, the Atlantic Ocean or Venezuela are some of the locations the director picked to show the beauty and the power of water in any shape and conceivable color. There is no voice-over and no plot.
In AQUARELA human presence is mostly relegated to insignificance, but nonetheless the audience experiences a wide range of emotions from ecstasy to fear. Water is, of course, a source of life, but the movie depicts more often its force of destruction. At the beginning, while showing how a car is pulled out of the frozen waters of Lake Baikal, the camera catches another car in the distance cracking through the ice. A certain sense of danger keeps lingering throughout the film despite all the gorgeous imagery. (Ferdinand Keller)
Blaze (07.11.2018)
Ethan Hawke’s BLAZE is a lyrical, meandering portrait of a life that was short and raucous. Recounting the story of hard-living, larger-than-life country musician Blaze Foley – a.k.a. Michael Fuller, a.k.a. Deputy Dawg – BLAZE is a film full of memories and memories-within-memories. Through a vivid lead performance by newcomer Ben Dickey, the film tracks the legendary singer’s path through back roads and honky-tonks with plenty of Blaze’s own characteristic blend of dirty jokes, tall tales, and country-and-western folklore along the way. And then there’s the songs: uncannily performed by Dickey as well as Texas musician Charlie Sexton – who inhabits the ghostly persona of another doomed country great: Townes Van Zandt – the film’s soundtrack spin its own yarns of regret and heartbreak. Central to these Blaze’s bittersweet romance with Sybil Rosen (Arrested Development’s Alia Shawkat), who follows him from a small shack in the idyllic Texas wilds to seek fame along the slow road to Austin. Co-written by Hawke and Rosen herself, BLAZE is a tender and melancholy rumination on that classic dilemma of country music: the choice between home and the road. (Leo Goldsmith)
Leave no trace (07.11.2018)
Will, a psychologically fragile Iraq War veteran, lives in the woods of Oregon with his teenage daughter Tom. They are neither homeless nor criminal; like others nearby, they have chosen to live apart from society. But when government rangers force Tom and Will out, they must try to adapt to civilisation and community. LEAVE NO TRACE is the third fiction feature by Debra Granik and, like DOWN TO THE BONE and WINTER’S BONE, it takes an observational, realist approach to an intriguing, marginal aspect of contemporary American life. Its characters are not militant right-wing survivalists shooting guns; they are ordinary, damaged people helping each other to cope. The social workers who intervene by relocating Will and Tom are benevolent; but to live in society means for Will to “eat their food, do their work” – to conform, crushing his freedom. Superbly acted by Foster and McKenzie, and rigorously eschewing any sensationalist possibilities (there is no sex or violence here), LEAVE NO TRACE eventually zeroes in on a universal human drama: the bond between father and daughter, which must ultimately arrive to the painful crossroad of separation, Tom wanting to think and act independently. (Adrian Martin)
Beautiful Things by Giorgio Ferrero (06.11.2018)
Eine hybride Filmfuge, die den exzessiven Hyperkonsum auf diesem überhitzten Planeten über vier Individuen umkreist, die an verschiedenen Stellen der globalen Verwertungsketten auf paradoxe Weise insuläre, ja mönchische Pole inmitten des rasenden Stillstandes markieren. Die Stimmen des Ölarbeiters, des Schiffsingenieurs, des philosophierenden Industrieakustikers im echofreien Studio und des Verbrennungstechnikers mit einer Vergangenheit im Glücksspielgewerbe verbinden sich zum Libretto einer zeitgenössischen Doku-Oper. Am Ende dann ein ratlos-virtuoser Paartanz in der Shopping Mall. In genau diesem Gebäude, räumt Regisseur und Komponist Ferrero ein, erledige er seine eigenen Einkäufe. (Stephan Settele)

il dio, gli dei / la dea, le dee
3. NOVEMBER 2018
dèi: perché gli dèi e non i dèi? (corriere della sera)
Diciamo i deboli, i devoti, i deserti; ma perché allora gli dèi e non i dèi?
C’è nella nostra lingua la forma Iddio nata anticamente da il Dio, dove l’articolo s’è fuso col nome. La parola si scriveva anche con la i minuscola quando riferita alle divinità pagane: iddio con plurale iddíi e anche iddei. Di queste varie forme, solo Iddio con la maiuscola è ancora vivo nell’uso comune.
Tutto questo spiega la ragione dell’articolo gli anziché i davanti a dei: perché anticamente la parola era iddei: dunque gli iddei, come gli ideali, gli idranti, gli idiomi eccetera (vedi alla voce il oppure lo?). Ma caduto il gruppo iniziale id, l’articolo gli ha pensato bene di rimanere abusivamente al suo posto e non cederlo ad un i che sarebbe grammaticalmente più corretto. Ennesima dimostrazione che la lingua non la fanno i grammatici ma l’uso (e a volte il sopruso).
dio / dea (treccani)
Il femminile di dio è dea. A differenza del maschile (dal latino deum), il femminile – molto meno frequente nell’uso – è rimasto uguale alla base etimologica (latino deam).
Il plurale è per il maschile gli dei (non i dei), per il femminile le dee
gli dei dell’Olimpo, le dee dell’antica Grecia
Di solito il maiuscolo si usa soltanto in riferimento alle religioni monoteistiche; perciò dea viene sempre scritto minuscolo
il Dio di Giacobbe, il dio Marte, la dea Atena.

Upholder (Gretchen Rubin)
1. NOVEMBER 2018
Upholders respond readily to outer and inner expectations. They wake up and think: “What’s on the schedule and the to-do list for today?” They want to know what’s expected of them, and to meet those expectations. They avoid making mistakes or letting people down—including themselves. Others can rely on Upholders, and Upholders can rely on themselves. They’re self-directed and have little trouble meeting commitments, keeping resolutions, or hitting deadlines (they often finish early). They generally want to understand the rules, and often they search for the rules beyond the rules—as in the case of art or ethics. Because Upholders feel a real obligation to meet their expectations for themselves, they have a strong instinct for self-preservation, and this helps protect them from burn-out. However, Upholders may struggle in situations where expectations aren’t clear. They may feel compelled to meet expectations, even ones that seem pointless. They may feel uneasy when they know they’re not observing the rules, even unnecessary rules, or when they’re asked to change plans at the last minute. Others may find them rigid. There’s a relentless quality to Upholder-ness, which can be tiring both to Upholders and the people around them. Upholders embrace habits, and form them fairly easily, because they find habits gratifying. The fact that even habit-loving Upholders must struggle to foster good habits shows how challenging it is to shape our habits.

GOODGOODs
28. OKTOBER 2018
Die Initiative GOODGOODS hat es sich zum Ziel gesetzt, neue, nachhaltige Designprodukte für Leben & Haushalt mit sozialem Augenmerk und fairen Preisen unter einer eigenen Marke auf den Markt zu bringen.
Durch GOODGOODs werden praktische, nachhaltige Designprodukte, die von Menschen mit Lernschwierigkeiten oder körperlicher Beeinträchtigung gefertigt werden, unter eigener Marke auf den internationalen Markt gebracht. Die Initiative vernetzt Designer mit Werkstätten in denen Menschen mit Behinderungen arbeiten und gibt den Anstoß für neue Produkte. Die Marke wird Qualitätssiegel für Produkte aus sozial nachhaltigen Betrieben und der gemeinsamen Vertriebsplattform. Die Designer entwerfen einfache, nutzbringende Produkte für Leben und Haushalt. In den Werkstätten werden diese gefertigt, über die Plattform wird vertrieben und für die nötige Aufmerksamkeit gesorgt. Dabei geht es um den Wert der geleisteten Arbeit in den Werkstätten, den Stolz auf handwerkliche Qualitätsprodukte und für den Konsumenten um die Möglichkeit, durch deren Konsum, soziale Verantwortung zu übernehmen.
Qualitative, sinnvolle, handgefertigte Produkte mit hohem Designanspruch zu fairen Preisen, ohne Mitleid… so die Intention von GOODGOODS

Das Buchstabieralphabet
26. OKTOBER 2018
Die Geschichte des Buchstabieralphabets (duden.de)
1890 wurden im Berliner Telefonbuch den Buchstaben ganz einfach Zahlen zugeordnet. Den Namen Abel buchstabierte man beispielsweise: eins, zwei, fünf, zwölf. Das war doch nicht so ganz einfach und daher führte man 1903 Kennwörter für Buchstaben ein. Das klappte besser. Abel buchstabierte man nun: Albert, Berta, Emil, Ludwig.
Insgesamt lautete die Buchstabiertafel: Albert, Ärger, Berta, Cäsar, David, Emil, Friedrich, Gustav, Heinrich, Isidor, Jacob, Karl, Ludwig, Marie, Nathan, Otto, Ökonom, Paul, Quelle, Richard, Samuel, Theodor, Ulrich, Überfluss, Viktor, Wilhelm, Xanthippe, Ypsilon, Zacharias.
Kleine Änderungen nahm man in Deutschland 1926 vor, erhebliche Änderungen gab es dann aber 1934. Unter nationalsozialistischer Herrschaft waren da besonders biblische Namen betroffen, die als jüdisch aufgefasst und daher „arisiert“ wurden. So wurde aus David Dora, aus Jacob Jot, aus Nathan Nordpol, aus Samuel Siegfried und aus Zacharias Zeppelin. Übrigens hat u. a. auch Ypsilon für „y“ nicht überlebt, hier hielt man damals Ypern anscheinend für angemessener – der Name der westflandrischen Stadt, bei der deutsche Truppen am 22.4.1915 zum ersten Mal in großem Umfang Giftgas eingesetzt hatten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Deutschland nur zwei der biblischen Namen restituiert: Samuel und Zacharias. David, Nathan und Jakob fehlen weiterhin in der Buchstabiertafel. (Immerhin hat Ypsilon wieder Ypern verdrängt.) In Österreich wurde kein einziger der biblischen Namen wieder in die Buchstabiertafel aufgenommen.
Das Buchstabieralphabet (D/A)
A wie Anton, Ä wie Ärger, B wie Berta, C wie Cäsar, Ch wie Charlotte, Christine2, D wie Dora, E wie Emil, F wie Friedrich, G wie Gustav, H wie Heinrich, I wie Ida, J wie Julius, K wie Kaufmann, Konrad2, L wie Ludwig, M wie Martha, N wie Nordpol, Norbert2, O wie Otto, Ö wie Ökonom, Österreich2, P wie Paula, Q wie Quelle, R wie Richard, S wie Samuel, Siegfried2, Sch wie Schule, T wie Theodor, U wie Ulrich, Ü wie Übermut, Übel2, V wie Viktor, W wie Wilhelm, X wie Xanthippe, Xaver 2, Y wie Ypsilon, Z wie Zacharias
2 = in Österreich

Jörg Maurer – Alpenkrimis
24. OKTOBER 2018
Jörg Maurer – Alpenkrimis (Kommissar Jennerwein ermittelt) – Reihenfolge:
1. Föhnlage (2009)
2. Hochsaison (2010)
3. Niedertracht (2011)
4. Oberwasser (2012)
5. Unterholz (2013)
6. Felsenfest (2014)
7. Der Tod greift nicht daneben (2015)
8. Schwindelfrei ist nur der Tod (2015)
9. Im Grab schaust du nach oben (2017)
10. Am Abgrund lässt man gern den Vortritt (2018)
11. Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt (2018)
12. Am Tatort bleibt man ungern liegen (2019)

Deaccession
3. OKTOBER 2018
Die Deaccession ist definiert als der Prozess, durch den ein Kunstwerk oder ein anderes Objekt dauerhaft aus einer Museumssammlung entfernt wird.

Antonello Venditti all’Arena di Verona
24. SEPTEMBER 2018
Domenica 23 settembre 2018 alle ore 21.00 concerto di Antonello Venditti all’Arena di Verona, dove il cantautore romano fa tappa col nuovo tour „Sotto il segno dei pesci 1978 – 2018“.
Sono passati 40 anni da quando Antonello Venditti pubblicava “Sotto il Segno dei Pesci”.
Questa manciata di canzoni di Antonello, ben prodotte da Michelangelo Romano e con una copertina firmata da Mario Convertino essenziale e iconica, escono l’8 marzo 1978 in un momento sociale di tensioni fortissime e in cui la speranza, la voglia di cambiamento sono enormi.
È la stessa necessità che vive il trentenne che ha appena lasciato alle spalle la casa-madre artistica, la RCA, ed è alla ricerca di un suono e di temi che gli diano un nuovo slancio. Antonello prende ispirazione dall’Italia che vede intorno a lui. E’ un disco personale e generazionale insieme.
«È stata la mia svolta musicale, poetica. Il mio disco più importante, in cui c’erano tutti i miei temi: la politica e i suoi riflessi sulle persone (Sotto il Segno dei Pesci), la comunicazione (Il Telegiornale), il viaggio dentro e fuor di metafora di Bomba O Non Bomba, la droga (Chen il Cinese), la tenerezza per Sara (che non si è mai sposata, ma ha avuto tre figli…), l’amicizia con De Gregori (Scusa Francesco). In fondo, sono temi ancora attuali.
Suonare a 40 anni di distanza l’album per intero, cosa che non ho mai fatto, ha un significato speciale per me. Per l’occasione ho chiamato anche i musicisti di allora. Lo inserirò al centro di 45 anni di canzoni e condividerò il palco con alcuni ospiti» afferma Antonello Venditti.
Nato a Roma, Antonello Venditti è uno dei cantautori italiani più amati dal pubblico che dal 1972, anno del suo debutto discografico, ha condensato nel suo repertorio canzoni d’amore e d’impegno sociale. I successi si susseguono uno dietro l’altro: da „Roma“, una dichiarazione d’amore alla sua città a „In questo mondo di ladri“, da „Benvenuti in paradiso“ a „Prendilo tu questo frutto amaro“, da „Antonello nel paese delle meraviglie“ a „Ho fatto un sogno (e l’ho chiamato Roma)“, inno composto insieme ad Ennio Morricone. Nel 1999 arriva un nuovo album di studio, „Goodbye Novecento“, mentre nel 2000 e nel 2001 escono rispettivamente la raccolta „Se l’amore è amore“. Del 2003 è „Che fantastica storia è la vita“, a cui seguono „Dalla pelle al cuore“ e l’ultimo „Unica“.
… „In Bomba o non bomba del 1978 ho previsto tutto: anche l’arrivo di Matteo Renzi“
Antonello Venditti ha scelto l’Arena di Verona, ieri sera, per festeggiare i 40 anni dalla pubblicazione di Sotto il segno dei pesci, uscito l’8 marzo del 1978
„Ho sognato molto questa serata, ed è più bello di quanto potessi immaginare“. Antonello Venditti ha scelto l’Arena di Verona, ieri sera, per festeggiare i 40 anni dalla pubblicazione di Sotto il segno dei pesci, uscito l’8 marzo del 1978, in un momento storico di forti tensioni, ma che allo stesso tempo esprimeva una grande voglia di cambiamento.
„E‘ stato il mio disco più importante, quello in cui c’erano tutti i miei temi: la politica, l’amore, la droga. Un disco che è ancora attuale e che evidenzia anche doti di profezia. Bomba o non bomba, ad esempio, è la fotografia di Matteo Renzi“, spiega il cantautore romano, citando il verso: „A Firenze dormimmo e un intellettuale, la faccia giusta e tutto quanto il resto, ci disse ‚No, compagni, amici, io disapprovo il passo, manca l’analisi e poi non c’ho l’elmetto“.
Un concerto „drammaticamente imperfetto“, come lo ha definito lui stesso, tra problemi tecnici, collegamenti tv (con Che Tempo Che Fa e Totti in studio) difficili da gestire, scalette tagliate e modificate in corso d’opera (5 i brani saltati, tra cui il gran finale di Grazie Roma) per tentare di rimettere in riga uno show durato oltre 3 ore e mezzo, tra musica e parole (tante) e durante il quale, ospiti d’onore, sono arrivati a duettare con lui anche Francesco De Gregori ed Ermal Meta. „La pace con De Gregori? In realtà, non è mai successo niente. Sono gli altri che avevano bisogno di contrapporci, come con Bartali e Coppi, come con i Beatles e i Rolling Stones“.
Prossimo appuntamento con la festa di Sotto il segno dei Pesci a Roma il 21 e 22 dicembre, in attesa di un nuovo disco per la fine del 2019.

Scaletta Antonello Venditti @ Arena di Verona
23. SEPTEMBER 2018
Raggio di luna
Il compleanno di Cristina
21 modi per dirti ti amo
Giulio Cesare (con dedica nel testo a Francesco Totti, collegamento in diretta televisiva con “Che tempo Che Fa”)
Piero e Cinzia
Non so dirti quando
Marta
Lilly
Compagno di scuola
Ci vorrebbe un amico
Notte prima degli esami
Sotto il segno dei pesci
Francesco
Bomba o non bomba (con Francesco De Gregori)
Chen il cinese
Sara
Il telegiornale
Giulia
L’uomo falco
Che fantastica storia è la vita (con Ermal Meta)
Caro Antonello (di Ermal Meta, con Ermal Meta)
Settembre
Alta marea
Sempre e per sempre (di Francesco De Gregori, con Francesco De Gregori)
Attila e la stella (con Francesco De Gregori)
Roma capoccia (con Francesco De Gregori)
Bis: Ricordati di me

xenophil
22. SEPTEMBER 2018
allem Fremden, allen Fremden gegenüber positiv eingestellt, aufgeschlossen

Selfmade-Strategie als Farce
10. SEPTEMBER 2018
Thomas D. Trummer über den neuen Ikea-Katalog
Das Kapitel auf Seite 96 betitelt sich “Gesammelte Geschichten”. Das Bild daneben glänzt in einer Variation aus Spiegellicht, Anthrazit und Messing. Auf einer Holzvitrine sind allerlei Dinge drapiert: eine Schreibmaschine, bernsteinfarbene Kugelleuchten, Fotoapparate unter Glassturz, gestreckte Schnürstiefel, eine russische Puppe und zwei japanische. Darüber hängt ein Flügelhorn, mehrere Rahmen und Postkarten in einer der Ecken. Im Regal befinden sich blickdichte Apothekerflaschen, ein Fernstecher, lederne Schachteln und ein Ventilator aus Messing. Es sind Zeugnisse aus einer Welt, in der Sammlerlust und Entdeckergeist noch analog und beschwerlich waren. Doch die Relikte im Stile des 19. Jahrhunderts blitzen feinsäuberlich, sind entstaubt von Firnis und Geschichte. Sie sind ihre Nachahmung, und deshalb – wie Marx sagen würde – eine Farce. Erst auf der folgenden Seite, die das selbe Regal in Schräg- und Untersicht anbietet, wird klar, worum es geht. Um die Heimeligkeit rund um das neue Sofa “FÄRLÖV”, das um 759.-€ angeboten wird. Ikea flüchtet aus dem Alltag und bietet seinen in die Jahre gekommenen Kund/innen den Charme jener aristokratischen Bürgerlichkeit und gediegenen Übersättigung an, die sie durch Fichtenfurniere, Klappsessel und Billy einst so erfolgreich verdrängte.
Interessant ist, dass die konservative Wende von einer zweiten gedoppelt wird. Der deutsche Buchhandel reagierte prompt auf den jüngsten Katalog des schwedischen Möbelherstellers. Das Branchenmagazin “Buchreport” bemängelt, dass keine Bücher mehr in den Regalen stehen. In früheren Ausgaben wären noch “Pippi Langstrumpf” und andere Klassiker zu sehen gewesen, nun seien sie ausgeräumt. Das Buch im Interieur: perdu. Es sei, so heißt es, nur ein einziger lesender Mensch zu sehen, der wird jedoch von Büchern geradezu erschlagen. Tatsächlich liegt ein junger Mann auf einem Sofa. Neben ihm eine schlanke Lampe und gestapelte Lektüre. Sonst nichts. Keine Dinge im grauen Raum. Kein Bildschirm, kein Ipad, kein Wlan. Unschwer ist zu bemerken, dass der vollbärtige Studiosus unter seinem Buch eingenickt ist und dabei dem “Schlafenden Endymion” nachgebildet ist. Aber eine gute Schlagzeile gibt das Erschlagen-Werden immer noch ab. Und die braucht die Branche, immerhin hat man fast 20% der Kund/innen zwischen 2013 und 2017 verloren. Nicht an Ikea, aber an die digitale Welt und ihre neuen Medien. Das Motiv des grausigen Bibliophilentods, das der Buchhandel hier entdeckt, stammt – wie könnte es anders sein – aus der Literatur selbst. Der Roman “Howards End” spielt im selben Milieu wie neuerdings Ikea, nämlich im konservativ-verkrusteten viktorianischen England. Eine der Hauptfiguren wird in dem 1911 erschienenen Buch von einem Bücherregal erschlagen.
Bemerkenswerter als die kulturkonservative Besorgnis der Buchhändler scheint mir die Seite 253. Hier zeigen sich die Zeichen der Zeit. Das “ICH-STELL-DICH-ZUR-SCHAU-REGAL.” “IVAR” ist zwar noch in Kiefer und einfach zu bauen, mit insgesamt nur vier Regalböden und wenigen Schraublöchern. Aber sein Inhalt bringt die prekäre Gegenwart zur Kenntlichkeit. Nicht nur der Bücher, auch der Möbel. Im Bild ist ein Regal zu sehen, darin allerlei rosa eingefärbter Nippes. Daneben eine junge Frau in ähnlich farbigem Sweater. Der Schlick klebt der Schöpferin noch an den Händen. Sie hat die Dinge bravourös versiegelt. Die Selfmade-Strategie, das zweite Markenzeichen der Möbelfirma, ist im Zeitalter des Kopierens dennoch zur Farce verkümmert. Köpfe, Tiere, Kandelaber und Vasen sind aus dem 3D-Printer. Warum nicht auch das Regal, seine Schrauben und die Löcher?!

Was wäre, wenn … alle Grenzen offen wären?
8. JULI 2018
brand eins online, Christoph Koch
Seit September 2015 dominiert die Flüchtlingsdebatte die deutsche Politik. Kaum eine Wahlkampfrede, kaum eine Talkshow, die nicht irgendwann bei den immergleichen Fragen landet: Wie viele sollen kommen dürfen? Wie viele Zuwanderer verkraftet die Gesellschaft? Wann muss Schluss sein? Wie sichert die Europäische Union ihre Außengrenzen? Wenn so lange in eine Richtung gedacht wurde, sollte man die Frage vielleicht einmal umdrehen: Was wäre, wenn alle Menschen kommen könnten, die wollen? Wenn alle Grenzen offen wären?
Die erstaunlichste Folge wäre ein deutlich höherer Wohlstand für alle. Wirtschaftsforscher ermittelten in vier unterschiedlichen Studien, dass sich das weltweite Bruttoinlandsprodukt um einen Wert zwischen 67 und 147 Prozent erhöhen würde. Der Grund: Eine Arbeitskraft, die von einem armen Land in ein wohlhabendes zieht, entfaltet – unter anderem durch einen effizienteren Arbeitsmarkt sowie bessere Arbeitsbedingungen und Hilfsmittel – eine erheblich höhere Produktivität.
„Das führt sowohl in den Sender- als auch den Empfängerländern zu mehr Wohlstand“, sagt Klaus F. Zimmermann, emeritierter Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität Bonn. „Denn nicht nur transferieren Migranten Geld und Wissen in ihre alte Heimat – sehr viele kehren nach einer Weile auch wieder dorthin zurück.“
Je offener die Grenzen, desto häufiger sieht man diese „zirkuläre Migration“. Als die Grenze zwischen den USA und Mexiko in den Sechzigerjahren noch weniger streng geschützt wurde, kamen zwar 70 Millionen Mexikaner in die USA – 85 Prozent von ihnen kehrten aber wieder nach Mexiko zurück. Je schwieriger die Einreise, umso größer der Anreiz zu bleiben, wenn man es erst einmal geschafft hat.
Generell wird überschätzt, wie viele Menschen sich tatsächlich auf den Weg machen würden: Als die USA 1986 ihre Grenzen zu den Föderierten Staaten von Mikronesien öffneten, sagten viele Beobachter einen Massenexodus aus dem verarmten Inselstaat voraus. In den 14 Jahren bis zur Jahrtausendwende siedelten jedoch gerade mal sechs Prozent in die USA über, bis heute haben zwei Drittel der Mikronesier nicht von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, ohne Visum in die USA zu reisen – obwohl das Durchschnittseinkommen dort 20-mal so hoch ist. Innerhalb der EU kann man Ähnliches beobachten: „Das Wetter in Frankfurt ist furchtbar, und kaum jemand spricht Griechisch“ – so lakonisch erklärt der »Economist« die Tatsache, dass zwischen 2010 und 2017 trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage nur 150 000 von elf Millionen Griechen nach Deutschland kamen.
Das Marktforschungsinstitut Gallup fragt regelmäßig weltweit, ob und wohin die Menschen auswandern würden, wenn sie könnten. Aktuell gaben dabei 14 Prozent an, gern dauerhaft in einem anderen Land leben zu wollen. Das entspricht ungefähr 710 Millionen Migrationswilligen, der Anteil war mit 17 Prozent vor rund 10 Jahren schon einmal höher. Sierra Leone (62 Prozent), Haiti und Albanien (jeweils 56 Prozent) sind die Länder, aus denen die meisten Befragten wegwollen. Rund ein Fünftel der Migrationswilligen möchte in die USA. Deutschland (6 Prozent) und Kanada (5 Prozent) folgen mit großem Abstand. Wie viele Menschen diese Absicht tatsächlich umsetzen würden, lässt sich schwer sagen. 97 Prozent der Weltbevölkerung leben in dem Land, in dem sie geboren wurden – eine Zahl, die seit mehr als 100 Jahren konstant ist.
Wie wirken sich offene Grenzen auf den Arbeitsmarkt aus? Der Ökonom Michael A. Clemens, der in Washington D.C. am Center for Global Development die Abteilung für Migration und Entwicklung leitet, hat errechnet, dass beispielsweise in der US-Landwirtschaft im Durchschnitt drei Saisonarbeitskräfte aus Mexiko einen amerikanischen Arbeitsplatz schaffen – sei es direkt als Vorarbeiter oder indirekt durch ihren eigenen Konsum. „Der Arbeitsmarkt ist nichts Statisches, keine Fußballmannschaft mit nur elf Positionen“, sagt auch Klaus F. Zimmermann. „Viele Zuwanderer schaffen sich ihre eigenen Stellen oder bringen durch Unternehmensgründungen sogar Jobs für andere hervor.“
Auch die Angst vor sinkenden Löhnen ist unbegründet: Selbst die migrationskritische US-Denkfabrik Center for Immigration Studies fand keinen Beleg dafür, dass eine zunehmende Zahl von Migranten das Lohnniveau beeinflusst. Andere Studien kommen sogar zu dem Ergebnis, dass Einwanderer – im Gegensatz zum Outsourcing von Arbeit ins Ausland – die Löhne leicht positiv beeinflussen. „Wenn auf einen Schlag sehr viele Menschen in eine bestimmte Region einwandern, kann die Gruppe, die sich in direkter Arbeitsmarktkonkurrenz befindet, zeitweilig unter Druck geraten“, sagt Zimmermann. „Aber häufig steigen die Einheimischen dann die Leiter nach oben und nehmen besser qualifizierte und besser bezahlte Jobs an.“
Was offene Grenzen für die öffentliche Sicherheit bedeuten, ist schwierig vorherzusagen: In den USA begehen Migranten weniger Verbrechen und landen fünfmal seltener im Gefängnis als US-Amerikaner. Selbst als die Zahl der Einwanderer ohne Papiere sich zwischen den Jahren 1990 und 2013 auf mehr als elf Millionen verdreifachte, sank die Kriminalität. In Deutschland hat die Kriminalstatistik gezeigt, dass gegen noch nicht anerkannte Flüchtlinge häufiger Strafanzeige erstattet wird als gegen die Durchschnittsbevölkerung. Allerdings werden junge Männer generell häufiger straffällig als der Rest der Bevölkerung – und je schwieriger die Einreise, umso höher der Anteil junger Männer an den Migranten. Bei offenen Grenzen würden sich mehr Frauen, denen Gutachten eine „gewaltpräventive, zivilisierende Wirkung“ zuschreiben, auf den Weg machen.
Am Ende könnten offene Grenzen aber sogar ein Rezept gegen die globale Überbevölkerung sein: Statistiken zeigen, dass sich die Geburtenrate von Einwanderern sehr schnell auf das Niveau ihres neuen Heimatlandes einpendelt. Bekamen die türkischstämmigen Bewohner Duisburgs in den Achtzigerjahren noch mehr Kinder als die alteingesessene Durchschnittsfamilie, so ist die Geburtenrate zur Jahrtausendwende stark abgefallen und liegt inzwischen sogar unter der deutschen. —

„Die Medien haben Kurz mitgemacht“ Sprachforscherin Ruth Wodak über Sebastian Kurz’ Spiel mit den Medien, die Doppelstrategie der FPÖ und die neue Schamlosigkeit in der Politik
31. JANUAR 2018
Ruth Wodak zählt zu den wichtigsten Sprachwissenschaftlerinnen Österreichs und erforschte unter anderem die Rhetorik der Rechtspopulisten. Der Falter bat die Linguistin zum Gespräch, um auf das Jahr 2017 zurückzublicken, in dem Populisten in den USA und in Österreich die Macht ergriffen.
Falter: Frau Wodak, ÖVP und FPÖ bestimmten den Wahlkampf und sitzen jetzt gemeinsam in der Regierung. Warum konnten die anderen Parteien mit ihren Themen nicht zu den Wählern durchdringen?
Ruth Wodak: Weil das Flüchtlingsthema seit 2015 alles dominiert. Ich habe mit meinen Mitarbeitern die Zeit vom Beginn der Debatte bis zum Beschluss der Obergrenze genau analysiert. Die FPÖ wollte schon damals Grenzen schließen und die „Heimat schützen“. Die ÖVP schwenkte Ende September 2015 auf den Kurs der FPÖ um.
Falter: Welche Stimmung gab es davor im Land?
Wodak: Es hatte davor einige Wochen des Mitleids und der Entrüstung gegeben. Die Medien brachten das Bild des toten Flüchtlingskindes Aylan, der in der Türkei angeschwemmt wurde, und berichteten über Parndorf, wo 71 Flüchtlinge im Lastwagen erstickt waren. Die Flüchtlinge wurden damals als arme Verfolgte dargestellt.
Falter: Wie änderte sich das?
Wodak: Die Rechtspopulisten definierten Flüchtlinge zu „illegalen Migranten“ um, also Menschen, die sozusagen Betrüger sind, und propagierten das Bild der dunklen, jungen Männer, die „unsere“ Frauen bedrohen. Dieses Bild von den „potenziellen Sozialschmarotzern“ und „gefährlichen Männern“ blieb bis zum Wahlkampf bestimmend.
Falter: Was passiert, wenn man Menschen plötzlich anders bezeichnet?
Wodak: Bezeichnungen bestimmen Bedeutungen mit. Je nachdem, wie man etwas bezeichnet, schafft man eine andere Bedeutung. Es macht einen großen Unterschied in der Wahrnehmung, ob ich Menschen, die vor Tod, Krieg und Folter flüchten, als Flüchtlinge bezeichne. Oder ob ich sie als illegale Migranten oder Wirtschaftsmigranten bezeichne und ihnen damit auch den rechtlichen Flüchtlingsstatus abspreche. Wenn das oft genug wiederholt und von den Medien propagiert wird, dann verfestigt sich dieses Bild kollektiv. Es diffundiert in die Öffentlichkeit in der Bedeutung illegaler, ungebetener Migranten, die sich nach Österreich hineinschwindeln, weil hier die Sozialleistungen so hoch sind.
Falter: Als Wendepunkte gelten die Bilder vom Grenzübertritt in Spielfeld und die Vorfälle rund um die Silvesternacht in Köln. Was haben Sie in Ihrer Medienanalyse herausgefunden?
Wodak: Die Dominanz des Themas in der Medienberichterstattung war total. Schon nach den Berichten des überfüllten Lagers in Traiskirchen im Mai 2015 beginnt ein Meinungsumschwung, der sich im September steigerte. Der Boulevard war bald davon überzeugt, Österreich werde überrannt und es gebe eine Invasion; er setzte die Flüchtlingsbewegung mit Naturkatastrophen wie Tsunamis gleich. Das ist übrigens nicht neu. Als der Eiserne Vorhang 1989 gefallen ist, waren die Bilder ziemlich ident.
Falter: Was passiert dadurch?
Wodak: Man sieht nur noch eine gesichtslose Masse, die Flüchtlinge werden entindividualisiert. Man redet nicht mehr von Menschen, sondern von einem Phänomen wie einer Flutwelle. Und es passiert eine Opfer-Täter-Umkehr: Die Opfer – diese Menschen, die mit Nylonsackerln und Schlapfen angekommen sind – werden als immens bedrohliche Täter dargestellt. Sie bedrohen, so wird berichtet, die Einheimischen aus Österreich. Damit wird Angst ausgelöst.
Falter: Die Stimmung schlug sich heuer bei den Wahlen nieder. Wer heizte sie zuerst an: Politiker oder Journalisten?
Wodak: Das ist ein Henne-Ei-Problem. Die Forschung belegt jedenfalls, dass rechtspopulistische Parteien häufig eine Strategie der Provokation fahren. Da wird ganz bewusst und strategisch ein Aufreger gesetzt – oft als Ablenkung von einem anderen Problem, das sonst eher die Medien befassen könnte.
Falter: Die FPÖ Niederösterreich bezeichnet im Landtagswahlkampf die ÖVP- Spitzenkandidatin als „Moslem-Mama“ und stellt sie mit Kopftuch dar, um Stimmung zu machen.
Wodak: Diese Metaphorik besitzt Momente der Diffamierung. „Mama“ impliziert, sie beschütze Muslime. Das Kopftuch symbolisiert die Unterdrückung von Frauen im Islam. Dies ist natürlich eine Provokation. Gleichzeitig will die FPÖ auf Bundesebene als staatstragende Partei auftreten. Da macht sich Fremdenfeindlichkeit nicht so gut. Die FPÖ fährt also einander widersprechende Parallelaktionen. Einerseits gibt es hochrangige FPÖ-Funktionäre, die während der Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP höchst freundschaftlich kommunizieren. Andererseits ist Wahlkampf in Niederösterreich, wo beide Parteien einander bekämpfen, weil es um Stimmen geht.
Falter: Sie haben die Rhetorik der Rechtspopulisten untersucht. Würden Sie Kurz auch dazuzählen?
Wodak: Er marschiert in Richtung Rechtspopulismus, denn die Kurz’sche ÖVP hat bestimmte traditionelle Merkmale der ÖVP aufgegeben und Charakteristika rechtspopulistischer Parteien angenommen, wie die Betonung des Grenzschutzes, den Stopp der „illegalen Migration“, die Verschärfung von Asyl. Ebenso die Law-and-Order-Ausrichtung und starke Hierarchisierung innerhalb der Partei. Ein Wohlfahrtschauvinismus ist im Kurz’schen Programm verankert, die Bildungs- und Geschlechterpolitik wirkt rückwärtsgewandt.
Falter: Was trennt ihn noch von einem Rechtspopulisten?
Wodak: Der Nationalismus ist nicht nativistisch geprägt, geschichtsrevisionistische Narrative fehlen bislang, die Position zu Europa ist positiv, wenn auch skeptisch. Aber eine Orbánisierung Österreichs liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Auch Orbán war schließlich einmal ein Liberaler.
Falter: Warum war Kurz so erfolgreich?
Wodak: Der Topos der Veränderung hat im Wahlkampf eine große Rolle gespielt und wurde medial unreflektiert übernommen, obwohl Kurz schon sechs Jahre Regierungsmitglied war. Eine Änderung wurde stark propagiert, ohne diese genauer zu spezifizieren. Durch eine perfekte Inszenierung gelang ein Neu-Branding, eine neue Marke – mit neuer Farbe und der Überschrift „Veränderung“. Die ÖVP erschien plötzlich neu, jung, strahlend.
Falter: Welche Rolle spielten die Medien bei seinem Aufstieg?
Wodak: Die Medien haben Kurz mitgemacht – mit ganz wenigen Ausnahmen. Sie wurden von diesem jungen Mann regelrecht fasziniert. Er inszenierte das sehr geschickt, ließ die Medien immer wieder zappeln, indem er sie mit ständiger Erwartungshaltung gefüttert hat, etwa beim Wahlprogramm auf Raten.
Falter: Das erinnert an Netflix-Serien, in denen jede Folge mit einem Cliffhanger endet, damit man die nächste unbedingt sehen will.
Wodak: Ja, die Erwartungshaltungen wurden strategisch geplant, wie sie bei TV-Soaps inhärent sind. Viele Journalisten sind in eine Falle hineingetapst und solchen Cliffhangers Tag für Tag fast obsessiv nachgestolpert. Dieser Quasi-Aktionismus hat alle erfasst – auch die Oppositionsparteien und den Koalitionspartner. Vielleicht nicht zufällig gerade zu jenem Zeitpunkt, als der Eurofighter-Ausschuss für die ÖVP unangenehme Themen aufgewirbelt hätte. Ähnliches passiert in den USA. Dort warten Journalisten andauernd, ob Trump wieder etwas twittert, anstatt etwa zu recherchieren, ob er vielleicht damit von wichtigen Themen ablenkt.
Falter: Bald jährt sich Trumps Angelobung. Wie hat er die Politik verändert?
Wodak: Momentan sprechen viele vom postfaktischen Zeitalter – wo wir mit unterschiedlichen Wahrheiten konfrontiert sind und Fakten zu Meinungen werden. Aber Lügen und Unwahrheiten hat es in der Politik schon immer gegeben. Deshalb bezeichne ich unsere Zeit lieber als „post-shame era“ – wir leben, so meine ich, im Zeitalter der Schamlosigkeit. Es werden schamlose Lügen in die Welt gesetzt, schamlos Menschen beleidigt, ohne negative Sanktionen, ja sogar ohne Entschuldigungen.
Falter: Haben Sie ein Beispiel dafür?
Wodak: Während der Brexit-Kampagne erklärten Brexit-Befürworter, Großbritannien zahle wöchentlich 350 Millionen Pfund an die EU. Käme es zum Brexit, würde man das Geld behalten und in die britische Gesundheitsinstitution NHS investieren können. Das war eine schamlose Lüge. Nichts stimmte. Weder die Summe, noch dass man das Geld zurückerhalten würde, noch dass es in den NHS investiert würde. Boris Johnson und Michael Gove mussten sich nicht für diese Unwahrheiten entschuldigen.
Falter: Sie haben sogar Karriere gemacht.
Wodak: Ja, sie sind damit durchgekommen, Boris Johnson ist sogar nun Außenminister. Bei Trump ist das noch offensichtlicher. Seine Präsidentschaft begann mit den „alternative facts“, dass etwa wesentlich mehr Leute zu seiner Angelobung erschienen waren als bei Obama – obwohl jeder die Bilder vergleichen konnte. Er hat das nie zurückgezogen. Und seine Beleidigungen, seine schändlichen Sexismen haben nicht aufgehört. Trump sagte im Wahlkampf, er könnte sogar jemanden in New York umbringen und es würde ihm nichts passieren. Das meine ich mit dem Zeitalter der Schamlosigkeit.
Falter: Warum ist das heute möglich?
Wodak: Ich kann nur Hypothesen aufstellen, beispielsweise, dass durch Social Media Echokammern entstehen, in denen wir keine anderen Realitäten mehr wahrnehmen und sich jeder nur noch bestätigt fühlt. Das kann zu einer totalen Verblendung führen.
Falter: Sehen Sie das Zeitalter der Schamlosigkeit auch in der österreichischen Politik?
Wodak: Ja, denken Sie an den Präsidentschaftswahlkampf 2016 zurück. Da wurde Van der Bellen diffamiert, er habe Nazi-Eltern oder sei schwer krank. Da behauptete Norbert Hofer, neben ihm auf dem Tempelberg in Jerusalem sei eine Terroristin erschossen worden, die mit Handgranaten und Maschinengewehr bewaffnet gewesen sei. ORF-Journalisten fanden heraus: Am Tempelberg war nichts geschehen. Ein ganz anderer Vorfall hatte unten bei der Klagemauer stattgefunden. Die Angreiferin war nicht neben ihm, außerdem keine Terroristin, sondern eine orthodoxe Jüdin, die nicht auf Stop-Rufe der Polizei reagierte. Sie war unbewaffnet, erschossen wurde sie auch nicht, sondern angeschossen. Die Geschichte war also erfunden. Trotzdem ist es Hofer gelungen, sich als Opfer von ORF-Journalisten darzustellen, die daraufhin in Postings infam angegriffen wurden. Wird die Opferrolle oft genug wiederholt, glauben viele: Der ORF ist generell gegen die FPÖ eingestellt, Medien werden dann zur „Lügenpresse“ gestempelt. Dieser Mechanismus wird leicht losgetreten.
Falter: Hofer hat sich auch nicht entschuldigt. Heute sitzt er in der Regierung.
Wodak: Deshalb finde ich die Bezeichnung „Zeitalter der Schamlosigkeit“ besser, weil man sich nicht einmal mehr geniert, Unwahrheiten zu behaupten. Man kommt ohne Entschuldigung davon und muss eben auch nichts befürchten. Der Karriere scheint dies nicht zu schaden.
Zur Person
Ruth Wodak67, ist Distinguished Professor for Discourse Studies an der renommierten Lancaster University. 1996 erhielt sie als erste Frau und Sozialwissenschaftlerin den Wittgenstein-Preis für Spitzenforscher. Sie ist Mitglied der Academia Europaea und der British Academy of Social Sciences. Ihr Buch „Politik mit der Angst“ wurde heuer zum Wissenschaftsbuch des Jahres in der Kategorie Geisteswissenschaft gekürt.

Casey Kasem
2. JANUAR 2018
Kemal Amin „Casey“ Kasem (April 27, 1932 – June 15, 2014) was an American disc jockey, music historian, radio personality, voice actor, and actor, known for being the host of several music radio countdown programs, most notably American Top 40, from 1970 until his retirement in 2009, and for providing the voice of Norville „Shaggy“ Rogers in the Scooby-Doo franchise from 1969 to 1997, and again from 2002 until 2009.